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Sonntag, 28. Oktober 2018

Scott Matthew & Rodrigo Leão, Dresden, 04.10.17

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Konzert: Scott Matthew & Rodrigo Leão
Ort: Societätstheater Dresden
Datum: 4. Oktober 2017
Dauer: 90 min
Zuschauer: etwa 100


Zuweilen kann ich nicht anders als Ratschläge, die ich anderen gebe, auch selbst anzunehmen. Diesmal folgte ich zum Beispiel der Einladung ins Societätstheater nach Dresden um den Tourauftakt von Scott Matthew & Rodrigo Leão dort zu erleben (obwohl es auch ein Konzert in Karlsruhe geben würde). Es gab dafür gute Gründe: Ich mag den intimen, kleinen Saal, an dem ich schon so schöne Konzerte erlebt habe. Und ich erwartete mir an einem Ort, der schon fast eine zweite Heimat von Scott in Deutschland geworden ist, eine ganz besonders intensive Atmosphäre. 


Die erste Beobachtung beim Eintreffen im Saal war: Wie erwartet war die Bühne voller Instrumente, denn auf dieser Tour reist ja das Ensemble von Rodrigo Leão mit - und zwar João Eleutério (Gitarre und Bass), Marco Alves (Posaune und Glockenspiel), Viviena Tupikova (Geige und Tasten) und der blutjunge Frederico Gracias (Schlagzeug). Aber entgegen meiner Erwartung war gar kein Rotwein auf der Bühne. Mit meinem Sitznachbarn kamen wir überein: Den würden die Musiker wohl noch mitbringen... Aber damit lagen wir falsch. Tatsächlich war dies mein erstes Scott Matthew Konzert ohne Rotwein auf der Bühne... 
 


Eine besondere Stimmung, ja hoch gespannte Erwartung, lag schon vor Beginn in der Luft und wurde vom Ensemble auf der Bühne erspürt und bedient und sicherlich durch Scotts Jetlagverfassung noch gesteigert, in der sich alles ein wenig fremd und ungewohnt für ihn anfühlte. Er ist ja ohnhin eine kleine Rampensau und Dresden ist für ihn ein gutes und heimatliches Pflaster.


Der Abend begann mit einem Instrumental der Portugiesen, das mit sehr getragenem Piano begann, um sich dann zu steigern. Spätestens beim Einsatz der Posaune hatte das Schiff schon ordentlich Fahrt aufgenommen. Etwas später musizierten die beiden Sänger The Child als ein inniges Duo und hatte für mich eine etwas lustigen Reibung zum vorherigen Titel Enemies
 


Scott nahm anschließend für The Fallen die akustische Gitarre zur Hand für die nächsten drei Titel. Ein wenig bediente das das Klischee eines Singer/Songwriters. Und z.B. Nothings wrong hatte auch einen "we shall overcome"- siegesgewissen Optimismus. Aber es wäre nicht Scott Matthew wenn das nicht im nächsten Moment gebrochen oder vom Schalk verlacht würde. Anschließend gab es eine kurze Pause für Scott und zwei instrumentale Stücke der Portugiesen.


In the end sah Scott wieder auf der Bühne und inzwischen war die Temperatur im Raum so gestiegen, dass er seine Jacke ausziehen musste. Nach Unnatural disaster durfte die Band eine kleine Pause machen für zwei Solo-Cover-Versionen, nämlich Smile und ein Song für den guten Geist des Hauses - Ina: I wanna dance. Das war ihm anscheinend so wichtig, dass er sich unter Streß setzte und es in einem einzigen großen fuck-up endete. Um den Song zu retten, mussten wir alle mitsingen. Für mich DER Moment des Abends, der mir wohl noch lange und wärmend in Erinnerung bleiben wird.


Dann hatte Scott wieder eine Pause und die Band übertraf sich selbst in einem sehr witzigen halb besoffen hingerotztem Stück: A Estrada und dem feurigen  A Comédia de Deus mit vielen Tempowechseln. Scott legte schließlich nach mit einem beschwörendes Death defying und einem wahren Glücksbad in Life is long. Das wäre meiner Meinung nach ein tolles Finale und passender Schlußpunkt gewesen, aber das Publikum wollte natürlich mehr.

Für die Zugabe ausgewählt wurde zunächst ein Instrumental und dann das altehrwürdige Gänsehautstück Abandoned. Ein Abend, der die Reise nach Dresden wert gewesen war, ging damit wunderbar zu Ende.



Setlist:
01: Intro
02: Enemies
03: The Child
04: The Fallen
05: Nothings wrong
06: That's life
07: Empty room
08: Muv
09: In the end
10: Unnatural disaster
11: Smile (Charly Chaplin)
12: I wanna dance (Whitney Houston)
13: A estrada
14: A Comédia de Deus
15: Terrible Dawn
16: Death Defying
17: Life is long

18: As Ilhas dos Açores  (Z)
19: Abandoned (Z)


Tour 2017:
4.10. Dresden, Societaetstheater
5.10. München, Kammerspiele
6.10. Karlsruhe, Tollhaus
7.10. Aachen, Musikbunker
8.10. Luxemburg, Philharmonie


Aus unserem Archiv:
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Scott Matthew, New Fall Festival 2018, Düsseldorf, 25.10.2018

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Konzert: Scott Matthew
Ort: Johanneskirche, New Fall Festival
Datum: 25. 10. 2018
Dauer: ca. 85min
Zuschauer: ca. 450



Die diesjährige Ausgabe des New Fall Festivals beginnt, wie bereits in den Vorjahren, für mich in einem Gotteshaus. Die Johanneskirche strahlt am frühen Abend im herbstlichen Glanz und bietet den perfekten Rahmen für das Motto des Festivals: "Beautiful music in beautiful places".

Klaus Fiehe bezeichnete das alljährliche Wochenende in Düsseldorf  in seiner Anmoderation als "Kaminzimmer" unter den Festivals. Treffender kann man es nicht bezeichnen.

Zu erwarten war an diesem ersten Abend dann auch herbstliche Stimmung in Moll. Die Alben von Scott Matthew sind keine leichte Kost, auf der Bühne erweist er sich aber immer wieder als toller Musiker und auch Entertainer mit viel Witz und Rotwein. 



Als Band begleitet ihn heute Abend eine kleine Truppe, bestehend aus Keyboard, Gitarre/Ukulele und einem Cello. Nach dem Start mit "Happy End" und dem schönen "End of Days" folgt mit "The Deserter" gleich mein Lieblingslied des neuen Albums. Vielleicht etwas zu früh im Set platziert, denn er Song hat wirklich Potential.

Matthew jedenfalls ist bester Laune, scherzt zwischen fast jedem Lied, betont lachend, der nächste Song sei nicht traurig und kann damit nur den Text meinen. Langweilig wird es aber trotzdem nie, dazu ist viel zu viel Abwechslung in seinem Werk. 



Besonders die bei ihm immer schon präsenten Cover lockern den Set immer wieder gekonnt auf. Auch wenn ich "Do you really want to hurt me" schon immer hasste, hier macht es Sinn. Sogar mitsingen ist bei Scott Matthew möglich, allerdings auch nur beim Cover von W. Houston. 

Dazwischen immer wieder intensive Versionen seines eigenen Werkes, besonders "Santarem" wirkt gewaltig und großartig. Bester Song des Abends bleibt aber dann vielleicht doch eine weitere Coverversion. So wie Matthew "Annie`s Song" von John Denver interpretiert, hat man den Song noch nie gehört. 

Der Text steht klar vor einem, der Song wirkt skelettiert und glänzt so in seiner Klasse noch mehr. Mit einem beschwingten "Harvest Moon" geht dann der Abend dahin.



Die Johanneskirche war wieder einmal der perfekte "beautiful place" für diese Art der modernen Kammermusik.  Ein großes Kaminzimmer mit herbstlichem Glanz.      

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Freitag, 17. Juli 2015

Scott Matthew, Karlsruhe, 15.07.15

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Konzert: Scott Matthew (Trio)
Ort: Zeltival am Tollhaus in Karlsruhe
Datum:  15. Juli 2015
Dauer: 100 min
Zuschauer:  etwa 150


Über Scott Matthew hatte ich lange nur gelesen und beim reinhören nicht das Gefühl gehabt, dass die Musik wirklich für mich ist: Alles zu weinerlich. Ich hatte dann das Glück, dass mir ein ganz besonderes Konzert mit diesem Troubadour zwischen die Beine kullerte. Beim Orange Blossom Special im Jahr 2012 war ein Slot kurzfristig frei geworden und als Glitterhouse Künstler ergriff Scott diese sich bietende Gelegenheit in seiner ganz eigenen Art. Sehr unernst und spaßig und doch zugleich innig bot er uns Versionen von Liedern der Popgeschichte, die Cover zu nennen zu kurz griffe, so sehr hatte er sie sich anverwandelt. Dazwischen erzählte er viel und angeregt und war wohl gerade dabei, sich davon zu erholen, dass er eben keine Stimme gehabt hatte und überhaupt mit der ganzen Musik aufhören hatte wollen.


In der Zeit seitdem - immerhin drei Jahre nun - wurde das Material dieses denkwürdigen Konzerts zunächst zum Coveralbum Unlearned (2013) geformt und  im Frühjahr 2015 steht sein neustes Album This here defeat in den Regalen, dessen Titelsong in einer ersten Version auch in Beverungen zu hören gewesen war. Insofern folgte ich der Einladung des Zeltivals zu einem Konzert mit Scott Matthew besonders neugierig. Wie würde ein ganzer Abend mit all der Melancholie sein und würde die Bühnenversion der Liederbastarde auch so liebenswürdig auf mich wirken?


Auf der Bühne wurde Scott Matthew unterstützt durch den langjährigen Partner - vor allem an Gitarre und Bass Jürgen Stark und einen ebenfalls bewährten Kollegen Sam Taylor meist an Cello, aber auch an Bass, Ukulele und Gitarre. Nachdem sie schon fast den ganzen April mit dem neuen Album durch Deutschland und Europa getourt waren, wurden noch einmal zwei Sommerkonzerte in Deutschland "nachgelegt" und ich fand, man merkte ihnen an, dass sie darauf sehr viel Lust hatten. Lust hatte auch das Publikum. Denn schon der sehr ruhige und sehnsuchtsvoller Auftakt mit wenig Ukulele und Satzgesang bei Soul to save ließ alle andächtig versinken und setzte die Stimmung für den ganzen Konzertabend.


Scott war immer wieder erfreut und gerührt über diese ihn tragende Aufmerksamkeit und den Beifall, die Zurufe aus dem Publikum. Für den Anfang hatte er vor allem Songs des aktuellen Albums, dann wanderte er ein bisschen durch die davor liegenden Alben und gegen Ende verdichteten sich die Cover. Ganz unverstellt und unüberarbeitet bot sich freilich der Künstler dabei, immer ganz bei sich selbst und dem Moment verpflichtet und sicher macht das seine große Stärke im Liveerlebnis aus.


Die Essenz dessen für mich war schließlich die erste Zugabe - Annie's Song - sicher nicht nur für mich  der Moment des Abends. In aller Dunkelheit des Liedes zugleich so vieles, das einem selbst Licht ins Herz senkt und tief beseelt und dankbar macht. Eigentlich durch nichts mehr zu überbieten. Aber unter dem Eindruck der aktuellen Nachrichten des Tages (*) war Into my arms - ohnehin eines meiner liebsten Lieder überhaupt - nicht nur grandios sondern auch ein Versuch der Versöhnung mit der Tatsache, dass uns das Leben manchmal ganz schöne Brocken in den Weg wirft und der Tod uns mitten im Leben erwartet.


Diesen Gedanken weiter spinnend setzte In the end vom Debütalbum (so wie Upside down und Abandoned) einen würdigen Schlusspunkt unter dieses so überaus starke Finale: 
  As your last breath begins/Contently take it in
  Cause we all get it in /The end


Setlist:
01: Soul to save
02: Effigy
03: The wonder of falling in love
04: Constant
05: This here defeat
06: Here we go again
07: I wanna dance with somebody (Whitney Houston cover)
08: Duet
09: Friends and Foes
10: Language
11: German
12: L.O.V.E. (Dean Martin cover)
13: Smile (Charlie Chaplin cover)
14: Abandoned
15: Anarchy In The U.K. (Sex Pistols cover)
16: Upside down
17: Darklands (The Jesus and Mary chain cover)

18: Annie's song (John Denver cover, Z)
19: Into my arms (Nick Cave cover, Z)
20: In the end 


Tourdaten:
14.07.2015 - Lörrach - Stimmen Festival
15.07.2015 - Karlsruhe - Zeltfestival
25.07.2015 - Vasto - Siren Festival

04.12.2015 - Ebensee - Kino
05.12.2015 - Wien - W.U.K.
06.12.2015 - Dresden - Societaetstheater
11.12.2015 - Steyr - Roeda
12.12.2015 - Dornbirn - Spielboden
13.12.2015 - Berlin - Heimathafen Neukölln


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Donnerstag, 12. Dezember 2013

Scott Matthew, Stuttgart, 11.12.2013

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Konzert: Scott Matthew
Ort: Theaterhaus, Stuttgart
Datum: 11.12.2013
Dauer: 94 Minuten
Zuschauer: ca. 200-300


Alle Fotos: © David C. Oechsle
Andächtige Stille im Stuttgarter Theaterhaus; das Licht ist erloschen, vom Bühneneingang kann man in den ersten Reihen des kleinen Saals T2 ein deutliches Räuspern vernehmen, das sich in immer kürzeren Intervallen wiederholt. Der Australier Scott Matthew, der seit einigen Jahren im künstlerischen Wahl-Exil der internationalen Folk-Bohème New York zuhause ist, bringt sich in Stimmung. Könnte mir ein Künstler, der auf seinen bisherigen Alben exorbitant oft in die Kopfstimme verfiel, dessen aktuelle Veröffentlichung „Unlearned“ ausnahmslos aus Coversongs besteht, live gefallen? 

Der Stille folgt Applaus. Auf einem Barhocker nimmt Matthew Platz, strahlt in die ansteigenden Zuschauerreihen, stellt ein Glas Rotwein ab, greift zur Ukulele, während sich Jürgen Stark zu seiner Rechten an der Gitarre in Stellung bringt und sich auf der anderen Bühnenseite M. Eugene Lemcio zwischen Keyboards und Konzertflügel setzt. Gleich der erste Song wird als Cover angekündigt, ohnehin spiele man heute weitgehend Stücke anderer Interpreten. Er hoffe, sagt er, dies ginge für die Konzertbesucher in Ordnung. Nach jeder Ansage verfällt der charismatische Sänger in ein kindliches Kichern. 
Mit weinerlicher Stimme singt Scott Matthew „To Love Somebody“ vom Debütalbum der Bee Gees. Tatsächlich gelingt die Ehrerbietung an das Frühwerk der späteren Disco-Vorreiter gut. Pathos ist Trumpf in der musikalischen Welt des Scott Matthew, unerwiederte Liebe der große Indikator des lyrischen Schmerzes. Setzten die Bee Gees noch auf beschwingte Popmelodien, satte Streicher und ein wohl dosiertes Crescendo, schöpft Matthew aus dem Vollen, greift sich das traurige Liebeslied, legt sich mit fast schon naiver Inbrunst in jede Zeile. Die befürchtete Kopfstimme vermeidet er glücklicherweise, während er herzzerreißende Verse schmachtet: „I'm a man, can't you see / What I am / I live and breathe for you / But what good does it do / If I ain't got you, ain't got?“ Das tiefe, plakativ zelebrierte Leiden auf der Bühne ist Scott Matthews große Stärke. Wie Maximilian Hecker meistert der Australier diese enge Gradwanderung mit Bravour. Das erste Stück zementiert sein Können als Performer. Wo die Studioalben prätentiöse Konglomerate überproduzierter Trauersalven waren, besticht Matthew live mit natürlicher Bühnenpräsenz, sympathischer Ausstrahlung und glasklarem Gesang. Kein Lied könnte die Grundhaltung des Matthew'schen Auftritts deutlicher abbilden als jener Bee Gees Klassiker. 
 Die Neuinterpretation von „Total Contral“, einem The Motels-Song aus den 80ern, kann das Niveau nicht halten. Matthew nimmt das Stück zu ernst, scheitert an dieser Stelle am eigenen Anspruch. 
Dass er hingegen im eigenen Werk auch erstaunlich fröhliche Töne anstimmen kann, ist ihm wichtig zu betonen. „This song is about falling in love and I would consider this a happy song. Believe it or not I am capable of such emotions.“ Wunderschöne, beatles'eske Harmonien seiner Begleitmusiker verzaubern „The Wonder Of Falling In Love“, während Matthew selbst für einen Moment aus der weinerlichen Grundhaltung fällt, plötzlich wie der späte Paul Weller klingt, angenehm mit der Ukulele das gefällige Klavierspiel kontrastiert. 


Coverversionen von Neil-Young-Songs sind ein popmusikalischer Standard. Wenn es einem Künstler dennoch gelingt, mit einer besonders originellen Songauswahl oder einer preziösen Interpretation zu punkten, ist das außergewöhnlich – so geschehen zuletzt bei Konzerten von Okta Logue („Southern Man“) und Kashmir („Ambulance Blues“). Mit „Harvest Moon“ entschied sich Scott Matthew für eines der wenigen Stücke aus Youngs Œuvre, mit dem ich bis heute keinen Frieden schließen konnte. Mit Mundharmonika und Country-Klängen glückt es auch dem beim Beverunger Label Glitterhouse veröffentlichenden Künstler nicht, das mediokre Liedchen aus Youngs schwächster Phase zu veredeln. Anders als bei Charlie Chaplins „Smile“ nehme ich Matthew die Haltung nicht ab, kann ihn mir nicht im provinziellen Kontext dieser Landromanze vorstellen. 
Mit fortschreitendem Rotweingenuss, nimmt auch das immer hysterischere Kichern zu. Matthew hat sichtlich Spaß, als er seine Version von Whitney Houstons „Dance With Somebody“ ankündigt und die Zuschauer zum Mitsingen animiert: „If you sing along, you might see God.“ Wieder kichert er, die Menge folgt, die karnevaleske Komik steckt an. 
Zwischendurch, ja nahezu beiläufig, werden immer mal wieder eigene Lieder eingestreut, die stets wohltuende Abwechslung zur Hommage an andere Musiker bieten; „In The End“ und „Little Bird“ folgen direkt aufeinander, kommen gut an. Matthew scheint zufrieden, dass es auch mit Songs aus eigener Feder noch immer gelingt, das Publikum zu bannen. 


 Würdigungen der klassischen Songwriter- und Interpetenzunft, an Burt Bacharach oder Dean Martin, runden das Set ab, bevor ich mich ernsthaft frage, warum ich ausgerechnet im Saal T2 des Stuttgarter Theaterhauses immer wieder mit Coverversionen von John-Denver-Schlagern konfrontiert werde: Spielte Barry McGuire vor wenigen Monaten noch unsäglicherweise „Country Roads“, kündigt Matthew heute „Annie's Song“ an. Er covere hauptsächlich populäre Stücke, entschuldigt sich der bärtige Musiker mit den herunterbaumelnden Pipi-Langstrumpf-Zöpfen, als er hinzufügt, er habe sich immer für Songs entschieden, die sein Leben besonders prägten. „Annie's Song“ sei eines der liebsten Stücke seines Vaters, während er selbst hingegen in seiner Jugend in Punkbands spielte und die Sex Pistols hörte, deren „Anarchy in the U.K.“ er im direkten Anschluss als entschleunigte Piano-Ballade interpretiert. John Denver sei damals folglich ein Feindbild für den jungen Scott Matthew gewesen. „Irgendwann wurde ich zu meinem Vater, heute liebe ich das Lied aus so vielen Gründen“, Matthew kichert, „Annie's Song is so precious“
Die Familien der Musiker werden ab und an erwähnt, so seien die Eltern seines Gitarristen Jürgen Stark heute Abend im Theaterhaus; „that's not embarresing, it's beautiful.“ 
„Abandoned“, ein zartes, eigenes Lied, ist einer der schönsten Momente des Abends. Der unterschwellige politische Charakter verleiht dem letzten Song des regulären Sets zusätzliche Wirkung. Seit Jahren engagiert sich der homosexuelle Scott Matthew für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen, für ihn ist es Ehrensache sich für die Amnesty International-Gruppe queeramnesty einzusetzen, deren Arbeit er mit einer Spendenaktion auf seinen Konzerten unterstützt. „They do a great work. Especially in countries were I couldn't perform today like Russia or parts of Africa.“ 
Erst jetzt verfällt Matthew tatsächlich in den Kopfgesang, aber er fällt nicht übermäßig störend ins Gewicht. „Abandoned“ ist eine große Queer-Pop-Hymne, die Knabenstimme des Folk-Sängers kommt gebührend zur Geltung. Mit geradezu musicalesken Timbre überzeugt er mich. Der Applaus fällt frenetisch aus, mit stampfenden Füßen werden Zugaben gefordert. Matthew kehrt mit einem weiteren Glas Rotwein in der Hand zurück, um drei eigene Songs zu spielen. Dabei liefert er den klaren Beweis, dass ein Konzert mit mehr Liedern seines eigenen Backkatalogs vermutlich eindrucksvoller verlaufen wäre, Kopfstimme hin oder her. Dennoch spielt Matthew meine anfängliche Skepsis hinweg. Alben kaufen werde ich mir wohl nicht, Konzerte besuchen aber sicher. 
Zum Dank an das aufmerksame, begeisterungsfähige Publikum wird als dritte Zugabe ein neues Lied gespielt, das nicht auf der Setlist stand: „Here We Go Again“


Wieder verlassen die drei Musiker die Bühne. Zu guter letzt folgt eine überkandidelte Coverversion von „Love Will Tears Us Apart“, die Matthew als definitiv letzten Song des Abends ankündigt: „It's the last one, 'cause after it I literally pass out.“ Noch einmal herrscht tiefes Leid auf der Bühne, die Menge ist gerührt, Emotionen werden freigesetzt. 
Scott Matthew hat seine Mission erfüllt, jetzt kann er auch ein Bier an der Bar trinken. 



Setlist Scott Matthew, Stuttgart:

01: To Love Somebody (Bee Gees-Cover)
02: Total Control (The Motels-Cover)
03: The Wonder Of Falling In Love
04: Harvest Moon (Neil Young-Cover)
05: Smile (Charlie Chaplin-Cover)
06: I Wanna Dance With Somebody (Whitney Houston-Cover)
07: In The End
08: Little Bird
09: Jesse (Janis Ian-Cover)
10: L.O.V.E. (Dean Martin-Cover)
11: This Guy's In Love (Burt Bacharach-Song)
12: Annie's Song (John Denver-Cover)
13: Anarchy In The U.K. (Sex Pistols-Cover)
14: Abandoned 

15: White Horse (Z)
16: Friends And Foes (Z)
17: "Here We Go Again" (neu) (Z)

18: Love Will Tear Us Apart Again (Joy Division-Cover) (Z)


Montag, 4. Juni 2012

Scott Matthew, OBS Beverungen, 26.05.12

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Konzert: Scott Matthew

Ort: Beverungen, OBS 16
Datum: 26.05.2012

Zuhörer: etwa 1000

Dauer: 70 min

Bericht und Fotos von Gudrun aus Karlsruhe


Dass das Orange Blossom diese besonders familiäre Atmosphäre hat wurde vielleicht am deutlichsten am Auftritt von Scott Matthew?

Ein lupenreiner Troubadour mit Gitarre und einer Flasche Rotwein
hielt hier mit Schalk im Nacken und sichtlich entspannt Hof mitten am Tag. Er hatte den Slot sehr kurzfristig übernommen und angekündigt, daraus etwas besonderes zu machen, indem nur Cover-Versionen zu Gehör getragen werden sollten. Bemerkenswert war, in welcher Spannbreite dies geschah und wieviel Freude es ihm bereitete, uns die zum Teil bis zur absoluten Unkenntlichkeit verarbeiteten Songs zu präsentiern. Natürlich hatte selbst die heißeste Disco-Nummer den typischen touch, der ja auch durch die Instrumentierung vorgegeben ist. Aber da findet sich vielleicht auch so das eine oder andere dunkle und gut gehütete Geheimnis an früher Musikgeschmacksbildung verborgen für den der nachgraben möchte?

Zwischendurch gab es zu fast jedem Song eine Geschichte, eine Würdigung, eine Einordnung in die eigene Lebensgeschichte zwischen New York, Australien und dem Touralltag. Auch selbstironische Spiegelung an den Werken von Künstlern, die er sichtlich verehrt oder solchen, die man mal gegen den Strich bürsten möchte und es dann bei solcher Gelegenheit einfach tut. Wenn er im Eifer des Gefechts darüber stolpert, das Wort LOVE richtig zu buchstabieren und noch einmal ansetzen muss, wird dies souverän genutzt, sich erst recht das Publikum zum Komplizen zu machen.

Mit einer Geschichte über Liebeskummer wurde auch das einzige eigene Lied gerechtfertigt. Es sei so neu und er möchte es gern hier spielen. Sein Freund hätte ihn verlassen und sich erdreistet sich in seinem dicken französischem Akzent auch noch zu rechtfertigen: ''You will write such a nice song about that'' Und er war nicht einmal Franzose sondern ... Belgier!! Deshalb nun das Lied darüber, warum es kein Lied darüber geben wird. Für Neil Youngs harvest moon nahm er eine Mundharmonika um den Hals und gerierte sich wie der erste Mensch: "Wie machen das die Folk-Sänger nur, ich hab das noch nie gemacht, das verhängt sich ja bös in meinem Bart!"

Seinem Affen Zucker geben konnte er besonders im letzten Song, dem Rihanna cover, wo er genüsslich immer mal innehielt und sozusagen innerlich mit dem Kopf schütteln musste über den Text oder gar den Text schlüpfrig teilte: "I wanna make you beg for it, then im gonna make you swallow.... (your pride)"

Am Schluss der Stunde war die Rotweinflasche ordentlich geleert. Die Frage nach halb voll oder halb leer war somit gründlich vermieden worden. Ich war mit meiner ersten Begegnung sehr zufrieden und werde wohl weiter die Augen nach Konzerten mit dem freundlichen Bänkelsänger offen halten.

Setliste (ohne Zugaben):

Simon & Garfunkel: Kathy's song

Morissey: I won't share you
Bob Dylan (Olivia Newton-John): If not for you
Sex Pistols: Anarchy
The Divine Comedy: Eye of the needle
Neil Young: Harvest moon (mit Ukulele und Mundharmonika)
Simone White: Roses are not red
Whitney Houston: i wanna dance with somebody
Nat King Cole: Love was meant for me and you
Charlie Chaplin: Smile
Scott Matthew: I don't write a song
Rihanna: Like I'm the only girl in the world



Mittwoch, 12. Oktober 2011

Scott Matthew & Ladylike Lily, Paris, 10.10.11

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Konzert: Scott Matthew (Ladylike Lily)

Ort: Le Point Ephémère, Paris
Datum: 10.10.2011
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft, geschätzte 200
Konzertdauer: etwa 75 Minuten


Ich war Nutznießer. So nennt man das dann wohl. Weil mein Pariser Freund Pascal an diesem Montag zu The Duke Spirit ins Nouveau Casino getigert ist, war er dann so nett, mir seinen bei einem Gewinnspiel ergatterten Platz für das Konzert von Scott Matthew im Point FMR zu überlassen. Da ließ ich mich nicht zweimal bitten und nutzte die Gunst der Stunde.

Ich hatte richtig gehandelt, denn das Konzert erwies sich als sehr gelungen. Bei entspannter und feierlicher Atsmosphäre zelebrierte der junge New Yorker Bartträger seine fragilen Songs und begeisterte mit viel Gefühl, brüchig-sentimentaler Stimme und feiner Instrumentierung. Wie immer hauptsächlich auf der Ukulele zupfend, wurde er heute abend von zwei Mitmusikern an Piano und Cello wundervoll begleitet. Die drei Burschen spielten natürlich viele Stücke des aktuellen Albums Gallantry Favorite's Son, ließen aber auch nicht das Altwerk außer Betracht.

Die Stimmung war sehr gelöst, was möglicherweise auch am Rotweinkonsum von Scott gelegen haben mag. Der liebenswürdige Australier lachte viel und oft, betonte gleich mehrfach wie sehr er Paris liebe ("it's a special city, I thought about this show tonight for weeks now") und scheute auch nicht vor Selbstironie zuürck. Zu dem Stück Felicity meinte er einleitend: "this is the cheesiest song I ever wrote and it speaks about birthday too." Fast angewidert verzog er die Mundwinkel, spielte uns dann aber diesen sehr melodieseeligen Song mit hohem Wiederkennungswert. Es stimmte schon, das Lied war in der Tat etwas cheesy, aber wenn man ehrlich ist, spart ja Scott grunsätzlich nicht an Zucker und Schwülsteleien. Dies war bisher auch immer ein Grund, warum ich Scott Matthew nur in homöopathischen Dosen genießen konnte. Irgendwann wurde mir der Herzschmerz und das Geseufze einfach zuviel. Nicht so heute. Ich merkte einfach, wie aufrichtig und authentisch er bei der Sache ist, fühlte, daß seine in Musik gepackte Seelenpain nicht gekünstelt ist. Wobei er schelmisch in den langen Bart grinsend manchmal vorausschickte: "jetzt kommt ein sehr trauriges Lied, dabei fühle ich mich heute eigentlich überhaupt nicht traurig, ganz im Gegenteil."

Seine gute Laune übertrug sich auch auf das bunt durchgemischte Publikum (junge und etwas ältere Leute, gay oder straight, viele Pärchen), das vorbildlich leise zuhörte und nach den jeweiligen Stücken stürmisch applaudierte. Mir persönlich gefiel von diesen Stücken Sinking am besten, weil hier einfach am meisten Emotionen rüberkamen und alles wunderbar harmonisch zusammenpasste: Cello, Piano und der nahegehende Gesang von Scott. Auch der Text war sehr schön: "... all alone in the night I will suffer, I'll fight, that the truth is this dead wish is a prison..."



Froh war ich auch über das ältere Stück In The End (bekannt aus dem Film Shortbus), bei dem sich Scott ganz auf seinen Gesang konzentrierte und weder Ukulele noch Gitarre spielte. Er hauchte die Zeilen geradezu ins Mikro, greinte aber auch immer mal wieder und verstand es auf das Beste, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.



Er fühle sich nicht alleine gelassen sondern im Kreise von Freunden, meinte er schließlich während es Zugabenteils im Hinblick auf seinen Hit Abandoned und auch bei Community beschwor er den Kollektivgedanken, was keinswegs aufgesetzt sondern wahrhaftig klang.

Ein wundervolles Konzert also, in das die junge Französin Ladylike Lily gelungen eingeleitet hatte. Eine Mischung aus Mina Tindle, Soap & Skin, Marie Flore und Björk, so konnte man das Ganze musikalisch stark verkürzt zusammenfassen. Da ich lediglich zwei Lieder mitbekam (darunter mit Serenade ein Cover von Emiliana Torrini), muss ich mich auf diese Floskel und das Zitieren von Referenzen beschränken. Die Dame werde ich sicherlich noch einmal wiedersehen, sie ist noch sehr jung und hat Talent.



Setlist Scott Matthew, Le Point Ephémère, Paris:

01: The Wondering Of Falling

02: True Sting
03: Black Bird
04: Felicity
05: Duet
06: Sinking
07: Burried Alive
08: Upside Down
09: Seeling
10: Sweet Kiss In The Afterlife
11: Friends & Foes
12: In The Ende
13: No Place Called Hell

14: Abandoned
15: Only Girl (Rihanna Cover)
16: Little Bird
17: White Horse
18: Community



Montag, 3. Oktober 2011

Scott Matthew, Frankfurt, 01.10.11

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Konzert: Scott Matthew

Ort: Mousonturm, Frankfurt

Datum: 01.10.11
Zuschauer: bestuhlt, weniger als 100 Zuschauer

Konzertdauer: rund 70 Minuten

von Ursula von Neulich als ich dachte


Dank einer Verlosung von Markus Gardian hatten wir gestern Abend Gästelistenplätzefür ein Konzert des Australiers Scott Matthew. Ein Blick in den Veranstaltungskalender des Mousonturms zeigte, dass der Auftritt im Rahmen eines dreitägigen Festivalsnamens „Bodies of Babel“ stattfinden sollte, das sich mit der Darstellung von Köperlichkeit und Sexualität im Wandel der Zeit beschäftigte – mit Gästen wie zum Beispiel Peaches oder der ehemaligen Pornodarstellerin Sasha Grey.

Für den gestrigen Abschlussabend war vor dem Konzert der Film Flaming Creatures inklusive Vorstellung und Diskussion angesetzt gewesen. Nachdem der Film, der 1963 wegen mehr oder weniger expliziter Sexszenen wohl für gewaltige Skandale sorgte,heute wohl eher von filmhistorischem Interesse ist, aber sicherlich in sich selbst keine Unterhaltung bietet, kamen wir, so dachten wir, erst pünktlich zum Konzertteil des Abends. Stattdessen hatte sich der Zeitplan aber verschoben, und so landeten wir mitten in der Diskussionsrunde zu dem Film, den wir nicht gesehen hatten, und wurden Zeugen, begeistert-intellektueller und auch abgestoßener Statements. Man fühlte sich im wahrsten Sinne des Wortes wie im falschen Film.

Als wir schon zu zweifeln begannen, ob Scott Matthew überhaupt noch auftreten würde, wurde doch noch ein Schlusspunkt gesetzt. Die noch völlig leere Bühne wurde überraschend schnell mit Flügel, Saiteninstrumenten und Hockern bestückt, und etwa um viertel nach 10 begann der Konzertabend. Der Saal hatte sich gegenüber der sehr dünn besetzten Filmdiskussionsrunde nun auch leicht gefüllt, dennoch gab es reichlich leere Stühle. Mehr als hundert Zuschauer waren sicherlich nicht da.

Herr Matthew (vom Conferencier fälschlich als Matthews angekündigt) betrat gut gelaunt mit seinen Mitmusikern Sam Taylor (Gitarre und Cello) und Eugene Lemcio (Bass und Flügel) die Bühne und griff selbst zu Ukulele, Gitarre und Rotweinglas. Und sang natürlich.

„How did the porn discussion go?“ wurden wir gefragt und bekamen erklärt, dass die Band erst nachmittags aus Barcelona eingeflogen und ziemlich müde sei. Es sei aber schön, in Deutschland zu sein, weil Scott „ein bisschen Deutsch“ spreche, auf Spanisch jedoch nur „Gracias“ heraus bekäme. Weitere Proben der Sprachkenntnisse erfolgten jedoch nicht.

Zunächst wurden gleich sieben Titel des aktuellen Albums „Gallantry’s Favorite Son“ gespielt (insgesamt blieb nur ein Lied von diesem Album ungespielt).

Im Mittelteil überwogen dann sehr die traurigen Liebeslieder – laut Matthew waren es drei, irgendwie schienen es aus Zuhörersicht aber mehr zu sein. Dabei wirkte er gar nicht wie jemand, der allein traurig Liebeslieder schreibt, sondern eher wie ein Typ von Musiker, der normalerweise fröhlich flirtend mit dem Rotweinglas in der Hand von Party zu Party zieht. Vielleicht lebt er seine innere Traurigkeit ja nur musikalisch aus.

Der Song „Duet“ war tatsächlich eines (Sam Taylor sang und Matthew begleitete ihn), und bei „Upside Down“ bekamen wir endlich erklärt, was Scott Matthew eigentlich mit Nacktheit oder gar Pornographie zu tun hat, das seine Rolle als Festival-Abschluss-Act erklären würde: Nicht so viel, aber er hat einiges zum Soundtrack des recht sexlastigen Films Shortbus beigetragen, und dieses Lied gehört dazu.

Bei „Friends and Foe“ erklärte Matthew, es handele sich um das letzte Lied aus seinem zweiten Album, und das er es sehr gerne spiele. Mein Freund war der Meinung, dass er von dieser Platte ruhig mehr hätte bringen dürfen.

Vor dem letzten Lied „No Place like hell“ bekamen wir noch erklärt, dass es sich anders als beim Rest, der nur Gejammer über ihn selbst und die Liebe sei, um ein politisches Lied handele. Und schon waren wir im Zugabenteil (das immer wieder selbst nachgefüllte Rotweinglas wurde dabei übrigens mit hinter die Bühne und zurück genommen), in dessen Rahmen wir eine höchst überraschende Coverversion von Rihannas „Only Girl“ hören durften. Diese ist im Rahmen eines New Yorker Musikprojekts namens „Hit Parade“ entstanden, in dem Künstler aktuelle Top 10-Hits covern „müssen“. Und meine Güte, hat Rihanna schlechte Texte – wie Scott Matthew zunächst singend heraus arbeitete und auch zusätzlich feststellte.

Ich weiß nicht, ob mein zum Ende hin schwieriger werdender Kampf gegen den Schlaf von der Bühne aus bemerkt wurde. Möglich wäre es, denn Matthew kommentierte auch einige andere Vorgänge von der Bühne aus und erkannte anscheinend auch einige Gäste von früheren Auftritten wieder. Jedenfalls verkündete er irgendwann, dass es natürlich bereits spät sei, er werde aber so lange singen, wie Rotwein übrig sei. So ganz hat er sich an diese Aussage nicht gehalten, denn nach Rihanna war Schluss, obwohl auf der Setliste noch ein Song namens „No Surprises“ (vielleicht von Radiohead?) stand.

Durch die wenigen Musiker, die Abwesenheit von Percussion und die eher wenigen Zuschauer wirkte dieser Konzertabend sehr intim, und wenn die Künstler über die eher geringe Zuschauerzahl enttäuscht gewesen sein sollten, hat man es ihnen nicht angemerkt. Schließlich unterhielt sich Matthew, wieder mehr der fröhliche Entertainer als trauriger Troubadour, nach dem Konzert im Foyer des Mousonturms mit seinen Fans, das nachgefüllte Rotweinglas fest in der Hand.

Setliste:

The Wonder Of Falling
True Sting
Black Bird
Felicity
Duet
Sinking
Buried Alive
Upside Down
Seedling

Sweet Kiss In The Afterlife
Friends And Foes
In The End
No Place Called Hell

Abandoned
Only Girl (Rihanna Cover)

(No Surprises – nicht mehr gespielt)



Aus unserem Archiv:

Scott Matthew, Paris, 02.11.09
Scott Matthew, Köln, 30.05.09
Scott Matthew, Haldern, 09.08.08


Lesenswert: Bloggerpoet Das Klienicum zum Album Gallantry's Favorite Son, klick!



Sonntag, 31. Mai 2009

Scott Matthew (& Laura Barrett), Köln, 30.05.09

7 Kommentare

Konzert: Scott Matthew (& Laura Barrett)
Ort: KulturKirche Köln
Datum: 30.05.2009
Zuschauer: fast alle Sitzplätze besetzt
Dauer: Scott Matthew gut 90 min, Laura Barrett 35 min


Erst in den vergangenen Tagen hatte ich mich zum ersten Mal mit dem in Australien geborenen New Yorker Musiker Scott Matthew beschäftigt. Zuvor war mir der Musiker vor allem wegen des großen Hypes suspekt - und wegen seines Barts. Beim
Hören seines aktuellen Albums (mit dem oft zitierten Titel There Is An Ocean That Divides And With My Longing I Can Charge It With A Voltage Thats So Violent To Cross It Could Mean Death) wichen meine Zweifel aber schnell der üblichen Neugierde.

Der Beschluß in die KulturKirche zu fahren, war aber bereits vorher gefallen, denn auf Laura Barrett war ich sehr gespannt. Vor einiger Zeit wurde ich durch das wundervolle Robot ponies auf die Solokarriere der Kanadierin hingewiesen. Ich hatte Laura Barrett als Teil der Hidden Cameras vor einiger Zeit im Gloria gesehen. Damals spielte sie Keyboard.

In der KulturKirche sah allerdings nichts danach aus, daß Laura wirklich das Vorprogramm bestreiten sollte. Für vier Musiker war oben vor dem Altar "eingedeckt". Es stand zwar links ein Keyboard, aber auch das sah nicht aus, als wäre
es für eine Vorgruppe aufgebaut. Merkwürdig war nur ein Kasten, der an Scott Matthews Platz stand. Ich hatte die stille Hoffnung, daß er vielleicht eine Art modernes Grammophon sein könnte, um Laura noch irgendwie in dem Abend unterzubekommen, rechnete aber nicht mehr damit, bis Gemeindepfarrer Thomas Diederichs uns in seiner Kirche begrüßte und viel Spaß bei Scott Matthew und Laura Barrett wünschte.

Die Kanadierin erschien, ging zu dem Kasten und entnahm ihm einen kleinen Holzklotz, schloß ein Kabel an und spielte darauf. Das Holzteil entpuppte sich als Kalimba, der Kasten als Gefäß für eine ganze Sammlung dieser Daumenklaviere. Kalimbas klingen ein wenig wie Spieluhren und sehr viel wie
diese kleinen Kinderdingse, die Metallwalzen mit kleinen Erhöhungen haben und ein Lied spielen, wenn man den kleinen Arm dreht (den des Geräts natürlich!). Bedient werden die Instrumente wie ein Gameboy.

Laura begann mit einem Instrumentalstück, das bereits riesigen Applaus auslöste. Lachend und furchtbar sympathisch bedankte sie sich dafür. "Too kind, too kind. An der Art wie ich das Wort "out"
ausspreche, merkt ihr, daß ich aus Kanada komme. Ich bin froh hier zu sein, und ihr seht alle sehr gut aus. Vielleicht bekomme ich so am Ende standing ovations."

Allerhöchste Anerkennung hatten die Soundleute verdient! Daß die KulturKirche auch schrecklichen Klang erzeugen kann, haben wir schon mehrfach erlebt (Interpol, Asobi Seksu), ganz selten aber habe ich außerhalb eines klassischen Konzertsaals solch brillanten Ton erlebt! Nicht nur die Kalimba-Klänge, auch Lauras Gesang füllten die Kirche glasklar aus. Nach jedem Lied wurde der Applaus noch etwas lauter; während Laura eine neue Kalimba aus dem Kistchen nahm. Die Instrumente sind wohl immer auf eine Tonart gestimmt.

Mein Liebling des halbstündigen Sets war Robot ponies, das "Werbejingle" über ein Produkt, das es noch nicht gab, als sie dieses Stück schrieb. Mittlerweile kann man
für ein paar Tausend Dollar die niedlichen Tierchen kaufen.

Nach einer halben Stunde, sieben Liedern und vielen
sehr charmanten Ansagen ("das ist mein erster Auftritt dieser Tour, ihr bekommt oft noch 'super smiley' Versionen der Lieder"...) war der Auftritt eigentlich beendet. Aber irrer Beifall erforderte eine Zugabe. Und die sollte interaktiv sein. "Wer von euch hat eine existentielle Krise? Das Lied ist für dich!" Leider weiß ich nicht, wie das Stück hieß, es war nämlich sehr schön. Laura sang verschiedene Zuschauer an: "Ich versuche Augenkontakt herzustellen und sage euch, was ihr aus Eurem Leben machen sollt", um das mit einem Lachen und "Who am I?" zu quittieren. Niedlich!

Setlist Laura Barrett, KulturKirche Köln:

01: Stop giving your children standardized tests, part one
02: Wood between worlds
03: Senior & the Blob
04: Robot ponies
05: Ferryland
06: Consumption
07: Deception Island Optimists Club

08: ? (People are people are animals, too) (Z)

Weil Laura Barrett so wenig Platz und Material benötigt hatte, ging der Umbau auch erfrischend schnell über die Bühne (haha!). Es blieb gerade mal Zeit, an einer der
beiden Bars im Eingangsbereich der Kirche Getränke zu kaufen (Plastik-Kölschgläser sind sehr praktisch!), bevor Thomas Diederichs den Hauptact des Abends ankündigte.

Der vor 12 Jahren aus Australien ausgewanderte Scott hatte drei Musiker dabei. Rechts neben dem Zottelbartträger spielte der Brite Sam Taylor Cello und Gitarre, auf der anderen Seite Bassist Eugene Lemcio und Keyboarderin Marisol Limon Martinez. Scott sah nicht bloß durch seinen Bart rasputinesque aus. Auch das schwarze, hemdähnliche Gewand mit den vielen breiten Silberketten ließ ihn russisch oder griechisch aussehen. Seine Frisur paßte dazu perfekt. Damit wäre er auch beim gerade stattfindenden Wave & Gothic Treffen ganz weit vorne. A propos: vorne hatte Scott längere Haare, an denen er dauernd rumspielte; hinten und an der Seite waren sie ausrasiert.

Das Konzert begann mit Dog vom aktuellen Album (das mit dem kompakten Namen), im Anschluß folgten mit einer Unterbrechung alle weiteren Titel der Platte
in gemischter Reihenfolge. "Scott Matthew präsentiert auf seiner Europatournee seine neue CD", war also durchaus wörtlich zu verstehen!

Wie schon im Vorprogramm war der Klang der Musik berauschend gut! Jede Nuance der Stimme des Sängers hörte man klar und deutlich, die Instrumente
dazu perfekt abgemischt! Es war ein echtes Vergnügen!

Die Referenz Anthony And The Johnsons ist zwar nicht originell, aber eben auch nicht von der Hand zu weisen. Die Melodien sind artverwandt, die Arrangements
ebenso. Auch Scotts Stimme hat etwas ähnlich Herzerweichendes wie die von Anthony, auch wenn der Gesang des englischen Amerikaners sicher deutlich besonderer ist.

Auch jenseits der Musik ähnelten sich die beiden Künstler auf der Bühne. Scott Matthew ist sicher viel nahbarer aber auch eine Ecke jenseits von allem Irdischen. Seine sehr sympathischen Ansagen klangen geschauspielert, obwohl sie spontan waren. Scotts Tonlage und Sprachmelodie, das häufige Lachen sind hochunterhaltsam. Ganz am Anfang zum Beispiel sprach er über die KulturKirche als Auftrittsort. "It's a little
bit... scary!" Er habe ein wenig Angst, weil seine Texte nicht immer kirchentauglich seien (Laura hatte die gleichen Bedenken; wie einschüchternd doch Kirchen auch im 21. Jhd. noch sind!). "We'll see what happens! He he!"

Den Titelsong der Platte wollte er mit einer kurzen Geschichte erklären. "In New York City Miss
Marisol Limon Martinez...", dann deutete er auf die Keyboarderin, und erwartungsgemäß brandete lauter Applaus auf. "... and I", worauf wieder laut geklatscht wurde, von Scott überhaupt nicht erwartet: "oh no! It wasn't meant to clap! He, he, he! Ich bin doch narzisstischer, als ich dachte!"

Leider fehlte mir bei There is an ocean that divides der Sprechpart von Marisol Limon Martinez, der auf der Albumversion einen gewissen
Kick ausmacht. Vielleicht habe ich den nur überhört? Eher unwahrscheinlich, weil man alles hörte.

Entgegen meiner Erwartungen spielte Scott auch mehrfach Gitarre. Ich hatte die überall verbreitete Geschichte natürlich auch gelesen, daß der Musiker seit einer Verletzung der Hand nur noch Ukulele spiele. Die Gitarrenparts haben im Studio Kevin Divine und das ehemalige Bandmitglied von Morrissey Spencer Cobrin eingespielt. Aber Scott spielte eben auch einige Male eine große Gitarre, ohne irgendwelche für meine Laienaugen feststellbaren Einschränkungen.

Mir gefielen For Dick, There is an ocean..., Every traveled road
und Ornament im regulären Teil des Konzerts am besten. Ornament kündigte der New Yorker übrigens mit seiner ganz speziellen Art an: "Vielen Dank, daß wir hier in dieser Kirche sein dürfen. Alle waren so nett zu uns! ... And now a song about taking drugs!"

Und dann gab es nach dem Schlußlied die standing ovations! Und natürlich waren Zugaben eingeplant. Die erste davon noch ein eigenes Lied - Abandoned vom ersten, selbstbetitelten Album. "Und jetzt spielen wir ein paar Coversongs."

Der erste davon war gleich ein Knüller! I won't share you, das letzte Lied vom letzten Smiths Studioalbum Strangeways, Here We Come war perfekt gewählt, denn es könnte ein Scott Matthews Stück sein, klang aber auch so sehr nach Morrissey. Toll!

Auch Cover zwei war ungewöhnlich (denke ich, es war mein erstes Scott Matthew Konzert):
Help me make it through the night von Kris Kristofferson. Im Anschluß an diesen Klassiker - und nach erneutem Verlassen der Bühne - spielte die Band ein drittes und letztes geliehenes Lied, Harvest moon von Neil Young.

Aber dann wollte Scott auch noch ein eigenes Lied spielen und den Abend damit abschließen. Wie schon vorher rief jemand Abandoned als Wunsch rein. Jemand anderes wolle aber lieber
Upside down. Der Sänger wollte das demokratisch entscheiden lassen, das Publikum nicht, es wollte beide. Nach großem Lachen entschied sich Scott, dem Wunsch nachzukommen.

Musikalisch war der Abend extrem wertvoll! Sowohl Scott Matthew als auch Laura Barrett beeindruckten mich durch ihre großes Talent und ihre tollen Lieder! Zurecht wurden beide lange gefeiert. Um den Abend genauso zu feiern, fehlte mir aber irgendetwas. Vielleicht kenne ich Scott Matthews Werke einfach zu wenig. Vielleicht ist aber trotz aller Güte auch das Künstliche, Abgehobene mir etwas zu weltfremd.

Setlist Scott Matthew, KulturKirche Köln:

01: Dog
02: Community
03: For Dick
04: Every traveled road
05: Wolverine
06: Thistle
07: Little bird
08: There is an ocean that divides
09: German
10: White horse
11: Ornament
12: Friends and foes

13: Abandoned (Z)
14: I won't share you (The Smiths Cover) (Z)
15: Help me make it through the night (Kris Kristofferson Cover) (Z)

16: Harvest moon (Neil Young Cover) (Z)
17: In the end (Z)
18: Upside down (Z)

Links:

- Scott Matthew beim letzten Haldern-Festival
- mehr Fotos aus der KulturKirche



 

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