Samstag, 3. August 2013

Rodriguez, Paris, 05.06.13


Konzert: Rodriguez
Ort: La Cigale, Paris
Datum: 05.06.2013
Zuschauer: 1.500, ausverkauft
Konzertdauer: 70 Minuten



Das Leben ist kein verfickter Kinofilm, das konnte man an jenem 5. Juni 2013 wieder einmal gut beobachten. Kino fand ich schon immer doof und daran ändert auch die Tatsache nichts, daß der Film über das Leben des Sixto Rodriguez eigentlich schön gemacht war. Die Betonung liegt auf eigentlich. Zu den interessanten und sich aufdrängenden Fragen, was der Bursche in der Zeit nach den gefloppten beiden Alben zwsichen Anfang der Siebziger Jahre und 1996 so getrieben hat, gibt er nämlich keine Auskunft. Es wird einfach unterschlagen, daß der Musiker schon Anfang der 1980 er Jahre durch Australien getourt ist, neben Südafrika das zweite Land, in dem er zum Kulthelden avancierte. Auch zu seiner Ehe erfährt man kein Wort, nur seine Töchter dürfen mit tränenverhangenem Blick davon schwärmen, wie gut ihre Daddy gewesen ist. Das glaubt man ihnen aufs Wort, sie gucken schließlich so treu und aufrichtig. Und Sixto selbst ist in dem Fall auch auf Understatement getrimmt, sagt er habe eigentlich auch auf dem Bau ein gutes Leben gehabt und könne sich nicht beschweren. In dem Film ist er ein durch und durch guter, untadeliger Mann, immer bescheiden, immer ehrbar und authentisch, nie mit seinem Schickal hadernd (dabei ist er laut Aussagen aller Beteiligten doch ein muskalisches Genie). Jemand, den man sofort als Onkel adoptieren würde. So weit so gut.


Leute, die nach dem Film allerdings ein Happy End im wahren Leben erwartet hatten, wurden massiv enttäuscht. Alle Festivalauftritte beim Coachella, Primavera und auch in anderen Orten wurden gecancelt, die beiden nicht abgesagten Konzerte im großen Pariser Zenith waren mittlere Kastastrophen. Die Zuschauer erlebten am 3 und 4 Juni 2013 einen abgehalfterten Mann mit Hut, der sich kaum selbstständig auf den Beinen halten konnte, mit dünner Stimme sang und manchmal neben die Saiten seiner Gitarre griff. Ein trauriges Bild. Manche fluchten hinterher lauthals, andere flüchteten wortlos aus dem Saal. Eher betretenes Schweigen herrschte hinterher vor dem Zénith. Wie konnte das passieren? Wie konnte der Sänger seine fantastischen Lieder so versemmeln? Wieso spielte die Begleitband so schwach?

Angeblich wurde erst am Tage selbst zum ersten Male zusammen geprobt, aber was viel schlimmer wog: ganz offensichtlich war der Sugarman stark betrunken gewesen. Ein Ordner sagte nur kopfschüttelnd: "Teufel Alkohol hat ihn wieder heimgesucht."


Was? Von einem Alkoholproblem hatte der Film natürlich keine Silbe erwähnt, aber unpopuläre Seiten einer Person anzusprechen ist ja in diesen geschönten Dokufilmen eher verpöhnt. So ist Kino. Aber: das Leben ist eben kein verfickter Kinofilm!


Wie würde es also nun in der Cigale werden, dem wunderbaren mittelgroßen Theater im trubeligen Pigalle-Viertel? Würde sich Sixto über Nacht zusammenreißen können und plötzlich ein super Konzert aufs Parkett legen? Ich hatte große Zweifel. Zweifel die dazu führten, daß ich mich selbst dabei ertappte, am Tage des Konzertes um 17 Uhr zur Cigale zu latschen, ein Ticket herauszukramen und es fast einer älteren, Karte suchenden Dame anzubieten. Ich hatte den regulären Preis dafür bezahlt, 25 Euro. Wegen der irrsinnigen Nachfrage waren die Preise aber auf ebay teilweise auf über 300 Euro gestiegen. Mit Gewinn verkaufen wollten ich trotzdem nicht, ich bin schließlich kein verfickter Schwarzhändler. Aber irgendwie überkam mich Wehmut und ich behielt die Karte. Die Hoffung stirbt zuletzt, vielleicht würde das Konzert ja doch wieder Erwarten ganz gut werden? 


Ich fuhr erst einmal wieder nach Hause und kam um halb neun zurück zur Cigale. Als ich in den Saal eintrat, wurde gerade das zweite Lied angestimmt. Ich hörte ganz genau hin und war echt verblüfft, daß Rodriguez heute ganz offensichtlich besser sang als am Vortage. Ich sah mich um und auch das Publikum schien zufrieden und freudiger Stimmung zu sein. Allerdings muss man dazusagen, daß das Publikum in der Cigale in der Regel sehr dankbar ist. Die Leute kommen um sich zu amüsieren und lassen sich nur schwerlichst die Laune verderben. So jubelten und gröhlten sie auch dann, wenn sich Sixto den Wein aus einem Plastikbecher auf ex in den Rachen schüttete. Er trank also auch heute. Natürlich. Wie soll er auch über Nacht wieder trocken geworden sein? So was ist völlig unrealistisch. Das Leben ist eben kein verfickter Kinofilm. 


Es war sicherlich eine bewußte Vorsichtsmaßnahme seines Teams, ihm nicht direkt die ganze Pulle hinzustellen, sondern immer erst zu warten, bevor er ungeduldig: "more wine, more wine!" rief und dann sein kleines Plastikbecherchen voll bekam. Dies trat ungefähr nach jedem zweiten oder dritten Lied ein. Wieviel der Künsterl vorher schon getrunken hatte, ist mir nicht bekannt. Aber er bekam das Konzert trotzdem irgendwie gewuppt. Sein Gesang war zwar nicht genauso gut wie auf Platte, aber dorch insgesamt sehr ordentlich und markant. Eine ganz klare Steigerung zum Vortage. Auch die Begleitband konnte folgen, die zahlreichen guten Songs wurden in der Mehrzahl ansprechend performt.


Natürlich musste man viele Dinge wieder ausblenden, um die Sache zu genießen. So war zum Beispiel Rodriguez nicht wirklich in der Lage mit seinem Publikum zu kommunizieren. Er war schlichtweg zu betrunken dazu, war nur auf sich selbst fixiert und schien vom Drumherum nicht viel mitzukriegen. Auch auf die Bühne stürmende Fans bemerkte er nicht. Jammerschade, wenn man bedenkt, wie toll es für ihn hätte sein können, die vielen fröhlichen Gesichter zu sehen. Wobei das mit dem Sehen so eine Sache ist, da der Mann aus Detroit schon seit einiger Zeit fast gänzlich erblinded ist. Dies führte auch dazu, daß er manchmal neben dem Mikro stand und es permanent suchte. Um es finden, schlug er oft mit der Hand nach vorne und hörte dann, wenn er es traf. Seine Erblindung hätte ihn natürlich definitiv auch im nüchternen Zusatnd gehandicapt, aber in Kombination mit dem Alkohol schien er nicht selten völlig orientierungslos. Auch wirkte er ausgezerrt (wenngleich für sein Alter erstaunlich muskulös), müde und traurig und war wacklig auf den Beinen.


Aber konzentrieren wir uns doch lieber auf die positiven Aspekte. Die gab es nämlich auf jeden Fall. Manche (aber selbst bei viel Wohlwollen nicht alle) Songs kamen nämlich sehr gut rüber, insbesonder der hervorragende Rich Folks Hoaxs, der Hit I Wonder und das ganz wundervolle Cover Sea Of Heartbreak. Damit brachte er mich wirklich zum Schmelzen, der Evergreen klang so herrlich sanft, warmherzig und melancholisch. Ein großer Moment.


Luft anhalten war beim legendären Song Sugarman angesagt. Das Gitarrenintro zog Rodriguez über alle Maßen in die Länge und jeder wartete gespannt wie er das erste Wort des Lieds, mämlich.. klar!... Sugarmen herauskriegen würde. Würde er seinen bekanntesten Song versemmeln? Nein! Als er endlich anfing zu singen, klang die Stimme fast wie auf Platte, wenngleich Sixto das Lied nicht durchgängig auf höchstem Niveau sang.

Warum dann noch ein Cover* von La Vie en Rose gespielt werden musste, erschloss sich mir nicht so ganz. Vielleicht war das ein Geschenk des Künstlers an sein französisches Publikum, aber das hätte sicherlich lieber Originalmaterial des Amerikaners gehört. Der brabbelte dann auch einmal eine längere Ansage ins Mirko, aber bei aller Konzentration konnte ich nicht verstehen, was gemeint war. Es war irgendwie eine Liebesbotschaft, aber den Wortlaut kapierte ich nicht. Ansonsten beschränkten sich die Worte des Sängers auf den lustig-ironischen Satz: "Yes, I know it's the drinks, but I love you back!" Der gefiel ihm offensichtlich, er brachte ihn gleich mehrfach.


Und er hatte es auch verdient geliebt zu werden, denn wer will einem 70 zigjährigen Mann, der sein ganzes Leben hart gearbeit hat, von seiner Plattenfirma betrogen wurde und überhaupt viel Pech hatte, übel nehmen, daß er im Spätherbst seiner Karriere nicht mehr die volle Leistung bringen kann? Wer will ihm ankreiden, daß er nicht mehr in der Lage war, die zahlreichen Konzerte und Festivalauftritte zu absolvieren und dadurch wieder dem Alkohol verfallen ist? Zudem soll er auch schon Alzheimer haben. Nein, das Leben ist kein verfickter Liebesflm, es gab auch kein klassisches Happy End, aber zumindest eine sehr nahegende Szene am Schluss. Sixto hatte seinen letzten Song gesungen, sein Team kam ihm zur Hilfe um ihn von der Bühne zu geleiten, aber er hielt einen Moment inne, deute den Helfern an, kurz stehenzubleiben und blickte gerührt Richtung Publikum, als wolle er ihm noch ein letztes Mal danken. Tränen stiegen in mir auf, denn ich merkte, wie brutal hart das alles für diesen Ausnahmemusiker war. Sein Erfolg kam zu spät und zu plötzlich, aber er schien trotz allem irgendwie dankbar zu sein. 


Tosender Applaus setzte ein und ich spürte, daß ich den wahnsinnig charismatischen Mann mit dem schwarzen Hut wohl das letzte Mal live gesehen hatte. Für eine neue Tour lässt sich der Bursche sicherlich für kein Geld der Welt von geldhungrigen Veranstaltern auf die Bühne jagen. Ich kann ihn gut verstehen, er ist alt, müde und passt auch nicht in die schnellebige Musikwelt. Und als Held mit Heiligenschein in einem Kinofilm taugt er wie man gesehen hat auch nicht. Aber der echte Rodriguez ist mir mindestens genauso lieb wie der nette, untadelige Mann in dem Streifen. Ich mag ihn, für seine Stärken, aber auch für seine Schwächen.

Rodriguez ist ein Großer  und jetzt lasst ihn in bitte in Ruhe und hört seine Platten!


Anmerkung: die beiden Videos unten stammen von 2009. In jenem Jahr war er ausgezeichnet in Form, sein Pariser Konzert von 2009 war mein persönliches Konzert des Jahres. (Bericht darüber hier)





* ein anderes Cover war Like A Rolling Stone von Bob Dylan im Zugabenblock.



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