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um
19:19
Konzert: Daughter
Ort: Columbiahalle Berlin
Datum: 14.10.2016
Dauer: 95 min
Zuschauer: ca. 1200
Fotos: Markus Werner
Die Columbiahalle ist gut gefüllt, ganz ausverkauft ist sie nicht. Ich überschlage und komme auf gut 1200 Besucher. Vom Rang habe ich einen guten Blick auf die Bühne, für Fotos ist es aber schon etwas weit von der Bühne weg.
Nachdem ich Daughter im Juli in Montreux gesehen hatte, war ich nach dem Festivalset neugierig auf ein richtiges Konzert.
Daughter ist ein Trio, in dem neben Elena Tonra der Gitarrist Igor Haefeli und der Schlagzeuger Remi Aguilella spielen. Auf der Bühne sind sie zu viert, leider habe ich den Namen der Keyboarderin nicht herausgefunden.
Sie betreten die Bühne und beginnen ohne Umschweife. Daughter brauchen keine Showeffekte, Videoeinspielungen oder extrovertierte Auftritte. Die heftigsten Bewegungen während des Konzerts vollführt von Zeit zu Zeit Igor Hefeli, wenn er sich vor seiner Pedal-Strecke bei kurzen Soli verbiegt. Die Musik zieht mich von sich aus ebenso in den Bann wie die Texte und Elenas Gesang. Mich faszinieren die Wechsel zwischen zerbrechlicher Stimmung und aufbrausenden Klangkaskaden der Titel. Es schwingt viel Melancholie in der Musik, manches stimmt pessimistisch und dennoch finden Daughter in jedem Lied einen optimistischen Dreh, irgendeinen Trick, dass ich immer wieder fröhlich aus den Songs herauskomme und begeistert nach dem nächsten klatsche.
Ich fühle bei Elena Tonra, dass sie Geschichten erzählt, die sie selbst erlebt oder durchlitten hat und meist hat es den Anschein und die Leichtigkeit, dass sie über was auch immer hinweggekommen ist mit ihrer Musiktherapie, aber wer weiß...
Die Lichtstimmung ist über das gesamte Konzert hin sehr dezent und der Musik angepasst und keineswegs Selbstzweck.
Nach dem Konzert in Montreux mit einem 60-minütigen Festivalset erlebte ich hier ein extensives Konzert mit den Songs der beiden letzten Alben.
Elena war an diesem Abend nach eigenem Erzählen von Erkältung geplagt, ließ sich nichts anmerken und verschwand nur einmal hinter die Bühne, so dass Igor bemerkte "the singer is missing“. Den stressigsten Job des Abends hatte der Gitarren-Guy, der zwischen den Songs fast immer mit 2 Gitarren unterwegs war, eine für Igor und eine für Elena. So bekam auch er einiges mit wie das Publikum die Band feierte.
Webseite Daughter
Setlist
01. New Ways
02. Numbers
03. Alone/With You
04. How
05. Tomorrow
06. Winter
07. Doing The Right Thing
08. Mothers
09. Love
10. No Care
11. To Belong
12. Human
13. Youth
14. Smother
15. Shallows
16. Medicine (Z)
17. Fossa (Z)
Aus unserem Archiv
Daughter, Montreux, 12.07.16
Daughter, Barcelona, 02.06.16
Daughter, Maifeld Derby, 05.06.16
Daughter, Köln, 31.01.16
Daughter, Larmer Tree Gardens, 31.08.13
Daughter, Mannheim, 31.05.13
Daughter, Frankfurt, 16.04.13
Daughter, Köln, 08.04.13
Daughter, Brüssel, 04.04.13
Daughter, Luxemburg, 10.11.12
Daughter, Paris, 07.11.12
Daughter, Haldern, 11.08.12
Daughter, Haldern, 11.08.12
um
16:22
Konzert: John Grant
Ort: Postbahnhof in Berlin
Datum: 26. November 2015
Dauer: 95 min
Zuschauer: etwa 1000
All die herrlichen Bilder sind von Markus.
John Grant ist ein musikalisches Schwergewicht. Trotzdem hatte ich vor diesem Abend meinen Fokus nie wirklich auf seine Musik gerichtet. Statt dessen war er am Rande meines Sichtfeldes mehrfach bedeutungsschwer vorbeigehuscht als überraschender Kollaborator. Und als eine Person, die selbstreflektiert und sympatisch redet. Ich musste nicht lange nachdenken, ob ich Lust hätte, mir ein Konzert von John Grant am Rande meines Berlinbesuches anzusehen. Auch wenn das Venue mit 1000 Leuten schon an der oberen Grenze meines eigenen Wohlfühlbereiches lag. Worauf ich mich schon im Vorfeld sehr freute war, dass ich dafür im erprobten Doppel mit Markus unterwegs sein würde und es deshalb endlich wieder einen Bericht mit seinen fantastischen Bilder geben würde.
Obenauf kam dann noch ein zufälliges Treffen mit Jana von Rockzoom, die ich bisher nur virtuell gekannt hatte.
Der Postbahnhof war ausverkauft, aber es gelang uns noch gut bis ganz vor die Bühne zu gelangen und ich war im Verlauf des Abends sehr erfreut darüber, dass ich dort recht unbehelligt das Konzert ganz und gar genießen konnte.
Es begann im Dunkeln mit einem vielsprachigen Text - fast wie eine Beschwörung oder ein Gebet. Diese Einleitung endete schließlich in einer Entladung mit ordentlich Lärm, was in meinem Kopfkino einen Flugzeugstart assoziierte. Hier meinte es wohl jemand sehr ernst... Später wurde in den Texten aber auch ordentlich geflucht und sehr zynisch und ironisch die Enttäuschungen des Lebens verarbeitet.

Was mir im ersten Stück Geraldine natürlich sofort ins Herz fiel, war diese unvergleichliche Stimme. Augenfällig daneben die äußere Erscheinung - da stand ein wahrhafter Hüne vor uns auf der Bühne. Beim weiteren umherschauen fanden sich für mich überraschend zahlreiche Minikeyboards, neben einer soliden Ausstattung an Keyboards/Pianos für zwei Personen am linken Bühnenrand. Gleich in der ersten Ansage war klar, dass John Berlin noch immer als eine heimatliche Stadt empfindet, in der er an diesem Abend sehr gern Station machte. Sein deutsch war souverän und wunderbar vieldeutig. Fast brachte es ihn selbst aus dem Konzept, dass er sich eine extra passende Setlist für diesen Tourstop zurechtgelegt hatte und nach zwei Stücken auf einmal nicht recht wusste, wie es nun weitergehen würde.
Zuvor hatte er uns seine Band vorgestellt: Den Briten Chris Pemberton an den Tasten, Jakob Smári Magnússon aus Island am Bass, das britische Urgestein Budgie am Schlagzeug und an der Gitarre (direkt vor mir) Pétur Hallgrímsson aus Island. Alle diese Männer haben schon ordentlich eigene Musikgeschichte geschrieben, aber am auffälligsten blieb für mich am Abend der Mann an den Drums, denn er hatte einen unvergleichlichen Stil, die Knie fast bis zur Brust federnd, die Schultern kurz unter die Ohren hochgezogen und mit einer Energie und dabei doch ganz leicht, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Mehrfach arbeitete er an dem Abend sogar im Stehen.

Tatsächlich war die kurze Frage an sich selbst - wie es nun weitergehen sollte - ganz berechtigt. Nachdem er für die ersten zwei Songs vorn gestanden und ins Mikro gesungen hatte, war sein Platz für It doesn't matter to him am Piano direkt gegenüber von Chris Pemberton. Eine besondere und intime Stimmung entstand so, die für mich zu den Stärken des Abends gehörte. Auch wenn später immer wieder lustige Tanzbäreinlagen zu Mayor-Tom-Raumschiffmusik und Glamrocknummern wie You and him diese Andacht brachen und aufmischten.

Im Herzen blieben mir doch am tiefsten Grey tickles, das er allein am Piano begann und in einer Klangorgie münden ließ und das unfassbar intensive Glacier, das auch ringsum textsicher mitgesungen wurde. Die Greatest motherfuckers waren dann uns allen gewidmet und es gab ein schmissiges Ende mit Disappointing bei dem im Text sogar schubidi schubidubabab nicht zu albern klang. Der Saal tobte und verlangte natürlich nach Zugaben. Davon gab es reichlich und für jeden Geschmack: erst zweimal funky und dann noch zwei Balladen. Beschwingt und froh, diesen besonderen Musiker nun auch live kennengelernt zu haben wandte ich mich gen Ostbahnhof mit seinen Zeilen im Kopf
This pain
It is a glacier moving through you
And carving out deep valleys
And creating spectacular landscapes
And nourishing the ground
With precious minerals and other stuff
So, don't you become paralyzed with fear
When things seem particularly rough
Setlist:
01: Geraldine
02: Down here
03: It doesn't matter to him
04: Pale Green Ghosts
05: Snug slacks
06: You and him
07: Guess how I know
08: Grey tickles
09: Glacier
10: Queen of Denmark
11: I wanna go to Marz
12: GMF
13: Disappointing
14: Voodoo doll (Z)
15: Black Belt (Z)
16: Drug (Z)
17: Caramel (Z)
Fünf Songs vom Berliner Konzert
Tourdaten John Grant
15.11. La Cigale, Paris
17.11. Botanique, Brüssel
20.11. Den Atelier, Luxemburg
21.11. Kaufleuten Klubsaal, Zürich
24.11. Bürgerhaus Stollwerck, Köln
25.11. Uebel & Gefährlich, Hamburg
26.11. Postbahnhof, Berlin
Aus unserem Archiv:
John Grant, London, 07.09.11
John Grant, Paris, 14.06.10
Bericht des Guardian zum Londoner Konzert am 13.11. 2015
um
11:52
Konzert: Lisa Morgenstern
Ort: Grüner Salon (Volksbühne) in Berlin
Datum: 2. April 2015 (Gründonnerstag)
Dauer: 80 min
Zuschauer: knapp 60
All die wunderbaren Fotos sind von Markus (vielen Dank!)
I survive it all (aus Amphibian)
Genau an diesem stilvollen Ort hatte ich Lisa Morgenstern im September 2014 erlebt und mich von ihrer Performance überwältigen lassen. Als sich erneut die Möglichkeit bot, habe ich nicht arg lange überlegt. Obwohl es natürlich ein Risiko gab, dass es - zumindest in Teilen - Enttäuschung geben könnte, nachdem das erste Erlebnis so einzigartig grandios gewesen war.
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Was schwerer wog: Ich hatte einen Karlsruher Begleiter angestiftet. Ich war mir sicher genug gewesen, dass sich die Fahrt für ihn lohnen würde. Natürlich fuhr auch die stille Hoffnung mit, dass wir anschließend ein bewegendes Erlebnis teilen würden, von dem wir noch lange mit glänzenden Augen reden würden. Nun ist schon ein Monat vergangen seit wir wieder zurück im badischen sind und der Bericht musste immer wieder "auf morgen" warten, auf die ruhige Minute, die sich nicht finden wollte. Tatsächlich haben wir in der Zeit öfter und gern von unserer Reise gesprochen und von diesem facettenreichen Abend im Grünen Salon - wenn auch etwas anders, als ich bei der Planung vermutet hatte.
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Aufgeboten wurde im grünen Salon am Gründonnerstag neben Lisa Morgenstern und dem herrlichen Flügel auch die beiden inzwischen schon erprobten Bühnengefährten Benni Cellini am Cello und Katharina Parczyk an der Geige und als zweite Stimme. So wie auch schon im September - da war es die Premiere der Trio-Besetzung gewesen. Auffällig anders war diesmal tatsächlich das Publikum (jünger und "gothischer") - vielleicht auch wegen der späteren Anfangszeit. Uns kam es gelegen, dass es erst 21 Uhr begann, weil wir damit mehr Zeit für unsere Anreise hatten, die wir gut gebrauchen konnten. Als es aber dann 21:15 Uhr wurde und es noch nicht losging, wurde es doch etwas unruhig im Zuschauersaal. (*)
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Mit Under Water begann schließlich das Konzert und hatte mit den sich anschließenden Liedern Hairy moon und My Room die gleiche Eröffnung wie im September. Aber die Stimmung war seltsam unklar und wie ver-rückt. Lisa erschien mir wie nicht ganz anwesend - oder nur anwesend für den Flügel aber nicht für das Publikum. So gab es kein Fenster für Applaus bis nach My Room, wo Teile des Publikums die Stummheit nicht mehr aushielten. Auch später hatte ich manchmal das Gefühl, es wurde in die noch gehaltene Spannung "hineingeklatscht", um ganz sicher "zu Wort" zu kommen.
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Was auch bedeutet: Das Publikum mochte das musikalische Programm und wollte auch die Künstlerin ein Stück mit tragen in einer Situation, die anscheinend irgendwie schwierig oder nicht so gut beherrschbar für sie war. In der ersten Ansage fragte sie das Publikum, ob alle deutsch sprächen. Und hätte wohl eine genügend große Gruppe an Ausnahmen zum Anlass genommen, englische Ansagen auszuprobieren, die für das erste Konzert in Belgien am Karsamstag notwendig werden würden.
Unser Aprilprogramm fand seine Fortsetzung in Kannibalische Gourmet und vermied damit und mit den sich anschließenden Stücken die totale dramatische Eskalation vor der Pause. Das war natürlich nur relativ zum Programm im September spürbar und fühlte sich für die anderen im Saal sicher als Zunahme der dramatischen Spannung an. Für mich war die Konstruktion der ersten Halbzeit damit jedoch schaumgebremst und in der Pause fragten wir uns schon ein bisschen besorgt, was wohl los sei.
Gibt es doch noch Probleme mit der Hand - das war im Winter ein übles Thema gewesen? Wir rangen um das rechte Wort für unser Gefühl, aber waren uns dann einig: Der Abend war bisher ein bisschen wie das Cello von Benni Cellini: die Umrisse sind erkennbar und sind kunstvoll, aber es fehlte das "Fleisch", das uns im September so atemlos zurückgelassen hatte.
Die Knaller und Balanceaktstücke kamen diesmal im zweiten Teil: Amphibian, Eskalation und schließlich auch - fast erlösend - Lieber Tod, das mich immer wieder neu bestürzt und erhebt und glücklich macht. Lisa war mit einem Gin Tonic auf die Bühne zurückgekehrt und begann mit einer dramatischen Improvisation am Flügel. Dann erbat sie sich sozusagen eine Billigung des Publikums für einen von ihr selten gewählten Ausweg aus verzwickten Übeln - Alkohol.
Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich das wirklich entspannend auswirkte, aber die wahre Messlatte, ob es ein gutes Konzert war, ist wohl, ob es denen etwas gab, die die Musik von Lisa Morgenstern an diesem Abend zum ersten Mal live erlebten. Und da war mein Karlsruher Begleiter klar positiv - übrigens auch das restliche Publikum, die sich noch eine Zugabe erklatschten und auch danach noch mehr gewollt hätten aber wohl sahen, dass die Künstlerin nicht glücklich war und gern über die Ziellinie gehen wollte.
Unser Fahrt nach Berlin hatte sich wirklich gelohnt - aber das nächste Mal müssen wir uns doch mal in der Dreikönigskirche in Dresden treffen!
Setlist:
01: Under Water
02: Hairy moon
03: My Room
04: Kannibalische Gourmet
05: Sonnet 1 (vs. Mondscheinsonate)
06: Celene
07: Bury me
- Pause -
08: Impro
09: Amphibian
10: Eskalation
11: Allegro con Fuoco
12: Sweet Dreams
13: Lieber Tod
14: Farewell
15: Metamorphoses Intro + Spiral Tongue (Z)
(*) Der Grund für den nach hinten verschobenen Beginn war ganz nachvollziehbar, dass die Aufführung auf der Hauptbühne nicht gestört werden sollte.
Aus unserem Archiv:
Lisa Morgenstern, Freiberg, 29.10.14
Lisa Morgenstern, Berlin, 14.09.14
Widerhall:
Interview
Liederlich Interview
um
22:28
Konzert: Lisa Morgenstern
Ort: Grüner Salon (Volksbühne), Berlin
Datum: 14. September 2014
Dauer: 105 Minuten
Zuschauer: knapp 100
Alle die wunderbaren Fotos sind von Markus
Wie ich über diesen Abend im Grünen Salon reden oder gar schreiben könnte, ist mir auch zwei Tage danach nicht klar. Noch taste ich und spüre Wellen in mir schwappen, die sich nicht abschwächen - schwimme beim deuten und werten in Gewässern, für die mich keine Erfahrung genügend vorbereitet hat. Es dämmert mir, ich kann nicht warten, dass sich DAS klärt, sondern muss davon jetzt irgendwie erzählen. Zum Glück gibt es ja auch noch sprechende Fotos von Markus.
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Als ich mich entschied, für das Konzert nach Berlin zu fahren, hatte ich mir natürlich ein besonderes Erlebnis versprochen. Seit ich das Dresdner Konzert im Januar ganz knapp hatte sausen lassen müssen, hatte ich ein Ziehen im Herzen. Nun sollte es endlich Frieden finden. Andererseits hatte ich mir selbst aber auch gut zugeredet, mir nicht zu viel zu versprechen. Diese Musik fordert mich. Zu Hause kann ich das steuern und mich notfalls entziehen, wenn es Überforderung wird. Aber live muss ich mich ausliefern. Und muss außerdem sehen und erleben, wie sich die Künstlerin ihren Liedern und dem Publikum hingibt. Wie sie sich dabei entblößt und verwundbar macht und vielleicht auch verwundet. Nach meiner Erfahrung ist das für derartig kraftvolle und aufrichtige Musik ein Drahtseilakt - oder um ihre eigenen Worte zu benutzen - ein Seiltanz mit Schirmchen im Sturm.
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Grandios wenn man miterleben könnte, wie es klappt, aber welche Wahrscheinlichkeit hat dieser Ausgang? Vor allem, wenn das von einer Frau gewagt wird - es erzähle mir keiner, dass die Rolle nicht mit ordentlich Gepäck beladen kommt, das leicht zum Stein um den Hals werden kann. Zu einfach bieten sich Zuschreibungen an, die erschreckend tief in uns allen sitzen. Und - ein Gelingen des Experiments würde mich am Ende ganz persönlich in Frage stellen, wenn ich mich scheue, mich selbst so zu exponieren. Es würde auf allen Seiten mit hohem Einsatz gespielt werden...
Lisa Morgenstern war Anfang November 2013 auf meinem Radar aufgetaucht. Das Album Amphibian hatte ich gerade noch so über die Crowdfunding Kampagne bekommen und es hatte einen Volltreffer in meinem Herzen gelandet. Seitdem verfolgte ich aus der Ferne, was künstlerisch passierte und darüber ist mir die Person Lisa Morgenstern (soweit ich sie virtuell kennenlernen konnte) ans Herz gewachsen. Mehr noch - sie hat sich meinen Respekt erworben. Aber was mich nun wirklich an dem Abend in Berlin erwarten würde? Versprochen war neue Musik und ein langer Abend. Geboten wurde neben dem inzwischen schon erprobten Bühnengefährten Benni Cellini am Cello auch als (glücklich gelungene) Premiere Unterstützung von Katharina Parczyk an der Geige und als zweite Stimme.
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Der grüne Salon selbst gefiel mir sehr gut. Alle Personen waren so nett und entspannt. Der Raum gerade noch plüschig genug, um als Salon gelten zu dürfen und sehr einladend für die Art Musik, die ich mir für den Abend vorstellte. Auf der Bühne gab es einen großen Bechstein Flügel, einige Mikros und das Cello (es fand sich dann auch noch ein zweites Cello-ähnliche Instrument, das ich erst gar nicht wahrgenommen hatte). Under Water - der erste Track auf Amphibian eröffnete den Abend (außer Nocturne wurden im Verlauf des Programs alle Lieder des Albums geboten und außerdem alle Stücke der EP Hairy Moon). Es bot gleich die Möglichkeit, sich in den wunderbar satten Flügelklang zu versenken. Freundlich plätscherndes Wasser. Nicht ganz ohne Untiefen. Als später die Stimme einsetzte, war sie in den tiefen Lagen oft fast außerweltlich - streng, fest und manchmal auch verfremdet durch fast mystisch anmutenden Kehlkopfgesang. Sie würde in Celene den Mond als Freundin ansprechen, sie würde raunen, betören und beschwören. Schlaflosen und quälenden Nächten hinterherrufen. Bei Eskalation kreischen und schreien: verletzt, wütend und unendlich traurig. Benni verließ theatralisch Türen schlagend den Raum. Das saß! Anschließend wurde - nur äußerlich leis - eins drauf gesetzt - Lisa beging drastische Selbstzerfleischung in Kannibalische Gourmet (der erste Titel des Abends mit deutschem Text). Und doch hat dieses Lied auch das kraftvolle und tänzelnde Lalala, das ich unversehens noch Tage hinterher vor mich hinsumme...
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Markus und ich waren uns in der Pause einig: ein toller, ein einzigartiger Abend. Einer, der aus allen Schubladen krachend ausbricht. Aber im zweiten Programmteil wurde es noch eine ganze Spur expressiver. Vielerlei Abschiede wurden durchgestanden. Ein wunderbares Sweet dreams zelebriert. Bury me - voller stampfender Rhythmen und Chöre. Und dann schließlich ... Lieber Tod. Erst kürzlich hatte ich etwas neidisch einen Konzertbericht gelesen darüber wie bei einem Freund an das tiefste und innerste geklopft worden war. Und unversehens war ich nur wenige Tage später selbst an einem solchen Punkt. Unfassbar ergriffen und ein Körper gewordenes OH. Vibrierend und doch erstarrt und fassungslos. Das wohlvertraute Stück hieb mich live komplett aus dem Gleichgewicht.
Und auch Lisa musste danach erst wieder ankommen, um als Draufgabe neue Stücke zeigen zu können. Beispielsweise einen Traurigen Sonntag in der großartigen Tradition von Gloomy Sunday als Finale zu setzen, das es in sich hatte. Wir zollten den ihr zustehenden Applaus und wollten zu gern das Ende noch etwas herauszögern. Und zum Glück gab es noch eine allerletzte Zugabe.
Was für ein Abend! Was für eine Frau! Ich kann - ganz egoistisch - nur hoffen, dass sie diese Strahlkraft in sich stärken und bewahren kann und ihren Weg Schritt für Schritt findet.
Setlist:
01: Under water
02: Hairy moon
03: My room
04: Celene
05: Allegro con fuoco
06: Eskalation
07: Kannibalische Gourmet
08: Amphibian
- Pause -
09: Metamorphoses
10: Sonnet 1
11: Sweet dreams
12: Bury me
13: Farewell
14: Lieber Tod
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15: Spiral tongue (Z)
16: Lied vom traurigen Sonntag + Gloomy sunday (Z)
17: Silence (Z)
Tourdaten
25.09. Hannover Feinkost Lampe
26.09. Hamburg Kulturgold Sichtbar
29.10. Freiberg ePIzentrum
Widerhall:
Bayreuth, 22. November 2013 (Marcus Rietzsch)
Dresden, 3. Januar 2014 (Edith Oxenbauer & Marcus Rietzsch)
Interview, 9. April 2014 (Joinmusic)
Pledgekampagne für das Album Amphibian
um
16:53
Konzert: Neujahrskonzert mit Dear Reader und Einar Stray
Ort: Volksbühne in Berlin
Datum: 1. Januar 2014
Dauer: 70 min + 90 min
Zuschauer: etwa 700 (ausverkauft)
Alle Fotos Richtung Bühne von Markus - vielen Dank!
What we want and what we need are not always agreed.
Einar Stray und Dear Reader am gleichen Abend in einem wunderschönen Theater an einem Tag, wo ich sowieso Urlaub habe - das klingt eher nach einer Wunschvorstellung geboren in einer übermütigen und trunkenen Silvesternacht. Wie könnte ich so eine wunderbare Einladung also ausschlagen? Dazu noch in der Begleitung des genauso vorfreudigen und zum fotographieren ausgerüsteten Markus. Freilich mussten auch ein paar Kleinigkeiten organisiert werden. Karlsruhe liegt nun einmal ganz schön weit weg von Berlin und die Familienreisepläne kamen auch nur auf 3 Std. Autoentfernung an die Volksbühne heran. Umso schöner war es schließlich, mit Markus ganz nah vor der Bühne zu sitzen und zu wissen: Gleich geht es wirklich los.

Beim Hereinkommen in den Theaterraum der Volksbühne hatte mich schon der Geruch ganz sentimental gemacht. Dieser Bühnenstaub-unter-Scheinwerferbeschuss-Gestank meiner Jugend, wo ich noch regelmäßig jeden Monat je einmal im Theaterabo und einmal im Konzertabo (immerhin im Deutschen Nationaltheater in Weimar) "dran" war an den Brettern, die die Welt bedeuten. Zu diesem wohligen Gefühl trug auch bei, dass vor Beginn des Konzertes geläutet wurde und es tatsächlich ganz pünktlich begann.
Einar Stray mit seinen mir schon aus Köln bekannten Mitmusikern an Geige, Cello, Schlagzeug und Bass begrüßten uns mit einem Streicherintro im Dreiertakt, in das nach und nach erst das Schlagzeug, dann der Bass und schließlich Einar Stray mit Piano und Gesang einstimmten. Es hielt ihn kaum auf seinem Klavierhocker, statt dessen musste er tanzen und sich biegen und unter dem Mikro durchtauchen. Ihm gemäßer waren da die Stücke, wo er den Hocker verlassen durfte und E-Gitarre spielte. Endlich Bewegungsfreiheit!
Die CD Chiaroscuro und die EP For the country laufen bei mir sehr häufig und so waren mir viele der Stücke sehr vertraut. Die Faszination der Livedarbietung lag darin, einerseits die lieb gehaltenen Stücke zu hören (und mit ahhhh im Herzen zu erkennen in den ersten Takten), aber dann doch ganz neu gekleidet oder auf die Spitze getrieben zu finden. So war Caressed deutlich getriebener als gewohnt und Chiaroscuro expressivst auf die Spitze getriebene Essenz des Stückes.

For the country war der erste Moment, in dem ich dachte: Wow, dafür allein hat sich die Anreise gelohnt. Fast nur a capella Satzgesang und eine Strenge und zugleich Milde in diesem desillusionierenden Text auf die Musik übertragen. Da standen uns allen die Tränen in den Augen. Und auch im letzten Stück Teppet Faller, was auf Platte schon die Länge zweier Stücke hat um genug Zeit zu haben in einer explosiven Entladung zu enden, wurden alle ans Herz gewachsenen Stärken des Songs auf der Bühne potenziert. Es ging lange sehr still und rein instrumental - harmonisch und innig zu. Man fragte sich schon ein Stück weit, ob sie uns wirklich so harmlos aus dem Set entlassen wollten.

Aber am Ende wurde einem alles um die Ohren gehauen und ein Schlusspunkt gesetzt, wo eine Bitte um Zugabe wie Tabubruch erschiene. Die andere Faszination des Konzertes war die Freude, ganz neues Material zu hören und z.B. mitzusingen: Will I die inside before I die? Diese Stücke machten alle große Lust auf ein neues Album 2014!
Einar Stray war sehr zurückhaltend mit Ansagen, aber offensichtlich ein Stück weit gerührt darüber, in so einem schönen Saal das Konzertjahr 2014 beginnen zu können. Das Publikum begleitete das ganze Set enthusiastisch mit Applaus und so waren alle nach den 70 Minuten sehr zufrieden und glücklich.
Schade war allerdings, dass in der Abmischung der Musik das Schlagzeug als klarer Sieger hervorging, und es zu häufig die Frauenstimmen und sogar das Keyboard überdeckte. Die filigrane Musik von Einar Stray kam so ziemlich unter Wert verkauft im Publikum an.
Setlist Einar Stray:
1: Alexander
2: Caressed
3: Polytricks (neu)
4: ?? (neu)
5: Chiaroscuro
6: For the Country
7: Pockets full of holes (neu)
8: Montreal (neu)
9: We were the core seed
10: Teppet Faller
Ein Aspekt des Konzertortes, der mir sehr gut gefiel, war, dass man im Foyer der Volksbühne sehr gut seine Zeit verbringen konnte. Eine 20 min kurze Pause hätte ich unter normalen Umständen euphorisch begrüßt, aber hier war es fast zu kurz als Gelegenheit, Leute zu treffen und sich umzusehen. Aber schließlich freute ich mich ja auf Dear Reader und war sehr gespannt, welches Programm sie für uns vorbereitet hatten. Am Ende waren es natürlich wieder überwiegend Lieder vom aktuellen Album Rivonia, aber der Anteil der anderen zwei Alben war mit vier Songs vom ersten und drei vom zweiten Album überdurchschnittlich im Vergleich zu meinen letzten Konzerterlebnissen.
Dear Reader erschienen sichtlich stolz und gerührt auf der Bühne. Alle hatten sich grau, silber glitzernd und schwarz gekleidet, was sehr elegant aussah. Cherilyn MacNeil sprach wie gewohnt viel - viel auf deutsch und manchmal lieber englisch und ab und zu war sie doch zu aufgeregt, um ihre Ansage pointiert zu Ende zu bringen. Aber genau das liebe ich an ihren Konzerten. Sie wirkt so unverstellt und nahbar und ganz und gar zu Hause auf der Bühne. Begleitet wurde sie in Berlin wieder von Emma Greenfield mit Trompete und Gesang, die warme Männerstimme von Sam Vance-Law war dabei, der auch Geige spielte, Thomas Fietz am Schlagzeug und Michael Vinne am Bass (und Gesang!).
Die Abmischung des Sounds war hier tadellos. Das ganze Set war eine einzige Freude für mich. Die Stimmen, das Strahlen der Trompete, das klug eingesetzte Schlagzeug und die Spielfreude aller beteiligten waren auf den Punkt präsent. Besonders emotional nahm mich - wie eigentlich immer - Victory mit. Wonach man sich schon fragt, wozu sie alle die Instrumente mitbringen, wenn allein der Gesang so viel vermag. Cherilyn drückte das nach dem tobenden Applaus auch so ähnlich aus begleitet von ihrem unnachahmlichen Lächeln.
Persönliche Highlights waren für mich außerdem Dearheart - da ging mir schon bei der einleitenden Basslinie das Herz auf! Es war auf einen Platz weit vorn im Set gerückt, was sicher auch als Geschenk ans Publikum gemeint war. Das Lied vom Wal mit dem verrückten Akkordeonrutscher am Anfang ging mir auch wieder ordentlich in die Beine und ins Herz. Der Monkey am Ende der regulären Setlist wurde ordentlich durchgerockt, was ihm gut bekam.
Die drei Zugaben waren dann den Beziehungsliedern reserviert. Da fiel mir auf, wie besonders es doch eigentlich ist, ein Set zu haben, wo es um mehr als das Herzensdurcheinander zwischen Menschen geht (was sich natürlich auch nicht erschöpft und uns im echten Leben ja auch ordentlich beschäftigt - ich will das nicht trivialisieren).
Was blieb nach satten drei Stunden voll schönster Musik an diesem Neujahrsabend: ein übervolles Herz, Freude darüber, dass ich mich auf den Weg gemacht hatte und Dankbarkeit an alle Zuhörer, die genauso gebannt und fasziniert wie ich das Konzert genossen hatten. Wir ließen den Abend noch im Foyer ausklingen und fragten uns, welcher Konzertabend 2014 wohl dieses Neujahrskonzert toppen würde.
Setlist Dear Reader:
1: 27. 04. 1994
2: Down under, mining
3: Dearheart
4: Mole
5: Good hope
6: Man of the book
7: Whale
8: Took them away
9: Cruelty on Beauty on
10: Back from the dead
11: Victory
12: Already are
13: Great white Bear
14: Monkey
15: Left the ground
16: What we wanted
17: Bend
Aus unserem Archiv:
- Einar Stray, Köln, 20.06.2013 (Gudrun)
- Dear Reader, Rüsselsheim, 13.07.2013 (Christoph)
- Dear Reader, Freiburg, 21.05.2013 (Gudrun)
- Dear Reader, Stuttgart, 13.05.2013 (Jens)
- Dear Reader & Herrenmagazin, Freiburg, 13.11.2012 (Gudrun)
- Dear Reader & Get Well Soon, Düsseldorf, 04.10.2012 (Ursula)
- Dear Reader & Get Well Soon, Düsseldorf, 04.10.2012 (Gudrun)
- Dear Reader, Mannheim, 19.05.2012
- Dear Reader, Wiesbaden, 24.01.2012
- Dear Reader & Laura Gibson, Paris, 18.01.2012
- Dear Reader, Weinheim, 16.09.2011
- Dear Reader, Frankfurt, 11.09.2011
- Dear Reader & Ramona Falls, Wien, 08.10.2009
- Dear Reader & Ramona Falls, Marburg, 06.10.2009
- Dear Reader & Ramona Falls, Düsseldorf, 28.09.2009
- Dear Reader, Haldern, 15.08.2009
- Dear Reader, Berlin, 07.08.2009
- Dear Reader & Get Well Soon, Paris, 06.05.2009
- Dear Reader & Get Well Soon, Nijmengen, 25.04.2009
- Dear Reader, Köln, 18.04.2009
- Dear Reader, Paris, 19.02.2009
- Dear Reader & Sophie, Köln, 12.02.2009