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Dienstag, 1. Dezember 2015

John Grant, Berlin, 26.11.15

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Konzert: John Grant
Ort: Postbahnhof in Berlin
Datum: 26. November 2015
Dauer:  95 min
Zuschauer: etwa 1000 



All die herrlichen Bilder sind von Markus.

John Grant ist ein musikalisches Schwergewicht. Trotzdem hatte ich vor diesem Abend meinen Fokus nie wirklich auf seine Musik gerichtet. Statt dessen war er am Rande meines Sichtfeldes mehrfach bedeutungsschwer vorbeigehuscht als überraschender Kollaborator. Und als eine Person, die selbstreflektiert und sympatisch redet. Ich musste nicht lange nachdenken, ob ich Lust hätte, mir ein Konzert von John Grant am Rande meines Berlinbesuches anzusehen. Auch wenn das Venue mit 1000 Leuten schon an der oberen Grenze meines eigenen Wohlfühlbereiches lag. Worauf ich mich schon im Vorfeld sehr freute war, dass ich dafür im erprobten Doppel mit Markus unterwegs sein würde und es deshalb endlich wieder einen Bericht mit seinen fantastischen Bilder geben würde.



Obenauf kam dann noch ein zufälliges Treffen mit Jana von Rockzoom, die ich bisher nur virtuell gekannt hatte. 

Der Postbahnhof war ausverkauft, aber es gelang uns noch gut bis ganz vor die Bühne zu gelangen und ich war im Verlauf des Abends sehr erfreut darüber, dass ich dort recht unbehelligt das Konzert ganz und gar genießen konnte. 

Es begann im Dunkeln mit einem vielsprachigen Text - fast wie eine Beschwörung oder ein Gebet. Diese Einleitung endete schließlich in einer Entladung mit ordentlich Lärm, was in meinem Kopfkino einen Flugzeugstart assoziierte. Hier meinte es wohl jemand sehr ernst... Später wurde in den Texten aber auch ordentlich geflucht und sehr zynisch und ironisch die Enttäuschungen des Lebens verarbeitet.


Was mir im ersten Stück Geraldine natürlich sofort ins Herz fiel, war diese unvergleichliche Stimme. Augenfällig daneben die äußere Erscheinung - da stand ein wahrhafter Hüne vor uns auf der Bühne. Beim weiteren umherschauen fanden sich für mich überraschend zahlreiche Minikeyboards, neben einer soliden Ausstattung an Keyboards/Pianos für zwei Personen am linken Bühnenrand. Gleich in der ersten Ansage war klar, dass John Berlin noch immer als eine heimatliche Stadt empfindet, in der er an diesem Abend sehr gern Station machte. Sein deutsch war souverän und wunderbar vieldeutig. Fast brachte es ihn selbst aus dem Konzept, dass er sich eine extra passende Setlist für diesen Tourstop zurechtgelegt hatte und nach zwei Stücken auf einmal nicht recht wusste, wie es nun weitergehen würde. 



Zuvor hatte er uns seine Band vorgestellt: Den Briten
Chris Pemberton an den Tasten, Jakob Smári Magnússon aus Island am Bass, das britische Urgestein Budgie am Schlagzeug und an der Gitarre (direkt vor mir)  Pétur Hallgrímsson aus Island. Alle diese Männer haben schon ordentlich eigene Musikgeschichte geschrieben, aber am auffälligsten blieb für mich am Abend der Mann an den Drums, denn er hatte einen unvergleichlichen Stil, die Knie fast bis zur Brust federnd, die Schultern kurz unter die Ohren hochgezogen und mit einer Energie und dabei doch ganz leicht, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Mehrfach arbeitete er an dem Abend sogar im Stehen.
 


Tatsächlich war die kurze Frage an sich selbst - wie es nun weitergehen sollte - ganz berechtigt. Nachdem er für die ersten zwei Songs vorn gestanden und ins Mikro gesungen hatte, war sein Platz für It doesn't matter to him am Piano direkt gegenüber von Chris Pemberton. Eine besondere und intime Stimmung entstand so, die für mich zu den Stärken des Abends gehörte. Auch wenn später immer wieder lustige Tanzbäreinlagen zu Mayor-Tom-Raumschiffmusik und Glamrocknummern wie You and him diese Andacht brachen und aufmischten.



Im Herzen blieben mir doch am tiefsten Grey tickles, das er allein am Piano begann und in einer Klangorgie münden ließ und das unfassbar intensive Glacier, das auch ringsum textsicher mitgesungen wurde. Die Greatest motherfuckers waren dann uns allen gewidmet und es gab ein schmissiges Ende mit Disappointing bei dem im Text sogar schubidi schubidubabab nicht zu albern klang. Der Saal tobte und verlangte natürlich nach Zugaben. Davon gab es reichlich und für jeden Geschmack: erst zweimal funky und dann noch zwei Balladen. Beschwingt und froh, diesen besonderen Musiker nun auch live kennengelernt zu haben wandte ich mich gen Ostbahnhof mit seinen Zeilen im Kopf


This pain
It is a glacier moving through you
And carving out deep valleys
And creating spectacular landscapes
And nourishing the ground
With precious minerals and other stuff
So, don't you become paralyzed with fear
When things seem particularly rough



Setlist:
01: Geraldine
02: Down here
03: It doesn't matter to him
04: Pale Green Ghosts
05: Snug slacks
06: You and him
07: Guess how I know
08: Grey tickles
09: Glacier
10: Queen of Denmark
11: I wanna go to Marz
12: GMF
13: Disappointing

14: Voodoo doll (Z)
15: Black Belt (Z)
16: Drug (Z)
17: Caramel (Z)

Fünf Songs vom Berliner Konzert 


Tourdaten John Grant

15.11. La Cigale, Paris
17.11. Botanique, Brüssel
20.11. Den Atelier, Luxemburg
21.11. Kaufleuten Klubsaal, Zürich
24.11. Bürgerhaus Stollwerck, Köln
25.11. Uebel & Gefährlich, Hamburg

26.11. Postbahnhof, Berlin
 
Aus unserem Archiv: 
John Grant, London, 07.09.11
John Grant, Paris, 14.06.10


Bericht des Guardian zum Londoner Konzert am  13.11. 2015


Mittwoch, 14. September 2011

John Grant, London, 07.09.11

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Konzert: John Grant (with Midlake) & Lanterns on the Lake

Ort: Royal Festival Hall, London
Datum: 07.09.2011
Zuschauer: wohl ausverkauft
Dauer: Lanterns on the Lake 45 Minuten, John Grant 100 Minuten


"Welcome the boys from Midlake!" Keine Viertelstunde war seit ihrem Auftritt vergangen, da standen Midlake schon wieder bei ihrem Freund John Grant auf der Bühne. Auch wenn sie nur eine Zuschauerrolle einnahmen und sich vornehm im Hintergrund hielten - die Freude war dem ehemaligen Czars-Frontmann deutlich anzumerken. All das geschah am End of the Road-Festival in Südwestengland (Berichte von diesem fantastischen Wochenende folgen!), wenige Tage später kam die englische Hauptstadt in den Genuss eines noch denkwürdigeren Abends. Hauptverantwortlich dafür: John Grant und Midlake.

Als ich mir meinen Platz in der riesigen Royal Festival Hall kurz nach sieben zuweisen ließ, war noch wenig los im Konzertsaal. Die meisten Leute trieben sich noch im Foyer, an den Bars und in was-weiß-ich-noch welcher Ecke des Southbank Centres herum. Dieses darf man sich als lebendiges Kunstviertel vorstellen, einer der sympathischeren Gegenden Zentrallondons.

Gegen halb acht begannen dann Lanterns on the Lake aus Newcastle vor halbvollem Saal. Schon am End of the Road hatte das Sextett mit einem wunderschönen Auftritt seine Zuseherzahlen in kurzer Zeit verdoppelt und so strömten auch in London im Laufe des Konzerts immer mehr Leute in den Saal, die zuvor vielleicht noch die Bar vorgezogen hatten.

Erstes Highlight war Keep on trying, ein exemplarisch für das Gesamtwerk zu wertender Song: verträumte Stimme, Klangelegien aus Streichern und sanfter Elektronik, im Takt gehalten von samtweichem Schlagzeug. Die Songs haben großteils das Meer und seine Geschichten zum Thema, nicht umsonst heißt das Album Gracious Tide, Take me Home.

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Sängerin Hazel Wilde bedankte sich sichtlich beeindruckt beim Publikum, dies sei die größte Location, die sie bis dato bespielt hätten. Das wird auch hoffentlich so bleiben, denn einer Band wie den Lanterns on the lake tut man mit einer intimen Schauplatzwahl wohl den größten Gefallen. Der glasklare Sound und die der Band entgegenschlagende Zuneigung ließ einen die Größe des Saals allerdings weitgehend vergessen.

Es folgten A Kingdom und You Need Better, einer der letzten Songs endete in einem energiegeladenen Ausbruch, zu dritt wurde das Schlagzeug bearbeitet, das Keyboard wurde behämmert, zum Schießen der Gitarrist, der sein Instrument mit einem Geigenbogen spielte und dessen heftige Bogenstriche in keinerlei Verhältnis zur erzielten Lautstärke standen. So sieht das also aus, wenn eine brave Truppe wie die Newcastler aufdreht. Lanterns on the lake gone wild!
Den Abschiedsapplaus hatten sie sich dann redlich verdient, eine dreiviertel Stunde lang haben sie den Saal verzaubert, möchte man angesichts ihres Faibles fürs Wasser eine Band mit ungleich weniger Eleganz zitieren: die perfekte Welle (zum Dahinträumen) erwischt.
Schon bald übrigens, im Oktober, eröffnen sie ein weiteres Mal für einen großen Namen in London, Yann Tiersen diesmal.

Der große Name des Abends aber war John Grant und der ließ nicht lange auf sich warten. Auf Midlake dagegen schon, denn Grant kam vorerst nur mit einer Geigerin auf die Bühne und hatte sichtlich Freude mit den bereits im Vorraus empfangenen Begeisterungsbekundungen. Zurückgezahlt wurden diese mit neuen Songs, der erste davon You don't have to. "Love songs with a certain 'Hope you end up in a wheelchair'-attitude."
Ein nettes Kerlchen, dieser John Grant. Aber es ist kein verbitterter Zynismus, den man einem Menschen mit Grants Biographie nicht einmal verdenken könnte, es ist die pure Lebenslust und Menschenliebe, transportiert einfach mit einem ganz eigenen Humor.

Dass man diesen Menschenschlag in seinem Element, der Bühne, erleben darf, das hat man Midlake zu verdanken. Die Geschichte ist bekannt: Den sich aus seiner Musikerlaufbahn mit The Czars in ein neues Leben mit altem (fortgsetztem) Dolmetscherstudium zurückgezogenen John Grant laden Midlake zu sich nach Hause ein und versprechen ihm jegliche Unterstützung, wenn er doch nur wieder Musik macht.
John Grant erzählt diese Geschichte gerne, man spürt, wie er sich noch immer freut, sich überredet haben zu lassen. Er erzählt vom Essen, das die Frau von Eric Pulido ihm gekocht hat, vom Aufnahmeprozess und vom Spaß, den er so noch nie im Studio gehabt hätte.

Über den Lauf des Abends verteilt stellt Grant dann ganz entgegen seines Nachnamens Entertainerqualitäten unter Beweis, alle Mitglieder seiner backing band bekommen - liebvoll, versteht sich - ihr Fett weg. "When I first met Eric Pulido, I thought he was the biggest asshole." Kunstpause. "But as time passed by, I realized that he really was." John Grants Art zu scherzen ist nicht unbedingt die handelsübliche. Lieber einen guten Freund verlieren, als eine gute Pointe auszulassen - das wäre wohl seine Devise. Wenn Midlake nicht die Sorte von Freunden wären, mit denen man sowas halt auch wirklich machen kann. Die dickhäutig sind und selbst nur auf die Chance zur Revanche warten.

Aber es werden auch viele Komplimente gewechselt, Bassist Paul Alexander hat es Grant besonders angetan. Basslinien, die dieser im Studio spaßeshalber improvisiert hatte, sind der Grund dafür. Von Alexander für lächerlich trashig befunden, machte Grant von seinem Recht auf das letzte Wort Gebrauch und verewigte diese in seinen Songs. "I have most fun watching Paul Alexander play the bass."

In der Tat ist der Grat, auf dem das Album Queen of Denmark wandelt, ein ganz schmaler (das beweisen auch die Berichte von Oliver und Christoph, die John Grant vom Grat abgestürzt sehen), begrenzt von großen Gesten und stellenweise radikal-seichten Lyrics, andererseits ein großartiges, subtiles Werk. So grundverschieden die Harmonievorstellungen von Midlake und dem ehemaligen Czars-Sänger sind, so fantastisch ist die Leistung, die mit diesem Album geglückt ist.

Auch an diesem Abend verstanden sich Midlake zwar nicht als bloße Begleitband, aber doch eindeutig in der Rolle der Unterstützer, die Grant den Rücken quasi freihielten und ihn zu Höchstleistung antrieben. Solche gelangen zum Beispiel mit I wanna go to Marz oder dem fabelhaften Where dreams go to die, Gänsehaut und wohlige Seufzer rief allerdings auch Outer Space, gewidmet einem Freund und zur Verstärkung der Emotion solo am Klavier vorgetragen, hervor.

Der letzte reguläre Song sollte das spottbeseelte und titelgebende Queen of Denmark sein, als Grant zu letzten Worten ansetzte, unterbrach ihn allerdings Eric Pulido, Grant hätte doch schon genug erzählt, jetzt seien einmal er und seine Band dran: "First of all: Before I first saw him, I knew that he was the biggest asshole ever." Da waren sie wieder quitt. Pulido nutzte noch die Chance um zu verkünden, wie gerne er Grant hätte und wie großartig es für sie, die damals noch kleinen Midlake, gewesen sei, den Bella Union-Kollegen vor Jahren auf dem SXSW-Festival zu treffen. Obwohl natürlich: "We knew that he was an asshole." Und wie schön, dass sich daraus eine Freundschaft und eine schöne Tour ergeben hätte.

John Grant gab dann noch Caramel zum Besten, bis schließlich ein Klassiker seiner Ex-Band den Abend beenden sollte. John Grant, alleine am Klavier: Little Pink House.
Die Londoner tobten regelrecht vor Begeisterung, erwiesen ihm mit Standing Ovations die Ehre und machten den sonst in allen Situationen souverän wirkenden Amerikaner gerührt. London bekam dann eine Dankesrede gehalten, an deren Ende: das Versprechen, bald zurückzukehren.

Wie dankbar muss man Midlake für ihre in Taten umgesetzte Verehrung John Grants sein, welch kurzweiligen und tiefgründigen Abende wären der Welt vorenthalten geblieben, hätten sie ihren Freund nicht zurück zur Musik gebracht. Dabei hatte ich bei den ersten Hördurchgängen des Albums noch zeitweise Langeweile bis Abneigung gegenüber der dick aufgetragenen Gefühlspaste verspürt.
John Grant, when I first saw you, I thought that you're just a ordinary songwriter. Gut, dass ich ihn ein zweites Mal erleben durfte. John Grant - eine Ausnahmeerscheinung.

Thanks for the photos to Sapphire Mason-Brown!

Aus unserem Archiv:

John Grant, Paris, 14.06.10



Freitag, 5. November 2010

Festival des Inrocks 1. Tag, 04.11.10

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Konzert: Festival des Inrocks, erster Tag mit Beach House, Midlake, Anna Calvi, Espen & The Witch und anderen

Ort: La Cigale & La Boule Noire, Paris
Datum:04.11.2010
Zuschauer: jeweils ausverkaufte Locations
Konzertdauer: Konzerte von 18 Uhr bis Mitternacht


Wenn Al Qaida gestern eine Bombe auf die Pariser Cigale geworfen hätte, wäre ein Großteil der Pariser Indieszene ausgelöscht worden. Alle waren sie da: Musiker, Labelleute, Journalisten Fotografen, Blogger, Fans. Das alljährlich im November in Paris und anderen Städten Frankreichs stattfindene Festival des Inrocks ist eines der ganz großen Highlights des Musikjahres. Ich liebe die Atmosphäre, die Stimmung, das ganze Drumherum. Man trifft so viele bekannte Gesichter, in der Regel nette, fachkundige Freaks, die ebenfalls den ganzen Tag nur an das Eine denken (und ich meine jetzt nicht Sex oder Fußball). Aber wie waren die Konzerte? Hielten sie, was sie versprachen? Auf Grund des Zeitdrucks (gleich geht schon der zweite Festivaltag los) kann ich zunächst nur ganz kurz resumieren.

John Grant: Habe ich bewusst ausgelassen. Ein Mädchen im Forum des Veranstalters Les Inrocks brachte das Problem auf den Punkt "Ich dachte jeden Moment, jetzt würde der Kerl anfangen, Candle In The Wind zu singen. Will heißen: John Grant klingt nach Elton John und Billy Joel. Igitt!

The Acorn: Die Kanadier mit dem deutschstämmigen Sänger wurden als erst aufs Publikum gehetzt. Leider habe ich sie verpasst.

Esben & The Witch: Ein Konzert (Foto rechts) in der kleinen Boule Noire. Düster, tribalisch, okkultisch, dämonisch, spannungsgeladen. Definitiv eine Band, die ich mir noch einmal bei einem "richtigen" Konzert ansehen muss!

Beach House: Für mich die Enttäschung des Tages. Ausgerechnet beim Hit Norway war der Sound beschissen und auch sonst war das Ganze nicht perfekt ausbalanciert. Victoria mühte sich zwar nach Kräften, wirbelte wieder ihr Haar wild durch die Luft und hopste wie ein Känguruh, aber ihre Stimme war heute nicht gut geölt. Leider nur gehobenes Mittelmaß.

Midlake: Das beste Konzert des Tages. Die Texaner haben mich bisher immer auf CD restlos überzeugt, aber live fehlte stets ein Tick Dynamik. In der Cigale boten sie aber ihre famosen Lieder (Roscoe, Head Home) in einer deutlichen rockigeren Version und schafften es so, das Publikum mitzureißen. Einen umfeierten Gastauftritt hate Jason Lytle von Granddaddy (Am 180).

Setlist Midlake, La Cigale, Paris:

01: Fairest Way (neu)
02: Children Of The Ground
03: Winter Dies
04: My Young Bride
05: Roscoe
06: Core Of Nature
07: Dawn Has Arrived (neu)
08: Am 180 (Grandaddy)
09: Head Home

10: Branches


Anna Calvi:

Auf die zierliche Blondine mit dem Dutt muss man aufpassen. Die elegante Frau hat Potential. Ihr Konzert in der restlos überfüllten Boule Noire, das sie zusammen mit einem Drummer und einer Harmoniumspielerin bestritt, war aber zu kurz (nur 5 oder 6 Lieder), um voll auf seine Kosten zu kommen. Kürzlich hatte sie bereits im Vorprogramm von Grinderman für postive Schlagzeilen gesorgt. Wir werden sicherlich noch so einiges von ihr hören, Anna hat ein feuriges Temperament und eine kraftvolle Stimme...



Dienstag, 15. Juni 2010

John Grant & The Hold Steady, Paris, 14.06.10

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Konzerte: John Grant & The Hold Steady

Orte: Le Nouveau Casino (John Grant) & La Flèche d'or (The Hold Steady), Paris
Datum: 14.06.10
Zuschauer: jeweils nicht ausverkauft
Konzertdauer: John Grant circa 1 Stunde, The Hold Steady etwa 80 Minuten


Das Fußballspiel zwischen England und Amerika bei der WM endete bekanntlich 1:1 unentschieden. Aber es gibt natürlich nicht nur Duelle auf dem grünen Rasen, sondern auch in der Musik. Am heutigen 14. Juni in Paris musste man sich auch zwischen England und Amerika entscheiden. Die Briten The XX (auf dem Foto Sängerin Romy Madley Croft) spielten im ausverkauften Olympia*, die Amis John Grant und The Hold Steady im Nouveau Casino bzw der Flèche d'or. Mangels Akkreditierung/Ticket für The XX fiel die Wahl nicht sonderlich schwer, denn für die Konzerte der Amerikaner rieselten die Gratiseinladungen ins Haus, während man für die Briten schon auf dem Schwarzmarkt hätte tätig werden müssen. So ergab es sich, daß ich um 20 Uhr eine Verabredung vor dem Nouveau Casino hatte. Mein Freund Michael wartete schon auf mich und genau wie ich hat er auch immer Hunger. Wir entschieden uns kurzerhand, auf die im Vorprogramm startende Anna Aaron zu verzichten und ein Merguezsandwich zu essen, bevor wir uns dem Konzert zuwenden. Die Würstchen waren lecker, aber sie provozierten bei mir ein übles Aufstoßen (rülps, oh Verzeihung!). Irgendwie war mir schlecht hinterher und außerdem kam mir der Gedanke, daß ich alter Fettsack eigentlich leichtere Kost zu mir nehmen sollte. Aber egal, es galt ja heute durchzuhalten, schließlich hatten wir uns vorgenommen, nach dem Konzert im Nouveau Casino noch in die nicht allzuweit entfernte Fléche d'or zu fahren, um The Hold Steady zu sehen.

Als wir gegen 20 Uhr 40 ins Nouveau Casino eintraten, hatte John Grant mit seiner Band schon angefangen. Man sagte uns, daß wir ein Lied verpasst hätten, das war zu verschmerzen. Ich glotzte auf die Bühne und sah den bärtigen Musiker aus Michigan, der mit seinem Solodebütwerk (vorher war er bei den Czars) Queen Of Denmark Album des Monats in der französischen Zeitschrift Magic war, zusammen mit seinen Jungs munter drauflos musizieren. Am rechten Bühnenrand agierte Gitarrist Robert Gomez aus Denton/Texas, den ich auch schon als Solomusiker gesehen hatte. Die anderen Burschen sagten mir nichts, sie sahen aus wie die typischen amerikanischen Folkrocker, schlichte Hemden, Truckerkäppi (im Falle des Drummers) und unprätentiöses Auftreten. Das Publikum fiel mir aber schon auf, es bestand nämlich zu mindestens 70 % aus Männern zwischen 30 und 40 und war auch in einigen Fällen gay. Schwule Pärchen vor mir, neben mir und hinter mir, so etwas erlebe ich bei Indiekonzerten eher selten. Warum das so war, wußte ich nicht, aber es war mir auch egal, weil ich ja ohnehin für die Gleichberechtigung von Homosexuellen in Ehe, Familie und steuerlichen Fragen bin und es nur normal ist, daß sie mit ihrem Partner auch zu Konzerten gehen. Erst gegen Ende, als eine Zugabe mit dem Titel: Jesus Hates Fagotts (Jesus hasst Schwule) gespielt wurde, begriff ich die Zusammensetzung des Publikums besser und folgerte messerscharf, daß dann wohl auch der Künstler des heutigen Abends schwul sein dürfte. Der Song rüttelte mich auf, schließlich ist das Thema Verhältnis der Kirche zu Homosexuellen hochaktuell und leider sind hochrangige Kirchenvertreter in ihren Ansichten oft nach wie vor schwulenfeindlich. Dem Song Jesus Hates Faggots war ein Lied vorangegangen, daß in musikalischer Hinsicht arg schnulzig war. Ein hinter dem Piano klimpernder Künstler, der eine an Elton John oder Billy Joel erinnernde Ballade vortrug, wahrlich nicht mein Fall. Leider war dies nicht der einzige Titel, der zu stark schwülstelte, denn auch im regulären Set gab es ein paar deutlich zu überzuckerte Songs, die unliebsame Assoziationen hervorriefen. Mal dachte ich an Fleetwood Mac, dann wieder an Queen oder an REO Speedwagon und immer wieder an Elton oder Billy. Schmalzige Altherrenmusik, scheiße noch mal! Wäre ich doch zu The XX gegangen! Klar, das Ganze war musikalisch gediegen, spielerisch gekonnt vorgetragen und der Künstler sympathisch und in seinen Ansagen angenehm zynisch und selbstironisch (seine Erläuterungen zu gescheiterten Beziehungen, Frustrationen und anderen Unannehmlichkeiten mit denen das Leben so aufwartet, schön!), aber das Konzert gefiel mir trotzdem nicht. Dabei hatte ich mir ein Pendant zu Midlake erhofft, mit denen John Grant zusammen das hochgelobte Album Queen Of Denmark fertig gestellt hat. Aber nur der Beginn des Sets hatte Ähnlichkeiten mit Midklake, die ebenfalls von den 70 er Jahren infizierten Folkrock spielen, aber so gut wie nie die Grenze zum Kitsch überschreiten. Sei es drum, es kommt eben vor, daß man sich mit dem Werk eines Künstlers nicht sofort anfreunden kann. Das Konzert von John Grant war leider weitestgehend nix für mich.

Setlist von John Grant, Le Nouveau Casino, Paris (merci beaucoup à Philippe D.!)

01: Drug (The Czars)
02: TC And Honeybear
03: Where Dreams Go To Die
04: Sigourney Weaver
05: Marz
06: Chicken Bones
07: Silver Platter Club
08: You Don't Have To
09: It's Easier

10: L.O.S.
11: Jesus Hates Faggots

12: Caramel
13: Fireflies

The Hold Steady

Nachdem die letzte Note der Zugabe von John Grant verklungen war, eilten mein Freund Michael und ich Richtung Flèche d'or. Faul wie wir waren, nahmen wir natürlich den Bus, ganz so nah beieinander liegen die beiden Clubs nämlich nun auch wieder nicht. Wir kamen pünktlich, The Hold Steady hatten noch nicht angefangen. In der stickigen Flèche d'or hing auch der texanische Musiker Josh T. Pearson (auf dem Foto) ab, der uns erzählte daß wir uns auf ein tolles Konzert freuen könnten, The Hold Steady seien live ein Knüller. Wir waren freudig gespannt und kurze Zeit später ging es tatsächlich los. Etliche Amerikaner hatten sich in den ersten Reihen breit gemacht, aber richtig voll war es in dem Laden trotzdem nicht. Ohne die US-Community wäre es vermutlich gähnend leer gewesen. Und sicherlich auch deutlich leiser! Die Amis sangen nämlich von Beginn an lauthals die Parolen mit und waren dabei erstaunlich textsicher. Ich befand mich umzingelt von strammen Burschen mit Bier in der Hand, die heiß darauf waren, rumzugröhlen und sich zu amüsieren. Auch ein paar Amerikanerinnen hatten sich eingefunden, waren aber oberflächlich betrachtet eher der Gattung "mittelprickelnd" und "wenig trendy" zuzuordnen. Vor mir tanzte ein Mädchen, das mich verdammt an die junge Chelsea Clinton erinnerte, bloß daß sie noch häßlicher war als die Tochter des Ex Präsidenten. Dafür hatte sie mächtig Holz vor der Hütten und ich hätte ihr fast ins Ohr geraunt: "Hey, Du musst aufpassen, sonst kannst Du mit Deinen Bällen an der nächsten Fußball-WM teilnehmen."

Die Burschen auf der Bühne waren auch nicht gerade Sexsymbole. Sänger Craig Finn erinnerte mich an einen (x-beliebigen) Mitarbeiter der Hifi-Abteilung im Kölner Saturn. Brille, lichte Stirn und ein kleines Bäuchlein, klassische Rockstars sehen anders aus. Der Kerl war von Beginn bis Ende hyperaktiv, er fuchtelte permanent mit seinen Händen wild rum, hopste hin und her und grinste manchmal wie ein Honigkuchenpferd. Ich schätze ihn auf Ende 30 (und lag damit goldrichtig) und dachte manchmal an einen fiktiven Dialog: ich stellte mir vor, daß ich sein alter Kumpel sei und ihm zu seinem vierzigsten Geburtstag einen Gutschein für einen Bordellbesuch schenken würde. Ich würde diesen mit den Worten: "Hey, alter Knabe, du bist noch jungfräulich, das kann nicht so weitergehen, geh' mal schön in den Puff und tob' dich nach Lust und Laune aus", überreichen und dabei gönnerisch grinsen. Natürlich waren diese Gedankenspiele gemein und bissig, aber manchmal überkommen sie einen eben. Da Craig Finn keine Gedanken lesen kann, grinste er auch weiterhin wie ein Honigkuchenpferd und sang mit nasal-nörgelnder Stimme, die mich an Caleb "Kings Of Leon" Followill, aber auch an J Mascis erinerte. Dazu spielte er in den meisten Fällen Gitarre und produzierte so zusammen mit seinen Kumpels einen klassisch rockenden Gitarrensound, in dem auch ab und zu ein bluesiges Piano und eine Orgel zum Einsatz kamen. The Hold Steady sind der Missing Link zwischen Bruce Springsteen /bzw John Cougar Mellencamp und Dinosaur Jr. schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Und genau wie bei Dinosaur Jr. war das Tempo kompromisslos hoch, die Verstärker höllisch laut aufgedreht und das Schlagzeug hart und trocken. Balladen gab es so gut wie keine, aber manchmal mischten sich kontemplativere und melancholischere Phasen mit fetzigeren Parts ab. Die Songs waren gut und mitreißend, aber irgendwann machte sich eine leichte Monotonie breit. Ein paar Franzosen murrten: "Jedes Lied klingt irgendwie gleich" und mit diesem Vorwurf hatten sie nicht ganz Unrecht. Dennoch war das Set, das sich aus Liedern aller Alben (mit dem Schwerpunkt auf dem Neuling Heaven Is Whenever) zusammensetzte über weite Strecken überzeugend und kurzweilig und Gründe zum Klagen gab es eigentlich nicht viele. The Hold Steady sind eine solide College/Pub-Rockband mit denen man eine gute Zeit verleben kann. Keine Überflieger wie Built To Spill, die komplex aufgebaute Gittarrenmeisterwerke austüfteln, sondern eher der Kategorie "gute Hausmannskost" zuzuordnen. Aber diese schmeckt ja bekanntlich auch oft sehr lecker.

Dennoch: Ich bereute es ein wenig, nicht bei The XX im Olympia gewesen zu sein. The Hold Steady haben für die Amerikaner ein Tor geschossen, aber The XX hätten sicherlich gleich zwei oder drei für England gemacht...

Setlist The Hold Steady, La Flèche d'or, Paris:

01: Sweet Part
02: Rock Problems
03: Constructive Summer
04: Hot Soft Light
05: Navy Sheets
06: Banging Camp
07: Chips Ahoy!
08: Chicago Seemd Tired Last Night
09: Hurricane J
10: The Swish
11: Magazines
12: Barely Breathing
13: Your Little Hoodrat Friend
14: Soft In The Center
15: Stevie Nix
16: Multitude Of Casualities
17: We Can Get Together
18: Most People Are DJ's
19: Sequestered In Memphis
20: A Slight Discomfort

* Setlist The XX, Olympia, Paris (Quelle: setlist.fm)

01: Intro
02: Crystalised
03: Islands
04: Heart Skipped A Beat
05: Fantasy
06: Shelter
07: VCR
08: Do You Mind (Kyla Cover)
09: Basic Space
10: Night Time
11: Infinity

12. Stars

Ausgewählte Konzerttermine von The Hold Steady:

16.06.2010: Frannz Club, Berlin
17.06.2010: 59:1 München
19.06.2010: Southside Festival
20.06.2010: Hurricane Festival
21.06.2010: Melkweg, Amsterdam mit Cymbals Eat Guitars


Ausgewählte Konzerttermine von John Grant:

16.06.2010: Imperial Theater, Hamburg
17.06.2010: Comet Club, Berlin
18.06.2010: Loppen, Kopenhagen
17.07.2010: Latitude Festival, England

Anmerkung: Schon seltsam. Heute habe ich mir noch einmal in Ruhe die Stücke von John Grant auf MySpace angehört. Sie gefallen mir richtig gut. Aber zwischen Musik aus der Konserve und dem Liveerlebnis kann es oft große Divergenzen geben...



 

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