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Sonntag, 11. November 2007

Gossip, The Go! Team & Jack Penate, Paris, 10.11.07

8 Kommentare

Konzert: Gossip, The Go! Team & Jack Penate (& Yelle, Cajun Dance Party), Festival Les Inrocks
Ort: La Cigale, Paris
Datum: 10.11.2007
Zuschauer: ausverkauft und völlig überfüllt!


So'n Mist aber auch! Die aufstrebende Band Cajun Dance Party hätte ich wirklich gerne gesehen, aber die Müdigkeit vom Vortag war noch zu extrem. Erst gegen vier Uhr früh lag ich in den Federn und fünf Bands in der Cigale + anschließend noch einmal drei in der Boule Noire waren wirklich zu viel für mich. Von meinem extrem zähen Konzertgänger- Freund Philippe bekam ich hierfür prompt einen Rüffel: "Wo warst Du?, warum kommst Du jetzt erst?, ich war genauso spät im Bett wie Du!", wetterte er. Zumindest hat er mir aber die Setlist von Cajun Dance Party notiert. Hier ist sie:

01: Colourful Life
02: The Race
03 :Time Falls
04: The Firework
05 :Amylase
06: Buttercups
07 :The Next Untouchable

Auch der Auftritt der jungen Französin Yelle fiel meiner Müdigkeit zum Opfer. Die Frau mit dem schicken Pagenkopf bietet einen stark 80ies angehauchten Elektro-Pop, mit dem sie zumindest in Frankreich schon für so einige Schlagzeilen gesorgt hat. Im Dezember werde ich mir das im Nouveau Casino mal genauer ansehen, heute tanzte sie aber ohne mich ab...

Zu Jack Penate kam ich hingegen noch genau rechtzeitig. Ich war gerade hastig die Treppenstufen hochgelaufen, als mir beim Öffnen der schweren Türe ein polternder, krachender Sound entgegenschlug. Nanu, war ich bei den Arctic Monkeys gelandet? Nicht ganz, aber live ist Jack wesentlich rockiger und roher als auf seiner eher poppig klingenden Platte. Der Opener "Spit At Stars" hatte jedenfalls gewaltig Druck auf dem Kessel. Herr Penate selbst ließ hierzu seine Hüften in bester Elvis-Manier kreisen und schüttelte mir so gleich meine Müdigkeit aus den Gliedern. Die Stimmung im Publikum war von Beginn an ausgezeichnet, ein paar Leute ließen es sich nicht nehmen, mitzutanzen. Auch die beiden Bandmitglieder von Herrn Penate waren guter Dinge und hängten sich ordentlich ins Zeug. Um einen besseren Draht zu den Franzosen herzustellen, bemühte sich der Sänger auch, ein wenig französisch zu sprechen. J'habite à Londres" fing er einen Satz an, beendete diesen aber in seiner Muttersprache: "The next song is about getting robbed continously"". Gemeint war das flotte Stück "Run For Your Life", welches folgen sollte. Nicht nur damit räumte er ab, sondern natürlich auch mit der Hitsingle "Second, Minute or Hour", die im Anschluß kam. Mit höllischem Tempo jagte er über die Bühne und schmetterte den Refrain "She never wanted me". Für die Ballade "We Will Be Here" wurde aber das Tempo deutlich gedrosselt, man hätte fast ein Feuerzeug anzünden können, obgleich diese Bekundung von Romantik immer etwas kitschig rüberkommt. Aufrichtiger schien da schon Jack's Ansage, daß die Cigale für ihn einer der Paris-typischten Räume sei und, daß es für ihn eine große Ehre sei, in Paris zu spielen. Das erinnere ihn an eine CD seines Helden Jeff Buckley. Jeff Buckley à l'Olympia...

Nach dem Verklingen der Schmachtnummer ging es aber in der Folge wieder deutlich schneller weiter, manchmal auch sehr tanzbar und groovy, so z.B. bei dem Cover "Just Be Good To Me", welches bei Liveauftritten immer Bestandteil des Sets ist. Erwähntes Lied ist nicht unbedingt mein Favorit, aber es ist immer noch um Längen besser als das recht doofe Original. Lieber waren mir "Made Of Codes" und natürlich "Torn On The Platform" mit dem ein gelungener und kurzweiliger Auftritt beendet wurde.

Setlist Jack Penate, Paris, La Cigale, Festival Les Inrocks:

01: Spit At Stars
02: Got My Favourite
03: Cold Thin Line
04: Learning Lines
05: Run For Your Life
06: Second, Minute or Hour
07: Have I Been A Fool?
08: We Will Be Here
09: Just Be Good To Me (SOS Band Cover)
10: Made Of Codes
11: Torn On The Platform

Mit dem nachfolgenden Go! Team aus Brighton/England konnte ich mich bisher noch nicht so recht anfreunden. 2005 hatte ich die mehrköpfige, gemischt-geschlechtliche Band beim Festival in Belfort gesehen und war relativ wenig begeistert. Nach dem famosen heutigen Auftritt frage ich mich allerdings: wieso nicht? Von Anfang bis Ende war die Stimmung im Publikum grandios, es wurde wild getanzt, der Boden in der Cigale bebte und die Lebensfreude , die die Musiker versprühten war ansteckend. Die farbige Sängerin stellte sich als veritables Energiebündel heraus und begeisterte neben ihrem Gesang auch mit den 80er Jahre Stulpen. Überhaupt hatte dies hier einiges von Breakdance und Aerobic, aber ohne den Kitsch der Eighties. Cool war auch die Asiatin am Keyboard, die ein sehr witziges T-Shirt trug: "Dropp pills not bombs" konnte man in bunter Schrift hierauf lesen." Extasy-Pillen brauchte ich aber gar nicht, um gut draufzkommen, die mitreißende Musik des Go! Teams reichte mir schon, um mich gut zu amüsieren. Gespielt wurden Lieder von beiden Alben darunter
"Grip Like A Vice", aber auch "Ladyflash" und "Everybody Is A V.I.P. To Someone" vom alten Album "Thunder, Lightning, Strike".

Fabelhaft war auch, daß oft munter die Instrumenet gewechselt wurden, so spielte die Sängerin z.B. bei einem Stück Schlagzeug und begleitete hierbei einen zweiten Drummer. Ja, richtig gelesen, beim Go! Team gibt es ähnlich wie bei !!! zwei Schlagzeuge. Abgefahren!

Den Gig der Engländer werde ich nicht nur deshalb nicht so schnell vergessen, sie hatten die Cigale nämlich wirklich in einen Dance-Floor verwandelt. Go Go! Team, go!



Review Gossip wird übernommen von der Person, die hier anonyme Kommentare hinterläßt und im Zweifel eh alles besser weiß. Ich warte also auf den detaillierten, selbstverständlich völlig fehlerfreien und bestens recherchierten Bericht! Bitte auch nicht vergessen zu erwähnen, welcher Herr mit Gitarre in der Pause ein bißchen vor dem Vorhang gespielt hat und welche Stargäste da waren. Jarvis Cocker erkannt, na?

Ein ganzer Tag ist vergangen und ich warte immer noch...

So, inzwischen sind mehrere Tage vergangen, ohne daß der /die anonyme Nörgler(in) sich zu Wort gemeldet hat. Das ist typisch und war zu erwarten! Ich übernehme daher den Konzertbericht selbst.

Den Herren mit Gitarre, der in der Pause ein wenig geklimpert hat, habe ich nicht erkannt, er diente aber ohnehin nur als Lückenfüller.

Gossip selbst waren alles andere als Lückenfüller, im Gegenteil. Am Tag zuvor hatte sich noch ein Franzose mir gegenüber darüber beklagt, daß es dem Festival des Inrocks ein wenig an Headlinern mangele,
aber heute wurde schnell deutlich, daß es keinen besseren Namen an erster Stelle der Eintrittskarte geben konnte als Gossip.

Von Beginn an war die Stimmung famos und sehr wild, es war extrem schwierig Photos zu schießen, da man ständig von abtanzenden Fans weggeschubst wurde und auch in schöner Regelmäßigkeit die Hände der Besucher in die Höhe flogen, wenn Beth in der Nähe aufkreuzte. Und dies tat sie oft. Mehr als einmal kam sie in meine Ecke neben der Box und schrie, keifte und röhrte, daß es eine helle Freude war.
Viele Leute hatten das Bedürfnis sie zu berühren und taten sich auch keinen Zwang an. An allen möglichen Stellen wurde sie angetatscht, einmal griff eine Person neben mir gar an ihre Brüste! Im Gegenzug schnappte sie sich in einer denkwürdigen Szene das Handy meiner Nachbarin und tat so als würde sie damit telephonieren. Köstlich! Später borgte sie sich auch eine Kamera aus und schaute sich das Ding erst einmal etwas unbeholfen an, bevor sie losknipste. Das sorgte für so einige Schmunzler, aber die Herzen des Publikums flogen ihr eh' reihenweise zu. Besonders sehr zierliche dünne Mädchen bahnten sich durch das Gewühle den Weg auf die Bühne und umarmten Fräulein Ditto. Das hatte etwas Rührendes, so als wollten die schlanken Mädels ihre Solidarität mit der vollschlanken Sängerin ausdrücken. Recht hatten sie, scheiß auf die krankmachenden Diäten! Wenn dadurch endlich akzeptiert wird, daß es auf der Welt nun einmal dünne und dicke Menschen gibt, dann hat die Toleranz einen großen Sprung nach vorne gemacht! Und auch wenn ich zugegebenermaßen eine zierliche Frau habe, Beth Ditto fand ich trotz ihres Volumens klasse! Diese bildete dann auch den optimalen Resonanzkörper für ihre unglaublich wuchtige, soulige Stimme. Wenn sie in ihr Mikro schrie, bebte wirklich der Boden in der Cigale. Auch Bassist und Gitarrist Brace Paine und Schlagzeugerin Hannah Blilie machten ihre Sache sehr ordentlich, Blickfang war aber selbstverständlich Beth. Die wirbelte an allen Fronten, ließ sich Abschmusen und trieb den bulligen Ordnern die Schweißperlen auf die Stirn. In ihren roten Anoraks müssen sie ohnehin geschwitzt haben wie die Tiere...

In musikalischer Hinsicht waren "Jealous Girls" und "Listen Up"! herausragend und verdeutlichten,
daß die Amerikaner kein reines One-Hit Wonder sind. Nichts, aber auch wirklich gar nichts kam jedoch gegen die urwüchsige Kraft von "Standing In The Way Of Control" an. Eingeleitet mit ein paar Zeilen von "What's Love Got To Do With It", verpasste mir dieser punkige Smash Hit einen solch monumentalen Kinnhaken, daß mir die Spucke wegblieb. Wenn man die Schlagkraft einer Stimme wie einen Aufschlag im Tennis messen könnte, dann wäre Beth Ditto mit Sicherheit auf einer Stufe mit dem Kanonier Greg Rusedski anzusiedeln, der auch immer die Bälle weich geprügelt hat! Zwischenzeitlich hatte ich sogar Angst, daß der Boden einbricht, vom wilden Getanze bebte er nämlich ganz massiv. Ähnlich rohe Kraft hatte ich dieses Jahr höchstens bei Iggy Pop erlebt.

Gossip hatten ihre Rolle als Headliner eindrucksvoll unterstrichen.

Auszüge aus der Setlist Gossip:

- Yr Mangled Heart
- Fire With Fire
- Jealous Girls
- Coal To Diamonds
- Listen Up!
- intro: What's Love Got To Do With It (Tina Turner) übergehend in
- Standing In The Way Of Control (Konzertsong des Jahres! Ein Event!)

- Careless Whisper (George Michael Cover) (Z)

Photos von Gossip, La Cigale, Paris hier
Photos von Gossip mit Fans hier



Freitag, 2. November 2007

Jack Peñate, Köln, 01.11.07

3 Kommentare

Konzert: Jack Peñate
Ort: Blue Shell, Köln
Datum: 01.11.2007
Zuschauer: ausverkauft


Zum ersten Mal gehört habe ich von Jack Peñate vor einer ganzen Weile, kein Wunder, denn der NME hatte den jungen Engländer früh für sich entdeckt und zu einem der vielen heißen neuen Dingen erklärt. Irgendwann gab es dann auch Musik von Jack zu hören, und die Vorschußlorbeeren schienen mir berechtigt. Das Album "Matinée" erschien dann im Oktober und erreichte Platz sieben der englischen Charts (und Platz eins der Indie-Hitparade).

Gestern war Jack dann zur Präsentation seiner Platte in Köln. Eigentlich hätte es bei mir ein echtes Entscheidungsproblem gegeben, weil auch die fabelhaften Kissaway Trail aus Dänemark an diesem Abend in Köln sein sollten. Der Auftritt im Prime Club wurde aber kurzfristig abgesagt, und mir damit meine Entscheidung, die aber auch so zugunsten Jacks ausgefallen wäre, genommen.

Die (vermutlich wenigen), die in den Prime Club wollten, schienen dann aber auch ins benachbarte Blue Shell gehen zu wollen, denn das war nicht nur früh knallvoll, vor der Tür standen auch einige, die vergeblich versuchten, in den kleinen Club zu kommen.

Um neun klärte sich dann die Frage, ob es eine Vorgruppe geben würde. Ein einzelner Sänger stellte sich auf, erklärte in einem Tonfall, der mich an Manuel Andrack erinnerte, daß er jetzt hier die Vorgruppe sei, der Veranstalter habe das für eine gute Idee gehalten, einen Support für Jack Peñate aufzubieten und er fange mal an. Wenn mich nicht alles täuscht, gehört der Sänger der Band Am Thawn an, welches der Bandmitglieder das nun war, weiß ich nicht. Er machte mit seiner Gitarre solchen Fußgängerzonen Folk, coverte alle möglichen Lieder aus einer Zeit, in der ich mich (falls ich da schon lebte) noch nicht für Gegenwartsmusik interessiert hatte. Herrlich waren seine Interaktionen mit dem Publikum. Er betonte immer wieder, daß wir da jetzt durchmüssten. Nach einem recht langen Auftritt, verließ Michael, Holger, Patrick oder Thomas wieder die Bühne und damit ist dann auch schon alles dazu gesagt.

Aber wir alle waren ja wegen Jack da. Der Engländer kam dann mit seiner Band in einer Szene, die an den Boxer-Aufmarsch von Travis im E-Werk erinnerte, von einem Roadie mit Taschenlampe begleitet durch die dicht gedrängte Menge nach vorne.

Jacks Band besteht aus einem Bassisten und einem Schlagzeuger. Er selbst spielt Gitarre. Und er hüpft über die Bühne wie eine Comicfigur. In der Art habe ich das noch nie gesehen!

Jack Peñate trug eine ziemlich alberne Mütze und sieht ein wenig aus wie Emil von Loney, dear. Also sexy... Zumindest rief das eine Engländerin irgendwann rein. Jack antwortete darauf: "Thanks, mom!" Er schien überhaupt sehr guter Laune zu sein. Das - oder natürlich viel eher seine Musik - steckte das Publikum auch an, die Stimmung war prima. Furchtbar viel hat Jack ja noch nicht vorzutragen, sein Debütalbum ist jung (und kurz), viele B-Seiten hat er auch bisher nicht veröffentlicht. So bestand sein Set auch hauptsächlich aus Albumstücken, einem Lied von der ersten EP und einem Cover ("Just be good to me"). Es war deshalb ziemlich schnell Schluß. Jack verabschiedete sich, teilte mit, daß sie vor den Zugaben nicht von der Bühne verschwinden könnten, sie würden sich also kurz hinhocken und dann plötzlich wieder erscheinen. Das taten sie dann mit ein wenig Schauspielerei auch, um die letzten beiden Lieder zu spielen, eine mir unbekannte Zugabe und den Hit "Torn on the platform" (auch eine Nummer sieben und auch eine Indie Nummer eins in England).

Das war mit Sicherheit die letzte Gelegenheit, Jack Peñate in einem kleinen Club zu sehen. Bei seinem nächsten Stop in Köln wird er sicher eher in der Live Music Hall als im Prime Club auftreten.

Setlist Jack Peñate Blue Shell Köln:

01: Spit at stars
02: Got my favourite
03: Cold thin line
04: Learning lines
05: Run for your life
06: Second, minute or hour
07: Have I been a fool?
08: We will be here
09: Just be good to me (Beats International Cover)
10: Made of codes

11: ? (Z)
12: Torn on the platform (Z)



Sonntag, 15. Juli 2007

Jack Penate & The Blood Arm, Paris, 14.07.07

3 Kommentare

Konzert Jack Penate & The Blood Arm

Ort: Le Showcase, Paris
Datum: 14.07.2007
Zuschauer: zunächst sehr wenige, später war es dann voller


Heute war Nationalfeiertag in Frankreich, was wie jedes Jahr entprechend pompös
gefeiert wurde, schließlich ist und bleibt Frankreich die Grande Nation, da können die Amerikaner, allen voran Politiker wie Donald Rumsfeld, die sich vor allem während des Irak Krieges abschätzig über die Frenchies geäußert haben, sticheln wie sie wollen.

Eine besonders bombastische Veranstaltung fand zu Ehren des Tages am Champ de Mars statt, dem
wunderschönen Park zwischen der Ecole Militaire und dem Eiffelturm, der damals als Exerzierplatz für Soldaten diente. Als ich am Vortage gelesen hatte, wer denn auf der riesigen Bühne, die unmittelbar vor der Militärakademie aufgebaut worden war, spielen solle, traute ich meinen Augen kaum... Tokio Hotel sollten die Franzosen in Feierlaune bringen!

Ausgerechnet eine deutsche Teenie-Band also, einfach unglaublich! Angeblich soll sich der neugewählte Staatspräsident Nicolas Sarkozy persönlich für den Auftritt der Nachwuchsrocker stark gemacht haben. Dies sei ein cleverer Schachzug, um die französiche Jugend auf seine Seite zu ziehen, las man hierzu in der Presse. Höchstwahrscheinlich haben ihm seine Berater gesteckt, daß Tokio Hotel eine ganz große Nummer in seinem schönen Frankreich sei, schließlich füllten sie bereits den riesigen Zénith und die Bübchen haben den Saal für ihr Konzert im Oktober erneut binnen 24 Stunden ausverkauft! Das schafften noch nicht einmal die Arctic Monkeys!

Die Geschichte des Auftritts von Bill, Tim und Co ist allerdings schnell erzählt, denn
sie spielten gerade einmal drei Lieder, was allerdings reichte, um 14 jährige Mädchen (ach was erzähle ich, teilweise waren die erst 8!) in augenblickliche Hysterie zu versetzen. Es wimmelte nur so an Plakaten mit Liebesbekundungen für die Deutschen: "Bill isch liebe Disch!" und Ähnliches war zu lesen und auch die deutschen Texte wurden komplett mitgesungen. Dieser gigantische Erfolg im Nachbarland schien auch Sänger Bill zu ermutigen, ganz ungezwungen mit seiner Muttersprache umzugehen: "oh, so viele Leute hier, so viele Menschen habe ich ja noch nie auf einem Platz gesehen", sprudelte es aus ihm heraus. "Wir spielen jetzt leider schon unser letztes Lied "Durch den Monsun", aber wir setzen ja unsere Europa-Tournee fort und kommen bald wieder." " Bonsoir et merci beaucoup tout le monde, ça va?", waren zuvor die einzigen Wortfetzen, die er auf französisch herausgebracht hatte, allerdings mit beachtlichem Akzent und mit entsprechend positiven Reaktionen hinsichtlich der Franzosen, die ihre eigene Sprache natürlich selbstredend für die schönste der Welt halten. Angeblich sollen die jungen Leute aber fleißig Deutschkurse besuchen, um die Texte von Tokio Hotel zu verstehen...

Um das mal klarzustelllen: wir von meinzuhausemeinblog stehen nicht zuletzt
wegen unseres fortgeschrittenen Alters nicht auf Tokio Hotel! Das ist nicht unsere Musik und ich denke, auch nicht die Musik unserer Leser! Wenn schon Tokio, dann Tokio Police Club!

Allerdings mußte ich feststellen, daß die Musik der Grünschnäbel nicht mal unbedingt schlechter als Juli, Silbermond und Konsorten ist und allemal besser als die von der knack-(oder besser kack) braunen Nelly Furtado, die im Anschluß einige ihrer Chart-Scheußlichkeiten trällerte.

Aber nun endlich zu guter Musik:

Jack Penate, der englische Senkrechtstarter, beglückte Paris mit einem seiner bisher
noch seltenen Auftritte in der Metropole. Jack hatte bereits beim exzellenten texanischen Festival South By Southwest für Furore gesorgt und sogar in Glastonbury war er kürzlich dabei!

Als der hochsymphatische Engländer die Bühne mit seien beiden Bandmitgliedern betrat, war das unter der historischen Brücke "Alexandre III" gelegene Showcase allerdings noch sehr spärlich gefüllt. "Oh, we gonna have a lot of fun together
tonight" entfuhr es als Reaktion hierauf dem Ohrringträger und "please come a litle bit closer!"...

Jack konzentrierte sich daraufhin kurz und dann konnte die Show beginnen. Ziemlich bald setzen seine wilden Hüftschwünge ein und sogleich fühlte ich mich in gewisser Weise an Elvis erinnert, was allerdings gar nicht so weit hergeholt zu sein schien, denn schließlich steckt in
der Musik von Herrn Penate auch eine gehörige Portion Rockabilly. Als Einfluss nennt er deshalb auch Billy Holiday, den man in einer Reihe mit Namen wie James Brown und Otis Redding findet. Otis Redding? Also auch Soul als Einfluss? - Durchaus, wenngleich in modernem Gewand präsentiert. Im Grunde genommen vermischt der Londoner sämtliche Stilrichtungen, die es so gibt, darunter auch ein wenig Reggae und Hip Hop (er nennt Dizze Rascal ebenfalls als Einfluß) zu einem hochinteressanten und flott dargebotenen Gemisch. Der Typ macht ganz einfach Laune, viele Lieder prägen sich schon nach ein paar Minuten ein und regen zum Mittanzen an! So zappelte auch ich nach ein paar Minuten wild herum und begeisterte mich an der Lebensfreude, die von den drei Burschen, neben Jack noch Joel Porter am Bass und Alex Robins an den hübsch bemalten Drums, ausging.

Die absoluten Höhepunkte des leider recht kurzen Konzerts fanden sich vor allem gegen Ende des Sets, darunter auch eine witzige und sehr schnelle Cover-Version
von "Just Be Good To Me", die damals von der R & B Gruppe S.O.S. Band eingespielt wurde.

Auch die erste Singleauskopplung "Second, Minute, Or Hour" wußte zu gefallen und brachte endlich etwas Stimmung in die inzwischen etwas voller gewordene Bude. Jack hätte ein ausverkauftes (obwohl der Eintritt im Showcase, nicht aber die Getränke(!) gratis ist) Haus verdient gehabt! Mit dem aktuellen Hit "Thorn On The Platform" gelang ihm dann auch noch ein würdiger Abschluß eines gelungenen Gigs. Ich werde ihn mir wieder ansehen, keine Frage. Wer das auch tun möchte, hat dazu ausgiebig in England, oder am 15.08. in Rotterdam, bzw. am 16.08. beim Pukkelpop-Festival in Belgien, Gelegenheit.

Setlist Jack Penate Showcase Paris:

01: Spit At The Stars
02: Got My Favourite
03: Learning Lines
04: Made Of Codes
05: Cold Thin Line
06: Have I Been A Fool ?
07: Just Be Good To Me (S.O.S. Band-Cover!)
08: Second, Minute, Or Hour
09: Torn On The Plattform

"We gonna lay down some fucking hits" (Zitat aus "Stay Put!), war im Anschluß die Devise von The Blood Arm aus Los Angeles. Im Showcase war es inzwischen recht spät (fast 1 Uhr) und ziemlich voll geworden, als die vierköpfige Band um Sänger Nathaniel Fregoso endlich loslegte. Vorangegangen war die großspurige Ankündigung eines nicht zur spielenden Band gehörenden Ansagers, der dem Publikum den Auftritt der besten Band der Welt, den "großartigen The Blood Arm aus Los Angeles, California", versprach. Hmm...

Sind die wirklich so großartig und haben sie denn tatsächlich so viele "fucking hits" zu bieten, wie sie sagen?

Nun, der Opener "Accidential Soul" war schon mal nur ein halber Hit, nicht schlecht zwar, auch sehr flott gespielt, aber leider auch ziemlich nah dran an Franz Ferdinand und Konsorten. Schon besser war da "The Chasers", welches zwar ebenfalls an die zur Zeit pausierenden Schotten erinnerte, aber mehr Pfeffer hatte. Die hübsche Keyboarderin Dyan Valdes lieferte hierzu peppigen Chorgesang und sexy gespielte
synthetische Pianoklänge. Ich hatte Probleme, meine Augen von ihr abzuwenden, wenn ich sie da so wild rumwirbeln sah mit ihrer rotstichigen Lockenmähne und den hochhackigen Schuhen. Hach... Ich kann Eddie Argos von Art Brut schon verstehen, wenn er auf die steht!

Besonders witzig fand ich, daß ihr beigefarbenes Kleid durch einen originellen Druck verziert wurde, auf dem
man zwei Pudel, einen weißen und einen schwarzen, erkennen konnte.

Gitarrist Zebastien Carlisle war hingegen trotz seiner beachtlichen Größe eher unscheinbar (vom Drummer Zach Amos mal ganz zu schweigen). Seine Körperlänge veranlasste Sänger Nathaniel dann auch zu der Aussage, der Bursche sei der größte Mann der Welt! Auch hiermit übertrieb der Frontmann natürlich wieder etwas, wie er überhaupt dazu neigt, große Töne zu spucken. Wer behauptet schließlich schon von sich: " I like all the girls and all the girls like me"? ("Suspicious Charakter")

Dieses zur Show getragene Selbstbewußtsein störte mich
allerdings nicht im Gerinsten, da es zur Musikbranche ja wie selbstverständlich dazugehört. Ist Morrissey etwa bescheiden? Oder Johnny Borell? Oder die Brüder Gallagher? - Eben nicht! Allerdings haben sie schon ein paar mehr Hits als The Blood Arm zu bieten, um mal bei dem Eingangsspruch zu bleiben. Aber Ziele gehören hoch gesteckt, nicht kleckern, sondern klotzen muß richtigerweise die Devise sein!

Zumindest mit "Do I Have Your Attention" haben die Kalifornier schließlich wirklich einen Dance-Floor-Knüller hingelegt. Da tanzte selbst Jack Penate im Publikum mit weiblichen Fans ausgelassen mit. Kurz zuvor hatte sich eine kuriose Szene ereignet, denn Nathaniel war samt Mikro ins Publikum herabgestiegen, hatte es sich auf dem Boden gemütlich gemacht und die Zuschauer gebeten, "Angela" mit ihm gemeinsam sitzenderweise zu bestreiten. Der Aufforderung wurde Folge geleistet und der südamerikanisch aussehende Sänger schmachtete dabei ein paar Mädels in seiner unmittelbaren Umgebung an. Am Ende des Liedes ließ er sich gar theatralisch auf den Boden fallen und genoß die verwunderten Blicke sichtlich.

Ein weiterer Höhepunkt, vor allem auch in musikalischer Hinsicht, war mit Sicherheit das zackige Stück "Mass Murder", welches zum Besten gehört, was das erste Album "Lie Lover Lie" zu bieten hat. Aber auch neue, noch unveröffentliche Sachen wurden gespielt, so z.B. "Bottom Below" und "All My Love", die recht passabel und kurzweilig
waren.

Wie im Übrigen das gesamte Set auch so einzustufen war: passabel und kurzweilig (ein weiteres Beispiel hierfür war das Erklettern der noblen Bar durch Herrn Fregoso), aber nicht wirklich in der Champions-League des Indie-Rock anzusiedeln.

Um in der Fußballersprache zu beleiben: The Blood Arm spielen in der Bundesliga auf einem der mittleren Plätze, keine Ambitionen auf den Uefa-Pokal, aber auch nicht in der Gefahr, schnell abzusteigen...

Konzerttermine The Blood Arm in Deutschland:

19. Juli 2007 Erlangen (E-Werk)
20. Juli 2007 Obstwiesenfestival

Setlist The Blood Arm:

01: Accidential Soul
02: Stay Put!
03: Bottom Below
04: The Chasers
05: Angela
06: Want Want Want
07: Do I Have Your Attention?
08: Mass Murder
09: All My Love
10: Suspicious Character
11: P.S. I Love You But Don't Miss You




 

Konzerttagebuch © 2010

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