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Montag, 21. Oktober 2019

New Order, Paris, 11.10.19

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Konzert: New Order
Ort: Le Grand Rex, Paris
Datum: 11.10.2019
Zuschauer: ausverkauft, also etwa 2700
Konzertdauer: 1:40
Fotos: Foto 1 und 6 Christoph Gatschiné ©, Foto 2 und 4 Laurent Coudol ©, Foto 3 Emmanuel Foricher ©, Foto 5 Francis Lennert ©, merci beaucoup à vous !




Was hatte ich eigentlich unter all den ergrauten und faltigen Herren zu suchen? Wo kamen diesen ganzen alten Säcke her? Ich konnte mir das nicht erklären...

Psychologen würden mir wahrscheinlich sagen, dass ich eine gestörte Selbstwahrnehmung habe, dass die Diskrepanz zwischen meinem gefühlten und tatsächlichen Alter riesig sei. Denn: ich war mit hoher Wahrscheinlichkeit genauso alt und grau wie die meisten anderen hier im Pariser Grand Rex die sich zum Konzert von New Order eingefunden hatten. Da standen sie nun also mit ihren alten verwaschenen Joy Division T-Shirts und ihren Harrington Jacken und warteten darauf, dass die Vorgruppe fertig war. Ich selbst hatte auch keine Lust, mir vor New Order noch eine andere Band anzusehen, schliesslich bin ich nicht mehr der Jüngste (ach so?) und brauchte meine Energie.

Durch eine Cola Zero gestärkt betrat ich nun den Konzertsaal und liess mir von der netten Platzanweiserin meinen Sitzplatz zeigen. Das Grand Rex ist bestuhlt, denn es ist eigentlich auch ein Kino, wenn keine Konzerte sind. Angeblich das grösste Europas. Die Preise für einen dieser Sitzplätze für New Order waren gesalzen, gut 60 Euro musste man blechen, um sich dort reinflätzen zu dürfen. Allein deshalb schon verliefen sich nur wenige jüngere Leute hierhin.

Ich sass also gemütlich im Sessel und harrte der Dinge. Die Dame links neben mir las auf ihrem Handy Tennisnachrichten. Federer hatte heute verloren, für mich als Fan ein kleines Drama. Eigentlich wollte ich da gar nicht mehr dran denken, aber heutzutage ist es kaum noch möglich, Infos aus dem Weg zu gehen. Irgendjemand hat immer ein Handy mit einem grossen Display und da schaut man halt mal ab und zu drauf.




Dann erklang plötzlich Das Rheingold von Wagner. Ein schöner Beginn dieses Intro! Die Band selbst war noch in der Kabine und kam erst nach Ausklingen auf die Bühne. Erster regulärer Song war Age Of Consent, ein Klassiker von Power, Corruption and Lies. Ein wahnsinnig rasantes Stück mit eindrucksvollem Schlagzeugspiel von Stephen Morris und einem markanten Basslauf. Es gehört sicherlich zu den 10 besten Liedern von New Order. Dennoch blieb das Publikum erst einmal recht verhalten, kein Wunder, die überwiegende Mehrheit sass ja bequem im Sessel!

Es folgte Restless, der vermutlich beste und kernigste Song des letzten Albums Music Complete, mit dem New Order 2015 getourt sind. Von diesem Machwerk sollte schliesslich die Mehrheit der Lieder stammen, später auch unter anderem der starke Dance Track Plastic.

Dann überraschte mich die Band mit einem doppelten Paukenschlag in Form von zwei Joy Division Songs. She's Lost Control war schon vor dem Kinofilm Control einer meiner absoluten Favoriten und Disorder ist auch ein sehr starkes Lied. Beide bekamen New Order sehr ordentlich hin, wenngleich Barney natürlich überhaupt nicht die gleiche Stimme wie Ian Curtis hat. Er versuchte ihn erst gar nicht zu imitieren, was auch besser so war.




Das Intro von Your Silent Face klang nach Kraftwerk oder auch Cluster, bevor die Synthies einsetzten und Barney Harmonica spielte, in der Mitte dann diese irre Bass Passage, bei der Bassist Tom Chapman zeigte, dass er ein sehr ordentlicher Ersatz für Hooky ist.

Überhaupt machte die Band einen guten Eindruck, vor allem Drummer Stephen Morris beeindruckte mich mit seinem präzisen und irre schnellem Spiel. Schade, dass um ihn noch nie halb so viel Wirbel gemacht wurde wie um Barney und Hocky obwohl er schon bei Warsaw, der Vorgangerband von Joy Division, trommelte. Er hat kürzlich ein Buch herausgegeben, vielleicht macht ihn dies ein wenig bekannter.




Die zweite Hälfte des Sets war ein regelrechtes Best-Of, in der zur grossen Freude der Fans die bekanntesten Stucke der Gruppe gespielt wurden. Blue Monday, True Faith, Bizarre Love Triangle, Temptation, wir bekamen fast alle Hits geboten. Fast, denn es fehlten Klassiker wie Perfect Kiss, Crystal oder Ceremony. Die hätten sie ruhig spielen können, schließlich hatten wir hier alle  viel Geld geblecht. Aber auch so kam man insgesamt auf seine Kosten, denn allein die Videoanimationen waren das Kommen wert. Normalerweise machte ich mir nichts aus Videos, die hier waren aber allesamt anregend und sehenswert. Besonders toll waren die Autofahrten, das war fast wie einem Computerspiel!


Auf der Videoleinwand "spielte auch bei den beiden Zugaben die Musik". Nicht im wörtlichen Sinne natürlich, aber man sah in verschwommenen Bildern Ian Curtis tanzenderweise, zusammen mit seinen Bandkollegen auf einer Brücke stehend, später in einem markanten schwarz-weiss Porträtfoto und schliesslich gab es den Schriftzug Forever Joy Division. 







Das hatte ich 2012 schon mal live miterlebt, neu war das also nicht, aber irgendwie war ich doch recht bewegt, als ich das auf der Leinwand sah. Die Fans tanzten zu Love will Tear Us Appart noch einmal sehr ausgelassen mit und taten so als seien sie 16 und nicht 46. Teilweise schon ein wenig albern, aber was will man machen, gegen Nostalgiewallungen sind wir alle nicht gewappnet und nicht nur in meinem Falle waren New Order ein wichtiger Teil unserer Jugend. Schon toll, dass sie 2019 noch auf den Bühnen der Welt stehen und ihre Klassiker zum Besten geben!

Setlist:

Age Of Consent
Restless
She's Lost Control (Joy Division Song)
Disorder (Joy Division Song)
Academic
Your Silent Face
World
Tutti Frutti
Subculture
Bizarre Love Triangle
Fine Time
Plastic
True Faith
Blue Monday
Temptation

Decades (Joy Division Song)
Love Will Tear Us Apart (Joy Division Song)



Mittwoch, 26. November 2014

Morrissey, Paris, 27.10.14

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Konzert: Morrissey
Ort: le Grand Rex, Paris
Datum: 27.10.2014
Zuschauer: ausverkauft, etwa 2700
Konzertdauer: etwa 90 Minuten

Setlist:

01: The Queen Is Dead (The Smiths)
02: Speedway
03: Kiss Me A Lot
04: I'm Throwing My Arms Around Paris
05: World Peace Is None Of Your Business
06: Neal Cassady Drops Dead
07: Istanbul
08: One Of Our Own
09: Trouble Loves Me
10: The Bullfighter Dies
11: Earth Is The Loneliest Planet
12: Yes, I Am Blind
13: Kiss The Bride Down The Aisle
14: Meat Is Murder (The Smiths)
15: Staircase At The University
16: I'm Not A Man
17: Asleep (The Smiths)

18: Suedehead
19: Everyday Is Like Sunday


Ach menno, dieses sehr vielversprechende Konzert hat mich dann doch nicht so richtig gepackt. Woran lag's ? Nun, da wäre zunächst der frühe Beginn zu kritisieren. 20 Uhr 30 als Start für eine Show, ein schlechter Witz für Spätankömmlinge wie mich ! Ich kam erst um 20 Uhr 55 angeschlichen und habe satte 25 Minuten verpasst. Konzerte sollten nicht vor 21 Uhr beginnen ! Dennoch mea culpa. Dann: das eigentlich komplett bestuhlte Konzert fand schließlich doch im Stehen statt, weil das Publikum keine Lust hatte zu sitzen, was absolut verständlich war. Bloß sind dann 78 Euro dafür ziemlich happig, zumal nach vorne hin zu meinem eigentlichen Platz kein Durchkommen mehr
war.

Das Konzert selbst: Morrissey war sehr gut bei Stimme, sah aber etwas ausgezehrt aus. Nachvollziehbar, weil man ja inzwischen weiß, daß er an Krebs erkrankt ist. Vor diesem Hintergrund eine sehr gute stimmliche Leistung. Aber: es kam nicht so viel rüber wie ich mir das erhofft hatte. Das Publikum war alt, lahm und träge und anstatt zu tanzen, klatschen die Leute meistens nur blöd im Takt mit. Man fühlte sich teilweise wie bei Dieter Thomas Heck. Nicht allein Morrissey's Schuld, aber sowas liegt natürlich dann auch an den Eintrittspreisen. Bei knapp 80 Euro kommen kaum junge Leute und ich war umzingelt von Leuten meines Alters. Ehemalige Rebellen, die heutzutage eher bürgerlich geworden sind, gute Jobs und eine hohe Kaufkraft haben. Die Herren mit den kurzen grauen Haaren, den schwarzen Hornbrillen und den Fred Perry Jäckchen + Paul Smith Schals arbeiten sicherlich im richtigen Leben im Verlagswesen, als Lehrer oder Professoren, als Homöopathen oder Freiberufler.


Die Songauswahl war eher mäßig, zumindest aus meiner Sicht. Allein 10 Lieder stammten vom neuen Album und das hatte ich eben dummerweise vorher nicht gehört, deshalb rauschten diese Songs an mir vorbei. Auch meine Schuld, aber ich hatte mir schon erhofft, daß Lieder von You Are The Quarry, oder  Ringleader Of The Tormentors gespielt würden. Da konnten auch die vereinzelten The Smiths Songs nichts rausreißen, denn The Queen Is Dead wurde gleich an den Anfang gestellt und folglich von mir verpasst, Yes I'm Blind kannte ich gar nicht (sorry, es gibt größere Experten als mich, was die Diskografie der Kultband anbelangt), Asleep hätte ich gerne gegen How Soon Is Now ausgetauscht, was in anderen Städten innerhalb der Tour gespielt wurde und zu Meat Is Murder gab es abstoßende Videos von mißhandelten Zuchttieren, von denen man nicht wußte woher sie stammten. Da hätte ich mir schon gewünscht, daß Ross und Reiter genannt werden, ansonsten ensteht eben der (sicherlich von Morrissey gewünschte) Eindruck, in jedem Zuchtbetrieb würde es ganz genau so brutal und barbarisch zugehen, was ich zumindest anzweifele. Morrissey kniete zu dem Stück theatralisch Richtung Bildschirm gewandt (und somit mit dem Rücken zu den Zuschauern) als sei er Willy Brand, der den Kniefall von Warschau vor den Tieren wiederhole. Seltsamerweise war Morrissey hinsichtlich der Behandlung von Mitmenschen nicht so zimperlich. So wurden denn gleich nach den Ekelvideos Fans, die auf die Bühne gekraxelt kamen, um Crowdsurfing zu betreiben mit unerbitterlicher Härte behandelt und ins Publikum zurückgeschmissen wie die armen Hühner deren Mißhandlung man in den Videos vorher ertragen musste. Da hätten ich mir schon erhofft, daß der Starsänger die Ordner anweist, sanfter mit den Leuten umzugehen, aber die grobe Behandlung der Fans schien ihm schnuppe zu sein (beim Stierkampf will er ja auch, daß der Stierkämpfer und nicht der Stier getötet wird).

In musikalischer Sicht fiel mir auf, daß der Mann aus Manchester immer schnulziger wird. Vom ehemaligen Indierock der Smiths ist nicht mehr viel übrig geblieben, Morrissey geht bewußt den Weg Richtung Crooner à la Sinatra oder Elvis Presley. Junge Bands die die Smiths lediglich imitieren, klingen da inzwischen frischer als das Original. Und Boz Boorer ist sicherlich ein sehr guter Gitarrist, aber optisch und szenisch wirkte er wie ein feister Kneipenmusiker.




Letzlich kam dann erst zu den Zugaben Suedehead und Everyday is Like Sunday so richtig Stimmung auf. Das rhythmische Mitgeklatsche störte allerdings eher, sowas brauchte ich nicht. Auch das Verteilen von Handzetteln von sexy gekleideten Peta Ladys mit dem Konterfei von Morrissey mit dem auf den Fingern tätowierten Worten  "meatfree" hätte man sich sparen können, das wirkte missionarisch und lästig. Platten gab es hingegen keine zu kaufen, da neue Album war nicht verfügbar, weshalb auch die Musiker zum Ende der Show mit weißen T-Shirts und dem schwarzen Audruck "Fuck Harvest" aufliefen.

Letztlich eine solide Show des Briten (immer mit dem erhobenen Zeigefinger gespielt), aber defintiv kein Konzerthighlight für mich. Eine alter Konzertkumpel, der seit Jahrzehnten kein gutes Konzert ausfallen läßt, brachte es auf den Punkt: "The Queen is almost dead." (und damit spielte er keineswegs auf den Gesundheitszustand von Morrissey an, sondern auf musikalische Aspekte).



Dienstag, 6. März 2012

Wilco, Paris, 05.03.12

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Konzert: Wilco

Ort: Le Grand Rex, Paris
Datum: 05.03.2012

Zuschauer: mindestens 2300, nicht ganz ausverkauft
Konzertdauer: Hanne Hukkelberg noch nicht einmal 30 Minuten, Wilco 2 Stunden



Duell der Altherrenbands an diesem kühlen 5. März in Paris! Wilco gegen die Tindersticks. Während die Tindersticks* ihre wunderbaren/einschläfernden Songs im Trianon darboten, rockten Wilco das Grand Rex. Obwohl in anderen Konzertsälen auch noch Soko* und Sleigh Bells anstanden, war für mich klar, daß ich zu der Gruppe aus Chicago musste. Meiner guten Freundin Uschi hatte ich versprochen, pünktlich um halb acht da zu sein. Weil Pünktlichkeit aber nicht zu meinen Stärken zählt, trudelte ich erst gegen 19 Uhr 50 ein. Am Empfang wurde mir dann sofort meine Kamera von den Sicherheitsleuten abgenommen und die stiernackigen Typen nervten im Laufe des Abends auch noch zahlreiche anderen Mitbürgerinnen und Mitbürger, Zuschauerinnen und Zuschauer. Niemand außer den wenigen akkreditierten Fotografen durfte auch nur das kleinste Erinnerungsfoto schießen*, sofort kamen die Gorillas angerannt und schnauzten die Leute an.

Das war aber zunächst nicht das größte Ärgernis, denn es galt erst einmal einen guten Sitzplatz zu ergattern, was auf Grund meiner Verspätung gar nicht so leicht war. Überall saßen die fetten alten Böcke und die biederen verblühten Weiber mit ihren ollen Ärschen auf den butterweich gepolsterten Sesseln und es waren nur noch die unbequemen Klappstühle an den Seiten frei. Ich schnappte mir einen solchen, erntete aber von dem Deppen neben mir nur doofe Blicke. Was wollte der Idiot? Es schien so, als dulde er niemanden neben sich. Ich hielt es ungefähr 10 Minuten nebem diesem Mistkäfer aus, dann suchte ich weiter. In der allerersten Reihe sah ich meinen Kumpel Laurent und neben ihm war noch einer dieser verdammt weichen Sessel frei. Da ließ ich mich nicht zweimal bitten und saß plötzlich wunderbar. Sofort fühlte ich mich deutlich besser und ärgter mich auch nicht mehr darüber, daß ich die wunderbare Norwegerin Hanne Hukkelberg verpasst hatte. Ich mag Laurent sehr gerne und auch die Weiber vorne waren viel hübscher. Besonders am Anblick einer langhaarigen Blondine mit 15 Zentimeter hohen Plateauabsätzen, die nicht allzu weit von mir entfernt rumtanzte, geilte ich mich im Laufe des Konzertes ab und zu schön auf. Zwar kam etwa 20 Minuten später noch Jerome angekrochen, für den mein Platz reserviert worden war (er bestand nicht darauf, diesen einzunehmen, sehr höflich die Franzosen!), aber neben ihm hielt ich es auch auf dem Strapotin (= Klappsitz) 2 Stunden problemlos aus.


Um 20 Uhr 30 ging dann das Konzert los. Schon nach dem ersten Lied war mir klar, wie der Abend werden würde. Brillant nämlich! Der Sound war druckvoll und hochvolumig, aber dennoch glasklar und nuancenreich, es war eine Wonne. Die verzerrten Gitarren dröhnten laut aus den riesigen Boxen, Jeff Tweedy (mit Hütchen) sang perfekt und das Schlagzeug trieb von hinten mit einer Wahnsinnspower an. Wir würden es hier in weiten Teilen mit einem Noise-Konzert im Stile von Sonic Youth zu tun haben, so viel war schnell klar. Trotzdem wurden die ruhigen, die besinnlichen Phasen nicht ausgelassen und Tweedy spielte auch immer mal wieder auf der Akustikgitarre. Dominierender Mann war allerdings der baumlange Nels Cline. Was der aus seiner Elektrischen rausholte war einfach unbeschreiblich. Er schrammelte auf seinem Instrument wie ein Irrer und verhielt sich wie ein Reiter in Aufruhr, dem sein wildes Pferd auszubrechen drohte.

Aber zurück zu den gespielten Songs. Schon an dritter Stelle kam der von Yankee Hotel Foxtrott stammende Klassiker I Am Trying To Break you Heart, der in einem experimentellen Finale endete und in das herrlich harmonische One Wing vom Vorgängeralbum einleitete. Ein herzerwärmendes Lied, bei dem die wehklagende Stimme von Tweedy aufs Beste zur Geltung kam. Das erste riesige Highlight kam dann zwei Stücke später mit At Least That's What You Said (von A Ghost Is Born, 2004). Schon immer einer meiner Lieblinge im Set der Amerikaner hatte der Song mit seinem sensationellen Gitarrenriff heute eine solch gewaltige Sogwirkung, daß es mich nicht mehr auf meinem Sitz hielt. Ich sprang vor Begeisterung auf, wollte am liebsten auf die Bühne springen und mitjammen. Aber das wäre nie gegangen, denn die Ordner gingen überpingelig gegen jeden vor, der sich lediglich vorne vor der Bühne aufbauen und friedlich tanzen wollte. Alles wurde verboten. In den Gängen stehen, nach vorne laufen, fotografieren, einfach alles. Dabei waren wir doch verflucht noch einmal bei einem Rockkonzert und nicht in der Philharmonie! Einige Leute begannen deshalb zu murren, ein Amerikaner schrie plötzlich ganz laut: "Jeff, please tell the security guards to chill out". Tweedy ignorierte den Zuruf aber zunächst und konzentierte sich auf das nächste Lied. Ohnehin war er heute nicht zum Plaudern aufgelegt. In einer Szene erklärte er, daß er heute keine langen Reden halten würde, um so so viele Stücke wie möglich spielen zu können. Witzigerweise ging er aber etwa 10 Minuten später doch auf den Zuruf ein und murmelte ganz trocken: "Hey, security guards, please chill out!" Die Typen verstanden natürlich nicht, daß sie gemeint waren und gingen in der Folge mit der gleichen Härte und Pedanterie gegen vermeintliche Störer vor.


Tweedy schien irgendwann auch genug davon zu haben und ließ sich über die weichen Polstersessel aus. Diese seien "ridiculous". So etwas hätte er noch nie gesehen. Bereits beim Soundcheck hätte er sich beim Anblick der Dinger gesagt, daß die einen sofort verleiten würden, tief einzupennen. Nur um abzuschließen mit: "so you know what you have to do." Die Pariser verstanden den Wink mit dem Zaunpfahl und sprangen nun vermehrt von den Sitzen auf. Bei Impossible Germany, das mit einem unfassbaren Zug gespielt wurde, hielt es am Ende keinen mehr auf seinem Sessel. Es brach ein Jubel wie in einem Fußballstadion nach einenm Tor der Heimmannschaft aus. Minutenlang. Genial!

Und nicht allzu viel später kam mit Via Chicago noch so eine Perle aus dem Altwerk. Zwar ging es hier ruhiger zu als bei Impossible Germany, aber sehr schön war es trotzdem. Viele Amis im Publikum sangen jede Strophe mit. Überhaupt das Altwerk: es zog einfach besser als die eigentlich gar nicht schlechten neuen Sachen. So waren dann auch Handshake Drugs und A Shot in The Arm die Titel, die am stärksten abgefeiert wurden.

Danach war erst einmal kurz Pause, aber der Zugabenteil hatte es noch einmal in sich. Ironisch schmunzelnd erklärte Tweedy, daß Jesus, etc. ein Lied sei, daß sich vorher ungefähr lediglich 17 Leute gewünscht hätten. Natürlich wollten alle diesen alten Hit noch einmal hören und auch die erste Zugabe Missunderstood wurde mit Szenenapplaus begrüßt.

Wir näherten uns langsam aber sicher dem Ende, das letztlich mit dem krachigen I Am A Wheel eingeläutet wurde. Nicht mein Lieblingslied im Set. Es gab aber so viele Hochkaräter, daß ich nun wirklich nicht meckern konnte. Hummingbird hätte ich vielleicht gerne noch gehört, Ashes Of American Flags, Either Way, Sky Blue Sky, How To Find Loneliness, oder She's A Jar, aber das hätte definitiv den Zeitrahmen gesprengt.

Alles in allem ein absolut denkwürdiges Konzert. Kaum eines wird am Ende des Jahres 2012 besser gewesen sein. Wilco sind und bleiben eine Klasse für sich. Eine essentielle Band in extrem guter Form!

Setlist Wilco, Grand Rex, Paris

01: Art Of Almost
02: I Might
03: I Am Trying To Break Your Heart
04: One Wing
05: Bull Back Nova
06: At Least That's What You Said
07: Black Moon
08: Spiders (Kidsmoke)
09: Impossible Germany
10: Born Alone
11: Laminated Cat
12: Via Chicago
13: Whole Love
14: Box Full Of Letters
15: Capitol City
16: Handshake Drugs
17: Dawned On Me
18: A Shot In The Arm

19: Misunderstood
20: Jesus, Etc.
21: Theologians
22: Heavy Metal Drummer
23: I Am The Man Who Loves You
24: I'm A Wheel

* Foto von Jeff Tweedy, Archiv.

* Exkurs: Setlist Tindersticks, Le Trianon, Paris:

01: Blood
02: If you’re looking for a way out
03: Dick’s slow song
04: Chocolate
05: Show me everything
06: This fire of autumn
07: Don’t ever get tired
08: I know that loving
09: A night so still
10: Slippin’ shoes
11: Frozen
12: Come Inside

13: 4.48 psychosis
14: Cherry Blossoms

15: Medicine
16: Goodbye Joe

* Exkurs: Setlist Soko, Café de la Danse, Paris:

01: I Cannot Be Bothered To Open My Eyes Again
02: Cry Baby
03: I Thought I Was An Alien
04: People Always Look Better In The Sun
05: Just Whant To Make It New To You
06: Treat Your Woman Right
07: No More Home No More Love
08: Fake It Until You Make It
09: Little Mermaid Man
10: Don't You Touch Me
11: Destruction Of The Disgusting Ugly Hate
12: For Marlon
13: We Might Be Dead By Tomorrow
14: Trapped In Freedom
15: First Love Never Die
16: ?
17: I've Been Alone To Long
18: Paranoia
19: Why Don't You Eat Me Now You Can
20: My Wishful Thinking/You Have A Power On Me
21: My Dreams Dictate My Reality
22: How Are You ?
23: Happy Hippie Birthday

Aus unserem Archiv:

Wilco, Paris, 29.05.07



Donnerstag, 17. September 2009

Fleet Foxes, Paris, 16.09.09

2 Kommentare

Konzert: Fleet Foxes (Blitzen Trapper)

Ort: Le Grand Rex, Paris
Datum: 16.09.2009
Zuschauer: wahrscheinlich ausverkauft, also 2.500
Konzertdauer: etwa 85 Minuten


Da Christoph mit seinem Bericht über das vorangegangene Konzert der Fleet Foxes noch um die Ecke gebogen ist, muß ich unhöflicherweise schon einmal vorgreifen. Ja, die Füchse waren gut, aber grandios wie sie unser Kommentator Michael in Luxemburg erlebt habt, fand ich sie nicht! Und Euphorie kam auch nicht wirklich auf, sieht man mal davon ab, daß sich das trantütige Publikum beim abschließenden Blue Ridge Mountains zum ersten und einzigen Mal von den überbequemen Kinosesseln erhob und endlich einmal so richtig mitging. Es hatte also fast 80 Minuten gedauert, bis Stimmung in die Bude kam. Die "Bude" war in diesem Falle das Grand Rex, ein ziemlich großer Saal, der an anderen Tagen auch als Kino dient. Zu gemütlich hatten es sich die gestressten Großstädter während des Konzertes gemacht und bräsig in den caramellbraunen Ledersesseln gelümmelt. Dabei wäre gerade heute die Gelegenheit gewesen, sich zu bewegen, denn nie zuvor waren die Fleet Foxes lauter, druckvoller und schmissiger! Vorgenannte Adjektive beziehen sich allerdings auf die musikalische Performance, was den körperlichen Einsatz, die Kommunikation- sowohl mit dem Publikum als auch untereinander - und die Leidenschaft betrifft, müssen, Bandchef Robin Pecknold mal ausgenommen, leider schon wieder Abzüge gemacht werden. Zu schüchtern und in sich gekehrt wirkte erneut der unglaublich jung aussehende Gitarrist Skye Skjelset, zu statisch, ja fast hölzern Bassist Christian Wargo und die andern beiden, also Orgler und Mandolinspieler Casey Wescott und Drummer Josh Tillman (der davon berichtete, daß er während einer französischen TV Show vor ein paar Wochen von (Schweine?) Grippe geschwächt spielen musste) sah man mangels hinreichender Beleuchtung fast gar nicht.

Eingespieltheit konnte man ihnen allerdings nicht vorwerfen, ihr Set flutschte nach den unendlich vielen Konzerten der vergangenen 12 Monate wie geschmiert. Songs wie White Winter Hymnal und Your Protector können sie wohlmöglich nun im Schlaf runterbeten und ich frage mich, ob ihnen die Stücke nicht schon langsam zum Halse heraushängen. An ihrer zeitlosen Schönheit ändert das freilich nichts und die herrlichen Chorgesänge sind einfach einmalig. Dennoch: die besten Stellen hatte das Konzert dann, wenn noch nicht totgenudelte, vielversprechende Neuheiten wie Bedouin Dress und Blue Spotted Tail ( ein wunderschönes Lied!) angestimmt wurden und - wie schon in der Cigale vor ein paar Monaten - wenn Bandleader Robin Pecknold ganz alleine agierte. So war der Tiger Mountain Peasant Song nach wie vor ein unglaublich betörendes Kleinod, das als Zugabe spendierte Traditional Katie Cruel sehr nahegehend und das mit herzzereissender Inbrunst intonierte Oliver James ein Hammer sondersgleichen.

Fazit: Musikalisch war die Band glänzend aufgelegt, der Kontakt zu dem Publikum und der körperliche Einsatz hätte aber höher sein können. Die Stimme von Pecknold, der ab und zu einmal Unverständliches in seinen Bart murmelte, ist und bleibt eine Sensation!

So, jetzt bist Du am Zug, Christoph.

Die Setlist im Grand Rex entsprach ziemlich (höchstwahrscheinlich ganz) genau derjenigen von Luxemburg.

Pour nos lecteurs français: Une chronique de ce concert va venir très bientot!



Links:

Hier ein feines Video von dem Konzert der Fleet Foxes im Pariser Grand Rex von Uschi aus Dortmund. Gemeinsam mit Blitzen Trapper spielt man Blue Ridge Mountains.
Hier ein Livevideo vom Amsterdamer Paradiso. Die Fleet Foxes spielen den neuen Song Bedouine Dress. Bassist Christian Wargo agiert hauptsächlich am Keyboard.
- Blue Spotted Tail ebenfalls live in Amsterdam. Pecknold spielt solo und singt schöner als ein Chorknabe. Eine Wonne!



Freitag, 10. April 2009

Antony & The Johnsons, Paris, 09.04.09

5 Kommentare

Konzert: Antony & The Johnsons

Ort: Le Grand Rex, Paris
Datum: 09.04.2009
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: ca. 100 Minuten



Jetzt mal ehrlich: Ob es wirklich eine gute Idee ist, an einem herrlich sonnigen Frühlingstag dem tottraurigen Katzengejammer von Antony Hegarty zu lauschen? Von dem Gejaule und Geschluchze wird man doch ganz depressiv, oder nicht? Da sprießen gerade die Knospen an den Bäumen, Pariser und Touristen frequentieren die Terassen der Cafés, alle sind sie bester Dinge und dann fährt meiner einer mit der U-Bahn zum Grand Rex, um sich mal so richtig runterziehen zu lassen! Und ich war ja nicht der Einzige, das Konzert war trotz hoher Eintrittspreise rasch ausverkauft. Alles Leute, die sich gerne in Selbstmitleid und Schwermut suhlen, was?

Andererseits: Wer kann denn schon auf fröhliche Musik, bitte schön? Haben wir nicht alle gekotzt, als R.E.M. uns mit Shiny Happy People malträtierten? Eben! Also nix mit shiny und happy, lieber depressed and proud of it! Oder so...

Bevor ich reingehe, frage ich mich, ob ich wohl dem Präsidenten der Republik und seiner Carlita begegne. Heute mittag hatte ich nämlich gelesen, daß Sarko sich gestern mit seiner Süßen heimlich (sofern so etwas bei einem Staatsmann überhaupt geht!) ein Konzert des scheußlichen Julian Doré im Olympia angesehen haben soll und anscheinend ist Sarko auch bei einem der Konzerte von Bob Dylan aufgetaucht. Verrückt oder? Der Krisengipfel in London ist vorbei und der Herr Präsident geht wie Oliver Peel auf Konzerte! Wahrscheinlich lässt er sich jeden Tag das Konzerttagebuch ins Französische übersetzen...

Aber ich kann Entwarnung geben, Sarko war nicht da und Karl Lagerfeld, der ebenfalls als Musikfan bekannt ist, auch nicht. Stattdessen ein bunt gemischtes Völkchen aus der Gay-Community, linkem, bebrillten Bildungsbürgertum (Oberstudienräte, Psychiater, Heilpraktiker, ich fantasiere ein wenig...) und Indie-Konzertgängern, in der Mehrheit altersmäßig zwischen 28 und 40 Jahren.

Das Publikum sehe ich aber anfangs gar nicht, weil es in dem riesigen Kinosaal stockdunkel ist. Auf der Bühne hüpft gerade noch eine Performancekünstlerin (Johanna Constantine) rum, während mir eine Platzanweiserin mit einer Taschenlampe zeigt, wo ich meinen Allerwertesten in den nächsten 100 Minuten betten soll. Ich sitze sauweit von der Bühne entfernt, bin oben auf dem Balkon und schwitze jetzt schon. Wärme steigt nach oben, ist ja bekannt! Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, daß ich mich wohl fühle. Es herrscht eine stickige Luft, ich sehe vor Dunkelheit meine eigenen Füße nicht und außerdem habe ich Kohldampf!

Die Performancekünstlerin geht, aber das Licht bleibt aus, denn jetzt kommt Antony mit einem richtigen kleinen Orchester reinmarschiert. Tosender Applaus brandet auf, aber ich rühre mich nicht, weil ich erst mal sehen will, wo Antony überhaupt ist. Ahh, da sehe ich vage einen schwarzen Schopf am Piano, das muß er sein! Auch die Bühne ist nur äußerst spärlich beleuchtet und man erkennt so gerade eben die Begleitband, bestehend aus einer Cellistin, einem Gitarristen, einem Violinisten, einem Saxofonisten, einem Drummer und einem Bassisten, der wie ein Schatten gleich hinter Antony steht. Die siebenköpfige Formation legt hochkonzentriert und ohne sich vorzustellen mit neuem Material vom letzten Album The Crying Light los. Gesprochen wird zunächst auch in den Pausen zwischen den Liedern nicht, lediglich ein kurzes "Merci" hört man von Antony. Seltsam: Ich hatte den Pianisten als sehr gesprächig in Erinnerung. Ich hatte ihn vor ca 4 Jahren in der intimen Maroquinerie und später auch noch im Olympia gesehen und weiß noch sehr genau, daß er eine witzige Ankedote erzählt hatte: Seine Schwester wohnte in Paris und als er sie besuchte, sind sie zusammen das unterirdische Paris, sprich die Kanalisation ("les égouts de Paris!) erkunden gegangen. Das hätte ihm gruselige Momente und ein paar Alpträume eingebrockt, gab er damals zu.

Heute ist der ängstliche Mann aber gar nicht sonderlich gesprächig, er zieht sein Programm so perfekt durch, daß man glaubt, ein Tonband mit der aktuellen CD würde laufen. Er trifft jeden Ton und die Johnsons spielen wunderbar harmonisch, aber irgendwie ist es so fehlerfrei, daß keine rechte Rührung enstehen kann. Schon paradox, da wird mir ein künstlerisch hochkarätiger Konzertstart geboten und ich bin trotzdem nicht zufrieden. Dabei ist gerade Epilepsy Is Dancing so was von schön, Antonys Stimme vibriert auf das Wundervollste, die Instrumentierung ist traumhaft und das Publikum vorbildlich ruhig. Dennoch: Gerührt oder gar ergriffen bin ich nicht. Ob Udo Lattek jetzt geweint hätte? Wie auch immer, Gefühle funktionieren eben nicht auf Knopfdruck! Und irgendwie habe ich den Eindruck, daß es dem Großteil des Publikums zunächst ähnlich ergeht. Der Applaus ist jeweils lautstark und langanhaltend, aber keiner flippt so richtig aus. Und außerdem kommen Leute ins Grand Rex ein wenig wie ins Theater oder die Philharmonie. Man hat sich schon vorher fest vorgenommen, laut und lange zu klatschen, denn schließlich hat man viel Geld für seine Karte bezahlt und will sich auf keinen Fall den Spaß verderben lassen.

Interessanterweise brandet zum ersten Mal richtige Begeisterung auf, als das alte Stück For Today I Am A Boy angestimmt wird. Anscheinend ist den meisten hier der Vorgänger wesentlich geläufiger als das aktuelle Werk. Aber auch dessen Stücke haben jetzt mehr Dampf. Bei Kiss My Name knallt zum ersten Mal der Drummer so richtig mit seinen Schneebesen auf sein Arbeitsgerät. Das Konzert ist jetzt lanciert, die Aufwärmphase vorbei. Another World erzeugt mit seinem tottraurigen Text (Antony erzählt textlich, was er alles vermissen wird, wenn er nicht mehr da ist) zum ersten Mal ein wohliges Kribbeln in der Magengegend und bei einem anderen Stück verpatzt Antony sogar den Einstieg, was ihm prompt mit standing ovations gedankt wird. Er schwächelt leicht, das macht ihn menschlich und das lieben die Leute. Ein häufig beobachtetes Phänomen: Den bewegendsten Moment seiner Karriere hat das Tennisgenie Roger Federer im Januar dieses Jahres geliefert, als ihm nach der ärgerlichen 5 Satzniederlage bei den Australian Open die Tränen der Enttäuschung über die Wange liefen. Niemand möchte eben perfekt geölte Roboter haben, wenn hochtalentierte Leute auch einmal patzen, dann fliegen ihnen plötzlich die Herzen der Fans erst recht zu. Gut so!

Mein Herz schlägt höher, als Antony einen alten Song anstimmt, I Fell In Love With A Dead Boy. "I fell in love with a dead boy, oh, such a beautiful boy, oh such a beautiful boy. I ask him are you a boy or a girl?", das ist wirklich ein Frontalangriff auf die Tränendrüse, begleitet von traumhaft schönen Streichern! Das Konzert ist jetzt in seiner besten Phase, Fistfull Of Love von I Am A Bird Now ist so grandios, daß es hinterher einen überwältigend Jubel gibt. Das führt dazu, daß Antony etwas aus der Fassung gerät, denn You Are My Sister muß er drei mal anstimmen und kriegt es trotzdem nicht so hin, wie er das gerne möchte. Er bricht das Stück ab und bekommt erneut eine riesige Ovation. Leute rufen : "We love you oder you are a genius, worauf er trocken antwortet: "That's sweet, but I'm only as good as the last song." Nun beginnt eine längere Plaudereinlage, die extrem gut ankommt, weil sie die Stimmung auflockert. Der Künstler erzählt von seinem Verhältnis zu Gott und bekennt, daß er nicht an ihn glaubt*("God doesn't love me, because I'm a witch"), als junger Kerl aber in Jesus verliebt gewesen sei, da er das Gefühl hatte, daß dieser mindestens genauso stark leide, wie er selbst. Er träume davon, daß Gott als Frau wiedergeboren werde und ist plötzlich bei einem Thema angelagt, daß ihm anscheinend am Herzen liegt: Die Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft. Er hoffe, daß irgendwann die Zeit dafür reif sei, daß in der Mehrzahl Frauen große Unternehmen leiten und Staaten regieren (dabei schließt er aber Maggie Thatcher aus. Wieso eigentlich? Immer wird über die Frau hergezogen, obwohl sie trotz vieler übler Macken einiges für ihr damals am Boden liegendes England getan hatte) und erklärt, daß er Michelle Obama für die schönste Frau überhaupt halte. Die ganzen Ausführungen dienen letztendlich der Einleitung in das nächste Stück Hope Mountain, wo der Künstler sich textlich fragt, wie es wäre, wenn Jesus als Frau wiedergeboren würde und ob diese Frau dann auch über das Wasser gehen könne. Der Vortrag ist exzellent und nun kann auch You Are My Sister noch einmal fehlerfrei gespielt werden.

10 Minuten später ist mit einem intensiven Aeon die Messer vorerst gelesen. Kusshände werden ins Publikum geworfen und das Septett verschwindet kurz, bevor man bloß zwei Minuten später wieder mit versammelter Mannschaft einmarschiert. Nun machen sich Fans lautstark mit Wünschen bemerkbar. Einige machen sich vergeblich für Crazy in Love stark ("I dont feel crazy in love today"), andere fordern Brel ("I can't sing as good as Brel") und schließlich bekommt man eine improvisierte Einlage, bezeichnet als Song For Paris. Nach dem tollen Cripple And The Starfish vom ersten Album kommt dann das heißersehnte Hope There's Someone und dies ist nun wirklich so packend, daß ich es nicht bereue, mich an diesem herrlichen Frühlingstage in diesen dunklen Raum gesetzt zu haben! Das Lied kennt nun wirklich jeder und längere Ausführungen erübrigen sich somit. Nur soviel: Es ist eines der bewegendsten Lieder, die ich bisher live gehört habe und rechtfertigt alle Lobhudelungen auf Antony. Er ist ein riesiges Talent! - Und trotzdem ist er kein Genie. Zum Glück, denn Perfektion ist langweilig und die Phasen, in denen nicht alles so glatt lief, waren heute eigentlich die Schönsten.

Der Pianist ist übrigens auch ein sympatischer Kerl, der seine Fans liebt, wie ich hinterher feststellen konnte. Während ich draußen noch mit Freunden lange angeregt über das Konzert debattiere, geht plötzlich die Tür auf und der überraschend großgewachsene Mann tritt auf die Straße. Natürlich ist er in null Komma nichts von Fans umlagert und muß nun noch ausdauernd Autogramme schreiben. Das macht er gerne und sehr geduldig und ich nehme es ihm auch nicht übel, daß ich im Gegensatz zu meinem Freund Patrice persönlich leer ausgehe, weil der Star ins Taxi steigt. Irgendwann wollen Künstler auch mal ihre Ruhe haben. Diese sei ihnen gegönnt!


Setlist Antony & The Johnsons, Paris, Le Grand Rex (merci à Angelo de Rockerparis!)


01: Where Is My Power
02: Her Eyes Are Underneath The Ground
03: Epilepsy Is Dancing
04: One Dove
05: For Today I Am A Boy
06: Kiss My Name
07: Everglade
08: Another World
09: Shake That Devil
10: The Crying Light
11: I Fell In Love With A Dead Boy
12: Fistful Of Love
13: Hope Mountain
14: You Are My Sister
15: Twilight
16: Aeon

17: Song For Paris
18: Cripple And The Starfish
19: Hope There's Someone

* wohingegen ich keine Sekunde an die Klimakatastrophe glaube, die Antony wie so viele andere befürchtet. Für mich alles ein riesiger Medienhype und falls die Erde untergehen sollte, ist es ein nicht zu stoppendes Naturphänomen, das der Mensch keineswegs dadurch beeinflussen kann, daß er weniger Auto fährt oder Ähnliches...



Pour nos lecteurs français:

Antony voulait pas chanter Crazy in Love (parce qu'il ne se sentait pas Crazy in Love) ni Brel (parce que d'apres lui Brel avait une meilleur voix), mais d'entendre le sublissime Hope There's Someone valait lui seul déjà le détour. Avec un vrai petit orchestre (entre autres violincelle, violin et saxophone) l'homme avec la voix divine interprétait les morceaux de son dernier album The Crying Light et aussi des chansons du precedesseur comme Fistful Of Love, You Are My Sister ou For Today I Am A Boy. Mais le plus beau titre était le très touchant I Fell In Love With A Dead Man. Côté anecdotes, il parlait de ses angoisses concernant le climat (moi perso j'ai pas peur du tout de ça), de sa relation avec dieu (il ne croit pas en dieu, mais jeune il était amoureux de Jésu), de la beauté de Michelle Obama, de sa jeunesse malheureuse et qu'il revait d'une monde ou les femmes sont au pouvoir. (il excluait Margaret Thatcher et n'évoquait pas Angela Merkel).

Et à la fin il souhaitait en français "un tres beau printemps" au public. Ce fut une très belle soirée avec un artiste surdoué et attachant...

- Fotos von Antony & The Johnsons hier
- Fotos von der Aftershow hier
- Super Video von Antony live @ The Grand Rex von Rockerparis.

Konzerttermine von Anthony & The Johnsons in Deutschland 2009:

- 24. 04.2009: Admiralspalast, Berlin
- 26.04.2009: Postpalast, München
- 27.04.2009: Alte Oper, Frankfurt

und außerdem:

29.04.2009: Teatr Wielki, Warschau, Polen
30.04.2009: Donaufestival (Halle 1), Krems an der Donau, Österreich
01.05.2009: Donaufestival (Main Hall), Krems an der Donau, Österreich
03.05.2009: Muziekcentrum Frits, Eindhoven, Niederlande




Mittwoch, 4. Juni 2008

Feist, Paris, Paris, 03.06.08

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Konzert: Feist
Ort: Le Grand Rex, Paris
Datum: 03.06.2008
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: ca. 110 Minuten


Feist oder Devo?

Das war die Frage, die mich in den letzten Tagen ein wenig quälte. Für die Kanadierin hatte ich sehr früh Tickets gebucht, aber dann wurde etwas später der Termin der alten Kult-Postpunker beim Festival La Villette Sonique bekannt gegeben. Mist, die hätte ich mir natürlich auch gerne angesehen, schliesslich treten die faltigen Säcke mit ihren seltsamen gelben Bühnenkostümen ja nicht alle Tage auf! Aber 45 Euro Eintrittsgeld, ganz schön happig, oder?

Bis kurz vor 19 Uhr zögerte ich aber noch, ob ich nicht mein Feist-Ticket verkaufen und stattdessen zu Devo düsen sollte. Bequemlichkeitsgründe gaben letztlich den Ausschlag zugunsten der Dame, denn das Grand Rex liegt bequem erreichbar auf meiner U-Bahnlinie, während die Fahrt nach La Villette umständlich und lang ist.

Und bequem sollte ich normalerweise auch im Grand Rex sitzen, denn dort gibt es ausschliesslich weiche und komfortable Sitzplätze.
Eigentlich bin ich kein Fan dieser statischen Veranstaltungen, ich bevorzuge grundsätzlich bei Konzerten zu stehen, oder -noch besser - zu tanzen. Heute aber hätte ich eigentlich gar nichts gegen einen dieser "Schlafsessel" gehabt, ich war nämlich recht müde und abgespannt. Meine Hoffnungen auf angenehme Bequemlichkeit wurden aber übel enttäuscht. Als ich mein Plätzchen einnehmen wollte, schüttelten die Einweiser mit ihrem Kopf und machten mir in ziemlich unhöflicher Weise klar, dass sämtliche Sitze belegt seien und ich mit einem dieser Klappstühlchen an der Seite vorlieb nehmen müsse. Wie bitte? Ich hatte 40 Euro hingeblättert und sollte mich mit der Holzklasse begnügen?

Zähneknirschend klappte ich mir einen dieser Notsitze runter und befand mich gleich in Nachbarschaft eines spiessigen Pärchens, die - wie im Kino- Chips in sich reinstopften und Bier in Plastikbechern soffen. Ich fühlte mich unwohl und fragte die Platzanweiserin, ob ich nicht wenigstens weiter vorne sitzen dürfe. Ich durfte und war jetzt viel näher an der Bühne dran! Nun hatte ich eine Gruppe von Endzwanzigerinnen um mich, die etwas flotter aussahen, als die feisten (oh, passt ja, wenn man bei einem Konzert von Feist ist!) Gesichter von vorhin. Allerdings waren sie auch nicht richtig lässig drauf und die Converse Turnschuhe einer der "Grazien" verdeckte nur ansatzweise ihr recht biederes Wesen. Insgesamt machten die drei Mädels auf mich den Eindruck, konservative Naturen zu sein, die aber gerne etwas cooler
wahrgenommen werden wollen als sie in Wirklichkeit sind. Sieht so also das typische Publikum von Feist aus? Eher BCBG* als Bobo? Und dient Feist somit als angenehme Abendberieselung für von der eintönigen Arbeit gestresste Grossstädter? Ein furchtbarer Gedanke! Mir graute es ein wenig...

Dann ging das Licht aus und es passierte das, was ich schon von Christophs Bericht aus Frankfurt kannte. Die Laternennummer und das Singen hinter der Schattenwand war also dran und auch in Paris kam die Frau Holle, die von einer Leiter aus Federn auf die Haare der ganz in weiss (ebenfalls genau wie in Frankfurt) gekleideten Sängerin schüttete.
Natürlich gab es auch diese ganzen Animationen, über die mein Kollege schon ausführlich berichtet hat, als da wären die brennende Kerze, das Segelschiff auf stürmischer See, das Knusperhäuschen und so weiter. Mit Liebe gemacht das Ganze, aber sowas brauche ich eigentlich nicht unbedingt. Das Entfernen sämtlicher Sessel und das Freimachen der Tanzfläche wäre mir deutlich lieber gewesen. Auch Feist selbst machte ihre Witzchen über die bequemen Sitzgelegenheiten im Grand Rex: "Ich habe hier auch schon einmal ein Konzert gesehen und kein einziges Mal in die Hände geklatscht": "because I was sooo comfortable!" (das "sooo comfortable" hauchte sie hierbei sinnlich ins Mikro)

Damit das hier und heute anders würde, sorgte ihre männliche Begleitband schon früh dafür, die müden Besucher munter zu machen. Zu "I Was A Young Girl" wurden die Leute nämlich aufgefordert, mitzuklatschen. Ich kam mir ein wenig vor wie in der ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck, wurde aber sehr positiv davon überrascht, dass das Stück mit Wucht und Schwung gebracht wurde. Die Nummer rockte, keine Frage! Uff, es wurde also doch nicht so steif wie befürchtet! Auch "Mushaboom", dessen Entstehungsgeschichte stark mit Paris verbunden sei, kam richtig fetzig und präzise rüber. Zu Beginn von "My Moon My Man" ging dann ein regelrechtes Raunen durch die Menge und hier bedurfte es auch keiner Aufforderung mehr, mitzuklatschen, das taten die Leute schon von ganz alleine. Sie hatten auch allen Grund dazu, in der Liveversion wirkte das Stück noch flotter und beschwingter als schon auf CD und am Ende gab es sogar noch ein kleines, aber sehr feines Pianosolo. So muss es sein, live sollten Lieder für meinen Geschmack immer etwas abgewandelt sein, damit ich nicht das Gefühl habe, eine Platte würde abgespielt. Ein Auftakt nach Mass also und das Niveau wurde auch über die gesamte Länge gehalten, auch wenn mir das ein oder andere Lied zu nah an der Schmalzgrenze tänzelte.

Stimmlich bot Feist eine tadellose Leistung, spielend wechselte sie die Oktaven und zeigte die ganze Bandbreite ihres souligen Kehlchens. A propos Kehlchen: ein Titel wurde von Vogelgezwitscher eingeleitet...

Die Setlist entsprach fast exakt derjenigen von Frankfurt von ein paar Tagen, aber mit "How My Heart Behaves" wurde zum ersten Mal abgewandelt. Ich persönlich hätte dieses schmalzige Stück aber eigentlich nicht gebraucht, es erinnerte mich an Barbara Streisand oder ähnliche Heulbojen.
Auch das Einüben des Chorgesanges, wie in Frankfurt aufgespalten in verschiedene Lager (Franzosen, Kanadier, etc...), dauerte mir zu lange und wurde noch nicht einmal in das Lied "So Sorry" übertragen. Warum das dann so lange einstudiert wurde, blieb nicht nur mir hinterher ein Rätsel. Auch mein Bekannter Patrice fand diese Stelle doof ("chiant"), wie er im übrigen auch kein gutes Haar an dem gesamten Konzert liess. Ich muss ihm da allerdings widersprechen. Ein paar Szenen waren nervig und etwas anbiedernd (u.a. die Aufforderung an das Publikum, mal aus sich rauszugehen und laut rumzuschreien, sich wirklich daneben zu benehmen, was auch prompt lautstark getan wurde), über die gesamte Länge hinweg dominierten aber doch eindeutig die positiven Aspekte. Die Band zum Beispiel, die war richtig stark, die Instrumentierung sehr gediegen und punktgenau gespielt. Der Trompeter verdiente sich einige Pluspunkte und auch der Rest der zum Grossteil bärtigen Rasselbande hatte Dampf hinter dem Kessel. Und wenn Leslie ihre elektrische Gitarre aufheulen liess, konnte man die Grunge-Lady hinter der soften Fassade gut erkennen. Feist macht also glücklicherweise keinen Kaffehaus- Jazz, der bei Starbucks laufen könnte. Und selbst wenn dies geschieht, ist die Künstlerin dafür nicht wirklich verantwortlich. Ihre Musik ist gefällig, küsst aber dem Mainstream auch nicht ungeniert die Füsse, selbst wenn der Hit "1 2 3 4" schon für Werbezwecke verwendet wurde. Natürlich war der Song auch heute wieder einer der grossen Abräumer, zu dem das Publikum die "lalala-Passagen" vergnügt mitsang. Lobend erwähnen will ich aber auch noch das das offizielle Set abschliessende "Sea-Lion Woman" (vorgetragen mit Unterstützung der Vorgruppe Lawrence Arabia) und die wundervolle am Piano hinter dem Vorhang geklimperte Ballade "The Water", die den gelungenen Zugabenteil eröffnete, der mit den rockenden Stücken "Phantoms" und "Let It Die" auch noch weitere Highlights zu bieten hatte.

Warum allerdings die fürchterlich schmalzige erneute Zugabe mit dem Piano spielenden Kanadier Gonzales gebracht wurde, verstehe wer will. Wer braucht schon diese beknackten Lovesongs, die mit einem gehauchten " I love youhuhuhuhu" beendet werden? Das überlasse man doch lieber den Mariah Careys
oder Whitney Houstons dieser Welt!

Dieser Schönheitsfehler zum Schluss, änderte aber nichts mehr an einem insgesamt guten Konzert. Feist hat eine fabelhafte Stimme, eine eingespielte Begleitband und so einige starke Lieder. Fan, so wie Christoph das von sich behauptet, bin ich aber trotzdem nicht ganz von Feist. Sängerinnen mit mehr Feuer unter dem Hintern, wie z.B. Scout Niblett oder PJ Harvey, rangieren bei mir vor der stilvollen Kanadierin.

Setlist Feist, Le Grand Rex, Paris:

01: Intro
02: When I Was A Young Girl
03: Mushaboom
04: My Moon My Man
05: The Park
06: The Limit To Your Love
07: I Feel It All
08: How My Heart Behaves
09: Honey, Honey
10: Intuition
11: Gatekeeper
12: 1 2 3 4
13: Past In Present
14: So Sorry
15: Inside And Out
16: Sea - Lion Woman

17: The Water (Z)
18: Phantoms (Z)
19: Let It Die (Z)

20: Ballade mit Gonzales (Z)

Links:

- Fotos von Feist
- Feist in der Jahrhunderthalle Frankfurt vor ein paar Tagen
- das hübsche Bild von Devo stammt von Flickr Fotograf Ollografik . Merci beaucoup!
- mein Freund Philippe war wirklich bei Devo, er hat mir zumindest die Setlist mitgebracht:

Setlist Devo, Le Villette, Paris:

01. That's Good
02. Going Under
03. Peek-A-Boo !
04. Girl U Want
05. Whip It !
06. Secret Agent Man
07. Satisfaction
08. Uncontrollable Urge
09. Mongoloïd
10. Blockhead
11. Jocko Homo
12. Smart Patrol / Mr. Dna
13. Gates Of Steel

14. Freedom Of Choice
15. Gut Feeling
16. Beautiful World




 

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