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Mittwoch, 4. Januar 2017

Hannah Lou Clark, Reykjavik, 03.11.16

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Konzert: Hannah Lou Clark
Ort: Gamla Bió, Reykjavik (Iceland Airwaves)
Datum: 03.11.2016
Dauer: knapp 30 min
Zuschauer:  ein paar hundert



Hannah Lou Clark sagte mir vor dem Airwaves Festival nichts. Wahrscheinlich hätte ich mir die Engländerin auch nicht angesehen, hätte mir nicht eine Freundin vorher dringend dazu geraten. Bei der Masse an mir unbekannten Bands war ich sehr dankbar für solche Hinweise. Für diese halbe Stunde musste ich mich schon einmal nicht durchs sonstige Lineup hören.


Hannah Lou Clark spielte im Gamla Bió, der ehemaligen Oper ganz in der Nähe der Harpa. Der alte Opern-Saal des Gamla Bió ist wundervoll und erinnerte mich ein wenig an Säle wie das Stollwerck oder das E-Werk in Köln. Dummerweise diente der Raum aber auch denjenigen, denen das Foyer zu kalt war, als Unterhaltungsort, das Konzert war eines von wenigen beim Airwaves mit einem furchtbar unaufmerksamen Publikum.


Die Quatscher verpassten viel, der Auftritt der Engländerin war sehenswert! Hannah Lou Clark stammt aus der Nähe von Reading und war zuletzt in einer Band namens Foe aktiv, mit der sie eine EP und 2012 eine Platte veröffentlichte. Seitdem ist die Sängerin unter ihrem Namen aktiv. Während Foe ziemlich theatralischen Pop machte, der mich ein wenig an die Dresden Dolls erinnert, ist Hannahs Solomusik auf Gitarre, Schlagzeug, Bass und ihre Stimme reduziert. Sehr weit weg von Künsterlinnen wie PJ Harvey oder Scout Niblett war das nicht, was die Britin mit ihrer Band spielte. Die drei Frauen (Bass, zweite Gitarre, Hannah) und der Mann (Schlagzeug) klangen sogar einmal (bei Silent Type) nach Dinosaur jr. 


Mir gefiel der halbstündige Auftritt von Hannah Lou Clark sehr gut. Bei Airwaves dominieren isländische Musiker. Die wenigen internationalen Acts (jedenfalls die, die ich gesehen habe), waren ausgezeichnet ausgewählt, die junge Engländerin war da keine Ausnahme.

Setlist Hannah Lou Clark, Gamla Bió, Reykjavik:

01: Matilda

02: Don't sweat it
03: Cowboy Joe
04: We're rich
05: It's your love
06: Silent type
07: Grief underneath




Samstag, 12. November 2016

Warm Graves, Reykjavik, 05.11.16

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Konzert: Warm Graves
Ort: Gamla Bió, Reykjavik (Iceland Airwaves Festival)
Datum: 05.11.2016
Dauer: gut 30 min
Zuschauer: ein paar hundert



Nach 25 Minuten nahm der Keyboarder von Warm Graves zum ersten Mal seinen Finger vom Instrument. Da hatte die Band aus Leipzig drei Lieder gespielt, die allerdings fast wie eines wirkten. Dadurch, daß auch in den Pausen immer wabernde Keyboard-Töne zu hören waren, waren die Lieder ohnehin nicht abgeschlossen. 

Wie bei vielen Konzerten des Festivals hatte ich keine echten Erwartungen. Ich kannte Warm Graves nicht, ich hatte keine Chance, in die bei Soundcloud bereitgestellte Platte Ships will come reinzuhören (die physisch bei This Charming Man Records erschienen ist). Die Festival-App, die mein Zeitplan war, hatte als Referenzen Arcade Fire oder Godspeed You! Black Emperor genannt, da konnte schon nicht viel schiefgehen.

Der Auftritt der dreiköpfigen Band (Keyboard, Gitarre und Schlagzeug) begann herrlich unkonventionell: gut vier Minuten lang waren nur sphärische Gitarren- und Keyboard-Nebel zu hören, bevor mit dem Einsetzen des Schlagzeugs so etwas wie ein Startsignal erfolgte. Als der Gesang des Gitarristen einsetzte, fühlte ich mich an Wu Lyf erinnert, diese kurzlebige Band aus Manchester, die erst einmal dadurch auffiel, daß niemand etwas über sie wusste, dann aber herrlich düstere Musik veröffentlichte. Der gebrüllte, aber irgendwo ganz im Hintergrund stattfindende "Gesang" bei Warm Graves, von dem man nichts verstand, erinnerte mich sehr an Wu Lyf. Beim zweiten Lied (The cold woman) verstand ich dann die Arcade Fire Referenzen, der erste Teil des Textes hätte der von Tunnels sein können. Aber der Gesang ist nicht darauf ausgelegt, ihn zu verstehen, daher kann ich nicht überprüfen, ob wirklich "And if my parents are crying then I'll dig a tunnel from my window to yours" gesungen wurde. Mir gefällt die Idee.




Die Stilmittel, mit denen Warm Graves arbeiten, erscheinen mir als Laien nicht als besonders kompliziert: das eindringliche Schlagzeug klang eher monoton, die Melodien nicht schrecklich komplex und die Texte, nun, zu denen kann ich ja nichts sagen, weil ich nicht mal die Sprache erkennen konnte. Trotzdem war der Auftritt schlicht und einfach brillant und wurde gefeiert!

Vielleicht waren die Booker begeistert davon, daß es auch außerhalb ihrer Insel isländische klingende Bands gibt. Weil am Abend noch Kate Tempest oder Gangly im gleichen Saal auftreten sollten, war das Gamla Bió schon voll. Und obwohl Warm Graves nicht wenig experimentell klingen, blieben alle und feierten sie.


Setlist Warm Graves, Gamla Bió, Reykjavik:

01: Best Ezra

02: The cold women 
03: Headlines
04: Roleaux

Links:

- aus unserem Archiv:
- unsere Berichte von Iceland Airwaves 16





Dienstag, 8. November 2016

Kate Tempest, Reykjavik, 04. & 05.11.16

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Konzert: Kate Tempest
Ort: Kex Hostel & Gamla Bió, Reykjavik (Iceland Airwaves Festival)
Datum: 04. & 05.11.2016
Dauer: gut 25 & gut 40 min
Zuschauer: jeweils volle Häuser (200 / 750)



Heute morgen um 4:18 Uhr stand ich an einer Fußgänger-Ampel in Reykjavik und war auf dem Weg zum Shuttle-Bus zum anderen Shuttle-Bus zum Flughafen. 4:18 Uhr. Auch Gemma, Esther, Alicia, Pete, Bradley und zwei andere Londoner sind um diese Zeit wach, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Esther ist Krankenschwester und kommt vom Dienst, Pete wohnt wieder bei seinem Vater und bringt seine Geld mit Alkohol durch, Alicia träumt von ihrem toten Partner. Pete, Gemma und die anderen sind die Hauptdarsteller des neuen Albums von Kate Tempest. 



Ich hatte die Londoner Schriftstellerin und Musikerin 2014 beim tollen Weekend-Fest in Köln gesehen, das Konzert war atemberaubend! Auf dem Iceland Airwaves spielte die Rapperin zwei Shows, die offizielle am Samstag im Gamla Bió, dem alten Opernhaus und eine als Teil des Off-Programms im Kex Hostel, das vom Sender KEXP (Seattle) übertragen wurde.

Im Kex war es knallvoll. Weil ich das befürchtet hatte, war ich sehr früh da. Auch wenn das Zeit für eine kluge Platzwahl ließ, stand kurz vor Beginn um halb neun zielsicher die größte Deppin im Saal (eine angetrunkene Britin) vor mir. An den falschen Stellen lachen und klatschen, ist selten so unpassend wie bei Kate Tempests Texten; nach 100 Selfies bei Europe is lost begeistert zu johlen, ist absurd. 



Kate Tempest, ihre Keyboarderin, ihr Schlagzeuger und ihr Keyboarder wurden von KEXP anmoderiert. Kate stellte ihre Band vor und machte dann klar, daß sie die ersten 25 Minuten ihres Albums spielen würde. Und so war das. Kate Tempests Texte sind eindrucksvoll. Ihre Darbietung, teils als Text, wie bei einem Poetry Slam, dann gerappt oder gesungen mit Band, atemberaubend! Wie merkt sich die Künstlerin die Texte? In 25 Minuten kann man eine ganze Menge vortragen. Natürlich kann ich Let them eat chaos nicht auswendig, mir fiel daher nur eine Abweichung auf: Kate rappte fuck-frei, es wurden f***s daraus, das amerikanische Radio übertrug schließlich.



Wir kamen in der knappen halben Stunde bis zu Pete und dem Sturm, der über der Straße ausbricht. Wie die Geschichte ausgehe, könnten wir auf ihrer Platte weiterhören. Oder am Tag danach in der Oper.

Setlist Kate Tempest, Kex Hostel, Reykjavik:

01: Picture a vacuum
02: Lionmouth door knocker
03: Ketamine for breakfast
04: Europe is lost
05: We die
06: Whoops
07: Brews
08: Don't fall in


Im Hauptkonzert im Gamla Bió trat Kate Tempest vor wiederum ausverkauftem Haus auf. Sie hatte diesmal 40 Minuten Zeit, konnte also mehr von der Geschichte der sieben Londoner erzählen. Allerdings reichte auch das nicht fürs ganze Album - also die ganze Geschichte, die Platte ist schließlich ein vertontes Buch. Die Poetin ließ We die weg - und auch später Grubby, erzählte die Story aber fertig.


Es ist vielleicht etwas weit hergeholt, mich erinnerte Kate Tempest wieder einmal sehr an Anne Clark. Die ältere Britin ist vielleicht poetischer und sicher weniger wütend, ihr Stil ist Wave nicht Rap. Aber der Sprechgesang, die Geschichten, das ist gar nicht so weit auseinander. Daß ich Morgen nach dem zweiten Konzert unbewußt Hope Road von Anne Clark im Ohr hatte, machte mir den Zusammenhang wieder deutlich. Allerdings endet Anne Clarks Straßenlied trotz des Titels anders ("there is no Hope Road"), Kate Tempests Straßenalbum läßt die zumindest zu.

Intensiv ist eines dieser ekligen Worte, die man viel zu oft in Konzertkritiken liest. Mir fällt aber kein besseres ein, die Stimmung eines Kate Tempest-Konzerts zu beschreiben.

Setlist Kate Tempest, Gamla Bió, Reykjavik:

01: Picture a vacuum
02: Lionmouth door knocker
03: Ketamine for breakfast
04: Europe is lost
05: Whoops
06: Brews
07: Don't fall in
08: Pictures on a screen
09: Perfect coffee
10: Breaks
11: Tunnel vision 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Kate Tempest, Düsseldorf, 29.10.16

- Kate Tempest, Mannheim, 03.06.16
- Kate Tempest, Köln, 28.11.14
- alle Berichte vom Iceland Airwaves 16



Sonntag, 6. November 2016

Wesen, Reykjavik, 05.11.16

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Konzert: Wesen
Ort: SKY Restaurant & Gamla Bió
Datum: 05.11.2016
Dauer: gut 20 & knapp 30 min
Zuschauer: 30 & vielleicht 400



Island hat 330.000 Einwohner und etwa 1.000 vorzeigbare Bands. Weil ja auch noch die zur europäischen Spitze gehörenden Handball-, Fußball- und Basketball-Nationalmannschaften besetzt werden müssen, müssen manche Musiker in mehreren Bands spielen. 

Bei der schwierigen Recherche, welche der vielen Gruppen gesehen werden müssen, blieben einige Namen hängen, einer davon war Wesen, geschrieben W€$€N, wobei die Euro-Striche auch durch das W und N gehen. Wesen sind Loji Höskuldsson und Júlía Hermannsdóttir. Júlía ist auch Teil der fantastischen Shoegazeband Oyama, gemeinsam mit Úlfur Alexander Einarsson (von Útidúr und Gangly - da gemeinsam u.a. mit Jófríður Ákadóttir von Samaris, JFDR und Pascal Pinon - Schaubild folgt!). #namedropping

Wesen machen Elektropop, der eine ordentliche Portion experimentelle Elemente hat. Im Oktober erschien das Debütalbum der beiden (Wall Of Pain) auf Hidden Trail Records. Beim Iceland Airwaves spielten Wesen sechsmal in drei Tagen. Mein erstes Wesen-Konzert fand gegenüber des Harpa im Restaurant des SKY Hotels statt. Das SKY Restaurant liegt im siebten Stock des Hotels und bietet einen wundervollen Blick über die Bucht. Wesen bauten sich vor der Fensterfront auf und begannen mit ein paar Minuten Verspätung ihr Set. Technische Probleme gab es auch später noch einmal bei Virgin eyes ("something went wrong but it sounded ok!"), das war aber nicht dramatisch. 

Je häufiger ich die Lieder der beiden höre, allen voran eben Virgin eyes, desto mehr packen sie mich. Der experimentelle (elektronische) Faktor ist groß, viel größer als bei Samaris bespielsweise und viel größer als ich eigentlich mag, die Kombination der beiden Stimmen mit den Beats hat aber schon sehr viel Charme. Júliás Stimme erinnert mich immer wieder Rachel Goswell. Bei Oyama funktioniert sie als wichtiges Element abwechselnd oder im Duett mit der von Úlfur perfekt, bei Wesen ist das trotz der grundlegend anderen Musik gleich. 

Nach gut 20 Minuten waren die beiden schon fertig. Sie hatten nur bis halb vier spielen dürfen. Als Appetitanreger waren die fünf Songs vor der fantastischen Kulisse aber schon einmal toll, mein zweites und etwas längeres Wesen-Konzert folgte ein paar Stunden später.

Setlist Wesen, SKY Restaurant, Reykjavik:

01: Stay awake
02: The low road
03: Leave the light behind
04: Virgin eyes
05: Rough hands


Den Abend nach Björk und Puffin Island verbrachten wir in der alten Oper, dem Gamla Bió, einem der zahlreichen Konzertsäle, um die man Reykjavik nur beneiden kann. Das Gamla Bió fasst 750 Zuschauer und war eine der Spielstätten des offiziellen Festival-Programms. Daneben finden beim Airwaves hunderte von Konzerten in Kneipen, Restaurants und Läden statt. Geht man abends durch die Stadt, spielt alle 50 m eine Band.


Wesen spielten ihr zweites Set des Tages vor deutlich größerem Publikum. Im Gamla Bió traten später noch unter anderem Gangly und Kate Tempest auf, viele waren aber vermutlich nicht nur wegen einer Platzreservierung schon um kurz vor neun da, sie wollten Wesen sehen. Die beiden Musiker hatten sich umgezogen und standen dichter nebeneinander, das Konzert begann aber zunächst gleich mit Stay awake, The low road und Leaving the light behind ("about not wanting to go to bed. And it's also about my old teacher", erklärte Aston Villa Fan Loji). Danach kam das erste mir neue Lied Beachboys. "Ihr habt jetzt schon getanzt, wir lassen es mit dem Lied ruhiger angehen, ihr braucht eure Energie noch für die Bands später." Beachboys könnte auch ein Kings Of Convenience Cover sein, mit zugeschalteten Wellen.


Es folgte Thought I'd recognize your videos und das fantastische Virgin eyes ("it's a real cool one" - Loji), das von Menschen handelt, die noch nichts Böses in ihrem Leben gesehen haben. You're the one awake, wie alle Stücke von der Platte, beendete das Konzert. 

Wesen sind eine der mir neuen Bands, die bei mir vom Island-Ausflug hängenbleiben werden!

Setlist Wesen, Gamla Bió, Reykjavik:

01: Stay awake
02: The low road
03: Leaving the light behind
04: Beachboys
05: Thought I'd recognize your videos
06: Virgin eyes
07: You're the one awake

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- all unsere Berichte von Iceland Airwaves 2016




Freitag, 4. November 2016

Iceland Airwaves Tag 1, Reykjavík, 02.11.16

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Mein Iceland Airwaves 2016 Tag 1:
  Árstíðir (35 min)
  Hinemoa (30 min)
  Pétur Ben (30 min)
Ort: Gamla Bió
Datum: 2. November 2016
Zuschauer: 60, 100 und 250

(c) Claudia

Einmal im Jahr - Anfang November beim Iceland Airwaves - feiert die isländische Musikszene ordentlich in Reykjavík. Anderswo sieht man sich in den Weihnachtsferien - als isländische Indie-Musikerin ist es dagegen ein muss, in der ersten Novemberwoche in Reykjavík zu sein. Zum Glück dürfen auch nicht-Isländer mitfeiern und nachdem wir uns nach dem ATP-Festival im letzten Jahr nur von Island losreißen konnten, nachdem wir einen festen Plan für das Wiederkommen abgemacht hatten, war das Iceland Airwaves 2016 ganz unabhängig vom Line-up für uns gesetzt. Das Prozedere des Festivals kannten wir alle aus Berichten: Ein offizielles Programm findet von Mittwoch bis Sonntag in verschiedenen Klubs, Sälen und dem Opernhaus Harpa statt, aber daneben gibt es etwa doppelt so viel Konzerte in sogenannten Off-Venues zu erleben. Ein paar ausländische Bands dürfen dabei sein, aber im Wesentlichen rockt und säuselt hier schon der Isländer auf der Bühne.
 
Foyer des Gamla Bió

Da wir alle ganz viel isländische Musik ganz wundertoll finden, hört es sich logisch an, dass wir den Plan fassten, nun auch einmal dabeisein zu wollen. Aber das stimmt nur in der Theorie. Denn ich hasse Auswahlfestivals, wo fest steht, dass ich im Überangebot mehrfach zwischen verschiedenen Optionen wählen muss, die ich beide (oder gar drei) gern erleben würde und die Sorge, in kleinen Venues nicht Platz zu finden bzw. ewig vorher anzustehen ist nicht meine Vorstellung von angenehm verbrachter Zeit. Man stelle sich dazu noch November in Island vor mit Regen, Temperaturen kurz über Null und vielleicht noch horizontalem Wind. Dazu kommen die Festival-üblichen viel zu kurzen Slots von nur 30 min für jede Band. Nee, ich glaube ich hätte mich nicht überreden lassen, dafür Zeit und Geld zu erübrigen. Zum Glück wird das beim Iceland Airwaves etwas abgemildert durch Wiederholungen - viele Bands treten drei bis fünfmal zu unterschiedlichen Tageszeiten an sehr unterschiedlichen Orten auf. Damit lassen sich viele Konflitke auflösen. Aber... Trotzdem! 
 

Die Probe auf's Exempel machte ich mit dem ersten Off-Venue Konzert von Árstíðir, wo es mir eigentlich zu wichtig war, als dass ich es hätte locker angehen können (auch wenn es anschließend noch vier Versuche geben würde). Zum Glück ging das Experiment nach sehr viel Herz klopfen und Nerven zittern gut aus. Da wir schon im wunderschönen Theaterhaus Gamla Bió waren, beschloss ich anschließend nicht durch den Regen zu einem anderen interessant klingenden Konzert zu rennen, sondern unten im großen Saal zu bleiben - auch weil wir uns für den ersten Tag Pétur Ben ausgesucht hatten, der dort später spielen würde.  Damit ergab sich zufällig die Gelegenheit, die Band Hinemoa zu erleben und mit ihr eine herrliche musikalische Überraschung. Der Saal war mit knapp 100 Leuten nur sehr locker besetzt, hat aber eine sehr einladende Atmosphäre und ich wusste schon in dem Moment, als ich mich auf die Seiten-Tribüne setzte, dass es mir hier sehr gut gefallen würde.


Hinemoa sind:
  Ásta Björg Björgvinsdóttir - Gesang, Gitarre, Tasten
  Bergrós Halla Gunnarsdót - Gesang, Gitarre, Tasten

  Kristófer Nökkvi Sigurðsson - Perkussion
  Sindri Magnússon - Bass
 


Also zwei Frontfrauen mit einem Schlagzeug- und einem Bassmann. Auffällig war sofort für mich der sehr tolle Satzgesang und das passte dann auch dazu, dass sie schon beim Árstíðir Releasekonzert als Support dabei waren. Es fing ziemlich poppig an mit genug Indieeinschlag für mich, um angelockt zu sein. Danach schwangen sie sich mit einem ruhigeren Liebeslied noch mehr auf meine Wellenlänge ein. Richtig toll wurde es für mich mit dem Song Bye Bye Birdie und sogar noch besser beim isländischen Song  Í Rökkurró - einfach herrlich war das! Aber mit dem Abschiedssong Running among the Stars wurde noch eins drauf gesetzt durch den Gegensatz von schmachtender Strophe  und dem tanzbaren Refrain - ein wirklich irrer Tempowechsel und damit ein herrlicher Rausschmeißer-Song.


Setlist:
01: Imaginary Cartoons 
02: Declaration 
03: Bye Bye Birdie 
04: Still for a moment 
05: Í rökkurró 
06: Running Amongst The Stars
 


Über den Sänger Pétur Ben stolperte mit dem 2008er Album Wine for my weekness - insbesondere der Song I'll be here blieb im Ohr - sogar bis heute. Vielleicht ist das dem Sänger gar nicht so recht, noch immer vor allem damit verbunden zu werden. Jedenfalls war das, was ich mir als Konzert erwartet hatte, etwas ganz anderes, als der Herr für diesen Abend vorbereitet hatte. Auf der Bühne spielte ein Quintett auf mit großem Schlagzeug, Kontrabass, Saxophon, einer Frau hinter Synthieberg (diese sang auch oft zweite Stimme) und einem Bass neben Pétur Ben und seiner Gitarre.


(c) Claudia

Das Set begann mit einem eigentlich bekannten Stück - Painted Blue - das klang aber ganz anders als weiter unten verlinkt. Es gab nämlich ein unheimlich treibendes Schlagzeug und interessante Taktwechsel. Und so trieb er uns druch ein tolles Set, das mal rockig und drängend und dabei doch auch schwingend und leicht war. Auf jeden Fall extrem abwechslungsreich und begeisternd. Den Zusammenhalt lieferte dabei stets seine Melodie und die Stimme.  Ein regelrechter Krachblues - Blinded by the warning lights - zum Abschied war dabei für mich das Spannungs-Highlight (und natürlich ohne Saxophon...) Gerade als ich bedauern wollte, dass es nun wohl mit dem Spaß schon vorbei sei, holte er 21 Leute als Chor auf die Bühne für einen Vorgeschmack auf das mitternächtliche Körus-Konzert in der Fríkirkjan. Was für ein Glückgefühl dabei transportiert wurde, läßt sich nur sehr schwer in Worte fassen. Und wurde dadurch zu einem grandiosen emotionalen Finale geführt, dass wir mitsingen durften. 


(c) Claudia
Ein wirklich überraschendes Konzert der Sonderklasse ging damit zu Ende und bildete zugleich den Abschluss meines ersten Iceland Airwaves Tages. Zunächst hatte ich mir selbst die Schuld gegeben, seit 2008 mein Pétur-Ben-Bild nicht modernisiert zu haben, aber ich habe keinerlei Spuren im Netz gefunden, die ein solches Konzert hätten vermuten lassen.

Setlist:
01: Painted Blue
02: Search and Destroy
03: O.S. 2.0
04: My saints K.o.'d
05: Skinny Girl
06: Blinded by the warning lights
07: Lonesome like me (Körus) 
  

Aus unserem Archiv:
Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves




 


Árstíðir, Reykjaviík, 02.11.16

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Konzert: Árstíðir
Ort: Petersen Suite in Reykjavík (Iceland Airwaves)
Datum: 2. November 2016
Dauer: 35 min 
Zuschauer: knapp 100

(c) Claudia

Árstíðir hatten kürzlich verkündet nur noch als Trio weiter zu machen, als Kernmannschaft sozusagen mit
  Daniel Auðunsson (Gitarre),
  Ragnar Ólafsson (Piano) und 
  Gunnar Már Jakobsson (Gitarre).

Immerhin hatte ich sie erst im April in Esslingen gesehen, aber ich versprachen mir schon ein besonderes Erlebnis davon, sie in Island zu sehen. Im Rahmen des Iceland Airwaves Festivals gab es dafür fünf Chancen: vier in ungewöhnlichen Orten (sogenannte Off-Venues) und eine offizielle Show in einer Kirche. Der Nerd in mir hätte natürlich am liebsten alle fünf eingesammelt und sich an der Fülle ergötzt - andererseits ist das Programm in Reykjavík einfach zu gut, als dass man dafür dann nicht andere tolle Sachen verpasst. 
  

So war mein Plan, die erste Gelegenheit am Mittwoch Abend zu nutzen und die Kirchenshow am Freitag zu versuchen. Wohl wissend, dass es in den kleinen Venues bestimmt ordentlich eng wird und man vielleicht gar nicht dabeisein kann. Vielleicht wäre also ein Gelingen dieses ersten Versuches ein gutes Omen für das ganze Festival?? Tatsächlich aber hatte ich mir selbst vor dem eigentlichen Festivalbeginn klein geredet, dass ich ganz und gar nicht für solche Situationen gemacht bin. Zur Sorge um das Heineinkommen kam schließlich noch die Sorge um das rechtzeitige Ankommen, die nicht dadurch gebessert wurde, dass im Theater erst die dritte Person wusste, wie es zur Petersen Suite geht und der Weg nur per sehr erratisch funktionierendem Fahrstuhl zu bewältigen war. Der war wohl auch zum Engpass für die Band geworden, denn als wir nur kurz vor Beginn ankamen, waren die Instrumente noch nicht einmal am Mischpult angeschlossen... 
 

Aber immerhin waren wir da - sogar noch rechtzeitig für das Konzert und wir konnten uns - wenn auch etwas mühsam - hineinquetschen. Tatsächlich waren sie zu fünft zum musizieren versammelt (selbst ein wenig gequetscht) mit Jean-Samuel Bez als für mich neuem Geiger und Guillaume Lagraviere als erprobtem Gast am Cello. Der Ort war eigentlich wunderbar gediegen gemütlich, aber leider war der Platz als Konzertort nicht gut genutzt. Recht große runde Tische standen da, wo eigentlich gern Publikum gelauscht hätte. Schließlich wurde die Tür zum Dachgarten aufgemacht, um ein paar mehr Leuten wenigstens das Hörerlebnis zu ermöglichen (allerdings regnete es draußen in Strömen). 

(c) Claudia
Mit schließlich nur zehn Minuten Verzug begann das Konzert traditionell mit den beiden ersten Stücken vom aktuellen Album: Himinhvel und Things you said. Das war am Anfang tatsächlich ein bißchen wacklich so fast ohne Soundcheck aber trotzdem vom Start weg souverän und intensiv. Und es wurde eine wunderbare halbe Stunde: Emotional hoch und höher mit einem nur etwa halbstündigen Best off (wie z.B. das einfach nicht alternde Ljoð í sand). Die Ansagen waren wegen der knappen Zeit auf ein Minimum reduziert. Als auf die Frage Wer spricht isländisch? kaum ein paar Hände aufzeigten war auch klar, dass die Band viele ihrer in der ganzen Welt gewonnen Fans - so wie mich - nach Island gelockt hatte. Es wurde nach Wünschen gefragt, aber die von Stefanie geäußerten wurden  leider nicht erfüllt. Als I-Tüpfelchen gab es aber ganz neues und wunderbares Material und so war es zwar ein für mich zu kurzes Konzert, aber sehr intensiv und vielleicht wirklich mein erhofftes gutes Omen für die Tage im Reykjavík.




Aus unserem Archiv:
Árstíðir, Esslingen, 23.04.16
Árstíðir, Gera, 25.04.14
Árstíðir, Berlin, 08.04.12 
Alle Konzertberichte vom Iceland Airwaves  
 

 

Konzerttagebuch © 2010

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