Donnerstag, 13. August 2009

Beirut, Köln, 12.08.09


Konzert: Beirut
Ort: Philharmonie Köln (c/o pop)
Datum: 12.08.2009
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft (vielleicht 1.800)
Dauer: Beirut gut 85 min, Johannes Stankowski und Band 35 min


Richtig warm geworden bin ich mit Zach Condons Beirut bisher nicht. Die Musik des Amerikaners ist besonders, gar keine Frage. Aber der Funke, der dafür gesorgt hätte, daß Beirut eine größere Rolle in meinem Hörverhalten gespielt hätte, ist nie übergesprungen - und das, obwohl es kaum jemand so meisterhaft beherrscht, seinen Stücken großartige Namen zu geben! Trotzdem wollte ich mir Beirut natürlich ansehen, denn oft begeistern Bands mit solch wuchtigem Sound ja erst live richtig. 2007 fiel Zachs Stimme, 2008 der Rest aus; Chancen, die Balkan-Folk-Pop Band im Rhineland zu sehen, gab es nicht.

Als dann die c/o pop ein Beirut Konzert im der Kölner Philharmonie ankündigte, funktionierte bei mir wohl erst einmal das sozialpyschologische Prinzip der Knappheit: schwer zu sehen -> also kaufen... Aber in meinem schlanken Konzertkalender waren ganz ehrlich sehr viele andere Abende, von denen ich mir (fürs Herz) mehr versprach. Ok, Philharmonie und eine Band, die ich immer schon mal erleben wollte, ist schon toll, Lieblinge wie Noah And The Whale oder Saint Etienne endlich einmal zu sehen, Nummern besser.

So ungefähr war meine Erwartungshaltung.

Das Ambiente war ähnlich, die Stimmung weit weniger feierlich-entrückt als bei Antony And The Johnsons im April in der Alten Oper in Frankfurt. Los ging es relativ pünktlich mit Johannes Stankowski und Band aus Köln. Den Sänger hatte ich bisher nur mit seiner alten Band Werle & Stankowski gesehen. Das gefiel mir gut, denn die Mischung aus ganz reduzierter Gitarrenmusik mit elektrischen Beats, schöne Melodien und eine gute Stimme machte schöne Musik.

Auch wenn Johannes Stankowski und Band Sachen von Werle & Stankowski gespielt haben (das grandiose Lady Grey!), klingt die Band heute nach einer amerikanischen
Band. Gäbe es nicht Johannes' großartige kölsche Ansagestimme, hätte man die Band auch für Freund von Zach aus New Mexico halten können. Perfektioniert wurde dieser Eindruck am Ende durch den Einsatz einer knallroten Steelguitar (oder so - hier spricht der nicht-Musiker). Aber auch die meisten Lieder klangen nach amerikanischen Referenzbands, nicht nach Köln. Johannes' Band hatte zumindest auf einer Position ein mir bekanntes Gesicht, Tasteninstrumente spielt der Wolke Keyboarder Benedikt Filleböck. Komplettiert wird die Gruppe durch Daniel Schaub (Basse), Dan Enderer (Schlagzeug) und Phillip Tielsch (Gitarre). Die Setlist bekomme ich wohl leider nicht zusammen...

Nachdem wir die Pause mit Getränken verbracht hatten, wurde es um zwanzig nach
neun spannend. Also unser Grübeln, wie viele Musiker Zach wohl mitbringen würde. Da standen nämlich viel zu wenige Mikros... Wie soll man denn den wuchtigen Balkan-Mexiko-Sound mit fünf oder sechs Hansels erzeugen? Obwohl die Philharmonie eine grandiose Akustik hat, schien das doch ein wenig dünn zu sein. Wir kamen zu dem Schluß, daß das große mexikanische Orchester wohl rechts oder links der Band aufgebaut werden müsse.

Es kamen dann aber wirklich "nur" sechs Musiker, und alle hatten Instrumente, die sie in richtigen Rockbands zu Außenseitern machen würden. (Kontra)bass,
Trompeten, Akkordeon, Posaune, Glockenspiel, Hörner, Tuba, eine Ukulele und ein ganz merkwürdig abgespecktes Schlagzeug (waren da neben der Bassdrum und einer kleinen Trommel wirklich keine anderen?).

Der Anfang des ersten Stücks Nantes hörte sich schon vielversprechend an. Die Akustik des Saals erzeugte dann aber dann erst mit dem Einsetzen der Bläser den ganz großen Effekt. Die perfekte Abmischung der Stimmen mit den lauten Instrumenten, einfach atemberaubend!

Schon bei The Shrew, einem der "mexikanischen" Lieder von der Doppel-EP March Of The Zapotec / Holland klatschte der halbe Saal mit und juchzte, als die mittelamerikanischen Tröten einsetzten! Wie fabelhaft! Ein zu unrecht von mir bisher weitestgehend ignoriertes Lied!

Egal von welcher Platte, alle Stücke begeisterten mich. Die lauten sicher mehr als ruhigere Sachen wie Elephant gun. Zwischendurch kündigte Zach ein Serge Gainsbourg Cover an. Auch auf die Gefahr hin, daß mich jetzt Blitze treffen -
La Javanaise war das schwächste Stück des Abends.

Die besten des normalen Teils des Konzerts waren für mich das abschließende
After the curtain, The Shrew und Mount Wroclai. "Normaler Teil" eines Konzerts ist in meinem Sprachgebrauch eigentlich alles vor den Zugaben. Hier hat das aber durchaus noch eine weitere Bedeutung. Denn nicht nur die Setlist betreffend, änderte sich jetzt einiges. Während bei den ersten Liedern sich nur die (wegen ihrer schrecklichen Jackets armen) Ordner bewegten, durchzuckte es mit den ersten Zugaben immer mehr Leute, nach und nach stand das Publikum auf und feierte die drei offenbar geplanten Zugaben The penalty, Carousels und Siki siki baba. Ein sehr schöner, vor allem würdiger Abschluß eines wirklich vollkommen überzeugenden Konzerts! Vermutlich eines der besten des Jahres! Überall glückliche Gesichter! Hätte es so geendet, alles wäre gut gewesen!

Aber Zach hatte vorher wohl nicht gelogen, als er nach dem üblichen "schön, in Köln zu sein" (Rockstar-Lexikon, Seite 15) noch zufügte, daß er Köln lieber möge als Berlin. Denn nach langem Klatschen kamen die Amerikaner wirklich noch einmal
wieder, auch zum Erstaunen des Tourmanagers oder Roadies. Das nächste Lied habe man sehr lange nicht gespielt, man wolle es aber versuchen. Und "versuchen" war wohl das Stichwort...

Irgendwer links vor mir fragte dann ziemlich schüchtern die Band, ob man auf die Bühne klettern dürfe zum Tanzen. Kein Problem! Und plötzlich kletterten rechts und links zig Menschen auf die ehrwürdige Bühne, bildeten einen Halbkreis um Beirut, klatschten und tanzten und verwandelten das ernste Gebäude in eine Partybude! Krawall und Remmidemmi! Es war unglaublich toll!

Und es hörte nicht auf, denn nach Rhineland (ungeschlagen bestes Lied des Abends), stimmten die sichtlich angetanen Musiker My night with the prostitute from Marseille an. Und nein, es gab keinen Grund, da schon Angst vor dem Ende zu haben. Denn auch The Gulag Orkestar spielten Zach und Kollegen noch.

Und als dann endgültig Schluß war, schüttelten
Tänzer und Musiker sich die Hände, bedankten sich die Leute am Bühnenrand mit Umarmungen von der Band, die uns einen irren Abend mit den besten letzten Minuten geschenkt hatte! Der Auftritt wird übrigbleiben im Konzertgedächtnis!

Setlist Beirut, Philharmonie Köln, c/o pop:

01: Nantes
02: Mimizan
03: The Shrew
04: Elephant gun
05: The concubine
06: Mount Wroclai
07: La Javanaise (Serge Gainsbourg Cover)
08: Postcards from Italy
09: Cocek (instrumental)
10: Scenic world
11: Cherbourg
12: The Akara
13: A sunday smile
14: After the curtain

15: The penalty (Z)
16: Carousels (Z)
17: Siki siki baba (Z)

18: Rhineland (Heartland) (Z)
19:
My night with the prostitute from Marseille (Z)
20: The Gulag Orkestar (Z)

Links:

- Beirut am 12.05.09 in Paris
- und am 27.11.07 auch dort
- und schließlich am 12.11.07 im Olympia in Paris
- mehr Fotos von Beirut in der Philharmonie



13 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

es war so unfassbar großartig!

ich meine bei den zugaben hätte er rhineland(heartland) noch gespielt. vielleicht ist das dein fragezeichen.
aber am ende war ich eh in der euphorie gefesselt, deshalb kann ich mich auch schwer täuschen...:)

Julia hat gesagt…

"Konzert des Jahres, oder?"
- Absolut! Sowohl, was die Band und ihre Leistung angeht, als auch in Sachen Atmosphäre im Publikum.
Euphorie ist das richtige Stichwort. Hätte ja nie gedacht, in der Philharmonie mal ein tanzendes Publikum zu sehen :)

Nelle hat gesagt…

Warum denn "fast ausverkauft"? Ich kenne mindestens zwei Personen, die gestern todtraurig zu Hause saßen, weil sie keine Karte mehr bekommen haben.

Bis nachher. ;-)

Christoph hat gesagt…

Auf der c/o pop oder der Philharmonie Website stand, daß es noch Restkarten gäbe. Oliver hat eine Viertelstunde vor Abfahrt da angerufen und konnte aussuchen: Reihe 3, 5, 7. Und im Saal waren sehr viele Lücken. Man hätte noch sehr viele Leute untergebracht.

Bis morgen erst, schaffe das heute noch nicht. Aber die zwei Tage werden ja auch schon herausragend genug!

Christoph hat gesagt…

Rhineland war natürlich dabei. Der Rest müsste jetzt auch so stimmen. Nur bei Siki bin ich mir nicht sicher, weil ich meine Notizen nicht entziffern kann :-)

Danke für den Hinweis!

Christoph hat gesagt…

Das tanzende Publikum war sagenhaft! Mein Gott, was für ein großartiger Abend!

Die Aftershow-Party in der Galerie war aber auch prima!

Dirk hat gesagt…

Phantastisches Konzert!

Hätte ja nie gedacht, dass ich mal mit einer Band auf einer Bühne tanze, noch dazu in der Philharmonie!

antoinette hat gesagt…

Ich bin immer noch gar nicht richtig hier! Das war so ziemlich mein bestes Konzert überhaupt...
Der Hammer!

Das Bühnengetanze war natürlich der krönende Abschluss überhaupt!!!

elbunk hat gesagt…

Wahnsinniges Konzert, ja!
Vielen Dank für den tollen Bericht!

Vielleicht solltest du noch das Freibier erwähnen was es danach aus unerfindlichen Gründen gab! Übrigens, Kölsch + Ricola: nie probiert aber 1 A Mischung!

U. hat gesagt…

Habe vergeblich nach Bildern vom tanzenden Dirk gesucht. Hier wurde journalistisch versagt! :-)

Christoph hat gesagt…

Absolut!

Dummerweise war er im Hintergrund rechts und nur einmal für mich zu sehen. Und das ist dann vollkommen verwackelt.

Vielleicht bekomme ich ihn ja dazu heute in Haldern irgendwo zu tanzen. Dann wird's besser.

Anonym hat gesagt…

das publikum war eingefroren.... sorry, ist aber wahr.... mir hat es so leid getan, dass alle, ausser zwei mädels am rande, wie in der tiefkühltruhe saßen.....
ach, mann bei manchen hat man zuckende bewegungen beobachtet... was nicht unbedingt als stimmungsattacke ausgesehen hat....

Michael hat gesagt…

Danke für das tolle Review! :-) War das ein Konzert. Und Reihe 3 wurde ja zur zweiten Reihe, da die Bühne etwas erweitert wurde.

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates