Konzert: Beirut
Ort: Philharmonie Köln (c/o pop)
Datum: 12.08.2009
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft (vielleicht 1.800)
Dauer: Beirut gut 85 min, Johannes Stankowski und Band 35 min
Richtig warm geworden bin ich mit Zach Condons Beirut bisher nicht. Die Musik des Amerikaners ist besonders, gar keine Frage. Aber der Funke, der dafür gesorgt hätte, daß Beirut eine größere Rolle in meinem Hörverhalten gespielt hätte, ist nie übergesprungen - und das, obwohl es kaum jemand so meisterhaft beherrscht, seinen Stücken großartige Namen zu geben! Trotzdem wollte ich mir Beirut natürlich ansehen, denn oft begeistern Bands mit solch wuchtigem Sound ja erst live richtig. 2007 fiel Zachs Stimme, 2008 der Rest aus; Chancen, die Balkan-Folk-Pop Band im Rhineland zu sehen, gab es nicht.
Als dann die c/o pop ein Beirut Konzert im der Kölner Philharmonie ankündigte, funktionierte bei mir wohl erst einmal das sozialpyschologische Prinzip der Knappheit: schwer zu sehen -> also kaufen... Aber in meinem schlanken Konzertkalender waren ganz ehrlich sehr viele andere Abende, von denen ich mir (fürs Herz) mehr versprach. Ok, Philharmonie und eine Band, die ich immer schon mal erleben wollte, ist schon toll, Lieblinge wie Noah And The Whale oder Saint Etienne endlich einmal zu sehen, Nummern besser.
So ungefähr war meine Erwartungshaltung.
Das Ambiente war ähnlich, die Stimmung weit weniger feierlich-entrückt als bei Antony And The
Johnsons im April in der Alten Oper in Frankfurt. Los ging es relativ pünktlich mit Johannes Stankowski und Band aus Köln. Den Sänger hatte ich bisher nur mit seiner alten Band Werle & Stankowski gesehen. Das gefiel mir gut, denn die Mischung aus ganz reduzierter Gitarrenmusik mit elektrischen Beats, schöne Melodien und eine gute Stimme machte schöne Musik.Auch wenn Johannes Stankowski und Band Sachen von Werle & Stankowski gespielt haben (das grandiose Lady Grey!), klingt die Band heute nach einer amerikanischen
Band. Gäbe es nicht Johannes' großartige kölsche Ansagestimme, hätte man die Band auch für Freund von Zach aus New Mexico halten können. Perfektioniert wurde dieser Eindruck am Ende durch den Einsatz einer knallroten Steelguitar (oder so - hier spricht der nicht-Musiker). Aber auch die meisten Lieder klangen nach amerikanischen Referenzbands, nicht nach Köln. Johannes' Band hatte zumindest auf einer Position ein mir bekanntes Gesicht, Tasteninstrumente spielt der Wolke Keyboarder Benedikt Filleböck. Komplettiert wird die Gruppe durch Daniel Schaub (Basse), Dan Enderer (Schlagzeug) und Phillip Tielsch (Gitarre). Die Setlist bekomme ich wohl leider nicht zusammen...Nachdem wir die Pause mit Getränken verbracht hatten, wurde es um zwanzig nach
neun spannend. Also unser Grübeln, wie viele Musiker Zach wohl mitbringen würde. Da standen nämlich viel zu wenige Mikros... Wie soll man denn den wuchtigen Balkan-Mexiko-Sound mit fünf oder sechs Hansels erzeugen? Obwohl die Philharmonie eine grandiose Akustik hat, schien das doch ein wenig dünn zu sein. Wir kamen zu dem Schluß, daß das große mexikanische Orchester wohl rechts oder links der Band aufgebaut werden müsse.Es kamen dann aber wirklich "nur" sechs Musiker, und alle hatten Instrumente, die sie in richtigen Rockbands zu Außenseitern machen würden. (Kontra)bass,
Trompeten, Akkordeon, Posaune, Glockenspiel, Hörner, Tuba, eine Ukulele und ein ganz merkwürdig abgespecktes Schlagzeug (waren da neben der Bassdrum und einer kleinen Trommel wirklich keine anderen?).Der Anfang des ersten Stücks Nantes hörte sich schon vielversprechend an. Die Akustik des Saals erzeugte dann aber dann erst mit dem Einsetzen der Bläser den ganz großen Effekt. Die perfekte Abmischung der Stimmen mit den lauten Instrumenten, einfach atemberaubend!
Schon bei The Shrew, einem der "mexikanischen" Lieder von der Doppel-EP March Of The Zapotec /
Holland klatschte der halbe Saal mit und juchzte, als die mittelamerikanischen Tröten einsetzten! Wie fabelhaft! Ein zu unrecht von mir bisher weitestgehend ignoriertes Lied!Egal von welcher Platte, alle Stücke begeisterten mich. Die lauten sicher mehr als ruhigere Sachen wie Elephant gun. Zwischendurch kündigte Zach ein Serge Gainsbourg Cover an. Auch auf die Gefahr hin, daß mich jetzt Blitze treffen - La Javanaise war das schwächste Stück des Abends.
Die besten des normalen Teils des Konzerts waren für mich das abschließende After
the curtain, The Shrew und Mount Wroclai. "Normaler Teil" eines Konzerts ist in meinem Sprachgebrauch eigentlich alles vor den Zugaben. Hier hat das aber durchaus noch eine weitere Bedeutung. Denn nicht nur die Setlist betreffend, änderte sich jetzt einiges. Während bei den ersten Liedern sich nur die (wegen ihrer schrecklichen Jackets armen) Ordner bewegten, durchzuckte es mit den ersten Zugaben immer mehr Leute, nach und nach stand das Publikum auf und feierte die
drei offenbar geplanten Zugaben The penalty, Carousels und Siki siki baba. Ein sehr schöner, vor allem würdiger Abschluß eines wirklich vollkommen überzeugenden Konzerts! Vermutlich eines der besten des Jahres! Überall glückliche Gesichter! Hätte es so geendet, alles wäre gut gewesen!Aber Zach hatte vorher wohl nicht gelogen, als er nach dem üblichen "schön, in Köln zu sein" (Rockstar-Lexikon, Seite 15) noch zufügte, daß er Köln lieber möge als Berlin. Denn nach langem Klatschen kamen die Amerikaner wirklich noch einmal
wieder, auch zum Erstaunen des Tourmanagers oder Roadies. Das nächste Lied habe man sehr lange nicht gespielt, man wolle es aber versuchen. Und "versuchen" war wohl das Stichwort...Irgendwer links vor mir fragte dann ziemlich schüchtern die Band, ob man auf die Bühne klettern dürfe zum Tanzen. Kein Problem! Und plötzlich kletterten rechts und links zig Menschen auf die ehrwürdige Bühne, bildeten einen Halbkreis um Beirut, klatschten und tanzten und verwandelten das ernste Gebäude in eine Partybude! Krawall und Remmidemmi! Es war unglaublich toll!
Und es hörte nicht auf, denn nach Rhineland (ungeschlagen bestes Lied des Abends), stimmten die sichtlich angetanen Musiker My night with the prostitute from Marseille an. Und nein, es gab keinen Grund, da schon Angst vor dem Ende zu haben. Denn auch The Gulag Orkestar spielten Zach und Kollegen noch.Und als dann endgültig Schluß war, schüttelten
Tänzer und Musiker sich die Hände, bedankten sich die Leute am Bühnenrand mit Umarmungen von der Band, die uns einen irren Abend mit den besten letzten Minuten geschenkt hatte! Der Auftritt wird übrigbleiben im Konzertgedächtnis!Setlist Beirut, Philharmonie Köln, c/o pop:
01: Nantes
02: Mimizan
03: The Shrew
04: Elephant gun
05: The concubine
06: Mount Wroclai
07: La Javanaise (Serge Gainsbourg Cover)
08: Postcards from Italy
09: Cocek (instrumental)
10: Scenic world
11: Cherbourg
12: The Akara
13: A sunday smile
14: After the curtain
15: The penalty (Z)
16: Carousels (Z)
17: Siki siki baba (Z)
18: Rhineland (Heartland) (Z)
19: My night with the prostitute from Marseille (Z)
20: The Gulag Orkestar (Z)
Links:
- Beirut am 12.05.09 in Paris
- und am 27.11.07 auch dort
- und schließlich am 12.11.07 im Olympia in Paris
- mehr Fotos von Beirut in der Philharmonie