Samstag, 5. November 2011

Bonnie Prince Billy, Paris, 03.11.11

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Konzert: Bonnie "Prince" Billy (Alasdair Roberts)
Ort: Le Trianon, Paris
Datum: 03.11.2011
Zuschauer: seit langem ausverkauft (mindestens 1000)

Konzertdauer: 2 Stunden 15 Minuten allein Bonnie "Prince" Billy; A. Roberts. k. A.



Ein gutes Konzert von Bonnie "Prince" Billy, wie soll es auch anders sein. Nur ich war dummerweise nicht gut aufgelegt, hatte diverse schlechte Neuigkeiten im Laufe des Tages bekommen und in diesem gestressten und deprimierten Zustand prompt mein Ticket zu Hause vergessen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon längst in der U-Bahn Richtung Trianon unterwegs, musste noch einmal zurück, verlor mindestens 40 Minuten Zeit und verpasste somit von Bonnie Prince Billy eine halbe Stunde. Kurze Zeit später fiel ich einem narkoleptischen Anfall zum Opfer (ist mir zuletzt bei Deerhunter in der Gaité Lyrique passiert) und schlief auf dem Boden kauernd eine halbe Stunde ziemlich tief ein. Die Musik hörte ich nur im Halbschlaf.

Zum Glück konnte ich mich aber irgendwann aufrappeln und genoß noch den Rest des Sets, welches Will Oldham zusamen mit vier anderen Musikern bestritt, darunter eine famose junge Sängerin mit zauberhaft schönem Lächeln und einer ansehnlichen Oberweite.

Setlist Bonnie "Prince" Billy, Le Trianon, Paris (thanks to Leo from The Royal Stable!)

01: Go Folks, Go
02: After I Made Love To You
03: I Don't Belong To Anyone
04: Beware Your Only Friend
05: A Beast For Thee
06: Time To Be Clear (Palace)
0/. I See A Darkness
08: You Want That Picture
09: Love Comes To Me
10: No Gold Digger
11: Island Brothers
12: Three Questions
13: Troublesome Houses
14: Teach Me To Bear You
15: No Match
16: Lion Lair
17: New Whaling
18: Night Noises
19: Pack Up Your Sorrows
20: Master & Everyone
21: Pushkin
22: Quail And Dumplings (Palace)
23: Easy Does It





Donnerstag, 3. November 2011

Anna Ternheim, Berlin, 03.11.11

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Konzert: Anna Ternheim
Ort: Maschinenhaus, Berlin
Datum: 03.11.2011
Zuschauer: gut 100 (lange schon ausverkauft)
Dauer: 70 min


Vergangenen Freitag erschien The Night Visitor, das vierte Album der schwedischen Sängerin Anna Ternheim. Ich hatte von der anstehenden Veröffentlichung erst vor einigen Wochen gelesen, die Künstlerin hatte sich lange rar gemacht. Was dann aber über den Entstehungsprozess von The Night Visitor zu lesen war, klang so spannend, daß auch die kurze Zeit bis zum Erscheinen zu lang war.

Anna Ternheim hatte nach dem langen Touren zur letzten Platte eine Schaffenskrise. Auch meine Beziehung zur Musik der Schwedin kriselte 2009. Ich hatte mir eingeredet, den bombastischen Sound von Leaving On A Mayday
(insbesondere live) genauso zu lieben wie die ersten beiden Alben. Nach drei, vier Konzerten mit riesiger Band und mit krachendem Schlagzeug nutze sich der aber so stark ab, wie ich es bei Annas Musik nie erwartet hatte. Der Auftritt in Haldern im Sommer 2009 war der Höhepunkt dieser Phase - und musikalisch bisher der Tiefpunkt. Hätte ich im Anschluß nicht die Chance gehabt, Anna Ternheim als Teil eines akustischen Trios und dann ganz akustisch zu sehen, hätte ich mich weit weniger über die Ankündigung des neuen Albums gefreut.

Denn The Night Visitor klang bei allem, was vorher zu lesen war, so, wie Anna am besten ist; konzentriert auf Gitarre und ihre Stimme. Dabei spielte das Instrument bei
der Entstehung eine zentrale Rolle. Auf der Suche nach Neuorientierung fand sie eine alte Gitarre, mit der sie sich nach eigenen Aussagen das Spiel fast neu beibrachte. Unterstützung fand sie dabei in ihrem Bekannten Matt Sweeney, dessen Idee es auch war, das Album in Memphis im Studio des Toningenieurs von Johnny Cash zu produzieren. Dave Ferguson ingenieurte nicht nur, er singt auch ein Duett mit Anna (und klingt dabei sogar wie Johnny Cash!).

The Night Visitor ist ein ruhiges, sehr akustisches Album geworden, eine Folkplatte, die das drastische Gegenstück zur Vorgängerin ist.

Heute stellte Anna Ternheim ihre neuen Songs auf dem Gelände der Berliner Kulturbrauerei vor. Eine Europatour beginnt im Januar, das Berliner Konzert war Teil einer kleiner Promotionreise mit Auftritten in New York, Stockholm, Göteborg und London.

Glücklicherweise war ich spießig früh am Maschinenhaus. Acht Uhr war als Zeit angegeben, also eigentlich neun, Hauptstadtaufschlag eine halbe Stunde, vor halb zehn würde es nicht beginnen. Ich war trotzdem um kurz nach acht da, um zu erfahren, daß es spätestens um Viertel nach losgehen sollte. Der Saal im
Maschinenhaus der Kulturbrauerei ist klein und breit. Die Bühne befindet sich vor der Außenwand, vor einem großen Backsteinrundbogen mit Fenster. Davor waren Stuhlreihen aufgebaut für rund 100 Besucher. Viele der Plätze blieben aber frei, obwohl das Konzert schnell restlos ausverkauft war und vor dem Gebäude Kartensucher standen. Ein Teil der Gäste verfolgte das Konzert nämlich von der Theke aus.

Anna Ternheim hatte Matt Sweeney mitgebracht. Der Gitarrist sah aus wie ein Trucker aus dem Süden der USA und trug den buschigen Schnauzbart eines Schweizer Busfahrers. Und er hatte eine akustische Gitarre in der Hand, neben Annas (mir neuer) alter Gitarre das einzige Instrument des Abends.

Es begann mit Solitary move, dem Eröffnungsstück des Albums. Während auf Platte dabei noch Cello und Bass zum Einsatz kommen, war es so noch einmal abgespeckter. Nur Annas Stimme und das Fingerpicking der beiden Musiker.

Beim folgenden Walking aimlessly sang auch Matt Sweeney mit, allerdings beschränkte sich dies auf leisen, ganz zarten Hintergrundgesang, der im krassen
Gegensatz zu Matts äußeren Erscheinungsbild stand. Walking aimlessly war auch eines der schönsten Lieder des Abends, obwohl noch viele Konkurrenten kommen sollten.

Ein anderes Highlight war God don't know, in dem Matt pfeift und Anna "La la la" singt, ganz wundervoll! Auf Platte ist das erwähnte Duett mit Dave Ferguson einer der Höhepunkte. Die tiefe Cowboystimme zu Annas Gesang sind grandios und machen dieses von Dave geschriebene Lied zu einem riesigen Hit. Live sang Anna Ternheim The longer the waiting (the sweeter the kiss) alleine, es verlor allerdings nicht viel seines Reizes!

Im regulären Teil des Konzerts, der etwa eine Stunde dauerte, spielte die Schwedin nur zwei alte Stücke: Better be und Summer rain, beide ohne Begleitung des Amerikaners. Es ging heute aber um die neuen Lieder, es war keine best of show. Daß der Abend musikalisch trotzdem herausragend war, liegt also an der besonderen Quälität der neuen Songs.

Als erste Zugabe wollte die Schwedin Wünsche hören. "A song in Swedish please, as
always!" - "As always? I never play Swedish songs!"* Zuschlag bekam dann der Wunsch nach Little lies, dem Fleetwood Mac Cover. Matt sang den Refrain an: "ist es das?" - "Ja!" Mitten im Lied kam die Sängerin ins Stocken. "Forgot the lyrics?" - "yes..." Sie erinnerte sich und spielte begleitet von Matt weiter. Offensichtlich hatten die beiden dieses Lied nie gemeinsam gespielt, es funktionierte aber ausgezeichnet.

Matt Sweeney Rolle beim Auftritt war deutlich größer als angenommen. Er übernahm mehr und mehr Ansagen, erklärte zum Beispiel auch, was es mit Dearest dear, der letzten Zugaben auf sich hat. Daß dies nämlich ein alter englischer Folksong sei, den er immer schon einmal spielen wollte. Er möge aber kaum weibliche Sänger. Zu Anna Ternheim passe das Stück aber, ergänzte er schnell, nachdem von links böse Blicke kamen. Das Zusammenspiel der beiden, nicht nur musikalisch, gefiel mir außerordentlich gut. Hoffentlich wird die Tour Anfang des Jahres genauso bestritten! Ich würde ungern auf die köstlichen Momente des Abends verzichten. Als die beiden nach dem zweiten Stück feststellten, daß sie die Setlist in der Garderobe vergessen hatten und Matt losrannte. Oder als sie von einem Radiointerview am Nachmittag erzählten, bei dem Anna gefragt wurde, worum es bei Bow your head ginge und Matt erklärte, das Lied handele von ihm als "Anna's biker bitch".

Wenn Haldern das eine Extrem meiner Anna Ternheim Konzertgeschichte ist, ist Berlin das andere. Die abgespeckten, akustischen Lieder betonen die Stärken der Schwedin. Wer braucht schon Bass oder einen Frauenchor im Hintergrund, von einem Sonic Youth Trommler verhauen, wenn die Stücke leise so viel besser sind?

Setlist Anna Ternheim, Maschinenhaus, Berlin:

01: Solitary move
02: Walking aimlessly
03: What remains?
04: All shadows
05: God don't know
06: The longer the waiting (the sweeter the kiss)
07: Better be
08: Summer rain
09: Come to bed
10: Black light shines
11: Ghost of a man
12: Bow your head

13: Little lies (Fleetwood Mac Cover) (Z)
14: Dearest dear (Shirley Collins Cover) (Z)

Links:

aus unserem Archiv:
Anna Ternheim, Nyköping, 24.11.09
Anna Ternheim, Paris, 23.09.09
Anna Ternheim, Fribourg, 20.09.09
Anna Ternheim, Köln, 13.09.09
Anna Ternheim, Haldern, 14.08.09
Anna Ternheim, Paris, 29.04.09
Anna Ternheim, Frankfurt, 28.04.09
Anna Ternheim, Nijmegen, 24.04.09
Anna Ternheim, Stockholm, 08.12.08
Anna Ternheim, Paris, 01.10.07
Anna Ternheim, Köln, 26.09.07
Anna Ternheim, Heidelberg, 25.09.07
Anna Ternheim, Paris, 31.05.07
Anna Ternheim, Köln, 12.03.07
Anna Ternheim, Paris, 12.12.06

* auf einer Tour hat Anna Elegi, ein Lars Winnerbäck Cover gespielt




Agnes Obel, Florent Marchet & Other Lives, Paris, 02.11.11

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Konzert: Agnes Obel, Florent Marchet und Other Lives

Ort: Le Casino de Paris
Datum: 02.11.2011
Zuschauer: 1400 (Fassungsvermögen 2000, es war also nicht besonders voll)


Guter Konzertabend im Rahmen des kultigen Festival des Inrocks. Klarer Sieger innerhalb der auftretenden Künstler war der in seiner Muttersprache singende Franzose Florent Marchet. Der Kerl hat einen herrlich zynischen Humor und sparte weder in seinen Ansagen noch in seinen Chansons mit bissigen Kommentaren. Er ist ein moderner Kabarettist, der ähnlich wie die Schriftsteller Philipp Djian, Michel Houellebecq und Fréderic Beigbeder, die französische Gesellschaft kritisiert, ja oft karrikiert aber, und das ist besonders schön, sich selbst dabei nie ausnimmt. Vor allem aber ist er ein famoser Musiker mit einem Sinn für fabelhafte Melodien und melancholische Stimmungen.

Mit seinem Stück Eau de Rose hat er mich ganz schön aufgewühlt. Schaut es euch in dieser feinen Session von der Blogothèque an:



Florent durfte aber heute abend nicht als Erster ran. Vor ihm wurden (in meiner Abwesenheit) die Belgier Balthazar (nicht zu verwechseln mit dem einzigartigen Troy) auf das Volk gehetzt, bevor die Amerikaner Other Lives aufliefen.

Eine famose Band, diese Other Lives. Angeblich nach dem deutschen Erfolgsfilm "Das Leben der anderen" benannt, sind sie in den letzten Wochen und Monaten immer bekannter und beliebter geworden.Man spricht inzwischen von ihnen, nein mehr noch, man hört sie und fast jeder findet das aktuelle zweite Album Tamer Animals hervorragend. Von diesem Opus stammte auch heute jedes Stück. Lieder voller epischer Kraft und Würde, wüstensandgetränkt, sentimental, betörend schön. Sie könnten perfekt in
einem Soundtrack verwenden werden, erinnern bisweilen an die Westernmusik von Ennio Morricone.

Die Truppe aus Oklahoma hinterließ auch heute in Paris einen exzellenten Eindruck. Wenn man solch starke Songs wie For 12, Tamer Animals, Dark Horse Oder As I Lay My Head Down in seinem Repertoire hat, kann halt eben nicht viel schiefgehen. Orchestral instrumentiert, mit Trompete, Geige und Cello entzückend und bestens arrangiert, trumpfte die Gruppe um Sänger und Songwriter Jesse Tabish auf und gewann etliche neue Fans hinzu. Wenn es etwas zu bemängeln gab, dann war es lediglich, daß man sich ab und zu einen Uptempo Song und eine richtige E Gitarre gewünscht hätte, die dem cinematografischen Wüstenshoegaze mehr Schärfe
hätte verleihen können. Vergleichbare Bands wie The National oder Get Well Soon setzen solche Mittel live immer wieder erfolgreich ein und schaffen es so, Bewegung ins Publikum zu bringen. Bei Other Lives hingegen beschränkten sich die Zuschauer heute auf ein festlich leises Zuhören.

Dennoch : OtherLives sind eine sehr positive Erscheinung des Musikjahres 2011 und ich hatte auch noch das Glück, zufälligerweise Jenny Hsu (die süße Celistin) und Colby Owens (der nette Schlagzeuger) in einem Restaurant gleich neben der Location zu treffen.

Nun aber war die Zeit für Florent Marchet und sein Band gekommen. Der Franzose sah zum Schießen aus. Wie ein britischer Gentleman Farmer. Er trug eine Art Knickerbocker Hose mit roten Strümpfen, und einen Pullunder auf kurzem weißen Hemd und senffarbener Krawatte. Dieser kuriose Look war natürlich mit einem Augenzwinkern versehen, wie so einiges andere mehr bei diesem atypischen Musiker. Er hat eine famose Beobachtungsgabe und ein großes Talent, die Marotten der Bourgeoisie aufzudecken und diese überspitzt darzustellen.

Schon gleich zu Beginn äußerte er zynisch: "ach herrlich hier in Paris zu spielen. Nicht in dieser dümmlichen französischen Provinz. Hier in Paris sind die Leute kultiviert, gut angezogen,
sehen einfach großartig aus. Selbst im Dunkeln!"

Dann ließ er seine Musik sprechen und diese hatte es in sich. Mit spielerischer Leichtigkeit wechselte Florent vom französischen Chanson zum vom Britpop infizierten melodischen Gitarrenrock, beherrschte aber auch Eletropop und Folk aus dem eff eff. Er ist ein Riesentalent, spielt hervorragend Klavier und Gitarre und ist auch als Performer ganz dufte. Wahnsinn, was für eine Show er heute wieder abzog, wie agil und aufgepuscht er war!

Aber er kann auch ruhig und melancholisch und dann herrscht Taschentuch- Alarm. Als er bei der Ballade Eau de Rose textlich sentimental fragte: (...et je pleure dans tes bras) "Aurons nous des enfants?- werden wir
Kinder haben?" , bekam ich feuchte Augen, musste aber kurze Zeit später schon wieder über seine lustigen Sprüche lachen. "Ça va?" fragte er in die Runde, winkte aber die Antwort noch nicht einmal abwartend sofort ab und meinte: "Ist natürlich eine rhetorische Frage. Natürlich geht es euch gut, ihr seit doch hier alle mit dem goldenen Löffel im Mund aufgewachsen. Schließlich wohnt ihr in Paris, der schönsten Stadt der Welt. Nein, beschweren könnt ihr euch wirklich nicht." Sagte es und widmete das nächste Lied einer gewissen Giulia S, einem winzig kleinen Mädel, das kürzlich von einer hochrangigen deutschen Politikerin einen Teddy Bär von Steiff geschenkt bekommen hat....

Das Set fluschte so richtig schön und hielt Ohrwürmer
noch und nöcher bereit, die von den drei vorzüglichen Alben des Franzosen stammten. Zu dem Stephan Eicher Cover Des Haus des Bas stieß dann auch noch Gaetan Roussel von der berühmten Band Louis Attaque mit hinzu, bevor der diskoartige Song La Famille Kinder das euphorisierende Konzert beendete.

Wer sich für französische Musik mit französischen Texten interessiert, sollte sich, soweit noch nicht geschehen, unbedingt mal Florent Marchet anhören.

Den Schlußpunkt unter den heutigen Konzertbend setzen aber die Damen.
Die in Berlin lebende Dänin Agnes Obel hatte wie immer ihre Cellistin dabei, aber dieses mal gab es auch eine Harfespielerin, die das klassisch anmutende Klangbild bereicherte. Agnes bestach erneut durch Stimme und gefühlvolles Klavierspiel, konnte mich aber diesmal nicht so packen wie vor einem Jahr in der wesentlich kleineren Boule Noire. Im großen Casino de Paris ging ein wenig die Intimtät flöten und hinzu kam, daß drei Mädels in meiner Nachbarschaft permanent und ungeniert plauderten. Das störte ungemein und ich fragte mich, warum manche Leute nicht eher ins Kino oder ins Café gehen, anstatt die anderen Leute zu nerven.

Hinsichtlich der performten Songs war unbedingt das Cover Katie Cruel zu erwähnen. Agnes verlieh dem traditionellen Stück Inbrunst und Anmut und nahm ihm auch den folkigen Aspekt, der ansonsten immer dominiert, etwa in der Version der Fleet Foxes. Ansonsten ragte On Powdered Ground heraus. Herrlich der langgezogene, hohe, an Kate Bush erinnernde Gesang, herzerwämend das Pianospiel. "Don't break your back on the track", intonierte Obel gleich mehrfach und wurde von Sekunde zu Sekunde immer energischer und intensiver. "Ououhouh, ahaha", greinte sie am Ende und versetzte mir damit sogar eine kleine Gänsehaut.



Dann war Schluß und das Publikum begab sich friedlich und zufrieden Richtung Foyer.

Setlist Florent Marchet, Casino de Paris (merci à Philippe D!) :

01: Courchevel
02: Benjamin
03: Levallois
04: L'eau de Rose
05: L'Idole
06: La Chance de ta vie
07: Qui je suis
08: Hors Piste
09: Narbonne Plage
10: Je n'ai pensé qu'à moi
11: Des Hauts des Bas (Stephan Eicher) avec G. Roussel
12: La Charette
13: La Famille Kinder



Dienstag, 1. November 2011

Chokebore, Paris, 31.10.11

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Konzert: Chokebore
Ort: La Machine du Moulin Rouge
Datum: 31.102.2011
Zuschauer: etwa 700, fast ausverkauft
Konzertdauer: 80-90 Minuten


Chokebore sind besser als Sex!

Nun ja, vielleicht nicht besser als Sex mit deren umwerfend aussehenden Frontman und Womanizer Troy von Balthazar, einem faden Bums mit einer im Halloween- Suff kennengelernten Person aber sicherlich vorzuziehen.

Am Tage der beleuchteten Kürbisse und der gruseligen Verkleidungen, hatten sich etwa 700 unmaskierte Fans in der Machine du Moulin Rouge eingefunden. Ein famoses Kennerpublikum, das leider aber zu 70 % männlich (und über 35 oder 40, so wie ich) war. Unter ihnen alte Anhänger wie der Kultfotograf Robert Gil, der Betreuer des Chokebore Forums Florent Dupont und die Fotografin Magali Boyer, die vor ein paar Monaten sogar einen richtigen kleinen Bildband über Troy von Balthazar herausgegeben hatte. Alle warteten sie gespannt wie die Flitzebogen auf das nun kommende Set der kultigen Sadcore Helden Chokebore. Die Band aus Hawaii hatte erst im Februar 2010 in der Pariser Maroquinerie ihr Comeback in Frankreich gefeiert und war seitdem wieder sehr aktiv. In den letzten 14 Tagen haben sie gar ununterbrochen gespielt und dabei auch Station in Nürnberg, Trier (Christoph, wo warst du am 19. Oktober??) und in Weinheim gemacht. Ein Wunder insofern, daß sie heute in Paris so unglaublich dynamisch und taufrisch agierten. Die Band selbst hat zur Begründung ihrer Stärke während und nach dem Konzert mehrfach in Richtung Publikum gesagt: "you guys gave us the energy to do this." Damit lagen Troy und Kollegen absolut richtig. Die Leute trugen Chokebore in der Tat durch ihr intensives und recht langes Set und motivierten die Gruppe durch ihre langen Beifallsbekundungen und ihre pogoartigen Tänze bis in die (teilweise schütteren) Haarspitzen. Eine Mannschaftsleistung, in der zwar der unfassbar charismatische Troy von Balthazar der uneingeschränkte Leader war, aber jeder seinen Teil zum Gelingen des Ganzen beitrug. Die baumlangen Gebrüder Kroll an Bass (James) und Gitarre (Jonathan) arbeiteten wie immer dezent, effizient und zuverlässig und Drummer Christian Omar Madrigal Izzo ließ hinten nichts anbrennen und peitschte mit seinen trockenen und schweren Hieben die Vorderleute an.

Es war ein Set wie aus einem Guss, indem explosive und grungerockige Stücke dominierten, aber auch ruhigere und melancholischere Songs ihren Platz hatten. Neue und alte Fans kamen diesbezüglich voll auf ihre Kosten, sieht man mal davon ab, daß der Klassiker Days Of Nothing nicht gebracht wurde.

Dafür aber gab es etliche Hits. Schon sehr früh wurde You Are The Sunshine Of My Life geschmettert und auch Pacific Sleep Patterns und Valentine fehlten nicht. Hinzu kamen Stücke von der nagelneuen Vinyl Ep Falls Best, allen voran Lawsuit, das einschlug wie eine Bombe. Ein für Chokebore Verhältnisse fast melodieseeliger Song, der mit schweren Riffs und der typischen tiefen Melancholie und inneren Zerissenheit (I never give you my heart, I'm using it, you never lend me your dog, I'm envious... we sometimes lose the love and we get used to it, healtyh dogs and smiling faces, this is what the world erases) aufwartete. Auch der Track Awesome stammte von dieser EP und hielt was der Titel versprach. Ein schwermütiger, pechschwarzer, fast suizidaler Psychoschocker, der auch mit kuriosen Lyrics überraschte: "Drinking champagne fast makes golden babies."

Das eingeschlagene Niveau und Tempo war fast durchgängig hoch, was dafür sorgte, daß den Zuschauern kaum Atempausen gegönnt wurden und die Zeit wie im Fluge verging. Man hatte sich gerade erst wunderbar in einen Rausch getanzt- und gebrüllt, da verließen die vier Helden nach etwa einer Stunde auch schon zum ersten Mal die Bühne. Aber Schluß sollte damit noch lange nicht sein. Was folgte war ein fulminanter Endspurt, in dem letzte Kräfte mobilisiert wurden. Valentine klang so herrlich wehmütig und leidenschaftlich, daß einem ganz warm ums Herz wurde. Wie immer schien Troy in einem hypnotischen Zustand, sang mit geschlossenen Augen und greinte langgezogen die Lyrics, daß es einem durch Mark und Bein ging. Mit Thin As Clouds wurde das Tempo dann noch einmal erhöht und von Balthazar riß seine Gitarre theatralisch in die Luft. Wahnsinn, wie elegant er sich auch bei wildesten Verrenkungen bewegte! Ein Perfomer vor dem Herrn. Geil auch Christian, der hinter seiner Schießbude den Fellen Peitschenhiebe überzog und die Gebrüder Kroll, die punktgenau und tight an den Seiten agierten. Das etwas vorgerückte Alter der Musiker schien nun keine Rolle mehr zu spielen, die Maschine war heiß geworden und lief auf Volldampf.



Die alten Haudegen dachten nichts ans Aufhören. Mehrere tolle und heißumjubelte Zugaben
reichten sich die Klinke in die Hand und als der zweite Block dieser "Encores" abgefeiert worden war, schien die Messe wirklich endgültig gelesen zu sein, Ordner befahlen den verschwitzten Zuschauern grimmigen Blickes, den Saal zu verlassen, das Konzert sei zu Ende. Dennoch kam aber nach langer Wartezeit und unermüdlichem Applaus die Band aus Hawaii noch einmal zurück und performte unter anderem noch den alten Klassiker A Taste For Bitters.

Ein sagenhafter Gig, den auch Fans der ersten Stunde hinterher als einen der allerbesten überhaupt bewerteten.

Lang lebe Chokebore!!

Aftershow:

Schon kurz nach dem Ende des Konzertes stürmen die Fans den von der Band und fleißigen Helfern betriebenen Merchandising Stand. Etliche T-Shirts werden abgesetzt und auch die Alben und die neue Vinyl LP erfreuen sich größter Beliebtheit. Drummer Christian ist nun zum ersten Mal richtig zu sehen. Während des Sets war er immer verdeckt und erst bei den Zugaben konnte man erkennen, daß er einen schicken schwarzen Adidas Jogging Anzug mit roten Streifen trägt. Christian lässt sich auch ganz relaxt abknipsen und als Basser James sieht, daß ich Fotos schieße, macht er eine witzige Grimasse.

Dann ziehe ich mit meiner guten deustchen Freundin Uschi ab und wir warten draußen vergeblich noch ein paar Minuten auf die Band. Da es kalt ist, beschließen wir die U-Bahn zu nehmen. Überall laufen einem verkleidete und krass geschminkte Halloween Zombies über den Weg. Bei der Haltestation Madeleine trennen sich meine und Uschis Wege. Dann aber überkommt mich eine große Lust, noch einmal nach Pigalle zurückzufahren, um zu sehen, was da noch so los ist und ob die Band inzwischen aus der Kabine gekrochen ist. Ich habe Glück und sehe schon von weitem Troy in einem stilvollen Mantel auf der Straße rumstehen. Wir begrüßen uns nett, plaudern (er erzählt mir u.a das er Filmmusik geschrieben hat) und überlegen, was wir noch machen können. Troy fragt, ob ich Lust habe, noch ein Bier mit ihm und der Band zu trinken. Da lasse ich mich nicht zweimal bitten und folge dem Tross in eine Brasserie auf der anderen Straßenseite gleich gegenüber von Moulin Rouge. Wir sitzen draußen, bibbern ein wenig und bestellen Bier. James hat eine richtige schöne Maß geordert, die ihm Troy aber alsbald abluchts. Ein großer Trinker ist der elegante Sänger aber dennoch nicht, er passt immer genau auf, was er zu sich nimmt und ist sicherlich auch auf seine fabelhaft schlanke Figur bedacht. Die Atmosphäre ist gelöst, eine nette Französin sitzt neben mir, die von Balthazr heute beherbergt und plötzlich kommt die Rede auf Berlin. Ich bekomme mit, daß alles Chokebore-Helden in Berlin leben. Da stelle ich (auf englisch) die Frage, ob sie denn auch deutsch könnten. Eine nette Blondine mit wundervollen blauen Augen antwortet mit ja. Sie ist Deutsche und mit James Kroll, dem Bassisten, verheiratet! Zwei Kinder (ein Junge, ein Mädchen) haben die beiden Sympathen schon zusammen und die wilden Racker durften heute sogar mit beim Konzert dabeisein. Witzigerweise ist aber der Bube ziemlich bald eingeschlafen! Bei dem Lärm!

Wir plaudern noch munter weiter und trinken in Ruhe unsere Gläser aus. Als der Kellner abkassieren will, kriegen wir alle einen kleinen Schock: die Maß kostet stolze 17 Euro! Gut insofern, daß alles Chokeborler in Berlin leben und von den dortigen günstigeren Preisen profitieren. In der Spreemetropole spielen sie am 15 November @ Marie-Antoinette. Save the date!

Setlist Chokebore, La Machine du Moulin Rouge, Paris, klick!

TROY VON BALTHAZAR Heroic Little Sisters @ Oliver Peel Session from stephaned on Vimeo.






Minor Sailor & June & Jim & The Toy Boats, 30.10.11

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Konzert: Minor Sailor & June & Jim & The Toy Boats
Ort: L'International, Paris
Datum: 30.10.2011
Zuschauer: recht volle Hütte, 150 etwa


Jeremy Joseph alias Minor Sailor hat wirklich ein ganz eigenständiges und ungewöhnliches Projekt am Start. Der intellektuelle und elegante junge Mann aus Frankreich macht ganz herrliche, verwunschene, meditative und besinnliche Musik. Man nenne das Ganze Post Folk, Folktronica, experimentellen Folk, cinematographischen Folk oder wie auch immer, fest steht jedenfalls, daß er bei seinen Konzerten den Zuhörer mit auf eine Reise nimmt und auf ganz dezente Weise zu betören vermag. Er würde gut ins Vorprogramm der ebenfalls himmlischen Julianna Barwick passen.





Über seinen Auftritt im Pariser International möchte ich in Kürze berichten und dann auch auf die franzosen June et Jim und die aus Seattle stammenden Amerikaner The Toy Boats eingehen (guckt bitte das hübsche Video der Letztgenannten).



Stay tuned!



 

Konzerttagebuch © 2010

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