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Freitag, 2. April 2010

Sydney Wayser, The Tiny & Sarah Blasko, Paris, 01.04.10

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Konzert: Sydney Wayser & The Tiny & Sarah Blasko, Festival les femmes s'en mêlent
Ort: La Maroquinerie
Datum: 01.04.2010
Zuschauer: recht gut besuchte, aber nicht ausverkaufte Veranstaltung


Jede Menge Frauen heute auf der Bühne der Maroquinerie. Kein Wunder, denn es handelte sich ja auch um eine Veranstaltung im Rahmen des Festivals les femmes s'en mêlent (das im übrigen auch in Berlin stattfindet), bei dem der Fokus auf weiblichen Künstlern liegt. Die Organisatoren und vor allem der Programmgestalter Stéphane Amiel (auf dem Foto) haben es erneut geschafft, ein buntes, abwechslunsgreiches Programm auf die Beine zu stellen und so feine Künstlerinnen wie Soap & Skin, (Foto unten) Olöf Arnalds, Jesca Hoop, John & Jehn, oder auch LoneLady und Jessie Evans für die diesjährige Ausgabe zu verpflichten. Auffällig war in diesem Jahr, daß man bei etlichen Musikerinnen im Programmheft als Beschreibung lesen konnte: "klingt ein wenig nach Björk oder Kate Bush." So zum Beispiel bei der Kanadierin Kyrie Kristmanson, der Isländerin Ölöf Arnalds, bei VUK (Finnland/USA) und auch bei zwei der heutigen Sängerinnen passte der Björk/Kate Bush - Vergleich ziemlich gut und zwar bei Ellekari Larsson von The Tiny und der Australierin Sarah Blasko.

Die einzelnen Konzerte im Kurzüberblick:

Sydney Wayser: Die lebenslustige Blondine mit den strahlenden blauen Augen gefiel mir am heutigen Abend mit Abstand am Besten. Allein schon mit ihrer samtweichen, ganz leicht souligen Stimme konnte sie mächtig punkten. Vergleichbare Musikerinnen sind mit Cat Power, Alela Diane, Feist, Bosque Brown oder vor allem Regina Spektor schnell gefunden, aber es kann gar nicht genug melancholische Sängerinnen mit zartschmelzender Stimme geben. Hinzu kam ihre fröhliche und offene Art und ein Gitarrist, der das Pianospiel der New Yorkerin wunderbar begleitete. Die junge Frau hat zwei Alben veröffentlicht, zuletzt das Werk The Colorful, auf dem auch solch herrliche Seelentröster wie Bells, oder Lullaby zu finden sind. Am Ende gab es dann mit Would't It Be Nice auch noch ein gelungenes Cover der Beach Boys auf der Ukulele und ein strahlendes Lächeln zum Abschied. Eine tolle Entdeckung, die ich demnächst bei einem Wohnzimmerkonzert wiedersehen werde. Nicht bei mir allerdings...


Sydney Wayser - Ladida
envoyé par val3rie-live. - Clip, interview et concert.

The Tiny: Nach wie vor recht wenig kann ich hingegen mit den Schweden The Tiny anfangen. Ellekari Larsson und ihr Lover Leo Svensson (ein gegensätzliches Paar, zumindest optisch) spielen melodramatische Songs im Stile von Björk oder Kate Bush und viele lieben diese Tränendrüsendrücker, zu denen man herrlich in sein Tempotaschentuch flennen könnte, aber irgendwie wirkt die Rezeptur bei mir nicht richtig. "I could not stand losing you" wimmerte Ellekari bei Last Weekend und manche hatten sicherlich einen Klos im Hals, aber ich schaute ob soviel Herzschmerzes lediglich auf meine Uhr. Und wer findet noch, daß Ellekari manchmal ein bißchen nach Bonnie Tyler klingt, wenn ihr Kehlchen ins Rauchige abdriftet? Zugegeben ein gemeiner Vergleich!

Aber ganz egal was ich hier schreibe, das Publikum in der Maroquinerie spendete jedenfalls langanhaltenden Applaus, worauf die Sängerin sehr gerührt reagierte. Warum sie bloß so traurig ist?

Sarah Blasko: Sarah Blasko sei in ihrer Heimat Australien ein richtiger Star hörte man im Vorfeld aus vielen gutinformierten Mündern. Aber was heißt das schon? Gestern habe ich in der Bildzeitung gelsen, Thomas Anders sei in Russland ein Star. Siehste mal! Gut, Russen haben keinen Musikgeschmack, ist schon klar, aber ist das bei den Australiern anders? Aus dem Land der Känguruhs kommen Spitzenmusiker wie Nick Cave, aber auch Plastikprodukte wie Kylie Minogue, daraus kann man also noch keine Schlüsse ziehen. Sarah Blasko ist hübscher als Kylie (will heißen : natürlicher und nicht so aufgebrezelt), aber nicht so genial wie Nick Cave. Ihre eigentlich recht düsteren Songs klingen irgendwie manchmal als seien sie fürs Radio gemacht. Vor allem aber: ihr Sound ist sehr schwedisch! Kein Wunder, schließlich saß beim letzten Album Björn Yttling an den Reglern. Genau wie bei Anna Ternheim also. Letztlich kann man durchaus behaupten: Wer auf Anna Ternheim und Emiliana Torrini steht, dürfte auch an Sarah Blasko seine Freude haben. Eingefleischte Folkfans werden hingegen den fehlenden Tiefgang und die recht starke Instrumentierung bemängeln.


Setlist Sydney Wayser, La Maroquinerie, Paris:

01: Hymn
02: Atlas
03: Banjo Bayou
04: Lullaby
05: Dirty Work
06: This One Goes Out To Ethan Hawke
07: Bells
08: La Di Da
09: Wouldn't It Be Nice (Beach Boys Cover)

Setlist Sarah Blasko, La Maroquinerie, Paris:

01: Down On Love
02: Bird On A Wire
03: Hold On My Heart
04: Lost & Defeated
05: Over & Over
06: We Wont Run
07: Sleeper Awake
08: I Never Knew
09: Is My Baby Yours
10: Seems Like Old Times
11: All I Want
12: No Turning Back

Anmerkung: Aus Versehen habe ich all meine Fotos dieser hübschen Damen gelöscht. Mist! C'est la vie! Vielleicht leihen mir andere ihre Bildchen aus...

Links:

- zwei sehr schöne Akustikvideos (deux très belles vidéos acoustiques) von Sarah Blasko gibt es bei Le hiboo-com. Klick!
- auch bei Soul-Kitchen.fr findet man tolle Fotos und Akustikessions mir Sarah Blasko, klick!
- Chroniques et belles photos de cette soirée sur sk, soulkitchen

Ausgewählte Konzerttermine von Sarah Blasko (Ohne Gewähr):

20.04.2010: Die Werkstatt, Köln
21.04.2010: Ampere, München
22.04.2010: Frannz Club, Berlin
26.04.2010: Kauflueten, Zürich
26.05.2010: Trabendo, Paris (Support The Temper Trap)
27.05.2010: Mekweg, Amsterdam
(Support The Temper Trap)

Ausgewählte Konzerttermine Sydney Wayser (Ohne Gewähr):

10. 04.2010: Private Home Show, Paris
16.04.2010: Bang Bang Club, Berlin




Mittwoch, 29. April 2009

Anna Ternheim, Frankfurt, 28.04.09

7 Kommentare

Konzert: Anna Ternheim
Datum: 28.04.2009
Ort: Batschkapp, Frankfurt
Zuschauer: 500 bis 600 (fast ausverkauft)
Dauer: Anna Ternheim 80 min, The Tiny 20 min


Bei meiner Planung, zu welchem Konzert der aktuellen Anna Ternheim Tour ich gehen würde, war die Frankfurter Batschkapp so etwas wie eine Notlösung, weil mir die Halle für eine solche Art Musik denkbar ungeeignet schien. Vor allem ist die Batschkapp riesig groß und würde sicher nicht ausverkauft sein.

Da hatte ich mich allerdings ordentlich verschätzt. Denn schon recht zeitig schien die Halle fast voll zu sein. Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, daß die Schwedin mittlerweile so bekannt in Deutschland ist. Auch das Kölner Luxor war wohl Montag fast ausverkauft. Ob dieser schreckliche Werbesatz "Blonde Frau - schwarze Seele" so erfolgreich war? Vermutlich haben aber wohl eher Mundpropaganda und der wahnsinnige Suchtfaktor, den die Musik der in New York lebenden Stockholmerin hat, dafür gesorgt, daß ihre Deutschland-Tour so erfolgreich ist. We hate it when our friends become successful? Nein, ganz sicher nicht.

Nach dem Konzert in Nijmegen am Freitag wußte ich bereits, was mich an
Vorgruppen-Programm erwartete. Das schwedische Duo The Tiny, das ich vorher nur als Annas Tour-Band-Mitglieder gekannt hatte, wollte ich unter keinen Umständen verpassen, denn das 20-minütige Set vergangene Woche hatte mich sehr begeistert. The Tiny bestehen aus Ellekari Larsson und Leo Svensson. Ellekari spielt in Annas Begleitband Keyboards, Trompete und singt background; Leo ist Cellist, Backgroundsänger und Säge-Spieler. Bei The Tiny kommt ein Harmonium zu diesem ohnehin schon illustren Instrumente-Spektrum. Und machmal wirkt auch Ellekaris Stimme wie ein weiteres Instrument.

Leider spielten die beiden auch diesmal nur vier ihrer Lieder, obwohl The Tiny bereits zwei Platten (und eine EP) veröffentlicht haben. Und noch einmal leider erscheint das dritte Album des Duos erst "an einem Mittwoch im September", wie sie mir hinterher sagten. Für mein Leben gerne hätte ich das aufregende dritte Lied ihres Sets gleich auf der Rückfahrt wieder gehört. Das Stück
mit dem Refrain "I could not stand losing you" hat mich vollkommen erobert. Immer wieder erinnerten The Tiny mich an Helden wie Kate Bush (fast hätte ich Nash geschrieben), ohne dabei aber einen deutlichen skandinavischen Charme vermissen zu lassen. The Tiny werde ich mir definitiv auch ansehen, wenn sie einmal ohne Anna Ternheim unterwegs sein werden. Aber mit wäre auch nicht so schlecht, davon hätten mich die folgenden achtzig Minuten überzeugt, wäre das denn noch nötig gewesen.

Denn nach fünf ganz unterschiedlich ausgerichteten aber allesamt brillanten Konzerten der Sängerin, mache ich mir keine Sorgen mehr, ob der Abend gut werden würde. Dafür hat Anna Ternheim zu viel Songwriting- aber auch Wiedergabetalent -
und nicht zuletzt einen erobernden Charme, dem sich wohl kaum einer der Besucher entziehen konnte.

Neu im Gegensatz zu dem Konzert vor einer Woche war eine zusätzliche Background-Sängerin. In Stockholm hatte ich dies schon ähnlich erlebt, da hatte Anna Ternheim drei schwarz gekleidete Sängerinnen dabei. Wenn ich das richtig verstanden habe, hieß die Dame Linn Segelson (DIE Linn?).

Das Konzert begann mit den beiden dunklen und sehr schlagzeugintensiven Titeln Terrified und What have I done vom aktuellen Album. Und beide waren deutlich
besser abgemischt als vor ein paar Tagen, sodaß das Schlagzeug Vergnügen und nicht dumpfe Qual war. Natürlich hätte ich What have I done auch zu gerne einmal in der famosen akustischen Version gehört, die als Vorabdownload vor der Platte erschienen war. Aber auch dies hier begeisterte mich wieder sehr. Diese schrecklich traurigen Lieder (zu den erstaunlicherweise mancher sehr fröhlichen Ausdruckstanz zeigte), in düsterem Arrangement in diesem Laden - das machte auf einmal ganz viel Sinn!

Im Prinzip war die Setlist die von meinem letzten Konzert der Schweden, mit zwei Änderungen. Die Reihenfolge der Stücke war eine andere und Better be fehlte in Frankfurt. Ich habe ganz bewußt auf die vielen kleinen Dinge
geachtet, die auf der Bühne passieren, und das lohnt sich. Bis auf den Schlagzeuger wechseln alle Musiker regelmäßig ihre Instrumente. Bei Bassist Patric Thormann ist dies noch wenig spektakulär - er wechselt nur zwischen E- und Kontrabaß. Ellekari singt, spielt Keyboards, pfeift und trompetet bei Black sunday afternoon. Ihr The Tiny Kollege kann da aber noch mehr. Oftmals wechselte er mitten im Stück zwischen Cello, Glockenspiel, Keyboard, Säge und Synthesizer. Meine Lieblingsstelle war die in einem der letzten Lieder, als er den Synthie mit den Glockenspiel-Klöppeln bediente! Und auch er sang viel. Ehrlich gesagt habe ich bei all den singenden Menschen Linn gar nicht rausgehört. Vielleicht lag das aber auch daran, daß mein Blick auf die zusätzliche Sängerin von Anna Ternheim verdeckt wurde.

Weitere unglaublich schöne Momente waren das wundervolle Intro von Lovers dream. Das Lied - vor allem in der Version mit Fyfe Dangerfield von den Guillemots -
habe ich unzählige Male gehört. Allerdings ist die aktuelle Live-Variante die mit Abstand schönste. Dieses gezupfte Cello mit Glockenspiel am Anfang ist umwerfend! Auch das schon erwähnte Black sunday afternoon gehörte zu den unbedingten Höhepunkten! Genau wie I'll follow you tonight ("it's a song about sleeping with people"), das neben Annas Gitarre nur die singende Säge von Leo instrumentierte. Irre! Glockenspiel und Pfeifen bei dem eh sagenhaften I say no, die neuen Enden von My secret und Damaged ones (dieses köstlich schiefe Cello!) oder der Herzschlag am Ende von My heart still beats for you...

Unbestrittene Lieblinge des Abends waren aber zwei andere, eigentlich weniger beachtete Lieder: Summer rain, ohne Mikro, nur von Ellekari und Anna gesungen, mit ganz leider Gitarre und das am Ende von Anna Ternheim rausgeschrieene A french love, bei dem sie zwischendurch einen knallroten Kopf hatte! Natürlich hielt auch in der Batschkapp das ganz ganz leise gesungene Summer rain einige nicht davon ab, laut zu lachen, "Zugabe" zu rufen (während die lief - originell!). Ich hatte währenddessen viele sehr unflätige Schimpfworte im Kopf, die ich aber leider alle wieder vergessen habe (sie waren aber auch wirklich böse).

Ich fürchte, ich kann nicht richtig verbergen, wie begeistert ich war. Die Halle konnte das auch nicht. Und die olle Batschkapp hatte mich mit einem grandiosen Konzert richtig überrascht! Schade, daß die Deutschland-Tour vorbei ist!
*

Setlist Anna Ternheim, Batschkapp, Frankfurt:

01: Terrified
02: What have I done
03: Girl laying down
04: No, I don't remember
05: A french love
06: I'll follow you tonight
07: Lovers dream
08: Damaged ones
09: Black sunday afternoon
10: Let it rain
11: I say no

12: To be gone (Z)
13: My secret (Z)

14: Summer rain (Z)
15: My heart still beats for you (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Anna Ternheim, Nijmegen, 24.04.09
- Anna Ternheim, Stockholm, 08.12.08
- Anna Ternheim, Paris, 01.10.07
- Anna Ternheim, Köln, 26.09.07
- Anna Ternheim, Heidelberg, 25.09.07
- Anna Ternheim, Paris, 31.05.07
- Anna Ternheim, Köln, 12.03.07
- Anna Ternheim, Paris, 12.12.06
- Interview mit ihr in Köln
- mehr Fotos vom Konzert im Doornroosje


* auch wenn meine Fotos den Eindruck erwecken könnten: ich habe mir nicht To be gone in der französischen Version gewünscht (Oublié - auch wenn das toll ist!)...

Samstag, 25. April 2009

Anna Ternheim, Nijmegen, 24.04.09

5 Kommentare

Konzert: Anna Ternheim
Ort: Doornroosje, Nijmegen
Datum: 24.04.2009
Dauer: Anna Ternheim ca. 80 min, The Tiny 20 min
Zuschauer: gut 200


Im vergangenen Dezember stellte Anna Ternheim
ihre dritte Platte Leaving on a mayday in Schweden live vor. Fast fünf Monate mussten wir warten, bis die mittlerweile in New York lebende Stockholmerin auch wieder in Südeuropa auf Tour ist. Weil das Kölner Konzert mit einem anderen Highlight kollidiert, lag es in jeder Hinsicht nahe, ins nahe Nijmegen zu fahren. Das Doornroosje, der Laden, in dem Anna Ternheim auftreten sollte, ist einer der schönsten und angenehmsten Clubs, die ich kenne.

Vor Konzerten der schwedischen Sängerin ist es grundsätzlich spannend, in welcher Form sie auftreten wird. Ich habe jetzt drei ihrer Touren gesehen, einmal trat sie mit klassischer Bandbesetzung, beim nächsten Mal alleine und im Dezember mit Band mit Instrumenten wie singender Säge, Kontrabass und kleinem Chor auf.

Da das Konzert in Stockholm ein Vorabkonzert zur jetzigen Tour war, überraschte mich nicht, daß viele Streichinstrumente und Keyboards auf der Bühne standen. Also sollte es nicht solo sein. Da Anna Ternheims dritte Platte recht opulent instrumentiert ist, und es im Gegensatz zu den beiden Vorgängern keine zweite CD mit abgespeckten ("naked") Versionen gibt, war es auch hoch unwahrscheinlich, daß
die Singer/Songwriterin alleine auftreten würde. Mich begeisterten bisher all ihre Konzerte, in der Nachbetrachtung waren aber wohl die akustischen meine Lieblinge.

Vor Anna sollten The Tiny auftreten. Hinter diesem Namen verbargen sich zwei mir bekannte Musiker: Ellekari Larsson und Leo Svensson, die ich in Stockholm in Annas Band gesehen hatte. Vor allem Ellekari mit ihrer Pippi Langstrumpf 2.0 Frisur ist unverwechselbar. Als Annas Keyboarderin, Trompeterin, Glockenspielerin und Sängerin im Frauenchor bei Summer rain war mir die Künstlerin in sehr positiver Erinnerung geblieben. Und nun saß sie also neben Annas Cellisten am Keyboard und überraschte mich mit ganz
wundervollen Liedern, in die ich mich aber erst reinhören musste. Am Anfang war nämlich Ellekaris manchmal an Björk erinnernde Stimme gewöhnungsbedürftig. Das dauerte bei mir aber nur ein halbes Lied, dann überrollte mich der Charme der Musik der beiden. Anna Ternheim erzählte später, daß sie The Tiny bei ihrem ersten Konzert kennengelernt habe. Gemeinsam mit den beiden sei sie in einem griechischen Restaurant aufgetreten, in dem sich die Gäste mehr für ihr Essen als für die Musik interessiert hätten. Obwohl auch in Nijmegen die Geräuschkulisse im Saal recht hoch war, widmeten viele den beiden die verdiente Aufmerksamkeit, denn die Stücke von Ellekari und Leo waren wirkliche musikalische Kleinode mit wundervoller Instrumentierung. So spielte Leonicht nur Cello, er bediente vor allem ein Tasteninstrument mit Luftzufuhr per Pedal. Ob es nun ein Harmonium war...? Wir waren nicht sicher.

The Tiny spielten etwa zwanzig Minuten, vier Lieder, wenn ich richtig mitgezählt habe. Im Gegensatz zu vielen anderen Vorgruppen hätte es bei den beiden Schweden ruhig noch eine Weile dauern dürfen!

Als Anna Ternheim und ihre Band dann auf die Bühne kamen, passierte mir etwas, was ich bei ihr noch nie erlebt hatte. Ich fragte mich, ob die kritischen Stimmen zum neuen Album, die das Schlagzeug viel zu heftig finden, nicht recht haben. Denn bei Terrified von Leaving on a mayday standen die Trommeln schon sehr stark im Vordergrund. Auch beim zweiten Stück What have I done (von dem es eine naked version gibt) klang es noch sehr dumpf. Es lag aber - puh! - nicht an einer Änderung meines Geschmacks, offenbar war das
Konzert am Anfang einfach nur zu tief und basslastig abgemischt. Als sich der Mischer auch gefragt hatte "what have I done", wurde es besser, nein traumhaft und großartig wie immer.

Bei meinen ersten Konzerten hatte Anna immer zwischen Klavier und Gitarre gewechselt. Zuletzt hatte ich sie auch erstmals ohne Instrumente erlebt. Dabei lief sie hin und her über die Bühne. Das machte sie auch diesmal... nur war alles viel näher und dichter.

Am Klavier spielte die Sängerin diesmal nicht. Sie hatte ihr rotes kleines Piano gar nicht dabei. Leider hieß das auch, daß sie Shoreline, ihr fabelhaftes Cover der Band Broder Daniel nicht spielen würde. Aber es sollte reichlich Entschädigungen für dieses erstmals fehlende Highlight geben. Die ersten waren Girl laying down und vor allem das schon fast punkig gespielte A french love, das mich schon in Schweden fasziniert hatte, weil diese Version obwohl so anders auch absolut fabelhaft war. Und direkt nach dem lautesten Lied folgte eines der ruhigsten des Abends. I'll follow you tonight spielten nur Anna an ihrer Gitarre und
Leo an der singenden Säge. Was soll man dazu sagen... Glücklicherweise wurde dieses schönste Stück des Abends auch nicht vom Publikum versaut. Später verstanden es einige ganz zielsicher, immer dann rhythmusähnlich zu klatschen, wenn es besonders schön wurde. Oder mitzupfeifen. Ellekari kann das, sie ist nämlich für allerlei mit Mund und Stimme erzeugte Hintergrundgeräusche zuständig. Die Frauen vorne rechts konnten es nicht und nervten damit schrecklich.

Die Arrangements der Lieder sind so ungemein detailreich. Annas Band, neben Ellekari und Leo standen ein Schlagzeuger (vermutlich wieder Nils Törnqvist) und Bassist (Patric Thorman) auf der Bühne, spielte irre viele Instrumente (Bass und Kontrabass, Cello, Glockenspiel, Säge, Schlagzeug, verschiedene Keyboards und Gitarren) und erzeugte wundervolle kleine Geräusche aller Art.

Viel zu früh kündigte die große Schwedin den letzten Song an. "But it's a good one!" Keinerlei Widerspruch, denn I say no ist einer ihrer großen Knüller!

Auch die erste Zugabe war besonders. Gemeinsam mit ihrer Keyboarderin sang Anna
Ternheim sonst nur von einer Gitarre unterstützt Summer rain. Beide Frauen standen am Bühnenrand und bannten alle! Leider wurde die Stille, die fast feierliche Stimmung des Lieds durch Dauerfeuer eines Fotografen an meinem rechten Ohr und hunderte von Klicks sehr gestört...

Zu My secret kam die Band zurück. Dieser Liebling hatte ein für mich neues Ende, eines, das mir sehr gut gefiel - die zweite Hälfte klang nach einem ganz neuen Stück! Auch das ist typisch Anna Ternheim. Sie verändert ihre Lieder regelmäßig, so wie sie die Arrangements variiert. Der mitklatschende Landsmann gehört nicht zum von ihr verantworteten Arrangement und war daher nicht lobenswert.

Eigentlich sollte die dritte Zugabe (dazu kam sie wieder auf die Bühne) das letzte Lied sein. Aber Anna verpatzte
No subtle man gleich mehrfach, lustigerweise auch in der Zeile "I failed so many times." Als "Wiedergutmachung" folgte ein zusätzliches Stück, der wundervolle Wedding song, der in den letzten Jahren immer mehr zu meinem Anna Ternheim Lieblingslied geworden ist. Ausgerechnet das zum Schluß - perfekt!

Nach einem unverschuldet holprigen Start entwickelte sich schnell das gewohnt (und erwartet) brillante Konzert, obwohl Anna Ternheim sagte, nach fünf Tagen Tourbus, ohne Hotel und Dusche, seien sie fertig und schmutzig - davon allerdings sah und roch man nichts.
Und auch wenn es bis Dienstag in Frankfurt neun Tage sind, freue ich mich irre auf noch einmal perfekte 80 Minuten.

Setlist Anna Ternheim, Doornroosje, Nijmegen:

01: Terrified
02: What have I done
03: Black sunday afternoon
04: Girl laying down
05: A french love
06: I'll follow you tonight
07: Better be
08: Lovers dream
09: Damaged ones
10: No, I don't remember
11: Let it rain
12: I say no

13: Summer rain (Z)
14: My secret (Z)

15: No subtle man (Anna Ternheim solo) (Z)
16: Wedding song (Anna Ternheim solo) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Anna Ternheim, Stockholm, 08.12.08
- Anna Ternheim, Paris, 01.10.07
- Anna Ternheim, Köln, 26.09.07
- Anna Ternheim, Heidelberg, 25.09.07
- Anna Ternheim, Paris, 31.05.07
- Anna Ternheim, Köln, 12.03.07
- Anna Ternheim, Paris, 12.12.06
- Interview mit ihr in Köln
- mehr Fotos vom Konzert im Doornroosje



 

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