Freitag, 10. April 2009

Antony & The Johnsons, Paris, 09.04.09


Konzert: Antony & The Johnsons

Ort: Le Grand Rex, Paris
Datum: 09.04.2009
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: ca. 100 Minuten



Jetzt mal ehrlich: Ob es wirklich eine gute Idee ist, an einem herrlich sonnigen Frühlingstag dem tottraurigen Katzengejammer von Antony Hegarty zu lauschen? Von dem Gejaule und Geschluchze wird man doch ganz depressiv, oder nicht? Da sprießen gerade die Knospen an den Bäumen, Pariser und Touristen frequentieren die Terassen der Cafés, alle sind sie bester Dinge und dann fährt meiner einer mit der U-Bahn zum Grand Rex, um sich mal so richtig runterziehen zu lassen! Und ich war ja nicht der Einzige, das Konzert war trotz hoher Eintrittspreise rasch ausverkauft. Alles Leute, die sich gerne in Selbstmitleid und Schwermut suhlen, was?

Andererseits: Wer kann denn schon auf fröhliche Musik, bitte schön? Haben wir nicht alle gekotzt, als R.E.M. uns mit Shiny Happy People malträtierten? Eben! Also nix mit shiny und happy, lieber depressed and proud of it! Oder so...

Bevor ich reingehe, frage ich mich, ob ich wohl dem Präsidenten der Republik und seiner Carlita begegne. Heute mittag hatte ich nämlich gelesen, daß Sarko sich gestern mit seiner Süßen heimlich (sofern so etwas bei einem Staatsmann überhaupt geht!) ein Konzert des scheußlichen Julian Doré im Olympia angesehen haben soll und anscheinend ist Sarko auch bei einem der Konzerte von Bob Dylan aufgetaucht. Verrückt oder? Der Krisengipfel in London ist vorbei und der Herr Präsident geht wie Oliver Peel auf Konzerte! Wahrscheinlich lässt er sich jeden Tag das Konzerttagebuch ins Französische übersetzen...

Aber ich kann Entwarnung geben, Sarko war nicht da und Karl Lagerfeld, der ebenfalls als Musikfan bekannt ist, auch nicht. Stattdessen ein bunt gemischtes Völkchen aus der Gay-Community, linkem, bebrillten Bildungsbürgertum (Oberstudienräte, Psychiater, Heilpraktiker, ich fantasiere ein wenig...) und Indie-Konzertgängern, in der Mehrheit altersmäßig zwischen 28 und 40 Jahren.

Das Publikum sehe ich aber anfangs gar nicht, weil es in dem riesigen Kinosaal stockdunkel ist. Auf der Bühne hüpft gerade noch eine Performancekünstlerin (Johanna Constantine) rum, während mir eine Platzanweiserin mit einer Taschenlampe zeigt, wo ich meinen Allerwertesten in den nächsten 100 Minuten betten soll. Ich sitze sauweit von der Bühne entfernt, bin oben auf dem Balkon und schwitze jetzt schon. Wärme steigt nach oben, ist ja bekannt! Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, daß ich mich wohl fühle. Es herrscht eine stickige Luft, ich sehe vor Dunkelheit meine eigenen Füße nicht und außerdem habe ich Kohldampf!

Die Performancekünstlerin geht, aber das Licht bleibt aus, denn jetzt kommt Antony mit einem richtigen kleinen Orchester reinmarschiert. Tosender Applaus brandet auf, aber ich rühre mich nicht, weil ich erst mal sehen will, wo Antony überhaupt ist. Ahh, da sehe ich vage einen schwarzen Schopf am Piano, das muß er sein! Auch die Bühne ist nur äußerst spärlich beleuchtet und man erkennt so gerade eben die Begleitband, bestehend aus einer Cellistin, einem Gitarristen, einem Violinisten, einem Saxofonisten, einem Drummer und einem Bassisten, der wie ein Schatten gleich hinter Antony steht. Die siebenköpfige Formation legt hochkonzentriert und ohne sich vorzustellen mit neuem Material vom letzten Album The Crying Light los. Gesprochen wird zunächst auch in den Pausen zwischen den Liedern nicht, lediglich ein kurzes "Merci" hört man von Antony. Seltsam: Ich hatte den Pianisten als sehr gesprächig in Erinnerung. Ich hatte ihn vor ca 4 Jahren in der intimen Maroquinerie und später auch noch im Olympia gesehen und weiß noch sehr genau, daß er eine witzige Ankedote erzählt hatte: Seine Schwester wohnte in Paris und als er sie besuchte, sind sie zusammen das unterirdische Paris, sprich die Kanalisation ("les égouts de Paris!) erkunden gegangen. Das hätte ihm gruselige Momente und ein paar Alpträume eingebrockt, gab er damals zu.

Heute ist der ängstliche Mann aber gar nicht sonderlich gesprächig, er zieht sein Programm so perfekt durch, daß man glaubt, ein Tonband mit der aktuellen CD würde laufen. Er trifft jeden Ton und die Johnsons spielen wunderbar harmonisch, aber irgendwie ist es so fehlerfrei, daß keine rechte Rührung enstehen kann. Schon paradox, da wird mir ein künstlerisch hochkarätiger Konzertstart geboten und ich bin trotzdem nicht zufrieden. Dabei ist gerade Epilepsy Is Dancing so was von schön, Antonys Stimme vibriert auf das Wundervollste, die Instrumentierung ist traumhaft und das Publikum vorbildlich ruhig. Dennoch: Gerührt oder gar ergriffen bin ich nicht. Ob Udo Lattek jetzt geweint hätte? Wie auch immer, Gefühle funktionieren eben nicht auf Knopfdruck! Und irgendwie habe ich den Eindruck, daß es dem Großteil des Publikums zunächst ähnlich ergeht. Der Applaus ist jeweils lautstark und langanhaltend, aber keiner flippt so richtig aus. Und außerdem kommen Leute ins Grand Rex ein wenig wie ins Theater oder die Philharmonie. Man hat sich schon vorher fest vorgenommen, laut und lange zu klatschen, denn schließlich hat man viel Geld für seine Karte bezahlt und will sich auf keinen Fall den Spaß verderben lassen.

Interessanterweise brandet zum ersten Mal richtige Begeisterung auf, als das alte Stück For Today I Am A Boy angestimmt wird. Anscheinend ist den meisten hier der Vorgänger wesentlich geläufiger als das aktuelle Werk. Aber auch dessen Stücke haben jetzt mehr Dampf. Bei Kiss My Name knallt zum ersten Mal der Drummer so richtig mit seinen Schneebesen auf sein Arbeitsgerät. Das Konzert ist jetzt lanciert, die Aufwärmphase vorbei. Another World erzeugt mit seinem tottraurigen Text (Antony erzählt textlich, was er alles vermissen wird, wenn er nicht mehr da ist) zum ersten Mal ein wohliges Kribbeln in der Magengegend und bei einem anderen Stück verpatzt Antony sogar den Einstieg, was ihm prompt mit standing ovations gedankt wird. Er schwächelt leicht, das macht ihn menschlich und das lieben die Leute. Ein häufig beobachtetes Phänomen: Den bewegendsten Moment seiner Karriere hat das Tennisgenie Roger Federer im Januar dieses Jahres geliefert, als ihm nach der ärgerlichen 5 Satzniederlage bei den Australian Open die Tränen der Enttäuschung über die Wange liefen. Niemand möchte eben perfekt geölte Roboter haben, wenn hochtalentierte Leute auch einmal patzen, dann fliegen ihnen plötzlich die Herzen der Fans erst recht zu. Gut so!

Mein Herz schlägt höher, als Antony einen alten Song anstimmt, I Fell In Love With A Dead Boy. "I fell in love with a dead boy, oh, such a beautiful boy, oh such a beautiful boy. I ask him are you a boy or a girl?", das ist wirklich ein Frontalangriff auf die Tränendrüse, begleitet von traumhaft schönen Streichern! Das Konzert ist jetzt in seiner besten Phase, Fistfull Of Love von I Am A Bird Now ist so grandios, daß es hinterher einen überwältigend Jubel gibt. Das führt dazu, daß Antony etwas aus der Fassung gerät, denn You Are My Sister muß er drei mal anstimmen und kriegt es trotzdem nicht so hin, wie er das gerne möchte. Er bricht das Stück ab und bekommt erneut eine riesige Ovation. Leute rufen : "We love you oder you are a genius, worauf er trocken antwortet: "That's sweet, but I'm only as good as the last song." Nun beginnt eine längere Plaudereinlage, die extrem gut ankommt, weil sie die Stimmung auflockert. Der Künstler erzählt von seinem Verhältnis zu Gott und bekennt, daß er nicht an ihn glaubt*("God doesn't love me, because I'm a witch"), als junger Kerl aber in Jesus verliebt gewesen sei, da er das Gefühl hatte, daß dieser mindestens genauso stark leide, wie er selbst. Er träume davon, daß Gott als Frau wiedergeboren werde und ist plötzlich bei einem Thema angelagt, daß ihm anscheinend am Herzen liegt: Die Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft. Er hoffe, daß irgendwann die Zeit dafür reif sei, daß in der Mehrzahl Frauen große Unternehmen leiten und Staaten regieren (dabei schließt er aber Maggie Thatcher aus. Wieso eigentlich? Immer wird über die Frau hergezogen, obwohl sie trotz vieler übler Macken einiges für ihr damals am Boden liegendes England getan hatte) und erklärt, daß er Michelle Obama für die schönste Frau überhaupt halte. Die ganzen Ausführungen dienen letztendlich der Einleitung in das nächste Stück Hope Mountain, wo der Künstler sich textlich fragt, wie es wäre, wenn Jesus als Frau wiedergeboren würde und ob diese Frau dann auch über das Wasser gehen könne. Der Vortrag ist exzellent und nun kann auch You Are My Sister noch einmal fehlerfrei gespielt werden.

10 Minuten später ist mit einem intensiven Aeon die Messer vorerst gelesen. Kusshände werden ins Publikum geworfen und das Septett verschwindet kurz, bevor man bloß zwei Minuten später wieder mit versammelter Mannschaft einmarschiert. Nun machen sich Fans lautstark mit Wünschen bemerkbar. Einige machen sich vergeblich für Crazy in Love stark ("I dont feel crazy in love today"), andere fordern Brel ("I can't sing as good as Brel") und schließlich bekommt man eine improvisierte Einlage, bezeichnet als Song For Paris. Nach dem tollen Cripple And The Starfish vom ersten Album kommt dann das heißersehnte Hope There's Someone und dies ist nun wirklich so packend, daß ich es nicht bereue, mich an diesem herrlichen Frühlingstage in diesen dunklen Raum gesetzt zu haben! Das Lied kennt nun wirklich jeder und längere Ausführungen erübrigen sich somit. Nur soviel: Es ist eines der bewegendsten Lieder, die ich bisher live gehört habe und rechtfertigt alle Lobhudelungen auf Antony. Er ist ein riesiges Talent! - Und trotzdem ist er kein Genie. Zum Glück, denn Perfektion ist langweilig und die Phasen, in denen nicht alles so glatt lief, waren heute eigentlich die Schönsten.

Der Pianist ist übrigens auch ein sympatischer Kerl, der seine Fans liebt, wie ich hinterher feststellen konnte. Während ich draußen noch mit Freunden lange angeregt über das Konzert debattiere, geht plötzlich die Tür auf und der überraschend großgewachsene Mann tritt auf die Straße. Natürlich ist er in null Komma nichts von Fans umlagert und muß nun noch ausdauernd Autogramme schreiben. Das macht er gerne und sehr geduldig und ich nehme es ihm auch nicht übel, daß ich im Gegensatz zu meinem Freund Patrice persönlich leer ausgehe, weil der Star ins Taxi steigt. Irgendwann wollen Künstler auch mal ihre Ruhe haben. Diese sei ihnen gegönnt!


Setlist Antony & The Johnsons, Paris, Le Grand Rex (merci à Angelo de Rockerparis!)


01: Where Is My Power
02: Her Eyes Are Underneath The Ground
03: Epilepsy Is Dancing
04: One Dove
05: For Today I Am A Boy
06: Kiss My Name
07: Everglade
08: Another World
09: Shake That Devil
10: The Crying Light
11: I Fell In Love With A Dead Boy
12: Fistful Of Love
13: Hope Mountain
14: You Are My Sister
15: Twilight
16: Aeon

17: Song For Paris
18: Cripple And The Starfish
19: Hope There's Someone

* wohingegen ich keine Sekunde an die Klimakatastrophe glaube, die Antony wie so viele andere befürchtet. Für mich alles ein riesiger Medienhype und falls die Erde untergehen sollte, ist es ein nicht zu stoppendes Naturphänomen, das der Mensch keineswegs dadurch beeinflussen kann, daß er weniger Auto fährt oder Ähnliches...



Pour nos lecteurs français:

Antony voulait pas chanter Crazy in Love (parce qu'il ne se sentait pas Crazy in Love) ni Brel (parce que d'apres lui Brel avait une meilleur voix), mais d'entendre le sublissime Hope There's Someone valait lui seul déjà le détour. Avec un vrai petit orchestre (entre autres violincelle, violin et saxophone) l'homme avec la voix divine interprétait les morceaux de son dernier album The Crying Light et aussi des chansons du precedesseur comme Fistful Of Love, You Are My Sister ou For Today I Am A Boy. Mais le plus beau titre était le très touchant I Fell In Love With A Dead Man. Côté anecdotes, il parlait de ses angoisses concernant le climat (moi perso j'ai pas peur du tout de ça), de sa relation avec dieu (il ne croit pas en dieu, mais jeune il était amoureux de Jésu), de la beauté de Michelle Obama, de sa jeunesse malheureuse et qu'il revait d'une monde ou les femmes sont au pouvoir. (il excluait Margaret Thatcher et n'évoquait pas Angela Merkel).

Et à la fin il souhaitait en français "un tres beau printemps" au public. Ce fut une très belle soirée avec un artiste surdoué et attachant...

- Fotos von Antony & The Johnsons hier
- Fotos von der Aftershow hier
- Super Video von Antony live @ The Grand Rex von Rockerparis.

Konzerttermine von Anthony & The Johnsons in Deutschland 2009:

- 24. 04.2009: Admiralspalast, Berlin
- 26.04.2009: Postpalast, München
- 27.04.2009: Alte Oper, Frankfurt

und außerdem:

29.04.2009: Teatr Wielki, Warschau, Polen
30.04.2009: Donaufestival (Halle 1), Krems an der Donau, Österreich
01.05.2009: Donaufestival (Main Hall), Krems an der Donau, Österreich
03.05.2009: Muziekcentrum Frits, Eindhoven, Niederlande




5 Kommentare :

E. hat gesagt…

immer wieder schön, deine berichte mit zum teil arg kontroversen statements garniert zu sehen:
ad1: ich mag "shiny happy people".
ad2: deine gedanken zur klimakatastrophe lasse ich weitgehend unbeantwortet, wenngleich ich ihnen vollkommen konträr gegenüber stehe.

oliver r. hat gesagt…

Immer wieder schön und interessant, daß in der Regel viel öfter auf solche Statements, als den eigentlichen Bericht eingegangen wird. Deine Haltung zur Musik von Antony hast Du nicht nur weitgehend, sondern komplett unbeantwortet gelassen, Eike!

E. hat gesagt…

aus der gleichförmigkeit (und im vorliegenden fall natürlich qualitativer hochwertigkeit) eines konzertberichts sticht nun einmal manche formulierung heraus. die steht dann dort auch meist nicht umsonst. also möchte ich als wacher leser rückmeldung geben.
* ansonsten war deine retourkutsche gut geölt, keine frage. *
zu antony bleibt mir aber wenig zu sagen. live habe ich ihn nicht erlebt und auch sein letztes album steht noch ungehört bei mir und setzt nach mancher woche wohl schon staub an.

oliver r. hat gesagt…

Das erinnert mich an eine Anekdote aus der Studentenzeit. Bei einem Gastaufenthalt an einer Uni in England bekamen die Studenten einen zweistündigen Vortrag über die Geschichte des Colleges und seiner Architektur geschildert. Am Ende erwähnte die Professorin nebenbei, um was für eine Baumart es sich bei dem Gewächs vor dem Gebäude handelte und 10 Minuten später schloß sie ihre interessanten, aber etwas langatmigen Ausführungen.

"Any questions?", fragte sie in die Runde. Kein Mensch hebt die Hand. Plötzlich meldet sich ein Italiener zu Wort: "Was war das noch mal für ein Baum, von dem sie sprachen? Und wie alt ist der?"

Die Dozentin verdrehte die Augen, rang um Fassung und konstatierte: "Oh, meinen Vortrag hat wohl keinen hier interessiert".

E. hat gesagt…

mich erinnert es an die gedichte von hanns cibulka, den ich während meiner jugend gern gelesen habe. er baute immer wieder überraschungsworte in seine texte ein, aufmerker, so als wollte er die konzentration seiner leser auf die probe stellen.
sie waren aber immer so platziert, dass sie dem gesamten nicht die show stahlen. wie bei dir, oliver!

 

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