Freitag, 1. Juli 2011

Maud Lübeck, Paris, 30.06.11


Konzert: Maud Lübeck

Ort: Le Bouillon Belge, Paris
Datum: 30.06.2011
Zuschauer: etwa 50
Konzertdauer: circa 50 Minuten


Obwohl ich seit fast neun Jahren in Paris wohne, besprechen wir Musiker, die auf französisch singen recht selten hier auf dem Konzerttagebuch. Das liegt zum einen daran, daß viele Franzosen heutzutage auf englisch (oder so etwas ähnliches) trällern, zum anderen, daß ich beim Thema "französischer Chanson" recht wählerisch bin. Dennoch gibt es eine Reihe von Künstlern in dieser Sparte, die ich mag. Zu nennen wären: Florent Marchet, Françoiz Breut, Dominique A, Laetitia Sadier (+ Monade), Holden, Camille, JP Nataf, Arman Méliès, Daniel Darc, Barbara Carlotti, Bertrand Belin, Constance Verluca, Arlt, La Fiancée und noch ein paar andere, die mir jetzt gerade nicht einfallen.



Die aus dem Süden Frankreichs stammende Pianistin Maud Lübeck gehört definitiv auch in diese Liste, denn bei ihr gefällt mir einfach alles: Stimme, Texte, Klavierspiel, Ausstrahlung.

Zufällig hatte ich sie neulich bei der Fête de la Musique getroffen und da erzählte sie mir, daß sie vor den großen Sommerferien noch einmal auftreten werden. Den Austragungsort "Le Bouillon Belge" kannte ich allerdings nicht, aber das machte nichts, ich lerne gerne neue Locations kennen.

Der Laden entpuppte sich als Bar mit angeschlossenem Konzertkeller, ähnlich also wie das Pop in oder die Mécanique Ondulatoire. Der Bouillon Belge war allerdings mit bequemen Sitzen ausgestattet und so machten es sich die etwa 50 Besucher auf roten zweisitzigen Sofas und kleinen Stoffhockern bequem.

Wie immer erschien ich zu spät, aber das war nicht ganz so tragisch, denn ich hatte lediglich einen einzigen Chanson verpasst. La Balançoire (die Waage) hörte ich zumindest noch zur Hälfte und bei La Fabrique war ich mittendrin statt nur dabei.

Ich glotze Richtung Bühne und erspähte bei Schummerlicht die Pianistin hinter ihrem elektronischen Klavier. Sie hatte einen Pull Marin, einen Matrosenpullover, an, der sich in Frankreich großer Beliebtheit erfreut. Dazu trug sie Jeans und weiße feine Stoffschuhe der Marke Repetto, die nach dem großen Serge Gainsbourg benannt sind. Und zu Serge Gainsbourg gibt es zumindest hinsichtlich der Einflüsse eine Querverbindung, denn Maud Lübeck klingt stimmlich ziemlich stark nach Jane Birkin, der Frau von Serge. Birkin hat mit ihrem sinnlich-melancholischen Hauchgesang die typisch französiche Frauenstimme definiert, obwohl sie amüsanterweise ja Britin ist und im Französischen einen unüberhörbaren Akzent hat.

Akzentfrei ist hingegen Maud Lübeck, obwohl sie aus dem Süden (Region Provence- Alpes Côte d'Azur) und damit aus der Gegend meiner Schwiegereltern stammt. Dort unten spricht man eine schwer verständliche Mundart, die für unbedarfte Ohren sehr sonderbar klingt. Aber Mauds Eltern kommen eigentlich aus Paris, sind nur irgendwann ans Mittelmeer gezogen, wo die Tochter dann aufgewachsen ist. Mit 18 hat sie ihre ersten Lieder geschrieben, mit 20 ist sie dann nach Paris aufgebrochen und 18 Jahre später ist sie immer noch in der Stadt der Liebe wohnhaft. Kein einziges Album ist bisher verfügbar, obwohl sich die Demotapes bei Maud Lübeck laut eigener Aussage bis unter die Decke stapeln. Nun aber ist der erste Relase in Sichtweite, genügend verwertbares Material hat sie nämlich inzwischen auf alle Fälle.

Ein paar ihrer Stücke kann man sich sowohl auf ihrer Facebook-, als auch auf ihrer MySpace Seite anhören. Le Parapluie (der Regenschirm) beispielsweise, in dem es um den Austausch von Zärtlichkeiten unter einem Regenschirm geht (und der damit verbundenen Frustration darüber, daß irgendwann der Regen aufhört), C'est Pas Rien, ein Lied über Paris und Je t'aimais trop (ich liebte dich zuviel), ein Lovesong.



Sprachlich und musikalisch besonders interessant finde ich C'est Pas Rien. "Pas riogolo cette ville qui flotte", heißt es da zu Beginn, übersetzt: nicht lustig diese schwimmende Stadt. Ein Spielwort, denn aus Paris wird pasri (so spricht man die Seine Metropole auf französisch aus) + rigolo= lustig, sprich Paris ist nicht gerade lustig (eine ernste Stadt, hier gibt es nichts zum Lachen) . Später heißt es dann auch "Paris c'est pas Rio", Paris ist nicht Rio.

Letztlich geht es um die Beschreibung einer verzweifelten Haßliebe, die herrlich melancholisch untermalt wird und von dem feinen Klavierspiel und der sinnlichen Stimme von Maud Lübeck lebt.

Mit Spielworten wird dann auch bei Le Pull Lover (Pullover) gearbeitet einem anderen interessanten Chanson, der auf einem kleinen pluckernden Keyboard vorgetragen, an achter Stelle gebracht wurde.

Performancetechnisch am originellsten war heute mit Sicherheit aber Mon Amour En Boite (meine Liebe in einer Kiste), ein neuer Titel, zu dem Maud nach vorne kam und eine Single auf einem alten Plattenspieler laufen ließ, die sie gesanglich begleitete. Ein witziger Gimmick, den Maud aber nicht unbedingt nötig hatte, um mich auf ihre Seite zu ziehen, denn letztlich reichte es völlig aus, wenn sie so ungemein einfühlsam Klavier spielte und dazu so betörend sang.

Nicht nur ich war angetan, auch das Publikum zeigte sich entzückt und ließ sie am Ende nicht ohne Zugabe gehen.

Der Konzertabend ging schließich noch mit Paul Ecole und seiner Band weiter und erlebte aus meiner Sicht einen letzten Höhepunkt, als Maud noch einmal zu einem Duett hinzustieß.

Fazit: Auf französisch singende Künstler sollte ich mir öfter anhören! Mein persönlicher guter Vorsatz für die zweite Jahreshälfte 2011!

Setlist Maud Lübeck, Le Bouillon Belge, Paris:

01: Haut
02: La Balançoire
03: La Fabrique
04: Les Larmes Gelées
05: Le Parapluie
06: Mon Amour En Boite
07: La Route
08:Le Pull Lover
09: C'est Pas Rien
10: Je t'Aimais Trop

11: Virose

Aus unserem Archiv:

Maud Lübeck, Paris, 23.04.10


Fotos folgen im Lauf des Freitags.





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