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Freitag, 23. Oktober 2009

Vampire Weekend, Paris, 22.10.2009

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Konzert: Vampire Weekend
Ort: Le Nouveau Casino, Paris
Datum: 22.10.2009 (eigentlich schon 23.10.)
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 50-55 Minuten



Paris in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober. Vampire Weekend geben vor restlos ausverkauftem Haus ein recht exklusives Konzert, um in einer kleinen Location die neuen Songs ihres zweiten, Im Januar 2010 erscheinenden Albums zu testen. Es geht erst um 0 Uhr 40 los! Und ich dachte immer, die strebsam wirkenden Jungs wären zu solch später Stunde längst schon im Bett. Vielleicht fließt in ihren Adern ja doch mehr Rockerblut als ich vermutete ?!

Aber kommen wir zum wichtigsten Punkt: Das Konzert war schlichtweg grandios! Schmissig, schwungvoll, tanzbar, ohrwurmig, druckvoll und auf den Punkt gespielt. Frontmann Ezra Koenig, von dem ein paar Mädchen behaupteten, er hätte zugenommen, war in Topform. Er wirbelte eine Stunde lang gutgelaunt über die Bühne und riss mit seinem Enthusiasmus alle mit. In den vorderen Reihen wurde durchgängig Pogo getanzt, das Nouveau Casino glich einem Tollhaus! Crowdsurfing und Pogo bei Vampire Weekend, wer hätte damit gerechnet? Ich zumindest nicht, denn die drei Konzerte, die ich von den Ostküstlern voher gesehen hatte, waren gegen das was heute ablief, trantütig und fad.

Nach dem heutigen Gig habe ich keinen Zweifel mehr daran, daß der Hype um die Band vom Jahre 2008 absolut gerechtfertigt war. Jedes, aber wirklich jedes Lied vom Debütalbum schlug nämlich ein wie eine Bombe! Was die neuen Songs betrifft, gilt es mit der Beurteilung noch ein wenig abzuwarten. White Sky ist zumindest äußerst tanzbar, Run wartet mit einer hübschen Melodie und tollen Synthies auf, Cousins kommt stürmisch und irgendwie mexikanisch daher und Horchata wechselt zwischen Romatik und Dschungelfeeling.

Insgesamt ein Konzert, das sich locker für die Jahres- TopTen qualifizieren wird!

Setlist Vampire Weekend, Nouveau Casino, Paris:

01: White Sky
02: Holiday
03: Cape Cod Kwassa Kwassa
04: I Stand Corrected
05: M79
06: Cousins
07: California English
08: One
09: A-Punk
10: Run
11: Campus
12: Oxford Comma

13: Mansard Roof
14: Horchata
15: Walcott

Pour nos lecteurs français:

Un concert époustoufflant! C'était dense, ultra-carré, dynamique et euphorisant. J'ai rarement vu une telle ambiance dans le Nouevau Casino. Tout le monde dansait, c'était la folie! Les tubes du premier album fonctionnaient à merveille et les nouveautés étaient plus que prometteur. Rien à dire, les Vampire Weekend méritent le buzz! Cool!

Live Videos von Vampire Weekend aus dem Pariser Nouveau Casino:

- Cousins
- M79
- A Punk (zumindest 1 Minute, inklusive Crowdsurfing)

Live-Videos von den neuen Liedern von Vampire Weekend (in mehr oder minder guter Qualität): Run
Cousins
White Sky
Horchata

Aus unserem Archiv:

Vampire Weekend, Paris, 28.08.09
Vampire Weekend, Paris, 04.07.08
Vampire Weekend, Paris, 05.11.07
Vampire Weekend, Brüssel, 04.11.07

Mehr Fotos von Vampire Weekend hier



Samstag, 29. August 2009

Festival Rock en Seine bei Paris, 28.08.09

10 Kommentare

Konzert: Festival Rock en Seine, 1. Festivaltag

Ort: Domaine national de Saint-Cloud bei Paris
Datum: 28.08.2009
Zuschauer: ausverkauftes Festival


Inzwischen eine schöne Tradition: Ende August treffe ich nach den Sommerferien meine Pariser Freunde wieder und gemeinsam genießt man drei Tage lang etliche Konzerte vor den Toren der Metropole. Auch der Wettergott hat in den letzten Jahren immer mitgespielt, problematischer war eigentlich eher die Zuverlässigkeit der gebuchten Headliner. Aber dazu später mehr...

Beginnen wir einfach mit den Konzerten, die auf dem brechend vollen Gelände der herbstlich wirkenden Domaine de Saint-Cloud stattfanden.

Keane:

Mein persönlicher Festivaltag begann gegen 16 Uhr 30 mit den Engländern Keane. Die sind eigentlich auch in Frankreich so groß, daß sie das riesige Zénith (ca. 7000 Plätze) füllen können. Hier und heute mußten sie sich aber mit der unbeliebten Nachmittagszeit begnügen und bekamen auch nur eine Spielzeit von circa. 45 Minuten zugestanden. Den Anfang hatte ich verpasst, aber mit Is It Any Wonder? bekam ich prompt einen alten Hit vom zweiten Album Under The Iron Sea serviert. Ein Album, daß ich zugegebenermaßen gar nicht besitze, denn ich war schon nach dem Debüt Hopes And Fears von Bord gegangen. Und dies obwohl ich den Erstling eigentlich sehr schätzte. Dazu stehe ich, wohlwissend, daß Keane als seicht, schmalzig und beliebig gelten und ihr Sound gerne als Fahrstuhlmusik bezeichnet wird. Aber ich mochte nun einmal melancholische Stücke wie Somewhere Only We Know oder Everybody's Changing und habe die damals auch gerne unter der Dusche gepfiffen, hatte damit allerdings auch mein Bedürfnis nach Zuckerguß erst einmal gestillt. Natürlich kam auch heute Somewhere Only We Know und zumindest ansatzweise habe ich auch wieder ein gewisses Kribblem im Bauch gefühlt, als es erklang. Mit Crystal Ball, dem (wohl) besten Lied von CD Nummer 2 und Bedshapped, dem persönlichen Lieblingslied des milchbubigen Sängers Tom Chaplin wurde dann abgeschlossen und viele Zuschauer, die Keane noch nie live gesehen hatten, wunderten sich wie dynamisch, agil und wild Tom, aber auch die anderen beiden, Drummer Richard Hughes und Pianist Time Rice-Oxley zu Werke gingen. Für mich war das nicht neu, hatte ich Keane doch bereits einmal vor ein paar Jahren im Olympia erlebt.

Ein guter Auftritt einer sympathischen Band.

Setlist Keane, Festival Rock en Seine, Paris 2009:

01: The Lovers Are Losing
02: Everybody's Changing
03: Nothing In My Way
04: Perfect Symetry
05: Is It Any Wonder?
06: Spiralling
07: Somewhere Only We Know
08: Crytal Ball
09: Bedshaped

Yeah Yeah Yeahs:

Allein schon dieses unglaublich lange Mikro. Wie ein Phallussymbol und dann reckt Sängerin Karen O das Ding auch noch die ganze Zeit wie eine Monstranz gen Himmel! Blasphemie? Oder einfach nur typische Provaktionen aus dem Lexikon für Rockstars? Am Anfang bleibe ich jedenfalls sehr skeptisch, wozu auch Christophs gemischt ausgefallene Konzerteinschätzung von vor ein paar Monaten beigetragen hatte. Das früh gespielte Phenomena plätschert vor sich hin und ich bereite mich innerlich schon auf ein mittelmäßiges Konzert vor. Aber dann, mit dem dritten Lied Heads Will Roll platzt der Knoten. Karen, die in ein goldenes Paillettengewand gehüllt ist, schafft es, die Leute in Bewegung zu bringen. Das ganze Festivalgelände tanzt und die Sonne lacht ebenso wie die wilde Frontlady, die Sprungfedern an den Füßen zu haben scheint. Von nun gibt es kein Halten mehr. Klar ist da viel Gepose und Getue dabei - oft fühle ich mich an ein weibliches Pendant von Iggy Pop erinnert- aber das Weib hat einfach Feuer unter dem Arsch! Der Beweis folgt mit dem garagenrockigen Pin auf dem Fuße und selbst die neuen Sachen von It's Blitz, von denen ich vermutet hatte, daß sie mir zu discolastig und synthetisch sein würden, finden im raueren Livegewand mein Gefallen, Dull Life sei hier nur als Beispiel genannt. Die absoluten Kracher wie Maps, Honeybear oder das abschließende Date With The Night sind aber alle etwas älter und punkiger und treffen voll ins Schwarze. Karen O hat vorbildlich ihre Show abgezogen (mehrere Kostümwechsel inklusive), die beiden Männer Nick Zinner (Gitarre) und Brian Chase haben auch nicht weiter gestört und so steht am Ende die Erkenntnis: Die New Yorker bringen's live! Und wie Karen immer das Wasser aus ihrem Munde sprudeln lässt! Wie ein Vulkan. Oder so...

Setlist Yeah Yeah Yeahs, Rock en Seine 2009:
01: ?
02: Phenomena
03: Heads Will Roll
04: Pin
05: Dull Life
06: Gold Lion
07: Miles Away
08: Soft Shock
09: Maps
10: Honeybear
11: Zero
12: Cheated Hearts
13: Date With The Night

Passion Pit:

Der neue Hype bei den amerikanischen Bloggern. Zu dumm nur, daß ich (fast) keine Blogs lese (Ausnahmen: das klienicum, plattenvorgericht und ein paar wenige andere), vor allem keine englischsprachigen! Aber ich habe die studentisch wirkenden Typen ja im Juli schon beim Melt! erlebt und mir mein eigenes Bild machen können. Ihr elektronischer Pop ist mir eigentlich eine Spur zu süßlich und happy, aber man muß den Jungspunden auf jeden Fall zugestehen, daß sie ideenreich und frisch rüberkommen und das Publikum mit Songs wie The Reeling oder Sleepyhead ordentlich zum Tanzen bringen. Sie bieten letztlich den perfekten Soundtrack für den (zu Ende gehenden) Sommer und die Kopfstimme von Sänger Michael Angelakos ist wirklich außergewöhnlich. Wer findet noch, daß er klingt wie der junge Michael Jackson bei den Jackson Five?

Madness:

Nostalgie mag ich nicht sonderlich. Deshalb halte ich auch nicht allzuviel von Reunions oder Comebacks alter Recken längst vergangener Zeiten. Konzerte von Madness im Jahre 2009? Interessieren mich nicht! So dachte ich zumindest bis heute. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellen sollte. Die alten Säcke waren nämlich schlicht und einfach grandios! Und zwar von Anfang bis Ende! Wie Perlen auf einer Kette reihten die Ska-Götter ihre unzähligen Hits aneinander und wirbelten das Pariser Publikum mächtig durcheinander. Ob Opener One Step Beyond, das unfassbare Baggy Trousers oder das wundervolle My Girl, alles was gespielt wurde , klang einfach großartig und keine Spur antiquiert oder verstaubt. Im Gegenteil, zahlreiche aktuelle britische Künstler haben sich vieles von Madness abgeguckt, Dirty Pretty Things, Babyshambles, Kaiser Chiefs oder auch Amy Winehouse seien hier nur beisspielhaft erwähnt. So geriet das fulminante Konzert schließlich zu einer riesigen Freiluft-Tanzveranstaltung und selbst alte Fans im Publikum bewegten ihre fetten Bäuche im infektiösen Takt. Mit Night Boat To Cairo ließen sie am Ende ein verzücktes Publikum zurück, dessen Ohren vom lauten Saxofon kräftig durchgepustet wurde. Und eine Zirkusnummer hatte es obendrein gegeben: Ein Musiker spielte in 10 Meter Höhe, an Seilen festgemacht, Saxofon. Cool! Und das Lustigste: Madness spielten ein paar Stunden später noch einmal das gleiche Konzert auf der Hauptbühne. Warum? Siehe Oasis!

Setlist Madness, Rock en Seine 2009:

01: One Step Beyond
02: Embarassment
03: The Prince
04: Nw 5
05: My Girl
06: The Liberty Of Norton Folgate
07: The Sun And The Rain
08: Out Of Space
09: Dust Devil
11: Forever Young
12: House Of Fun
13: Baggy Trousers
14: Our House
15: It Must Be Love
16: Madness
17: Night Boat To Kairo

Vampire Weekend:

Von der amerikanischen Sensation des Musikjahres 2008 bekam ich nur 3 Lieder mit, da ich zu Bill Callhan wollte, der auf einer kleineren Bühne spielte. A Punk, M 79 und One (Blake's Got A New Face) klangen aber noch genaus frisch wie eh und je...

Bill Callahan:

Leider hatte ich die ersten beiden Titel des ehemaligen Smog Sängers verpasst, aber mit dem grandiosen Diamond Dancer erwischte ich einen fantastischen Start. Bill hatte eine ausgewachsene Band mit Cellist, Violinistin, Bassist und Schlagzeuger dabei und wärmte in der Folge das Herz mit Eid Ma Clack Shaw, Too Many Birds, The Wind And The Dove ( zusammen mit der reizenden Sophia Knapp). Der Abschluß mit Cold Blooded Old Times war regelrecht noisig und verschlug mir glatt die Sprache! Ein formidabler Schocker, der bewies, daß Bill auch auf einer großeren Bühne bestehen könnte. Verdient hätte er es, seine Bariton- Stimme ist außerdordentlich toll und seine Kompositionen voller Klasse und dunkler Eleganz. Für mich einer der ganz Großen!

Bloc Party:

Die Engländer um Kele Okereke sind für Festivalveranstalter eine verlässliche Sache. Fast jeder mag sie, die meisten Songs rocken sehr ordentlich und die allermeisten Zuschauer kennen zumindest Helicopter oder Banquet. Beim Melt! Festival war ich berechtigterweise sehr von ihnen angetan, heute aber spielten sie quasi das gleiche Konzert noch einmal. Wenige Überraschungen also und selbst das neue Lied One More Chance (eher Mittelmaß), war mir schon in der Liveversion bekannt. Meine persönlichen Favoriten waren eher altbewährt: This Modern Love mit seiner hübschen Gitarenmelodie, Like Eating Glass mit Keles durch Mark und Bein gehendem Gesang und das technolastige Flux, das noch am wenigsten abgenudelt ist.

Grundsolide und, ich sagte es breits, zuverlässig

Setlist Bloc Party, Festival Rock en Seine, Paris 2009:
01: One Month Off
02: Hunting For Witches
03: Positive Tension
04: Talons
05: Signs
06: Song For Clay (Disappear Here)
07: Banquet
08: Two More Years
09: One More Chance
10: Mercury
11: This Modern Love
12: The Prayer
13: Like Eating Glass
14: Flux
15: Helicopter

Oasis:

Mit zuverlässig sind wir beim Thema. Eigentlich sind das ja Oasis normalerweise und die Veranstalter waren sich sicher, nicht wie bei Amy Winehouse im letzten Jahr, eine kurzfristige Absage eines Headliners hinnehmen zu müssen. Sie hatten aber nicht mit dem Jähzorn der Gebrüder Gallagher gerechnet, die sich wohl hinter der Bühne geprügelt hatten. Bei dieser Aktion zerstörte Liam angeblich auch eine von Noels Gitarren (siehe Kommentar von Christoph). "Die Band Oasis besteht nicht mehr, alle künftigen Termine sind gecancelt" wurde gar verlautbart*, aber vielleicht sollte man da noch ein wenig warten, bis sich die erhitzten Gemüter etwas beruhigt haben. Riesenpech für die Organisatoren und die zahlreichen nur für Oasis erschienenen Fans! Diese und alle anderen Festivalbesucher bekamen übrigens Madness als Ersatz geboten. Die alten Herren hatten sich spontan bereit erklärt einzuspringen...

Fotos folgen!

* verkündet wurde diese Nachricht übrigens während des Konzertes von Bloc Party, das zwischen 21 und 22 Uhr stattgefunden hatte. Oasis waren um 22 Uhr angesetzt. Kele Okereke stimmte mit seiner Band das Gitarrenriff von Supersonic an, rief seinen Tourmanager auf die Bühne, und ließ von diesem ausrichten: "Oasis will not play tonight." Mister Okereke schien das nicht sonderlich zu betrüben. Er grinste über das ganze Gesicht und meinte lapidar: "Now we are headlining", so we can play more songs." Aus diesem Grunde waren auch etliche Festivalbesucher skeptisch, sie hielten die Ansage für einen Joke und wanderten rüber zur Hauptbühne um festzustellen: Die Sache stimmt! Oasis haben tatsächlich gecancelt! Ein Verantwortlicher des Festivals war hierzu auf die Bühne gekommen und hatte folgendes ins Mikro gesagt: Oasis n'existent plus! Oasis gibt es nicht mehr...



Samstag, 5. Juli 2008

Vampire Weekend, Solidays, Paris, 04.06.08

8 Kommentare

Konzert: Vampire Weekend

Ort: Solidays, Paris
Datum: 04.06.2008
Zuschauer: viele
Konzertdauer: 45 Minuten



Mama, ich gehe heute mit Claudia auf ein Rock-Festival, o.k.?

Kommt gar nicht in Frage! Ausserdem, wer spielt denn da? Hoffentlich nicht diese komischenBabyshambles, ich hab' in der Bild-Zeitung gelesen, das dieser Pete Doherty Drogen nimmt! Wenn der da auftritt, lass ich Dich nicht gehen, denk dran Du bist erst sechzehn!

Nein Mama, Pete Doherty spielt da nicht!

Aber vielleicht diese Amy Winehouse? Die ist doch auch abhängig und ausserdem magersüchtig, gar kein guter Einfluss für Dich!

Nein, Mama, Amy Winehouse spielt da auch nicht!

Wer denn dann?

Eine ganz tolle neue Gruppe, Vampire Weekend heissen die!

Vampire Weekend? Klingt ja schrecklich! Sind bestimmt gothisch drauf, so ganz in schwarz gekleidet und gehen nachts auf Friedhöfe und so. Kommt nicht in Frage, da gehst Du mir nicht hin!

Aber Mama, alle aus meinem Tennisclub gehen da hin und ausserdem sind das ganz nette, artige Jungs, mit frischgebügeltem Hemd und so. Die kommen alle aus guten Verhältnissen und hatten auch in der Schule tolle Noten!

Wirklich? Gibt es sowas im Musik-Business? Wenn das so ist, dann darfst Du dahin! Wie heisst denn der Sänger?

Ezra Koenig, der ist gaanz süss!!

Hast Du ein Foto?

Ja, der war sogar neulich in der Bravo! Hier Mama, guck mal!

Mensch, der sieht aber wirklich mal fesch aus! Und wie nett der lächelt! Na dann, viel Spass! Vielleicht lernst Du ihn ja kennen! Dann mach' aber mit Deinem Handy mal ein paar Fotos!

Danke, Mama, mach' ich!

Laura ist ausser sich vor Freude! Beim Konzert von Vampire Weekend steht sie logischerweise in der ersten Reihe, um alles aus nächster Nähe verfolgen zu können.

Sie hat sich gleich vor mir aufgebaut bei den Solidays in Paris, wo Vampire Weekend ihren ersten Festivalauftritt in Frankreich haben. Vom Konzert in Köln hat Laura lauter euphorische Berichte gehört und jetzt da sie mit ihren Eltern und dem Düsseldorfer Tennisclub für ein verlängertes Wochenende in Paris ist, bekommt sie eine zweite Chance, die neuen Girlie-Lieblinge live zu erleben.

Sie platzt vor Spannung, ich als alter Konzert-Haudegen bin da schon etwas cooler. Süsse Jungs sind mir eh egal, ich bin nur wegen der Musik hier. Ist das jetzt wirklich die neue Indiepop-Sensation, von der alle in den höchsten Tönen schwärmen? Hmm, "schau mer ma", wie Kaiser Franz immer so schön sagt...

Zuerst ist aber warten angesagt. Die Boys haben wohl schon Starallüren, was? Bei Festivals wird doch normalerweise pünktlich angefangen! Aber gut, seitdem das amerikanische Spin Magazin die Senkrechtstarter im März (!) zur Band des Jahres 2008 auserkoren und dabei einen meiner Schnappschüsse vom Pariser Konzert im November 2007 verwendet hat (wirklich wahr!), als sie die Shins supporteten, geht es stetig bergauf für die netten Jungs von der amerikanischen Ostküste. Da darf man schon mal etwas später loslegen...

Cape Cod, das klingt schon vornehm und ist es auch! Die Kennedys haben da ein nettes "kleines" Anwesen auf Hyannisport, ich war selbst schon auf der schicken Insel. "Hyannisport (ein Ort innerhalb der Insel) is a ghetto" singen Vampire Weekend auf Walcott, einem ihrer zahlreichen Hits vom Debütalbum. Klingt nicht so, als würde sie es dort noch länger halten, zumal sie auf dem Lied ständig wiederholen: "Don't you want to get out of Cape Cod tonight?

Auch bei "Cape Cod Kwassa Kwassa" geht es textlich um die mondäne Insel.

Natürlich werden diese beiden Lieder auch heute bei den Solidays gespielt. Zu dumm nur, dass "Cape Cod Kwassa Kwassa" nicht so richtig zünden will! Wenn man ehrlich ist, handelt es sich um einen gepflegten Langweiler. Überhaupt: die ersten 20 Minuten des Konzertes sind eher mau, zumindest angesichts der riesigen Vorschusslorbeeren, die an die junge Truppe verteilt wurden. Natürlich gibt es hübsche Melodien, afrikanisch anmutende Rhythmen und einige gute Ideen, aber soll das jetzt wirklich die Indie Pop Sensation schlechthin sein?

Laura scheint das egal zu sein, sie findet jedes Lied toll und die Jungs soo süss! Hach, dieser Ezra! Ist er nicht niedlich in seiner Jeansjacke und den College-Slippern, zu denen er gelbe Söckchen trägt? Man könnte fast glauben, er sei modetechnisch in den 80 ern steckengeblieben, die er aber gar nicht am eigenen Leibe erlebt haben kann. Damals trug ja jeder eine Jeansjacke, bis auch der letzte Vollhorst merkte, dass die Dinger doof aussehen und eigentlich niemandem stehen. Herr König hat das noch nicht geschnallt, aber in spätestens 10 Jahren will er bestimmt die Fotos, die heute von ihm geschossen wurden, verbrennen!

Der Keyboarder Rostam Batmanglij hat sich da geschickter angezogen,er trägt ganz brav ein weisses Hemd, wie eigentlich bei jedem ihrer Konzerte (bei Wikipedia gibt es ein Foto vom Hamburger Moltow und was trug der Kerl da? -Richtig, ein weisses Hemd!). Er lächelt auch immer höflich und wohlerzogen. Er sieht aus wie ein Junge, der sich mit 14 schon fest vorgenommen hat, dass er erst dann mit einem Mädchen schläft, wenn er es wirklich von ganzem Herzen liebt. Der Romantiker! Hach schön, dass es sowas heutzutage gibt! Männer sind also doch nicht alle Schweine! Rostam versteht die Frauen! Und wie schön er Keyboard spielt! Tolle Melodien holt er da aus dem Kasten raus, alle Achtung!

Der Bassist Chris Bajo fällt mir weniger auf, er agiert am rechten Bühnenrand und erinnert mich an einen Kommilitonen aus dem Jura-Studium, der jedem der es wissen wollte, erzählte, wie schön fleissig er schon wieder 8 Stunden am Stück fürs Examen gepauckt hat. Aber es steht ja schon in der Bibel: mache Dir kein Bild von deinen Mitmenschen, bevor Du sie nicht kennst!

Vielleicht sind die Jungs von Vampire Weekend (den Drummer kann ich übrigens nicht sehen, der ist meistens verdeckt) ja richtig wilde Draufgänger! Aber immer auf Sicherheit bedacht! Deshalb empfehlen sie beim Sex auch Kondome zu verwenden, wir sind ja schliesslich auf einer Aids-Veranstaltung!

Aber jetzt Schluss mit diesen oberflächlichen Betrachtungen, wie ist denn die Musik? Wie schon erwähnt, floppt die Single "Cape Cod Kwassa Kwassa", obwohl das Magazin Rolling Stone sie bereits 2007 zu den 100 besten Liedern des Jahres zählte.

"Campus" erfeut mit schönen Gitarren im Stile der Strokes erreicht aber nicht die Wucht der Band um Sänger Julian Casablancas. "Mansard Roof" hoppelt hübsch vor sich hin, aber ausser dem hinreissenden Gitarrensolo hat es nicht arg viel zu bieten. Auch das eigentlich tolle "M 79" bleibt eher am Boden kleben, die Band spielt einfach zu lahm, obwohl sich Sänger Ezra gesanglich und körperlich ganz schön ins Zeug legt. Irgendwie können die anderen seinem Tatendrang nicht ganz folgen. Aber dann endlich: Mit "A Punk" geht nach 20 Minuten zum ersten Mal wirklich der Punk ab! Das ganze Zelt tanzt, die Stimmung hat jetzt ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Komischerweise kann sie mit dem Lied, das ich auf dem Album eigentlich am wenigsten mag, nämlich "One"( Blake's Got A New Face) mühelos gehalten werden, jeder singt den Refrain mit. Für Dampf sorgen dann auch noch "I Stand Corrected" und "Oxford Coma", während "The Kids Don't Stand A Chance" den Preis für das romantischte Lied des Abends abräumt.

Absoluter Bringer ist aber das abschliessende "Walcott" bei dem die Gitarre von Ezra hochmelodische Kapriolen schlägt und auch endlich mal der Drummer Vollgas gibt. Das Publikum dankt es mit ausgelassenem Tanz und langanhaltenden Applaus. Eine Zugabe gibt es aber nicht mehr, die Jungs müssen früh ins Bett!

Laura auch, es ist schon 11 höchste Zeit für sie aufzubrechen, sie ist doch erst 16!

Ich hingegen bleibe noch ein wenig und beurteile das stattgefundene Konzert als gut, wenngleich nicht als absolut überragend. Eine Sensation sind Vampire Weekend also nicht, aber eine junge, talentierte Band mit einem Sinn für hübsche Melodien und charmante Arrangements. Und so höflich und guterzogen!

01: Mansard Roof
02: Campus
03: Cape Cod Kwassa Kwassa
04: M79
05: White Sky (neu)
06: A-Punk
07: Bryn
08: One (Blake's Got A New Face)
09: The Kids Don't Stand A Chance
10: I Stand Corrected
11: Oxford Coma
12: Walcott




Dienstag, 20. Mai 2008

Vampire Weekend, Paris, 19.05.08

5 Kommentare

Konzert: Vampire Weekend
Ort: Le Trabendo, Paris
Datum: 19.04.2008

Zuschauer: ausverkauft



An seinem Hochzeitstag sollte man auf kein Konzert gehen, zumindest wenn die eigene Frau nicht so musikbegeistert ist, wie man selbst. Vor allem aber sollte man seinen Hochzeitstag nicht vergessen! Habe ich auch nicht! Das Datum ist ja zur Sicherheit eh in den Ring eingraviert worden. Aber wenn man im Eifer des Gefechts einen Stapel Konzerttickets ordert, kann es ja schon einmal passieren, dass man nicht so genau auf den Tag schaut, oder nicht??

Hmm...

Nun gut, dass Billet für Vampire Weekend bin ich spielend losgeworden. Ich musste mich sogar zwischen vier Interessenten entscheiden, witzig was? Tja, der Hype um die Band von der amerikanischen Ostküste (Zitat eines Konzertberichtes aus dem Kölner Luxor bei Spiegel-Online: "Die beliebtesten Blutsauger des Pop konzertierten in Köln und verwandelten einen stickigen Veranstaltunsort ins weite Feld musikalischer Glücksgefühle) lässt die Nachfrage nach den begehrten Plätzen in die Höhe schiessen. Ich hoffe, dass Littlesa, die das Kärtchen letzlich erworben hat, ein tolles Konzert hatte und auch Glücksgefühle erlebte! Mit der Kohle habe ich übrigens einen schönen Strauss Blumen für meine Frau gekauft, ich alter Romantiker. Die zwei Mädchen in dem kleinen Lebensmittelladen um die Ecke waren ganz gerührt: "Mein Mann (Freund) schenkt mir nie Blumen, Du bist aber lieb!" - Find ich auch, hahahah...

Was ich nicht alles bereit bin, für meinen Hochzeitstag zu opfern! Ein Konzert von Vampire Weekend! Und bei denen gibt es doch nicht einen schwachen Song im Set! Sagt zumindest der Spiegel und fügt hinzu: "das gab es zuletzt bei den Strokes oder auf dem zweiten Album der Shins"*. Als Vorgruppe der Shins hatte ich die jungen Amerikaner übrigens im vergangenen Jahr kennengelernt. Mein Schnappschuss von diesem Konzert (Foto links) ist im amerikanischen Musikmagazin Spin gelandet. Sachen gibt's...

* was ein Set, sprich die Liste der Lieder, die auf einem Konzert gespielt werden, mit einem zweiten Album einer Band zu tun hat, müsste mir der Schreiberling vom Spiegel allerdings einmal erklären. Will er damit etwa sagen, dass die Shins nur dann ein tadelloses Set (sprich Konzert) abliefern können, wenn sie ausschliesslich Titel von ihrem zweiten Album spielen?

Links:

- Konzert von Vampire Weekend in Paris, November 2007
- kurz vorher in Brüssel mit Los Campesinos!

Konzerttermine von Vampire Weekend:

20.05.08: Amsterdam, Melkweg
21.05.08: Hamburg, Knust
22.05.08: Berlin, Maria
23.05.08: München, Kleine Elserhalle
26.05.08: Rom, Circolo degli Artisti
27.05.08: Bologna, Rocker Festival (boah, Vampire Weekend, die alten Rocker!)
28.05.08: Zürich, Mascotte
29.05.08: Barcelona, Primavera Festival
30.05.08: Porto, Casa De Musica
01.06.08: Manchester, Academy


Setlist Vampire Weekend, Le Trabendo, Paris (Merci à Stéphane!):

01: Mansard Roof
02: Campus
03:Cape Cod Kwassa Kwassa
04:M79
05:Bryn
06:Boston
07:A-Punk
08:White Sky
09:One (Blake's Got A New Face)
10:I Stand Corrected
11:Little Giant
12:The Kids don't Stand A Chance
13:Oxford Comma

14: Walcott (Z)




Dienstag, 6. November 2007

The Shins, Paris, 05.11.07

11 Kommentare

Konzert: The Shins
Ort: La Cigale, Paris
Datum: 05.11.2007
Zuschauer: ausverkauft


"You're so sexy!" - Nanu, war ich bei den Kings Of Leon gelandet? Oder bei Mando Diao? - nein, nein, ich irrte nicht, der Aufschrei eines angeheizten jungen Mädchens ereignete sich wirklich bei einem Konzert...der Shins! Nett, sympathisch, natürlich, mit all diesen Attributen wird üblicherweise die Band um Sänger James Mercer versehen, aber sexy? Das war mir vorher entgangen...

Vielleicht war das Mädchen vorher im Sexodrom im benachbarten Pigalle-Viertel und hatte sich so auf das Konzert eingestimmt? Obwohl mir das abwegig erscheint, in diese billigen Läden verirren sich wirklich nur notgeile Touristen,
das Publikum in der Cigale war hingegen eher wie die Band selbst: brav, anständig, nett und...zum Großteil weiblich! "Actually we just came to Paris for the good food and the beautiful girls", meinte dann auch der huttragende Mercer gegen Ende des Konzerts. Die eher biederen Shins also doch absolute Womanizer? - Stille Wasser sind tief!

Vorher durften aber zunächst einmal andere brav wirkende Jüngelchen das Publikum warmspielen.
Vampire Weekend hießen sie und werden bei meinzuhause.meinblog von einem gewissen Christoph bereits gehypt. Und dies, obwohl jener Christoph nichts von ihren Paul Simon-Einflüssen, die klar auf der Hand liegen, heraushört :-)

Schade, daß ich nur noch drei Lieder von den vielversprechenden Jungspunden mitbekam, entgegen sonstiger Gewohnheiten wurde hier kein akademisches Viertel eingehalten, sondern extrem pünktlich losgelegt. Trantüten wie ich verpassen dann mal gerne den Anfang...

Setlist Vampire Weekend, La Cigale, Paris:

01: Mansard Roof
02: Cape Cod Kwassa Kwassa
03: M79
04: Bryn
05: I Stand Corrected
06: A-Punk
07: One (Blake's Got A New Face)
08: The Kids Don't Stand A Chance
09: Oxford Comma

Danach warteten dann die Mädels, darunter sehr viele Amerikanerinnen auf die Testosteronbomben The Shins. Würden sie ihr Hemd ausziehen? Laszive Gesten machen? Nein, natürlich nicht, so etwas überlassen sie Johnny Borrell und Iggy Pop...

Aber Sänger und Gitarrist James Mercer hatte immerhin ein trendiges (und kein albernes wie Christoph vielleicht schreiben würde) Hütchen auf, mit dem er seine Paterglatze verdeckte. "Blubb, blubb, blubb", leider kann ich dieses Geräusch was bei "Sleeping Lessons" am Anfang steht, nicht so gut nachmachen, aber für mich hört sich dies immer so ähnlich an. Es eröffnete bisher noch jedes Konzert, das ich von den Amerikanern gesehen habe und dieses Jahr steht mein Shins - Konzertzähler immerhin schon bei vier. Nach wie vor begeistert mich aber, wenn plötzlich die Gitarren in dem Stück losdonnern und mit dem Klischee aufgeräumt wird, die Band könnte nicht rocken. Von wegen, die Typen können einem die Ohren wegblasen, gerade wenn man, wie ich, gleich vor den Boxen steht! Und nach wie vor ist man nicht vor Überraschnungen sicher, denn ziemlich früh schon wurde die Setlist abgewandelt und mit "Girl On The Wing" und vor allem "When I Goosestep" Lieder gespielt, die man ansonsten eher selten (im Falle des letztgenannten Songs handelte es sich gar um eine Premiere für mich) geboten bekommt. Auch das an achter Stelle gebrachte "Sea Legs" gehört nicht immer zum Standard-Repertoire, schön, daß hier mal gewechselt wird. Unabhängig davon wurde es aber ab dem herrlichen "Girl Inform Me" am stärksten, denn in der Folge gaben sich Hit auf Hit die Klinke in die Hand. Schwer zu sagen, welches Lied am schönsten war. Etwa das countryeske "New Slang" mit der famosen Uhuhuhu-Phase zu Anfang, oder doch die Hymne "Saint Simon? Oder vielleicht Australia, welches sich problemlos für das Stück des Jahres 2007 qualifizieren könnte? Die Amerikaner schienen ein Best-Of Album zu spielen, obwohl sie lediglich die Rosinen ihrer ersten drei Alben herausgepickt hatten. Hach, es war wundervoll! Diese ganzen niedlichen Mädchen, die die Strophen inbrünstig mitsangen und eine High School Fete veranstalteten und dies mitten in Paris. Würde ich nochmal 18 sein und in Yale studieren, ich würde The Shins in meiner Studentenbude auflegen, um die höheren Töchter rumzukriegen...

Auch der Schluß des ersten Teil war noch einmal hochkarätig, mit "Turn On Me", "Know Your Onion!" und "Phantom Limb" wurde das hohe Niveau gehalten und ein Dauergrinsen auf die Gesichter der Besucher gezaubert.

Die Zugaben schließlich ebenfalls nicht ohne Überraschungen. Die erste erinnerte mich prompt an Pink Floyd, was kein Wunder war, "Breathe" stammte nämlich von den Kultmusikern und klang auch in der Version der Amerikaner ganz ausgezeichnet. Die dritte ebenfalls nicht immer dabei: "The Past And Pending", eine schöne Folk-Ballade,
die man auf dem ersten Album "Oh, Inverted World" finden kann. Lediglich der Abschluß war wie immer. "So Says I " hatte bisher noch jedes von mir erlebte Konzert abgeschloßen und sorgte wieder einmal für Schwung in der Bude. Und die Bude, sie bebte in der Cigale an jenem Tage! Kein Wunder, die Shins sind halt eben so sexy, da können die Girlies nicht an sich halten...



Setlist The Shins, Paris, Cigale:

01: Sleeping Lessons
02: Kissing The Lipless
03: Girl On The Wing
04: When I Goosestep (von dem Film Wicker Park)
05: Turn A Square
06: Girl Sailor
07: A Comet Appears
08: Sea Legs
09: Girl Inform Me
10: Saint Simon
11: Gone For Good
12: New Slang
13: Australia
14: Turn On Me
15: Know Your Onion!
16: Pam Berry, übergehend in
17: Phantom Limb

18: Breathe (Pink Floyd Cover) (Z)
19: Caring Is Creepy (Z)
20: The Past And Pending (Z)
21: So Says I (Z)




Montag, 5. November 2007

Los Campesinos!, Brüssel, 04.11.07

7 Kommentare

Konzert: Los Campesinos!

Ort: Botanique Brüssel
Datum: 04.11.2007
Zuschauer: etwa 50


Wenn man sich selbst einen Hype schafft, ist das Risiko groß, daß die Band, die man so großartig findet, sich dann irgendwann als Enttäuschung rausstellt. Auch wenn bei mir am Anfang der großen Liebe zu Los Campesinos! schon ein Liveauftritt steht (beim Wireless Festival im Sommer in London), habe ich die Band danach zwangsläufig nur auf Platte gehört. Eigentlich hätte sich die Live-Gelegenheit schon im Rahmen der PopKomm ergeben, da sagten Los Campesinos! aber kurzfristig ab, weil die Aufnahmen für ihr Debütalbum in Kanada noch nicht abgeschlossen waren und überließen uns dem allgegenwärtigen Gentleman Reg.

In Festland-Europa waren mir nur wenige LC! Termine bekannt, ein paar in Frankreich kommende Woche, München und Berlin in den
nächsten Tagen und Brüssel. Da Brüssel von Köln aus am schnellsten erreichbar ist (und da ein Warten auf die Tour nach Albumveröffentlichung im Januar wirklich nicht möglich war...), sollte es also im Botanique sein.

Das Botanique ist offenbar Teil des Botanischen Gartens in der Innenstadt Brüssels und beherbergt neben einem Museum, einigen Bars und Kneipen auch mehrere Clubs, bzw. Säle, in denen Konzerte stattfinden. LC! sind (noch) zu klein, um die Räume mit den aufregenderen Namen, die Rotonde oder die Orangerie, zu füllen, das Konzert fand also im Keller, in einer Witloof Bar statt. Wir hatten vorher noch Zeit, das Gebäude zu erkunden und waren hin und weg. Das in den 80ern zum Kulturzentrum gemachte Haus ist voll mit Pflanzen, Fischteichen und hat überall
Säle und Räumchen, in denen Konzerte stattfinden. Neben Los Campesinos! traten Sonntag noch die Blood Red Shoes auf.

Musiktouristfreundlich begann das Programm um acht. Vorgruppe waren die ebefalls sehr gehypten Vampire Weekend aus New York. Die vierköpfige Band ist brandneu, ihr erstes richtiges eigenes Konzert fand im Sommer in den USA statt, supportet aber bereits die Shins in Frankreich und England. Ihr Stil wird als Afro-Pop beschrieben, eine genannte Referenz ist Paul Simon... Hätte ich das vorher gelesen, wäre ich vermutlich verschreckt worden, gemerkt habe ich von den Einflüssen ganz ehrlich aber nichts.

Die Witloof Bar ist ein kleiner, sehr luftiger Keller für 200 Leute, in dem überall
Säulen stehen - auch auf der Bühne. Den Schlagzeuger der Band konnte man von den Seiten gar nicht sehen, weil immer eine der Backsteinsäulen im Weg war.

Gefallen hat mir Vampire Weekend sehr. Die Band macht sehr hörenswerten Indie-Rock, mit Schlagzeug, Bass, Gitarre und Keyboard und mit einem Sänger mit fabelhafter Stimme. Einige der Lieder des Abends klangen wahnsinnig vielversprechend und machen mich neugierig auf ein Album.

Setlist Vampire Weekend Botanique Brüssel:

01: Campus
02: Mansard roof
03: Cape Cod Kwassa Kwassa
04: M79
05: Bryn
06: I stand corrected
07: A-Punk
08: One (Blake's got a new face)
09: The kids don't stand a chance
10: Oxford comma

Wie sieben Musiker sich den knappen Bühneplatz dann aufteilen wollten, war uns ein Rätsel! Noch dazu benötigt die Band aus Wales reichlich Platz für Keyboards und so tolle Instrumente wie Glockenspiel, Melodicas, Kuhglocken, Rasseln, Geige... Aber es funktionierte. Denn um neun bauten sich vor den Säulen sechs der sieben Los Campesinos! auf, nur deren Schlagzeuger blieb im Hintergrund. Vorne standen Aleksandra (Keyboard und Gesang), die mit einer Tasse Tee auf die Bühne kam, Bassitin Ellen, Sänger und Keyboarder und Glockenspieler Gareth, die beiden Gitarristen Tom und Neil und Harriet, die Violine und Keyboard spielt.

Die Vielzahl der Instrumente macht einen besonderen Reiz der Band aus. Es passiert in jedem Lied dauernd irgend etwas. Diese Klangkombinationen ergeben einen ganz eigenen Stil - und im Gegensatz zu anderen Bands, die so etwas betreiben
(Architecture in Helsinki), famose Popsongs. Die Debüt-EP der Waliser "Sticking fingers into sockets" enthält einige davon, die Hymne "You! Me! Dancing!", die fabelhaften "Don't tell me to do the math(s)" oder "We throw parties, you throw knives".

Gareth begrüßte uns, sagte, sie seien Los Campesinos! aus Wales bei England, und sie seien zum ersten Mal in Belgien. Auf seine Nachfrage sagte nur einer der Gitarristen, er hätte schon mal einen Schulausflug nach Spa gemacht, was die belgischen Besucher wunderte. Er erklärte
das aber damit, daß es eben eine Klassenfahrt gewesen sei, er habe keine Wahl gehabt.

Das Konzert begann dann mit einem mir unbekannten Lied, das im Titel irgendetwas mit "Broken heart" hat. Es heißt aber sicher anders, denn LC! nennen ihre Lieder lieber ausführlich ("
...Tweeshake + roll our eyes in unison"). Das neue Stück gefiel mir gleich sehr gut - es kannte aber wohl niemand der Zuhörer bisher. Danach folgte mit "Don't tell me to do the math(s)" gleich ein Höhepunkt! Zu dem Lied gibt es übrigens eine schöne Anekdote. Am Anfang heißt es da "Don't read Jane Eyre!" In einem Brontë-Forum schrieb dazu jemand, es gäbe da eine tolle neue Band, nur hätten die wohl etwas gegen Charlotte Brontës Roman. Gareth Los Campesinos! antwortete daraufhin dort, dies sei nur ein Zitat, sie selbst seien eine Band, in der einige Studenten der Literaturwissenschaften seien, sie schrieben niemals etwas Negatives über Jane Eyre!

Gestern fragte er dann später, was sie denn an ihrem freien Tag in Brüssel am Montag machen könnten. Er habe zwar nichts mit Kultur am Hut, die anderen aber schon! Er habe aber immerhin eine Filiale einer englischen Bäckereikette entdeckt.

Das Set ging weiter mit der aktuellen Single "
The international tweexcore underground", wieder gefolgt von einem neuen Lied. Einziges Manko bei dem Konzert war, daß das Mikro von Sängerin Aleks zu leise eingestellt war. Gerade bei Liedern wie "The international tweexcore underground" fiel das auf. Aber dafür, daß der Keller mit seinen Säulen sicher kein Soundmann-Paradies ist, war es ansonsten sehr gut abgemischt.

Das Programm des 45-minütigen Auftritts war gut gemischt. LC! spielten vier mir neue Lieder, die fünf "richtigen" Lieder der EP, die beiden auf der ersten Demo EP "Hold on now, youngster" erschienenen Stücke "
Death to Los Campesinos!" und "Sweet dreams, sweet cheeks", die es bei der walisischen BBC gibt und eben die aktuelle Single. Leider waren die meisten Lieder der Mehrzahl des Publikums nicht genug bekannt, um riesige Stimmung zu erzeugen. Aber bei "You! Me! Dancing!" gröhlte der ganze Saal mit. Wow!

Los Campesinos! schaffen es, ihren komplexen Sound live perfekt wiederzugeben.
Das wurde beim ewig langen Intro zu "You! Me! Dancing!" deutlich. Da stand Gareth zunächst am Schlagzeug und spielte auf den Becken. Das Lied steigert sich immer weiter und setzt mit wildem Glockenspiel richtig ein. Das machte der Sänger dann auch wieder. Und dabei traf er trotz wildem Hämmerns auf das Mini-Xylophon die richtigen Töne erstaunlich gut. Wichtiges Element des LC! Sounds ist auch die Geige von Harriet, die bei den meisten Liedern zum Einsatz kommt. Die Frau, die ein Blümchenkleid trug, singt aber auch oft die Background Stimme.

Es ist nicht richtig zu beschreiben, es ist aber ein einmaliges Erlebnis, diese Band zu sehen und zu hören! (Ich hoffe natürlich nicht, daß es als echtes Konzert einmalig bleibt). Für mich sind Los Campesinos! die mit Abstand aufregendste Band seit sehr langer Zeit. Ich freue mich schon jetzt irre auf das für Anfang des Jahres angekündigte Album und auf die von Gareth für Januar angedeuteten Konzerte in Deutschland! "Wales near England" hat da eine grandiose Band hervorgebracht - auch wenn keiner der Sieben aus Wales stammt...

Ein heißer Kandidat für das Konzert des Jahres.

Setlist Los Campesinos! Botanique Brüssel:

01: Broken heartbeats sound like breakbeats

02: Don't tell me to do the math(s)
03: The international tweexcore underground
04: Drop it doe eyes
05: Death to Los Campesinos!
06: We throw parties, you throw knives
07: It started with a mixx
08: Knee deep at ATP
09: ...Tweeshake + roll our eyes in unison
10: You! Me! Dancing!
11: Sweet dreams, sweet cheeks

12: Frontwards (Z)

Links:

- Los Campesinos! beim Wireless Festival in London (17.06.07)
- mehr Fotos




 

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