Mittwoch, 18. Juli 2007

Kim Novak, Paris, 17.07.07


Konzert: Kim Novak

Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 17.07.2007
Zuschauer: zu wenige für diese fabelhafte Band!

"Merci d'être resté ", (vielen Dank dafür, dageblieben zu sein) murmelte der hochsymphatische Sänger Jérémie in sein Mikro, als die französische Band Kim Novak endlich mit ihrem Konzert loslegen durfte.

In der trendigen Szene-Kneipe Flèche d'or war es wieder einmal spät geworden und die üblichen Abweichungen vom Zeitplan sorgten dafür, daß das Quartett aus Caen in der Normandie erst gegen Mitternacht beginnen konnte.

Aber warum bedankt sich der Sänger und Gitarrist der - wie es der Name nicht
vermuten lässt - rein männlichen Band eigentlich dafür, daß wenigstens ein paar Nachteulen so lange ausgeharrt haben? Sollte doch eigentlich selbstverständlich sein, schließlich gehören Kim Novak zum Besten, was Frankreich musikalisch je hervorgebracht hat! In einer gerechten Welt würden die Jungs aus der Normandie das riesige Zénith in Paris füllen und nicht Superbus! Die schreibende Zunft sah das ähnlich: "Interpol muss sich warm anziehen", so war sinngemäß der Tenor der französichen Fachzeitschriften von Magic über Trax bis hin zu Rolling Stone bezüglich des Debütalbums "Luck And Accident".

Interpol? Ja genau, die melancholischen Dark-Rocker aus NYC sind gemeint und werden immer wieder als Referenz genannt, wenn von Kim Novak die Rede ist. Dabei reichen die Einflüsse der Franzosen viel weiter zurück, bis hin zu Roxy Music aus den 70er-Jahren!

Natürlich sind auch einige Künstler aus Manchester dabei, vor allem aus der Hochzeit des Labels Factory zu Beginn der 80er Jahre, wie z.B. Joy Divison und The Durutti Column, aber auch die Smiths gehören zu den Inspirationsquellen.

Aber all dieses Namedropping kann nicht die Klasse, die Eleganz, die wunderbaren Melodien, die
herzerweichenden Texte und die sanfte Melancholie, die jedem Titel der schüchtern wirkenden Männer innewohnt, erklären.

Vor allem der Gesang des hochaufgeschossenen Jérémie kann eigentlich niemanden kalt lassen, es sei denn er hat wirklich ein Herz aus Stein! Schon mit dem heutigen
Opener, dem getragenen "In The Mirror" jagte er mir wieder einmal einen kalten Schauer über den Rücken!

Wenn dann wie beim folgenden "Better Run" auch noch die wundervollen Gitarrenriffs von Gitarrist Hairday einsetzen und der Bass von Ugo lospoltert, ist es schon wieder um mich geschehen und ich bin tief eingetaucht in die melancholische Welt der Nordfranzosen. Auf faszierende Weise schaffen sie es jedesmal, mich dazu zu bringen, mit einem Auge zu weinen und dem anderen zu lachen. Ein wahrlich diabolischer Psycho-Cocktail ist das, von dem ich nicht genug bekommen kann...

Auch das neue Stück "Deep Show" gefiel mir auf Anhieb und später auch die anderen beiden nicht auf dem Debütalbum "Luck And Accident" vertretenen Stücke, das
noisige "White Fever" und das abschließende "Reaction" überzeugten auf der ganzen Linie.

Die Albumtitel begeistern mich eh seit geraumer Zeit allesamt. Hervorheben möchte ich trotzdem "Some Photographs", das es fast nicht auf das Album geschafft hätte, "Crash" und "Swallow".

Erstgenanntes fängt relativ verhalten kann, steigert sich aber gegen Ende hin in einen regelrechten Rausch, bei dem Drummer Cyrill auch heute wieder (ich sehe die Band zum dritten Mal) hinter seinen Drumms explodierte und die melodischen Gitarren sich mit dem markanten Bass einen regelrechten Wettkampf lieferten, was die Kerle dazu brachte, tief runter in die Knie zu gehen.

"It's like in a movie, i hate it, when i guess the end" singt Jérémie mit Inbrunst bei
"Crash". Da kann ich ihm beipflichten, auch ich kann es nicht leiden, wenn man bei einem Film schnell das Ende erahnt. Bei dem Song "Crash" ist das aber Mitnichten der Fall, der Titel, der ebenfalls sehr schleppend beginnt, steckt voller Überraschungen und ist am Ende ein regelrechter Schocker, wow!!

"Swallow" schließlich scheint der heiterste und treibendste Song der Band zu sein, von Anfang an ist da Dampf und Wucht drin, aber auch überraschende Rhythmuswechsel und hochmelodische Gitarren wissen zu begeistern. Besonders toll: wenn nach 2:15 Minuten das Lied scheinbar seine Struktur wechselt und in einen fast neuen Titel übergeht, ein wenig wie bei "Take Me Out" von Franz Ferdinand. Auch hier beeindruckt mich wieder eine Textzeile: "everything is gonna be better and better, everything is gonna be right tonight", ein Beweis dafür, daß bei aller Melancholie, ja Depressivität, die in der Musik von Kim Novak zweifelsohne steckt, das rettende Ufer, Das Licht am Ende des Tunnels nie weit entfernt ist...

Merci Jérémie, Ugo, Cyrill, Hairday pour votre générosité et votre talent. Vous êtes des types super biens!!

Setlist Kim Novak, Paris:

01: In The Mirror
02: Better Run
03: Deep Show
04: Turn A Rabbit
05: On My Back
06: Some Photographs
07: White Fever
08: Female Friends
09: If
10: Lost At Play
11: Crash
12: Swallow
13: Reaction




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