Mittwoch, 29. Juni 2011

Wu Lyf, Paris, 28.06.11


Konzert Wu Lyf (Apes & Horses)

Ort: La Mécanique Ondulatoire, Paris
Datum: 28.06.2011
Zuschauer. etwa 150
Konzertdauer: ungefähr eine Stunde Wu Lyf, Apes & Horses circa 40 Minuten


Um Sackhaaresbreite wäre ich hier nicht reingekommen. Dabei hatte ich, nachdem ich ungefähr eine halbe Stunde bei brütender Hitze in einer Schlange gestanden hatte und dabei von jungen, trendigen Menschen eingekesselt worden war, eigentlich das Ziel so gut wie erreicht. Ich stand unmittelbar vor dem Eingang zum Keller der Pariser Mécanique Ondulatoire, wo das Konzert der gehypten Briten Wu Lyf stattfinden sollte. Dann aber hieß es: "Von nun an kommen nur noch Leute rein, die auf der Liste sind, Karten können keine mehr gekauft werden"...

Und auf einer Liste stand ich nicht, ganz im Gegensatz zu vielen blutjungen Mädchen, die die Band Wu Lyf vor zwei Wochen beim Fernsehsender Canal + gesehen und hinterher kennengelernt hatten und auf einem weißen Zettel vermerkt worden waren. Ich konnte es nicht fassen, da waren kurz vor mir noch die letzten Leute gegen Bezahlung von lediglich 5 Euro in den Keller runtergeklettert und ausgerechnet bei mir wurde der Cut gemacht. So was nennt man dann wohl Pech! Aber ich hatte noch Hoffnungen, denn am Empfang saß eine junge Dame, die für den Veranstalter Supermonamour arbeitet und mich aus der Vergangenheit gut kennt. Sie weiß, daß ich Blogger bin und hat mich bereits einige Male akkreditiert. Ohnehin habe ich einen Draht zu Supermonamour, denn mit Troy von Balthazar und Scout Niblett arbeiten sie auch mit zwei Künstlern zusammen, zu denen ich engen Kontakt pflege. Da sollte es für mich doch ein Klacks sein, hier und heute noch reinzukommen. Oder nicht? Irrtum! Man ließ mich nicht durch! Ich hatte aber kaum genug Zeit, um mich über mein Pech und die mangelnde Kulanz der Veranstalter zu ärgern (ich werde mir das merken, falls diese Leute mal zu einer exklusiven Session von mir kommen wollen!), als mir plötzlich jemand von hinten auf die Schulter tippte. Es handelte sich um den Sänger von Apes & Horses (Foto), den ich bereits zwei mal live gesehen hatte. Ich schilderte ihm mein Problem, fragte ihn ob er mich nicht über seine Liste einschleusen könne. Da verneinte er entschuldigend, sein Kontingent sei leider erschöpft. Doch beim Durchgehen der Namen fiel ihm ein, daß ein Bekannter von ihm kurzfristig abgesagt hatte und ich dessen Platz nehmen könnte. Plötzlich hieß ich also Alban (Name von der Redaktion geändert) und war drin!

Das Kellergewöbe unten war heiß und stickig, viele Teenager standen dicht an dicht, schwitzten wie die Tiere und warteten gespannt darauf, daß es losgeht. Aber bevor sie ihre Lieblinge Wu Lyf bewundern durften, mussten sie sich noch gedulden, denn zuerst waren Apes & Horses dran. Ein französisches Quartett, daß sich seit Monaten alle Auftritte in kleinen Clubs selbst organisiert und deutlich an Spielpraxis hinzugewonnen hat, seitdem ich sie das letzte Mal gesehen habe. Ihr melodisch-melancholischer Indierock klang wesentlich kompakter, tighter, souveräner als vor ein paar Monaten. Wirklich eine hoffnungsvolle Band, die mit Sicherheit mehr englische als französische musikalische Vorbilder hat. An die Tindersticks kann man denken, aber auch an Echo & The Bunnymen oder Calla.

Die Jungs gaben sich allergrößte Mühe, einen guten Eindruck zu hinterlassen und konnten sicherlich auch den ein oderen anderen Fan hinzugewinnen. Ihr Dank ging am Ende vor allem an Wu Lyf, denn diese hatten die Franzosen spontan dazu eingeladen, für sie den Support zu machen, nachdem sie die Burschen von Apes & Horses bei der Fensehsendung Canal + kennengelernt hatten.

Es folgte eine kurze Pause, um etwas Luft zu holen und dann war es um 21 Uhr 15 endlich soweit. Die vier Grünspechte von Wu Lyf aus Manchester bahnten sich den Weg durch das Publikum zur kleinen Bühne und hielten teilweise in meiner unmittelbaren Nachbarschaft noch Schwätzchen mit den Fans. Ein Franzose wollte von dem schüchtern wirkenden Drummer wissen, wer denn auf seinem T-Shirt zu sehen sei, als der Befragte aber antwortete "Frida Kahlo", konnte der Froschfresser mit der Antwort nichts anfangen. Er kannte Frida Kahlo nicht.

Aber es ging ja heute auch nicht um Malerei, sondern Musik. Musik, die laut Aussagen der Zeitschrift Les Inrocks in jeder Hinsicht revolutionär sei.

Schon nach zwei Titeln war aber spätestens klar, daß der Sound von Wu Lyf keineswegs revolutionär war. Die Newcomer spielten zwar beseelt und hochdynamisch auf, handwerklich waren aber Mängel nicht zu überhören. Da war zum einen der Gesang des Leadsängers Ellery Roberts. Krächzig, verraucht und wutschäumend, aber nicht immer sattelfest und oft forciert wirkend. Definitiv kein neuer Ian Curtis, eher ein englischer Caleb Followill auf Extasy. Und seine Band gab zwar alles, war aber nicht so brillant wie es die wirklich Großen der Indieszene sind, denen kaum noch Fehler unterlaufen.

Andererseits waren die zitierten Schwächen von Wu Lyf auch irgendwo ihre Stärken. Das Ungestüme, das Naßforsche, das Respektlose, das ihrem Gebaren innewohnte, hatte nämlich durchaus Charme, ja euphorisierte in den besten Phasen gar die Meute. Bei zwei bis drei Liedern (vor allem dem abschließenden Heavy Pop) ging wirklich der Punk ab und die Zuschauer hüfpten trotz der Hitze wie die Wilden durch den engen Keller.

Gut auch das Teamwork innerhalb Band, Wu Lyf vermittelten den Eindruck einer eingeschworenen, gut zusammenhaltenden Truppe, in der jeder gleich wichtig ist und zum Gelingen des Gesamten beiträgt.

Seltsam allerdings, daß der Sänger nicht in der Mitte, sondern am rechten Bühnenrand (vom Zuschauer aus) agierte. Seine elektrische Orgel stand auf einer hellblauen Tonne und aus dieser Ecke raus schrie er wie ein kastriertes Schwein. Ihm zu Unterstützung kam gesanglich vor allem der optisch an Bono erinnernde Basser, der Chöre und Singalong Passagen druch den Keller brüllte. Ein ziemlich selbstverliebt wirkender Kerl, in dessen Nähe ein eher stiller Gitarrist performte, der als einziger nicht das Hemd auszog, obwohl alle seine drei Kumpels spätestens ab dem dritten Lied mit nacktem Oberkörper dastanden. Das hatte etwas Pubertäres, ging aber durch, weil sowohl Band als auch Publikum wahnsinnig jung waren und ich mich ohnehin fragte, was ich in meinem biblischen Alter (fast vierzig) hier zu suchen hatte.

Peinlich war es allerdings nicht, als alter Knacker hier zu sein. Die epische Kraft, die übersteigerte Theatralik, die verhallten Gitarren und Stimmen, das furiose Schlagzeugspiel, es gab schon Gründe, warum die jungen Menschen im Keller das mochten.

Trotz gelungener Stücke wie Dirt oder Heavy Pop konnte man aber nicht wirklich von einer Sensation, geschweige denn Revolution reden. Die Maccabees beispielsweise spielen genauso zackig und rasant auf, haben in der Person von Orlando Weeks aber zudem noch einen wirklich außergewöhnlich guten Sänger zu bieten, dd/mm/yyyy sind ähnlich ungestüm wie Wu Lyf, haben aber noch mehr Ideen und weniger Pathos, und Oneida aus New York sind noisiger, abgebrühter und spielerisch klar besser.

Nach einer Stunde war also deutlich geworden, daß hier eine durchaus talentierte Band über die Bühne gefetzt ist, die aber definitiv nicht an frühere Lichtgestalten der Musikszene von Manchester wie Joy Division oder The Smiths heranreichen kann.

Seid also skeptisch, wenn euch jemand erzählen will, daß Wu Lyf das achte Weltwunder sind, lehnt sie aber auch nicht allein deshalb ab, weil so ein unverschämt großer Wirbel um sie gemacht wird.

Setlist Wu Lyf, La Mécanique Ondulatoire, Paris:

01: L Y F
02: Cave Song
03: Spitting Blood
04: Dirt
05: 14 Crowns For Me & Your Friends
06: We Bros
07: Summas Bliss
08: Concrete Gold
09: Heavy Pop




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