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Montag, 28. November 2016

Lush, Manchester, 25.11.16

2 Kommentare

Konzert: Lush
Ort: Manchester Academy
Datum: 25.11.2016
Dauer: 90 min
Zuschauer: knapp 2.000 (fast ausverkauft)




Bands, die sich auflösen, hinterlassen meist das Gefühl, daß ihre Geschichte nicht zu Ende erzählt wurde. Ich habe eine ganze Menge Lieblingsbands, die ich nicht oder nicht mehr live sehen konnte, Lush zählte bis zum vergangenen Jahr dazu. Die Band hatte nach dem Suizid ihres Drummers Chris Acland 1996 alle Aktivitäten eingestellt und 1998 offiziell ihr Ende verkündet. Ich hätte ein paarmal die Chance gehabt, sie in den 90er live zu sehen, mir waren Konzerte damals aber nicht wichtig genug, Lush blieben musikalisch immer meine Beatles und live meine Smiths. Die Band, die man liebt, die man aber nie live sehen wird. 


Als die Lush-Reunion im vergangenen Jahr angekündigt wurde, war sie nicht mehr komplett überraschend, das machte sie aber keinen Deut weniger großartig! Vor vier Jahren hielt ich mich bei einem Lush-Konzert für Science Fiction. Das Jahr seit der Verkündung der Rückkehr war wunderbar. Ich sah das erste Lush-Konzert nach 20 Jahren, konnte neue Musik meiner Lieblingsband kaufen, sie interviewen, vier weitere Konzerte im Sommer sehen, ich hatte ein paar Monate sogar Grund zu der Hoffnung, Lush für ein Konzert in Köln zu buchen* - mehr geht nicht! 

Das Konzert in Manchester hätte ich vermutlich ausgelassen, es war nicht mehr wichtig. Auch wenn die Band anschließend angekündigt hätte, daß es keine weiteren gäbe, wäre ich zufrieden gewesen. Vor ein paar Wochen bekam die Reunion ihren Schönheitsfehler. Bassist Phil King, immerhin seit 1992 in Lush, sei aus der Band ausgeschieden. Die Auftritte beim Rolling Stone Weekender und beim Iceland Airwaves wurden abgesagt, das Manchester-konzert plötzlich die "final show", zunächst noch ohne den Zusatz "ever."

Natürlich kann man auf das letzte Konzert seiner Lieblingsband verzichten, ich allerdings nicht.

Jetzt, drei Tage später, ist das Rauschen im Ohr langsam weg. Lush waren auch am Ende noch einmal richtig laut, auch bei den leisen Stücken wie Etheriel. Die Songauswahl war nicht überraschend, es war das gleiche Set, das seit der Wiedervereinigung gespielt wurde, für das letzte Konzert wurden keine Bonbons ausgepackt, kein Jarvis aus dem Hut gezaubert, neben Ladykillers keine weiteren Stücke aus der ungeliebten (späten) Britpop-Phase gespielt. Aber warum auch? Musikalisch ging es eh nicht besser.

Es wurde auch nicht fies sentimental, Miki dankte zwar für alles, erklärte, es sei jetzt wieder Zeit für ihre Familien und witzelte über den ruhigen Saal zu Beginn. "So polite here! No one drunk yet! It's our last gig!" Nur einmal wurde es mies. Nach Hypocrite stellte Miki Michael vor: "You may have noticed, Phil is shorter and blonder and better at playing the bass." Gottseidank bin ich Meister des Verdrängens, mir hätte das den Abend verderben können. Emma sagte während des Konzerts nur einmal "cheers" und nach der letzten Zugabe "thanks!" Nach Thoughtforms rief jemand "shoegaze!" rein, was Miki zum Lachen brachte. "We reclaimed it! It used to be synonymous with wanker."



Nach Sweetness and light, den ersten drei Zugaben Stray, Nothing natural und Leaves me cold, kamen Justin, Mick, Emma & Miki noch einmal auf die Bühne und spielten Monochrome. "We had to come back", sagte Miki vorher. Und ja, das hatten sie! Auch wenn die Phil-Sache (wie auch immer sie war) wie der Knoblauchnachgeschmack nach einem fantastischen Essen ist, war die Lush-Reunion das letzte Kapitel einer großen aber gnadenlos unterschätzen Band, stilsicher erzählt. 

Setlist Lush, Manchester Academy, Manchester:

01: De-Luxe
02: Breeze
03: Kiss chase
04: Hypocrite
05: Lovelife
06: Thoughtforms
07: Light from a dead star
08: Desire lines 
09: Lit up 
10: Scarlet 
11: Etheriel 
12: Undertow 
13: For love 
14: Out of control 
15: Ladykillers 
16: Downer 
17: Sweetness and light

18: Stray (Z)
19: Nothing natural (Z)
20: Leaves me cold (Z)

21: Monochrome (Z) 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Lush, Berlin, 18.07.16
-
Lush, Barcelona, 03.06.16
- Lush, London, 07.05.16
- Lush, London, 06.05.16
- Lush, London, 11.04.16 
- Interview mit Lush (03.06.16) 

* kein Witz!



Dienstag, 19. Juli 2016

Pixies (& Lush), Berlin, 18.07.16

1 Kommentare

Konzert: Pixies (& Lush)
Ort: Zitadelle Spandau, Berlin
Datum: 18.07.2016
Dauer: Pixies gut 90 min, Lush 45 min
Zuschauer: knapp 4.000 (nicht ausverkauft)



Einer der beiden Security-Männer am Eingang des Fotograbens schüttelte bei jedem Pixies-Song den Kopf und lachte immer wieder, er fand die Lieder der amerikanischen Band grausam und machte Witze über die euphorischen Reaktionen des Publikums. Daß gerade, als er seinem Kollegen breit grinsend irgendetwas sagte, La la love you mit den Pfeif-Soli startete, machte es den Pixies nicht einfacher, bei ihm zu punkten. Ein paar Sekunden lang versuchte ich, objektiv zu sein und fragte mich, ob er nicht vielleicht recht hatte und wir hier Quatsch feierten.

Bei 50% der Stücke brüllt Frank Black, viele fangen mit "This is a song about..." an. Und dann Indie Cindy! Warum mag ich die Pixies eigentlich so? Sie waren Ende der 80er Jahre wichtiger, manchmal wichtigster Teil meiner musikalischen Sozialisation. Aber deshalb muß ich sie ja heute nicht mehr hören und mögen. "La la love you?" Bitte!


Nach anderthalb Stunden Pixies wusste ich wieder, warum ich die Band aus Boston so liebe. Naja, zumindest, daß ich sie liebe. Unverändert. 

Wegen der Pixies wäre ich allerdings nicht nach Berlin gefahren. Das Ticket war schrecklich teuer - und die Band ist immer mal wieder irgendwo zu sehen, auch wenn sie einen großen Bogen um deutsche Konzertsäle macht. Meine Reiseentscheidung fiel erst, als Lush als Support angekündigt wurden. Meine ersten vier Konzerte meiner liebsten Lieblingsband waren brillant und ich hatte bei weitem noch nicht genug.

Als wir eine gute halbe Stunde vor Lush im Innenhof der Zitadelle in Spandau ankamen, war peinlich wenig los. Open Air im Sommer bedeutet leider auch, daß die Band noch sieht, wie wenig los ist. Gottseidank füllte es sich noch etwas, sodaß der Innenhof der Befestigungsanlage nicht zu peinlich aussah.

Lush hatten zuletzt 1990 in Berlin gespielt, sagte Miki am Anfang der "4AD reunion." Ich kannte eine Menge Leute, die wegen der britischen Band nach Berlin gereist waren. Es war also für einen guten Teil des Publikums nicht bloß eine lästige Vorgruppe sondern der Hauptgrund, den Abend in Spandau zu verbringen.

Seit April habe ich Lush schon viermal gesehen - Nachholbedarf... Jedes der Konzerte war hervorragend. Ich hatte irre hohe Erwartungen an die Band, auf die ich live mehr als zwei Jahrzehnte gewartet hatte. Und die Konzerte liefen nicht bloß glimpflich ab, sie übererfüllten meine Wünsche. Vor der Show in Berlin war ich ein wenig ängstlich, ob die gleiche Setlist auch ein fünftes Mal funktionieren würde. Aber es war wie immer (daß ich das mal bei Lush sagen kann!), ein paar Takte De-luxe und alles war prima!


In dem verkürzten Set gab es keine Überraschungen, also keine neuen Songs, außerdem fehlten ein paar Live-Lieblinge wie Thoughtforms, Etheriel oder Desire lines. Der Rest war neu durchgemischt, klang brillant und funktionierte bei mir auch beim fünften Mal genauso wie seit Jahren auf Platte! 


Vor vier Wochen beim Primavera Festival hatte ich Gitarristin Emma und Bassist Phil interviewt und nach ihrer Lush-Planung gefragt. Eine Platte ist das Ziel, aber sie lebten zur Zeit sehr augenblickbezogen. Alle vier - die drei Mitglieder von damals, Emma Anderson, Miki Berenyi und Phil King und der neue Drummer Justin Welch (Ex-Elastica und der beste Freund des Lush-Schlagzeugers Chris Acland) - haben Jobs und Familien. Der wundervolle Spuk kann also schnell wieder vorbei sein. 


Auch das Konzert war (Übergang deluxe) viel zu schnell vorbei. Aber ganz ehrlich... das war jede Anreise wert! Kiss chase, Sweetness and light, Light from a dead star, Hypocrite, For love... was für Kunstwerke! Glücklicherweise habe ich noch Lush-Tickets für den Herbst. Die Band wird nämlich immer besser. Besonders fasziniert mich Justin. Der Schlagzeuger mußte nicht nur das ganze Repertoire seiner neuen Band sondern auch den Stil seines verstorbenen Freunds Chris lernen. Ich beachte Schlagzeuger immer viel zu wenig, das ist ihr Schicksal, weil sie hinten sitzen. Justin Welch zuzusehen, war ein riesiges Vergnügen!

Ach hätten doch Nirvana nicht den Shoegaze auf dem Gewissen, hätten Lush sicher den Stellenwert, den sie verdienen!

Setlist Lush, Zitadelle Spandau, Berlin:

01: De-luxe
02: Breeze
03: Hypocrite
04: Kiss chase
05: Light from a dead star
06: Scarlet
07: Lit up
08: Out of control
09: For love
10: Ladykillers
11: Downer
12: Sweetness and light



Auch die ganz große Karriere der Pixies haben vermutlich Nirvana auf dem Gewissen. Obwohl die beiden Stile Grunge und Pixiestil sehr ähnlich sind, konnte ich mit Grunge nie viel anfangen, während die Pixies immer meine Helden blieben. Daß das auch heute noch gilt, zeigten mir meine letzten Pixies-Shows 2013 und 14. Die 3-EP-Platte Indie Cindy von 2014 mochte ich, gehört habe ich sie aber kaum. Die Konzerte beim Primavera und in Belgien und Luxemburg hatte ich gesehen, weil es schließlich die Pixies sind, hinterher war ich aber jeweils überrascht, wie sehr mich die kauzige Band immer noch begeistern kann.


Auch das Ausscheiden von Kim Deal hat da keinen bleibenden Schaden hinterlassen. Natürlich war das traurig, bei der Neubesetzung der Stelle haben die Pixies aber ein hervorragendes Händchen bewiesen. Erst nahm Kim Shattuck Kims Platz ein und machte das aus meiner Sicht sehr gut. Sie war aber zu sehr Rock'n'roll für die drei älteren Herren neben ihr. Nach einem Sprung ins Publikum (glaube ich), flog sie mit der sehr souverränen Begründung "The Pixies don't do this" wieder raus. Neue Bassistin wurde Paz Lenchantin. Paz hatte vorne am Bass eine Dekoblüte angebracht. Das machen die Pixies offenbar. Oder Frank Black, Joey Santiago und David Lovering sind zu begeistert von der Frau mit dem glücklichen Lachen, daß sie milder werden.


Das Konzert ist eigentlich schnell beschrieben: um 20:15 Uhr trat die Band auf, stimmte Wave auf mutilation an, wechselte alle drei Minuten zum nächsten Riesenhit, ohne Pausen oder Ansagen oder solchen Quatsch und endete nach 30 Liedern mit Debaser. Dann noch flott Planet of sound als Zugabe und das grandiose Konzert war gespielt.

Vom neuen Album, das erst Ende September erscheint, spielten die Pixies vier Songs. Vorher hatte ich keinen von denen gehört. Trotzdem war die bereits vorgestellte Vorab-Single das Stück, das am ehesten hängenblieb: Um chagga lagga. Baal's back ist einer der Schrei-Songs, Classic masher und Head carrier sind nicht genug haftengeblieben beim ersten Mal.

Neben dem Jesus And Mary Chain Cover Head on von Trompe le Monde (dessen Original Lushs Phil King als JAMC-Bassist zigmal gespielt hat) spielten die Amerikaner das Instrumental-Stück Velvety (eine Dig for fire B-Seite). Ansonsten lag der Schwerpunkt auf alten Sachen von Doolittle und Surfer Rosa.


Ach, es ist ja doch ein großes Glück, daß man Musik nicht erklären oder seinen hervorragenden Musikgeschmack nicht rechtfertigen muß! Warum 4.000 Menschen so begeistert von dieser komischen Band waren, hätte ich dem Ordner nicht erklären können. Und da pfeife ich drauf! La la love them!

Setlist Pixies, Zitadelle Spandau, Berlin:

01: Wave of mutilation
02: Bone machine
03: River Euphrates
04: Break my body
05: Classic masher (neu)
06: Monkey gone to heaven
07: Head carrier (neu)
08: Subbacultcha
09: Hey
10: Gouge away
11: Velouria
12: Snakes
13: Brick is red
14: Indie Cindy
15: Mr. Grieves
16: The holiday song
17: Vamos
18: Where is my mind?
19: Here comes your man
20: La la love you
21: Velvety
22: Head on (The Jesus And Mary Chain Cover)
23: Rock music
24: Baal's back (neu)
25: Um chagga lagga (neu)
26: Tony's theme
27: I've been tired

28: Tame
29: Caribou
30: Debaser

31: Planet of sound (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:
-
Pixies, Hilvarenbeek, 20.06.14
- Pixies, Barcelona, 30.05.14
- Pixies, Esch-sur-Alzette, 11.11.13
- Pixies, Brüssel, 02.10.13
- Pixies, Barcelona, 28.05.10
- Pixies, Frankfurt, 11.10.09
- Lush, Barcelona, 03.06.16
- Lush, London, 07.05.16 
- Lush, London, 06.05.16
- Lush, London, 11.04.16
- unser Interview mit Lush (03.06.16)



Mittwoch, 8. Juni 2016

Lush, Barcelona, 03.06.16

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Konzert: Lush
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona (Hidden Stage)
Datum: 03.06.2016
Dauer: knapp 60 min
Zuschauer: 300 ("ausverkauft") 



Ein weiteres Geständnis aus meinem kleinen Lush-Universum: vor ziemlich genau drei Jahren hatte ich die Idee, endlich etwas zu unternehmen, damit meine Lieblingsband sich wiedervereinigt. Ich würde einen Brief (also ein mail) an Miki Berenyi schreiben und ihr eine Crowdfunding-Kampagne vorschlagen, um am 13.06.2014 den 20. Geburtstag von Split mit einem Konzert in London zu feiern. Das Konzert sollte bereits im Vorfeld durch eingesammelte Fangelder finanziert werden. Arbeitstitel der Idee: Lush (Un)Split. Charmant beim Crowdfunding ist nicht nur der direkte Weg des Gelds vom Fan zum Künstler, ohne, daß fünf Zwischenstationen mitverdienen möchten. Toll finde ich vor allem die Möglichkeiten, Extra-Gimmicks zu verkaufen. Eine Liste mit möglichen Paketen hatte ich natürlich erstellt.


Mikis berufliche mail-Adresse konnte ich recherchieren, das Schreiben war auch schnell fertig, allein, ich schickte es niemals los. "Es hätte auch nichts geholfen, wir wollten niemals nur eine einmalige Sache", beruhigte mich Emma Anderson vor dem Konzert beim Primavera, als ich sie und Bassist Phil King interviewen konnte. 


Als sich die Hinweise spätestens im vergangenen Jahr konkretisierten, daß es eine Lush-Reunion geben würde, war ich vollkommen sicher, daß das Primavera dabei zumindest die Finger im Spiel haben würde. Die spanischen Festival-Macher mit dem tollen Musikgeschmack hatten großen Anteil an den Reunions von My Bloody Valentine, Slowdive und Ride. Als wir auf der letzten Metro-Fahrt nach dem Festival 2015 wie immer unsere Vorhersagen machten, wer 2016 beim Primavera spielen würde, war meine Liste


Lush fingen irgendwann an, Konzerte anzukündigen. Das Primavera fehlte. Als das Festival dann seinen großen Schwung Bands bekanntgab, fehlte Lush immer noch. Mir war das ein Rätsel, zumal die Briten plötzlich am gleichen Wochenende das This is not a love song Festival spielen würden. Das ist, als gäbe es den Zuckerwatte-Stand nicht auf der Kirmes sondern ein paar Straßen weiter in der Metzgerei, das macht einfach keinen Sinn. Als letzte Nachzügler wurden dann noch die sechs Konzerte der kleinen Heineken Hidden Stage angekündigt und siehe da, Lush war dabei. Aber eine Band, die so gut ins eigene Konzept passt, auf der 300er Bühne unter der Erde ansetzen? Das war eine ganz schöne Verschwendung.



Lush spielten am Freitag parallel u.a. zu Savages. Der schlimmstmögliche Clash. Noch schlimmer war, daß man für die Konzerte auf der Hidden Stage Tickets reservieren muß. Wir waren gut eine halbe Stunde vor Öffnung des Geländes da und mussten rennen. Der Infostand, an dem es die gratis Reservierungen gab, war sofort überlaufen, es bildete sich eine riesige Schlange. Wir bekamen unsere Tickets und waren um halb acht im Parkhaus unter dem Primavera-Bühnen-Vorplatz.


Daß den Streß mit den Tickets kein Laufpublikum mitgemacht hatte, war eigentlich klar. Als das Konzert begann, wurde das bestätigt. Zwei Reihen vor mir stand ein Spanier, der eine Stunde lang verzückt die Arme bewegte, überall glückliche Gesichter. Wenn ich bei der Lush-Reunion ein Haar in der Suppe gesucht hätte, wäre es höchstens die gleichbleibende Setlist gewesen. Bei meinen drei Londoner Konzerten war sie nämlich immer exakt gleich. Beim deutlich kürzeren Primaverakonzert flogen zwangsläufig ein paar Lieder raus. Aber vor allem die Reihenfolge wurde kräftig durchgerüttelt. Desire lines, eine der Zugaben bisher, kam ziemlich früh und war wieder einmal einer der Stars im Set. Kiss chase, Hypocrite, Thoughtforms, Light from a dead star und Desire lines nacheinander - wow! 

Auch die Art, wie einige der Lieder gespielt wurden, war anders. Besonders auffallend war das bei Ladykillers von der von der Band wenig geliebten letzten Platte. "Do you want a shoegaze or a britpop song?" frage Miki vorher. "Well, this song isn't very shoegazing!" Aber er war auch nicht so wie immer. Es war jetzt vielmehr punkig und eine ganze Ecke schneller als zuletzt. 

Bei meiner kurzen Interview vorher hatte ich Emma und Phil gefragt, wie ihre Planung mit Lush sei. Ein Album sei schon ihr Wunsch. Ansonsten lasse man mal alles auf sich zukommen. Ich hoffe sehr, daß die Lust der Band noch eine Weile andauert. Für zwei Konzerte habe ich noch Tickets, die Lust reicht noch eine Ecke weiter. Und - ein weiteres kleines Geständnis - ich möchte Lush noch für künftige spanische Konzerte Linda Guilala als Vorgruppe empfehlen. Alleine dafür müssen sie also noch ein wenig live aktiv bleiben.


Setlist Lush, Primavera Sound Festival, Barcelona:


01: De-luxe
02: Lit up
03: Kiss chase
04: Hypocrite
05: Thoughtforms
06: Light from a dead star
07: Desire lines
08: Breeze
09: Etheriel
10: Scarlet
11: Out of control
12: For love
13: Ladykillers
14: Downer
15: Sweetness and light

Links:


- aus unserem Archiv (daß ich das mal schreiben kann!):
- Lush, London, 07.05.16

- Lush, London, 06.05.16
- Lush, London, 11.04.16

 


Mittwoch, 11. Mai 2016

Lush, London, 07.05.16

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Konzert: Lush
Ort: Roundhouse, London
Datum: 07.05.2016
Dauer: Lush 85 min, Spectres 40 min
Zuschauer: gut 3.000 (nicht ganz ausverkauft)



Wie bekommt man eine 3.000er Konzerthalle nach einer Veranstaltung schnell leer? Man spielt Huey Lewis & the News. Wahnsinn, wie flott der Innenraum des Roundhouse nach Konzertende geräumt war. Eine Minute nachdem das Licht (und die Musik) anging, waren gerade mal noch ein-, zweihundert Menschen unten im Saal. 

Mein zweites Lush-Konzert im Roundhouse hatte ich von oben angeguckt. Gegen eine Gebühr von zwei Pfund konnte man die Stehplatz-Karten in Tickets oben umtauschen, wir machten das. Natürlich ist das komplette Konzerterlebnis nur vorne vor der Bühne möglich. Im wundervollen Roundhouse lohnt sich aber auch der Perspektivwechsel. Wir saßen nicht weit vom Mischpult und hatten beste Sicht und besten Klang. Hätte Köln doch nur eine der vielen großen Londoner Spielstätten! 

Der Abend begann diesmal nicht mit einem katebushischen Support, Spectres aus Bristol sind eine Shoegaze-Band, die bei Sonic Cathedral unter Vertrag steht. Mir gefiel der irre laute Gitarrenkrach erst sehr gut, es wurde auf Dauer aber langweilig. 

Zweimal innerhalb von 24 Stunden das gleiche Konzert zu sehen, könnte auch langweilig sein. Daß Lush ihre Setlist nicht ändern würden, dachte ich mir, nachdem am ersten Abend die gleichen Konzerte wie im April beim Londoner Testkonzert gespielt wurden. Also wieder sehr viel von Split und den frühen EPs, das neue Out of control und die "britpop anthem" Ladykillers. 

Natürlich war es nicht langweilig, wie könnte es? Ich habe keine Ahnung, wie gut die Band in den 90ern klang, da hatte ich es nicht so mit Konzerten. Laut seien sie gewesen. Anders als meine anderen damaligen Helden Galaxie 500, die ich auch unverändert anhimmele, waren Lush wohl eine gute Liveband. Scheinbar machen zwanzig Jahre Pause aber aus guten hervorragende Bands. Bei Slowdive und Ride, die in den vergangenen Jahren so grandios toll waren, kann ich mir nur schwer vorstellen, daß das damals auch schon so war. Diesen ganzen Spott der Reunion-Kritiker verstehe ich daher so gar nicht. Warum sollte ich ein Comeback aus Prinzip ablehnen, wenn es doch musikalisch brillant ist? "Die machen das ja nur des Geldes wegen!" Ja natürlich, das ist ja schließlich ihr Beruf (gewesen). Ich freue mich auf die Pale Saints oder Chapterhouse!

Die andere Perspektive ließ mich das Konzert etwas distanzierter erleben. Wenn man ganz vorne steht, sieht man zum Beispiel nicht, wie viele Leute hinter einem sind. Die Musik ist etwas weniger direkt, wirklich weiter weg, falls das Sinn macht. Gleich war, daß keines der Lieder ein Lückenfüller ist, ich hätte auf keines verzichten wollen. Allein auf der CD-Compliation Chorus sind 106 Lush-Stücke. Es gibt also einen riesigen Pool, aus dem die Band hätte schöpfen können. Nach dem Warm-up-Konzert, das perfekt war, hätte ich mir zwar schon das ein oder andere zusätzliche Lied gewünscht, aber auch nicht auf irgendwas verzichten wollen. Musikalisch ist das alles so wahnsinnig frisch und gut gealtert. 

Daß seit der Veröffentlichung der letzten Stücke vor der neuen EP zwanzig Jahre vergangen sind, merkte man höchstens an Äußerlichkeiten, an Phils weißen Haaren (und ein "Shoegazer" Shirt trug er damals vermutlich auch noch nicht) und daran, daß auf der Gästeliste laut Miki vor allem Lehrer, Eltern der Klassenkameraden der Band-Kinder standen. "Anyone here under the age of 40?" (ja, erstaunlich viele!).

Was gibt es als Musikfreund Schöneres, als seine musikalischen Helden so fabelhaft zu erleben? Oder um es mit der Rausschmeißer-Musik zu sagen: "You don't need money, don't take fame. Don't need no credit card to ride this train. It's strong and it's sudden and it's cruel sometimes but it might just save your life. That's the power of love la laaa laaa la laa laa"

Setlist Lush, Roundhouse, London:

01: De-luxe
02: Breeze
03: Kiss chase
04: Hypocrite
05: Lovelife
06: Thoughtforms
07: Light from a dead star
08: Undertow
09: Lit up
10: Etheriel
11: Scarlet
12: For love
13: Out of control
14: Ladykillers
15: Downer
16: Sweetness and light

17: Stray (Z)
18: Desire lines (Z)
19: Leaves me cold (Z)

20: Monochrome (Z)

Links:

- Lush, London, 06.05.16
- Lush, London, 11.04.16

 


Dienstag, 10. Mai 2016

Lush, London, 06.05.16

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Konzert: Lush
Ort: Roundhouse, London
Datum: 06.05.2016
Dauer: Lush knapp 85 min, Pixx 30 min
Zuschauer: 3.300 (ausverkauft)



Lush sind seit mehr als 25 Jahren fester Bestandteil meines Lebens. Klingt ekelhaft pathetisch, ist aber so. Hätte mir eine gute Musik-Fee vor ein paar Jahren angeboten, die Smiths, Joy Division oder Lush live sehen zu dürfen, hätte ich nicht nachdenken müssen. 

Obwohl bis vergangenes Jahr nichts darauf hindeutete, ging es letztlich auch feelos. Vor vier Wochen spielten Lush ihr erstes Konzert seit zwanzig Jahren. Der kleine Warm-up Gig im Oslo in London war erstaunlicherweise nicht sofort ausverkauft, ich bekam ein Ticket und konnte die Band, die sich nach dem Tod ihres Schlagzeugers aufgelöst hatte, endlich sehen. Das Konzert war phänomenal gut - auch objektiv.

Danach gingen Lush, bei denen jetzt Justin Welch von Elastica am Schlagzeug sitzt, auf US-Tour. Die beiden Coachella-Wochenenden waren geplant, dazwischen Konzerte an der Westküste und in Vancouver. Wegen der für Europäer nicht nachvollziehbaren US-Arbeitsvisum-Politik, fiel Konzert um Konzert aus. Miki, Emma, Phil und Justin waren in L.A., durften aber nicht spielen. Wenn man die Geschichte der Auflösung kennt (nach Chris' Tod endete Lush, offiziell aufgelöst wurde die Band aber erst fast zwei Jahre später), kann man sich vorstellen, wie groß der Schritt war, die festen Jobs zumindest zu unterbrechen, um nach zwanzig Jahren wieder Lush zu sein. Sängerin Miki hat seitdem keine Musik mehr gemacht. Dann endlich Konzerte gegen alle Unsicherheit und Nervosität - und dann darf man nicht, weil die Arbeitsvisa noch nicht bearbeitet sind. Schrecklich!

Auf dem Weg zum Warm-up Konzert im Oslo schrieb Bassist Phil King bei Facebook "nervous". Er, der seit Jahren mit den sicherlich nicht ganz einfachen Reid-Brüdern Live-Bassist von The Jesus And The Mary Chain war und da sicher alles gesehen hat. Ich war das auch (ist etwas anmaßend), es hätte ja ganz schrecklich sein können. Beim eigentlichen Reunion-Konzert am Freitag im Roundhouse in Camden war ich nicht mehr nervös. Dafür war der Auftritt im April zu gut.


Das Roundhouse war früher ein Eisenbahn-Drehteller, den man aus alten Büchern oder Modellbausätzen kennt. Heute ist der runde Saal einer der schönsten Konzertsäle, die ich kenne. Ins Roundhouse passen rund 3.300 Zuschauer. Das Freitagskonzert war schon lange ausverkauft (es hätte ja ursprünglich das erste echte sein sollen). Oben auf der Galerie schienen einige der Sitzplätze nicht besetzt zu sein. Voll wurde es unten erst nach der Vorgruppe. Als Pixx aus Chipstead, südlich von London anfingen, waren keine 150 Zuschauer vor der Bühne.

Pixx ist das Projekt der 19-jährigen Hannah Rodgers, die offenbar nicht Nichte eines der Bandmitglieder von Lush ist, sondern bei 4AD unter Vertrag steht. Hannah trug einen Haarschmuck aus bunten Pyramiden und spielte gemeinsam mit einer Keyboarderin und einem Gitarristen Lieder, die im Prinzip gut waren, leider aber nicht viel mehr. Ein paar der Stücke hatten tolle Melodien, wurden aber durch eine hibbelig-hohe Stimme kaputtgekatebusht. Hannahs normale Singstimme, die viel tiefer war und der das Gestelzte der hohen Kunststimme fehlte, war deutlich schöner. Ganz lustig anzusehen war das Bemühen der Keyboarderin, ihr Mikro immer wieder nach unten zu korrigieren, damit es zu niedrig war und sie sich bücken mußte. Das Set von Pixx dauerte 30 Minuten. Die 4AD Supports waren früher spannender (die Pale Saints), es war aber recht unterhaltsam.


Um zwanzig nach neun kamen dann meine und aller anderen Helden auf die Bühne. Im Publikum waren zwar erstaunlich viele jüngere Menschen aber auch die waren nicht zufällig da. Es war in jeder Hinsicht ein Heimspiel. Obwohl auch irre viele Deutsche im Saal waren (nach Briten und Japanern vermutlich die größte Gruppe - wahnsinnig viele Japaner!), würden Lush in Deutschland vermutlich höchstens vor 250 Leuten spielen. Großartig, daß der Rolling Stone Weekender die Band gebucht hat, aber da wird wahrscheinlich sehr viel Platz vor der Bühne sein.

Lush spielten das gleiche Set wie beim Warm-up Konzert, also vor allem Lieder von Split (1994), von Spooky (1992) und den frühen EPs Scar und Mad Love, also alles aus der Zeit vor der nicht freiwilligen Brit Pop Phase der Band. Im Oslo war es deutlich lauter (laut ist gut), der Klang im Roundhouse war aber auch ganz hervorragend. Gerade eine Band wie Lush mit ihren vielen Soundschichten (bei Facebook las ich, für jedes Jahr Pause sei eine Gitarrenschicht dazugekommen) ist aus meiner Laiensicht vermutlich eine echte Herausforderung für die Soundleute. Die Stimmen der beiden Frauen klangen vermutlich genauso, wie die Band das möchte, nicht zu deutlich aber auch nicht versteckt hinter den noisigen Gitarren. Ein schöner Indikator für den Klang war der Anfang von Light from a dead star, und der war bombastisch.

Durch der hohen Anteil von Songs wie Etheriel, Thoughtforms, Lit up, Scarlet, Monochrome (alle irre toll!) war der Grundton des Konzerts ruhig. Ruhig, nicht leise. Die wilden, schnellen Stücke wie Hypocrite waren in der Live-Wahrnehmung eher in der Minderheit. Das war vielleicht nicht zu erwarten, kann aber bei niemandem, der die Band mag, für Enttäuschung gesorgt haben.

Miki, die von den drei alt-Lushs als einzige nicht bei Facebook geschrieben hatte, daß sie nervös sei (weil sie nicht bei Facebook ist), sprach als einzige mit dem Publikum und wirkte souverän, als habe sie in den vergangenen zwanzig Jahren nichts anderes gemacht. Mir fiel im Gegensatz zum Konzert im April auf, daß die vielen Blickkontakte zwischen ihr und Bassist Phil, die ich im Oslo noch bemerkt hatte, komplett überflüssig geworden waren. In den wenigen Wochen ist die Sicherheit offenbar zurückgekommen. Lush hatten zwar vor den beiden Roundhouse-Konzerten noch einmal geprobt, wie wir nach den Konzerten wussten nicht, um neue Stücke einzuproben, nötig schien das aber nicht zu sein. Der einzige größere Patzer des Abends war ein falscher Einsatz des Schlagzeugers. Vor Hypocrite startete Justin eine Sequenz, die zu Undertow gehört. Bei einem meiner nächsten Lush-Konzerte werde ich einmal mehr auf den Ex-Elastica-Mann achten, ich habe selten einen so guten Schlagzeuger gesehen.

Highlights? Schwer zu sagen! Desire lines war ganz phänomenal, dieser Übergang zum schnelleren Teil ist Weltkulturerbe! Der Anfang mit De-luxe, Breeze, Kiss chase. For love, Etheriel, Sweetness and light...

Von ihrem letzten Album, dem Stiefkind spielten Lush nur Ladykillers (Miki: "the brit pop anthem"). Auch das natürlich ein Knüller. 

Der Abend war wundervoll! Lush sind wundervoll! Und ihre neue EP, von der sie wieder nur Out of control spielten, verstärkt die Hoffnung, daß es sogar ein neues Album geben könnte und uns die Band noch eine Weile erhalten bleibt, bevor die Mitglieder wieder ihren normalen Jobs nachgehen. Phil postete schon Montag wieder ein Foto aus dem Büro: "back to work!"
 
Setlist Lush, Roundhouse, London:

01: De-luxe
02: Breeze
03: Kiss chase
04: Hypocrite
05: Lovelife
06: Thoughtforms
07: Light from a dead star
08: Undertow
09: Lit up
10: Etheriel
11: Scarlet
12: For love
13: Out of control
14: Ladykillers
15: Downer
16: Sweetness and light

17: Stray (Z)
18: Desire lines (Z)
19: Leaves me cold (Z)

20: Monochrome (Z)

Links:

- Lush, London, 07.05.16
- Lush, London, 11.04.16

 


Dienstag, 12. April 2016

Lush, London, 11.04.16

3 Kommentare

Konzert: Lush
Ort: Oslo, London
Datum: 11.04.2016
Dauer: ca. 85 min
Zuschauer: 325 (ausverkauft)



"Kann mir jemand wirklich innovativ designte Band-Webseiten nennen?" - "Asking for a friend." Als Emma Anderson das vor einem Jahr bei Facebook postete, begann meine Träumerei, wirklich einmal meine liebste Lieblingsband Lush live zu sehen. Das schien bis dahin kategorisch ausgeschlossen. 1996 hatte sich Schlagzeuger Chris Acland das Leben genommen, die Band spielte danach kein Konzert mehr und löste sich anderthalb Jahre später auf. Eine Lush-Reunion war, glaubte man den Experten, etwa so wahrscheinlich wie eine der Smiths. Dieses "asking for a friend" änderte zumindest in meinem Kopf einiges.

Ein paar Monate später gaben Emma und Miki Interviews über zwei der Studioalben der Bands. In einem der beiden las ich eine Formulierung, die die Endgültigkeit der lushlosen Zeit relativierte. Spätestens da stand für mich fest, daß es nicht mehr um das Ob sondern um das Wann eines Lush-Konzerts geht. Daß Miki einen Gastauftritt bei The Jesus And Mary Chain mit Bassist Phil King in London hatte, passte ins Bild.

Ende September postete Emma Anderson bei Facebook "7 days". Da es da aber schon eine neue Website gab und auf der ein Booker genannt wurde, war ausgeschlossen, daß es sich bei der Ankündigung nur um Neuauflagen der Platten handeln würde. Lush waren wieder da. Spätestens mit dem Antwortmail des Bookers (Nähkästchen-Talks) "please make an offer!" wusste ich das sieben Tage vor der Veröffentlichung am 28.09.

Irgendwann gab es dann auch erste Termine, allen voran, das Reunion-Konzert Anfang Mai im Roundhouse in London. Emma fragte schon damals, ob ihr jemand einen kleinen Club für ein Warm-up Konzert nennen könne. 


Als nach den beiden Konzerten im Roundhouse eine ganze Menge anderer Termine dazukamen, die meisten schon vorher im April (Coachella und andere US-Auftritte), stieg mein Wunsch, dieses Vorab-Konzert zu sehen. Da das aber alle würden sehen wollen, rechnete ich mir keine Chancen auf ein Ticket aus. Gestern abend stand ich dann kurz vor halb acht im Oslo in Hackney, vor mir Leute mit Lush-Shirts und beobachtete, wie ein Mitarbeiter des Clubs einen Zettel mit dem Zeitplan aufklebte. Das Ticket ging für Leser des Bandnewsletters einen Tag vor dem offiziellen Verkaufsstart in den Handel. Ich saß um zehn vor dem Rechner und hatte sofort Glück. Allerdings dauerte es noch Tage, bis das kleine Konzert ausverkauft war. Lush kündigten den ersten Auftritt nach fast 20 Jahren an, in einem 325er Club und das war nicht sofort überrannt? Mir war es egal! Ich würde meinen großen Fehler, meine Lieblingsband (das sie seit ihren ersten Veröffentlichungen war und seitdem ist)  damals weder in Köln noch in Gießen gesehen zu haben, schon Anfang April korrigieren.

Am Nachmittag postete Bassist Phil, der die letzten Jahre musikalisch als The Jesus And Mary Chain Bassist verbracht hat, ein "nervous". Gitarristin Emma antwortete "Du auch?" Es ist sicher nicht immer eine gute Idee, Helden in sozialen Netzwerken zu folgen, bei den beiden schon.

Gut für die Nervensituation war sicher nicht, daß die Konzertvorbereitungen nur bis acht Minuten vor dem Beginn glatt gingen. Als letzten Akt stimmte der Gitarrenmann eines von Mikis zwölfsaitigen Instrumenten, das plötzlich fies brummte. Der Sound- und der Gitarrenmann überprüften die Kabel, die Verbindung zum Verstärker, es brummte weiter. Letzte Lösung: der Verstärker musste ausgetauscht werden. 

Die beiden langsam hektischer werdenden Techniker klonten die Einstellungen des Brumm-Verstärkers eins zu eins, hatten aber keine Chance mehr, das auch live zu überprüfen. Durch das plötzliche Chaos war die Spannungskurve des Auftritts der alten Helden vollkommen weg. Der kaputte Verstärker verschwand, das Licht ging aus, Emma, Miki, Phil und Drummer Justin Welch (von Elastica) kamen auf die Bühne. „It’s been a long time. I had red hair.“ Es war sofort großartig! Und laut! Und Lush! Und zwar die Shoegaze-Lush von den ersten Alben und EPs, nicht die Britpop-Lush mit Hits wie 500, Single girl oder Ciao. 

Das erste Live-Lied seit 20 Jahren war De-luxe von der 1990er EP Mad love. Mikis Gesang war leise, aber so ist es eben gedacht. Von den Verstärkerproblemen war nichts zu hören, die Musikanlage im Oslo gilt als die beste in Clubs seiner Größe in London, es war enorm laut, klang aber auch hervorragend. 

Auch von der Nervosität der Band war nichts zu merken. Phil und Miki tauschen häufig vor dem Start eines Lieds Blicke aus, das wird mit der wiederkehrenden Routine sicher weniger werden. Nur eine kleine Panne gab es. Bei Etherial, einem der ersten Lush-Lieder, war Justin noch nicht fertig, zeigte das Phil an, der versuchte, die beiden Gitarristinnen zu erreichen, die fingen aber schon an. Justin stieg dann einfach später ein. 

Ich hatte mir vorher wenige Gedanken über die Setlist gemacht. Lush sind bekanntlich eine dieser Nur-Hits-Bands. Da ist es dann auch vollkommen egal, was gespielt wird. Und solange das Repertoire einer dieser Gruppen größer ist als das, was man in einem Konzert spielen kann, fehlen immer Lieblinge. Geht gar nicht anders. Lush haben zwar eine neue EP veröffentlicht, deren vier Stücke nahtlos zum Rest passen, sind aber vor allem eine Band, die seit 20 Jahren nicht mehr da war. Ein Best-of quer durchs Archiv war also naheliegend. Allerdings wurde es ein Best-of bis zum letzten Album Lovelife. Von der Platte von 1996 spielten Lush nur Ladykillers fast schon am Ende des Konzerts. Daß Lovelife nicht ihr liebstes Werk ist, ist bekannt. Aber auch darauf sind objektiv nur Hits. Auch wenn ich auf einige Lieblinge verzichten musste, beeindruckt mich die Entscheidung statt Ciao oder Single girl eben Scarlet oder Monochrome zu spielen! 

Wenig überraschend war alles super. Kiss chase, das gigantische Light from a dead star (das ein schöner Mottosong wäre, hätten Lush nicht auch in ihrer Abwesenheit hell gestrahlt), For love, Lit up, Sweetness and light, Thoughtforms, Hypocrite (einer der besten Songs der Welt), De-luxe… 

Mein (zweit-)größter Lush-Wunsch wäre, die Band spielte im Rahmen der Reunion alle Lieder live. Die Mad love EP ist erledigt, Split zum großen Teil. Aber das ist wie gesagt eigentlich auch egal. 

Die ersten drei Zugaben Stray, Desire lines und Leave me cold standen exemplarisch für das Konzert. Nur Desire lines war eine Single. Andere Künstler spielen in Zugaben gerne erst einmal etwas Abwegiges (oder Neues), danach aber die Publikumsschmeichler, die großen Hits. Lush lösen das anders. Auch beim letzten Stück: nicht Superblast! oder so, Monochrome, auf den ersten Blick unspektakulär, auf den zweiten wahnsinnig toll! 

Out of control von der 2016er EP Blind spot kündigte Miki mit „this is a new song. Normalerweise geht an der Stelle jeder an die Bar.“ Natürlich ging niemand! Ich glaube, hier traut mir niemand zu, objektiv über ein Lush-Konzert zu schreiben. Ein Trugschluß! Das Konzert war ganz objektiv grandios! Und in dreieinhalb Wochen geht es weiter. In love with you!

Auch das Kloß-im-Hals-Thema löste die Band stilvoll. Vor den Zugaben sagte Miki, sie widmeten diese zwei Menschen, natürlich Chris und Justin Welch.

Setlist Lush, Oslo, London:

01: De-luxe 

02: Breeze 
03: Kiss chase 
04: Hypocrite 
05: Lovelife 
06: Thoughtforms 
07: Light from a dead star 
08: Undertow 
09: Lit up 
10: Etherial 
11: Scarlet 
12: For love 
13: Out of control 
14: Ladykillers 
15: Downer 
16: Sweetness and light 

17: Stray (Z) 
18: Desire lines (Z) 
19: Leaves me cold (Z) 

20: Monochrome (Z) 

Links:

- Lush, London, 07.05.16
- Lush, London, 06.05.16
 




 

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