Mittwoch, 26. November 2014

Morrissey, Paris, 27.10.14


Konzert: Morrissey
Ort: le Grand Rex, Paris
Datum: 27.10.2014
Zuschauer: ausverkauft, etwa 2700
Konzertdauer: etwa 90 Minuten

Setlist:

01: The Queen Is Dead (The Smiths)
02: Speedway
03: Kiss Me A Lot
04: I'm Throwing My Arms Around Paris
05: World Peace Is None Of Your Business
06: Neal Cassady Drops Dead
07: Istanbul
08: One Of Our Own
09: Trouble Loves Me
10: The Bullfighter Dies
11: Earth Is The Loneliest Planet
12: Yes, I Am Blind
13: Kiss The Bride Down The Aisle
14: Meat Is Murder (The Smiths)
15: Staircase At The University
16: I'm Not A Man
17: Asleep (The Smiths)

18: Suedehead
19: Everyday Is Like Sunday


Ach menno, dieses sehr vielversprechende Konzert hat mich dann doch nicht so richtig gepackt. Woran lag's ? Nun, da wäre zunächst der frühe Beginn zu kritisieren. 20 Uhr 30 als Start für eine Show, ein schlechter Witz für Spätankömmlinge wie mich ! Ich kam erst um 20 Uhr 55 angeschlichen und habe satte 25 Minuten verpasst. Konzerte sollten nicht vor 21 Uhr beginnen ! Dennoch mea culpa. Dann: das eigentlich komplett bestuhlte Konzert fand schließlich doch im Stehen statt, weil das Publikum keine Lust hatte zu sitzen, was absolut verständlich war. Bloß sind dann 78 Euro dafür ziemlich happig, zumal nach vorne hin zu meinem eigentlichen Platz kein Durchkommen mehr
war.

Das Konzert selbst: Morrissey war sehr gut bei Stimme, sah aber etwas ausgezehrt aus. Nachvollziehbar, weil man ja inzwischen weiß, daß er an Krebs erkrankt ist. Vor diesem Hintergrund eine sehr gute stimmliche Leistung. Aber: es kam nicht so viel rüber wie ich mir das erhofft hatte. Das Publikum war alt, lahm und träge und anstatt zu tanzen, klatschen die Leute meistens nur blöd im Takt mit. Man fühlte sich teilweise wie bei Dieter Thomas Heck. Nicht allein Morrissey's Schuld, aber sowas liegt natürlich dann auch an den Eintrittspreisen. Bei knapp 80 Euro kommen kaum junge Leute und ich war umzingelt von Leuten meines Alters. Ehemalige Rebellen, die heutzutage eher bürgerlich geworden sind, gute Jobs und eine hohe Kaufkraft haben. Die Herren mit den kurzen grauen Haaren, den schwarzen Hornbrillen und den Fred Perry Jäckchen + Paul Smith Schals arbeiten sicherlich im richtigen Leben im Verlagswesen, als Lehrer oder Professoren, als Homöopathen oder Freiberufler.


Die Songauswahl war eher mäßig, zumindest aus meiner Sicht. Allein 10 Lieder stammten vom neuen Album und das hatte ich eben dummerweise vorher nicht gehört, deshalb rauschten diese Songs an mir vorbei. Auch meine Schuld, aber ich hatte mir schon erhofft, daß Lieder von You Are The Quarry, oder  Ringleader Of The Tormentors gespielt würden. Da konnten auch die vereinzelten The Smiths Songs nichts rausreißen, denn The Queen Is Dead wurde gleich an den Anfang gestellt und folglich von mir verpasst, Yes I'm Blind kannte ich gar nicht (sorry, es gibt größere Experten als mich, was die Diskografie der Kultband anbelangt), Asleep hätte ich gerne gegen How Soon Is Now ausgetauscht, was in anderen Städten innerhalb der Tour gespielt wurde und zu Meat Is Murder gab es abstoßende Videos von mißhandelten Zuchttieren, von denen man nicht wußte woher sie stammten. Da hätte ich mir schon gewünscht, daß Ross und Reiter genannt werden, ansonsten ensteht eben der (sicherlich von Morrissey gewünschte) Eindruck, in jedem Zuchtbetrieb würde es ganz genau so brutal und barbarisch zugehen, was ich zumindest anzweifele. Morrissey kniete zu dem Stück theatralisch Richtung Bildschirm gewandt (und somit mit dem Rücken zu den Zuschauern) als sei er Willy Brand, der den Kniefall von Warschau vor den Tieren wiederhole. Seltsamerweise war Morrissey hinsichtlich der Behandlung von Mitmenschen nicht so zimperlich. So wurden denn gleich nach den Ekelvideos Fans, die auf die Bühne gekraxelt kamen, um Crowdsurfing zu betreiben mit unerbitterlicher Härte behandelt und ins Publikum zurückgeschmissen wie die armen Hühner deren Mißhandlung man in den Videos vorher ertragen musste. Da hätten ich mir schon erhofft, daß der Starsänger die Ordner anweist, sanfter mit den Leuten umzugehen, aber die grobe Behandlung der Fans schien ihm schnuppe zu sein (beim Stierkampf will er ja auch, daß der Stierkämpfer und nicht der Stier getötet wird).

In musikalischer Sicht fiel mir auf, daß der Mann aus Manchester immer schnulziger wird. Vom ehemaligen Indierock der Smiths ist nicht mehr viel übrig geblieben, Morrissey geht bewußt den Weg Richtung Crooner à la Sinatra oder Elvis Presley. Junge Bands die die Smiths lediglich imitieren, klingen da inzwischen frischer als das Original. Und Boz Boorer ist sicherlich ein sehr guter Gitarrist, aber optisch und szenisch wirkte er wie ein feister Kneipenmusiker.




Letzlich kam dann erst zu den Zugaben Suedehead und Everyday is Like Sunday so richtig Stimmung auf. Das rhythmische Mitgeklatsche störte allerdings eher, sowas brauchte ich nicht. Auch das Verteilen von Handzetteln von sexy gekleideten Peta Ladys mit dem Konterfei von Morrissey mit dem auf den Fingern tätowierten Worten  "meatfree" hätte man sich sparen können, das wirkte missionarisch und lästig. Platten gab es hingegen keine zu kaufen, da neue Album war nicht verfügbar, weshalb auch die Musiker zum Ende der Show mit weißen T-Shirts und dem schwarzen Audruck "Fuck Harvest" aufliefen.

Letztlich eine solide Show des Briten (immer mit dem erhobenen Zeigefinger gespielt), aber defintiv kein Konzerthighlight für mich. Eine alter Konzertkumpel, der seit Jahrzehnten kein gutes Konzert ausfallen läßt, brachte es auf den Punkt: "The Queen is almost dead." (und damit spielte er keineswegs auf den Gesundheitszustand von Morrissey an, sondern auf musikalische Aspekte).



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