Dienstag, 12. Februar 2008

Stars, Köln, 11.02.08


Konzert: Stars
Ort: Gloria Köln
Datum: 11.02.2008
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft


Nach einem Skiunfall soll man ja möglichst schnell wieder skifahren, um nicht für alle Zeiten Panik davor zu bekommen. Als psychologisch vollkommen unwissend (es reichte höchstens für eine dieser Lebensberatungsshows auf einem Privatsender), vermute ich die banale Ursache in der rasant steigenden und immer abstrakter werdenden Furcht. Irgendwann wird die dann nichts mehr mit dem ursprünglichen Unfall zu tun haben, aber verhindern, daß man je wieder eine Piste runterfährt.

Davor hatte ich Angst, und diese Angst war die Motivation ein Ticket für die Stars zu kaufen. Denn trotz Gloria und trotz eines guten Termins hatte ich mir nach dem letzten Auftritt der Kanadier im September im Gebäude 9 eigentlich geschworen, daß sich unsere Wege trennen. Aber Skifahren macht halt schon verdammt viel Spaß - und wäre dieses eine schreckliche Lied nicht auf "In our bedrooms after the war", wäre die letzte Platte der Stars ein Meisterwerk voller traumhafter Indie-Pop-Hymnen. Und die Vorgänger sind das natürlich auch, eine gekündigte Freundschaft hätte also auch gleich noch den Verzicht auf einige fabelhafte CDs bedeutet - albern!

Nun gut, Blick nach vorne. Neben der Konzertsaal-Perle Gloria sollte ein weiterer Aspekt einen lohnenswerten Abend gewährleisten: Als Vorgruppe waren Apostle of Hustle angekündigt worden, die Band um Andrew Whiteman, der auch Mitglied der Broken Social Scene ist. Oliver berichtete dann aber vor ein paar Tagen, daß offenbar Whiteman erkrankt sei und Apostle of Hustle daher nicht supporten könnten. Da Kanada aber wie Schweden eine nicht versiegende Quelle herausragender Indiebands sind, war mit der in Montreal lebenden Singer/Songwriterin Jade McNelis schnell Ersatz gefunden (Schweden und Kanada haben überhaupt verdammt viele Ähnlichkeiten, das scheinen nach der Geburt getrennte Länder zu sein: beide spielen gut Eishockey aber besser Curling, in beiden gehören Hot Dogs zu den
Grundnahrungsmitteln, beide haben ein Nachbarland, das eine ähnliche Sprache spricht, beide schreiben gerne Lieder darüber, wie kalt es bei ihnen ist...).

Das, was ich vorher von Jade McNelis bei myspace hören konnte, war wundervoll, meine Vorfreude war also entsprechend groß. Im Gloria war aber alles schon für die Stars aufgebaut: Auf der Bühne standen schon die Instrumente der Band aus Montreal - und jede Menge Blumen. Alles war mit Rosen dekoriert, die ich erst für Plastikblümchen hielt, die aber offenbar echt waren. Torquil Cambells Trompete, die er im Gebäude 9 mehrfach vergeblich gesucht hatte, als er wieder einmal nicht genau zu wissen schien, was da gerade passieren sollte, stand ordentlich neben seinen Keyboards.

Um kurz nach acht trat dann aber doch wie angekündigt die junge in Montreal lebende Amerikanerin Jade McNelis auf. Jade ist Taiwan geboren, wuchs in den USA auf und lernte
bereits als Kleinkind Klavier und Geige. Von den Stars wurde sie dann bei einem Supportauftritt entdeckt und kam so nach Montreal und ins Umfeld der Band. Die Lieder ihrer Debüt-EP, die man bei myspace hören kann, sind zwar im Prinzip ruhige Stücke, sie werden aber doch durch deutliche Gitarreneinsätze anders, als typische Songwriter-Lieder. So wunderte es mich auch nicht, als beim zweiten Stück ein Gitarrist zu Jade kam und sie begleitete. Diese Begleitung wurde immer intensiver, das war faszinierend zu beobachten. Der Musiker, der sich als Mitglied von Apostle of Hustle herausstellte, sang dann mit, spielte als vierten Song bereits ein eigenes Stück, zu dem ihn dann Jade auf dem Piano begleitete. Danach ging Jade von der Bühne (sie hatte vorher berichtet, wie fasziniert sie von unseren "immense shopping malls" sei, vielleicht hatte sie der Einkaufsbummel in Köln ermüdet) und ließ Julian Brown (ich vermute, daß er das war) alleine zurück. Julian spielte noch zwei weitere Lieder unter großem Jubel von Starsmitgliedern, die neben der Bühne zusahen. Dieses schillernde Vorprogramm war zwar kurz (25 Minuten), musikalisch aber fabelhaft.

Leider war es wieder unglaublich laut, weil viele den Ehrgeiz hatten, lauter zu sprechen als die Leute vorne singen. Und natürlich stand ich wieder neben den lautesten Menschen, das ziehe ich an. Dabei ist es doch ganz einfach: Sobald ein Konzert so leise ist, daß man sich unterhalten kann, sollte man es lassen. Bei allen anderen darf man sich gerne erzählen, wie der Tag so war.

Nach zwei, drei Paranoia-Attacken (Jade kam aus dem Backstagebereich, ging zu
einem Ordner und mit dem wieder in die Garderobe, dann passierte nichts, ein paar Minuten später kam Julian zurück und stimmte seine Gitarre, das sah verdächtig nach einer Starsabsage aus, obwohl ich alle Bandmitglieder vorher schon gesehen hatte) und ein paar Umbauten eines jungen Roadies fingen um Punkt zehn die ersten Takte von "The night starts here" an.

Torquil Campbell schien aber nicht so recht zu wissen, wo die Bühne ist, er erschien am Durchgang vom Backstagebereich zum Saal, guckte wunderlich und fand schließlich den richtigen Weg. Aber davon abgesehen schien er in guter Verfassung zu sein, denn schon der Eröffnungssong war so, wie die Stars live klingen sollen, nämlich wundervoll. Die Stimmen von Torquil und Sängerin Amy Millan ergänzten
sich vorzüglich, es war synchron - sprich, es war vollkommen anders als vor fünf Monaten. Leider war der Sänger in meinen Ohren bzw. an meinem Standort viel zu leise. Amy verstand man deutlich besser, Torquils Gesang ging oft unter. Vielleicht habe ich für einen Platz vorne den guten Klang hergegeben, hinten schien es aber auch nicht brillant gewesen zu sein. Das war wirklich schade an diesem Abend, denn auch wenn die Relationen der Stimmen und Instrumente zueinander nicht stimmten, war doch deutlich, daß es ganz vorzüglich gewesen wäre, wenn die Abstimmung gepaßt hätte.

Die Setlist (das Motto war "kolnic irrigation"!) war gut - aber nicht so gut wie im
Gebäude 9 im September. Gespielt wurden Lieder von allen vier Alben, wobei der Schwerpunkt natürlich auf der aktuellen CD lag. Selbst "Genova Heights" (kein Stars-Review ohne eine Unmutsäußerung über dieses fiese Stück Musik) war den Umständen entsprechend erträglich, die Justin-Timberlake-Passagen waren einfach schön leise.

Neben den Live-Lieblingen
"Take me to the riot", "Your ex-lover is dead" oder "Ageless beauty" war "Bitches in Tokyo" herausragend. Das Lied ist auf der Bühne ein ganz großes Highlight. Aber der Rest (naja fast...) war eben auch vorzüglich, weil die Stars eben ihren komplizierten Pop-Sound perfekt beherrschen. Die Melodica- und Trompeten-Einsätze saßen fast immer genau an den Stellen, an denen sie kommen sollten, die Duett-Passagen waren harmonisch, beide sangen sich an - die Band spielte eben so, wie ich es bisher meist erlebt habe. Und all das, obwohl nicht zu übersehen ist, daß nicht nur der Schlagzeuger ... nun ... sehr extrovertiert sind. So flogen zwei Wochen nach Karneval z.B. dauernd Blumen mit Schmackes ins Publikum...

Das Ding im September schien unter keinem guten Stern (oder was auch immer) gestanden zu haben, daher war es so enttäuschend. Während der Zugaben stellte der Frontmann die Band vor. Er selbst nannte sich David Hasselhoff, worauf Amy
erwiderte, dafür sei er nicht betrunken genug. Das war diesmal.

Als der Saal nach den drei geplanten Zugaben noch nicht zufrieden war, kamen Torquil und Keyboarder Chris zurück und spielten "Barricade" als kleines musikalisches Sahnehäubchen.

Ich bin versöhnt, keine Frage. Der Sound war nichts aber mein Gott, lieber eine gute Performance mit Tonproblemen als ein Totalreinfall in gutem Klang. Ob wir jetzt nur gute Freunde bleiben oder die Liebe wieder auflebt, weiß ich zwar noch nicht, ich habe aber ein gutes Gefühl.

Setlist Stars Gloria in Köln:

01: The night starts here
02: Elevator love letter
03: Soft revolution
04: Window bird
05: One more night
06: The ghost of Genova Heights
07: Bitches in Tokyo
08: Personal
09: The big fight
10: Going, going, gone
11: Midnight coward
12: Take me to the riot
13: Your ex-lover is dead
14: Ageless beauty
15: In our bedroom after the war

16: My favourite book (Z)
17: What I'm trying to say (Z)
18: The woods (Z)

19: Barricade (Z)

Links:

- Stars live in Berlin (PopKomm)
- gruselig im Gebäude 9
- Fotos aus dem Gloria


9 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

...wahrscheinlich hätten wir es auch noch locker zu den Stars geschafft. Der wichtige Teil im Stollwerck war ja bereits um viertel vor neun vorbei. Aber sowas weiß man ja vorher nicht :(

Christoph hat gesagt…

Hätte Ihr wohl. Die Stars haben um zehn angefangen und bis halb zwölf gespielt.

oliver r. hat gesagt…

Das Plappern der Zuschauer während der Lieder ist so eine Sache. Deine Formel - bei ruhigen Konzerten sollte man das ganz lassen, ansonsten ist es o.k. - klingt sehr plausibel, stimmt aber auch nicht immer. Am meisten genervt haben mich in letzter Zeit die Plaudertaschen bei...den Smashing Pumpkins! Außerdem gibt es noch eine witzige Anekdote vom Von Bondies-Konzert. Da war ein Typ so genervt von einem Pärchen, das sich hinter ihm permanent unterhielt, daß er sie wutentbrannt anbrüllte, sie sollten doch endlich ihre Schnauze halten. Unglaublich! Bei den Von Bondies war es so laut, daß man sein eigenes Wort nicht verstand! Also, auch aufmerksame Rockfans wollen den Lärm, den die Band auf der Bühne macht, ohne Zwischengeräusche genießen...

Christoph hat gesagt…

Nein, nein, ich meinte ja, daß Reden nur dann sein sollte, wenn es so laut ist, daß man das Reden nicht hört :-)

oliver r. hat gesagt…

Tröste Dich, Christoph, Du bist nicht der Einzige, der neben störenden Leuten steht/sitzt.

Bei Flügen habe ich auch immer den Platz neben den Leuten, die am meisten Platz einnehmen, schwitzen, oder fettige Haare haben. Und im Zug bin ich regelmäßig da, wo Kinder schreien, oder durch die Flure laufen (letztgenannter Fall ist allerdings ein deutsches Phänomen, weil die Eltern in Frankreich nicht zulassen, daß Kinder rumflitzen und andere Fahrgäste stören).

Lily hat gesagt…

Am Sonntag in Frankfurt ging der Gesang leider auch vielmals unter. Da saß wohl derselbe unqualifizierte Mensch an den Knöpfen und Reglern. Schade :-(

m hat gesagt…

Hej! Toller Bericht von gestern! Der junge Mann an der Gitarre der "Vorband" ist in der Tat Julian Brown und definitiv ein festes Mitglied von AoH. Ich muss sagen, dass weiter hinten der Sound eigentlich ziemlich gut war, wobei es logischerweise direkt vor den Mischern immer am besten ist. Das gelegentliche Untergehen von Torquils wird wohl kaum zu vermeiden sein bei seinem rumgetorquel am Mikro.
Mir hat nur "sleep tonight" noch gefehlt, das wäre echt perfekt gewesen.

m hat gesagt…

*Torquils Stimme ;-)

Frank hat gesagt…

Sehr schön erzählt, Christoph. Kompliment. Ich fand es ein extrem gelungenes Stars-Konzert. Und vorne links war der Sound nicht so schlecht das es mir aufgefallen ist. Ach ja: Die Blume, die vor meinem Fuss landete, war aus Plastik. Mein ich das nur oder werden eure Reportagen immer länger?! Puhh...macht weiter so!

 

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