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Mittwoch, 13. Februar 2013

Dinosaur Jr., Frankfurt, 12.02.13

6 Kommentare

Konzert: Dinosaur Jr.
Ort: Batschkapp, Frankfurt
Datum: 12.03.2013
Zuschauer: ausverkauft
Dauer: Dinosaur Jr. gut 90 min, Trümmer 35 min



Auch in der Ruhe zu Hause höre ich kein Dauer-Piepsen, meine Ohrenschützer haben gute Dienste getan! Puh! Es war laut in der Batschkapp, es war sogar verflucht laut, Dinosaur Jr. spielten vermutlich eines der lautesten Konzerte, die ich bisher gesehen habe (unangefochtene Nummer eins sind immer noch die Charlatans, denen ich nie solchen Lärm zugetraut hätte). J Mascis und Co. sind bekannt für brachial lärmende Shows, ich war also gut vorbereitet und hatte die heftigsten Filter in meine Ohrstöpseln gepackt. Die hatten Premiere und sollen in vier Wochen dann bei My Bloody Valentine zeigen, was sie taugen.


Um acht begann mit Trümmer das Vorprogramm. Es ist gerade in der deutschen Indieszene in, sich kurze (sprich zweisilbige) Bandnamen zu geben. Messer, Zucker, Trümmer... Über Zucker, das Hamburger Duo, das ich als Support der Sterne kennengelernt habe, und deren damals einzige Veröffentlichung, eine Split-Musikkassette hatte ich den Namen Trümmer zum ersten Mal aufgeschnappt. Die dreiköpfige Band stammt aus Hamburg und besteht aus Sänger und Gitarrist Paul Pötsch, Bassist Tammo Kasper und Schlagzeuger Maximilian Fenski. Die Vornamen der drei lassen schon auf ihr Alter schließen (post-Kevin), Trümmer sind sehr jung. Vielleicht spiegelt sich das ein wenig in ihren Texten wider, die enthielten mir zu viele Textbaustein-Floskeln, musikalisch merkte man der Band ihre Jugend zumindest nicht im negativen Sinne an, Trümmer klangen enorm gut - reif, als stünden sie bereits seit sehr vielen Jahren auf der Bühne. Auch wenn ich es nicht gewußt hätte, ich hätte die Musiker in Hamburg angesiedelt, auch wenn sie eine Ecke rockiger und schneller spielten als die bekannten Hamburger Schule Bands. Am meisten Spaß machte mir - gute Musik hin oder her - das Gesicht von Schlagzeuger Maximilian! Der Trommler bewegte seinen Mund so intensiv, als singe er mit. Machte er aber nicht, er bewegte den Mund anders als Paul. Entweder kostet Trommeln so viel mehr Luft, daß er sehr intensiv atmete, oder Maximilian sang irgendwelche anderen Lieder während des Schlagzeugens. Es sah jedenfalls herrlich aus!


Niedlich waren die winzigen Lautstärker, die Trümmer dabei hatten. Strenggenommen hatten die normale Größen, neben den imposanten Boxentürmen der Hauptgruppe wirkten die Trümmer-Verstärker aber wie Stecknadelköpfe auf einen Fußball! 


Nach 35 Minuten war Schluß, das Equipment von Dinosaur Jr. stand auch schon an seinem Platz, es dauerte also nicht sonderlich lange, bis der Soundmann die Regler ganz hochfahren konnte. Die wichtigste Vorbereitung bestand eigentlich daraus, aus vier hochkant untereinandergelegten DIN A4-Zettels J Mascis' Setlist zurecht zu puzzeln. Auf jedem Blatt standen vier Worte in Schriftgröße 150 Pkt*, zum Beispiel

WATCH
CRUMB
RUDE
THERE



Das war Js 1,20 m lange Setlist, offenbar der miesen Augen des Musikers geschuldet. Krach scheint also auch schlechtsichtig zu machen.

Es war mein erstes Mal Dinosaur Jr., obwohl ich die Band gerne mag. Sie zählt nicht zum engeren Kreis meiner Lieblingsbands, ich mag sie aber viel lieber als einige Kollegen, die ich häufig gesehen habe. Also sind die Amerikaner in den letzten Jahren auf meiner Todo-Liste immer weiter nach oben geklettert. Trotzdem hätte ich vielleicht bei Alternativen auch diese Gelegenheit versäumt, weil ich mir (unterbewußt) wahrscheinlich nicht vorstellen konnte, wie mir eine Band, die dermaßen brachial-laute Konzerte spielt, live Spaß machen kann, auch wenn ich sie auf Platte mag. Laut ist ja eigentlich immer gut, aber anstrengend laut kann viel Spaß nehmen.


Dinosaur Jr. spielen seit einigen Jahren wieder in der ursprünglichen Besetzung (J Mascis, Lou Barlow, Murph). Alle drei sind sehenswerte Erscheinungen. Murph, der Schlagzeuger, kam in T-Shirt und Badeshort auf die Bühne, deren zur Schleife gebundenes Zugband er erst einmal wieder öffnete, als er hinter seinem Instrument saß. Er ließ sie aber an, obwohl es kurz anders aussah. Mit seiner Glatze und den Strandklamotten könnte er auch bei Right Said Fred oder am Ballermann beschäftigt sein. Sobald es jeweils losging, drosch er so energisch und fachlich perfekt (soweit ich das beurteilen kann) auf seine Trommeln ein, daß der Malle-Look gar nicht weiter auffiel. Vor den Zugaben verschwand er noch einmal kurz hinter die Boxenwände (alleine deshalb sind die eine geniale Idee!), als seine beiden Kollegen schon wieder ein wenig losschrammelten, und holte sich etwas zu essen, das er dann energisch im Mund verarbeitete. Meine Lieblingsszene ansonsten war seine Suche nach immer mehr Drumsticks. Er suchte suchte sich irgendwann einen neuen Stoß Stöcke aus einem Depot hinter den Verstärkern, testete die kurz und verteilte sie. Das waren sicher zehn Paar Sticks. Sein Roadie brachte aber sofort noch einen ganzen Schwung Nachschub. Bei einer Omma hätte man gesagt "Nachkriegsgeneration hortet gerne", hier erschien es schwer erklärbar, weil Murph nicht so viele Sticks durchprügelte, aber warum auch nicht. Die stammen sicher aus klimaneutralem Anbau.


Lou Barlow sieht wie ein nach der Geburt getrennter Zwilling von Markus Acher (The Notwist) aus mit seinem wilden Lockenkopf und dem Vollbart. Der Notwist-Frontmann geht zwar live auch aus sich heraus, sein amerikanischer Zwilling sticht ihn aber locker aus. Bassisten sind durch ihr Instrument (glaube ich laienhaft) ja nicht unbedingt prädestiniert, wild über die Bühne zu hüpfen. Lou spielt zum einen den schnellsten Bass, den ich seit langem gesehen habe - seine linke Hand raste über die Saiten - er hüpfte auch so wild über die Bühne, daß meine Fotos von ihm alle wie langzeitbelichtete Autoscheinwerfer aussehen. Ein paar Lieder sang der Bassist alleine, ein paar gemeinsam mit seinem Frontmann. Für Ansagen war allerdings Lou Barlow alleine zuständig. "Habt ihr einen Kater?", weil wir so leise waren. "Seid ihr auch heute verkleidet rumgelaufen?" Irgendwann ließ er das, weil das Publikum kaum reagierte, etwas, das ich jetzt öfter beobachtet habe. Die Musiker müssen denken, daß wir sie nicht verstehen.


J Mascis ist das Gegenteil von Lou. Er bewegt sich wenig und behäbig, guckt meistens zwischen Zottelbart und fissiligem Haar nach unten. Die einzig schnellen Bewegungen machen seine Hände - und die sind sehr schnell! Js Gesang war zu hören, er war aber kaum zu verstehen, weil alles um ihn herum so unendlich viel lauter war. Dabei hatten die Roadies vorher die beiden mittleren Monitorboxen zum Publikum gedreht. "Das ist nur Js Stimme" hatten sie erklärt. Beim letzten Soundcheck war das Gesangsmikro darauf auch zu hören, während des Konzerts war der Nutzen aber eher homöopathisch.


J Mascis erinnerte mich an Christopher Lee (er sieht auch ungefähr gleichalt aus). Während des Konzerts aus unmittelbarer Nähe fiel mir aber ein, daß er einem anderen Star fast noch mehr gleicht: Adler Sam aus der Muppet Show! Wahnsinnig gut gefiel mir, daß J offenbar sehr modebewußt ist. Passend zu seinen Turnschuhen hatte er ein brombeerfarbenes Stromkabel in seiner Gitarre stecken - wundervoll! Meine Lieblings-J-Szene war vor dem Beginn eines Stücks, als Murph und Lou bereits loslegen wollten, J auch wie üblich schon ein paar Takte angeschlagen hatte, dann aber ohne irgendeinen Kommentar abbrach, zur Box ging, einen Schluck Wasser trank, zurückschluffte und wieder die ersten Takte des Stücks spielte!

Laut war alles! Besonders laut und schnell wurde es aber, als Lou ein Stück der Hardcore-Band Deep Wound ankündigte, in der er mit J gespielt hat. "Wir waren schnell, wir waren sogar sehr schnell!" - "Heute sind wir zu alt, wir spielen daher ein langsameres Stück", das so langsam war, wie der Abend ruhig.

Und wie war es jetzt musikalisch? Hmmm, keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Meine Ohrhörer steckten so tief drin (der Druck war trotzdem gut zu spüren), daß es musikalisch kein erstklassiges Vergnügen war. Ohne Ohrenschutz wäre es das auch nicht gewesen, das werden die vielen Zuseher ohne Stöpsel im Ohr heute und in den nächsten Tagen merken. Das Konzert war aber trotzdem jeden Cent wert, weil ich meistens geahnt habe, welches Lied gespeilt wurde.

Als ich nach dem Ende meine Stöpsel aus den Ohren genommen habe, beruhigt erfolglos aufs Summen wartete, lief von Band My Bloody Valentine...

Setlist Dinosaur Jr., Batschkapp, Frankfurt:

01: Thumb
02: Almost fare
03: The wagon
04: Don't pretend you didn't know
05: Watch the corners
06: Crumble
07: Rude
08: Out there
09: Feel the pain
10: Training ground (Deep Wound)
11: Budge
12: Start choppin'
13: Freak scene
14: Forget the swan

15: Just like heaven (The Cure Cover) (Z)
16: Sludgefeast (Z)


* (habe ich natürlich ausprobiert, sonst tauchen wir demnächst noch im Visier von Plagiatsjägern oder ähnlichem lichtscheuen Volk auf)



Freitag, 21. August 2009

The Get Up Kids, Frankfurt, 20.08.09

3 Kommentare

Konzert: The Get Up Kids
Ort: Batschkapp, Frankfurt
Datum: 20.08.2009
Zuschauer: fast ausverkauft (600?)
Dauer: 80 min.


Und weiter geht es mit dem Jahr der Reunions... Eine Band, die lange aus meinem aktuellen Musikgedächtnis verschwunden war, sind die Get Up Kids. 2005 aufgelöst, hat sich die Emo-Band in diesem Jahr wiedergefunden und spielt dieser Tage einige Konzerte in Deutschland. Nur in NRW gab es keine Clubkonzerte, also war Frankfurt die nächste Chance - auch für viele andere. Ich habe noch nie so viele Konzertgänger mit riesigen Rucksäcken gesehen, hinter der Theke muß es wie in einem Bergsteiger-Basislager ausgesehen haben. Die Batschkapp verlangte am heißesten Tag des Jahres auch etwa die Kondition, die man vor einer Everest-Besteigung braucht; es war heiß und stickig. Wir entschieden uns also ohne langes Nachdenken dazu die beiden Vorgruppen (mitten in der Woche, wieder einmal eine prima Idee) auszulassen. Schlechtes Timing bescherte uns noch die letzten Lieder der zweiten Band, die mit ihrem Boy-Girl-Gesang wie aus dem Twilight-Soundtrack entsprungen klang.

Um zehn nach zehn tauchten die fünf Get Up Kids auf der nicht durch Gitter abgetrennten Batschkapp-Bühne auf. Holiday von der wohl besten Platte Something to write home about (mit den Robotern) machte den Auftakt und kam schon richtig gut an. Allerdings hatten die ersten Reihen da wohl noch angezogene Handbremsen. Richtig gut wurde die Stimmung erstmals bei Coming clean, dem dritten Lied. Es folgten mit Valentine, Woodson und Dottie drei Knüller nacheinander, bevor die offenbar verantwortungsbewußte Band, die Notbremse zog und die Leute sich abkühlen ließ.

Das vermutlich neue Stück mit den markanten Zeilen "maybe one, maybe two, maybe three", war eine extrem lahme Nummer, hinter die ich in mein kleines Konzerttagebuch ein dickes Minus gemalt habe. Zum Luftholen taugte dieses neue Lied gut, musikalisch war es nichts. Gut, daß es solche Hits wie Red letter day gibt, die die Stimmung sofort im Anschluß wieder retten konnten. Es war also kein großer Schaden entstanden, das neue Lied untergebracht; sie hatten alles richtig gemacht.

Der Rest des Programms wurde durch Lieder von
Something to write home about bestritten, ab und zu unterbrochen von wenigen Stücken der ersten und dritten Platte. So wäre also vermutlich auch 2000 ein Auftritt der Band aus Kansas City gewesen, wäre ich da zu Konzerten gegangen.

Da keine Stimmungsbremsen wie The one you want oder das neue Maybe-Lied folgten, stattdessen Knüller der Größenordnung Out of reach gespielt wurden, wurde vorne getanzt und geschwitzt, wobei ich mir das Tanzen eigentlich deutlich wilder vorgestellt hatte. Aber mit der Band ist eben auch das Publikum ein wenig gealtert...

Nach gut einer Stunde und 15 Liedern war erst einmal Schluß. Natürlich sollten aber Zugaben folgen; den Auftakt machte dabei das tolle Cure Cover
Close to me, den Abschluß (und dann gab es endlich Crowdsurfer, auf die ich die ganze Zeit gewartet hatte) Ten minutes, das beste Stück des Abends!

Ein großartiges Konzert, daß jeden Liter Schweiß wert war!

Setlist The Get Up Kids, Batschkapp, Frankfurt:

01: Holiday
02: The one you want
03: Coming clean
04: Valentine
05: Woodson
06: I'm a loner Dottie, a rebel
07: vermutlich neu (Textzeile: "maybe one, maybe two, maybe three")
08: Red letter day
09: Campfire Kansas
10: Holy Roman
11: No love
12: Out of reach
13: Action and action
14: Mass pike
15: Walking on a wire

16: Close to me (The Cure Cover) (Z)
17: Don't hate me (Z)
18: Beer for breakfast (The Replacements Cover) (Z)
19: I'll catch you (Z)
20: Ten minutes (Z)





Mittwoch, 29. April 2009

Anna Ternheim, Frankfurt, 28.04.09

7 Kommentare

Konzert: Anna Ternheim
Datum: 28.04.2009
Ort: Batschkapp, Frankfurt
Zuschauer: 500 bis 600 (fast ausverkauft)
Dauer: Anna Ternheim 80 min, The Tiny 20 min


Bei meiner Planung, zu welchem Konzert der aktuellen Anna Ternheim Tour ich gehen würde, war die Frankfurter Batschkapp so etwas wie eine Notlösung, weil mir die Halle für eine solche Art Musik denkbar ungeeignet schien. Vor allem ist die Batschkapp riesig groß und würde sicher nicht ausverkauft sein.

Da hatte ich mich allerdings ordentlich verschätzt. Denn schon recht zeitig schien die Halle fast voll zu sein. Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, daß die Schwedin mittlerweile so bekannt in Deutschland ist. Auch das Kölner Luxor war wohl Montag fast ausverkauft. Ob dieser schreckliche Werbesatz "Blonde Frau - schwarze Seele" so erfolgreich war? Vermutlich haben aber wohl eher Mundpropaganda und der wahnsinnige Suchtfaktor, den die Musik der in New York lebenden Stockholmerin hat, dafür gesorgt, daß ihre Deutschland-Tour so erfolgreich ist. We hate it when our friends become successful? Nein, ganz sicher nicht.

Nach dem Konzert in Nijmegen am Freitag wußte ich bereits, was mich an
Vorgruppen-Programm erwartete. Das schwedische Duo The Tiny, das ich vorher nur als Annas Tour-Band-Mitglieder gekannt hatte, wollte ich unter keinen Umständen verpassen, denn das 20-minütige Set vergangene Woche hatte mich sehr begeistert. The Tiny bestehen aus Ellekari Larsson und Leo Svensson. Ellekari spielt in Annas Begleitband Keyboards, Trompete und singt background; Leo ist Cellist, Backgroundsänger und Säge-Spieler. Bei The Tiny kommt ein Harmonium zu diesem ohnehin schon illustren Instrumente-Spektrum. Und machmal wirkt auch Ellekaris Stimme wie ein weiteres Instrument.

Leider spielten die beiden auch diesmal nur vier ihrer Lieder, obwohl The Tiny bereits zwei Platten (und eine EP) veröffentlicht haben. Und noch einmal leider erscheint das dritte Album des Duos erst "an einem Mittwoch im September", wie sie mir hinterher sagten. Für mein Leben gerne hätte ich das aufregende dritte Lied ihres Sets gleich auf der Rückfahrt wieder gehört. Das Stück
mit dem Refrain "I could not stand losing you" hat mich vollkommen erobert. Immer wieder erinnerten The Tiny mich an Helden wie Kate Bush (fast hätte ich Nash geschrieben), ohne dabei aber einen deutlichen skandinavischen Charme vermissen zu lassen. The Tiny werde ich mir definitiv auch ansehen, wenn sie einmal ohne Anna Ternheim unterwegs sein werden. Aber mit wäre auch nicht so schlecht, davon hätten mich die folgenden achtzig Minuten überzeugt, wäre das denn noch nötig gewesen.

Denn nach fünf ganz unterschiedlich ausgerichteten aber allesamt brillanten Konzerten der Sängerin, mache ich mir keine Sorgen mehr, ob der Abend gut werden würde. Dafür hat Anna Ternheim zu viel Songwriting- aber auch Wiedergabetalent -
und nicht zuletzt einen erobernden Charme, dem sich wohl kaum einer der Besucher entziehen konnte.

Neu im Gegensatz zu dem Konzert vor einer Woche war eine zusätzliche Background-Sängerin. In Stockholm hatte ich dies schon ähnlich erlebt, da hatte Anna Ternheim drei schwarz gekleidete Sängerinnen dabei. Wenn ich das richtig verstanden habe, hieß die Dame Linn Segelson (DIE Linn?).

Das Konzert begann mit den beiden dunklen und sehr schlagzeugintensiven Titeln Terrified und What have I done vom aktuellen Album. Und beide waren deutlich
besser abgemischt als vor ein paar Tagen, sodaß das Schlagzeug Vergnügen und nicht dumpfe Qual war. Natürlich hätte ich What have I done auch zu gerne einmal in der famosen akustischen Version gehört, die als Vorabdownload vor der Platte erschienen war. Aber auch dies hier begeisterte mich wieder sehr. Diese schrecklich traurigen Lieder (zu den erstaunlicherweise mancher sehr fröhlichen Ausdruckstanz zeigte), in düsterem Arrangement in diesem Laden - das machte auf einmal ganz viel Sinn!

Im Prinzip war die Setlist die von meinem letzten Konzert der Schweden, mit zwei Änderungen. Die Reihenfolge der Stücke war eine andere und Better be fehlte in Frankfurt. Ich habe ganz bewußt auf die vielen kleinen Dinge
geachtet, die auf der Bühne passieren, und das lohnt sich. Bis auf den Schlagzeuger wechseln alle Musiker regelmäßig ihre Instrumente. Bei Bassist Patric Thormann ist dies noch wenig spektakulär - er wechselt nur zwischen E- und Kontrabaß. Ellekari singt, spielt Keyboards, pfeift und trompetet bei Black sunday afternoon. Ihr The Tiny Kollege kann da aber noch mehr. Oftmals wechselte er mitten im Stück zwischen Cello, Glockenspiel, Keyboard, Säge und Synthesizer. Meine Lieblingsstelle war die in einem der letzten Lieder, als er den Synthie mit den Glockenspiel-Klöppeln bediente! Und auch er sang viel. Ehrlich gesagt habe ich bei all den singenden Menschen Linn gar nicht rausgehört. Vielleicht lag das aber auch daran, daß mein Blick auf die zusätzliche Sängerin von Anna Ternheim verdeckt wurde.

Weitere unglaublich schöne Momente waren das wundervolle Intro von Lovers dream. Das Lied - vor allem in der Version mit Fyfe Dangerfield von den Guillemots -
habe ich unzählige Male gehört. Allerdings ist die aktuelle Live-Variante die mit Abstand schönste. Dieses gezupfte Cello mit Glockenspiel am Anfang ist umwerfend! Auch das schon erwähnte Black sunday afternoon gehörte zu den unbedingten Höhepunkten! Genau wie I'll follow you tonight ("it's a song about sleeping with people"), das neben Annas Gitarre nur die singende Säge von Leo instrumentierte. Irre! Glockenspiel und Pfeifen bei dem eh sagenhaften I say no, die neuen Enden von My secret und Damaged ones (dieses köstlich schiefe Cello!) oder der Herzschlag am Ende von My heart still beats for you...

Unbestrittene Lieblinge des Abends waren aber zwei andere, eigentlich weniger beachtete Lieder: Summer rain, ohne Mikro, nur von Ellekari und Anna gesungen, mit ganz leider Gitarre und das am Ende von Anna Ternheim rausgeschrieene A french love, bei dem sie zwischendurch einen knallroten Kopf hatte! Natürlich hielt auch in der Batschkapp das ganz ganz leise gesungene Summer rain einige nicht davon ab, laut zu lachen, "Zugabe" zu rufen (während die lief - originell!). Ich hatte währenddessen viele sehr unflätige Schimpfworte im Kopf, die ich aber leider alle wieder vergessen habe (sie waren aber auch wirklich böse).

Ich fürchte, ich kann nicht richtig verbergen, wie begeistert ich war. Die Halle konnte das auch nicht. Und die olle Batschkapp hatte mich mit einem grandiosen Konzert richtig überrascht! Schade, daß die Deutschland-Tour vorbei ist!
*

Setlist Anna Ternheim, Batschkapp, Frankfurt:

01: Terrified
02: What have I done
03: Girl laying down
04: No, I don't remember
05: A french love
06: I'll follow you tonight
07: Lovers dream
08: Damaged ones
09: Black sunday afternoon
10: Let it rain
11: I say no

12: To be gone (Z)
13: My secret (Z)

14: Summer rain (Z)
15: My heart still beats for you (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Anna Ternheim, Nijmegen, 24.04.09
- Anna Ternheim, Stockholm, 08.12.08
- Anna Ternheim, Paris, 01.10.07
- Anna Ternheim, Köln, 26.09.07
- Anna Ternheim, Heidelberg, 25.09.07
- Anna Ternheim, Paris, 31.05.07
- Anna Ternheim, Köln, 12.03.07
- Anna Ternheim, Paris, 12.12.06
- Interview mit ihr in Köln
- mehr Fotos vom Konzert im Doornroosje


* auch wenn meine Fotos den Eindruck erwecken könnten: ich habe mir nicht To be gone in der französischen Version gewünscht (Oublié - auch wenn das toll ist!)...

Donnerstag, 6. November 2008

The Subways, Frankfurt, 05.11.08

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Konzert: The Subways (& Blackmarket, Twin Atlantic)

Ort: Batschkapp, Frankfurt
Datum: 05.11.2008
Zuschauer: ausverkauft
Dauer: The Subways ca. 60 min, Twin Atlantic 35 min, Blackmarket 40 min


Nachdem ich gestern in Köln mit den Blood Red Shoes quasi ihre Geschwister im Geiste gesehen hatte, standen heute die Subways auf dem Programm. Die dreiköpfige Band aus Hertfordshire hatte nach längerer Zwangspause im
Frühling eine Art Comeback gefeiert, ihre zweite Platte (All or nothing) veröffentlicht und wieder Konzerte gespielt. Nach zweijähriger Pause zwischen Alben ist es normalerweise albern, von einem Comeback zu sprechen, hier lag der Fall jedoch anders. Eine Operation, die das Risiko barg, daß er nie wieder hätte singen können, stoppte Sänger Billy Lunn, nachdem die Band gerade ihre lange Tour zum erfolgreichen Debüt beendet hatte: Ich hatte eine Halsoperation und konnte monatelang weder singen noch sprechen. Daher liebe ich es jetzt so sehr, auf Tour zu sein und zu reden, zu singen und Gitarre zu spielen. Gesagt zu bekommen, daß ich das nicht darf, war die schlimmste Sache der Welt!

Der Eingriff verlief ohne die befürchteten Folgen, sodaß die Subways mit ordentlicher Verspätung ihr zweites Album aufnehmen konnten. Gut drei Monate vor dessen Veröffentlichung hatte ich die Gelegenheit, viele der neuen Lieder bei einem Konzert im Kölner Luxor zu hören. Seit Juni gibt es All or nothing und jetzt betouren die Subways Deutschland mit den neuen Stücken.

In der Batschkapp in Frankfurt war ich erst einmal. Die recht große und sehr sachlich geschnittene Halle gefällt mir gut, weil sie den richtigen Konzertcharme versprüht. Als erstes fiel mir auf, daß die Bühne nicht mit Gittern abgesperrt war. Eine schöne Idee, aber auch eine mutige, wenn man schon einmal ein Konzert der Engländer
gesehen hat. Auch als mutig empfand ich die Ansetzung von zwei Vorgruppen an einem Mittwoch. Da wird morgen manche in der Schule fehlen...

Die erste der Supportbands erschien um 20:40 Uhr und bestand aus einem singenden Gitarristen, einem langhaarigen Schlagzeuger im selbstgebatikten T-Shirt und einem Bassisten, der vor allem dadurch auffiel, daß er eine Lieblingspose hatte, die er
bis zum Erbrechen (metaphorisch) zeigte. Er kippte beim Bassspiel in den Knien ein und streckte den Oberkörper zurück. Blackmarket stammen aus New York City. Die Band scheint recht frisch im Geschäft zu sein, denn viele Informationen über sie finden sich nicht im Netz (und bei lastfm haben sie 416 Hörer...). Das für eine amerikanische Band obligatorische Obama-Lobpreisen kam direkt am Anfang, Blackmarket konnte sich dann also auf ihre Musik konzentrieren - und die gefiel mir nicht. Staubtrockener, weitestegehend melodieloser, sehr harter Rock war noch nie meine Vorliebe. Das Angebot, eine CD der Gruppe zu bekommen, wenn man sich in ihren email-Verteiler aufnehmen ließ, fand ich sehr nett... für andere.

Der Bühnenaufbau für die nächste Band sah vielversprechender aus. Zunächst schleppte ein Roadie mit Kaputzenjacke und Wollzipfelmütze ein Keyboard herbei. Dann stimmte ein Kollege ein futuristisch
aussehendes E-Cello (ich denke, es war eines). Ich finde diese an Luigi Colani erinnernden Design-Streichinstrumente zwar ziemlich albern (bin aber auch kein Musiker). Die Vorstellung, daß Twin Atlantic ein Cello einsetzten, gefiel mir allerdings sehr. "We are Twin Atlantic from Scotland," machte mich noch neugieriger, bis dann ein wildes Heavy-Headbang-Gewitter losging. Mich erinnerte das an Biffy Clyro, die auch schon nicht meine musikalische Kragenweite sind. Auch wenn es nicht meine Musik ist, erschienen mir die Schotten im Vergleich der Krachbands mit Blackmarket aber deutlich talentierter und abwechslungsreicher. Was nichts daran änderte, daß ich mich schrecklich gelangweilt habe. Naja, zumindest die Musik erzeugte das bei mir.

Ganz lustig, aus verschiedenen Gründen, war, das Treiben auf der Bühne zu beobachten. Zum einen Headbangten die rechts vom Schlagzeug stehenden Bandmitglieder (Bassist Ross McNae und Gitarrist Barry McKenna) wie Furien über ihre Bühneecke, während Sänger Sam McTrusty (klingt nach einer Billigfondsgesellschaft) eher ruhig (und kurzhaarig) aussah. Schlagzeuger Craig Kneale prügelte währenddessen so wild auf seinem Schlagzeug rum, daß die Bassdrum Richtung Bar im hinteren Teil der
Batschkapp wanderte. Der arme Roadie, der versuchen wollte, das zu verhindern, mußte erst durch die beiden rechts stehenden Kumpels durchlaufen, um an die Trommel zu kommen. Das hatte sehr viel von Frogger und der Autobahn.

Ruhigere Teile der Lieder gefielen mir immer mal wieder, dann setzte aber immer, wenn ich mir etwas schöngehört hatte, ein infernalischer Lärm ein, der meinen zarten Wohlwollen wieder wegblasterte. Auch das Keyboard stellte sich nach und nach als Fake heraus. Es kam bei einem Lied kurz zum Einsatz. Das futuristische Cello spielte zwar in zwei Stücken eine etwas größere Rolle, diese ruhigeren Liedstellen wurden dann aber auch wieder durch höllischen Lärm beendet. Die Schotten, die wie Blackmarket zum ersten Mal in Deutschland spielten, werden sicher vielen gefallen haben, ich war erleichtert, als es vorbei war.

Um 22.35 Uhr wurde es dann wieder dunkel für die Hauptgruppe. Zu einer
Intromusik, ich glaube es war eine der zahlreichen Oxygène Versionen von Jean-Michel Jarre, tauchten dann Charlotte, Billy und Josh auf. Charlotte hat mittlerweile eine sehr strubbelige Frisur, zweckmäßig, wie sich nach dem ersten Lied zeigte, denn schon da waren ihre Haare vollkommen verschwitzt. Billy, Gitarrist und Sänger - und Ex-Freund der Bassistin - erschien gleich ohne Hemd. Ich wußte nach zwei Konzerten ja schon, was mich erwartete. Billy und Charlotte stehen am Mikro, wenn sie etwas singen. Sobald das vorbei ist, sie das betreffende Pedal getreten haben, hüpfen die beiden wie von der Tarantel gestochen über die Bühne. Seit meinem ersten Konzert 2006 frage ich mich, woran mich dabei Charlottes Lauf- und Hüpfstil erinnert. In der Batschkapp fiel es mir ein. Sie hüpft wie ein Springbok. Kopf runter und los. Pünktlich zum nächsten Singen stehen beide wieder an ihren Mikros, um dann wieder zu hüpfen. Es ist so herrlich!

Billy fände ich in jeder anderen Band vermutlich peinlich. Die wiederholten
"Frankfurt, let's get crazy!" Ansagen würden mich normalerweise sehr nerven. Aber der Kerl ist so furchtbar sympathisch, einer der nettesten Musiker, die ich bisher erlebt habe - und mit solch großer Begeisterung bei seiner Sache.

Die gute Stunde Programm ist eigentlich genauso schnell erzählt, wie sie mir während des Konzerts vorkam. Das Set war ausgewogen zwischen Liedern von beiden Platten. Die Titel vom Debüt sind mir viel vertrauter als die neuen
Stücke, erscheinen mir insgesamt aber auch weiterhin stärker zu sein, obwohl zum Beispiel Alright, Girls and boys oder Kalifornia echte Ohrwürmer sind. Young for eternity hatte aber bis auf wenige Ausnahmen nur solche Knüller, die auch live unverändert ziehen. So jung und schon so viele Evergreens, das ist beeindruckend.

Konzerte der Subways zählen (abgesehen von Gogol Bordello) zum denen mit der besten Stimmung. Da machte das in Frankfurt keine
Ausnahme. Es wurde getanzt, geschoben, gebrüllt, (aber nur vereinzelt gecrowdsurft). Man kann aber auch schwerlich still stehen, während Charlotte und Billy über die Bühne fegen.

Eine lustige Szene gab es bei Mary. Billy (beim Soundcheck hatte der Roadie sein Mikro mit "This is William's vocal" abgestimmt) hielt bei der Textzeile "just a bed and a TV" den letzten Ton sehr lange. Danach verschluckte oder räusperte er sich, was durch das Mikro per Echo verlängert
wurde, wie sein TV-Ton vorher offenbar auch. So ertappt mußte er erst einmal breit grinsen.

Mit dem Bonus-Lied
This is the club for people who hate people endete der Hauptteil nach 50 Minuten. Natürlich war es das aber noch nicht. Zunächst erschien William wieder alleine und begann Strawberry blonde sehr ruhig mit der Gitarre. Erst später stiegen Schlagzeuger Josh und Charlotte (die einen Mini, ein glitzerndes Oberteil und Ballett-Schuhe trug) ein. Es folgte Girls and boys, der Hit vom aktuellen Album, bevor dann Rock and Roll Queen abräumte. Dabei hüpfte der Sänger dann endlich auch selbst ins Publikum und ließ sich gestenreich auf Händen bis weit nach hinten in den Saal tragen, kickte gegen die Discokugel und hatte mächtigen Spaß. Als er irgendwann wieder oben bei seinen Kollegen war, kam eine deutsche Strophe des Hits ("Du bist die Sonne, Du bist so cool, Frankfurt ist Rock and R0ll").

Ich mag nicht vergleichen, wer mir besser gefällt, Subways oder Blood Red Shoes. Beide Bands ähneln sich in einigen Merkmalen, sind aber musikalisch leicht anzugrenzen. Aber gemeinsam haben sie, daß sie mit relativ einfachen Mitteln großartige Konzerte spielen. So wie Dienstag und Mittwoch.

"See you next week", und die Subways waren verschwunden. "Next week", weil sie da ein Zusatzkonzert in der Batschkapp spielen (naja, fast, es ist am 22.11.).

Setlist: The Subways, Batschkapp, Frankfurt:

01: Kalifornia
02: Young for eternity
03: Oh yeah
04: All or nothing
05: Alright
06: Mary
07: Always tomorrow
08: Shake! Shake!
09: I won't let you down
10: I want to hear what you have got to say
11: Turnaround
12: With you
13: This is the club for people who hate people

14: Strawberry blonde (Z)
15: Girls & boys (Z)
16: Rock & Roll Queen (Z)

Subways Konzerte sind extrem empfehlenswert! Die meisten sind ausverkauft, für die hier gibt es wohl noch Tickets:

06.11.08 Live Music Hall Köln
15.11.08 Rohstofflager Zürich
18.11.08 Longhorn Stuttgart
19.11.08 Zeche Bochum
20.11.08 Skaters Palace Münster
23.11.08 Den Atelier Luxemburg


Links:

- The Subways im Februar 2008 in Köln
- und 2006 in Duisburg
- Interview mit Charlotte und Billy
- Bilder vom Konzert in der Batschkapp



Montag, 12. Mai 2008

Loney, dear, Soko, White Rabbits & Guillemots, Frankfurt, 11.05.08

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Konzert: Loney, dear, Soko, White Rabbits & Guillemots (25 Jahre Haldern-Pop Tour)

Ort: Batschkapp, Frankfurt
Datum: 11.05.2008
Zuschauer: ca. 100
Konzertdauer: jeweils etwa 40 min.


Daß wir das Haldern Festival sehr schätzen, ist kein Geheimnis. Aber auch drumherum schaffen es die Verantwortlichen des Indie-Events vom Niederrhein immer wieder, interessante Veranstaltungen zu organisieren. Im März waren die großartigen Los Campesinos! bei Rock im Saal in Haldern, zum 25-jährigen Jubiläum von Haldern-Pop findet zur Zeit eine Tour von "Haldern-Bands" durch Clubs statt. Typische "Haldern-Bands" sind Indiepop-Gruppen, gerne mal ein wenig schrullig, vor allem aber musikalisch interessant und sehr liebenswert. Für Leute, die Musik ausschließlich durch große Radiosender beziehen, sind die Namen der Bands, die in Haldern oder bei solchen Touren auftreten, in der Regel vollkommen unbekannt - neben dem heißen Sommertag sicher ein Grund, warum höchstens 100 Zuschauer in die Frankfurter Batschkapp gekommen waren. Ich habe keine Ahnung, wie groß das Fassungsvermögen des Clubs ist, die Leute, die da waren, verliefen sich aber in dem gar nicht so großen Laden.

Man merkte den White Rabbits, die als erste angesetzt waren, richtig an, daß sie gerne noch gewartet hätten, ob nicht noch mehr Zuschauer kommen würden. Kurz vor acht guckten Bandmitglieder ein paarmal aus der Garderobe in den Raum, so wie
man mit der Fußspitze die Wassertemperatur in Schwimmbädern testet. Aber sie mußten hüpfen, der Zeitplan war mit vier Bands wenig flexibel. Ich hatte bisher von den New Yorkern keine Lieder gehört, ich war wegen Loney, dear und Soko (und trotz der Guillemots...) da. Den White Rabbits tat meine Ignoranz aber schon einmal unrecht. Beeindruckend bei der sechsköpfigen Band waren zunächst schon einmal die beiden Schlagzeuger. Das ist sicher nicht vollkommen ungewöhnlich, bei eher popiger Musik allerdings schon und gibt der Musik einen ganz besonderen Sound, eine Klangtiefe (klingt toll - in jeder Hinsicht). Neben den beiden Schlagzeugern (die aber nicht immer gleichzeitig spielten) gehörten ein singender Keyboarder, ein Bassist und zwei Gitarristen zu der amerikanischen Band. Der Keyboarder, Stephen Patterson, scheint der Hauptsänger der Gruppe zu sein. Einer der Gitarristen (Gregory Roberts) singt zwar auch, teils alleine, Stephens Anteile schienen mir aber deutlich höher. Die Musik der vielleicht nach Alice im Wunderland benannten Kaninchen ist schöner Indiepop, der uns gut unterhalten hat. Das erste Album der Band "Fort Nightly" brachte ihnen gute Kritiken ein, nachvollziehbar nach dem, was in der Batschkapp zu hören war. Bei zwei der Stücken kamen wir Assoziationen zu anderen (echten oder potentiellen) Haldern-Bands in den Kopf, ohne leider die Titel der Stücke zu kennen (auch wenn mittlerweile die Setlist im Kommentarteil steht). Eines der Lieder klang nach Afrobeat, also Paul Simon (oder in hip oder hype Vampire Weekend), eines, als wäre es ein Shout Out Louds Cover.

Die White Rabbits waren ein interessanter und
kurzweiliger 40-minütiger Auftakt, der ganz gut mehr Zuschauer vertragen hätte.

Anschließend wurde es lustig. Auf dem Programm stand Soko, Stéphanie Sokolinski, über die Oliver schon mehrfach aus Paris geschrieben hat. Die Französin mit dem niedlichen Akzent ist seit einiger Zeit auch in Deutschland bekannt, ihr Hit "I'll kill her" läuft sogar im Radio (ok, zumindest in 1live abends). Ich kannte von ihr bisher die eine veröffentlichte EP, auf der neben "I'll kieeeelll her" noch vier andere Lieder sind. Eines davon war dann auch das erste Stück des Konzerts, "Shitty day" (oder "S***** day", damit wir keine Probleme mit der Altersfreigabe bekommen), ein niedliches Popstück. "Niedlich" ist ohnehin die passende Zusammenfassung für Sokos 40 Minuten. Musikalisch war Soko sicher keine Offenbarung, ihr Charme, ihr
Spaß, untermalt von Dauerlachen, machten das aber wett. Soko hatte einen zusätzlichen Musiker dabei (Jean?), der Gitarre spielte, mitsang und Geräusche mit Händen, Füßen und seinem Mund machte. Schon gleich am Anfang wünschte sich eine Frau aus dem Publikum ein Lied. Soko fragte, ob sie nicht mitsingen wolle, sie solle doch auf die Bühne kommen, später komme aber noch etwas Einfacheres, da müsse sie dann mitmachen.

Die Ansagen und die quirlige Art der jungen Pariserin waren wirklich sehr reizend, dem konnte ich mich kaum entziehen, daher verstehe ich meinen Pariser Bloggerkumpel nur zu gut, daß er mit seit langem von Soko vorschwärmt. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, daß Mando Diao oder die Hives (beliebig fortsetzbar) ein Lied mit "It's a shit song but I like it" ansagen. Das Stück, das Soko meinte, ist "My little green scooter", das auf ihrer Myspace-Seite zu hören ist.

Ihr war es auf der Bühne zu hell. Mit "Mister light no more job, free time!" und einem
Tänzchen löste sie das Problem bevor sie "Why would you lie" anstimmte. Dazu war Schlagzeuger von Loney, dear als Unterstützung auf die Bühne gekommen. Soko hatte auch schon eines der Lieder an den Drums bestritten, für "Why would you lie" brauchte sie aber offenbar einen professionelleren Schlagzeuger. Zusätzlich erschien aber während des Stücks auch Loney. dear Sänger (und Mastermind) Emil auf der Bühne und schnippte und sang mit, was Stéphanie vollkommen überraschte und zu dem ein oder anderen Lachanfall brachte. Niedlich eben...

Danach der nächste Gastauftritt. "The next song is called 'My little baby cat'" sagte sie,
schaltete eine Katzenlampe an ihrem Keyboard an und bat die Frau aus dem Publikum nach oben, um als Refrain "Miao" zu singen. Auch das war sehr amüsant, auch wenn es "My little baby cat" sicher in keine Jahrescharts bringt.

Etwas später klappte ihre Gitarre nicht, was sie zu einem improvisierten Liedchen mit der Zeile "I break my guitar" brachte, das sie einmal angefangen habe und irgendwann weiterschreiben werde. Nachdem sie das als Pausenfüller gespielt hatte (und erklärt hatte, daß sie alles kaputtmache), ging es mit "
I wanna look like a tiger" weiter. Danach - wie passend - sagte sie lachend, sie habe sich gerade einen Schneidezahn am Mikro kaputtgehauen! Vor lauter Kaputtmachen, Lachen und Erzählen hatte die Pariserin ihr Zeitgefühl vollkommen verloren. Sie bakam nach einer Weile einen Hinweis, daß sie jetzt enden müsse. Ob "I'll kill her" eigentlich noch vorgesehen war, weiß ich nicht, als Abschluß folgte nach der Mahnung jedenfalls "I will never love you more" und ihr Hit, den sie wohl selbst nicht mehr hören und singen mag, blieb ungespielt. Sehr, sehr witzig alles, das Gesamtkunstwerk Soko.

Setlist Soko, Haldern-Pop Tour, Batschkapp, Frankfurt:

01: Shitty day
02: Ali Gator
03: I never meant to hurt me (neu)
04: My little green scooter
05: I think I'm pregnant
06: Why would you lie?
07: Baby cat
08: Nervous breakdown
09: People are mean, people are bad
10: I wanna look like a tiger
11: ??? (I won't forget about you)
12: I will never love you more


Anschließend wurde die Musik wieder anspruchsvoller, trotz der vielen Nananananahhh Passagen in den Texten. Aber auch für die liebe ich Loney, dear so
sehr. Ich habe Probleme mit beegeehaftem Gesang, das führt eigentlich zu schnellem Ausschalten des Radios oder Fernsehers. Bei den Nordschweden klappte dieser Schutzmechanismus überhaupt nicht - und wie dankbar bin ich dafür! Denn Emil Svanängen (der Loney, dear ist - das ist ein Projekt- und keine Bandname) schreibt wunderschöne Poplieder (nananananaaaahhh), die ich immer wieder hören kann und mag.

Soweit ich mich erinnere hatte Emil die gleichen Musiker dabei, die er im vergangenen Jahr in Haldern mit auf die Bühne gebracht hatte, seine Keyboarderin, einen zweiten Keyboarder, einen Bassisten und den Schlagzeuger.
Das Set begann mit "Life has been this low" von "The year of river fontana", seinem ersten noch selbstveröffentlichten Album. Ach - und es war wieder so schön.

Mit "Le fever" und "Won't you do" folgten zwei Stücke von der dritten Platte "Sologne" (nananananaaahhh), bevor drei Lieder von der letzten, bei Sub Pop erschienenen CD "Loney, noir" folgten, die Hits "Saturday waits", "I am
John" und "Carrying a stone (nanananahhh). Zwischen diesen drei Lieblingsliedern kam aber etwas ganz Neues, ein Stück namens "Everything", das erst einmal Probleme bereitete. Sie hätten es zwar geübt, sagte Emil, nachdem sie den ersten Versuch abbrechen mussten, dann gab er aber seiner Band ein paar Anweisungen auf Schwedisch. "Ola, Du mußt bitte die Bassdrum weniger laut spielen, Malin, sing bitte lalala." - Nein, nein, dafür reicht mein Schwedisch leider nicht, mitbekommen habe ich nur, daß Emil seinen Kollegen etwas vorsang (einen nanananaaah-Part!). Der zweite Versuch klang sehr schön, das Üben hatte sich also gelohnt! Leider war es mit "Ignorant boy, beautiful girl" auch schon wieder viel zu schnell vorbei!

Emil hatte hinterher aber am Merchandising Stand noch die gute Nachricht, daß Loney, dear auch beim Festival im August freitags im Zelt auftreten! Juchuu und nananahh!

Setlist Loney, dear, Haldern-Pop Tour, Batschkapp, Frankfurt:

01: Life has been this low
02: Le fever
03: Won't you do
04: Saturday waits
05: Everything
06: I am John
07: Carrying a stone
08: Ignorant boy, beautiful girl

Die nachfolgenden Künstler, die Guillemots (der Namensgeber ist ein kauziger Vogel...), und ich verstehen uns nicht richtig gut. So etwas gibt es ja. Schon beim ersten Treffen waren wir uns nicht sympathisch (das war ein Haldern-Festival). Das nächste mal begegnete mir Sänger Fyfe Dangerfield (keine Wortwitze!) auf einer Anna Ternheim Maxi als Co-Sänger einer zauberhaften "A lover's dream" Version. Das versöhnte. Allerdings erschien dann die neue Platte der Band ("Red"), die (nicht nur mich) kräftig kalt ließ. Aber da der Abend nicht mehr schlecht werden konnte, hörten wir uns die Vögel noch an. Über eine knappe Dreiviertelstunde und gutgelaunt waren die Guillemots auch gut hörbar. Bis auf zwei Stücke hat mich aber nichts vom Hocker gerissen. "Trains to Brasil" war sehr nett und das solo von Fyfe vorgetragene und offenbar neue "Faster than the setting sun" (keine Ahnung, ob ich den Refrain richtig verstanden habe) gefiel mir auch gut. Allerdings gab es auch echte Scheußlichkeiten. "Last kiss" von "Red" klang wie Portishead für ganz arme. Oh je, war das schrecklich! Oder "Kriss Kross" am Ende... Schwere Kost für mein Ohr - auch für Augen, denn Fyfe trug da bereits eine fesche Sonnenbrille, im sehr dunklen Raum.

Freunde sind die Guillemots und ich nicht geworden. Allerdings bin ich auch nicht reflexartig aus dem Saal gelaufen. Ein Erfolg.

Setlist Guillemots, Haldern-Pop Tour, Batschkapp, Frankfurt:

01: Get over it
02: Clarion
03: Don't look down
04: Falling out of reach
05: Last kiss
06: Trains to Brasil
07: Faster than the setting sun (?)
08: Made up love song #43
09: Kriss Kross

Ein schöner Abend, interessante Bands, viel Unterhaltung. Wieder einmal etwas mit Haldern im Namen, das Spaß gemacht hat. Die Haldern-Tour macht noch folgende Stationen:

12.05.08 Berlin - Lido
13.05.08 Hamburg - Übel & Gefährlich
14.05.08 Haldern - Saal Tepferdt

Links:

- aus unserem Archiv:
- Soko, Paris, 04.10.07

- Soko, Paris, 31.05.07
- Soko, Paris, 02.05.07
- Loney, dear, Paris, 12.11.07
- Loney, dear, Haldern, 04.08.07
- Loney, dear, Paris, 15.05.07
- Guillemots, Paris, 19.02.07
- Guillemots, Paris, 11.11.06

- mehr Fotos



 

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