Samstag, 4. Juli 2009

Get Well Soon, Bonn, 04.07.09

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Konzert: Get Well Soon
Datum: 04.07.2009
Ort: Rheinaue Bonn (Rheinkultur)
Zuschauer: einige Tausend
Dauer: 60 min


"Rheinkultur? Nein, da sind mir zu viele Leute", war die Standard-Antwort, als ich heute erwähnte, daß ich in die Bonner Rheinaue fahren würde. 170.000 bis 200.000 "Kultur"-Freunde finden sich alljährlich in der weitläufigen Grünanlage, um da ohne Eintritt reichlich Bands zu sehen. Solche kostenlosen Riesenveranstaltungen schrecken auch mich kräftig ab, es war allerdings weniger schlimm, als ich gedacht hatte; zwei Drittel der Zuschauer waren immerhin nicht assig und fies! Aber schön ist eine solche Veranstaltung wirklich nicht...

Auf der Suche nach Informationen über das Festival, hatten mich die Veranstalter
heute morgen schon einmal richtig mit perfekter Organisation beeindruckt: nach Informationen wie Zeitplan, Bühnen und Parken guckend, war ich auf der Festival-Homepage gelandet, gar kein schrecklich exotischer Ansatz. Die Website funktioniert allerdings nicht - aber es gibt ja myspace, da fand ich immerhin alles Wissenswerte - zur letztjährigen Ausgabe...

Get Well Soon waren der Hauptgrund der spontanen Entscheidung, nach Bonn zu fahren. Ich war ein paar Minuten zu früh an der blauen Bühne (idiotensicher organisiert; zielgruppenorientiert) und durfte die letzten Lieder einer schrecklichen Hip-Hop Band noch genießen. Dann erschienen endlich Konstantin Gropper und seine Bandkollegen, um ihren Bühnenaufbau zu machen.

Um kurz nach sechs ging es los. An der Geige - dies ist die variable Position in der Band - trat heute wieder Theresa auf, die Violinistin, die ich schon bei der Folklore in
Wiesbaden erlebt hatte. An den anderen Instrumenten schienen mir die üblichen Verdächtigen zu stehen.

Ich möchte nicht auf jedes Lied eingehen, dafür haben wir schon zu oft über die großartigen Get Well Soon geschrieben. Bei mir wechseln ganz regelmäßig die liebsten Stücke der Band. Heute gefielen mir ganz besonders
Christmas in adventure parks, vielleicht, weil ich es lange nicht gehört habe, das Cover Born slippy nuxx, If this hat is missing I have gone hunting und einmal mehr I sold my hands for food so please feed me!

Bei gut 30° C und wenig Schatten (die Bühne stand genau falschrum) fiel mir wieder auf, daß Get Well Soon und ihre düstere Musik auf im strahlenden Sonnenschein
nachmittags perfekt funktionieren. Eigentlich gehören die schwermütigen Stücke im Herbst nach drinnen, dachte ich immer, die Mischung aus Dramatik und krachenden Gitarren (meist am Ende der Titel), Postrock-Glockenspiel und Trompeten begeistert mich aber auch mit zugekniffenen Augen in der Knallsonne! Kleine Augen deshalb, weil ich Sonnenbrillen immer schrecklicher finde und nicht trage. Und huch, damit war ich nicht alleine. "Ich trage keine Sonnenbrillen. Da merkt man erst mal, was U2 der Popmusik angetan haben", sagte der Sänger irgendwann.

Konstantin Gropper war redselig. "Hallo, wir sind Culcha Candela." Bevor sich die ersten Kulturfreunde (ich mochte besonders die Remmidemmi-Brüller) fragen konnten, wann denn Hamma! käme, klärte der Frontmann auf. "Nein, wir sind Get Well Soon. Aber mit positiven Vibes die Welt verbessern, ist auch unser Ding!"

Wie sehr die Hitze Konstantin zusetzte, merkte man nur einmal. Gegen Ende bei
People Magazine front cover sang er plötzlich nicht weiter und ließ eine halbeTextzeile aus. Konstantin Gropper schob das auf seine sonnen- "weiche Birne." "Ich hoffe, ihr wisst das zu schätzen, wenn ich hier auf der Bühne sterbe!" Worauf jemand im Publikum mit "auf geht's!" antwortete... Konstantin starb nicht und auch sonst waren keine sonnenbedingten Ausfälle zu beobachten. Und die eine Panne blieb die einzige des einstündigen Konzerts.

Höhepunkte gab es dagegen viele! Theresas Gesang zu Beginn von
Listen! Those lost at sea sing a song on christmas day zum Beispiel! Die Stellen, an denen die Geigerin mitsang, gefielen mir alle ganz besonders, weil ihre Stimme perfekt in die Stücke passt. Auch bei Christmas in adventure parks war dies einfach wundervoll! A propos zweite (und dritte) Stimmen: mir war bisher nie aufgefallen, wie perfekt die auch bei Ticktack! Goes my automatic heart funktionieren, wenn Trompeter Maxxi das Motiv singt (leider nicht mit Robotorstimme) und der Rest "huhuuuu" macht, ein Traum!

Ganz besonders gut gefiel mir auch das jüngste Stück des Sets,
Busy hope, das unter Konstantin Gropper firmierend auf dem Soundtrack des Wim Wenders Films "Palermo Shooting" veröffentlicht ist. Busy hope klingt leichter als die meisten anderen Lieder des Musikers. Leichter, nicht schlechter! Busy hope ist ein weiterer Knüller! Insbesondere das lange Instrumental-Ende begeistert mich enorm!

Wieder einmal ein hervorragendes Konzert der aktuell besten deutschen Band, die ich gar nicht oft genug sehen kann. Spätestens im Dezember habe ich wieder Gelegenheit dazu, da touren Konstantin und Band wieder durch deutsche Clubs.


Setlist Get Well Soon, Rheinkultur, Bonn:

01: Prelude
02: You/Aurora/You/Seaside
03: We are safe inside while they burn down our house
04: Listen! Those lost at sea sing a song on christmas day
05: People Magazine front cover
06: Born slippy nuxx
07: Christmas in adventure parks
08: Busy hope
09: I sold my hands for food so please feed me
10: Ticktack! Goes my automatic heart
11: If this hat is missing I have gone hunting
12: Lost in the mountains (of my heart)

Links:

- aus unserem kleinen Get Well Soon Archiv:
- Get Well Soon, Paris, 06.05.2009
-
Get Well Soon, Nijmegen, 25.04.2009
- Get Well Soon, Paris, 14.10.08
- Get Well Soon, Wiesbaden, 30.08.08
- Get Well Soon, Melt!, 20.07.08
- Get Well Soon, Evreux, 28.06.08
- Get Well Soon, Frankfurt, 15.04.08
- Get Well Soon, Köln, 09.04.08
- Get Well Soon, Berlin, 21.09.07
- Get Well Soon, Haldern, 02.08.07
- mehr Fotos von Get Well Soon bei der Rheinkultur



Marie-Flore & Serafina Steer, Paris, 03.07.09

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Konzert: Marie-Flore & Serafina Steer

Ort: La Plage de Glaz'Art, Paris
Datum: 03.07.2009
Zuschauer: 150 vielleicht?
Konzertdauer: jeweils ca. 40 Minuten



Strandfeeling mitten in der Großstadt: Wäre die Sicht nicht durch den Blick auf den häßlichen Hotelklotz getrübt, könnte man sich hier glatt am Mittelmeer fühlen. Klar, ein bißchen Fantasie braucht man dafür, aber Sand, Liegestühle und ein Barbcecue gab es am Plage de Glaz'Art zumindest schon einmal. Fast romatisch, wären da nicht die zwei ekligen dicken Ratten gewesen, die durch die Bambuszäune hindurchgekrochen kamen und sich unmitellbar in Grillnähe ein kleines Kämpfchen lieferten. Owlle, die Freundin von Marie-Flore, die auch bei den letzten zwei Titeln des Sets aufs Lieblichste mitzwitscherte, war plötzlich hellwach und ließ einen spitzen Schrei los. Das war vor der Show. Während des Konzertes der zarten Pariser Folkeuse Marie-Flore ließen sich die Ratten zum Glück nicht mehr blicken und man konnte ungestört die neuen Titel genießen. Davon gab es eine ganze Menge, gleich der Opener war bisher unbekannt. Born And Raised hieß er und vereinte sämtliche Qualitäten der 22 Jährigen: die samtweiche Stimme mit dem zarten Schmelz, das einfühlsame Gitarrespiel und die unwiderstehliche Melancholie, die sich durch sämtliche Stücke zieht. Auch I Remember und When I Was Young waren nagelneu, während Trapdoor (hierzu gibt es ein Video, hier!) und Half Past Three (B-Seite ihrer ersten Single) schon fast als Klassiker zu bezeichnen sind. Aber gemeinsam mit Owlle ist das Ganze vielleicht sogar noch schöner, denn die beiden hübschen Stimmen passen ganz hervorragend zusammen und somit waren Soft Divide und Chances Are wahrlich ein Genuß. Eigentlich wollte Marie-Flore danach schon verschwinden, aber so leicht ließ ich sie nicht gehen: Ich forderte vehement ihren betörenden Hit Empty Walls (hier in einer charmanten Cargo Session) und da ich hierbei Unterstützung von einem anderen Fan erhielt, wurde mein Wunsch schließlich erfüllt.

Wie immer prima! Und die erste EP More Than Thirty Seconds If You Please wird im September erscheinen, darauf freue ich mich schon sehr!

Setlist Marie-Flore, La Plage de Glaz'Art, Paris:

01: Born And Raised
02: Trapdoor
03: Made Of Sticks
04: Night Disorder
05: While You Were There
06: I Remember
07: When I Was Young
08: Half Past Three
09: Soft Divide
10: Chances Are

Danach ging Serafina Steer zusammen mit ihrer Freundin Polly Huggett an den Start. Serafina kannte ich schon, denn ich hatte die britische Harfespielerin im Vorprogramm des Comeback-Konzerts der Young Marble Giants in Boulogne Billancourt gesehen und war auf Anhieb angetan. Allerdings erschein sie damals alleine und entlockte ihrer Harfe wundervollste Töne. Wahrscheinlich hatte sie in der Zwischenzeit Lust auf ein wenig Veränderung, möglicherweise war ihr der klassische Solo-Vortrag an ihrem Instrument zu eintönig geworden und so lief sie heute mit einer Keyboarderin auf. Polly harmonierte mit Serafina ganz hervorragend. Nicht nur ihre Fingerfertigkeit an dem kleinen Casio war verblüffend, sondern vor allem ihr Gesang wunderwunderschön. Fingerfertigkeit und zwar in höchster Vollendung war natürlich auch Serafina selbst zu bescheinigen. Sensationell wie sie mit einer Hand Harfe spielte und mit der anderen in die Tasten des Keyboards griff! Und diese beiden Stimmen im Chor, zum mit der Zunge schnalzen! Ich war hin und weg, zumal mich der Gesang von Serafina an meine Lieblingssängerin, die früh und tragisch Verstorbene Sandy Denny (Fairport Convention) erinnerte. Auch wenn sie zwischen den Songs Ansagen machte, erinnerte sie an Sandy, das gab mir fast Stiche ins Herz. Was die englischen Folksängerinnen in den letzten zwei Jahren mit mir anstellen, ist sowieso schon fast gemein zu nennen. Sharron Kraus, Mary Hampton, Rachael Dadd, Laura Marling, soviele würdige Nachfolgerinnen von Sandy, die mich mit ihren traurigen, aber dennoch profund schönen Songs regelmäßig an den Rande der Tränen treiben, sobald ich ihre puren Stimmen höre. Seltsam, daß von den Vorgenannten lediglich Laura Marling einem breiteren Publikum bekannt ist, denn die anderen haben mindestens genauso viel auf der Pfanne. Aber so ist dan nun einmal, Gerechtigkeit gibt es in auch in der Folkszene nur bedingt, aber ich habe bei Serafina den Eindruck, sie kann damit sehr gut leben. Sie ist mit ihren 27 Jahren reif genug, um zu wissen, daß nicht nur schnelle kommerzielle Erfolge zählen. Wichtig ist letztlich die Leidenschaft für die Kunst und die Fähigkeit das Publikum, bestehe es auch nur aus einigen eingeweihten und gutinformierten Insidern, emotional zu erreichen. Und das schafft sie ganz hervorragend. Lieder wie Motion Pictures oder Cheap Demo Bad Science & Horton Jupiter sind einfach ein Fest für die Ohren und wenn die beiden dann auch noch Morrissey auf fast genial zu nennende Weise covern (Suedehead), ist das Glück perfekt. Wahrscheinlich war auch der Pariser Himmel angetan von dieser exquisiten Darbietung, denn er zeigte sich in den dramatischsten Farben und untermalte perfekt die wunderbare Atmosphäre.

Wenn da nicht der eingangs erwähnte Hotelklotz gewesen wäre...

Aber: träumen heißt auch häßliche Dinge auszublenden und sich nur auf das Sublime zu konzentrieren. Danke Marie, Flore, danke Serafina, ihr habt mich 90 Minuten lang auf eine Wolke gebettet.

Setlist Serafina Steer, Plage de Glaz'Art, Paris (thanks to Serafina!):

01: G.S.O.H.
02: Motion Pictures
03: Port Isaac
04: Trucker
05: Ulular
06: Margoton
07: Suedehead
08: Tiger
09: By This River
10: Curses Curses
11: Cheap Demo Bad Science & Horton Jupiter

Links:

Videos: Serafina Steer - Tiger
Suedehead live
Curses Curses BBC Collective Session



Donnerstag, 2. Juli 2009

Thos Henley, Paris, 01.07.09

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Konzert: Thos Henley

Ort: Le Pop In, Paris
Datum: 01.07.2009
Zuschauer: ca. 35
Konzertdauer: ca. 35 Minuten (eine Minute pro Zuschauer, lol)



Artisten, die mal eine Oliver Peel Session bei uns gespielt haben, lasse ich logischerweise nicht so schnell aus dem Auge. Man freundet sich nicht nur mit der Musik an, sondern auch mit dem Menschen, der sie geschaffen hat. Thos Henley ist sowieso ein dufter Typ, nett, weltoffen, intelligent und lebenslustig. Mit seiner nonchalanten Art kommt er überdies bei jungen Frauen enorm gut an. Er wohnt gleich mit zwei hübschen Mädels in einer WG, wenn das nicht der Traum eines jeden 21 jährigen ist?! Hinzu kommt sein überwiegend weiblicher Fanclub, der ihm überall hin folgt. Schon als ich in die Straße einbiege, die zum Pop In führt, sehe ich sie auf Steinstufen sitzen. Seit der Session in unserem Wohnzimmer kennen sie mich auch und grüßen schon von weitem. Als ich sie erreiche, lächeln sie mich an und sagen: "Wir haben gerade eben von Dir geprochen." Wow, was für eine Ehre!, denke ich mir und stelle fest, daß das Abhalten von Sessions vielfältige Vorzüge hat. Neben dem Genuß von guter Musik in intimer Atmosphäre, tragen sie enorm zur Schaffung von sozialen Kontakten bei, eine wichtige Sache in einer anonymen Großstadt wie Paris. Musik verbindet eben Menschen und Kulturen! Die Lieder von Thos scheinen insbesondere bei den Skandinavierinnen gut anzukommen, sein Fanclub besteht hauptsächlich aus Schwedinnen und Finninen, obwohl seit unserer Session auch Französinnen hinzugekommen sind. Das Pop in, wo Thos heute auftreten wird, ist ohnehin ein multikultureller Laden, man begegnet hier sehr oft Amerikanern, Kanadiern, Engländern, Deutschen etc. Ich fühle mich in dem Pub, in das auch Herman Düne schon etliche seiner Freak Folker - Freude eingeladen hat, pudelwohl. Das einzige Problem ist, daß man nie weiß, wann es hier losgeht. Konzerte sind regelmäßig für 9 Uhr angestzt, aber vor 9 Uhr 30 tut sich hier nie was. Heute warten wir sogar bis 10 Uhr 30, bevor Thos alleine mit Klampfe das Kellergewölbe in Beschlag nimmt. Mit unfassbarer Inbrunst intoniert er seine lyrischen Folksongs und wirkt plötzlich viel reifer, als ein üblicher 21 Jähriger. Nur wenn er zwischen den Liedern in den Haaren wuschelt, seine Brille am T-Shirt reibt und zerstreut in die Runde blickt, merkt man wie jung er eigentlich ist. "Michael Jackson is dead" meint er plötzlich und fährt fort mit: Jens Lekman has swine flu, tha'ts even worse actually." Trockener Humor, dafür sind die Briten ja bekannt. Passenderweise heißt einer seiner Songs dann auch To Me You Are So English und den hat er sogar schon einmal für das Balcony TV performt. Auch das wundervolle The Wife bekommen wir zu hören, diese tolle "Lalala" Nummer, die er auch schon bei der Oliver Peel Session zum Besten gegeben hatte. Sein vermutlich schönste Lied ist aber Summer On The Tames von dem ich bisher annahm, das es The Library heißt, weil das Stück mit diesen Zeilen beginnt. Sehnsüchtiger machen aber die Zeilen "We always swam togehter", denn nach einem kühlen Bad sehnt sich wohl jeder hier...

Nach gut 35 Minuten ist Schluß und ich sehe mich erneut in meiner Auffassung bestätigt, daß dieser blonde Bursche ein großes Talent ist. Ich bleibe ihm auf den Fersen!

Links:

- Thos Henleys Oliver Peel Session in Olivers Wohnzimmer
-
Videos: Thos Henley To Me You Are So English in einer wunderbaren Balcony Session. Thos is great! I admire you! ; The Wife in einer Oliver Peel Session, Videclip Her
- Unbedingt auch diese Stick & Sessions mit den Mystery Jets angucken. Thos Henley hat sie selbst gedreht. Super, ganz großes Kino!



Regina Spektor, Paris, 01.07.09

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Konzert: Regina Spektor

Ort: Le Bataclan, Paris
Datum: 01.07.2009

Zuschauer: vermutlich ausverkauft

Temperatur: gefühlte 57 ° Celsius


"Machen sie einmal eine typische Handbewegung", hieß es in Robert Lembkes Ratesendung "Was bin ich?" immer und dann demonstrierte der Gast, dessen Beruf gesucht werden mußte, welchen Handgriff er am häufigsten in seinem Job ausübte.

Die typische Handbewegung des heutigen Konzertabends war ein heftiges Fecheln von links nach rechts und von rechts nach links, um die aufgehitzte Luft im Bataclan umzuwühlen und so scheinbar für Abkühlung zu sorgen. Der zu erratende Beruf war "Besucher bei einem Regina Spektor Konzert am 1. Julli." Die ganze Fechelei half aber nicht viel, denn es blieb unerträglich heiß. Und dies obwohl einige Zuschauer gut vorbereitet waren und Fächer mitgebracht hatten, während weniger gut präparierte Zeitgenossen die vor der Tür verteilten Flyer zur Hand nahmen.

Vorne auf der Bühne versuchte die dralle Regina Spektor gute Miene zum bösen Spiel zu machen, was ihr auch sehr gut gelang. Sie spielte nämlich begleitet von Streichern ein scheußliches Lied nach dem anderen und lächelte trotzdem wie ein Honigkuchenpferd - Nein, Spaß beiseite ganz so übel war ihre Klimperei auch nicht und wenn man eine romatische Ader hat, konnten man ihren Songs durchaus Berührendes abgewinnen. Auf mich wirkte das aber alles einen Tick zu kitschig (ein älteres Album heißt bezeichnenderweise ja auch schon Soviet Kitsch), bombastisch und gekünstelt und in schlimmen Momenten erinnerte sie mich gar an Kate Nash, was eine wahrlich unschöne Assoziation ist. Das Publikum um mich rum, zum Großteil bestehend aus braven 16-23 jährigen Mädchen aus gutem Hause, deren andere Lieblingskünstler mit großer Wahrscheinlichkeit Feist, Tori Amos, Björk und Bat For Lashes heißen, schien hingegen entzückt. Es fraß dem Lockenköpfchen am Klavier förmlich aus der Hand und fand jede kleine Ansage der New Yorkerin mit russischen Wurzeln charmant und hochgradig witzig. Mein persönlicher Geduldsfaden platzte, nachdem sich die Spektor eine mintgrüne Gitarre vor die üppige Oberweite geschnallt hatte (Machospruch, ich weiß, aber dieses Foto von einem Flickr Kollegen wurde über 15.000 mal angesehen, warum wohl?) und darauf zwei ziemlich beknackte Nummern vorgetragen hatte. In einem Lied (Bobbing For Apples) hieß es textlich: "Someone's next door's fucking to one of my songs." Das provozierte ein Jauchzen der Entzückung bei den jungen braven Girlies im Publikum, die sich wohl herzlich danach sehnen, auch einmal in ihrem Leben ein wenig frech, vulgär und provokant zu sein, ich hingegen reagierte eher genervt, weil ich es eigentlich schon immer überflüssig fand, den Liebesakt mit einer bestimmten Musik zu untermalen.

Fazit: Nicht mein Wetter! Weder die Musik noch die Hitze im Bataclan! Nach Après Moi hatte ich genug von dieser Veranstaltung und eilte zu meinem Freund Thos Henley ins nahe gelegene Pop In.

Warum ich überhaupt zu der Spektor gegangen bin? Neugierde glaube ich...

Setlist Regina Spektor, Le Bataclan, Paris (Merci beaucoup à Michael!):

01: The Calculation
02: Eet
03: Time is all around
04: One More Time With Feeling
05: Machine
06: Blue lips
07: Laughing With
08: On The Radio
09: Bobbing For Apples
10: That Time
11: Après Moi
12: Poor Litlle Rich Boy
13: Human Of The Year
14: Lacrimosa
15: Ne Me Quitte Pas
16: Man Of A Thousand Faces
17: The Flowers
18: Samson
19: Dance Anthem Of The 80s
20: Ghost Of A Corporate Future
21: Us
22: Fidelity

Anmerkung:

Die Fotos stammen von Michael C. Merci encore à Michael. Bien fait!



Mittwoch, 1. Juli 2009

Tada Tátà, Uke, u.a., Paris, 28.06.09

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Konzert: Tada Tátà, Uke, Eleanor L Vault, Festival Muisc For Toys

Ort: L'International, Paris
Datum: 28.06.2009
Zuschauer: trotz der Hitze so einige
Konzertdauer: pro Band 30-40 Minuten



Das zum zweiten Mal ausgetragene Pariser Festival Music For Toys wäre sicherlich etwas für meinen Bloggerpartner Christoph. Hier dreht sich nämlich fast alles um Glockenspiel, Melodica, Ukulele, Toy Piano und etliche andere kindlich anmutende Instrumente, die er so liebt...

Ich kann ihn gut verstehen, denn was man mit diesem "Spielzeug" an lieblichen Klängen erzeugen kann, ist hochcharmant, erfrischend und innovativ! Und keineswegs nur für Kinder geeignet, sondern für jeden zu empfehlen, der sich seine infantile Seite für immer bewahren will.

Drei Tage lang haben 10 verschiedene Künstler und Bands auf drei Konzertbühnen (1 Bis, Glaz'Art, International) ihr Talent, ihr Können und ihre Kreativität gezeigt und eine willkommene Abwechslung zum mainstreamlastigen Einheitsbrei der Open Air Festivals geboten. Am 26. Juni spielten Kim & His Toy Orchestra, Kids On Holidays und der Engländer Michael Wookey im 1 Bis in Ivry-Sur Seine, am 27. Juni ging es mit Chapi Chapo, Klimperei& Friends und GNG am Plage de Glaz'rt weiter und am Sonntag, dem 28. Juni war der letzte Tag, an dem im International Madame Patate, Eleanor L Vault, Tada Tátà und UKE auftraten.

Ich persönlich war erst am letzten Tag dabei, da ich zeitlich mit Oliver Peel Sessions in unserem Wohnzimmer eingespannt war. Und irgendwie war unser Wohnzimmer auch so etwas ähnliches wie ein vierter Auftrittsort des Festivals, denn die Schwedinnen von Tada Tata und Michel von Milk & Fruit Juice spielten sowohl in unseren vier Wänden als auch beim Festival. Ich war gespannt, wie sich ihre himmlischen Lieder in einem "richtigen" Konzertsaal anhören würden. Als ich die Treppenstufen des International, das im trubeligen Oberkampfviertel liegt, herunterstieg, sah ich Jessica und Tanja von Tata Tátà schon bei den letzten Vorbereitungen. Wie entzückend die beiden schon wieder aussahen! Jessica trug eine grasgrüne Dreiviertel- Hose, ein rosafarbenes Hemd und dazu eine ebenfalls grasgrüne Fliege. Niedlicher geht es nicht! Tanja für ihren Teil lief mit einem bedruckten Oberteil auf , kombiniert zu einer engen schwarzen Hotpant und Leggings. Wir plauderten ein wenig über ihr touristisches Kulturprogramm, das sie in den letzten Tagen absolviert hatten und circa eine viertel Stunde später legten sich mit ihrem Set dann los. Meine Laune stieg sogleich um 200 % nach oben, denn einen Ohrwurm wie Sticky Dumb Gum bekomme ich jetzt schon nicht mehr aus dem Kopf und das ist auch gut so! Bewaffnet mit zwei Ukulelen zauberten die beiden Süßen auch noch dem letzten Grieskram ein Lächeln aufs Gesicht und als sie anfingen zu singen, schmolz eh jeder dahin.

À propos Schmelzen: Auch heute war es wieder schwül-heiß, aber den Songs von Tada Tata zuzuhören, ist so ähnlich wie Erdbeereis schlecken. Die angenehme Süße und die Frische, die von den Kompositionen der Skandinavierinnen ausgeht, ist einfach unwiderstehlich! Erst am Donnerstag zuvor hatte ich mir die erste EP zugelegt und schon jetzt hat das gute Stück etliche Runden auf meiner Anlage gedreht. Ein Machwerk, bestehend aus sieben Stücken, von denen jedes einzelne absolute Hitqualitäten hat. Au Revoir Simone müssen sich vorsehen, daß ihnen die beiden nordischen Schnuckelchen nicht den Rang ablaufen, denn wenn herzerweichende Schmachtnummern wie Ebony oder Stimmungsaufheller wie das unglaublich beschwingte Hit The Wall erschallen, ist der Endorphinausstoß fast noch höher als bei The Lucky One oder Shadows.

Meine Begeisterung für Tada Táta könnte jedenfalls kaum größer sein und ich werde alles tun, sie hier auf dem Konzerttagebuch zu pushen! Nicht weil ich Prozente für die Albumverkäufe bekome, sondern weil es die beiden Mädels aus Umea und Falun unbedingt verdient haben, wahrgenommen zu werden. Tada Táta sind schlicht und einfach eine kleine Sensation und für mich bisher die Girlgroup des Jahres! Toll, toll, toll!

Etwas weniger euphorisch, wenngleich dennoch angetan, war ich anschließend vom Auftritt von Eleanor L. Vault. Aufgrund des Namens erwartete ich eine Sängerin, bekam es aber mit einer mehrköpfigen Band zu tun, an deren Spitze ein männlicher Gitarrist und Sänger agierte. Seine Stimme erinnerte mich an Peter v. Poehl oder auch Cat Stevens, aber gesungen wurde längst nicht bei jedem Lied. Oft begüngten sich die Stücke mit ausgedehnten Instrumentalpassagen, die hervorragend als Filmmusik taugen würden. Das Toypiano pluckerte, der Kontrabass brummte und die gelegentlich eingesetzte Mundharmonika sorgte für eine Lagerfeueratmosphäre. Eine sehr kontemplative, melancholische und traumwandlerische Musik, in der sich französische (Yann Tiersen) und amerkanische Einflüsse (Sparklehorse, Elliott Smith) die Wage hielten. Mein Lieblingsstück war eindeutig Pet, das man auch auf dem gelungenen Sampler des Festivals finden kann.

Eleanor L. Vault, zweifelsohne eine interessante Entdeckung!

Gleiches konnte man auch von den abschließend auftretenden Spaniern UKE behaupten. Ein gemischtes Duo, bestehend aus der bildhübschen Laura Soriano und ihrem männlichen Partner Roberto Martin. Bei den beiden gab es noch weniger Gesang als bei Eleanor L. Vault, dafür aber noch viel mehr Spielzeug, das zum Musikmachen eingesetzt wurde. Sie schöpften die Palette der Toy Instruments voll und ganz aus. Kalimba, Ukulele, Toy Piano, Melodica, Glöckchen aller Art, ein Kreisel, zerrissenes Zeitungspapier, Spielzeugvögelchen, all dies und noch viel wurde eingesetzt, um zum Teil sehr ungewöhnliche Töne zu kreieren. Das war sehr innovativ, betörend und märchenhaft und jeder im Saale schaute gebannt auf die Bühne, um zu sehen, wie die Spanier auf wundersame Weise Instrumentalmusik auf eine neue Ebene hievten. Ein im höchsten Maße kreatives Duo also, daß mich komplett verzauberte und bewies, daß es selbst heutzutage noch möglich ist, neuartige Musik zu erschaffen. Neben Tada Tátà die Entdeckung des famosen Festivals, daß Anne und Gary, die selbst ihr eigenes Projekt namens Kawaii haben und zudem das tolle Label MonsterK7 betreiben, hervorragend organisiert haben.



 

Konzerttagebuch © 2010

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