Sonntag, 15. Juli 2007

Jack Penate & The Blood Arm, Paris, 14.07.07


Konzert Jack Penate & The Blood Arm

Ort: Le Showcase, Paris
Datum: 14.07.2007
Zuschauer: zunächst sehr wenige, später war es dann voller


Heute war Nationalfeiertag in Frankreich, was wie jedes Jahr entprechend pompös
gefeiert wurde, schließlich ist und bleibt Frankreich die Grande Nation, da können die Amerikaner, allen voran Politiker wie Donald Rumsfeld, die sich vor allem während des Irak Krieges abschätzig über die Frenchies geäußert haben, sticheln wie sie wollen.

Eine besonders bombastische Veranstaltung fand zu Ehren des Tages am Champ de Mars statt, dem
wunderschönen Park zwischen der Ecole Militaire und dem Eiffelturm, der damals als Exerzierplatz für Soldaten diente. Als ich am Vortage gelesen hatte, wer denn auf der riesigen Bühne, die unmittelbar vor der Militärakademie aufgebaut worden war, spielen solle, traute ich meinen Augen kaum... Tokio Hotel sollten die Franzosen in Feierlaune bringen!

Ausgerechnet eine deutsche Teenie-Band also, einfach unglaublich! Angeblich soll sich der neugewählte Staatspräsident Nicolas Sarkozy persönlich für den Auftritt der Nachwuchsrocker stark gemacht haben. Dies sei ein cleverer Schachzug, um die französiche Jugend auf seine Seite zu ziehen, las man hierzu in der Presse. Höchstwahrscheinlich haben ihm seine Berater gesteckt, daß Tokio Hotel eine ganz große Nummer in seinem schönen Frankreich sei, schließlich füllten sie bereits den riesigen Zénith und die Bübchen haben den Saal für ihr Konzert im Oktober erneut binnen 24 Stunden ausverkauft! Das schafften noch nicht einmal die Arctic Monkeys!

Die Geschichte des Auftritts von Bill, Tim und Co ist allerdings schnell erzählt, denn
sie spielten gerade einmal drei Lieder, was allerdings reichte, um 14 jährige Mädchen (ach was erzähle ich, teilweise waren die erst 8!) in augenblickliche Hysterie zu versetzen. Es wimmelte nur so an Plakaten mit Liebesbekundungen für die Deutschen: "Bill isch liebe Disch!" und Ähnliches war zu lesen und auch die deutschen Texte wurden komplett mitgesungen. Dieser gigantische Erfolg im Nachbarland schien auch Sänger Bill zu ermutigen, ganz ungezwungen mit seiner Muttersprache umzugehen: "oh, so viele Leute hier, so viele Menschen habe ich ja noch nie auf einem Platz gesehen", sprudelte es aus ihm heraus. "Wir spielen jetzt leider schon unser letztes Lied "Durch den Monsun", aber wir setzen ja unsere Europa-Tournee fort und kommen bald wieder." " Bonsoir et merci beaucoup tout le monde, ça va?", waren zuvor die einzigen Wortfetzen, die er auf französisch herausgebracht hatte, allerdings mit beachtlichem Akzent und mit entsprechend positiven Reaktionen hinsichtlich der Franzosen, die ihre eigene Sprache natürlich selbstredend für die schönste der Welt halten. Angeblich sollen die jungen Leute aber fleißig Deutschkurse besuchen, um die Texte von Tokio Hotel zu verstehen...

Um das mal klarzustelllen: wir von meinzuhausemeinblog stehen nicht zuletzt
wegen unseres fortgeschrittenen Alters nicht auf Tokio Hotel! Das ist nicht unsere Musik und ich denke, auch nicht die Musik unserer Leser! Wenn schon Tokio, dann Tokio Police Club!

Allerdings mußte ich feststellen, daß die Musik der Grünschnäbel nicht mal unbedingt schlechter als Juli, Silbermond und Konsorten ist und allemal besser als die von der knack-(oder besser kack) braunen Nelly Furtado, die im Anschluß einige ihrer Chart-Scheußlichkeiten trällerte.

Aber nun endlich zu guter Musik:

Jack Penate, der englische Senkrechtstarter, beglückte Paris mit einem seiner bisher
noch seltenen Auftritte in der Metropole. Jack hatte bereits beim exzellenten texanischen Festival South By Southwest für Furore gesorgt und sogar in Glastonbury war er kürzlich dabei!

Als der hochsymphatische Engländer die Bühne mit seien beiden Bandmitgliedern betrat, war das unter der historischen Brücke "Alexandre III" gelegene Showcase allerdings noch sehr spärlich gefüllt. "Oh, we gonna have a lot of fun together
tonight" entfuhr es als Reaktion hierauf dem Ohrringträger und "please come a litle bit closer!"...

Jack konzentrierte sich daraufhin kurz und dann konnte die Show beginnen. Ziemlich bald setzen seine wilden Hüftschwünge ein und sogleich fühlte ich mich in gewisser Weise an Elvis erinnert, was allerdings gar nicht so weit hergeholt zu sein schien, denn schließlich steckt in
der Musik von Herrn Penate auch eine gehörige Portion Rockabilly. Als Einfluss nennt er deshalb auch Billy Holiday, den man in einer Reihe mit Namen wie James Brown und Otis Redding findet. Otis Redding? Also auch Soul als Einfluss? - Durchaus, wenngleich in modernem Gewand präsentiert. Im Grunde genommen vermischt der Londoner sämtliche Stilrichtungen, die es so gibt, darunter auch ein wenig Reggae und Hip Hop (er nennt Dizze Rascal ebenfalls als Einfluß) zu einem hochinteressanten und flott dargebotenen Gemisch. Der Typ macht ganz einfach Laune, viele Lieder prägen sich schon nach ein paar Minuten ein und regen zum Mittanzen an! So zappelte auch ich nach ein paar Minuten wild herum und begeisterte mich an der Lebensfreude, die von den drei Burschen, neben Jack noch Joel Porter am Bass und Alex Robins an den hübsch bemalten Drums, ausging.

Die absoluten Höhepunkte des leider recht kurzen Konzerts fanden sich vor allem gegen Ende des Sets, darunter auch eine witzige und sehr schnelle Cover-Version
von "Just Be Good To Me", die damals von der R & B Gruppe S.O.S. Band eingespielt wurde.

Auch die erste Singleauskopplung "Second, Minute, Or Hour" wußte zu gefallen und brachte endlich etwas Stimmung in die inzwischen etwas voller gewordene Bude. Jack hätte ein ausverkauftes (obwohl der Eintritt im Showcase, nicht aber die Getränke(!) gratis ist) Haus verdient gehabt! Mit dem aktuellen Hit "Thorn On The Platform" gelang ihm dann auch noch ein würdiger Abschluß eines gelungenen Gigs. Ich werde ihn mir wieder ansehen, keine Frage. Wer das auch tun möchte, hat dazu ausgiebig in England, oder am 15.08. in Rotterdam, bzw. am 16.08. beim Pukkelpop-Festival in Belgien, Gelegenheit.

Setlist Jack Penate Showcase Paris:

01: Spit At The Stars
02: Got My Favourite
03: Learning Lines
04: Made Of Codes
05: Cold Thin Line
06: Have I Been A Fool ?
07: Just Be Good To Me (S.O.S. Band-Cover!)
08: Second, Minute, Or Hour
09: Torn On The Plattform

"We gonna lay down some fucking hits" (Zitat aus "Stay Put!), war im Anschluß die Devise von The Blood Arm aus Los Angeles. Im Showcase war es inzwischen recht spät (fast 1 Uhr) und ziemlich voll geworden, als die vierköpfige Band um Sänger Nathaniel Fregoso endlich loslegte. Vorangegangen war die großspurige Ankündigung eines nicht zur spielenden Band gehörenden Ansagers, der dem Publikum den Auftritt der besten Band der Welt, den "großartigen The Blood Arm aus Los Angeles, California", versprach. Hmm...

Sind die wirklich so großartig und haben sie denn tatsächlich so viele "fucking hits" zu bieten, wie sie sagen?

Nun, der Opener "Accidential Soul" war schon mal nur ein halber Hit, nicht schlecht zwar, auch sehr flott gespielt, aber leider auch ziemlich nah dran an Franz Ferdinand und Konsorten. Schon besser war da "The Chasers", welches zwar ebenfalls an die zur Zeit pausierenden Schotten erinnerte, aber mehr Pfeffer hatte. Die hübsche Keyboarderin Dyan Valdes lieferte hierzu peppigen Chorgesang und sexy gespielte
synthetische Pianoklänge. Ich hatte Probleme, meine Augen von ihr abzuwenden, wenn ich sie da so wild rumwirbeln sah mit ihrer rotstichigen Lockenmähne und den hochhackigen Schuhen. Hach... Ich kann Eddie Argos von Art Brut schon verstehen, wenn er auf die steht!

Besonders witzig fand ich, daß ihr beigefarbenes Kleid durch einen originellen Druck verziert wurde, auf dem
man zwei Pudel, einen weißen und einen schwarzen, erkennen konnte.

Gitarrist Zebastien Carlisle war hingegen trotz seiner beachtlichen Größe eher unscheinbar (vom Drummer Zach Amos mal ganz zu schweigen). Seine Körperlänge veranlasste Sänger Nathaniel dann auch zu der Aussage, der Bursche sei der größte Mann der Welt! Auch hiermit übertrieb der Frontmann natürlich wieder etwas, wie er überhaupt dazu neigt, große Töne zu spucken. Wer behauptet schließlich schon von sich: " I like all the girls and all the girls like me"? ("Suspicious Charakter")

Dieses zur Show getragene Selbstbewußtsein störte mich
allerdings nicht im Gerinsten, da es zur Musikbranche ja wie selbstverständlich dazugehört. Ist Morrissey etwa bescheiden? Oder Johnny Borell? Oder die Brüder Gallagher? - Eben nicht! Allerdings haben sie schon ein paar mehr Hits als The Blood Arm zu bieten, um mal bei dem Eingangsspruch zu bleiben. Aber Ziele gehören hoch gesteckt, nicht kleckern, sondern klotzen muß richtigerweise die Devise sein!

Zumindest mit "Do I Have Your Attention" haben die Kalifornier schließlich wirklich einen Dance-Floor-Knüller hingelegt. Da tanzte selbst Jack Penate im Publikum mit weiblichen Fans ausgelassen mit. Kurz zuvor hatte sich eine kuriose Szene ereignet, denn Nathaniel war samt Mikro ins Publikum herabgestiegen, hatte es sich auf dem Boden gemütlich gemacht und die Zuschauer gebeten, "Angela" mit ihm gemeinsam sitzenderweise zu bestreiten. Der Aufforderung wurde Folge geleistet und der südamerikanisch aussehende Sänger schmachtete dabei ein paar Mädels in seiner unmittelbaren Umgebung an. Am Ende des Liedes ließ er sich gar theatralisch auf den Boden fallen und genoß die verwunderten Blicke sichtlich.

Ein weiterer Höhepunkt, vor allem auch in musikalischer Hinsicht, war mit Sicherheit das zackige Stück "Mass Murder", welches zum Besten gehört, was das erste Album "Lie Lover Lie" zu bieten hat. Aber auch neue, noch unveröffentliche Sachen wurden gespielt, so z.B. "Bottom Below" und "All My Love", die recht passabel und kurzweilig
waren.

Wie im Übrigen das gesamte Set auch so einzustufen war: passabel und kurzweilig (ein weiteres Beispiel hierfür war das Erklettern der noblen Bar durch Herrn Fregoso), aber nicht wirklich in der Champions-League des Indie-Rock anzusiedeln.

Um in der Fußballersprache zu beleiben: The Blood Arm spielen in der Bundesliga auf einem der mittleren Plätze, keine Ambitionen auf den Uefa-Pokal, aber auch nicht in der Gefahr, schnell abzusteigen...

Konzerttermine The Blood Arm in Deutschland:

19. Juli 2007 Erlangen (E-Werk)
20. Juli 2007 Obstwiesenfestival

Setlist The Blood Arm:

01: Accidential Soul
02: Stay Put!
03: Bottom Below
04: The Chasers
05: Angela
06: Want Want Want
07: Do I Have Your Attention?
08: Mass Murder
09: All My Love
10: Suspicious Character
11: P.S. I Love You But Don't Miss You




3 Kommentare :

Christina hat gesagt…

Ach, von The Blood Arm ist dieses schrecklich Lied (das mit "i like all the girls and all the girls like me"). Gut, ich werde mich nicht näher mit ihnen beschäftigen ;-) Mittelmäßige Bands gibts schließlich genug.
Und Jack Penate (wie macht man dieses ~ auf das n??) kannte ich natürlich wieder zuerst durch irgendwelche Klatschgeschichten als durch seine Musik. Aber jetzt, wo mir der Name aufgefallen ist wird er mich verfolgen. Ganz sicher!

Christoph hat gesagt…

Alt 164, glaube ich. Test: ñ. Ja, klappt.

Christina hat gesagt…

Jack Peñate Jack Peñate Jack Peñate :)

Ich glaube, ich mache eine Mix CD mit Bands, für deren korrekte Schreibweise man die Alt-Taste braucht :)

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates