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Dienstag, 8. August 2023

Haldern Pop Festival 2023

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Konzert: Haldern Pop Festival 2023
Ort: Haldern/Niederrhein
Datum: 03.-05.08.2023
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: ca. 5.500



Schon Tage vor dem diesjährigen Haldern Pop Festival war klar: Es wird wieder eine besondere Ausgabe. Stündliche Updates auf allen Kanälen erklärten das Wacken Festival zum Notstandsgebiet und auch der Niederrhein sollte nicht verschont bleiben. Die letztjährige Hitzeschlacht noch vor Augen, war der Gedanke an nächtliche Kältegrade und andauernde Regenfälle unvorstellbar, sollte sich aber bewahrheiten. Das Orga-Team des Festivals blieb aber immer ruhig und vertraute auf die Gelassenheit der Stammgäste und die eigene Erfahrung. 

Um es vorwegzunehmen: Es gab keinerlei Einschränkungen im Programm und bis auf einige, vom Schlamm verschluckte Schuhe, auch keine größeren Probleme für die Besucher. Richten wir daher das Augenmerk lieber auf die Schönheiten der Ausgabe. Wieder einmal präsentierte sich das Haldern Pop als Füllhorn für Newcomer und ausgewählte Headliner, die eigentlich durch die Bank nur eines gemeinsam hatten: Musikalische Qualität. Dort, wo andere Festivals ihren Besuchern mit diversen sichtbaren oder unsichtbaren Aktionen, wie Sparmaßnahmen (weniger Bands) und neuen Einnahmequellen (Glamping, Parkgebühren) zu Leibe rücken, nimmt das gallische Dorf am Niederrhein immer noch eine Ausnahmestellung ein. 

Trotzdem sollten den Zeichen der Zeit, wie einer zunehmenden Überalterung des Publikums, konsequent entgegengewirkt werden. In Zeiten, in denen für viele das Line-Up alleiniges Kaufkriterium darstellt, muss der Mehrwert des Markenkerns Haldern Pop in die Köpfe der jüngeren Generationen. Und der liegt auf Diversität und ein Hand kuratiertes Line-Up. Ein riesiges Poster mit allen Künstler*innen der letzten 40 Jahre am Eingang veranschaulichte dies auf beindruckende Weise. 


Der Beginn im Spiegelzelt am Donnerstag macht dann auch keine Ausnahme. „Special Interest“ starten mit einer lauten, zeitgeistigen und wuchtigen Show die die Anwesenden schonmal auf Betriebstemperatur bringt und thematisieren den Altersdurchschnitt direkt mit einem sarkastischen „you are collecting vinyl, aren`t you ?“. Da bleibt kaum Luft und Zeit sich erstmal mit Gelände und alten Bekannten vertraut zu machen, denn als Nächstes folgt direkt einer der wenigen, lästigen Überschneidungen. 


Brockhoff präsentiert modernen, eingängigen Pop im kleinen, bereits übervollen Niederrheinzelt, während die New Yorker Nation of Language dem Sound von New Order neuen Glanz verleihen. Beides mit Potenzial für größere Bühnen. Dachte man, mit dem Bassisten von Nation of Language den kuriosesten Männerhaarschnitt bereits früh ausgemacht zu haben, wurde es noch einmal eng. Mit den fantastischen Wunderhorse gab es im Anschluss direkt neue Highlights im Bereich Mullit zu bestaunen. 


Die Band wirkt noch etwas unreif auf der Bühne. Sie beginnen, vielleicht auch aus fehlenden Selbstvertrauen, mit den eigentlich stärksten Songs, können aber trotzdem voll überzeugen. „Leader oft he Pack“ hat das Zeug zum echten Hit. Wer Razorlight oder die Fontaines D.C. mag, ist hier genau richtig. Auf der Hauptbühne gibt es derweil koreanischen Hip-Hop. Balming Tiger nutzen die Breite der Bühne endlich einmal komplett aus und der Regen legt endlich die ersten Pausen ein. 

Das kommt für die Meisten wie gerufen und so entwickelt sich der kleine Doppel-Headliner von Tom Odell und den nachfolgenden Leoniden zur fast nicht mehr geglaubten Party an diesem „Wet Thursday“. Gut, wem trotzdem noch nicht nach Schlafen zu Mute ist. Einer der verlässlichsten Highlights sind bekanntermaßen jedes Jahr die letzten Bands im Spiegelzelt, zu ganz später Stunde. 

Und auch dieses Mal wird wirklich keiner enttäuscht. Hamish Hawk präsentiert uns eine waschechte Crooner Show mit mehr als subtilen Anleihen an große Vorbilder wie Suede und Morrissey. Damit bereitet der den Boden für den Abriss mit Ansage: Panic Shack aus Cardiff zerlegen das Zelt zwar etwas zärtlicher als noch die Idles oder Back Midi in den vergangenen Jahren. Trotzdem bekommt man bei dem herrlich melodiösen Punk Pop und den unvergleichlichen Texten „he put the milk in first“ das Grinsen einfach nicht aus dem Gesicht. Am Freitag bestätigt sich dann endlich die alte Seher Weisheit aus Asterix: „Auf Regen wird Sonnenschein folgen“. 


Der Dorfplatz füllt sich schnell. Eine Bühne gibt es zwar dort dieses Jahr nicht, aber der kleine Biergarten ist perfekt, um endlich die Kontakte zu pflegen, die das straffe Programm am Donnerstag nicht zuließ. Rolf Blumig, schon beim Maifeld Derby eine Überraschung, weiß kurze Zeit später im Jugendheim zu begeistern. Teilweise nah am Pop, dann aber wieder absurd komisch und filigran, spielt er mit seinem Publikum. 

Es folgt eine volle Ladung Gitarrenbands wie schon lange nicht mehr. Courting und Gurriers spielen wilde Sets voller Energie, unterbrochen von Pavements letztjährigem Support Katy J. Pearson, die das Ganze etwas ruhiger, aber musikalisch ausgereifter angeht.


Und trotzdem gibt es zwei große, andere Gewinner des Abends im Bereich Indierock: Porridge Radio erhalten einen prominenten Slot auf der Hauptbühne. Wie verdient dies ist, belegt die Band eindrucksvoll mit einem magischen Set voller Spielfreude. Sängerin Darga Margolin schreit, lacht und springt fast über den Wellenbrecher. Es ist DIE Band der Zeit, genau am interessantesten Punkt ihrer Karriere. 


Diese füllt bei der nächsten Band schon fast Bücher. Die Nerven spielen 75 Minuten im Spiegelzelt. Längere Auftrittszeiten können ja bei Festivals schnell ermüden. Hier ist der Mix aus neuen Songs und einem großen Backkatalog ein Segen. Die Nerven sind locker. Der Ernst und die Wut sind zwar noch spürbar, aber es macht jetzt einfach mehr Spaß als früher, ihnen bei diesem Vortrag zu folgen. 

Besonders schön, dass das Haldern Pop an allen Abenden einen tanzbaren Abschuss auf der Hauptbühne präsentiert. Nach den Leoniden am Donnerstag und den wilden Comet is Coming am Samstag ist es an diesem Abend an den Belgiern von Glauque, uns mit treibenden Beats und sprachgewaltigem Rap ins Zelt zu entlassen. 

Wenn einen da nicht noch Low Cut Connie im Spiegelzelt zur Umkehr bewegt hätten. Ein Orkan eines Auftrittes. Little Richard revisited. Auch wenn die Songs am nächsten Morgen vergessen sind, wird hier mit unzähligen Musikern das große All American Songbook zelebriert. Was für eine Nacht. 



Das Tipi des Grauens (ein „geheimes“ Partyzelt, bisher immer nur im Backstage-Bereich platziert), fordert erste Opfer. Der Gang ins Dorf und zum täglichen Pflaumenkuchen muss am nächsten Morgen entfallen, und so startet der Tag mit dem erwarteten Knall im Spiegelzelt. Die zurecht mit Vorschusslorbeeren bedachten Bipolar Feminin pusten einem wieder Leben in den Körper. Mit dem Gestus von Zeltingers Tochter werden aufwühlender Punk und eindringliche Texte dargeboten, denen man sich nicht entziehen möchte. 

The Mysterines wollen es danach etwas zu gut machen, aber gerade deshalb springt der Funke des Arctic Monkeys Support heute nicht über. Schade. Kein Problem, denn es folgt vielleicht Belgiens bester Pop Act zurzeit. 


Sylvie Kreusch wandelt fast etwas zu sehr auf Lykke Li`s Spuren, hat aber genug gute Songs dabei, damit dies nicht zu sehr in Gewicht fällt. Lasziv tanzend spielen Sie und ihre große Band mit dem Publikum und gehört definitiv nächstes Jahr auf die Hauptbühne, oder eigentlich auf jede Hauptbühne. Einer der imposantesten Auftritte des gesamten Wochenendes, auch oder weil es einfach Pop war. 

Immer wieder setzt Regen ein und lässt daher wieder kein entspanntes Quatschen und Schlendern auf dem Gelände zu. Daher fallen für mich auch Emilie Zoe und Lanterns on the Lake mehr oder weniger aus. Der ein oder andere denkt an die Abreise, oder wie diese überhaupt stattfinden kann. Besonders bei den ruhigen Klängen, mit einem mutigen Spot auf der Hauptbühne angesetzten Konzert von Hania Rani, bleibt Zeit zum Träumen. 

Wieviel besser hätte dieser Gig auf der Wiese bei einem großartigen Sonnenuntergang funktioniert? Zum Abend hin wird es dann aber tatsächlich wieder trockener und einen Iren als Headliner stört so etwas eh nicht. 


Glen Hansard gab sich schon am Mittag volksnah wie immer und schlenderte kurz mit gelbem Regenmantel über das Gelände. So nah kommt man einem Oskar Gewinner nur selten. Auf der Bühne zeigt er sich dann wie immer eklektisch aber überraschend elektrisch. Die E-Gitarre sah man bei ihm ja bisher eher selten, heute spielt fast im Geiste von Neil Young auf, begleitet von einer großartigen Band steht die fast perfekte Show der ersten Hälfte in krassem Kontrast zur Zweiten. 

Hier dominiert wieder die irische Improvisationskunst. Diverse Gäste entern die Bühne, ein Sinead O`Connor Snippet hier, ein Solostück von Susan O`Neill dort. Es ist die helle Freude. Nach 75 Minuten ist Glen Hansard gerade warmgespielt, da ist leider schon wieder Schluss. Ein toller Abschluss und auch ein würdiges Ende dieser 40. Ausgabe. Was bleibt am Ende als Fazit? 


Jeder sollte nach diesem Wochenende für diese einmalige Wundertüte eines Festivals und deren spezieller Spielorte werben. Mit dem Kleben von Postern und guter Hoffnung ist es in dieser übervollen Veranstaltungswelt nicht mehr getan, um das übliche „ausverkauft“ zu vermelden. Haldern lebt von den persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen. Lasst mehr Leute aus eurem Umfeld daran teilhaben und dann gemeinsam neue Erlebnisse kreieren. „Spread the word".

alle Fotos: Denis Schinner


Donnerstag, 30. August 2018

Haldern Pop Festival, 2. Festivaltag, Rees-Haldern, 10.08.18

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Freitag kam ich nur ganz schwer aus dem Bett. Ihr müsst wissen, dass ich in Emmerich in einem kleinen Hotel untergebracht war. Emmerich? So weit vom Schuss? Ja! Leider! 3 Monate vor Festivalbeginn war auf booking com schon nichts Näheres zu finden, wirklich jetzt. Nun, ich also in meinem kleinen Hotelzimmer mit beschissen kleinem Bett, hundemüde und mit Blei in den Beinen, aber ich kann nicht einschlafen. Nicht um 2 nicht um 3 und auch nicht um 4 Uhr. Um 5 fiel ich vermutlich zum ersten Mal in einen Tiefschlafphase, ratzte über den auf 11 Uhr eingestellten Wecker hinweg und wachte irgendwann um 13 Uhr auf. 

Das Problem war nun, schnell nach Haldern zu kommen. Allerdings gibt es von Emmerich nach Haldern immer nur einen Zug pro Stunde und den um 13 Uhr 08 konnte ich schon abschreiben. Blieb nur noch der Zug um 14 Uhr 08, den ich dann glücklicherweise erreichte, nachdem ich mir zuvor an der Rheinpromenade 3 (!) doppelte Espressi bei einem italienischen Eiskaffe reingepfiffen hatte ! 





Ich war also wie gedopt als ich in Haldern ankam und stürmte in die Kirche zu den Barr Brothers. Die beiden Amis waren nicht nur dem Namen nach Brüder sondern auch im wahren Leben und wurden vom Stargaze Ensemble über weite Strecken musikalisch begleitet. 



Andrew und Brad Barr kommen aus Rhode Island/USA, leben aber in Montreal, Kanada und sind dort auch am erfolgreichsten. In den Charts aber auch hinsichtlich der gewonnen Awards für ihr Werk welches bisher 3 Alben umfasst.


In der Kirche zu Haldern kam ihre von bildhübschen Harmoniegesängen und warmherzigen Gitarren geprägte Musik besonders gut zur Geltung, der Spielort war tadellos gewählt. Sie versprühten viel Liebe, Hoffnung, Sanftheit und Intimität und obwohl die Kirche sehr voll, war das Publikum vorbildlich still und aufmerksam. Überwiegend gespielt haben sie ihr 2017er Album Queens Of The Breakers (erreichte Platz 29 in Kanada) aber wenn ich mich recht erinnere gab es auch ein Cover von Lhasa, die vor einigen Jahren verstorben ist. Die Barr Brothers hatten einen engen persönlichen und musikalischen Kontakt zu der Sängerin.



Der Auftritt der Barr Brothers in der Kirche war ein Highlight, keine Frage! Und später spielten sie auch noch ein "Geheimkonzert" in einem Zelt auf dem Festivalgelände. Das war ganz anders, viel experimenteller, aber ungemein gut besucht!

Hier ein youtube video eines Mitbürgers namens Wasserturm 68165


Ich blieb dann auch gleich in der Kirche, denn eine ganz besonders Performance stand nun auf dem Programm. Stargaze spielten Instrumentalcover von Fugazi. Das war schon sehr speziell und weit vom Original entfernt, aber dennoch hielt ich es für ein interessantes Experiment und blieb bis zum Schluss.

Auch im Anschluss bewegte ich mich nicht aus der Kirche raus, ich hatte hier richtiges Sitzfleisch entwickelt. Und ich sollte mein Bleiben nicht bereuen, denn nun spielten Wood River zusammen mit dem Cantus Domus.



Woodriver ist ein Jazz Ensemble aus den USA, angeführt von der Saxofonistin Charlotte Greve. Im Internet findet man verdammt wenige Informationen zu ihnen, ich bin weder auf eine Homepage noch eine Facebook Seite gestossen. Im Haldern Magazin "Dat Blatt" gibt es allerdings eine wundervolle Beschreibung des Projekts, der Auto redet von "magischen Klangwelten", "kostbaren Perlen" und einer "sich besonnen entfaltenden Musik, deren Feinheiten sich wie bei der Wahrnehmung einer Landschaft  dem Betrachter erst nach und nach erschliessen."


In der Tat spielte die Band ein sehr erlesenes, sehr subtiles Konzert, bei dem Musiker des Cantus Domus sogar teilweise in den Gängen der Kirche sangen und den Leuten ganz nahe waren. Die Atmossphäre war sehr angenehm und entspannt und am Ende war ich froh, so lange in der Kirche verweilt zu haben.


Später auf der Hautbühne gab es dann ein Wiedersehen mit dem Musikern von Stargaze, sie spielten die sogenannte Hip Hop Challenge mit Rappern der Band The Lytics und das war sehr lebendig und dynamisch. Wirklich mal was ganz Anderes!


Ab 20 Uhr 15 konzentrierte ich mich auf das Geschehen im Spiegelzelt. Hope aus Deutschland standen auf dem Programm. Gesignt bei Haldern Pop Recordings und angeführt von der jungen Sängerin Christine Börsch-Supan, spielte die 4-köpfige Band aus Berlin ein dichtes, düsteres Set, gespickt mit sphärischen Synthie-Rockstücken. Eine dunkle Messe im Schimmerlicht, perfekt um sich an geheimnisvolle Orte zu Beamen. Manchmal dachte ich an Anne Clark, manchmal an andere Ikonen der New Wave Ära. Musikalisch ein Hybride aus Post Punk und Elektro, also eher kalt und distanziert, blieb der Sound der Berliner aufgrund der markanten und nahegehenden Stimme von Christine dennoch  organisch und lebendig.




Am Ende baute sich das kurzhaarige Mädel mit hochgereckten Armen vor dem Publikum auf und liess sich zu recht feiern. Guter Auftritt!

Etwas später im Spiegeltent kamen dann die Freunde schrägen Indie Rocks auf ihre Kosten. Die kultigen Deerhoof standen um.. bereit und boten ihre gewohnt unterhaltsame und originelle Show aus Garagenrock, Japanpop und Noise. Ihr neues Album Mountain Moves (bereits das 16 zehnte (!) wird im September erscheinen und davon spielte das Quartett aus Kalifornien auch die meisten Stücke. Wer die japanische Sängerin von Deerhoof, Satomi Matsuzaki, noch nicht kannte, wunderte sich über ihren eigentümlichen, fast kindlichen Gesang, wer den Drummer Greg Saunier noch nie in Aktion gesehen hatte, war verblüfft von seinem harten, wilden Bums. Ein toller Gig, wenngleich etwas kurz .


Zeitlich genau zwischen Hope und Deerhoof hatten Seun Kuti  and Egypt 80 aus Nigeria eine jazzzig-funkige, bunte, lebensfrohe Show geboten, bei der man zudem extravagant gekleidete Tänzerinnen bewundern konnte, die wundervollen Schmuck und  ein ausgefallenes Make-up trugen. Auf der Bühne war jede Menge los, es war ein grosses Fest, bei dem der Sohn von Fela Kuti und seine Musiker bewiesen, dass man auch Musik aus Afrika mal ein Ohr (und ein Auge, nämlich bei Konzerten) schenken sollte.

Um 22Uhr 15 stand mit Haldern Liebling Villagers aus Irland aber wieder eher Schwermut an.



Connor O' Brien der hinter dem Projekt steckt, ist für seine weinerliche Stimme und seine traurigen Texte bekannt und war bestimmt schon zum mindestens 3. Mal am Niederrhein mit dabei. Seine diesjährige Show war erneut erlesen, warmherzig, melancholisch und fein arrangiert, aber irgendwie wollte dieses Mal der Funke nicht so recht auf das Publikum überspringen. Die Show plätscherte angenehm vor sich hin, ohne dass mein Puls deutlich schneller schlug. Vielleicht war es die Müdigkeit, vielleicht auch der Grösse des Spielortes. Villagers damals im Zelt waren irgendwie heimeliger.



Nils Frahm hatte schliesslich die Ehre, den Abend als Headliner auf der grossen Buhen ausklingen zu lassen. Nils ist ja auch ein alter Bekannter, ich erinnere mich an einen packenden, intimen Auftritt im Tonstudio Keusgen vor einigen Jahren, als er noch deutlich unbekannter war als heute. Inzwischen ist er ja wirklich ein etablierter Musiker, der nicht nur in Deutschland, sondern auch beispielsweise in Frankreich grosse Erfolge feiert und riesige Säle bespielt.


Damals fast noch ein rein klassischer Pianist, hat sich seine Musik heutzutage weiterentwickelt in Richtung Elektro, Folktronica, ja fast Techno. Und was da alles an Material auf der Bühne stand war beeindruckend! Man sah den Berliner Musiker teilweise fast gar nicht mehr hinter seinen Türmen an elektrischen Pianos und analogen Synthesizern! Wikipedia erklärt mir dann auch, dass Frahm seit 2014 mit einem Piano namens Una Corda spielt, was immer auch diese Wundermaschine kann.


Die Bühne von Nils war sehr düster, die vielen kleinen Lichter waren alle stark gedimmt und eine richtige Interaktion mit dem Publikum konnte so gar nicht stattfinden. Stattdessen war es ein Konzert zum Innehalten, Kontemplieren, Schwelgen, bei denen die Leute mit der höchsten Aufmerksamkeit am reichsten belohnt wurden. Angesichts der Uhrzeit (gegen Ende war es fast halb 2!) gar nicht so selbstverständlich, da der Tag lang und reich an feinen Eindrücken war.

Ich blieb dennoch bis zum Schluss, stand dann aber vor dem Problem wie ich nach Emmerich kommen sollte. Züge fuhren schon längst keine mehr und ein Fahrrad hatte ich auch nicht. Blieb mir nur die Wahl eines sündhaft teuren Taxis, das nach langer Warterei auf der Strasse vor den Maisfeldern aufkreuzte. Der Fahrer war nett, er wollte wissen wie mir der Festivaltag gefallen hatte. Und obwohl er keine der aufgetretenen Bands kannte, meinte er: " Haldern Pop ist immer 'ne tolle Sache und alle hier in der Gegend finden die Veranstaltung super, ich auch, obwohl ich persönlich lieber Elektro höre" Nils Frahm kannte er dennoch nicht. Ist vielleicht eher Elektro für Hipster...








Dienstag, 28. August 2018

Haldern Pop Festival, erster Festivaltag, Haldern, 09.08.18

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"Always different, always the same"

Dieser Satz soll von John Peel stammen und sich auf die Kultband The Fall beziehen. Er kam mir beim diesjährigen Haldern nicht nur deshalb in den Sinn weil The Fall Chef Mark E. Smith kürzlich gestorben ist, sondern weil er irgendwie auch auf die wundervolle Veranstaltung am Niederrhein passt, die heuer ihr 35 jähriges Jubiläum beging.


Einige Dinge sind hier wirklich immer gleich, seitdem ich 2006 zum ersten Mal im Wald am alten Reitplatz aufkreuzte. Die Kühe und Pferde auf den Weiden, die wundervollen Maisfelder auf dem Weg zum Gelände, die selbstgebastelten Schilder mit persönlichen Aufschriften wie: "Welcome back, schön dass du wieder in Haldern bist", die roten Backsteinhäuser mit den schönen flaschengrünen Fensterläden, die alten Scheunen, die vielen blonden blauäugigen Mädchen im Publikum, das Bier, der matschige Boden, der holländische Ansager, die Hauptbühne, das Spiegelzelt und die langen Schlangen davor (heuer weniger lang als in den Vorjahren), das Magazin "Dat Blatt", die Gummistiefel (2018 seltener gesehen), die Steinofenpizza, Die Handbrotzeit, die Poptaler (von denen man immer aus Versehen ein paar nach Hause schleppt), die Fotografen im Graben (man kennt sich seit Jahren vom Sehen) und so viele Dinge mehr. Auch die Bands sind teilweise gleich, oft hat man sie schon ein oder mehrfach in den Vorjahren gesehen, was man positiv als Vertrauen der Bands in das Festival oder negativ als Einfallslosigkeit der Programmgestalter auslegen kann (selbstredend optiere ich für Alternative eins). 




Zu den Wiederholungstätern 2018 gehörten Lisa Hannigan, Gisbert zu Knipphausen (Foto), Philipp Poisel, Public Service Broadcasting, Someday Jacob, Villagers, Nils Frahm, White Wine, Kettcar (Foto unten) und vermutlich auch noch andere, an deren Auftritte der Vorjahre ich mich allerdings nicht mehr erinnere, ohne bei Google nachzugucken.





Neu beim Haldern 2018 aber unter anderem Protomatyr, eine Band aus Detroit, die wohl zum ersten Male überhaupt in Deutschland spielte. Ohnehin gab es wieder etliche sehr vielversprechende Newcomer, die international hoch gehandelt werden wie Jonathan Bree, Tamino, Lewsberg oder Alabaster de Plume, von denen wir alle noch viel hören werden.


In modischer Hinsicht war  Glitzer- Schminke neu, während Renner der Vorjahre wie Seifenblasen und auf dem Rücken getragene winzige Turnbeutel out zu sein scheinen. Der Spielort Jugendheim war wohl nicht ganz neu, obwohl er mir in den Vorjahren nicht aufgefallen ist. Allerdings war ich heuer kein Mal da drin, obwohl so interessante Künstler wie Seamus Fogarty oder Nilüfer Yanya dort auftraten.


Aber das ist eine Sache, die leider immer für mich zum Haldern Pop dazugehört: ich verpasse Bands, die ich liebend gerne gesehen hätte! Teilweise liegt es an zeitlichen Überschneidungen mit anderen Konzerten, teilweise an Kraftmangel, manchmal auch an Essenspausen, die auch sein müssen um durchzuhalten. Oder aber meine Anreise verspätet sich. Ein Klassiker! Wie oft stand ich Donnerstags mittags auf der Anreise im Stau und kam später als gewollt an? Zu oft! 2018 war mir der Verkehr auf der Autobahn allerdings schnuppe, denn ich fuhr von Paris aus mit dem Zug und besitze gar kein Auto mehr. Der Zug von Köln nach Haldern hatte allerdings auch eine Stunde Verspätung. Die Umsteigemöglichkeiten waren ebenfalls wenig attraktiv und so kam ich statt 17Uhr30 erst gegen 18Uhr30 am Halderner Bahnhof an. Die bezaubernde Irin Lisa Hannigan, die in der Kirche von 17h20 bis 18Uhr10 angesetzt war, verpasste ich somit schon einmal komplett. Frustriert  schleppte ich mein schweres Gepäck und meinen schweren Körper durch den kleinen Dorfkern und dann über Feldradwege zum Gelände, checkte im Kiosk ein und bekam mein Pressebändchen mit Fotopas, wie immer flott und reibungslos.



Von Big Thief (Archivbild von mir) aus Brooklyn, auf die ich mich im Vorfeld wahnsinnig gefreut hatte, bekam ich aber nur noch die letzten 2 bis 3 Lieder draussen auf der Wiese vor dem Spiegeltent mit. Unter anderem gab es die Perle Mythological Beauty zu hören, aber für eine fundierte Konzertkritik reichten meine Eindrücke natürlich nicht. Da ich die Band um Adrianne Lenker allerdings schon zwei mal live sehen konnte, weiss ich wie berührend ihre Auftritte sind. Natürlich keine grosse Show, kein Rumgehüpfe, dafür aber viel Authentizität, Intimität, Weltschmerz und Zartheit. Ihr Album Capacity war eines der besten im Jahre 2017, im Herbst 2018 wird nun aber erst einmal ein Soloalbum von Adrianne erscheinen.



Um 19 Uhr war die Zeit der Briten Public Service Broadcasting auf der Hauptbühne gekommen. Die Burschen hatten wir ja damals auf der inzwischen nicht mehr existierenden Beergarden Stage kennen-und lieben gelernt. Die drei Alben der Band hatte ich dennoch seitdem nicht gehört, weil ich einfach mit den ganzen Veröffentlichungen nicht hinterherkomme. Damals war es noch ein Duo, heuer ist es ein Trio, bestehend aus Burschen mit den Phantasienamen J. Willgoose Esq., Wrigglesworth et JF Abraham. Gerade der 2017 hinzugestossene Bassist JF Abraham machte mir unglaublich viel Spass! Er versprühte eine Spielfreude, dass ich nur noch bekifft grinsen konnte! Wahnsinn wie gut gelaunt er war, wie er das Publikum mitriss! 



Drummer Wrigglesworth war eher gewohnt stoisch, während  der Fliege tragende Soundtüftler J Willgoose oft schelmisch grinste. Das Konzept ist noch das gleiche geblieben. Propagandavideos, musikalische Collagen aus Post Punk, Krautrock, Post Rock und Elektronika, kein Gesang, (abgesehen von den gesampelten Radionsagen  passend zu den Videos). Das Ganze war meist ungemein tanzbar und hypnotisierend und auch nicht tierisch ernst zu nehmen. Das war vielmehr Unterhaltung pur, kredenzt von drei Brille tragenden Nerds, die über sich selbst lachen können. Teilweise wurden die drei auch von einem Bläser Trio begleitet, Saxofon, Trombone und Trompete und und auch diese Musiker amüsierten sich wie Bolle. 



Wenn ich es richtig in Erinnerung habe waren sie beim Weltraumstück Gagarin dabei. Abgeschlossen wurde die Show vom dem Bergsteiger Track Everest, der die Mount Everest Erstbesteigung zeigte und in einem fulminosen Finale mit einem heftigen Platzregen endete. Da waren zwar alle im Publikum in Kürze klatschnass, aber geschmunzelt wurde dennoch.



Wer freilich den jungen Briten Jake Bugg sehen wollte, der musste schon auf Public Service Broadcasting verzichtet haben und in etwa zur gleichen Zeit in der Dorfkirche gewesen sein. Da ich aber mit Bugg nicht allzuviel anzufangen weiss, war das für mich zu verschmerzen. Viel verpasst hatte man aber möglicherweise bei dem charismatischen Reverend Beat Man and The New Wave . War im Spiegeltent von 19h45-20Uhr30 angesetzt und klang aus der Ferne sehr bluesrockig und schräg. War bestimmt 'ne coole Show.



Rüber zur Hauptbühne musste ich allerdings nun für die Amerikaner Dirty Projectors. Deren Anfänge um das Jahr 2007 herum mit dem Cover Album Rise Above hatte ich mitverfolgt, aber irgendwie habe ich in den letzten Jahren den Anschluss bei der Diskografie der Band von David Longstreth verloren und die letzten drei Longplayer nicht mehr gehört. Longstreth selbst hat in dieser Zeit seine Band total ausgewechselt, selbst die charismatische Amber Coffman (seine Ex) ist heuer nicht mehr dabei und Angel Deradoorian verfolgt nun seit ein paar Jahren ihre Solokarriere. 




Weibliche Musikerinnen gab es dennoch bei den Dirty Projectors, beim Haldern sahen wir die blonde und stark tätowierte Maia Friedmann an der Gitarre, die erfrischend aufspielende Felicia Douglass mit prachtvoller Löwenmähne am Klavier und die meist im Hintergrund agierende Pianistin Kristin Slipp mit flotter Karoshort. Alle drei sangen im Laufe des Konzertes auch einmal alleine ganz vorne und in der Mitte, ansonsten hatten sie die Rolle Backvocals beizusteuern, eine Rolle, die keineswegs minderwertig war, weil die Chöre bei der Band aus New York schon immer besonders wichtig war. Unwichtiger als früher erscheint bei den Dirty Projectors allerdings das rockige Element geworden zu sein. Sie haben sich musikalisch immer weiter Richtung R'n'B und Indie Soul bewegt, ohne jedoch ihre Identität völlig aufgegeben zu haben. Eine experimentelle Band, deren Musik ständig im Fluss ist und stets überraschend bleibt. Ein guter Auftritt !



Ich musste mich nun sputen um schnell ins Zelt zu Kevin Morby zu kommen. Sein Konzert begann um 21Uhr15 und war schon im Gange als ich eintrat. Voll war es herinnen, aber nicht ganz so heiss wie in früheren Jahren, weil der Donnerstag dieses Mal relativ kühl war. Die Stimmung war durchweg klasse und sehr entspannt, alle hier schienen hier einen guten Abend mit Morby und seiner Band (darunter die talentierte Gitarristin Hand Habbits) zu haben. Mit viel Spielfeude und Nonchalance sang sich der Lockenkopf durch sein knackiges, aber leider recht kurzes Set. Den eindeutigen Schwerpunkt hatte er auf seinen letzten Output City Music gelegt, es gab aber auch 2 Songs von Singing Saw und jeweils einen von Harlem River und von Still Life. Der Abschluss ganz schmissig mit Dorothy, Retrocharme gepaart mit modernem Gitarrensound, unwiderstehlich! Die Menge johlte und ich hätte gerne noch einen Nachschlag bekommen, aber Zugaben gibt es im Spiegelzelt grundsätzlich nicht, dafür sind die Pläne zu straff gezurrt.*



Ich blieb aber im Zelt, unterhielt mich angeregt mit 2 Mitbürgern und wartet auf die folgende Band, Broen aus Norwegen. Schon als die junge Musiker ihre Bühne aufbauten, konnte man ihren eigenwilligen Kleidungsstil sehen. 80er Jahre Windjacken, Birkenstock mit Socken, Blumenaccessoires, Fummel aus dem Vintage Laden. Ich war auf die Musik gespannt. Die klang dann schliesslich nicht öko und nach alten Socken, sondern vielmehr nach modernem, tanzbaren R'n'B, Dreampop, Freejazz und Elektro. Die Lieder wahren eher experimentell gestrickt und nicht wirklich radiotauglich, aber keineswegs sperrig oder anstrengend. Ich verbrachte eine gute Zeit mit Leadsängerin Marianne, der Tubaspielerin Heida Karine, der Synthiespielerin Anja und ihren männlichen Mitstreitern Lars Ove, und Hans. 




Eine feine Entdeckung. Ich muss mir die auf dem exquisiten Bella Union Label erschienene Debüt Platte I love Art unbedingt mal anhören!


Danach war aber Schluss für mich an diesem Eröffnungstag. Als alter Mann muss ich mit meinen Kräften haushalten. Wie tot fiel ich ins Bett...





*Hier die Setlist von Kevin Morby



City Music

Crybaby
1234
Aboard My Train
Harlem River
Parade
Dry Your Eyes
I Have Been To The Mountain
Dorothy






Mittwoch, 16. August 2017

Haldern Pop Festival, 3. Festivaltag, 12.08.2017

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Haldern Pop Festival, 3. Festivaltag, 12.08.2017
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 12.08.2017
Zuschauer: etwa 7000
Konzertdauer: von früh bis spät




Weisswein zum "Frühstück", das ist doch mal was. Wobei Frühstück ein dehnbarer Begriff ist, für eine Nachteule wie mich ist 14Uhr 15 recht früh, zumindest für ein Konzert. White Wine aus Leipzig spielten zu dieser Zeit in einer völlig überfüllten Pop Bar und es fiel mir schwer, die drei Akteure vorne auf der Bühne zu sehen. Als da wären Joe Haege (31 Knots, Tu Fawning), Fritz Brückner und der neu hinzugestossene Christian Kühr an den Drums. Das Konzert war toll und der Sound der Band originell, schmissig und innovativ, aber aufgrund meiner anstrengenden Position (hinter riesigen Menschen) blieb ich nur etwa vier Lieder, bevor ich zu Daniel Brandt und seinen beiden Mitmusikern auf die Hauptbühne eilte. 


Brandt war um 15 Uhr angesetzt und sein Set gefiel mir richtig gut. Instrumentelle Musik mit postrockigen Ansätzen, einem fintenreichen Schlagzeugspiel und einer famosen Trombone, langweilig wurde es mir trotz fehlenden Gesanges nicht. Im Gegenteil, das Set hatte einen hypnotischen Charakter, war tanzbar und abwechslungsreich. Gespielt wurden Tracks des Albums Eternal Something.




Danach ging es für mich mit Voodoo Jürgens und seiner Band im Spiegelzelt weiter. Die Österreicher hatten Verspätung, waren auf der Autobahn in einen Stau geraten, kamen aber schliesslich doch und das war gut so, denn die im österreichischen Akzent vorgetragene Kabaretmusik hatte hohen Unterhaltungswert und einen einzigartigen Stil. Die Fachpresse bezeichnet Sänger David Öllerer wohl gerne als alpenländischen Tom Waits und so abwegig ist der Vergleich gar nicht. Allzu gerne hätte ich die sicherlich witzigen Texte verstanden, aber dazu war mein österreichisch doch zu schwach. Öllerer fragte deshalb auch, ob es für uns nicht ähnlich sei, wie Eros Ramazotti zuzuhören und wenn ich ehrlich war, fühlte es für mich so an. Natürlich nicht so schmalzig, aber ich kapierte nicht worum es in den Liedern ging. Um die abgehängte Arbeiterschaft wie man in einem Artikel lesen konnte? Um Säufer, Verlierer, Randerscheinungen in einem immer schicker werdenden Wien?

Ein Lied hiess jedenfalls Gitti, dazu hätte man fast mitschunkeln können, es war enorm stimmungsvoll, hatte aber auch viel Melancholie, die mich an Element Of Crime erinnerte.




Letzlich dauerte das Set nur etwa 30 Minuten, weil die Verspätung von 15 Minuten nicht mehr nachgeholt werden konnte. Die halbe Stunde hatte es aber in sich, allein der Look der Musiker war zum Schiessen! Diese schwere Zuhälter-Halzkette von Öllerer, die hässlichen Hemden im Stile der 80er Jahre, die clochardhaften Anzüge, köstlich!

Nun muss ich unbedingt die Texte studieren, damit sich für mich das schrille Universum von Voodoo Jürgens erschliesst!


Weniger schrill und optisch deutlich geschmackssicherer war Julia Jacklin aus Australien um kurz vor acht im Spiegelzelt. Die natürliche Blondine gähnte vor ihrem Auftritt etliche Male, aber das verstand sich von selbst, wenn man sich ihren Tourstress und ihre weiten Reisen vergegenwärtigt. Das arme Mädel muss platt sein! Bei dem wunderbaren Konzert liess sie sich die Müdigkeit aber nicht anmerken, spielte gemeinsam mit ihrer männlichen Band hervorragende Songs von ihrem glänzenden Album Don' Let The Kids Win, darunter die Indiehits Coming Of Age und Poolparty, welches das vorzügliche Set beendete. Etwa in der Mitte des Programms gab es auch Platz für die gelungene Coverversion von Someday von The Strokes.


Die Mischung aus Folk und Indierock klang erlesen und hochkarätig, obwohl Jacklin nichts Neues erfindet und man Songs dieser Art schon vorher bei anderen gehört hatte. Dennoch: ein grosses Talent, starke Lieder und ein hoher Sympathiefaktor.


Sehr sympathisch fand ich auch den Auftritt der beiden jungen Freundinnen Rosa Walton und Jenny Hollingworth von Let's Eat Grandma um kurz vor 9 im Spiegelzelt. Verblüffend die Unbeschwertheit und Kreativität der beiden. Zum Beginn des Sets veranstalteten sie erst einmal ein Klatschduell, wie wir es als Kinder spielten, bevor sie dann in der weiteren Folge an Keyboard, Flöte, Mandoline, Saxofon und weiteren Instrumenten Akzente setzten. Ein Mädel hatte völlig löchrige schwarze Jeans und beide hatten sie lange lockige Haare, die sie wie schwere Jungs der Heavy Metal Szene durch die Luft wirbeln liessen. In zwei Situationen musizierten die beiden gar flach auf dem Boden liegend!




Dennoch war dies alles keine billige Effekthascherei, sondern Ausdruck jugendlicher Experimentier-und Spielfreude und auch stilistisch gingen die Mädels spielerisch von Pop zu Rap und von Rap zu Folk über, als ob es keinerlei Grenzen gäbe (was löblich ist). Ihr Debütalbum I, Gemini ist bereits erhältlich und davon spielten sie unter anderem Eat Shiitake Mushrooms.


Nach Let's Eat Grandma lief ich dann schnell rüber auf die Hauptbühne, um noch etwas vom Set der Afghan Whigs mitzubekommen, aber es lief schon die Schlussphase, so dass ich mir kein Urteil über die Güte des Auftritts erlauben will. Mein Bloggerkollege Dirk hat aber das Konzert der Band von Greg Dulli ausführlich beleuchtet, deshalb verweise ich hiermit auf seinen Bericht.

Nach den Afghan Whigs ging es für mich erneut Richtung Spiegelzelt, um mir ein wenig Klangstof aus Amsterdam anzusehen. Klangstof spielten nicht sehr lange, aber das was ich hörte, gefiel mir durchaus. Sphärisch-melancholischer Gittarenpop mit hübschen Synthiemelodien und einem Sänger der mit seinem Falsett phasenweise an Chris Martin von Coldplay erinnerte. Stadionmusik war das Ganze aber auf keinen Fall, auch wenn die andere Referenz die mir in den Sinn kam, Radiohead nämlich, ähnlich wie Coldplay Arenen beschallen. Gerne hätte ich noch mehr von Klangstof gehört, aber der Auftritt beim Haldern Pop 2017 war zumindest ein Appetitanreger für das Ansehen eines Clubkonzertes der Band.



22Uhr30, Zeit für die Britin Kate Tempest auf der Hauptbühne. Sie hatte ja bereits am gleichen Ort gespielt, 2015 wenn ich mich recht erinne und nicht Google zu Rate ziehe, um das zu bestätigen. Damals hat mich das Ganze  nicht so richtig gepackt, heuer aber war ich von Beginn an fasziniert. Überraschend, denn ich hatte weder ihre 3 Alben gehört, noch ihren Roman oder ihre Poesie gelesen. Ausserdem mag ich Rap und Hop in der Regel nicht und mit politischen Texten habe ich nie intensiv auseinandergesetzt. Schon als Student war ich politisch nicht engagiert, habe mich aber immer  ziemlich bewundernd gefragt, was diese Weltverbesserer antreibt. Woher kommt ihre Motivation, woher die Wut? Ist das nur Ausdruck schlechten Gewissens, der Versuch von den anderen für die wohltäterische Haltung gemocht zu werden oder wahre, aufrichtige Philanthropie? Und wie sieht es diesbezüglich bei Kate Tempest aus? Warum ist die junge Frau so wütend, warum blökt die das Publikum die ganze Zeit so an? Ist sie Anklägerin oder eher Beobachterin? 



Und wer bitte sind Alisha, Esther und Gemma, von denen sie  in Haldern ganze Zeit sang? (bzw. redete) Was habe ich denn mit denen zu tun? Fragen über Fragen, während Kate Tempest ohne Luft zu holen ihr Mikro anpöbelte. Das Tempo, die Intensität und die Wucht mit der sie sich artikulierte war schlicht und einfach atemberaubend, sie rappte mich in Grund und Boden, sang über Selfies, Tinder, Leuten die zur Frühschicht müssen, um ihren Kredit abzubezahlen, Politikern die toten Schweinen in den Mund bumsen (natürlich spielte sie auf David Cameron an), den Anstieg des Wasserspiegels, das Artensterben, Prostituierte, Leuten die nachts noch wach sind (4:18) etc. Im Grunde wurde jedes heisse Eisen angefasst, Klassenunterschiede, Armut, Alkoholismus, Naturkatastrophen, die Konsumgesellschaft, nichts wurde ausgespart. Natürlich war das manchmal ein wenig anstrengend, aber  Tempest legte soviel Wucht in ihre Wortsalven, das man einfach nur staunen konnte. Und die minimalistisch klaustrophobe Synthiemusik passte hierzu genau, sie war düster, bedrohlich, aber auch sehr tanzbar und hypnotisierend. 




Fast eine Stunde lang schrie sich die Britin die Lunge aus dem Hals, spielte hauptsächlich ihr aktuelles Album Let Them Eat Chaos und hatte mich am Ende sehr beeindruckt zurückgelassen. Allein die Vorstellung, das man sich so dermassen viel Text merken und den so schnell und fehlerfrei runterrappen kann, war für mich  schlichtweg unglaublich!


Setlist Kate Tempest:

Picture A Vacuum
Lionmouth Door Knocker
Ketamine For Breakfast
Europe Is Lost
We Die
Whoops
Brews
Don't Fall In
Pictures On A Screen
Perfect Coffee
Grubby
Breaks
Tunnel Vision

Tja und dann war bei mir die Luft raus. Man soll ja schliesslich gehen, wenn es am besten ist und das war bei Kate Tempest der Fall, obwohl ich auch Tom Grennan oder Idles im Spiegelzelt noch gerne gesehen hätte. Aber das Haldern zeichnet sich ja auch dadurch aus, dass man hinterher über Bands stolpert, die man am Niederrhein verpasst hatte. Dann sagt man sich: "Hey, die haben doch schon im Frühstadium ihrer Karriere beim Haldern Pop gespielt, hätte ich doch bloss früher gewusst wie gut die sind, dann hätte ich sie mir bestimmt angesehen!"

In diesem Sinne bis zum nächsten Jahr in Haldern, oder aber jetzt im Herbst noch in Kaltern in Südtirol, allein die wundervollen Landschaftsfotos reizen einen, da mal hinzufahren und mit einem Glaserl Wein die feinen Bands anzuschauen.



 

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