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Sonntag, 6. November 2016

Iceland Airwaves Tag 3, Reykjavík, 04.11.16

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Iceland Airwaves Tag 3 für mich mit den Konzerten
  The anatomy of Frank (35 min)
  Árstíðir (40 min)
  Mugison (40 min)
  Ólöf Arnalds (30 min)
Ort: Bókabúð Máls og menningar & Fríkirkjan in Reykjavík
Datum: 4. November 2016



Die tollen Bilder sind von Claudia - Vielen Dank! 

Der dritte Tag hatte durch die geplanten Kirchenkonzerte eine gewisse Planungsstruktur für mich. Dieser Teil des Konzerttages würde 20 Uhr beginnen. Eigentlich sollte ich mir noch ein klein wenig - aber nicht zu viel davor heraussuchen! Was gab es besseres als einen der vielen Gigs von The anatomy of Frank - diesmal in dem Buchladen Bókabúð Máls og menningar in der Haupteinkaufsstrasse Reykjavíks quasi auf dem Weg mitzunehmen! Da es während der deutschen Tourstationen nicht geklappt hatte, wäre doch ein Wiedersehen hier in Reykjavík ganz nett. Mit dem Sonnenuntergang machten wir uns am Wasser entlang auf den Weg in die Stadt. 


Der Laden war leicht zu finden und obwohl es ein großer Shop war, auch der Ort für das Konzert - einfach auf die Menschentraube zu! Zum Glück, denn wir waren wirklich auf den letzten Drücker erst da. Am Ende waren es mindestens 60 Leute, die sich zwischen den Regalen und auf den Emporen von dem US-amerikanischen Charmeur um den Finger wickeln ließen. Ich war sehr neugierig auf die Bandformation nach drei Solo-Set-Erfahrungen. Aber natürlich lebte auch die Bandperformance von Kyles Bühnenpräsenz. Als er diesmal auch zu isländischen Sprachschnipseln griff, war ich mir nicht sicher, wie viele Isländer im Publikum waren, und ob er da nicht Perlen vor die Säue geworfen hatte, denn es lachte so recht keiner.


Zum Einstieg gab es zwei ruhige Songs mit Tasten und sehr wenig Schlagzeug: Die Xylophon Klöppel reichten für alles an den Drums. Dann wurde es zum ersten Mal lauter mit A Bridge over Lake Champlain und das war mit bumms schon sehr toll! Auch Katia's song, da er sich mit Band so richtig schön steigern konnte. 


Es gab natürlich einen Werbeblock für die schöne CD, die eine Landkarte von Nordamerika ist auf der zwei CDs festgemacht werden können und ein großes Finale mit Vancouver und einem aus voller Kehle singenden und anschließend tobenden Buchladen. Er hatte sein Zauberkunststück wieder einmal vollbracht und schickte alle mit einem leichten Herzen und einem Ohrwurm zur nächsten Station.
 

 
Nach einem kleinen Spaziergang war ich an der Kirche, wo es zunächst mit Árstíðir weiter ging. Dafür hatte ich eine Erwartungshaltung und die wurde auch erfüllt. Wofür ich gar keine Vorstellung hatte, war das nächste Konzert in der Kirche. Von Mugison habe ich eine CD zu Hause, die ich sehr gut finde, aber weiß sonst nichts über die Band. Was dann passierte, war einfach nur herrlich zu nennen. Wir feierten eine regelrechte Satansmesse mit fettem Tenorsax, bis zu drei Gitarren, einem total krassen Drummer und Bass. Man könnte vielleicht rockiger Blues dazu sagen. Wobei der isländische Einschlag immer verhindert, dass er zu klebrig wurde. Das war schon auf halbem Weg zu Kaizers Orchestra sowohl musikalisch als auch theatralisch. Es wurde aber auch lustig dadurch, dass die Kirche für dieses Konzert wirklich zum bersten gefüllt war und es anscheinend eine große Anhängergemeinde in Island gibt, die sich hier versammelt hatte.
 


Die Ansagen waren göttlich. Z.B. der folgende Plan für das Konzert: First we get the hits out of the way to play some new stuff to return to some hits and other new songs. Man könnte sagen, dass während der angesagten Hits die Kirche eingerissen wurde, was unter einem Jesusbild mit offenen Armen irgendwie besonders komisch wirkte. Oder man könnte sagen, ich habe den Troll brüllen gehört und bei einem Gospelchor mit Wolfsgeheul mitgemacht.

 

In jedem Fall hat die Kirche gewackelt, unser Schweiß die Scheiben von innen beschlagen und keiner ist aus diesem Konzert herausgegangen ohne restlos Spaß gehabt zu haben - inklusive der Band.
 


Was mir bei allen Konzerten, wo ich für mehrere Bands hintereinander blieb auffiel, war der total professionelle Ablauf beim Umbau. Es waren stets sehr wenige Hände beschäftigt, die wenig Gewese machten, aber die Bühne in 15-20 min total umbauten und anschließend fast mit unbemerktem Soundcheck alles glatt laufen ließen. Diese 20 min Pause waren gerade recht, um erlebtes zu verdauen, ein paar Sachen aufzuschreiben oder kurz mal für die körperlichen Bedürfnisse zu sorgen. Aber sie unterbrachen den Musikabend nicht so sehr wie ich das aus Deutschland gewöhnt bin. Bitte nachmachen!

 

Nach Mugison wurde fast nur abgeräumt. Die letzte Sängerin des Abends brauchte nur ein Gesangsmikro, einen Stuhl für den Begleitmusiker und ein Mikro für dessen Baritongitarre. Olöf Arnald war musikalisch schon ein ziemlicher Gegenentwurf zum Troll-Rock'n-Roll davor. Zum Teil wirkte ihre Musik wie Kinderlieder mit vielen Strophen auf mich. Sie hatten isländische und englische (starker Akzent) Texte und waren im Ablauf Gesang mit Gitarre(n) sehr traditionell. Leider sang sie nicht immer sauber und war in den höheren Lagen nicht rund, aber der melancholische Einschlag einiger Lieder war schön. Das Publikum feierte sie enthusiastisch - ich hatte den Eindruck, das waren Hardcore-Fans, die genau für diese Art von Musik gekommen waren. 


Das klare Wetter des Tages hatte sich auch über die drei Kirchenkonzerte gehalten und wir freuten uns auf einen Heimweg unter klarem Sternenhimmel. Dagegen wurde allerdings einiges unternommen: Zunächst gab es ein Feuerwerk, dass ordentlich Dunst über die Innenstadt legte und leider war auch der Fußgängerweg am Meer so überfroren, dass ich nach einiger Zeit aufgeben musste und meinen Heimweg doch durch die etwas gesichtslosen Neubaublocks am Rande Reykjavíks nahm.
 
Aus unserem Archiv:
The Anatomy Of Frank, Karlsruhe, 15.09.16
The Anatomy Of Frank, Esslingen, 23.04.16
The Anatomy Of Frank, Karlsruhe, 12.03.15

Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves



Montag, 17. Juni 2013

Scout Niblett, Berlin, 3.6.13

2 Kommentare
Konzert: Scout Niblett (+Olöf Arnalds)
Ort: Volksbühne Berlin
Datum: 3.6.2013
Zuhörer: 3/4 gefüllt
Dauer: 45+90 Minuten




Wenn ich mir was wünschen dürfte,
käm ich in Verlegenheit,
was ich mir denn wünschen sollte,
eine schlimme, oder gute Zeit?
(Friedrich Hollaender)


Nachdem ich das Gefühl hatte, dass Berlin über Monate hinweg kein Sonnenstrahl erreichte, löste der Anblick von blauem Himmel in mir wahren Freudentaumel aus. So entschloss ich mich noch vor dem Konzert auf den Stufen der Volksbühne Platz zu nehmen und jeden Sonnenstrahl einzeln aufzusaugen. 

Den spontanen Entschluss an diesem Abend mich auf den Weg in die Volksbühne zu machen, sollte ich nicht bereuen. Auch wenn Scout "Emma" Niblett bis kurz vor diesem Abend für mich weitestgehend unbekannt war.
So betrat ich selig den Konzertraum und freute mich auf einen abwechslungsreichen Abend. Abwechslung deswegen, weil Ólöf Arnalds den Abend einleiten wird. Ólöf kommt wie ihr Cousin Olaf aus Island und hat sich wohl dem Indie-Folk verschrieben.
Kurz nach neun betritt sie die Bühne mit ihrem musikalischen Partner Skúli Sverrisson. Sie trägt schwarze Plusterhosen, die mich eher an die Bezaubernde Jeannie erinnern als an einen Folkmusikabend. Sei es drum - Künstler sind ja immer mal wieder für Überraschungen gut.
Optisch und musikalisch ist es für mich eine Mischung zwischen Ane Brun und Liz Green. Während Skúli sie konzentriert und unauffällig begleitet, ist wohl Ólöfs Markenzeichen das Mienenspiel. Das ist niedlich anzusehen, schafft aber auch mitunter groteske Momente. Ich gerate dadurch immer wieder in eine Verwirrung, ob sie denn nun ihre eigene Musik persiflieren möchte. Ich denke mal nicht, sondern glaube vielmehr, dass sie ihrer kindlichen Natur freien Lauf lassen möchte.
Ihr Darbietung ist durchaus unterhaltsam, reicht für mich aber nicht für die große Bühne. In einem Wohnzimmer oder einem kleinen bestuhlten Konzertraum wäre mir ihr Auftritt sicherlich näher gegangen. So wirkte sie doch etwas verloren, wenn auch mit viel Witz und Charme. Originell war ihr "Gummibärchenlied".

Die obligatorische Umbauphase dauerte nicht sehr lange und irgendwann stand auch Scout "Emma" Niblett auf der Bühne und werkelte noch ein wenig herum. Die Gemächlichkeit der Volksbühne (und des Publikums) war wohl Scout Niblett unbekannt und so fing sie ihr Konzert an, obwohl noch einige Zuschauer sich im Foyer aufhielten.
Das war sicherlich nicht unhöflich gemeint, sondern ihr war es vielleicht unbehaglich auf der Bühne so untätig rumstehen zu müssen.
Sie trägt einen schlichten langärmligen Pullover dazu einen knielangen Rock. Das wirkt elegant, aber hat einen Tick etwas von einer grauen Maus. Das sie das bei weitem aber nicht ist und das es keiner offenen Blusen und Miniröcke bedarf, um ungebrochene Aufmerksamkeit zu erhalten, das wird sie den Abend über unter Beweis stellen.
Sie begann ihr Set mit zwei Solo-Stücken. Den Kopf leicht gesenkt. Und da spürte man es sofort - diese unbeschreiblichen Emotionen, die sie ausdrücken und in den Saal feuern kann. Dafür braucht sie nicht mehr als ihre Gitarre, ihre Stimme und das großartige Vermögen dieses so bewusst einzusetzen, dass es das Publikum schon direkt am Anfang des Konzerte zu lautem Jauchzen und Johlen hinreisst. Die Bühnendekoration ist spartanisch. Nur die große Theaterbühne, ein paar Monitorboxen, ein Schlagzeug. Keine ablenkenden Videoprojektionen, keine entlastenden Lichteffekte. Eine Operation am offenen Herzen des Publikums. Und unsere Herzen sind offen. Von Anfang an. Zu
All Night Long kommt auch der Schlagzeuger Jan Philipp Janzen mit auf die Bühne. Und wie das passt. 

Zwischen den Liedern dann ein kurzes: Questions? Darauf direkt aus dem Publikum: Are you smoking? Yes I am. It´s bad for the voice. Das passiert aber in so einer sympathischen Art und Weise, mit so einer angenehmen Leichtigkeit und Zurückhaltung, dass es eine Freude ist. Dann folgt Gun. Das Schlagzeug. MG-Salven rattern durch den Saal, Scout Nibletts Stimme: "you took your love away from me, and i am thankful, everyday." Unbeschreiblich. Es hat etwas von der Beschwörung eines Dämonen und zugleich einer Teufelsaustreibung. Die Liebe, die einst beschworen wurde, muss nun ausgetrieben werden. Wer kennt das nicht? Und das macht ihre Musik so stark - so nahbar - so spürbar. Emma steht nicht schüchtern, verängstigt auf der Bühne. Im Gegenteil. Sie läuft auch nicht auf und ab, um sich zu entlasten. Sie bleibt stoisch an einem Punkt stehen. Unheimlich schön in Erinnerung blieb mir das ruhige Can´t fool me now und im Anschluss auch My Man. Wobei es so leicht dahingesagt ist mit ruhig. Ihre Stimme ist großartig. Nach Your Last Chariot das phänomenale Nevada. Mit welcher Leidenschaft, Inbrunst und Überzeugung sie schon die erste Textzeile in den Saal feuert "Put on that suit and lend me that costume". Und wie sie dann diese losgetretenen Gewalten doch wieder beherrschen kann. Dabei geht aber nichts verloren. Man kann es kaum aushalten, so überwältigend ist es. Und so entlädt sich diese Spannung auch nach jedem Lied beim Publikum. Es geht dabei nicht nur um Dank an die Künstlerin, sondern - und das macht dieses Konzert so besonders und wertvoll - sondern um das eigene be- und empfinden.


Ob sie wohl Wodka auf der Bühne trinkt, wird bei der zweiten Fragerunde amüsant geklärt. Es gibt wohl nur Wasser und Rotwein an diesem Abend für sie.
Nach What Can I Do? wird Emma in die Frage verwickelt, warum denn viele Lieder von Eifersucht handeln. Beim Versuch diese Frage zu beantworten, weicht sie liebenswert mit einem "No-it´s not" aus. Das kann man ihr nicht nachtragen. Dafür beschenkt sie uns gleich bei der ersten Zugabe mit Kiss. Wie sie "Don´t break my dream" dahin schluchzt. Unnachahmlich!  Bei Hot to death muss ich aber eher an Black Sabbath denken. 
Als allerletzte Zugabe wünscht sich das Publikum dann Wolfie. Ein grandioser Abschluss.

and
i´d loved you forever
i know it to be true
´cause though we´re not together
love is never through

Beseelt von ihrer Musik und völlig gerührt und benommen, gehe ich zum Merchandising Stand und umklammere zwei ihrer Langspieler. 

Setlist:
My beloved
Duke of anxiety
All night long
Gun
Second chance dreams
Can´t fool me now
My man
Your last chariot
Nevada
Let thine heart be warned
What can i do?
-
Kiss
Hot to death

Wolfie

Hier der Live-Mitschnitt vom Kölner Konzert:
http://vimeo.com/68305892

Sonntag, 27. Mai 2012

Owen Pallett u.a., Düsseldorf, 26.05.12

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Konzert: Owen Pallett, Hauschka, Ólöf Arnalds (New Romantics beim Schumannfest)
Ort: Tonhalle, Düsseldorf
Datum: 26.05.2012
Zuschauer: nicht ausverkauft aber erstaunlich gut besucht
Dauer: Ólöf Arnalds 40 min, Hauschka 48 min, Owen Pallett knapp 75 min


Vom 24. Mai bis 4. Juni findet in Düsseldorf das Schumannfest statt, ein klassisches Festival, der Musik eines der wichtigsten Vertreters der Romantik gewidmet. Dem in Düsseldorf lebenden Pianisten Hauschka hatten die Veranstalter die Gestaltung eines Abends übertragen. Unter dem Motto The New Romantics lud Hauschka Owen Pallett und Ólöf Arnalds ein, die in ihren Werken entweder eine neue Interpretation der Romantik oder (wie im Fall Owen Palletts) konkrete Inspiration durch Robert Schumann erlebt haben.

Ich hatte mir einen spannenden Abend in der Tonhalle (also einem sehr klassischen Konzertsaal) erhofft, hatte aber Angst, daß die beiden Künstler, die ich noch nicht live gesehen habe, zu experimentell und der, den ich oft gesehen habe, mittlerweile zu wenig überraschend ist. Alles Unsinn! Ólöf Arnalds spielte ein vorzügliches Set meist Isländischer Lieder, sprach wundervolles Deutsch und betonte, daß sie für Slapstickeinlagen und anderen Quatsch gut sei (was sie erfüllte). Hauschka mit Schlagzeuger Samuli Kosminen schaffte es, auch Lieder, die aus dem schnellen Wiederholen von maximal drei Tönen bestanden, aufregend klingen zu lassen. Experimentell ja, aber auch hochgradig kurzweilig! Beide Konzerte erlebten Gastauftritte von Owen Pallett.

Der Kanadier schließlich kündigte zu meiner Überraschung an, hauptsächlich Stücke seines 2006er Albums He poos clouds spielen zu wollen, nicht alle, einige möge er nicht, aber die anderen dann. Diese Lieder seien stark von der Poesie Schumanns geprägt, erforderten allerdings die Unterstützung eines Streichquartetts, das in Form des Lee-Quartetts um die kanadischen Geschwister Elissa und Trey Lee aus Berlin angereist war. Vorher spielte Owen Pallett fünf andere Stücke alleine, dabei überragte das auf Zuruf vorgetragene This is the dream of Win and Régine, das er zunächst nicht spielen wollte, weil dafür das Keyboard fehle. In der zweiten Hälfte gab es zwei Gastauftritte der Isländerin, die nicht pannenfrei aber wundervoll und enorm charmant waren. Und es gab viele alte Hits des Kanadiers mit fabelhafter Streicherunterstützung!

Nicht nur für die klar erkennbaren Fans von Owen Pallett (die vermutlich sonst nicht an Veranstaltungen des Schumannfests teilgenommen hätten), auch für die Besucher aus der klassischen Ecke war der Abend (wahrscheinlich) hervorragend!

Ein ausführlicher Bericht folgt.

Setlist Owen Pallett, Schumannfest, The New Romantics, Tonhalle, Düsseldorf:

01: Took you two years to win my heart (Solo)
02: Lewis takes action (Solo)
03: This is the dream of Win and Régine (Solo)
04: E is for estranger (Solo)
05: Scandal at the parkade (Solo)
06: The Arctic Circle
07: He poos clouds
08: The lamb sells condos
09: I'm afraid of Japan
10: Song song song
11: Many lives -> 49 p
12: The Pooka sings

13: The CN Tower belongs to the dead (Z)

14: Peach plum pear (Joanna Newsom Cover) (Solo) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Owen Pallett, Eindhoven, 11.11.11
- Owen Pallett, Köln, 23.06.11
- Owen Pallett, Paris, 22.02.11
- Owen Pallett, Eindhoven, 18.02.11
- Owen Pallett, Paris, 01.06.10
- Owen Pallett, Barcelona, 28.05.10
- Owen Pallett, Frankfurt, 15.03.10
- Final Fantasy, Haldern, 14.08.09
- Ólöf Arnalds, Paris, 28.02.11
- Hauschka, Paris, 22.05.12
- Hauschka, Paris, 26.06.11


Dienstag, 1. März 2011

Olöf Arnalds, Paris, 28.02.11

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Konzert: Ólöf Arnalds (Cleo T.)
Ort: Studio des Champs-Elysées
Datum: 28.02.2011
Zuschauer: ausverkauft (230)
Konzertdauer: Olöf gut 80 Minuten, Cleo T. etwa 25 Minuten


Ins Theater gehe ich sehr selten. Wie denn auch, ich bin ja ständig auf Konzerten! Das letzte mal war ich Ende 2010 in der Zauberflöte und habe mich gräßlich gelangweilt. War ein Geschenk von Freuden, da konnte ich nicht absagen und mich auf ein Konzert verdrücken, obwohl an jenem Tag so viel tolle Gigs stattfanden.

Heute also wieder Theater, aber gleichzeitig auch ein richtiges Konzert. So passt mir das schon eher in den Kram, denn es ist ja eine feine Sache, wenn man ein schönes Ambiente mit einer musikalischen Darbietung (sofern es eben keine Opern sind) verknüpfen kann. Die letzte Musikerin, die ich in einem Theater gesehen habe, war Sophie Hunger und ihr Auftritt im Théatre de L'Atelier zweifelsohne furios.

Würde es heute wieder so hochklassig und emotional werden? Ich war gespannt und machte mich gegen 20 Uhr 15 zu Fuß auf den Weg, das Studio des Champs Elysées lag nicht allzu weit von mir entfernt. Aber ich hatte die Entfernung unterschätzt und auch die Tatsache, daß es hier pünktlich losgeht. Nur zwei andere Späteintrödler standen mit mir an der Rezeption und gaben ihren Namen an, damit man sie auf der Gästeliste wiederfinden konnte. Ich war da auch drauf, aber die beiden Mädels konnten meinen Namen nicht finden. "Einen Oliver haben wir hier nicht", sagten sie schulterzuckend, gaben mir aber dennoch kulanterweise (wir sind nun einmal in Frankreich und nicht in Deutschland) die Gratiskarte. Hinterher stellte sich raus, daß ich unter dem französisierten Namen Olivier eingetragen worden war und das hatte die beiden Mädels wohl überfordert. Sei's drum, war nicht das erste Mal, das so etwas passierte. "Isch biin doch gar kein Fransose! Oliwör, nischt Olivier, tu comprends?"

Der Platzanweiser führte uns nun durch ein paar Gänge und Treppen und bedeute uns dann sehr leise zu sein und auf den Klappstühlen Platz zu nehmen. Wir öffneten vorsichtig die schwere Türe und pflanzten uns auf die "Strapotins" wie man in Frankreich sagt. Ich stellte mich gewohnt ungeschickt an und schaffte es nicht ,dieses verfluchte Scheißding auseinandergeklappt zu kriegen. Erst nach ein paar Versuchen kam ich dahinter, wie man das Teil aufrichtet.

Ich glotzte auf die kleine Bühne und sah eine junge Frau in weißem (Braut?)-Kleid und einen männlichen Gitarristen, der sie begleitete. An ihrem Akzent beim Singen der englischen Texte erkannte ich, daß sie Französin sein musste. Ich schaute genauer hin und stellte fest, daß ich sie kenne. Woher nur? Nach kurzer Überlegung fiel es mir wie Schuppen von den Haaren. Klar, sie war damals Teil des gemischten Duos 21 Love Motel, an dem auch ihr damaliger Freund Frédéric D. Oberland beteiligt war. Und Frédéric kenne ich inzwischen sehr gut, denn er hat mit dem Projekt Farewell Poetry (mit seiner neuen Freundin Jayne) und auch unter seinem eigenen Namen (zusammen mit Dave Olliffe) bereits zwei wunderbare Oliver Peel Sessions eingespielt.

Schön, daß die brünette Ex von Frédéric mit der Musik weitergemacht hat. Cleo T. nennt sie sich nun geheimnisvoll und ihre Musik ist feenhaft, verwunschen, melancholisch und traumversunken. Zunächst störte ich mich an ihrem Akzent, aber als sie das letzte Lied des sehr kurzen Sets (25 Minuten ,von den ich 15 verpasst hatte) auf der Autoharp anstimmte, erlag ich doch ihrem Charme. Sie sang fast genau wie Marissa Nadler, so sinnlich, gefühlsduselig und gehaucht, das hatte schon was! Später erfuhr ich noch, daß sie im Februar auf deutschen Bühne unterwegs war (sogar im Gleis 22 in Münster und im Schokoladen in Berlin) und nun warte ich auf die Gelegenheit, sie mir irgenwann noch einmal in Paris anzusehen.

Der anschließende Umbau erfolgte im Dunkeln, man wollte wohl durch das Anmachen des Lichts nicht das Publikum dazu animieren, den Saal zu verlassen und dadurch Zeit zu verlieren.

Es ging also fast übergangslos weiter. Nun waren die Spots auf die Isländerin Olöf Arnalds gerichtet, die die Bühne mit eine großen Strauß roter Rosen betrat. Die Blumen passten farblich haargenau zu ihrem Kleid, was sicherlich kein Zufall war. Also ein perfekt durchgestylter Auftritt, optisch, wie musikalisch? Weit gefehlt! Schon bald gab Olöf Kostproben ihres ungewöhnlich trockenenen Humors preis, sprach englisch mit einem stark gerollten "r" (fast so wie es die Schotten tun), schnitt Grimassen und brachte das Publikum immer wieder mit Kalauern zum Lachen. Schon beim ersten Song verspielte sie sich ein wenig, was sie aber total locker nahm und erklärte, daß sie einfach Lust gehabt habe, dieses Lied zu bringen. In den Pausen zwischen den Stücken erzählte sie auch in der Folge oft witzige Anekdötchen, riet uns, sofern wir älter als 20 Jahre alt seien, nie mit den Eltern in den Urlaub zu fahren ("don't do this, this is not a good idea"), erzählte von den grimmigen Grindermann-Fans (Olöf hatte Nick Cave und seine Bande in Australien supportet), die sich lauthals beschwerten, Olöf habe bereits 10 Stunden gespielt (was natürlich maßlos übertrieben war) und solle doch jetzt Leine ziehen und von ihren Schwestern und ihrer strengen Mutter. Zudem fragte sie regelmäßig wie viel Uhr es sei, sie habe keinen Zeitsinn und auch keine Armbanduhr und ohnehin sei sie ein spontaner und ein recht chaotischer Mnesch. Eine Setlist hatte sie deshalb auch keine (was natürlich auch Bluff gewesen sein kann, um die Spontaneität zu unterstreichen) und performte deshalb auf zwei verschiedenen Akustikgitarren und einer Charango* was ihr gerade so einfiel. Und das war zum Beispiel ein Stück von Serge Gainsbourg (welches? ich habe es nicht erkannt, peinlich. Aber ich bin ja auch kein Franzose, selbst wenn sie mich hier Olivier nennen), ein Cover von Gene Clark (With Tommorow), ein anders von Bruce Springsteen (I'm On Fire, sehr gelungen), ein traditionelles irisches Folklied, ein Gedicht (Poem), ein Instrumentalstück das nicht länger als dreißig Sekunden dauerte und davon abgesehen ausschließlich auf isländisch gesungene Stücke, die von ihren beiden Alben stammten. Isländisch, jawohl! Wie das klingt? In meinen Ohren wie japanisch, aber Sprachwissenschaftler werden dies natürlich als Unsinn abtun. Auf jeden Fall hatte das Ganze eine exotische Klangfarbe. Und dann ihre Stimme. Sehr hoch und oft ein wenig an Kate Bush erinnernd, aber doch sehr sehr eigen. Wie ohnehin Olöf Arnalds eine Künstlerin ist, die man nicht so leicht kategorisieren kann. Vergleiche zu Björk passen in diesem Falle nicht so richtig, obwohl die berühmte Björk auf der Single Surrender ein wenig im Background mitsingt. Olöf zelebriert ihren ganz eigenen Folk und gerade die Tatsache, daß man ihre Lycris kein bißchen versteht (sie hätte heute auch singen können: "Franzosen sind alle arrogante Froschfresser", die Leute hätten trotzdem brav geklatscht) hat seinen besondern Reiz. Man ist gezwungen, sich noch mehr auf die Klangfarbe zu konzentrieren, Emotionen und besondere Betonungen herauszuhören und zu deuten, um so das Rätsel Olöf Arnalds ein klein wenig aufzulösen.



Die Frau ist faszinierend, in musikalischer wie in persönlicher Hinsicht. Charismatisch, witzig, aber auch einen Hauch unnahbar, warmherzig aber (vielleicht aufgrund ihrer hellblonden Haare) gleichzeitig vornehme Kühle ausstrahlend. Diese legte sie jedoch am Schluß komplett ab und warf die roten Rosen einzeln ins Publikum. Blumen für die Fans und zwar vom Musiker, wo gibt es so etwas?

Als ich sie später im Foyer sah und abknipste, wirkte sie fast wie eine moderne Marylin Monroe aus Rekjavik. Nun ja, zumindest ihre Lieder sind besser. Finde ich zumindest. Boo boo bee doo.

Klatsch & Tratsch: spotted: Jean-Benoît Dunckel (Air), Mathieu Malzieu (Dyonisos), Kim (französischer Sänger mit 19 (!) Alben auf der Habenseite). Die tranken zur Feier des Tages noch einen Absacker mit der Isländerin in der Kabine.

Fotos von Olöf Arnalds von Konzertfotografenzar Robert Gil, klick!

Schönster Song des Abends im Video: I Surrender:

Ólöf Arnalds - Surrender from Arni & Kinski on Vimeo.


* ein kurioses Instrument. Optisch zwischen großer Ukulele und Laute anzusiedeln, klanglich nahe an einer Harfe. Und die Rückseite macht man aus Tierleder von Armadillos.




 

Konzerttagebuch © 2010

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