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um
13:06
Konzert: Björk
Ort: Harpa Eldborg, Reykjavic (Iceland Airwaves)
Datum: 05.11.2016
Dauer: 47 & 44 min
Zuschauer: 1.800 (ausverkauft)
Ende September kündigte das Iceland Airwaves einen zusätzlichen Programmhöhepunkt an: Björk, der größte Star der Insel würde ein Konzert während des Festivals spielen. Nicht auf dem Festival, während des Festivals, ein wichtiger Unterschied. Das Konzert war nämlich nicht Bestandteil des Eintrittspreises, Tickets mussten zusätzlich gekauft werden und kosteten gleich viel oder eine Spur weniger (die schlechten Karten) als das Festival selbst. Wir redeten uns das hinterher damit schön, daß unsere Plätze in der letzten Reihe ganz oben gerade mal zehn, zwölf Bier gekostet hatten.
Zwei Stunden später hätte es mir auch nichts ausgemacht, hätten wir das Doppelte bezahlt. Aus dem "Björk in Island ist schon besonders, laß uns das machen" war ein atemberaubend ergreifendes Erlebnis geworden.
Ich habe Björk 1993 mit ihrem Album Debut kennengelernt und hatte eine kurze, intensive Fanphase, die sich aber wegen all dem anderen, was Anfang der 90er Jahre erschien, nicht richtig durchsetzte. Seitdem schätze ich die Künstlerin Björk, interessiere mich aber für ihr Werk nicht mehr sehr. Ich wusste überhaupt nicht, was uns erwarten würde, als wir ganz oben Platz nahmen. Auf der ameisengroßen Bühne standen hufeisenförmig aufgebaute Stühle. Um fünf nach fünf kam eine unüberschaubar große Menge Streicher (es waren 30) in langer Reihe auf die Bühne und setzte sich. 10 Cellisten rechts, 20 Violinisten und Bratschisten links. Als alle saßen, trat der Dirigent auf, nach ihm Björk in einem roten Kleid, das an eine Erdbeere erinnerte und das der portugiesische Designer David Ferreira entworfen hat.
In der folgenden Dreiviertelstunde waren Kleid, Eintrittspreis, nächste Konzerte und alles andere allerdings ganz weit weg. Im großen Saal der Harpa gab es nur Björks tieftraurige Elfenstimme und die Streichertöne, die sie begleiteten. Erst nach dem letzten Hall jedes Liedendes wagte das Publikum zu applaudieren. Auch wenn man nicht um die Entstehungsgeschichte der Lieder wusste, spürte und hörte man, daß die Stücke nicht von einer glücklichen Liebe handeln.
Die erste Konzerthälfte bestand aus den ersten sechs Stücken von Björks letzten Album Vulnicura, mit dem die Künstlerin das Ende der Beziehung zu ihrem langjährigen Partner Matthew Barney verarbeitet. Björk tigerte von rechts nach links über die Bühne, sang, jede Silbe betonend (sie spricht auch so, wie wir später erfuhren) und durchlebte wohl wirklich eine ganze Menge des Schmerzes noch einmal musikalisch.
Für mich weit über der Künstlerin sitzend, war das Konzert eines, wie ich es noch nie erlebt habe. Uns hatten Freunde am nächsten Tag erzählt, sie seien auch in der Björk-Ausstellung gewesen, die in der Harpa gezeigt wurde. Mit Virtual-Reality-Brillen sei man dort in Björk-Videos eingestiegen, habe sich wie die Sängerin selbst gefühlt. Auch im Konzertsaal mit seinem brillanten Klang war nur Björk (und ein paar Streicher), nur ihre Stimme. Es war hochgradig faszinierend.

Nach Notget traten Sängerin und Orchester ab. Auf der Bühne wurden Plätze für eine paar Kontrabässe aufgebaut. 25 min später kamen das Ensemble und Björk (diesmal in einem blauen Ungaro-Kleid) zurück. Der zweite Teil des Konzerts, der inklusive der Zugabe Pluto (von Homogenic - eines der wenigen ganz alten Stücke des Abends) noch einmal fast eine Dreiviertelstunde dauert, ist stilistisch nah am ersten, auch wenn einige der Stücke eine weniger düstere Grundstimmung haben. Aber es bleibt Björks Stimme unterstützt von Streichern, nichts anderes, keine Beats etwa. Und genau das macht das Konzert so eindrucksvoll.
Im zweiten Teil singt die Isländerin, die mit ihrer Band The Sugarcubes auch Teil der Ausstellung des Reykjavik Punk Museums ist, das in der Woche des Festivals im Beisein von Johnny Rotten in einer ehemaligen öffentlichen Toilette eröffnet wurde, noch zwei weitere Lieder von Vulnicura (Mouth mantra und Quicksand) und u.a. die Singles Bachelorette und Jóga (von Homogenic - von 1997).
Natürlich wäre das Festival auch ohne Björk phänomenal gut gewesen. Die kleine Frau im Erdbeer-Kleid, machte die Woche aber dann noch eine Spur magischer.
Setlist Björk, Harpa Eldborg, Reykjavik:
01: Stonemilker
02: Lionsong
03: History of touches
04: Black lake
05: Family
06: Notget
07: Aurora
08: I've seen it all
09: Jóga
10: Vertebræ by Vertebræ
11: Quicksand
12: Mouth mantra
13: Bachelorette
14: Pluto (Z)
Links:
- Björk, Reykjavik, 05.11.16
- unsere Berichte vom Iceland Airwaves
um
11:13
Konzert: Björk &
Streicher der Sinfóníuhljómsveit Icelandic Symphony
Ort: Saal Eldborg im Konzerthaus Harpa in Reykjavík
Datum: 5. November 2016
Dauer: 110 min
Zuschauer: 1800 - ausverkauft
Die tollen Bilder sind von Claudia - Vielen Dank!
Es hatte sich ein wenig bescheuert - bestenfalls abenteuerlich - angefühlt, den stolzen Preis für das Björk-Konzert am Samstag Nachmittag auf ein ohnehin fantastisches und zu volles Airwaves-Programm draufzulegen (*). In den Tagen des Festivals hatte sich dieses Gefühl immerhin schon konsolidiert zu: Wie toll, dass wir wenigstens einmal ins Allerheiligste der wunderschönen Harpa kommen werden... Im Konzert jedoch habe ich mich von Gefühlen überwältigt erlebt, die ich mir (und in Wirklichkeit wohl auch Björk) nicht zugetraut hätte. Spätestens als Björk kurz vor Ende der ersten Hälfte am Bühnenrand stehend immer wieder in den Zuschauerraum sang hear me/heal me brachen bei mir alle Dämme. In der Pause schauten wir drei uns an wie weihnachtlich beschenkte Kinder - die Augen konnten schon sprechen über das wofür mir auch heute zwei Wochen später noch die Worte fehlen.

Natürlich ist Björk ein Phänomen. Weltweit und erst recht in Island. Sóley hatte ihre Cellistin vorgestellt als She plays with our Björk. Darüber hinaus ist sie schon so lange in meinem Leben präsent. Zu Beginn ihrer Solo-Karriere lief ihre Musik bei mir sehr viel und diese fast 20 Jahre alte Musik hat sich noch gar nicht abgenutzt und ist auch heute noch einzigartig und uneingeholt. In der Zwischenzeit fühlte ich mich ihr aber mehr als Frau verbunden, die in einem von Männern domierten Feld so ungestört wie möglich versucht, ihre Ideen zu verwirklichen - ihre Musik berührte mich nur noch punktuell, dafür faszinierten mich ihre Ideen, ihre Energie und dass sie mir auch als Weltstar noch so menschlich erschien - kein Idol sondern ein Vorbild. Zufällig über dieses Segment meiner täglichen Leseportionen hatte ich auch vom neuesten Album erfahren. Vulnicura - das Album, in dem sie dokumentierte, wie sie sich aus dem schwarzen Loch herauskämpfte, das sie nach der Trennung von ihrem langjährigen Lebenspartner aufgesogen hatte. Ein Album, das zunächst lange nur als Streicherstimmen existiert hatte.
In Wirklichkeit hatte ich aber vor dem Konzert gar nicht darüber spekuliert, was Björk uns in der Harpa vorsetzen würde. Und ich hatte auch noch gar nicht in Vulnicura hineingehört (wofür ich ja knapp zwei Jahre Zeit gehabt hätte). Dies war aber vielleicht auch gut so, denn so traf mich das Album mit voller Wucht in einer Verfassung wo ich bereit zum zuhören war. Begleitet nur von einem Orchester aus 27 Streichern (je neun Geigen, Violen und Celli). Was in dem Umfeld einer so großen Konzerthalle wie eine kleine, eine Kammerbesetzung wirkte. Für die zweite Hälfte wurden später noch zwei Kontrabässe hinzugefügt, was wirklich einen großen Klangunterschied machte. Es gab eine dezente Lichtshow und bis zur Pause fast keine Ansagen außer einem kleinen Tak.

Mit dem Abdunkeln hatte sich eine fast mit Händen greifbar andächtige Stille über den Raum gelegt. Das Konzert begann mit rufenden Klängen, die dann von den Celli fürsorglich durch den ganzen Song getragen wurden. Schon in diesem Moment fühlte ich mich wie ein Narr, denn natürlich würde dies ein herrliches Konzert werden! Show me emotional respect traf mich als erste Textzeile auch mitten ins Herz kaum dass das Konzert richtig begonnen hatte. Und in dem Moment dämmerte mir auch, dass wir wohl das Trennungsalbum hören würden. Eine Erfahrung die so ganz und gar persönlich wie absolut universell ist, da sie uns auf die tiefsten Fragen zurückwirft: Wer bin ich, wenn ich nur mit mir bin. Und ich gar nicht mehr jung bin und ich einem jungen Menschen eine geborgene Kindheit geben wollte. In der für mich heimatlichen Umgebung eines Konzertsaales im klassischen Musikstil erzählt, konnte ich mich auch an diesen Abgrund heranwagen obwohl Björk gerade in dieser ersten Hälfte so viel Trauer mit uns teilte. Insbesonder Black lake war kurz vor dem nicht mehr erträglichen. Aber wie sagte Björk selbst: It's a sign of maturity to be stuck in complexity (Lionsong)

Angenehm fand ich dabei, dass der Konzertsaal wirklich alle dazu anhielt nur zu hören und sich während der Lieder nicht zu äußern und selbst der Applaus kam mir zwischendurch wie ein unbefugtes Eindringen vor, das dem Fluß des Geschehens auf der Bühne nicht gerecht wurde. Besonders aufwühlend war für mich in diesem ersten Teil der Song Family.
Is there a place where I can pay respects
for the death of my family
How will I sing us out of this sorrow
Build a safe bridge for the child out of this danger
Erst ganz zum Schluß bei Notget wurde auch Wut fühlbar darüber, dass sie aus eigener Kraft nicht verhindern konnte, dass ihr das Wichtigste genommen wird.

Nach dem ersten Teil wurde der Zyklus von Vulnicura nicht einfach fortgesetzt - statt dessen gab es z.B. mit I've seen it all ein wiederhören mit einem wohlvertrauten Song. Thematisch wurde der Zyklus schon fortgesetzt, auch wenn er sich nicht an die Tracklist des Albums hielt, es war aber mit dramatischerem Impetus und mehr von einem inneren Aufbruch gezeichnet und endete mit einer dramatischen Tangoversion von Bachelorette. Björk stellte uns im Anschluss vier Musiker vor, die schon vor fast 20 Jahren beim Album Homogenic dabei gewesen waren und beschrieb, dass die Proben für das Konzert daher für sie sehr emotional gewesen seien.
Natürlich musste es eine Zugabe geben - und was für eine. Wir sollten mitsingen und Björk selbst stand auf der Bühne voller Kraft - rockröhrig als Trolls Schwester und gab uns einen Arschtritt zurück in die Welt:
Excuse me / But I just have to Explode
Explode this body / Off me
I'll be brand new / Brand new tomorrow
A little bit tired / But brand new
Setlist:
01: Stonemilker
02: Lionsong
03: History of Touches
04: Black Lake
05: Family
06: Notget
- Pause -
07: Aurora
08: I've Seen It All
09: Jóga
10: Vertebræ by Vertebræ
11: Quicksand
12: Mouth Mantra
13: Bachelorette
14: Pluto (Z)
(*) Das spontante Ja folgte wohl eher einer gewissen Tradition, Pop-Ikonen für die ich in Deutschland nicht arg weit fahren würde, einmal im Leben ausgerechnet in Island live zu sehen. Wobei es für Björk ja wenigstens ein logischer Ort war und ich mir in jedem Fall ein sehr gutes Konzert versprach, allerdings im Vergleich zu anderen Airwaves Konzerten eher im unteren Mittelfeld der Island Erinnerungen 2016.
eindrucksvolle Fotos
treffender Bericht
Aus unserem Archiv:
Björk, Melt!, 20.07.08
Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves
um
00:59
Konzert: Oyama
Ort: Harpa, Reykjavik (Iceland Airwaves)
Datum: 03.11.2016
Dauer: knapp 40 min
Zuschauer: leider nicht schrecklich viele (vielleicht 200 im riesigen Saal)
Im vergangenen Jahr waren wir beim ATP Iceland. Nachdem dort Belle & Sebastian als Headliner angekündigt worden waren, war ich sicher, das ATP werde das dritte Bowlie; das dritte von meinen Glasgower Lieblingen kuratierte Festival. Dummerweise lagen die All Tomorrow's Parties schon so sehr auf dem Sterbebett, daß es weder ein Bowlie noch ein Festival mit besonders spannendem Line-Up wurde. Aber auch wenn es das beste Musikwochenende meines Lebens gewesen wäre, Oyama aus Island wären als eine der besten Bands hängengeblieben.

Ich kannte die Band damals nicht, sie spielte am Nachmittag - und sie begeisterte mich restlos! Oyama sind etwas Exotisches, eine isländische Shoegaze-Gruppe. Daß sie beim diesjährigen Airwaves spielen würden, hatte ich gehofft und natürlich waren Oyama gesetzt. Das waren sie aber dummerweise nicht bei schrecklich vielen Menschen außer mir. Der zweitgrößte Saal des Kulturzentrums Harpa (Silfurberg), in den 750 Zuschauer passen, war sehr spärlich besucht. Witzigerweise waren viele der wenigen Zuschauer Japaner. Oyama ist ein Name vieler japanischer Städte (und ein Nachname), das hatte sie vermutlich neugierig gemacht. Daß eine isländische Shoegaze-Band groß in Fernost ist, kann ich mir nicht vorstellen.
Verdient hätten sie es!
Die 40 Minuten in der Harpa waren wundervoll! Die Lieder kannte ich alle schon, auch das bisher unveröffentlichte Handsome devils (oder devil?), das Oyama schon im vergangenen Jahr gespielt hatten.
Oyama sind die beiden Sänger Júlía Hermannsdóttir (auch von Wesen) und Úlfur Alexander Einarsson (von Útidúr), Gitarrist Kári Einarsson, Bassist Bergur Thomas Anderson und Schlagzeuger Rúnar Örn Marinósson. Júlía und Úlfur wechseln sich beim Singen ab. Die Lieder, die sie singt, wirken langsamer und getragener als Úlfurs, sind es aber nicht unbedingt. Júlías Stimme ist einfach so herrlich gehaucht, daß ihre Stücke dadurch auch etwas weniger schnell erscheinen. Mit Abstand am tollsten war The cat has thirst, das hatte ich im vergangenen Jahr schon einmal mit Golden hair von Slowdive verglichen hatte (und ich hatte recht).

Oyama spielen manchmal herrlich subtil mit den Shoegaze-Stilmitteln, oft werden Krach-Ausbrüche angedeutet, finden dann aber nicht statt. Aber manchmal eben schon. Oft gibt es ganz kurzen Gitarrenkrach zwischen den Textzeilen, ich weiß gar nicht, ob ich das bei vielen anderen Bands so schon erlebt habe. Bei Everything sum of the time von der ersten EP war das sehr sehr toll!
Am Tag danach spielten Oyama ein zweites Konzert beim Airwaves. "It will be our party gig! If you love to party..." - "...go to another show. You won't like our concert!" Leider habe ich das zweite verpasst. Aber das darf noch nicht mein letztes Oyama-Konzert gewesen sein, dafür mag ich die Band viel zu gerne! Dann muß ich auch dringend Úlfur fragen, was es mit dem Aufdruck auf seiner Gitarre auf sich hat. Da steht "Wie schon Ricky Martin"
Setlist Oyama, Iceland Airwaves, Reykjavik:
01: Overflow
02: The right amount
03: Handsome devils (neu)
04: The cat has thirst
05: Siblings
06: Everything sum of the time
07: Sweet ride
Links:
- aus unserem Archiv:
- Oyama, Keflavik, 03.07.15
- alle Berichte vom Iceland Airwaves
um
13:45
Konzert: Puffin Island
Ort: Harpa, Reykjavik (Iceland Airwaves Festival)
Datum: 05.11.2016
Dauer: gut 30 min
Zuschauer: vieleicht 200 (voller Saal)
Nach unserer Ankunft in Island war unser erstes abgehetztes Ziel ein dunkler Fährhafen gut eine Stunde entfernt. Unsere ursprünglich gebuchte Überfahrt auf die Westmännerinseln, eine Sammlung kleiner Felsbrocken vor der isländischen Südküste. Heimaey, die einzig dauerhaft bewohnte der Inseln, war unser Ziel. Unsere gebuchte schnelle Fähre am nächsten Tag war abgesagt worden. Sie hätte die Fahrt in 30 Minuten geschafft, - morgens hin, abends zurück - war aber wegen zu hohen Wellengangs abgesagt worden. Das stabiliere Schiff fährt von einem anderen Hafen los, braucht dann aber drei Stunden. Heimaey würde es für uns also nur mit Übernachtung geben.

Heimaey hat 4.200 Einwohner, mehrere Vulkane und ist zwischen April und September Heimat von 2 mio Papageientaucher-Pärchen (engl.: Puffin; isl. Lundi), die an den Felsen der Insel brüten. Die niedlichen Vögel sind auf Island allgegenwärtig (auch auf den Speisekarten - grrrr!). Wir waren zu spät für Puffins in freier Natur, besuchten aber Tóti im Aquarium, einen der Vögel, der wegen einer Verletzung nicht mit in den Atlantik fliegen konnte und mit zwei, drei Artgenossen im Aquarium lebt.
Unsere Puffin Insel war eines der unzähligen Wahnsinnserlebnisse auf Island. Daß unter den zahllosen isländischen Bands beim Iceland Airwaves Puffin Island anzugucken wäre, war mir schnell klar. Daß die fünfköpfige Band ein so gutes Konzert spielen würde, hatte ich nicht geahnt.
Puffin Island stammen aus West-Reykjavik und klingen, als hätten sie neben 60's Pop auch Teenage Fanclub hoch und runter gehört. Die Band spielte im kleinsten Saal des Harpa. Wir waren mit dem frischen Eindruck einer gut anderthalbstündigen Björk-Gala nach unten gegangen und empfanden den herrlichen Pop als genau passend.
Puffin Island sind wohl im Kern drei Musiker, standen aber zu fünft auf der Bühne, zwei Sänger mit Gitarren - akustisch und elektrisch, Bass, Schlagzeug und zwei Keyboards. Der rechte der beiden Keyboarder spielte aber eigentlich vor allem Tamburin und Tamburinartige.

Die meisten der Lieder stammten von der ersten Platte der Band, die im Sommer erschienen ist (hier). Die meisten Stücke hatten englische Texte, drei isländische. Mir gefiel ausnahmslos alles, die beiden besten Stücke waren aber Another day und Stúlka. Die musikalische Qualität der Songs ist aber nur die halbe Geschichte des Konzerts. Besonders toll war der Charme, den die Musiker verströmten. Island liegt nahe an den USA, Baseball ist groß innerhalb der Band. Eines der Lieder widmete der E-Gitarren-Sänger Skúli Jónsson den Chicago Cubs, nachdem er gefragt hatte, ob unter den Zuschauern jemand aus Chicago sei (natürlich war das so). Als sie erstaunt feststellten, daß die Zeit vorbei und nur noch Platz für ein Lied sei (die erste Veröffentlichung Harrison, eine Nummer drei in den isländischen Charts), spielte der linke Keyboarder diese kleine Baseball-Stadion-Orgel-Melodie.

Weil in Puffin Island in allen Bandbeschreibungen als "Indierock" auftaucht, stellte der Bassist beim einzig unveröffentlichten Lied (Microwave surfer) auf eine der Monitorboxen, die prompt umkippte.
Das perfekt war nicht perfekt abgemischt (die E-Gitarre war zu laut), der Stil nicht neu, es hat mir aber enorm viel Spaß gemacht. Puffin Island wären eine perfekte Band fürs Indietracks.
Setlist Puffin Island, Harpa, Reykjavik:
01: Intro
02: Another day
03: Leiðin
04: Feel
05: Stúlka
06: Whisper
07: Microwave surfer (neu)
08: Sólarvín
09: Harrison
um
01:57
Konzert: Ceasetone
Ort: Harpa, Reykjavik (Iceland Airwaves)
Datum: 02.11.2016
Dauer: knapp 35 min
Zuschauer: vielleicht 500
Beim Iceland Airwaves spielen 220 Künstler 267 offizielle Konzerte. Dazu kommen weitere 670 Shows in "off venues" überall in der Stadt. Mehr als 900 Konzerte in fünf Tagen - keine Ahnung, wie man da den Überblick behalten soll, welche Bands unbedingt angeguckt werden müssen.
Der erste Tag war für mich nach gut fünfstündiger Anreise (aus dem Osten der Insel) zum Glück noch nicht so stark besetzt, daß ich zu viel unter keinen Umständen verpassen durfte. Nach ein paar Minuten Steinar (schlimm!) und Kött Grá Pje, der uns alle in einem Song als "Fucker" anrappte, um sich hinterher zu entschuldigen, gemeint sei damit nur das isländische Einwanderungsministerium (dabei entschuldigen sich Isländer nicht, wie ich im vergangenen Jahr von einer Einheimischen erfahren hatte, die mich auf Isländisch ansprach und mich, nachdem ich mich entschuldigte, kein Isländisch zu sprechen, rundgemacht hat, weil man niemals um Verzeihung bitte), war Ceasetone mein erstes komplettes Konzert.
Ceasetone ist die Band von Hafsteinn Þráinsson. Zur Band gehören neben dem Gitarristen / Sänger / Keyboarder eine Schlagzeugerin (Sólrún Mjöll Kjartansdóttir), ein Bassist und Keyboarder (Steinar Karlsson) und ein weiterer Keyboarder (Jökull Brynjarsson), auf der Bühnen standen allerdings eine ganze Menge mehr Menschen, ganz links ein Chor, ganz rechts ein Streichtrio, neben Sólrún noch ein Percussionist.
Auf dem Weg nach Reykjavik heute hatten wir eine ganze Menge Künstler vorgehört - ein Lied pro Band, mit viel Mut zur Lücke. Zu jedem Lied machten wir uns ein paar Notizen, um nicht einen Wasserfall später wieder alles vergessen zu haben. Neben dem Ceasetone-Song The bright side stand "wie Muse (aber besser)".
Hafsteinn hat eine der typischen isländischen Gesangsstimmen, die man mögen muß. Mir gefielen die lauteren Lieder deutlich besser als die wenigen ruhigen. Wenn es lauter wurde, entstanden plötzlich herrliche Gitarrenwände, Hafsteinn, der sonst so ruhig wirkte, riss seinen Kopf wild hin und her.
Zu The bright side kam eine Gastsängerin auf die Bühne. Trotz der Muse-Assoziationen ist das Stück ein großer Hit! Genauso gut gefiel mir das Schlußstück Humble history song, das immer lauter wurde. Mein heimlicher Liebling war aber Lo-fi, das (anders als der Name es vermuten ließe) in ein wildes Postrock-Geballere mündete, um danach ruhig zu enden.
Meine Konzertbegleitung fand die Band nett aber ein wenig überambitioniert, mir gefiel das Konzert sehr gut. Nummer eins von 900 ist geschafft. Morgen kommen u.a. Die Nerven, JFDR (wundervoll!), The Sonics, Beliefs, Oyama, Hannah Lou Clark...
Setlist Ceasetone, Iceland Airwaves, Reykjavik:
01: Two roads
02: Sight of your life
03: Full circle
04: The bright side
05: Darker days
06: Lo-fi
07: Humble history song
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