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Dienstag, 12. Juni 2012

Father John Misty & Jonquil, Paris, 08.06.12

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Father John Misty & Jonquil
(Gabriel & The Hounds, The Soft Hills)
Ort: La Fléche d'or
Datum: 08.06.12
Zuschauer: nicht sehr viele, vielleicht 150 (von 500 möglichen)



Father John Misty? Was is'n das für'n Mist? Achso, kein Mist, sondern das neue Projekt von Josh (J) Tillman, dem ehemaligen Drummer der Fleet Foxes, okay...

Vielleicht war den Parisern auch nicht so ganz klar, wer hinter dem kuriosen Pseudonym steckte, sonst wären vielleicht ein paar Leutchen mehr gekommen. So aber blieb die Pariser Flèche d'or ziemlich leer und übersichtlich und dies obwohl gleich vier ansprechende Gruppen für recht kleines Eintrittsgeld geboten wurden. Angefangen hatten die Amerikaner The Soft Hills, aber ich lahme Schnecke hatte es wieder einmal nicht geschafft, pünktlich einzutrudeln. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben"... mit Musikentzug! Und im Falle der Soft Hills war das sicher schade, denn die wüstensandgetränkten Songs im Stile der Great Lake Swimmers, Neil Young oder Calexico, die man sich auf Soundcloud anhören kann, klingen astrein. Nun, zumindest habe ich noch einen netten Vertreter ihres deutschen Labels Tapete kennengelernt und ein wenig in meiner Muttersprache plauschen können.

The Soft Hills by thesofthills

Gabriel Levine aka Gabriel & The Hounds sah ich dann aber fast in voller Länge. Ein Singer/Songwriter aus Brooklyn, den es nach Berlin verschlagen hat. Er lief zusammen mit einem langmähnigen Drummer auf. Seine Songs kamen ganz lässig aus der Hüfte geschossen und klangen sehr entspannt und unprätentiös. In seiner Stimme wollte ich Jarvis Cocker wiedererkannt haben, was mir auch von anderen Leuten hinterher bestätigt wurde. Ein Showtalent wie der Pulp-Sänger war Gabriel freilich nicht, sondern eher einer von der bodenständigen und bescheidenen Sorte Mensch.

Im musikalischer Hinsicht kamen mir noch Assoziationen zu Jonathan Richmann und The Modern Lovers und auch Lou Reed in den Sinn, von denen Gabriel sicherlich ein paar Platten im Schrank zu stehen hat.



Und es war wirklich nicht schlecht, was Levine bot, aber der Funke wollte trotzdem nicht so recht überspringen. Das ziemlich weit entfernte Publikum stand ein wenig gelangweilt und apathisch rum und machte es dem Amerikaner schwierig, einen Draht zu ihm herzustellen. Das Set, das seine Stärken hatte, wenn geradliniger Collegerock (und keine Down Tempo Songs) gespielt wurde, plätscherte deshalb ziemlich vor sich hin und wurde von den meisten Zuschauern sicherlich schnell wieder vergessen. Schade, Gabriel hätte einen warmherzigeren Empfang verdient gehabt!

Kurze Zeit später standen dann Jonquil bereit, die ich an gleicher Stelle bereits vor 4 Jahren gesehen hatte. Sänger und Songschreiber Hugo Manuel ist in der Zwischenzeit noch deutlich runder geworden und auch der Output an Alben hat zugelegt. Inzwischen ist man beim vierten Longplayer namens Point of Go angelangt und hat auch bedingt durch viele Wechsel im Bandgefüge den Sound deutlich verändert. Erfreute ich mich beim Konzert 2008 (zur Tour von Lions) noch an einer Geige, einer Melodica und einem Akkordeon, fehlten heute diese feinen Instrumente gänzlich, wurden aber durch gleich zwei Trompeten ersetzt. Das Klangbild hatte sich deshalb verschoben. Weg vom melancholischen Seemans-Folk hin zu fast karibisch anmutenden Pop- Rythmen voller Sonne und Tanzbarkeit. Man höre nur It's My Part, einen der Key Songs des neuen Outputs. Da gab es eine utramelodische Gitarre mit kreolischem Vampire Weekend Parfum, Cowbells und einen hohen Falsettgesang. Oder aber das treibende, von Synthesizern durchsetzte Getaway, auf dem erneut die Gitarre Kapriolen schlug. Alles frisch, alles Laune machend, aber dennoch eine Spur zu harmlos und konventionell.


Letzlich musste ich feststellen, daß mir die "alten" Jonquil besser gefallen haben. Einen (alten) Hit wie das großartige und unglaublich euphorisierende Lions suchte man heute vergeblich im Set, welches ansprechend, aber nicht weltbewegend ausfiel und mit Infinity sogar ein weit vom Original entferntes XX Cover zu bieten hatte.

Jonquil Collection by Jonquil

Tja und dann (etwa gegen 23 Uhr) war endlich die Zeit für Father John Misty gekommen. Die Zuschauer konnten anhand des Bühnenaufbaus schon ziemlich schnell erkennen, was zu erwarten war. Dort stand nämlich lediglich ein kleines schwarzes Stühlchen vor einem Mikro, was unmissverständlich darauf hindeutete, daß Josh Tillman alleine und ohne seine Band performen würde. Zuschauer, die das Father John Misty Album zu stark instrumentiert fanden, störte das allerdings wenig, ganz im Gegenteil. Sie würden den kargen, den reduzierten Tillman erleben, der kurze Zeit später etwas verpennt auf die Bühne geschlurft kam. Fast entschuldigend wies er darauf hin, daß er keine Begleitgruppe dabei habe, machte aber sofort später darüber schon Witzchen: "we gonna have a blast together!"


Nun, "a blast" - "ein Knaller", war das im eigentlichen Sinne dann natürlich nicht, sondern eher ein intimer, ruhiger Singer-Songwriter Abend, aber das passte genau zu dem alten Tillman, den zumindest die Insider so lieben. Die Seele schrie er sich aus dem Leib, dieser große, unglaublich gut aussehende Rebell, der sich per T- Shirt Aufdruck für die Legalisierung von LSD einsetzte und auch sonst immer mal wieder mit seiner Vorliebe für Drogen kokettierte ("the lightman does a great job, wow!, or is this just the weird drug I took?"). Für Josh's Gesundheit hoffe ich, daß dies eher Späßchen waren, sein unwirsches und manchmal zynisch wirkendes Auftreten (und ein Tweet, in dem er Fans bat, ihm Stoff zu besorgen) sprachen aber dafür, daß er doch zu viel von dem Zeug (was immer es auch sein mag) komsumiert. Schon bei den Fleet Foxes war er mir im letzten Jahr durch seine mürrische und launische Arte unangenehm aufgefallen und es wirkt nicht so, daß er nach Solidität und Ausgeglichenheit strebt. Im Gegenteil, der Bursche scheint wirklich nach dem Rausch, dem großen Kick zu suchen, will die letzten Reste seiner Jugend ausleben und denkt gar nicht daran, zahm zu werden. In künstlerischer Hinsicht scheint ihm das nicht geschadet zu haben, die Tillmanschen Frustrationen, der Ausstieg bei den berühmt gewordenen Fleet Foxes, sein gebrochens Herz, all dies ist ein guter Nährboden für seine sentimentalen Songs gewesen, die er witzigerweise immer wieder noch während des Vortages kommentierte. Natürlich stammten diese Songs von Fear Fun, klangen aber in der heutigen akustischen Version ganz anders als auf dem Tonträger. Nancy From Now On erinnerte mit seinen langgezogenen Gesängen noch an seine alte Band, andere, eher bluesigere Sachen, ließen an Ryan Adams denken. Großartig kam Hollywood Forever Cemetery Songs rüber. Bei einigen Stellen brüllte Tillman geradezu die Parolen, da merkte man, daß er so einiges an aufgestauter Wut in seinem Bauch hatte, die unbedingt raus musste.

Was er über dem Bauch, sprich auf der Brust trug, zeigte er dann auch ganz freizügig dem Publikum. Er hatte sich nämlich ein kleines neues Tattoo stechen lassen und schob ein wenig sein T-Shirt nach unten, um es vor allem den Frauen (die er so liebt, der alte Womanizer!) stolz zu präsentieren. Ist schon ein attraktiver, gut gebauter Bursche, keine Frage, aber er scheint dennoch nicht vor Selbstzweifeln, Depressionen und Enttäuschungen sicher zu sein. Seinen schwarzen Humor hat er deshalb nicht verloren. Grinsend erzählte er davon, daß ihn damals das Pariser Label Fargo erwartungsfroh gesignt habe. Zu einem Festival hätten sie ihn geschickt und in der Loge gab es Champagner, weil er so ein großer Hoffungsträger war und das Label ihn hofierte. Allerdings habe er schließlich nur 9 CDs verkauft (natürlich eine Untertreibung, aber jeder wusste was gemeint war), was ihn aber nicht weiter störte, weil Fargo mir Emily Loizeau eine solche hübsche Musikerin in den eigenen Reihen gehabt habe, in die er sich sofort verknallte ("I had a big crush on her").

Mehr von seinem Innenleben gab Tillman in seinen Liedern preis. Beim Closer Everyman Needs A Companion sang er: "I never really liked the name Joshua and then I got tired of J, whoever that guy is." Ausdruck einer ewigen Suche nach der eigenen Identität? Wie auch immer, es ging einem nahe, klang authentisch.

Nach 7 Minuten war Joshua mit dieser Nummer und dem gesamten Set durch und verließ Po wackelnd und Grimmassen schneidend die Bühne, um draußen im Regen seine angekündigten 100 Zigaretten zu rauchen...



Dienstag, 22. September 2009

Josh Tillman, Paris, 21.09.09

1 Kommentare

Konzert: Josh Tillman (Ohbijou)

Ort: Point Ephémère, Paris
Datum: 21.09.2009
Zuschauer: mittlerer Andrang (Optimisten sagen halb voll, Pessimisten halb leer)
Konzertdauer: Josh Tillman: satte 80 Minuten, Ohbijou etwa 35 Minuten



Josh (Joshua, J.) Tillman ist ein schöner Mann. Sehr groß, schlank und männlich. Mit seiner langen Mähne und dem Bart erinnert er mich an den schwedischen Tennisstar Björn Borg. Björn war mein erstes Idol der Popkultur, er verkörperte Stärke, Freiheit und Wildheit und zeigte in manchen Momenten auch seine gefühlige Seite. Als er nach dem entscheidenden Passierball im dramatischen Wimbledonfinale 1980 gegen John McEnroe auf die Knie sank und sein Racket wie eine Monstranz in den Himmel reckte, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Gänsehaut.*

Seitdem sind fast dreißig Jahre ins Land gegangen, Männer trugen das Haar in der Zwischenzeit deutlich kürzer und Björn Borg ist ergraut und hat seine Wimbledonrekorde an Roger Federer verloren. Lange Mähnen sind aber wieder in, seitdem Devandra Banhart vor ein paar Jahren ein Hippie Revival losgetreten hat. Josh liegt also im Trend und was noch viel wichtiger ist: er bereitet mir ähnlich wie damals Björn eine Gänsehaut, wenn er seine intimen Folksongs mit brüchiger Stimme vorträgt. Von jenen atemberaubend schönen Herzwärmern hat er jede Menge auf Lager, einer betörender als der andere. Sehr früh wird zum Beispiel No Occasion gebracht, ein Lied, das einen Gedenkstein verdient. Joshs Fingerpicking ist spärlich, wenn er die traurigen Lyrics ("I dont want to live again, cause i dont want this life to end") vorträgt und sein Blick ist gleichzeitig konzentriert und verträumt. Das stärkste ist seine samtweiche Stimme, die ein wenig vibriert und sich wie ein warmer Schal im Winter um den Hals schmiegt. Aus meinem Augenwinkel beobachte ich eine brünette Französin, die mit glänzenden Augen die Texte mitsingt. Sie trägt beigefarbene Cowboystiefel, das passt zur Atmosphäre. Hier und heute ist nämlich amerikanische Wüste angesagt, Pedal-Steel Gitarre inklusive. Der Bursche, der diese zum Schwingen bringt, guckt allerdings ein wenig gelangweilt, vielleicht ist er müde vom Touren oder denkt an seine Freundin in Texas, oder wo immer sie auch lebt. Der Drummer, der zu Beginn nur den Schneebesen rührt, ist wesentlich expressiver, seine Mimik ist köstlich. Wie ein Heavy- Metal Drummer reißt er oft den Mund weit auf und wirft verrückte Blicke in die Runde. Der Basser wiederum bewegt sich oft auf einer Linie mit Josh und ist ebenfalls ein hübscher Kerl. Fünfter Musiker ist ein unscheinbarer Gitarrist, der am linken Bühnenrand allerdings wunderschöne Melodien zaubert und somit wesentlich zum Gelingen des Konzertes beiträgt. Josh selbst spielt neben der Akustikgitarre auch Percussions, eine am Boden befindliche Pauke und bei einem Stück eine durchsichtig wirkende Flöte. Mit Hilfe dieser werden mystische Töne erzeugt, die einen psychedelischen Charakter aufweisen. Ich glaube sie gehören zum neuen Stück Crosswinds, das vom 2009 er Album Year In A Kingdom stammt. Von diesem werden natürlich auch noch einige andere Stücke performt, von denen mich der Opener Year In The Kingdom am meisten begeistert. Toll sind auch Earthly Bodies (allerdings weniger Chorgesang live als auf dem Album) und Though I Have Wronged You das am Ende ordentlich rockt. Überhaupt ist festzustellen, daß viele Lieder, die sehr schleppend und getragen beginnen, in der Schlußphase zu jaulenden Postrockern mutieren. Josh kann also nicht nur leise und intim, wie man das vielleicht aufgrund der stillen CDs vermuten könnte!

Am schönsten ist es aber natürlich, wenn er auf die Tränendrüse drückt und Kleinode vom Vorgänger Vacilando Territory Blues preisgibt, z.B Firstborn. Großartig ebenfalls When I Light Your Open Doors, fast schon so etwas wie ein Klassiker des Genres.

Auch das Publikum ist angetan und klatscht Josh am Schluß noch einmal zu Zugaben zurück. Es bekommt die wundervollen Balladen Master' s House ("You want need a dime to board in the master's house) und James Blues spendiert und entschwindet mit einem Lächeln auf den Lippen in die dunkle Pariser Nacht. Ein paar Besucher setzen sich noch ein wenig an den Kanal und lassen den Tag in Ruhe ausklingen. Wie sagte Josh Tillman während des Konzertes so uneitel zum eingangs aufgeworfenen Thema Schönheit: " You beautiful french people. If you are sitting there by the canal you look like supermodels or writers. When I am sitting there I look like a homeless man!"

Ein paar Sätze zur Vorgruppe: Ohbijou aus Kanada machen lieblichen und melodiösen Indiepop. Die Band besteht aus sechs Mitgliedern, wovon vier weiblich sind. Angeführt werden sie von Casey Mecija, die eine sehr hübsche Stimme hat. Die Band hat mir wirklich gefallen, ich kann sie empfehlen und habe mir auch ihre letzte CD Beacons zugelegt. Auf der Tour verkaufen sie übrigens auch eine limitierte Ep, die sie zusammen mit ihren hervorragenden Landsleuten The Acorn aufgenommen haben.

* bzw. das Gefühl, daß es einem eiskalt den Rücken runterläuft.



Aufgepasst! Ohbijou und Josh Tillman sind sehr bald auch in Deutschland unterwegs!

Konzertdaten Ohbijou:

22.September 2009: Paradiso, Amsterdam
24. September 2009: Feierwerk, München
25. September 2009: Studio 672, Köln
26.September 2009: Reeperbahn Festival, Hamburg
27. September 2009: Bang Bang Club, Berlin


Konzerttermine Josh Tillman:

22.09.09: Botanique, Brüssel
23.09.2009: Blue Shell, Köln
24.09.2009: Reeperbahn Festival, Hamburg
25.09.2009: Privatclub, Berlin
26.09.2009: Orangehouse, München
28.09.2009: Antwerpen, Belgien


Links:

- J. Tillman in einem intimen Video. Er singt Master's House. Schön!
- Mehr Fotos von Ohbijou hier
- Mehr Fotos von J. Tillman hier




Samstag, 28. Februar 2009

Josh Tillman & Revolver, Paris, 27.02.09

2 Kommentare

Konzert: Joshua Tillman & Revolver

Ort: La Fléche d'or, Paris
Datum: 27.02.2009
Zuschauer: bei Revolver mehr als bei dem zuvor spielenden Tillman! Euphorie pur!
Konzertdauer: jeweils ca. 35-40 Minuten



Schon kurz nachdem ich die Türschwelle überschritten habe, sehe ich ihn. Da steht er mit seinen langen Haaren und seinem wilden Bart und spricht in ein kleines Aufnahmegerät.


Die Rede ist von Joshua "J". Tillman, seines Zeichens Schlagzeuger der inzwischen weltberühmten Band Fleet Foxes und auch solo schon einige Zeit aktiv. Robin Pecknold himself, der Sänger der Senkrechtstarter aus Seattle, hatte am Mittwoch beim Konzert der Fleet Foxes in der Cigale darauf hingewiesen, daß alle doch bitte am Freitag in die Flèche d'or gehen sollen, um Josh spielen zu sehen. Robin selbst ist aber nicht gekommen, nur seine Schwester ist da. Und die ist amüsanterweise die Freundin von Herrn Tillman! Ich wußte das vorher nicht, habe es erst während des Konzertes erfahren, denn die bildhübsche Blondine hatte bei einem Song einen Gastauftritt und Freunde flüsterten mir ganz aufgeregt ins Ohr, um wen es sich bei dem feschen Mädel handele.

Witzig, ich hatte sie genau wie Josh bereits im Café gesehen, wo ihr Lover noch ganz kurz vor seinem Auftritt das Interview gab. Zwei Minuten nachdem er die letzte Frage beantwortet hat, steht er dann - ganz Profi - schließlich schon auf der Bühne der Flèche d'or. Aber nicht alleine mit seiner Akustikgitarre, wie ich das vermutet hatte, nein, er hat eine ausgewachsene Band dabei, die seinen wunderbaren und reduzierten Folkkompositionen mehr Druck verleihen. Es gibt instrumententechnisch alles, was es braucht, um eine Americana - Konzert perfekt darzubieten. Einen Typ an der Pedalsteel, einen Bassisten, einen Gitarristen an der Elektrischen und einen Drummer, der mit Schneebesen trommelt.

Das erste Lied, das mir so einen richtigen Messerstich ins Herz versetzt, ist die betörende, aber keineswegs schwülstige Ballade No Occasion: "I don't wanna live again, 'caus I don't want this life to end", heißt es da. Wenn er diese sentimentalen Zeilen singt, ist seine Stimme herrlich warm und ein klein wenig rauh, wie bei einem harmonisch ausgewogenen Spitzenwhiskey. Die Instrumentierung hierzu ist perfekt, dynamisch, aber nicht zu wuchtig. Zu fünft zu spielen, bedeutet nicht gleich, daß man die Lieder pompös gestalten muß und dem Gesang keine Luft zum Atmen mehr gibt.

Bei dem wundervollen Song Firstborn stehen dann sogar sechs Personen auf der Bühne. Die Männerrunde wird durch die eingangs erwähnte hübsche blonde Freundin von Josh Tillman aufgepeppt. Der Bartträger ist sich durchaus bewußt, daß er eine sehr attraktive Partnerin hat, er kommentiert ihr Erscheinen auf der Bühne mit den Worten: "Cool, man muß nur rufen und schon kommt ein heißes Mädel ("a hot girl" wie er wörtlich sagt) angesprungen!" Solche kessen Sprüche traut man dem Kerl gar nicht zu, er wirkt ansonsten immer so ruhig und sachlich. Aber das kann täuschen, auch sein Set bietet neben traumhaft schönen Herzwärmern wie When I Light Your Darkened Door, oder James Blues ein paar reglrecht rockige, ja fast postrockige Stücke. Und ausgelassen kan Tillman auch sein, eine halbe Stunde nach seinem Konzert sehe ich ihn im Café wieder, wo er amüsiert in eine kleine Kindertröte tutet und dazu singt.

Joshua, Josh, J. Tillman solo, so viel mehr als nur ein Nebenprojekt! Ganz traumhaft ist das!

Weniger traumhaft war dann aber, daß die Flèche d'or im Laufe des Abends immer voller und voller wurde. Plötzlich sah man am Bühnenrand ausschließlich junge Mädchen, die sehnsüchtig darauf warteten, daß sich der rote Vorhang lüftet und den Blick auf ihre Lieblinge von Revolver freigibt. Wären wir hier jetzt in Deutschland würden sich Ambroise, Christophe und Jérémie, die sich hinter dem Band - Namen verbergen, perfekt für einen Bravo - Starschnitt eignen, den sich die Girlies dann über ihr Bett heften können, um die Kerle besser anzuschmachten. Was hier in den letzten Wochen für ein Rummel um Revolver betrieben wurde, grenzt so langsam an einen Hype! Dabei ging es eigentlich langsam und kontinuierlich bergauf, denn ich habe die Band in den letzten Monaten und Jahren schon oft als Vorgruppe erlebt und da war das Interesse eigentlich eher noch mäßig. Inzwischen aber scheint der Knoten geplatzt zu sein und die Leute strömen in Scharen zu den Konzerten der hoch gehandelten französischen "Boygroup", die bereits jetzt bei einem Major Label (EMI) gesignt ist.

Und nach dem rund 40 minütigen Konzert kann ich auch recht gut verstehen, warum es stetig besser für Revolver läuft. Ihre harmonischen Gesänge werden immer ausgereifter und schöner, gesanglich liegen sie selten daneben und ihr Stücke haben einen entwaffnenden Charme. Im Grunde genommen klingen Revolver unglaublich englisch, konkreter gesagt nach den Beatles und den Zombies, aber hinzu kommt auch dieser berühmt-berüchtigte French Touch. Das liegt nicht nur an dem leichten Akzent, sondern auch der Art und Weise wie man Melodien erzeugt, die mit dieser hauchzarten Melancholie garniert sind.

Wahre Ohrwürmer haben die Jungs im Programm, man höre sich nur das unverschämt beschwingte Get Around Town mit seinen herrlichen Dingel-Dengel-Gitarren an, um zu verstehen, was ich meine. Jede Menge Hits also und das brachte mich trotz der Enge in Schwung. Ich bewegte mich ein wenig im Rhythmus der feinen Musik, fühlte mich bestens und hatte richtig Spaß. Plötzlich wurde ich aber von der Seite angepöbelt. Ein stutenbissiges junges Mädchen klagte mich an, ihren Hintern angefasst zu haben. - "Wie bitte? Du träumst!", war meine erste Reaktion, aber sie guckte immer noch zickig. "Hältst Du dich etwa für so umwerfend, daß Männer nicht ihre Grapschehändchen an sich halten können, oder was?", setzte ich nach und hatte sie damit empfindlich verletzt - "Das habe ich nie gesagt!", stammelte sie schüchtern und guckte enttäuscht auf den Boden. Ich hatte das Gefecht gewonnen und wertete ihre miese Laune als Reaktion darauf, daß sie wahrscheinlich ihre Tage hatte. An der tollen Musik, die u.a. auch auf einem Cello gespielt wurde, kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn die versetzte einen trotz des sentimentalen Beingeschmacks in Euphorie. Babababababababa, sangen dann schließlich auch bei dem abschließenden Balulalow alle den singalong mit, auch ich. Daß ein Teil des Liedes ganz klar von meinem Lieblingssänger Elliott Smith abgekupfert wurde, nahm ich den Franzosen auch nicht übel, schließlich ist es nicht schlimm, einen guten Musikgeschmack zu haben. Zu Elvis Presley gehen unsere Ansichten aber anscheinend auseinander. Während ich ihn für einen aufgeblasenen Schmalzbubi halte, finden Revolver ihn toll, denn als Zugabe brachten sie mit Can't Help Fallling In Love noch eine alte Schnulze des Kings. Aber selbst diese bekamen sie klasse hin und überzeugten somit auf ganzer Linie.

Der Konzertabend war offiziell damit noch lange nicht beendet, denn es kamen noch andere Gruppen, unter anderem die Franzosen The Bewitched Hands On The Top Of Our Heads. Deren Pixies infizierter Sound war auch nicht übel, aber meine Aufnahmekapazität war nun erschöpft und ich verließ gerädert den Ort des Geschehens. Schön war's, auch wenn ich das junge weibliche Du The First Aid Kit, die ganz an den Anfang gesetzt wurden, verpasst hatte. Schade, ihre Fleet Foxes Cover Version des Tiger Mountain Peasant Songs hätte ich allzu gerne gehört....


Nicht verpassen: Josh Tillman in Deutschland (Hingehen ist für Leute mit Geschmack erste Bürgerpflicht!):

01.03.2009: Privatclub, Berlin
03.03.2009: Blue Shell, Köln (Christoph, Christina, Thomas, Frank, Magali etc. nix wie hin!!)



First Aid Kit covern Tiger Mountain Peasant Song von den Fleet Foxes. Im Wald. Unfassbar toll!
Deshalb auch 420 000 (!) Aufrufe bei Youtube...

An alle schnell entschlossenen Berliner: First Aid Kit am 28.02.2009 live im Berliner White Trash Fast Food.

Links:

- Mehr Fotos von J Tillman hier
- Mehr Fotos von Revolver hier
- Charmante Wohnungssession mit Revolver, Balulalow live @ Royal Monceau Demolition Party. Sensationelle Stimmung. Angucken!
- Revolver Leave Me Alone - Studiosession
- J. Tillman & Emily Loizeau - Crooked Roof, eine Session der Blogothèque
- J. Tillman - Firstborn Original Videoclip

Pour nos lecteurs français:

Carte blanche pour le jeune groupe parisien Revolver qui ont fait preuve d'un très bon gout en invitant J. Tillman qui n'est pas simplement batteur du groupe Fleet Foxes (excellent à la Cigale mercredi!), mais aussi un chanteur et gitariste de talent. Il a une voix toute chaude et belle qui rapelle Ray La Montagne ou Damien Jurado. Entouré d'un véritable group il a surtout joué des morceaux sublimes de son album actuel nommé Vaciland Territory Blues, dont Firstborn (avec sa jolie copine, qui est d'ailleurs la soeur de Robin Pecknold) et James Blues. Il a prouvé que ce n'est pas simplement un "sideproject" mais qu'il est un des meilleurs chanteurs country/blues de ce moment.

Puis les trois garçons de Revolver ont fait rever les jeunes filles avec leur pop de chambre, influencé par les Beatles, Elliott Smith et Giant Sand. Ils ont énormément progressé et leurs compositions et les harmonies vocales étaient de toute beauté. Ils ont des vértiables tubes tel que Get Around Town et Leave Me Alone ils et vont faire parler d'eux dans le futur, c'est sûr!






 

Konzerttagebuch © 2010

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