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um
18:34
Konzert: Down the Rabbit Hole Festival
Ort: Nimwegen
Datum: 24.-26.06.2016
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: 20.000 ausverkauft
Nachdem ja schon vier Berichte vom diesjährigen "Down the Rabbit Hole" Festival in unserem Archiv zu finden sind, hier noch der Überblick vom restlichen Wochenende:
Das "Down the Rabbit Hole" ist die kleine Schwester des beliebten "Lowlands"-Festival in den Niederlanden.
Hier wurde schon vor mehr als zehn Jahren demonstriert was ein Festival an Komfort und Esprit neben einem extrem variablen Line-Up alles Leisten kann.
Doch die Zeiten für das "Lowlands" änderten sich. Mit 55.000 Menschen immer ausverkauft konnte es kein reines "Indie"-Festival bleiben, der Schwerpunkt verlagerte sich auf Pop und Dance und es wurde für den Veranstalter Mojo Zeit für ein neues, kleineres Lieblingskind.
Gut für uns, denn das "Rabbit Hole" liegt viel näher an der deutschen Grenze in Nimwegen, ist mit immerhin 20.000 Zuschauern dieses Mal ausverkauft, vermittelt aber trotzdem einen extrem entspannten Eindruck ohne Gedränge und Anstehen.
Der Trick ist so einfach wie genial. Biete den Leuten auf einem tollen Gelände am See einfach mehr Anlaufpunkte als nötig und alle haben Spaß.
Wie beim "Lowlands" könnte man auch hier den ganzen Tag von einer Mini-DJ-Bühne zur nächsten Aktion (Hula-Hoopen mit DJ), Kino, Yoga oder Stijldansen im Spiegelzelt flanieren, ohne überhaupt eines der großen Bühnenzelte zu betreten.
Drei davon gibt es, von der Kapazität Headliner (10.000), Stadthalle (5.000) bis Clubact (1.000) ist alles dabei.
Wenn man sich anschaut, wie entspannt die Menschen auf eine liebevolle Gestaltung des Geländes und des Programms reagieren, fragt man sich wirklich, warum es so etwas in Deutschland (trotz erster Versuche) immer noch nicht gibt.
Nach "Sun Kil Moon" (siehe Bericht) und den "Pavement"-Jüngern von "Parquet Courts", die von einem vollen Zelt erstaunlich viel Anerkennung erhielten, war es Zeit für "Courtney Barnett". Vielfach als "Album des Jahres" ausgezeichnet ist sie immer noch auf Tour, wirkt gegenüber dem fantastischen Nachtauftritt in Haldern letztes Jahr jetzt aber natürlich schon wesentlich routinierter.
Immer noch etwas schüchtern hat sie den Set jetzt voll im Griff, alles ist genau auf die genormte Festival länge arrangiert und scheppert trotzdem herrlich schrammelig daher.
Das lustige "Life, be in it" T-Shirt mit seinen Comicfiguren ist Programm. Textsicher singen und tanzen die Niederländer schon am frühen Freitag bei einen ihrer Highlights. Diesmal ist sogar eine Coverversion mit im Programm: Grateful Deads "New Speedway Boogie" dürfte der ein oder andere eher beim "The National" Gig am Samstag erwartet haben.
"Mac Demarco", in Holland wohl eine Riesennummer füllt das große Zelt fast vollständig, während "Everything Everything" mich persönlich nicht überzeugen können. Ich ertappe mich dabei, die ganze Zeit auf "Distant Past" zu warten, was aber garantiert der letzte Song sein wird, und da war dann der grandiose Auftritt von "PJ Harvey" (siehe Bericht) zurecht wichtiger.
Der zweite Tag beginnt mit den holländischen "My Baby" durchaus vielversprechend, aber hier wäre ein kleineres Zelt sicher schöner gewesen, tolle Live-Band allemal. "Whitney" und "Rhodes", beides für mich zu poppig und nicht fesselnd genug, da bietet der Elvis-Imitator auf einer Waldbühne aus alten Kühlschränken und Elektroschrott noch mehr Abwechslung.
"The Cinematic Orchestra" gibt es auch noch. Aber so richtige Begeisterung kann bei den zum Teil anstrengenden Jazz-Klängen am Nachmittag auch nicht aufkommen. Somit sind "Savages" zum genau richtigen Zeitpunkt da, um einem nach dem zweiten Pulled-Pork Sandwich wieder etwas Leben einzuhauchen.
Die Band spielt sich quer durch beide Alben und ist einfach eine Augenschmaus. Nicht, weil es vier Damen sind die hier dem Postpunk frönen, sondern weil es nie langweilig oder gestellt wirkt. Auch wenn der Überraschungseffekt beim mehrmaligen besuchen der Konzerte natürlich nachlässt, können Song wie "Husbands" oder "Fuckers" einfach nicht ihre Wirkung verfehlen.
Besonders gut ist heute die lange und extrem gelungene Version von "Adore", die sich zum Finale hin immer weiter steigert und vor "Fuckers" eigentlich schon den Höhepunkt darstellt.
Direkt danach spielt "Glen Hansard" zum Tanz auf. Seit langer Zeit erstmals wieder mit großer Band (Streicher und Bläsern) unterwegs, kann er einerseits seinem Sound alle Details entlocken, auf der anderen Seite ging dadurch die Spontanität etwas dahin.
Zudem lag der Schwerpunkt der Songs bei seinen Soloalben, so das einige Klassiker seiner diversen Bands trotz der langen 90minütigen Spielzeit keinen Platz fanden.
Trotzdem ist Glen natürlich ein perfekter Bandleader und Gastgeber, der alleine mit seinem Charme das Zelt sofort im Griff hat.
Die Ansage "Summer, crazy festival time, i will catch that beer" (in Anspielung auf den letztjährigen, holländischen Festivalmoment des Jahres als "John Coffey" während des Crowdsurfens einen halbvollen Bierbecher fängt und austrinkt, gerät hier natürlich zum vorhersehbaren Eigentor und Glen bricht das Experiment nach zwei Bierduschen aus den ersten Reihen lachend ab.
Als Cover sind diesmal eine fantastische Version von Van`s "Astral Weeks", Marvin Gaye´s "Don`t do it" und Daniel Johnston`s "Devil Town" an Board. Eine weitere musikalische Glanzvorstellung von Hansard der noch bis Ende des Jahres mit dieser Band auf Tour sein wird.
"TV Segall" fallen leider wegen der Überschneidung mit "The National" (siehe Bericht) aus, wären aber vielleicht nachträglich die bessere oder zumindest spannendere Wahl gewesen.
Der Sonntag beginnt für uns wegen der nervigen Schauern später. "Frightened Rabbit" und "Alex Vargas" fallen somit aus, dafür ist aber pünktliches Antreten bei der Indie-Sensation des Jahres (gibt ja nicht mehr so viele) Pflicht: "Car Seat Headrest", deren Sänger wie ein Sohn von "E" ausschaut, spielen einen sich ständig steigernden, tollen Auftritt mit vielen Songs des neuen Albums "Teens of denial".
Zehn wunderschöne, kleine Indieperlen mit am Ende voll aufgedrehten Gitarren und herrlichem 90er Sound. Nichts neues, aber immerhin etwas sehr gutes.
Über "Daughter" haben wir ja schon wirklich alles geschrieben. Es zeigt sich aber, wie bei der letzten Tournee, dass die Band Monate benötigt um den Versionen die Lockerheit und Länge zu bieten, die das Ganze anders als auf CD klingen lassen. Nach fast sechs Monaten klingt jetzt alles rauher, spontaner und lustvoller als noch auf den eigenen Konzerten am Anfang des Jahres.
Die armen "Suede" kommen am frühen Abend dann leider auf der größten Bühne unter die Räder, nicht einmal halbvoll ist das Zelt. Trotzdem gibt die Band alles, aber heute soll es einfach nicht sein. Dafür ist die Konkurrenz des modernen Pop, hier in Form von "M0" einfach zu groß.
Die "DMA`s" sind, nachdem man den Gag einmal gesehen hat, leider nicht mehr witzig, also ab zu Anohni (siehe Bericht), dem trojanischen Pferd des Festivals, die mit Politik, Kunst und diversen wichtigen Botschaften die Zuschauer staunend zurücklässt.
Was bleibt ist ein tolles Festival, dass in allen Bereichen punkten kann. Drei völlig verschiedene und doch allesamt fantastische Headliner, ein unfassbares Rahmenprogramm und eine tolle Organisation machen das "Rabbit Hole" zu einem Festival für Leute, die nie auf Festivals gehen würden.
Fotos: Michael Graef
um
17:21
Konzert: Savages
Ort: Luxor, Köln
Datum: 03.03.2016
Dauer: Savages 80 min, Bo Ningen gut 30 min
Zuschauer: 500 (ausverkauft)
Mein erstes Savages-Konzert 2013 in Frankfurt hatte mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich war nicht sicher, ob mir die Musik der englischen Band mit der französischen Sängerin nicht zu hart sein würde. Ich ging aber trotzdem hin, denn - wie die Titanic mal festgestellt hat - nur wer ein Abo hat, kann auch damit drohen, es zu kündigen.
Es gab hinterher keinen Grund zum Lästern. Auch nach keinem meiner folgenden Savages-Konzerte. Live ist die Band ein Ereignis und soviel besser als fast alle anderen!

Mein letzter Livekontakt zu den Londonerinnen war eines der spektakulärsten Konzerte der vergangenen Jahre. Gemeinsam mit der japanischen Indiemetal-Band Bo Ningen führten Savages ein dadaistisches Musikstück (Words to the blind) auf. Dabei standen Savages auf einem Steg links im Saal, Bo Ningen rechts, Musiker hinter Musiker. Das Stück begann mit parallel vorgetragenen Texten der beiden Sänger in ihren Landessprachen, durch die Gleichzeitigkeit vollkommen unverständlich, und führte über schrecklich wenig harmonische Phasen, in denen die beiden Bands eher gegen- als miteinander spielten zu einem etwas homogeneren Ende. Der Nachmittag in Utrecht war ein einmaliges Erlebnis. Da Words to the blind für mich auf Platte unhörbar ist, war ich trotz des Erlebnisses froh, Savages wieder einzeln zu sehen. Wobei Bo Ningen auch wieder dabei waren, diesmal aber als Support.
Das Luxor war erstaunlicherweise erst ein, zwei Tage vor dem Konzert ausverkauft. Wie großartig Savages sind, hätte man doch nachlesen können! Außerdem schwärmte wirklich jeder vom Haldern-Auftritt der vier Londonerinnen.

Bevor Bo Ningen auf die Bühne kamen, hatte ich meinen Konzertfreunden großkotzig erklärt, daß mir der Heavysound der japanischen Band eigentlich viel zu hart sei und ich froh über meine Ohrstöpsel sei. Ich merkte die mitleidigen Blicke, als Bo Ningen um acht mit einer ganz ruhigen, ziemlich leisen Nummer begannen, die von Metal so weit entfernt war wie Hannover 96 von der Champions League. So wird das nie was mit der Einladung in die Chartshow.
Glücklicherweise drehte die in London lebende Band danach richtig auf. Die Haare der vier Musiker flogen, ab und zu gab es einen Ausdruckstanz des Sängers, während der ganz in rot gekleidete Gitarrist sein Instrument wie Windmühlenflügel kreisen ließ. Da war es mir endlich zu hart und metalig. Aber die halbe Stunde mit Bo Ningen war erstaunlicherweise trotzdem hoch unterhaltsam und für Leute mit mehr Rockhintergrund sicher musikalisch vorzüglich!

Die 80 Minuten Savages im Anschluß als kurzweilig zu bezeichnen, würde der Sache nicht gerecht werden. Ich hätte alleine Bassistin Ayse drei Stunden lang zugucken können. Und ich kann mir nicht vorstellen, schon jemand Cooleres am Bass gesehen zu haben. Auch die anderen beiden, die auf den ersten Blick im Schatten von Sängerin Jehnny Beth stehen, Gitarristin Gemma Thompson und Schlagzeugerin Fay Milton, sind irre tolle Musiker. Fays Schlagzeugspiel gar nicht spektakulär aus, weil sie sich nicht wie eines dieser Drummer-Tiere bewegt. Sie spielt aber so energisch und präzise, daß es eine große Freude ist, ihr zuzusehen. Savages sind einer dieser Bands, denen es sehr weh tun würde, einzelne Mitglieder ersetzen zu müssen, zu gut sind die überall besetzt. Aber das fällt eben nicht unbedingt auf, weil die Frontfrau so schillernd ist.

Jehnny machte Ausflüge ins Publikum, ließ sich durch den Saal tragen, zog früh ihre Jacke auf, unter der sie sehr luftig gekleidet war. Getragen wurden diese Freiheiten von den perfekten Begleiterinnen. Es gab einen Fotograben im Luxor, den gibt es nicht oft. Aber Fotografen hatten keinen Zugang, er war einzig für Jehnnys Ausflüge gedacht.
Musikalisch war der Auftritt weniger das Abspielen von 15, 20 Liedern als ein einiges langes Stück. Es gab zwar meist Pausen zwischen den Songs, einmal auch länger, als Jehnny eine Weile im Backstagebereich verschwand, und es gab auch ruhigere Lieder (Slowing down the world - "a slow sexy one"), trotzdem wirkte es wie ein langes Stück. Sad person am Anfang und 80 min später Fuckers.
Savages spielten das ganze neue Album Adore life und dazu ein paar Knüller von der ersten Platte und wie immer zum Abschluß Fuckers. "Don't let the fuckers get you down." Das und Adore davor ließen auch keinen Platz für Zugaben. Warum auch? Es war alles gesagt. Viele bessere Konzerte werde ich dieses Jahr nicht mehr sehen.
Setlist Savages, Luxor, Köln:
01: Sad person
02: City's full
03: Slowing down the world
04: Shut up
05: She will
06: Husbands
07: Surrender
08: Evil
09: When in love
10: I need something new
11: The answer
12: Hit me
13: No face
14: T.I.W.Y.G.
15: Mechanics
16: Adore
17: Fuckers
Links:
- aus unserem Archiv:
- Savages, Haldern, 14.08.15
- Savages (& Bo Ningen), Utrecht, 22.11.14
- Savages, Köln, 20.11.13
- Savages, Den Haag, 16.11.13
- Savages, Larmer Tree Gardens, 30.08.13
- Savages, Frankfurt, 19.05.13
- Savages, Paris, 23.02.13
um
08:13
Konzert: Savages
Ort: Haldern-Pop Festival
Datum: 24.08.2015
Zuschauer: ca. 5.000
von Dirk aus Mönchengladbach
Der Zeitplan zum diesjährigen Festival kam spät. Und er hatte wie eigentlich immer in Haldern einige Überraschungen zu bieten. Die Savages zwischen Olli Schulz und Nils Frahm auftreten zu lassen, wird seine Gründe gehabt haben, verständlich war es zunächst nicht. So leerte sich nach "Everybodys Darling" Olli das Gelände auch erstmal zügig. Die meisten kehrten aber schnell mit einem frischen Bier zurück und bis zum Beginn der Savages war der Reitplatz wieder sehr gut gefüllt.
Das Konzerttagebuch begleitet die Post-Punk Damenband der Savages ja von Anfang an, mir war vorab aber gar nicht klar, wie viele der Anwesenden überhaupt schon mit der Band Kontakt hatten. Einen Singlehit gab es auf Grund der ja doch härteren Gangart der Band ja noch nicht und das bisher einzige Album ist ja nun auch schon aus dem Jahr 2013.
Daher war ich mir auch nicht sicher wie die Band die Energie der Clubauftritte vor ihren Fans auf der großen Hauptbühne entfalten wollte. Es kam anders. Ganz anders.
Mittlerweile war es zum Glück dunkel geworden und Sängerin Jehnny Beth begrüßte die Anwesenden mit einer Art Kampfansage, die nicht jugendfrei war. Sofort beginnt die Band mit einem derart satten Sound das einem wirklich Hören und Sehen vergeht. Erst auf der großen Bühne hört man, wie gut die Rhythmusgruppe aus Bass und Schlagzeug funktioniert. Was in kleineren Clubs oft im Soundbrei untergeht, schallt nun in Perfektion aus den Boxen. Am liebsten würde man sowieso nur Schlagzeugerin Fay Milton zusehen, wie cool und lässig sie diesen Beat aus den Armen schüttelt.
Überhaupt ist sie die einzige die mit ihrem weißen Top und dauerndem Lächeln gegen die sonstige Bandmaxime schwarz und grimmig verstößt. Ein toller Kontrast.
Das alles überstrahlt aber noch die Performance von Sängerin Jehnny. Nach den ersten Songs hält sie nichts mehr auf der Bühne. Die schon bekannten High Heels darf einer der Stewards in Empfang nehmen und schon geht er los, der Tanz auf dem Wellenbrecher. Hin-und her balanciert sie vor der ersten Reihe, springt ins Publikum, wird wieder irgendwo ausgespuckt und weiter geht’s.
Das ganze nicht ein- oder zweimal, eigentlich ist sie fast nur noch vor der Bühne aktiv, während im Hintergrund das Uhrwerk weiterläuft. Immer mit strengem Blick ins Nichts, die Haare sitzen immer noch und das Publikum tobt. Es werden viele neue Stücke an diesem Abend gespielt. Die Klassiker der Platte kommen erst ganz am Ende.
Husbands und das wie immer in die Länge gezogene Fuckers bilden den krönenden Abschluss. Der Mantra artige Schlachtruf "Don`t let the fuckers get you down" schallte noch die ganze Nacht über den Campingplatz.
Ein beeindruckendes Konzert einer Band, die hier auf ein dankbares Publikum traf. Vielen war der nachfolgende Abend mit Nils Frahm und Kiasmos dann doch zu speziell. Aber so ist das nun mal in Haldern. Savages konnten ihren Slot perfekt nutzen und haben bestimmt viele neue Fans gewonnen.
Links:
- aus unserem Archiv:
- Savages (& Bo Ningen), Utrecht, 22.11.14
- Savages, Köln, 20.11.13
- Savages, Den Haag, 16.11.13
- Savages, Larmer Tree Gardens, 30.08.13
- Savages, Frankfurt, 19.05.13
- Savages, Paris, 23.02.13
um
22:10
Konzert: Savages & Bo Ningen "Words to the blind"
Ort: Tivoli Vredenburg, Utrecht (Le Guess Who? Festival)
Datum: 22.11.2014
Dauer: 36 min
Zuschauer: ca. 1.500
In Zürich entstand vor etwa hundert Jahren der Dadaismus. Eine seiner damals auftauchende Kunstformen war das Simultangedicht, die gleichzeitige Lesung verschiedener Texte. Bei der ersten Aufführung eines Simultangedichts im Cabaret Voltaire wurden drei Texte in verschiedenen Sprachen vorgetragen. Dies war eine Reaktion auf den gerade stattfindenden Weltkrieg oder eher ein Deutungsversuch für dessen Ursachen. Mehrere Texte werden durch das gleichzeitige Handeln vollkommen unverständlich, es entsteht Chaos!
Savages und Bo Ningen, die englische Frauenband mit französicher Sängerin und die japanische Männerband mit langen Haaren und quietschenden Gitarren, griffen die Idee des Simultangedichts auf und komponierten gemeinsam ein Musikstück Words to the blind, das von beiden Bands bei einem gleichzeitigen Konzert im Mai 2013 in London aufgeführt werden sollte. Words to the blind enthält ein zweites Dada-Kunststück, das Lautgedicht, ein Gedicht, dessen Worte als Text keinen Sinn ergeben.
Die Idee der beiden Bands wurde umgesetzt und in der Londoner Red Gallery aufgeführt. Ursprünglich als einmalige Performance geplant, fand bisher (mindestens) eine Wiederholung in London statt. Beim Le Guess Who? Festival in Utrecht gab es die dritte Gelegenheit, Words to the blind zu sehen.

Als wir vorher schon kurz bei Baby Dee im Saal "Ronda" des Konzertzentrums waren, wunderten wir uns über den Bühnenaufbau mit zwei Stegen, die ins Publikum ragten. Solche Stege, die Bands wie Coldplay benutzen. Beim Aufbau für Words to the blind wurde deutlich, daß die Brücken einen anderen Zweck erfüllten. Die Bühne bildete ein U, auf dessen beiden langen Seiten sich je eine der Bands aufbaute. Die beiden Schlagzeuger (Fay Milton / Savages und Monchan Monna / Bo Ningen) saßen nebeneinander an der kurzen Seite hinter ihren Instrumenten. Auf den beiden langen Seiten standen zunächst die Gitarristen (Gemma Thompson auf der Savages-, Kohhei Matsuda auf der Bo Ningen-Seite), davor bei Savages Ayse Hassan (Bass) und rechts bei den Japanern Yuki Tsujii und ganz vorne Sängerin Jehnny Beth und Sänger Taigen Kawabe. Alle Musiker guckten nicht nach vorne sondern zur anderen Seite zu ihren Gegenparts. Im Inneren des Us war ein Teil des Publikums, das 270 Grad Unterhaltung geboten bekam.

Es sollte um 19:15 Uhr anfangen. Allerdings lief da gerade erst der Soundcheck, der bei zwei Bands spektakulär aussah. Beim Abstimmen jedes Instruments hoben erst immer alle acht Musiker den Arm und senkten ihn nach und nach, wenn aus den Monitor-Boxen der richtige Sound kam. Es dauerte ewig, die richtige Abstimmung zu finden, da aber alle acht Musiker auf ihren Laufstegen standen, umringt von Zuschauern, war auch dies unterhaltsam. Als Kohhei Matsuda um ein paar Gitarrentöne gebeten wurde, legte er eine sagenhaften Metal-Einlage hin, Ayse Hassan brach beeindruckt in Lachen aus!
Irgendwann ging es dann vor vollem Haus los. Weil Bo Ningen Sänger Taigen Kawabe auch Gitarre spielt, Jehnny Beth aber nicht, hing dieses Extra-Instrument wie ein Windspiel hinter dem Steg auf der Savages-Seite des Bühne. Aber die ersten Minuten waren ausschließlich instrumentfrei. Jehnny las einen französischen Text, Taigen einen japanischen vor. Auch wenn ich theoretisch den französischen zumindest zum Teil hätte verstehen können, funktionierte das Konzept so, wie es sich Dadaisten 1916 ausgedacht haben, es klang nach Text, es war aber nichts konkret auszumachen.
Dann setzten die anderen Musiker ein, allerdings nur mit abgehackten Geräuschen, ganz ohne Melodien. Es waren nur sphärischen Klänge, die die Gedichte untermalten. Oder störten, was eher dem Konzept entspräche. Diese erste extrem sperrige Phase dauerte rund zehn Minuten, danach begannen zunächst die Schlagzeuge in eindrucksvoller Synchronität Struktur zu bringen. Obwohl der Versuch, ein dadaistisches Stück deuten zu wollen, vermutlich absurd ist, kam mir diese aufkommende Ordnung wie ein Ausweg aus der ursprünglichen Verständnislosigkeit vor. Gegen Ende klangen die Sänger fast wie Sänger.
Words to the blind besteht aus fünf Teilen. Ich tat mich ein wenig schwer damit, die Setlist mitzuschreiben (hatte meinen Kuli vergessen und musste einen Edding benutzen), bin aber sehr sicher, daß alle fünf auch in Utrecht gespielt wurden, wegen des Improvisations-Charakters aber vielleicht durchaus abgewandelt zur Uraufführung in London.
Es war etwas Besonderes, Words to the blind sehen zu dürfen. Aber mir wird es nicht nur im Gedächtnis bleiben, weil es wenige Chancen gibt, dies zu sehen, sondern weil das Stück eindrucksvoll und spätestens nach zehn Minuten sehr gut war.
Setlist Savages & Bo Ningen, Words to the blind, Utrecht:
01: The voice is humanity, the voice is demons
02: The noise is the world
03: The voice versus the world
04: Silence / harmony
05: Chaos and destruction
Links:
- aus unserem Archiv:
- Savages, Köln, 20.11.13
- Savages, Den Haag, 16.11.13
- Savages, Larmer Tree Gardens, 30.08.13
- Savages, Frankfurt, 19.05.13
- Savages, Paris, 23.02.13
um
07:12
Konzert: Savages
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 20.11.2013
Dauer: 70 min
Zuschauer: vielleicht 350

Ob Jehnny Beth in den letzten Tagen ganz besonders schlimmen Volliditoten über den Weg gelaufen ist? Die Savages-Sängerin wirkte dafür eigentlich zu gut gelaunt. Als die Londoner Band nach einer knappen Stunde Konzert im zeimlich vollen Gebäude 9 ihr letztes Stück Fuckers mit dem Refrain "don't let the fuckers get you down" begann, war noch nicht abzusehen, welch lange und wilde Version sie heute spielen würden. Fuckers beendete bisher jedes meiner Savages Konzerte. Fünf Minuten der immer und immer wieder gesungenen Songzeile waren bisher schon eindrucksvoll. Heute war Fuckers wie Religionsunterricht in der Schule - es hörte einfach nicht auf. Im Gegensatz zu damals, hätte es aber auch noch lange weitergehen dürfen. Allerdings kam gerade Schlagzeugerin Fay Milton irgendwann an ihre Leistungsgrenze. Sie prügelte immer schneller und härter auf ihre Instrumente ein und war sicher heilfroh, nach vierzehn Minuten fertig zu sein. Jehnny selbst schien von dieser Maxi-Version überrascht zu sein. Die französische Sängerin drehte sich nach einigen Minuten zu ihrer Trommlerin um und guckte ihr erstaunt zu. Weitere fünf Minuten später trat Gitarristin Gemma die beiden Bodenscheinwerfer um und leitete das Ende des Lieds ein.

Auch ohne diesen Abschluß wäre es ein fabelhaftes Konzert gewesen. Obwohl ich die Band erst Samstag gesehen hatte (und im Mai und August auch schon), gab es da keinerlei Abnutzungserscheinungen. Bei Bands, deren Musik nicht von hochkomplexen Melodien und Texten lebt, ist dies umso erstaunlicher.

Mit vielen Überraschungen im Vergleich zum Crossing Border Festival in Den Haag am Samstag hatte ich nicht gerechnet. Junge Bands auf Dauertour mit einem überschaubaren Repertoire variieren ja nicht oft ihre Programme. Savages taten dies. Neu in der Setlist waren zum einen die B-Seite Flying to Berlin, Waiting for a sign von der Debüt-Platte Silence yourself und das Suicide Cover Dream baby dream. Wegen all der lästig-bemühten Siouxsie-Vergleiche gefiel mir enorm gut, daß Savages Suicide covern. Denn die Punk-Urväter sind ein mindestens genauso naheliegender Vergleich für ihre Londoner Enkelinnen wie all die anderen (Post-)Punk-Referenzen. Die dauerwiederholten Refrains bei Husbands oder She will (übrigens die beiden besten Lieder heute bis Fuckers kam) könnte ich mir auch herrlich in einer Alan Vega-Version vorstellen.

Es war auch ein Zeichen von Qualität, daß das Cover das schlechteste Stück in Set war. Flying to Berlin fällt auch ab gegenüber dem Rest, alle anderen Lieder überzeugen mich aber ein ums andere Mal vollkommen!

Ich hatte schon bei meinem Bericht vom Den Haager Konzert geschrieben, wie fahrlässig es ist, bei Savages Auftritten nur der so auffälligen Sängerin zu folgen, weil man dadurch rechts und links von ihr so viel verpasst. Einer der großen Trümpfe der Band sind nämlich die ausgezeichneten Musikerinnen neben der französischen Frontfrau. Gitarristin Gemma, deren Gesicht man hinter ihrer wundervollen Frisur kaum sieht und Bassistin Ayse sind brillant, keine Diskussion. Bei Ayse hatte ich immer wieder das Gefühl, sie hebe gleich ab beim Bass-Spiel! Hinterher unterhielten wir uns (ganz aus dem Zusammenhang gerissen!) über Haim. Savages und Haim werden sicher in vielen Jahresrückblicken auftauchen. Wenn ich alleine die beiden Bassistinnen vergleiche, bestätigt das meinen Eindruck, daß die eine Band großartig, die andere großer Mist ist.
Für Schlagzeugerin Fay hatte ich bisher keine Augen. Spätestens beim 14-Minuten-Fuckers bewies aber auch sie ihre außerordentliche Qualität!
Savages waren bisher immer hervorragend. Der heutige Auftritt wird mir aber als besonders gut in Erinnerung bleiben. Eine der Bands des Jahres! Und wenn mir das jemand ausreden will, singe ich leise vor mich hin "don't let the fuckers get you down, don't let the fuckers get you down, don't let the fuckers get you down, don't let the fuckers get you down, don't let the fuckers get you down, don't let the fuckers get you down, don't let the fuckers get you down, don't let the fuckers get you down!"
Setlist Savages, Gebäude 9, Köln:
01: The strife
02: Shut up
03: City's full
04: Flying to Berlin
05: She will
06: Waiting for a sign
07: I need something new (neu)
08: No face
09: I am here
10: Hit me
11: Husbands
12: Dream baby dream (Suicide Cover)
13: Fuckers
Links:
- aus unserem Archiv:
- Savages, Den Haag, 16.11.13
- Savages, End Of The Road Festival, 30.08.13
- Savages, Frankfurt, 19.05.13
- Savages, Paris, 23.02.13
Livedaten Savages:
- 21.11.13 Zoom, Frankfurt
- 22.11.13 Kesselhaus, Berlin
- der Rest der Tour wurde abgesagt
um
16:53
Konzert: Savages
Ort: Crossing Border Festival, Den Haag
Datum: 16.11.2013
Dauer: 55 min
Zuschauer: 350 ca.
Savages sind still und heimlich zu einer meiner Live-Lieblingsbands des Jahres geworden. Als ich die Londoner Musikerinnen im Mai in Frankfurt zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich vorher keine großen Erwartungen. Das Debüt-Album war mir eine Spur zu rockig, live würde das nicht weltbewegend umgesetzt werden. Damit lag ich vollkommen daneben. Das Konzert war musikalisch hervorragend und dank des eindrucksvollen Auftritts der Frontfrau Jehnny Beth eines, das lange in Erinnerung bleibt. Ende August hatten Savages beim End Of The Road Festival meinen Eindruck bestätigt und mich erneut begeistert.
Als die große Bestätigungsrunde des Crossing Border Festivals in Den Haag veröffentlicht wurde, waren Savages der endgültige Grund, hinzufahren. Warpaint und Savages nacheinander, dafür verbringe ich ein Wochenende gerne auswärts.
Das Crossing Border Festival ist eines von zahlreichen Kultur-Festivals in den Niederlanden, die zeitgleich in verschiedenen Städten stattfinden und einen Musik- oder wie dieses einen Musik- und Literatur-Schwerpunkt haben. Das diesjährige Crossing Border fand in Enschede, Antwerpen und Den Haag statt. Wegen des besten Line-Ups hatten wir uns für den niederländischen Riegierungssitz entschieden. Die musikalischen Programmpunkte fanden in zwei benachbarten Gebäuden statt, in der Koninklijke Shouwburg (im königlichen Theater) und dem Nationale Toneel (Theater) Gebäude. Da meine drei Bands alle im gleichen Saal im Toneel Gebouw stattfanden, wirkte mein Samstag noch weniger wie ein Festival, als diese Veranstaltungen ohnehin vermitteln (was gut ist).

Savages spielten nach The Leisure Society (Bericht folgt) und vor Warpaint um 21 Uhr. Der Hauptraum des Theater-Gebäudes ist ein reiner Konzertsaal mit guter Akustik und hoher Bühne. Als geübter Savages-Gucker bedauerte ich ein wenig, daß die Boxen von der Decke hingen und es keine hohen Lautsprechertürme rechts und links der Bühne gab und Kletterpartien der Sängerin ausbleiben würden. Aber das ist ein Luxusproblem, wenn ein Konzert schon ansonsten sehr viel bietet!

Savages sind ein Quartett um die sehr auffällige französische Sängerin Jehnny. Auffällig ist schon Jehnnys Erscheinungsbild. Die Musikerin wirkt bis auf ihre sehr femininen Schuhe androgyn. Dies ist sicher genau wie ihr Tanzstil Teil eines Konzepts und soll vermutlich bewußt Assoziationen zu Joy Division hervorrufen, ich mag ihr das aber nicht verübeln, weil die Musik eben doch so viel Eigenes hat und Savages-Shows so knackig kurzweilig sind, daß mir etwas entginge, wenn ich die Band aus grundsätzlichen Erwägungen boykottierte. Also ist es mir vollkommen egal, ob Siouxsie & the Banshees (große alte Lieblinge) vielleicht damals ähnliche Shows hingelegt haben, heute gibt es Savages, und deren Konzerte sind brillant.

Natürlich liegt diese Brillanz auf den ersten Blick an der charismatischen (und sicher ein wenig durchgeknallten) Frontfrau. Die Band allerdings auf die Frau mit den kurzen Haaren zu reduzieren, wäre dämlich, ihre drei Begleiterinnen Fay Milton (Schlagzeug), Ayse Hassan (Bass) und Gemma Thompson (Gitarre) sind - soweit ich das beurteilen kann - musikalisch ganz hervorragend und lohnen jeden Blick weg von der Mitte. Aber Jehnnys schrille, oft vibrierende Stimme zieht natürlich die Aufmerksamkeit an, keine Frage. Und wäre es nicht die, wäre es das Hin- und Herlaufen, die rudernden Arme, die strengen Blicke der Sängerin. Als bei einen sehr ruhigen Liedanfang (bei I need something new, einem mir unbekannten Stück) die vielen Spiegelreflexkameras lauter als die Musik waren und Jehnny darauf hinwies, hätte ich als Fotograf keinen Mut mehr gehabt, noch einmal zu klicken. Die Französin wirkt einschüchternd.

Außer dem neuen Stück spielten Savages nur bekannte Titel. Bis auf das Manifest Fuckers am Ende stammten alle vom Debüt Silence yourself, mit dem es die Band auf die Shortlist des Mercury Preises geschafft hatte. Lieder wie She will ("for the ladies"), Shut up, City's full oder Husbands sind enorme Kracher. Aber auch der Rest steht denen nicht viel nach. Der Abschluß mit Fuckers ("don't let the fuckers get you down", immer und immer wieder) ist ein lauter, irrer Schlußpunkt, ein perfektes Stück, um solche in Konzert zu beenden.
Daß Jehnny diesmal keine Boxentürme zum Hochklettern hatte, verzeiht der Nörgler in mir der Französin. Ihr Stunt beim End Of The Road Festival, von einer dieser Boxen runterzuhüpfen und auf ihren hohen Absätzen zu landen, fehlte mir zwar, vielleicht erlebe ich den aber in Köln oder Frankfurt (Termine: s. unten) wieder. Savages sind still und heimlich... aber das habe ich ja schon gesagt!
Setlist Savages, Crossing Border Festival, Den Haag:
01: I am here
02: Shut up
03: I need something new
04: Strife
05: Waiting for a sign
06: City's full
07: She will
08: No face
09: Hit me
10: Husbands
11: Fuckers
Links:
- aus unserem Archiv:
- Savages, End Of The Road Festival, 30.08.13
- Savages, Frankfurt, 19.05.13
- Savages, Paris, 23.02.13
Livedaten Savages:
- 20.11.13 Gebäude 9, Köln
- 21.11.13 Zoom, Frankfurt
- 22.11.13 Kesselhaus, Berlin
- der Rest der Tour wurde abgesagt
um
11:55
Konzert: Savages
Ort: Larmer Tree Gardens (End Of The Road Festival)
Datum:30.08.2013
Dauer:60 min
Im Mai war ich ohne große Erwartungen zu Savages im Zoom in Frankfurt gefahren. Ich hatte eine der weiteren Bands erwartet, die sich mehr oder weniger erfolgreich an Vorbildern wie Siouxsie & The Banshees oder Joy Division abarbeiten, die mich aber damit keineswegs beeindrucken könnten. Habe ich ja alles (leider bis auf die Vorlagen) schon mal gesehen.
Der knapp einstündige Auftritt der vier Frauen erinnerte natürlich an allerlei alte Bands, er überzeugte mich aber restlos. Sängerin Jehnny Beth schaffte es locker, den Club in eine Art Post-Punk-Trance zu versetzen. Ihr düsterer Gesang, dazu die knallenden Begleitinstrumente und Jehnnys Tigern über die Bühne waren phänomenal! Ich mag bei weitem nicht jedes Lied auf der Debütplatte der in London ansässigen Band, live überzeugten Savages aber bis in die Spitzen unserer gemeinsamen Kurzhaarfrisuren.
Wenn ich zurückdenke, welche Bands, die ich 2013 erstmals gesehen habe, mich nachhaltig beeindruckt haben, fallen mir Motorama, Amatorski und eben Savages ein.
Obwohl die Anreise am Freitag beschwerlich war, David Byrne & St. Vincent gerade ein Konzert gespielt hatten, das nicht mehr zu übertreffen sein würde, überzeugten mich Savages schon wieder. Die vierköpfige Band spielte auf der zweitgrößten Bühne, die in einem großen blauen Zirkuszelt untergebracht ist. Da es mindestens sechs Eingangstunnel ins Zelt gab, musste man nie warten, um rein zu kommen, das - wie alles andere - war perfekt organisiert.

Savages begannen gegen 23.15 Uhr mit I am here von ihrem bislang einzigen Album Silence yourself. Und es funktionierte schon wieder. Das wundervolle Licht unterstützte die kühle Grundstimmung. Musik, Ausleuchtung, Band, Posen - es war wie ein Konzert in schwarz-weiß Anfang der 80er Jahre in einem Club in Berlin. Musikalisch machen Jehnnys Mitstreiterinnen einen hervorragenden Eindruck. Neben der Sängerin komplettieren Gemma Thompson (Gitarre), Ayse Hassan (Bass) und Fay Milton (Schlagzeug) Savages. Sie stehen nicht starr und hüftsteif im Hintergrund rum, sie fallen aber trotz ihres guten Spiels neben der wilden Sängerin nicht auf. Jehnny lief über die Bühne, setzte sich auf Monitor-Boxen, kletterte auf die großen Boxen-Türme und trieb die Musik mit ihrem Gesang wild an.

Das Konzert war etwas länger als die Headline-Show in Frankfurt, bestand aber aus den gleichen Songs in leicht abgewandelter Reihenfolge. Und es endete auch gleich. Jehnny lief an den Rand, zitierte den Text (das Manifest), der auf dem Albumcover abgedruckt ist und in das hypnotisch-klagende Fuckers mündet. "Don't let the fuckers get you down", immer und immer wieder.
Es war gut, es war wild, es war düster und es war vor allem enorm kurzweilig. Und es war auch wieder sehr irre. Jehnny sah androgyn wie beim Frankfurter Konzert aus. Sie hatte aber auch wieder extrem hohe Absätze an. Die hinderten die Sägerin nicht daran, von den hohen Boxentürmen aus mindestens 1,50 m Höhe runterzuspringen!
Setlist Savages, End Of The Road Festival:
01: I am here
02: Shup up
03: Give me a gun
04: City's full
05: Strife
06: Waiting for a sign
07: Flying to Berlin
08: She will
09: No face
10: Hit me
11: Husbands
12: Fuckers
Links:
- aus unserem Archiv:
- Savages, Frankfurt, 19.05.13
- Savages, Paris, 23.02.13
um
21:39
Festival: Best Kept Secret Festival
Datum: 22. und 23.06.2013 (Tag 2 & 3)
Zuschauer: 15.000 (ausverkauft)
von Dirk aus Mönchengladbach
Samstag
Auch der 2.Tag des Festivals konnte die ohnehin schon hohen Erwartungen erfüllen. Da mir leider keine "echte" Tastatur zur Verfügung steht, heute eine etwas kürzere Zusammenfassung. Beginnen wir den Bericht von hinten nach vorne, da die Eindrücke der Nacht noch frisch und besonders überzeugend waren.
Obwohl ich mich bewusst gegen die grossen Acts wie ALT J und Damien Rice entschieden hatte, endete der Abend mit einer Bombe. Savages, die ich vor kurzem schon in Köln im Club erleben durfte, gingen im kleinen Zelt einfach nur durch die Decke. Pünktlich und passend gingen die Damen um 0:00 auf die Bühne und lieferten einen derart intensiven, druckvollen und harten Postpunkgig ab, dass vielen beim Tanzen die Bierbecher um die Ohren flogen. Meiner Meinung nach eine der besten Livebands zur Zeit und definitiv in 2 Jahren auf jeder Hauptbühne des Planeten...zu Recht.
Fast genauso toll auch Melody's Echo Chamber deren verträumter Pop live ganz gross klingt und deren Band das ganze ebenfalls in einem Feedbackfinale ausklingen lässt. Auch hier ganz klar Potential für die Hauptbühne, gerade auch wegen der sympatischen und charismatischen Frontfrau.
Seine Band The History of Apple Pie zu nennen, mag man als gewagt bezeichnen können, aber eigentlich ist es egal. Berühmt wird dieses Multikulti-Shoegazerorchester wohl leider sowieso nicht, ich mag die grossartige Platte und den gestrigen Auftritt trotzdem sehr.
Doch kommen wir nun auch zu den Flops des Tages: Die Allah-Las durften auf der grossen Hauptbühne auftreten, konnten in mir aber keinen Zauber entfachen. Zu belanglos finde ich diese Retromasche bei der ich weder tanzen noch zuhören möchte. Dann lieber ein paar echte Retroscheiben auflegen oder Nick Waterhouse zuhören.
Zuhören war auch bei den Swans schwierig, erstens weil Sänger Michael Gira so über die Bühne stolpert, dass man ihm sofort Hilfe anbieten möchte, andererseits diese dröhnenden oft halbstündigen Titel auf einem Festival einfach überfordern. Nichts gegen komplexe Arrangements, aber Mogwai haben dazu wenigstens Melodien und Spass auf der Bühne.
Im stabilen, guten Mittelfeld wie immer Two Door Cinema Club und Efterklang, die beide vor riesigem Publikum auf der Hauptbühne antraten... da kann man nichts falsch machen, aber es gibt halt auch keine Überraschungen.
Als einer der ersten durfte gestern dann noch Indians eröffnen, und erspielte sich alleine mit Keyboard einen Achtungserfolg.
Sonntag
Das Pendeln mit dem Fahrrad (man ist ja schließlich in Holland) zwischen Hotel und Festival mit „Verpflegungsauto“ vor dem Gelände sollte sich auch am dritten Tag auszahlen, da das Wetter leider nicht besser wurde. Waren die Temperaturen für ein Festival eigentlich gut (nicht zu warm, aber auch nicht zu kalt), kam am Sonntag leider doch noch vereinzelt der große Regen dazu..
Da mein Hauptaugenmerk aber sowieso den Zeltbühnen TWO und THREE lag, keine wirkliche Einschränkung. Und so erlebte ich zur Mittagszeit auf der THREE eines der skurrilsten Konzerte seit Jahren. Autre Ne Veut, hinter dem sich, wie ich jetzt ergoogelte, eigentlich das Pseudonym von Arthur Ashin aus Brooklyn verbirgt und keine echte Band, waren mir durch ihre tolle Platte Anxiety aufgefallen. Und das, obwohl ich sonst weder etwas mit Autotune, Nu-Soul oder ähnlichem anfangen kann. Daher wollte ich der Live-Umsetzung eine Chance geben. Und dann stehen auf der Bühne ein mit bösem Blick die Zuschauer musternder Sänger mit umgedrehter Baseballkappe, eine blondierte Lady die aus einem David Lynch Filmset zu stammen scheint und ein Drummer in vollem White-Trash Gedächtnisanzug (Käppi, Shirt, abgeschnittene Jeans, Vollbart). Das Publikum staunt, aber dann knallen einem auch schon die Töne des besten Songs (Play by Play) entgegen. Mutig als Start denkt man noch doch dann merkt man erst wie gut das alles ist... ich will gar nicht auf alle Einzelheiten eingehen (der Pathos, das teilweise Gelächter im Publikum, das Winden auf dem Bühnenboden), es war super... aber wirklich empfehlen kann ich es auch keinem, sehr eigenartig... aber dafür geht man ja auf Festivals...
Kommen wir nun wieder zu normalen Menschen, und nachdem die Local Natives auf der Hauptbühne etwas unter dem Starkregen zu leiden hatten, war es Zeit für die Palma Violets. Normal ist hier auch relativ, aber zumindest auf der Insel würden diese Jungs nicht weiter auffallen. Schlecht gekleidet und reichlich betrunken gab es hier genau das, was man erwartete. Die jährliche British Sensation mit Songs wie Chicken Dipper und Rattlesnake Highway. Hier waren keine Molltöne am Start und Zeit einfach mal das Bier auf die Bühne zu werfen, um willenlos zu tanzen.
Zur Musik: Exakt wie die Libertines, bitte nur Heroin durch Bier ersetzen.
Danach war ein persönlicher Kleidungswechsel erforderlich, daher verpasste ich leider den DJ, den ich eigentlich unbedingt sehen wollte: Cashmere Cat. Aber es wurde Zeit für den großen Headliner Sigur Ros. Da will man ja nicht aussehen wie ein durchschnittlicher Festivalbesucher, wenn Jonsi sein bestes Jacket aus dem Schrank holt.
Sigur Ros begleiten mich seit vielen Jahren, seit dem ersten Konzert auf Bierbänken im Gebäude 9 bin ich Ihnen verfallen. Allerdings immer eher wegen der Konzerte, die mich noch nie enttäuscht haben. Es ist einfach ein Wunder, dass diese Band mittlerweile vor einem Festivalpublikum bestehen kann, ohne auch nur einen Schritt von der Vision ihrer Musik abzuweichen. Vieles wurde schon geschrieben, meistens hat es mit Engeln, Elfen und anderem Quatsch zu tun, meiner Meinung nach ist aber die pure Musikalität und die völlige Hingabe zur eigenen Kunst/Musik die alle in Ihren Bann zieht. Leider können hier Beschreibungen gar nichts von dem ausdrücken, was man bei Sigur Ros Konzerten erlebt. Meistens schießen einem bereits im ersten Song Tränen in die Augen, in der Mitte des Sets liegt ein Rocker einem Gothicmädel weinend im Arm und zum Schluss sitzt man noch mindestens 30min vor der Bühne ohne zu wissen warum...
Sigur Ros spielen heute ein paar neue Stücke, die wieder vor Melodien strotzen und haben natürlich Streicher, Bläser, einen Chor, tolle Visuals und zwei Schlagzeuger dabei. Jonsi bügelt die Gitarre und obwohl wieder keinerlei verbale Interaktion mit den Zuschauern erfolgt, fühlt man sich persönlich eingeladen, dieser Musik beiwohnen zu dürfen. Ein Traum von einer Band.
Sigur Ros Setlist, Best Kept Secret Festival:
01: Yfirborð
02: Brennisteinn
03: Glósóli
04: Sæglópur
05: Ísjaki
06: Hrafntinna
07: Varúð
08: Hoppípolla
09: Með Blóðnasir
10: Kveikur
11: Festival
12: Popplagið
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Keiner schafft es in Deutschland, so ein schönes Festival für 15.000 Menschen auszurichten. Und das bei der ersten Ausgabe, wo Probleme auch gerne verziehen werden. Ich habe keinmal an einem Getränkestand oder einer Toilette gewartet, es gab KEINE Dixieklos, keine Werbestände von Sponsoren, nicht mal Werbebanner. Ein 0,3 Bier kostete 3 EUR und man konnte an mindestens 50 PRIVATEN Essensständen kulinarisch einmal um die Welt reisen... ich bin nächstes Jahr wieder da.
um
14:47
Konzert: Savages
Ort: Zoom, Frankfurt
Datum: 19.05.2013
Zuschauer: 300 vielleicht (nicht ausverkauft aber recht voll)
Dauer: 56 min
"This album is to be played loud in the foreground", steht im Klappentext des Debüts der Londoner Postpunk-Band Savages. Wenn man das macht - und höfliche Menschen halten sich ja an die Vorgaben eines Künstlers - bekommt man zum Dank Gitarren um die Ohren gehauen, die hart wie Marmor sind. Shut up, das erste Stück der Platte, kracht ganz gehörig. Mein erster Griff, als ich ins Zoom kam, galt also meinen Ohrstöpseln. Auch wenn es vielleicht nicht weltbewegend gut sein würde, laut würde das Konzert werden.
Ich war um kurz vor halb zehn im Zoom; nach wenig euphorischen Kommentaren zur Vorgruppe in Köln, war mir eine späte Anreise lieber. Auf der Bühne des Clubs lief die Nebelmaschine auf Hochtouren, gruselig beleuchtet von einen Strahler. Dazu lief leise wabernde Hintergrundmusik, sehr monoton und sehr passend. Ob die Vorgruppe noch kommen sollte? Gehörte der Mann mit dem weißen Hemd und der schmalen Krawatte* zum Support? Oder war der schon durch und die Nebel-Sound-Installation war Teil des Savages-Umbaus? Ich wusste es nicht.
Erst als um zehn vor zehn vier schwarzgekleidete Frauen auf die Bühne kamen, klärte sich das Bild, allerdings nur im übertragenen Sinne, der Nebel blieb.
Wie die Platte begann das Konzert mit Shut up, wobei die Gitarrenklänge etwas weniger bedrohlich klangen. Die Gitarre und alle anderen Instrumente wurden zwar hervorragend gespielt, sie standen aber so sehr im Schatten der Sängerin Jehnny Beth, daß sie in der Folge wenig Aufmerksamkeit bekamen. Jehnny wirkt mit ihrer Kurzhaarfrisur und ihrem Kleidungsstil androgyn wie die Ritchie-Schwestern von The Organ. Im krassen Kontrast zum Outfit bis zu den Knöchelt standen dann aber ihre Schuhe. Jehnny trug High Heels, die so gar nicht bühnentauglich wirkten. Denn die Art, wie die gebürtige Französin singt, setzte sich in ihrem ganzen Bühnengebahren fort. Sie tigerte hin und her, ruderte mit den Armen, riss den Mund auf und sang mit jeder Menge Wut in der Stimme.

Natürlich erinnerte vieles am Auftritt erschreckend stark an Joy Division, mich juckte das aber nicht. Warum sollte ich mir ein solch energiereiches, wildes Konzert, das dazu musikalisch hervorragend war, bei dem die Sängerin ihre düstere, mit starkem Vibrato ausgestattete Stimme brillant einsetzte und (für mein Ohr) jeden Ton traf, von inneren Nörgeleien, daß es das doch alles schon mal gegeben habe, verderben lassen? Savages sind ausreichend originell, um keiner ihrer Referenzen (die vermutlich auch teilweise ihre Vorbilder sind) zu nahe zu sein. Außerdem bin ich oft überzeugt davon, daß (echte) Musikjournalisten mit ihrer Referenzposerei Musiker gnadenlos überschätzen. Künstler sind in der Regel nämlich viel weniger nerdhaft als ihre Kritiker. Fragt man eine Band nach anderen Bands, von denen man überzeugt ist, daß sie die kennen muß, erlebt man oft Überraschungen. "Arcade Fire? Habe ich von gehört. Wie sind die so?" Würde mich nicht wundern, wenn Savages sich nie mit Siouxsie & The Banshees beschäftigt hätten, auch wenn Jehnny Stimme (weil sie dunkel und weiblich ist...) der von Siouxsie Sioux natürlich gleicht.

Diese sagenhaft tolle Frontfrau macht den Unterschied zwischen Savages und vielen der anderen immer mal wieder gehypten britischen Bands aus. Gute oder sehr gute Platten können viele aufnehmen, für solche Shows braucht es mehr als eine Handvoll brauchbarer Songs. Den uns so wichtigen Livetest haben Savages mit Bravour bestanden!
Der Großteil des Sets bestand aus Songs des Albums. Nur Marshal Dear und das Instrumentalstück Dead Nature (denke ich) wurden dabei ausgelassen. Außerdem spielten Savages die frühe Single Flying to Berlin und Give me a gun (von der EP I am here). Den Abschluß bildete der Mottosong ihrer Platte: Fuckers. "Don't let the fuckers get you down!" steht auch auf der Hülle des Albums. Ja, da scheint jede Menge Wut bei Savages, vor allem wohl bei Jehnny zu sein. Aber wenn sie sich Ventile wie solche Auftritte sucht, mag ich Wut!
Die brütende Hitze im Zoom, der Starkregen auf dem Weg in den Club, die vielen nach nassem Hund riechenden Jacken um mich rum, das kurze Konzert und das konsequente Ignorieren des sehr langen Applauses nach dem letzten Stück - alles ein gerne inkauf genommener Preis für einen tollen Abend.
Saublöd ist jetzt nur, daß ich mit dem Konzert im Zoom ein Problem beim Primavera Festival am Donnerstag lösen wollte. Da müsste ich sie ja nicht mehr sehen und könnte in Ruhe Neko Case angucken. Jetzt sieht es schon wieder anders aus. Vielleicht sollte ich mal eine Runde brüllen gehen.
Setlist Savages, Zoom, Frankfurt:
01: Shut up
02: City's full
03: I am here
04: Give me a gun
05: Strife
06: Waiting for a sign
07: Flying to Berlin
08: No face
09: She will
10: Hit me
11: Husbands
12: Fuckers
* nein, das war der Tourmanager