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Dienstag, 1. November 2011

Chokebore, Paris, 31.10.11

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Konzert: Chokebore
Ort: La Machine du Moulin Rouge
Datum: 31.102.2011
Zuschauer: etwa 700, fast ausverkauft
Konzertdauer: 80-90 Minuten


Chokebore sind besser als Sex!

Nun ja, vielleicht nicht besser als Sex mit deren umwerfend aussehenden Frontman und Womanizer Troy von Balthazar, einem faden Bums mit einer im Halloween- Suff kennengelernten Person aber sicherlich vorzuziehen.

Am Tage der beleuchteten Kürbisse und der gruseligen Verkleidungen, hatten sich etwa 700 unmaskierte Fans in der Machine du Moulin Rouge eingefunden. Ein famoses Kennerpublikum, das leider aber zu 70 % männlich (und über 35 oder 40, so wie ich) war. Unter ihnen alte Anhänger wie der Kultfotograf Robert Gil, der Betreuer des Chokebore Forums Florent Dupont und die Fotografin Magali Boyer, die vor ein paar Monaten sogar einen richtigen kleinen Bildband über Troy von Balthazar herausgegeben hatte. Alle warteten sie gespannt wie die Flitzebogen auf das nun kommende Set der kultigen Sadcore Helden Chokebore. Die Band aus Hawaii hatte erst im Februar 2010 in der Pariser Maroquinerie ihr Comeback in Frankreich gefeiert und war seitdem wieder sehr aktiv. In den letzten 14 Tagen haben sie gar ununterbrochen gespielt und dabei auch Station in Nürnberg, Trier (Christoph, wo warst du am 19. Oktober??) und in Weinheim gemacht. Ein Wunder insofern, daß sie heute in Paris so unglaublich dynamisch und taufrisch agierten. Die Band selbst hat zur Begründung ihrer Stärke während und nach dem Konzert mehrfach in Richtung Publikum gesagt: "you guys gave us the energy to do this." Damit lagen Troy und Kollegen absolut richtig. Die Leute trugen Chokebore in der Tat durch ihr intensives und recht langes Set und motivierten die Gruppe durch ihre langen Beifallsbekundungen und ihre pogoartigen Tänze bis in die (teilweise schütteren) Haarspitzen. Eine Mannschaftsleistung, in der zwar der unfassbar charismatische Troy von Balthazar der uneingeschränkte Leader war, aber jeder seinen Teil zum Gelingen des Ganzen beitrug. Die baumlangen Gebrüder Kroll an Bass (James) und Gitarre (Jonathan) arbeiteten wie immer dezent, effizient und zuverlässig und Drummer Christian Omar Madrigal Izzo ließ hinten nichts anbrennen und peitschte mit seinen trockenen und schweren Hieben die Vorderleute an.

Es war ein Set wie aus einem Guss, indem explosive und grungerockige Stücke dominierten, aber auch ruhigere und melancholischere Songs ihren Platz hatten. Neue und alte Fans kamen diesbezüglich voll auf ihre Kosten, sieht man mal davon ab, daß der Klassiker Days Of Nothing nicht gebracht wurde.

Dafür aber gab es etliche Hits. Schon sehr früh wurde You Are The Sunshine Of My Life geschmettert und auch Pacific Sleep Patterns und Valentine fehlten nicht. Hinzu kamen Stücke von der nagelneuen Vinyl Ep Falls Best, allen voran Lawsuit, das einschlug wie eine Bombe. Ein für Chokebore Verhältnisse fast melodieseeliger Song, der mit schweren Riffs und der typischen tiefen Melancholie und inneren Zerissenheit (I never give you my heart, I'm using it, you never lend me your dog, I'm envious... we sometimes lose the love and we get used to it, healtyh dogs and smiling faces, this is what the world erases) aufwartete. Auch der Track Awesome stammte von dieser EP und hielt was der Titel versprach. Ein schwermütiger, pechschwarzer, fast suizidaler Psychoschocker, der auch mit kuriosen Lyrics überraschte: "Drinking champagne fast makes golden babies."

Das eingeschlagene Niveau und Tempo war fast durchgängig hoch, was dafür sorgte, daß den Zuschauern kaum Atempausen gegönnt wurden und die Zeit wie im Fluge verging. Man hatte sich gerade erst wunderbar in einen Rausch getanzt- und gebrüllt, da verließen die vier Helden nach etwa einer Stunde auch schon zum ersten Mal die Bühne. Aber Schluß sollte damit noch lange nicht sein. Was folgte war ein fulminanter Endspurt, in dem letzte Kräfte mobilisiert wurden. Valentine klang so herrlich wehmütig und leidenschaftlich, daß einem ganz warm ums Herz wurde. Wie immer schien Troy in einem hypnotischen Zustand, sang mit geschlossenen Augen und greinte langgezogen die Lyrics, daß es einem durch Mark und Bein ging. Mit Thin As Clouds wurde das Tempo dann noch einmal erhöht und von Balthazar riß seine Gitarre theatralisch in die Luft. Wahnsinn, wie elegant er sich auch bei wildesten Verrenkungen bewegte! Ein Perfomer vor dem Herrn. Geil auch Christian, der hinter seiner Schießbude den Fellen Peitschenhiebe überzog und die Gebrüder Kroll, die punktgenau und tight an den Seiten agierten. Das etwas vorgerückte Alter der Musiker schien nun keine Rolle mehr zu spielen, die Maschine war heiß geworden und lief auf Volldampf.



Die alten Haudegen dachten nichts ans Aufhören. Mehrere tolle und heißumjubelte Zugaben
reichten sich die Klinke in die Hand und als der zweite Block dieser "Encores" abgefeiert worden war, schien die Messe wirklich endgültig gelesen zu sein, Ordner befahlen den verschwitzten Zuschauern grimmigen Blickes, den Saal zu verlassen, das Konzert sei zu Ende. Dennoch kam aber nach langer Wartezeit und unermüdlichem Applaus die Band aus Hawaii noch einmal zurück und performte unter anderem noch den alten Klassiker A Taste For Bitters.

Ein sagenhafter Gig, den auch Fans der ersten Stunde hinterher als einen der allerbesten überhaupt bewerteten.

Lang lebe Chokebore!!

Aftershow:

Schon kurz nach dem Ende des Konzertes stürmen die Fans den von der Band und fleißigen Helfern betriebenen Merchandising Stand. Etliche T-Shirts werden abgesetzt und auch die Alben und die neue Vinyl LP erfreuen sich größter Beliebtheit. Drummer Christian ist nun zum ersten Mal richtig zu sehen. Während des Sets war er immer verdeckt und erst bei den Zugaben konnte man erkennen, daß er einen schicken schwarzen Adidas Jogging Anzug mit roten Streifen trägt. Christian lässt sich auch ganz relaxt abknipsen und als Basser James sieht, daß ich Fotos schieße, macht er eine witzige Grimasse.

Dann ziehe ich mit meiner guten deustchen Freundin Uschi ab und wir warten draußen vergeblich noch ein paar Minuten auf die Band. Da es kalt ist, beschließen wir die U-Bahn zu nehmen. Überall laufen einem verkleidete und krass geschminkte Halloween Zombies über den Weg. Bei der Haltestation Madeleine trennen sich meine und Uschis Wege. Dann aber überkommt mich eine große Lust, noch einmal nach Pigalle zurückzufahren, um zu sehen, was da noch so los ist und ob die Band inzwischen aus der Kabine gekrochen ist. Ich habe Glück und sehe schon von weitem Troy in einem stilvollen Mantel auf der Straße rumstehen. Wir begrüßen uns nett, plaudern (er erzählt mir u.a das er Filmmusik geschrieben hat) und überlegen, was wir noch machen können. Troy fragt, ob ich Lust habe, noch ein Bier mit ihm und der Band zu trinken. Da lasse ich mich nicht zweimal bitten und folge dem Tross in eine Brasserie auf der anderen Straßenseite gleich gegenüber von Moulin Rouge. Wir sitzen draußen, bibbern ein wenig und bestellen Bier. James hat eine richtige schöne Maß geordert, die ihm Troy aber alsbald abluchts. Ein großer Trinker ist der elegante Sänger aber dennoch nicht, er passt immer genau auf, was er zu sich nimmt und ist sicherlich auch auf seine fabelhaft schlanke Figur bedacht. Die Atmosphäre ist gelöst, eine nette Französin sitzt neben mir, die von Balthazr heute beherbergt und plötzlich kommt die Rede auf Berlin. Ich bekomme mit, daß alles Chokebore-Helden in Berlin leben. Da stelle ich (auf englisch) die Frage, ob sie denn auch deutsch könnten. Eine nette Blondine mit wundervollen blauen Augen antwortet mit ja. Sie ist Deutsche und mit James Kroll, dem Bassisten, verheiratet! Zwei Kinder (ein Junge, ein Mädchen) haben die beiden Sympathen schon zusammen und die wilden Racker durften heute sogar mit beim Konzert dabeisein. Witzigerweise ist aber der Bube ziemlich bald eingeschlafen! Bei dem Lärm!

Wir plaudern noch munter weiter und trinken in Ruhe unsere Gläser aus. Als der Kellner abkassieren will, kriegen wir alle einen kleinen Schock: die Maß kostet stolze 17 Euro! Gut insofern, daß alles Chokeborler in Berlin leben und von den dortigen günstigeren Preisen profitieren. In der Spreemetropole spielen sie am 15 November @ Marie-Antoinette. Save the date!

Setlist Chokebore, La Machine du Moulin Rouge, Paris, klick!

TROY VON BALTHAZAR Heroic Little Sisters @ Oliver Peel Session from stephaned on Vimeo.






Donnerstag, 17. Februar 2011

Leyli & Meurtre, Paris, 16.01.11

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Konzert: Leyli & Meurtre (Lafidki), Paris, 16.01.11

Ort: Café de Paris, Paris
Datum: 16.01.2011
Zuschauer: 20
Konzertdauer: jeweils etwa 45 Minuten


An dieser Stelle möchte ich mal kurz meine Mutter in Berlin lieb grüßen. Wir haben uns heute sehr angeregt am Telefon unterhalten und ein wichtiger Grund, warum ich weitherhin motiviert an diesem Blog arbeiten kann, ist die enorme Rückendeckung von Mutti! Danke! Ohne dich hätte ich schon hingeschmissen!

Der andere wesentliche Grund (natürlich neben den aufmunternden Kommentaren und der guten Leserresonanz, danke, danke, danke!) warum es hier weitergeht, ist die Leidenschaft, die ich für die Künstler, gerade die jungen und unerfahrenen, entwickelt habe. Und Leidenschaft kommt tatsächlich auch von leiden. Ich leide regelrecht mit diesen mutigen und kreativen Menschen mit, sehe wie sich abrackern müssen, um oft schlechtbezahlte Konzerttermine zu finden, weiß, daß sie bei irgendwelchen entfernt bekannten Leuten oder in miesen Hotels übernachten müssen, völlig übermüdet vor einer Handvoll von Leuten auftreten, gegen ihr Lampenfieber ankämpfen und auf der Bühne dennoch ihr Allerbestes geben. Und dann fahren sie meistens noch in der gleichen Nacht mit einem gammeligen Kleinbus zum 500 Kilometer entfernten nächsten Konzert weiter, wo sie manchmal für 30 Euro (und teilweise weniger) spielen und zwei selbstgebrannte CDs verkaufen. Kaum einer der vergnügungssüchtigen Konzertbesucher macht sich ein genaues Bild von diesem harten Leben. Aber genau diese widrigen Umstände sind der ideale Nährboden für Kreativität. Erfolgreiche und altgediente Musiker sind oft zu satt und zu komfortabel gebettet, um noch wirklich spannende Alben hinzubekommen.

Deshalb war für mich heute klar, daß ich nicht zu Noah & The Whale (die natürlich noch nicht zu satt, wenngleich schon früh vom Erfolg verwöhnt) ins Café de la Danse, sondern zu der jungen Leyli und ein paar anderen Artisten ins Café de Paris gehen musste.

Café de Paris, das klingt so mondän, aber die Musiker des heutigen Abends bekamen nicht den eigentlich Konzertsaal, der oben gelegen ist, sondern einen recht räudigen kleinen Kellerraum zugewiesen, in dem sich zwischen 20 und 30 linksalternative Mitbürger (fast alles Männer) versammelt hatten, um den experimentellen Noise und Hardcore Post-Rockern der französischen Band Meutre (der Mord) zuzuhören. Die dreiköpfige Band mit der hübschen Bassistin Elisa Pône klang teilweise richtig gruselig. Ihre auf französisch dahingerotzten Texte waren finster und gemein und der kurzhaarige Sänger schien oft regelrechte Tobsuchtsanfälle zu bekommen. Vati hätte mich hier nicht hingelassen. Meine Fresse! Es kamen auch seltsame Instrumente zum Einsatz zum Beispiel eine kleine aggressive Minitrompete, mit der die Band freejazzige Laute erzeugte, oder aber Megaphone, Stimmverzerrer, Vintagekeyboards, etc.

Mir gefiel das bizarre Konzert gut und ich kaufte ihre Demo-CD. Ich war übrigens der Einzige...




Dann kam Marie-Pascale Hardy aka Leyli. Eine Kanadierin aus Quebeq, die seit drei Jahren in London lebt und erst dort mit der Musik angefangen hat. Die hagere, großgewachsene Blondine ist noch ein fast unbeschriebenes Blatt, aber das könnte sich mit ein wenig Glück bald ändern. An Talent und guten Ideen mangelt es der Frau mit dem grünbemalten Gesicht jedenfalls nicht. Was sie heute vortrug, beeindruckte mich außerordentlich. Vielmehr noch: es berührte mich emotional zutiefst. Das zarte Mädchen sang so fragil und berührend, das mir ganz warm um Herz wurde. Sie verfügt über eine Hauchstimme à la Jane Birkin, kann stilistisch aber eher in die Ecke experimenteller Folk/Indierock im Stile von PJ Harvey und Scout Niblett gestellt werden. Sie selbst konnte mir hinterher gar nicht so recht ihren Stil beschreiben und kannte die allermeisten Musiker, die für mich vermeintlich halbwegs ähnlich klangen wie sie, gar nicht. Leyli sang übrigens abwechselnd auf französisch und englisch und spielte akustische und elektrische Gitarre, Ukulele und Keyboard. Zusätzlich hatte sie einen Schlagzeuger dabei, der ab und zu für etwas mehr Dampf sorgte. Alles war in moll gehalten, kam finster und geheimnisvoll daher, bisweilen fast gothisch. Authentisch und atemberaubend intim klang es immer. Zu Beginn des Konzertes waren vielleicht 5 Leute im Raum, dann in der Spitze 20. Aber durch diese zähe Anfangsphase ihrer Karriere muss Leyli jetzt durch und ich bin sicher, bald wird sie vor größerer Kulisse spielen. Ich war hinterher jedenfalls schwer angetan, habe heute meine persönliche Entdeckung des (freilich noch jungen) Jahres gemacht und das bisher beste, nahegehendste Konzert gesehen. Die brauchte ich für eine Oliver Peel Session!!

Hinweis: auf der Labelseite von Leyli kam man die auf 150 Exemplare limitierte Debüt Ep namnes Grey, Green, Grey, Grey, Green. Grey, Green, Grey and Green für 6 Euro käuflich erwerben.







Samstag, 23. Oktober 2010

Tetuzi Akiyama, Paris, 22.10.10

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Konzert: Tetuzi Akiyama (Jozef Van Wissem, Chris Forsyth, Quentin Dubost)

Ort: Espace en Cours
Datum: 22.10.2010

Zuschauer: etwa 100


Ob ich jetzt noch zu diesem mysteriösen Ort namens Espace en Cours gehen soll? Ich sehe auf meine Armbanduhr und stelle fest, daß es schon 23 Uhr ist. Ich befinde mich gerade im Bastilleviertel, wo ich ein Konzert meiner Helden von Kim Novak gesehen habe. Ebenfalls heute abend spielte aber auch ein Musiker auf, den ich am Sonntag zu einer Oliver Peel Session erwarte. Sein Name: Jozef van Wissem. Ein Amerikaner mit holländischen Wurzeln, der als einer von ganz wenigen zeitgenössischen Künstlern auf einer mittelalterlichen Laute (Vorläufer der Gitarre) spielen und komponieren kann. Jozef war im Espace en Cours als einer von vier sehr speziellen Musikern angesetzt. Ich frage mich, ob es sich noch lohnt, von Bastille bis zum Place de Réunion zu fahren, der eine halbe Stunde entfernt liegt. Ehrgeizig und unermüdlich wie ich bin, versuche ich mein Glück. Laut Plan befindet sich der Ort in der Nähe der Flèche d'or. Ziemlich stark frierend latsche ich die Straßen des Viertels ab. Auf meinem Weg komme ich an einer Gruppe Farbiger vorbei, die auf Bänken abhängen und lauten, harten Rap hören. Sie sind friedlich, lassen mich unbeachtet passieren. Wir sind ja schließlich auch nicht in der Bronx der 1970er Jahre! Ich erreiche den Place de Réuninon, der wirklich ziemlich viel Charme hat. Keine reiche Gegend, aber ein Viertel mit Potential. Diejenigen, die schon länger hier wohnen, fürchten sich sicherlich davor, daß hier ein paar wohlhabende Schnösel auf den Geschmack kommen, die Wohnungen Luxus sanieren, schicke Cafés und Galerien aufmachen und die Mietpreise klettern lassen. Noch aber sind die Immobilienhaie nicht eingestiegen und kurioserwiese liegt ein einzelner Schuh auf dem verlassenen Platz. Warum bitte schön, verlieren Leute immer wieder einzelne Schuhe?

In einer Bar frage ich, wo man den Espace en Cours findet. Die marrokanische Kellnerin zuckt ratlos mit den Schultern und fragt ihren Chef. "Kennst Du hier einen Laden mit Livemusik?, fragt sie ihn ungläubig. "Zwei Häuser weiter unten", bedeutet mir der nette Herr und wünscht mir viel Spaß. Rue de la Réunion 56, eine Privatadresse, wie ich das schon geahnt hatte. Zum Glück ist die Eingangstür einen Spalt geöffnet, sonst wäre ich nie auf die Idee gekommen, daß mein Wunschort wirklich hier sein soll! Ich durchquere einen Flur und stoße auf einen schönen Innenhof. Ob denn Jozef van Wissem noch hier sei, will ich von den zwei jungen Frauen wissen, die hier den Empfang machen. Gespielt habe er schon meint die eine, es gebe aber gerade eben noch ein letztes Konzert, ergänzt die andere. Im Innenhof treffe ich witzigerweise gute Bekannte von mir, die auch schon bei ein paar Oliver Peel Sessions zugegen waren. Echte Kenner, die immer Bescheid wissen, wenn es irgendwo in der Stadt sehr spezielle Konzerte gibt. Ich vernehme hypnotische Instrumentalmusik und frage meine Kumpels, wo denn überhaupt der Eingang zum eigentlichen Konzertsal sei. Sie zeigen auf den rechteckigen Raum neben uns. Das Problem ist bloß, daß die Tür zu ist und ein dunkler Vorhabg alles verhüllt. Ich schiebe dennoch die Tür auf und stehe plötzlich direkt neben Jeanne Madic, die auch schon einmal eine Oliver Peel Session bei mir gespielt hat. Neben ihr kauert ein Hüne mit langen, strähnigen Haaren, ich erahne sofort , daß es sich um Jozef van Wissem handeln muß. Ich kenne sein Gesicht von Videoplattformen im Internet. Hinter ihm stehend, sehe ich kaum, was sich auf der Bühne abspielt. Es ist mucksmäuschenstill und die Leute haben teilweise die Augen geschlossen. Wie in Hypnose hören sie der Instrumentalmusik des Japaners Tetuzi Akiyama zu. Der Asiat trägt einen schwarzen Cowboyhut und verzerrt auf verschiedene Weise seine Akustikgitarre. Das Ganze ist sehr monoton und repetitiv, aber kurioserweise gerade deshalb spannend. Die Atmosphäre ist knisternd, keiner rührt sich, niemand schießt Fotos. Die improvisierte Bühne ist nur durch eine funzelige alte Stehlampe erleuchtet. Ein Szenario wie in einem Indiefilm. Cool! Und Oliver Peel ist wieder mitendrin! Ein kultiviert ausehender Mann um die 50 hat die Augen geschlossen und hält sich förmlich an seiner Bierflasche fest. Es ist eine bizarre Geschichte, die Sache hat fast schamanischen Charakter. Mein Vater hätte mich bestimmt hier nicht hingehen lassen, aber er schlummert ja in Frieden.

Irgendwann ist Akiyama mit seinem Set durch, nimmt seinen Hut ab und verneigt sich kurz. Die Leute dringen nach draußen, es war heiß hier drin. Jetzt habe ich Gelegenheit den Raum zu inspizieren. Eine Art Künstleratelier. Maler oder Bildhauer könnten hier prima arbeiten, Architekten ihre Pläne zeichnen. Auf dem Boden liegen alte Teppiche und in dem Raum befindet sich auch ein hölzernes Möbel, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Auf französich heißt das gute Stück "une maie", eine Art Truhe. Das wäre dann doch wieder was für meinen Vater gewesen, den alten Antiquitätenfreak. Ich komme mit dem Amerikaner Chris Forsyth ins Gespräch, der vorher hier gespielt hatte und lerne dann auch endlich Jozef van Wissem kennen. Er war zufrieden mit der Veranstaltung, hat ein paar Cds verkauft und verabschiedet sich dann auch schon, denn morgen spielt er in Belgien, bevor er am Sonntag extra für die Oliver Peel Session zurück kommt. Was für eine Ehre!

Ich bin sehr gespannt! Ansonsten bleibe ich auch mit dem Veranstalter dieses sehr speziellen Abends in Kontakt. Seine Sache nennt der gebürtige Pole "le non_jazz "und demnächst organisert er auch in einem Laden namens Le Tunnel. Klingt ebenfalls verlockend!

Ausgewählte Konzerttermine von Jozef van Wissem:

23.10.2010: Le Vecteur, Charleroi
24.10.2010: Oliver Peel Session, Paris
31.10.2010: Walpodienakademie,Mainz
2.11.2010: Cairo, Würzburg
23.11.2010: Madame Claude, Berlin




Dienstag, 30. März 2010

In Gowan Ring & Lisa o Piu & Diego Zavatarelli, Paris, 28.03.10

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Konzert: In Gowan Ring & Lisa o Piu & Diego Zavatarelli

Ort: Café de Paris
Datum: 28.03.2010
Zuschauer: geschätzte 100
Konzertdauer: insgesamt fast 3 Stunden


Selbst nach 8 Jahren rastlosen Unterwegsseins in Pariser Hallen, Clubs, Bars und Cafés gibt es für mich nach wie vor neue Locations in der französischen Metropole zu entdecken. Und selbst nach mehreren hundert besuchten Konzerten stoße ich immer noch auf Musiker, die mir vorher unbekannt waren. So wie an jenem 28. März 2010. In Gowan Ring spielte im Café de Paris. Doppeltes Neuland. Die Location war schnell gefunden, liegt sie doch inmitten des trubeligen Oberkampf Viertels unweit des Nouveau Casino und der Maroquinerie. Erstaunlicherweise handelt es sich aber nicht um ein kleines, enges Café wie ich das erwartet hatte, sondern um einen festlichen, stimmungsvollen Saal, in dem man sogar stilvoll eine Hochzeit feiern könnte. Genauer gesagt gibt es hier beides. Im vorderen Teil ein Café bzw. eine Bar und im hinteren jenen schlauchförmigen Festsaal. Vermutlich ist der die meiste Zeit geschlossen und wird nur für besondere Veranstaltungen wie heute geöffnet. Ein nettes Pariser Mädel namens Carole hatte geladen (ich hatte sie ein paar Tage zuvor kennengelernt) und sich die Unterstützung der Unternehmung "Le 7 ième Ciel" hinzugeholt. Le 7 ième Ciel funktioniert so ähnlich wie die Oliver Peel Sessions. In einer Privatwohnung werden Konzerte veranstaltet und ausgewählte Gäste eingeladen. Ich selbst kam nie in den Genuß eines solchen Konzertes, obwohl mit Whalebone Polly Künstler genannt werden können, die sowohl im 7 ième Ciel als auch bei uns gespielt haben. Die könnten mich also ruhig auch mal einladen, ich würde natürlich das Gleiche tun! Nun gut...

Ich sitze also an einer langen Tafel im Café de Paris und warte genau wie alle anderen auf den ersten Künstler des Abends. Diego Zavatarelli heißt der Bursche, der gegen 21 Uhr 30 auf der hübschen Bühne erscheint. Ein Argentinier, der in Paris lebt. Seinem Akzent zufolge hatte ich ihn glatt für einen Franzosen gehalten, vielleicht hat er sich schon den seltsamen französischen Akzent beim Aussprechen englischer Wörter angeeignet. Sein Vortrag auf der Akustikgitarre gestaltet sich anfangs ziemlich zäh, aber im weiteren Verlaufe komme ich etwas besser rein. Einen nachhaltigen Eindruck hat er dennoch nicht bei mir hinterlassen. Vielleicht müßte ich ihn noch einmal sehen, um auf den Geschmack zu kommen.

Nach einer kurzen Pause wird die Bühne von einer vielköpfigen Truppe eingenommen. Es handelt sich um die Band der Schwedin Lisa o Piu, die den amerikanischen Troubadour In Gowan Ring heute unterstützt. Von dem lockenköpfigen Burschen, der aussieht wie Ex-Kommune 1 Chef Rainer Langhans, hatte ich zuvor nie ein Sterbenswörtchen gehört. Ein paar Experten im Saael kreiden mir das übel an. Was, Du kennst In Gowan Ring nicht? Und Birch Book auch nicht? Ich versteh' nur Bahnhof! Was ist denn jetzt Birch Book? Achso, das ist das andere Projekt des Barden. Langhans, ähem B'eirth wie er sich nennt, legt also los. Ich bewege mich nach nach vorne und sehe seine grüngebeizte Gitarre. Sehr kunstvoll und hochwertig gearbeitet, aber wenn ich ehrlich sein soll: ein etwas gewöhnungsbedürftiges Teil! Sieht aus wie die Schuhe des französischen Nobelherstellers Berluti. Die haben genau den gleichen Grünton im Sortiment und ich frage mich immer, wer so etwas tragen kann (und wann?). Hinterher erfahre ich, daß der Künstler die noblen Klampfen selbst herstellt. Feinste Handarbeit! Der Kerl spielt in Socken, das passt ins Bild. Irgendwie erinnert er mich mit seiner runden Brille an Reinhard Mey. Keine gute Assoziation, ich versuche sie zu verdängen. Die gespielte Musik ist sehr harmonisch und erlesen. Stimmlich gibt es Parallelen zum großen Nick Drake, aber bei In Gowan Ring klingt alles keltischer, mittelalterlicher und weniger spartanisch als bei Nick. Boat Of The Moon ist von profunder Schönheit, streichelt die Seele, tröstet. Ein Kleinod. Viele Songs des heutigen Sets stammen aber von Birch Book, dem Nebenprojekt von B'eirth, das weniger keltisch und psychdelisch und mehr dem tradionellen Folk verhaftet ist. Für mich schwer zu unterscheiden, da ich schändlicherweise beide Projekte vorher nicht kannte. Ein Lied mit Violinenbegleitung gefällt mir besonders, hinterher recherchiere ich und stelle fest, daß es sich um das recht neue Crack Of The Sun handeln muss.

In den allermeisten Fällen wird B'eirth heute von den Musikern von Lisa o Piu unterstützt, aber ein paar Lieder trägt er auch alleine vor. Bei Dandelion Wine mischt wieder die Band mit. Ein schwarzes, mysteriöses Stück, bei dem Lisa das Glockenspiel zum Schwingen bringt. Sicherlich ein Highlight. Warum B'eirth allerdings bei der Zugabe ein Stück von Georges Moustaki covert, erschließt sich mir nicht ganz. Vielleicht wollte er den Franzosen zu Liebe einen Chanson auf französisch vortragen?!

Insgesamt spannend, ich muß mich unbedingt in das Werk von In Gowan Ring und Birch Book einarbeiten.

Dann darf die Schwedin Lisa o Piu ihre eigenen Lieder vortragen. Sie und ihre Band hatten wir ja bereits bei In Gowan Ring im Einsatz erlebt. Eine gut eingespielte, harmonisch agierende Truppe, in der Lisa nicht nur Akustikgitarre, sondern auch Querflöte spielt. Wenn ich das richtig verstanden habe, zupft sie aber normalerweise auch noch auf einer Harfe. Auch das Foto auf ihrem Album Behind The Bend (2010) zeigt sie mit dem imposanten Instrument. Aufgrund der Sperrigkeit bleibt die Harfe aber in Schweden und es muß auch ohne gehen. Ihre Stimme ist sehr schön und lieblich und hat ihr in der Musikpresse (Mojo) schon Vergleiche mit Sandy Denny und Vashti Bunjan eingebracht, aber so ganz stimmt das nicht, denn Sandy hatte einen deutlich hörbaren (tollen) englischen Akzent, während man bei Lisa ganz leicht die schwedische Mundart raushört. Zudem klingt ihr Kehlchen kindlicher und weniger reif als bei Sandy und Vashti. Teilweise wird deshalb auch Joanna Newsom ins Spiel gebracht. Aber lassen wir die Vergleiche! Ohnehin tragen ihre barocken Kompositionen ihre ganz eigene Duftnote. Schade, daß ich keine Lieder zitieren kann, da mir die Künstlerin vorher nicht vertraut war. Ein Stück sticht besonders hervor. Es ist äußerst komplex, Stimmungs-und Tempo schwankend und stattliche 15 Minuten lang. Der Track stammt vom dem 2010 er Werk, welches ich mir hinterher zulege. Aber ich denke auch der Vorgänger When This Was The Future lohnt, was überhaupt für den ganzen Abend gilt: Eine sehr lohnenswerte, schöne Veranstaltung!

Setlist In Gowan Ring, Café de Paris, Paris

01: Introduction
02: White Angel (Birch)
03: Boat Of The Moon (In)
04: Crack Of The Sun (In)
05: Patchwork Woman (Birch)
06: Feet Of Clay (Birch)
07: Moon Over Ocean
08: Warm Wind And Rain

09: Corners Of My Life
10: The Stag
11: Life's Lace (Birch)

12: Dandelion Wine (In)
13: Le Temps De Vivre (Georges Moustaki)

Setlist Lisa o Piu (grand merci à Carole!), Café de Paris, Paris:

01: Forest Echo
02: Cinnamon Sea
03: The Party
04: Two
05: Child Of Trees
06: And So On

- Tres charmante vidéo de Rod avec Birch Book sur le hiboo.com



 

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