Freitag, 17. Dezember 2010

Hold Your Horses!, Paris, 15.12.10

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Konzert: Hold Your Horses!

Ort: Les Disquaires, Paris
Datum: 15.12.2010
Zuschauer: vielleicht 50?
Konzertdauer: ungefähr 30 Minuten


Wie oft muss ich eigentlich noch über diese hocherfrischende Pariser Band schreiben, bevor mal ein Kommentar kommt, der besagt: "Hey, Oliver Peel, vielen lieben Dank für diesen grandiosen Tip, Hold Your Horses! sind wirklich allererste Sahne!" ?

Take Away Show - Hold your Horses #1 - Every Moment from La Blogotheque on Vimeo.



Hmm. Bisher habe ich schon dreimal von Konzerten dieser tollen Band geschwärmt und jedes mal hatte ich den Eindruck, das ich in die Luft schreibe. Mein Werben blieb unerhört. Bloggerschicksal. Meinem Partner Christoph geht es ja nicht besser, der hält eine Lobrede nach der anderen auf die Indelicates, versucht mit allen legalen und illegalen (hi hi) Mitteln den Leser das englische Duo aufzudrängen und erhält als Dank lediglich anerkennende Worte von der Band selbst: "Thanks for your nice review, Christoph."

Daran sieht man wieder, daß Blogger keine große Macht haben. Erstens werden Musikblogs nur von anderen Musikbloggern gelesen und zweitens vertrauen viele eher auf die Meinung vom Herrn Koch vom Musikexpress. Noch viel wichtiger als eigentlich altmodische Printmagazine sind aber das Fernsehen und das Radio. Hier werden kommerziell erfolgreiche Musikkarrieren gemacht. Nach wie vor. Severin, der bei dem tollen Label Pias arbeitet und sich auch um Hold Your Horses! kümmert, konnte mir heute abend chez les Disquaires ein Lied davon vorsingen. Zufällig kamen wir auf die kanadische Sängerin Coeur de Pirate zu sprechen (warum eigentlich?) und er sagte mir kopfschüttelnd: "Meine Güte, was die Plattenfirmen für ein Geld in die Chanteuse geballert haben, damit sie Powerplay bei MTV und den Radiosendern bekommt! Du machst dir kein Bild, Oliver! Der Wahnsinn!"

Aber es hat ja funktioniert. Der Clip zu Comme des Enfants wurde hunderte Male am Tag über die Videokanäle der Fernsehsender gejagt und anstatt im Strahl zu Kotzen haben die Leute die Platte gekauft wie die Blöden. Durch Powerplay im Fernsehen und im Radio ist es also nach wie vor möglich, den Konsumenten die Hirne zu waschen und sie zum Öffnen ihres Portemonnaies zu bewegen.

Auf den vorliegenden Fall bezogen heißt das im Klartext: Falls auch nur einer der unzähligen quirligen und hochcharmanten Ohrwürmer von Hold Your Horses! auf Dauerrotation im Radio oder bei MTV laufen sollte, dann spielen die nächstes Jahr nicht mehr ohne Eintritt vor 40 Leuten, sondern gegen Bezahlung von 30 Euro im Olympia!



Ohne Mist jetzt. Habe ich alles in den letzten Jahren schon erlebt. Die (ziemlich mittelmäßige) Pariser Popband Pony Pony Run Run hatte ich vor ein paar Jahren mal in der kleinen Maroquinerie im Vorprogramm gesehen. Kaum jemand hatte sich für die interessiert. Aber dann hatten sie mit Hey You einen Hit mit Bubblegum Refrain und 2010 traten sie im Zenith auf. Vor 700o Leuten! Total verrückt! Ich frage mich fast, ob ich den jungen Leuten von Hold Your Horses! so etwas wünschen soll. Statt vor gut informierten Bloggern und anderen Musikfreaks in intimen Rahmen zu spielen, vor zigtausend Banausen ohne Musikultur den Affen zu machen.

Aber so weit sind wir ja noch nicht. Der heutige Auftritt war nämlich von professionellem Niveau weit entfernt, was aber keineswegs an der Band lag. Blame it on the sound engineer! Der Herr Tontechniker hat es einfach nicht hinbekommen, die Regler richtig einzustellen, so daß der Sound einer siebenköpfigen Band mit Violine, Trompete, Gitarre, Keyboard, Schlagzeug und Bass wie eine Kakaophonie klang. Der Gesang war kaum zu hören, stattdessen waren einige Instrumente viel zu laut, andere wiederum viel zu leise. Dennoch ließen sich die jungen Musiker zunächst nicht den Spaß nehmen und spielten so gut wie sie konnten. Sie knieten sich wirklich voll rein, hofften genau wie die Zuschauer, daß die Soundprobleme mit der Zeit in den Griff zu kriegen seien, gaben dann aber nach nur 6 Liedern auf. Allerdings gönnten sie uns noch ihren absoluten Kracher 70 Million zum Abschluß, bevor sie schulterzuckend frühzeitig die Bühne räumten. Für mich waren die technischen Mängel zu verschmerzen, denn ich wußte ja bereits wie gut und berauschend die Band spielen kann, wenn der Sound gut austariert ist. Und wenn im nächsten Jahr das Album kommt, werden sie eh noch zahlreiche Gelegenheiten haben, ihr großes Talent für den perfekten Indiepopsong unter Beweis zu stellen!

Take Away Show - Hold your Horses #3 - Strutter from La Blogotheque on Vimeo.





Donnerstag, 16. Dezember 2010

Heresy Of The Free Spirit (Jozef van Wissem) & Damon & Naomi & Prim Undermind, Paris, 14.12.10

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Konzert: Heresy Of The Free Spirit (Jozef van Wissem) & Damon & Naomi & Primordial Undermind
Ort: les Voûtes, Paris

Datum: 14.12.10
Zuschauer: vielleicht 70-80?


Verflucht! Hätte ich mir doch mehr Zeit gelassen, um zu wissen, wo die obskure Location "Les Voûtes" genau liegt. Abgehetzt und wieder recht spät dran, guckte ich nur ganz beiläufig auf einen Auszug von Google maps und sah, daß les Voûtes in der Nähe des Hausbootes Batofar gelegen seien. Ich notierte auch zur Sicherheit die (falsche, aber dennoch im Netz vermerkte!) Adresse 91 Quai Panhard et Levassor. Das würde ich schon finden, zur Not fragen.

Am Seine- Ufer in der Nähe der Bibliothèque François Mitterand angekommen, sah ich aber nur die mir bekannten Hausboote Dames de Canton und Batofar im Wasser schwimmen. Nichts deutete auf eine Undergound Location in der Nachbarschaft hin. Ich erkundigte mich nach "Les Voûtes", aber niemand konnte mir helfen. Die Leute, die im Batofar arbeiteten, schüttelten alle nur ahungslos mit dem Kopf. Seltsam war allerdings, daß sie noch nicht einmal den Quai Panhard et Levassor kannten, denn der lag in der Tat nicht weit entfernt. Man musste nur zurück auf die Uferstraße klettern, um ihn zu erreichen. Das half mir aber nicht viel, denn zunächst lief ich alter Trottel in die falsche Richtung und dann konnte ich partout keine Nummer 91 finden. Es gab sie einfach nicht! Der Quai hörte beiNummer 89 auf!! Meine Nachfrage bei den Leuten in den umliegenden Sushi-Restaurants ergab auch nichts. Les Voutes kannten sie nicht: "Noch nie gehört!" Ich latschte mehrfach die Gegend ab, rauf und wieder runter, ohne Erfolg. Ich fror unglaublich, denn es war eisig kalt in Paris in dieser trostlosen Dezembernacht. Einen Moment lang dachte ich daran, mit der U-Bahn wieder nach Hause zu fahren. Aber so leicht gab ich nicht auf! Ich schaute mir auf der Rückseite einer Bushaltestation einen Plan des Viertels an. Hinter dem letzten Gebäude des Quais war ein Ort eingezeichnet, der auf den mysteriösen Namen "Les Frigos", die Kühlschränke, hörte. Den Namen hatte ich schon einmal im Zusammenhang mit einer sagenumwobenen Underground-Location aufgeschnappt. Veranstaltete dort nicht etwa der Kerl, der auch in dem inzwischen wieder geschlossenen "Le Tunnel" (ich berichte hier von dieser saucoolen Location) Konzertabend organisierte? Ich war mir nicht sicher, aber mein Gespür sagte mir nun, daß Les Voutes irgendwo in der Nähe dieser Frigos liegen müssten. Ich erreichte einen gottverlassenen Autoparkplatz, zu dem ich über ein kleine Treppe gelangte. Meine alten Augen erblickten ein komplett mit Graffitti vollgeschmiertes Jugendzentrum, in dem noch Licht brannte. Ob ich hier richtig war? Menschen standen bei der Kälte keine draußen und der Name Les Voutes war auch nicht markiert. Ich zog frustiert wieder ab, in der Meinung, daß hier wohl auch nicht die gesuchten Konzerte stattfinden würden. Deprimiert kletterte ich die kleine Treppe wieder hoch und sah plötzlich zufällig den Flyer der Veranstaltung an einer Mauer hängen. Moment mal! Dann musste das Ganze doch hier irgendwo sein! Ich schlich zurück zu dem Zentrum und sah plötzlich einen Mann vor der Tür. Etwas verschüchtert fragte ich ihn nach les Voutes und er erklärte mir, daß ich einmal ganz um das Haus rumlatschen müsse, dann würde ich es schon sehen. Ich latschte und öffnete eine Tür, landete aber lediglich in einem großräumigen Café ohne Gäste. Der Wirt schickte mich ein Haus weiter und nun endlich, war ich dort, wo ich seit einer Stunde hinwollte! Nach Bezahlen des Eintrittspreises von 10 Euro gelang ich in einen röhren/tunnelförmigen Backsteinraum, an dessen Ende die Bühne war. Die Besucher saßen auf dem Boden oder auf den bequemen grünen Kinosesseln an der Seite. Ich entschied mich für den Sessel, taute nach der schlimmen Käte draußen schnell wieder auf und blickte nach vorne. Dort spielten gerade Damon und Naomi. Ein erlesenes Dreampop- Duo aus den USA und Gründungsmitglieder der Kultband Galaxie 500. Allerdings war ich hauptsächlich wegen des Lautespielers Jozef van Wissem und seinem Nebenprojekt Heresy Of The Free Spirit (Jozef plus zwei zusätzliche experimentelle Musiker) gekommen. Zu dumm nur, daß er mit seinem Set bereits durch war, weil er als Erster gespielt hatte! Hätte ich mir zu Hause den Plan nur etwas genauer angesehen, hätte ich die Loaction schnell gefunden und wäre pünktlich gekommen. So aber musste ich mit Damon und Naomi vorlieb nehmen. Deren Set war aber zumindest so schön, daß ich halbwegs vertröstet wurde. Ich kannte sie schon von einem früheren Konzert im Mains D'oeuvres und wusste, daß mich sehr langsame, ruhige und äußerst melancholische Musik erwarten würde. Darauf hätten sie 15 Jahre hingearbeitet, meinte dann auch Damon in einer witzigen Szene. "Von Jahr für Jahr versuchen wir langsamer und trauriger zu werden", erkärte er fast stolz und hielt hinterher auch musikalisch Wort. Die Stücke waren in der Tat alle in moll gehalten, schritten im Zeitlupentempo voran und schwebten förmlich durch den röhrenförmigen Raum. Der dreampoppige Charakter wurde noch dadurch unterstrichen, daß Naomi nur in Umrissen zu sehen war. Die Spots waren auschließlich auf Damon gerichtet.

Fragt mich bitte nicht nach Titeln, in dieser Hinsicht bin ich nicht fit. Ich weiß lediglich, daß sie Song To The Siren, ein Tim Buckley Cover gepielt haben. Am Merch gab's ne DVD, was für Romantiker zu Weihnachten, gelle?

Weniger romantisch dann aber Primordial Undermind. Ein kalifornisches, inzwischen in Wien lebendes Trio, das ich vorher nicht kannte, obwohl Wikipedia sagt, daß sie Kritikikerlieblinge und schon seit den späten 1980er Jahren unterwegs seien. Ihr beinharter Psychedelic Rock mit Postrockeinflüssen passte perfekt zur heutigen Underground Location. Instrumentelle Passagen wechselten sich mit Parts ab, bei denen gesungen wurde und auch beim Tempo, dem Grad der Verzerrung der Gitarre und des Basses und der Lautstärke variierten die drei sympathischen Raubeine wunderbar. Nicht selten wurde die Noisekeule geschwungen und die inzwischen nur noch relativ rar gesäten Zuschauer hatten ihre helle Freude an dem knackigen Set. Konsequenz der guten Resonanz beim Publikum war eine Zugabe, die mich fast die letzte U-Bahn verpassen ließ. Nur um Sackhaaresbreite erreichte ich den letzten Zug und tuckerte Richtung Heimat, wohlwissend, daß ich wieder einen guten Konzertabend in einer kultigen Location verbacht hatte. Und den Jozef van Wissem sehe ich dann halt wieder bei seinem nächsten Besuch in Paris!



The Indelicates, Wiesbaden, 15.12.10

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Konzert: The Indelicates
Ort: Schlachthof Wiesbaden (Räucherkammer)
Datum: 15.12.2010
Dauer: 80 min


Ich höre so gut wie nie Radio. Die schreckliche Musik, die in kommerziellen Sendern läuft, ertrage ich nicht. Mittlerweile bin ich verflucht schnell, wenn es darum geht, nach den Nachrichten, noch vor den ersten Takten von James Blunt auf den iPod umzuschalten. Wenn ich überhaupt noch im Auto Radio höre, dann fast ausschließlich Deutschlandfunk, Indie-Deutschlandfunk, um genau zu sein.

Als ich nach dem fabelhaften Indelicates-Konzert in Wiesbaden ins Auto stieg und in den 0.00 Uhr-Nachrichten hören wollte, wie sich Dortmund und der Schnee so machen, war auch wieder der DLF meine Wahl. Nach den Nachrichten kam das Kulturmagazin Fazit und darin, zwischen den Beiträgen, noch einmal die Indelicates, ein Lied nach dem anderen, denn deren zweites Album Songs for swinging lovers wurde da vorgestellt. Ein guter Sender, dieser Deutschlandfunk.

Das Konzert der Engländer vorher war hervorragend, so sind sie alle. Nach dem anstrengenden Bowlie Wochenende und einer nicht enden wollenden Rückreise fehlte mir eigentlich jede Lust, wieder loszuziehen. Die Indelicates gehören aber leider zu der Kategorie Bands, die ich mir auch ansehen möchte, wenn ich eigentlich keine Lust habe, und auch heute war diese Idee wieder sehr gut.

Um kurz vor neun erschienen erst wieder nur Julia und Simon auf der verwinkelten Bühne der ehemaligen Wurst-Räucherkammer. Der Start war dabei vollkommen unspektakulär; die beiden bezogen Position und begannen, im Saal wurde dies scheinbar zunächst gar nicht als Beginn wahrgenommen. Dem langsamen Aufbau von New art for the people, erst Gitarre und Simon, dann irgendwann Julias Klavier und Gesang, eigentlich ist New art schon der perfekte Start eines Konzerts und obwohl leider viel zu wenige Zuschauer da waren, passte die Stimmung sofort!

Nach den ersten Liedern als Duo kam der erste große Auftritt des Entertainers Simon. "Kann hier irgendwer Bass oder Schlagzeug spielen?" Jemand im Publikum meldete sich. "What's your name? Günther?!" Günther stieg auf die Bühne und nahm sich den Bass. Helmut der Schlagzeuger kletterte auch aus dem Saal nach oben und begann mitzuspielen. Im Laufe des Lieds kam auch ein dritter spontaner Gast nach vorne, Keith, der aus dem Backstagebereich aufgetaucht war. Da brauche ich wirklich keinen Firlefanz wie Videos oder Bühnendeko, um gut unterhalten zu werden, die vielen charmanten und urkomischen Momente bei den Indelicates sind mir die liebsten Showeffekte bei Konzerten.

In Bandbesetzung bestritten die Indelicates dann das gleiche Programm wie schon in Köln. Mir ging während des Konzerts durch den Kopf, wie sehr ich mittlerweile die Lieder der aktuellen Platte liebe. Mir gefiel Songs for swinging lovers von Anfang an sehr, meine Lieblingslieder kamen aber aus der Phase davor. Mittlerweile hat sich das geändert, Hits wie Your money, Savages, Europe oder vor allem We love you, Tania (über die Hearst-Erbin Patricia, die spektakulär entführt und später zur Bankräuberin wurde) sind Knüller und absolute Lieblinge.

Zu Flesh kam ein weiterer Musiker mit deutschem Vornamen auf die Bühne, Trompeter Bastian (der ist echt) Eppler, der die Indelicates schon in Frankfurt live unterstützt hatte. Flesh hatte Simon auf deutsch mit "dieses Lied heißt Flesh und ist schmutzig" angesagt. Nachdem geklärt war, daß schmutzig nicht nur physisch dreckig bedeutet, war er zufrieden. "I know all about schmutzig!"

Bastian kam später noch einmal zu einem Einsatz. Zu Jerusalem wurde er wieder nach vorne gerufen ("Trumpet! On stage!").

Ein richtiger Indelicates Moment passierte dann bei den beiden letzten Zugaben: die erste war ein Zuschauerwunsch. "Was wollt ihr hören?" "60's? Gute Wahl! - In welchem Stil?" Ich hätte gerne eine Countryversion gehört, jemand hinter mir setzte sich aber durch, er wollte die CD Version hören, auf den ersten Blick langweilig, aber dann auch eigentlich wieder exotisch. Während dieses Wünschens brüllte ein anderer Zuschauer ein paarmal "Last significant statement" nach vorne, es war der Gitarrist Keith TOTP, der wieder unten stand. "Keith, halt den Mund! Du bist kein echter Zuschauer!"

Ein toller Abend, der wieder enorm viel Spaß gemacht hat, besser kann ein letztes Konzert des Jahres doch nicht sein!

Setlist The Indelicates, Räucherkammer, Schlachthof, Wiesbaden:

01: New art for the people
02: I am Koresh
03: Sixteen
04: Savages
05: Roses
06: We love you, Tania
07: Your money
08: Europe
09: Flesh
10: America
11: Stars
12: Ill
13: Be afraid of your parents
14: Our daughters will never be free

15: Waiting for Pete Doherty to die (Z)
16: Jerusalem (Z)

17: Julia, we don't live in the 60s (Z)
18: The last significant statement to be made in rock'n'roll (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Indelicates, Köln, 02.12.10
- The Indelicates, Frankfurt, 05.08.10
- The Indelicates, Köln, 09.06.10
- The Indelicates, Heidelberg, 14.08.08
- The Indelicates, Frankfurt, 12.08.08
- The Indelicates, Münster, 30.04.08
- The Indelicates, Köln, 24.04.08
- The Indelicates, Köln, 04.10.07
- The Indelicates, Frankfurt, 30.09.07
- unser Interview mit den Indelicates



Mittwoch, 15. Dezember 2010

SuperBravo & Tristan Poupee & Hausmann Tree, Paris, 13.12.10

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Konzert: SuperBravo & Tristan Poupée & Hausmann Tree

Ort: La Loge, Paris

Datum: 13.12.10

Zuschauer: 40-50 oder so



Es ist schon ziemlich erstaunlich: wenn Franzosen auf englisch gesungene Popmusik machen, hört man immer sofort, daß die Autoren aus Frankreich kommen. Und ich meine jetzt nicht den niedlichen (schrecklichen?) Akzent, sondern die zarte Melancholie, die quasi allgegenwärtig ist.
Eine Melancholie, die sich von der schwermütigen russischen deutlich unterscheidet. Die Französische ist immer ein großes Stück leichter, sinnlicher, erotischer und klingt so wie Roséwein schmeckt. Ok, meine Vergleiche sind scheiße, aber ich glaube ihr wißt, worauf ich hinaus will, oder? Stilprägend in dieser Hinsicht waren ganz klar Serge Gainsbourg und Jane Birkin. Sie hauchte immer, als würde sie von Oliver Peel höchstpersönlich beglückt und er brummelte mit der Zigarette in der Schnüss so genüßlich als würde er gleich kommen. Ein in Musik vertonter Liebesakt. Natürlich denke ich insbesondere an den berühmten Chanson Je t'aime...moi non plus, den Gainsbourg 1967 zunächst zusammen mit Birgitte Bardot gestöhnt hatte,, bevor 1969 die aus England stammende Birkin den weiblichen Gesangespart übernahm.

Gut dreißig Jahre später singen die meisten Franzosen auf englisch, aber die Grundstimmung ist immer noch ähnlich. Man liebt nach wie vor sinnliche Frauenstimmen und tiefe Männerstimmen. Insofern kam man heute in der Loge voll auf seine Kosten. Armelle Pioline aka SuperBravo hauchte ihre Zeilen süßlich ins Mikro, während Jean Pierre Petit alias Tristan Poupée die Texte eher tief und rauchig brummelte. Der Begleitsound dazu melancholisch, traumversunken, sehnsüchtig. Amüsanterweise klingen heutzutage vor allem Blonde Redhead (sie Japanerin, die beiden Brüder Italiener) besonders französisch, so daß die abschließend auftretenden Haussmann Tree einen ständig an Kazu Makino und die Pace- Zwillinge denken ließen.



Aber mal der Reihe nach. Begonnen hatte den Konzertabend SuperBravo. Die Sängerin von Holden auf Solopfaden hatt erst kürzlich eine schöne Oliver Peel Session geliefert und spielt seitdem immer vor vollem Haus. Ha ha, schön wärs! In Wahrheit muss sie natürlich wie unzählige andere Indiemusiker weiterhin um jeden Fan und Plattenkäufer kämpfen, um irgendwie über die Runden zu kommen. Aber vielleicht hat sie ja heute ein paar neue Anhänger hinzugewonnen, denn die Stücke ihres ersten Albums A Space Without Corner wurden alles andere als übel zum Vortrage gebracht. Richtig begeistert bin ich von Pilgrim, einer Ballade, die sie auch bei unsere Session gespielt hatte (siehe Video) und die heute besonders schön interpretiert wurde. Man muss wissen, daß Armelle alle Instrumente (nun ja eigentlich sind das nur Akustikgitarre und Melodica) selbst spielt, einzelne Passagen dann aber sampelt und an der entsprechenden Stelle abruft (Ist ja modern heute sowas).

Trotzdem geht bei solchen Spielchen immer mal was daneben und so trat die Gute einmal zur falschen Zeit auf ihre Pedale. Aber halb so schlimm, denn selbst ein hochtalentierter Musiker wie Peter Broderick hat kürzlich in der Flèche d'or auch nicht immer ganz das richtige Timing erwischt. Die flotte Disconummer Cars kam trotzdem gut rüber und richtig stark war das Daniel Johnston Cover The Beatles, das Armelle ins Programm aufgenommen hatte, weil John Lennon bekanntlich vor 30 Jahre auf so gemeine Weise um sein Leben gebracht worden war.

Insgesamt ein schönes Konzert von SuperBravo.

Armelle hatte aber noch nicht fertig, denn sie kam auch in der nun auftretenden Band von Tristan Poupée zum Einsatz. Deren Chef Jeanne Pierre begann mit französischem Gesang und beendete das Set auch in der Sprache Molières, sang ansonsten aber alle Texte auf englisch. Sämtliche Lieder wurden von einem esoterischen Orgelsound begleitet, während Armelle im Stehen trommelte und Percussions spielte. Die Musiker (zwei davon, der Chef und der Orgler, sind auch bei der französischen Chansonsängerin Barbara Carlotti beschäftigt) schufen eine atmosphärisch dichte Klanglandschaft, die von der oben beschriebenen typisch französischen Melancholie durchzogen war und überzeugten mit einigen sehr gelungenen Stücken. Auch hier verfolge ich den weiteren Werdegang.

Hausmann Tree schließlich boten das vielleicht beste Konzert des Abends. Beatles meets Blonde Redhead, so in etwa könnte man vielleicht beschreiben, wie das Ganze klang. Ein Vierer aus Paris, der von einem extravaganten Orgler angeführt wurde und auch einen (für französische Verhältnisse) recht beleibten Gitarristen in seinen Reihen hatte, der ganz vorzügliche kleine Melodien aus seiner schönen schwarz-weißen Rickenbacker rauskitzelte. Der Pfundskerl sang auch ab und zu mit einer tollen Falsettstimme und ist im Übrigen auch Mitglied der Band Rover, die in diesem Jahr in französischen Indiekreisen von sich reden machte. Der Basser war wohl nicht etatmäßig. Ich glaube er hieß Esteban und ist ansonsten auch schon in anderen Gruppen zum Einsatz gekommen.



Ob eine Band wie Hausmann Tree (die in Paris bereits im legendären Olympia im Vorprogramm sielen durfte) mal irgendwann nach Deutschland kommt und dortige Bühnen beehrt, ist fraglich, aber zumindest wird Oliver Marguerit 2011 in Germany auftreten. Der famose Gitarrist von Syd Matters saß heute im Publikum, war wegen Hausmann Tree gekommen (ein Ritterschlag?!) und geht mit Syd Matters im Februar 2011 auf Tour durch deutsche Städte. Darauf darf man sich freuen und es wird sicherlich auch ein wenig von der typisch französischen Melancholie zu spüren sein...




Dienstag, 14. Dezember 2010

Zoey Van Goey, Bowlie 2, 12.12.10

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Konzert: Zoey Van Goey
Ort: Butlins Minehead, Bowlie 2
Datum: 12.12.2010
Dauer: ca. 45 min


Sonntag, Mitternacht - nach einem langen Festival ist das der Auftritt, den man nicht mehr unbedingt sehen muß, sofern die Band nicht einen besonders großen Namen hat. Den haben Zoey Van Goey aus Glasgow noch nicht, gesetzt waren sie allerdings trotzdem, denn ich liebe ihre Debütplatte und wollte um nichts in der Welt die seltene Chance nutzen, Zoey Van Goey live zu sehen.

Zoey Van Goey sind nach einer New Yorker Street Art Künstlerin* benannt, die nach Deutschland kam, um da Wim Wenders zu groupieren. Ob diese Geschichte so stimmt, weiß ich nicht, ganz erfunden ist der Name allerdings nicht, denn in Niedersachsen lebt ein Herr Van Goey, der allerdings ganz offensichtlich nichts mit der Band zu tun hat. Zoey... besteht aus drei Mitgliedern: Kim Moore aus England, Matt Brennan aus Kanada und dem Iren Michael John McCarthy. Weil John Theaterautor ist, und mir die Vorstellung schwerfällt, daß Wim Wenders Groupies hat, könnte die Geschichte, von dem Amish-Mädchen, das über New York nach Berlin kommt, allerdings auch ein wenig erflunkert sein. So oder so ist der Bandname toll.

Die drei trafen sich aber in Glasgow, und ihre Musik klingt auch nach dieser Welthauptstadt des Indiepop. In ihrer jungen Bandgeschichte haben Zoey Van Goey bereits mit großen Namen zusammengearbeitet. Ihre Debütsingle Foxtrot vandals
wurde von Stuart Murdoch produziert (den Bass spielte Belle & Sebastians Bobby Kildea), die zweite und das Album The cage was locked all along von Delgados-Mann Paul Savage.

Vom ersten (und bisher einzigen) Album kamen stammten auch drei der ersten vier Lieder. Ich hatte The cage... irgendwann vor gut einem Jahr blind über die Bandhomepage bestellt und seitdem sehr oft gehört. Die wundervollen Indiepop-Melodien, die immer auch eine Portion Verschrobenheit beinhalten hatten es mir schnell angetan. Und das war live keine Spur anders, denn obwohl der Rahmen für sie ungewohnt war ("wie spielen normalerweise in viel kleineren Räumen" - die Center Stage war noch dazu sehr gut gefüllt), merkte man nichts von etwaiger Nervosität, Zoey Van Goey spielten frisch, die mehrstimmigen Gesänge passten perfekt, der Sound war herrlich abgestimmt - es machte einen wahnsinnigen Spaß den unfassbar sympathischen Musikern zuzusehen.

Live wurden die eingewanderten Schotten von einem barfüßigen Bassisten** unterstützt. Ansonsten spielte Kim Geige und Keyboard, Matt Schlagzeug und
Michael Gitarre. Bei You told the drunks I knew Karate, einem neuen Song, wechselten sie einmal reihum, Kim ging ans Schlagzeug, Michael nahm ihren Platz ein, Matt Michaels, das nächste Stück spielten sie ohne Schlagzeug.

Viele der Lieder kannte ich nicht, denn der Großteil stammte vom zweiten Album, das im Februar erscheinen wird. Und wenn es nicht vollkommen kaputtproduziert wird, freue ich mich jetzt schon sehr darauf, weil alle gespielten Stücke toll waren! Und so nett!

Irgendwann erzählte Matt von ihrem Tourmanager, einem riesigen Kerl, der anderen locker die Kniescheiben brechen kann, der an einem der Bowlietage aber plötzlich Angst bekam weil er zerklirrendes Glas hörte und Randalierer oder Einbrecher befürchtete. Als er vorsichtig nachguckte, waren das aber bloß Indiekids, die ihr Glas recycelten! "Die Geschichte ist nicht spannend. Aber wir müssen umbauen, daher
muß ich euch etwas erzählen!" Später redete er noch von seinem Onkel Jim in Kanada, der es liebt, mit dem Auto Eisdonuts zu fahren.

Am schönsten war es aber bei T-Rex. Da riefen nämlich alle Sauriernamen nach vorne und die Band kommentierte das.

Hoffentlich kommen Zoey Van Goey 2011 mit ihrem neuen Album auch nach Deutschland! Ihr Bowlie Konzert war so wundervoll, daß ich die Band unbedingt wiedersehen will!

Setlist Zoey Van Goey, Bowlie 2, Butlins Minehead:

01: The best treasure stays buried
02: Extremities (neu)
03: Sweethearts in disguise
04: We all hid in basements
05: You told the drunks I knew Karate (neu)
06: Sackville (neu)
07: Another day (neu)
08: T-Rex (neu)
09: Little islands (neu)
10: Aviator (neu)
11: ?
12: Foxtrot vandals
13: We don't have that kind of bread
14: I'm sticking with you (Velvet Underground Cover)

- mehr Fotos

* jaja, ich weiß
** wohl Adam Scott, mittlerweile das vierte Bandmitglied



 

Konzerttagebuch © 2010

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