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Samstag, 23. April 2016

Afenginn, Wiesbaden, 22.04.16

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Konzert: Afenginn
Ort: Walhalla in Wiesbaden
Datum: 22. April 2016
Dauer: 110 min + Pause
Zuschauer: etwa 30


Für mich ist gerade Konzertweihnachten mit vier Feiertagen. Am Donnerstag begann die große Bescherung mit einem Konzert der Locas in Love in Karlsruhe. Am Freitag ging es nach Wiesbaden in die Walhalla um die grandiosen Afenginn zu sehen. Sie spielen zwar etwas öfter als die Locas, aber meist gibt es nur eine Gelegenheit pro Jahr und dann muss man es nehmen, wie es kommt. Es gibt dabei stets zwei große Pluspunkte: (1) Es sind immer besondere und einladende Auftrittsorte; (2) Die Konzerte sind mitreißend und passen in keine mir bekannte Schublade.
 


Letztes Jahr war ich ihnen im Sommer nach Basel (eigentlich auf ein Städtchen bei Basel) nachgereist. Das lag einerseits daran, dass vorher leider mein Plan, alle meine Freunde in Weimar auf das dort für den März geplante Konzert zu nötigen, geplatzt war, weil sich Kim Nyberg auf der Tour in Australien (am Jahresbeginn) schlimm verletzt hatte und noch nicht wieder fliegen durfte. Und andererseits gab es in Riehen als Bonus eine Aufführung mit lokalem Chor. Das war wirklich beeindruckend. Dieses Jahr begann ihre deutsche Tour mit dem brandneuem Album Opus in Wiesbaden, was zugleich der für mich am bequemsten zu erreichende Konzertort war (alle weiteren Daten finden sich unten).
 


Es trifft sich natürlich nun gut, dass ich gleich ein wenig berichten kann, wie mein Eindruck vom Wiesbadener Konzert ist, um vielleicht den Appetit für andere anzuregen. Zunächst war ich sehr neugierig auf das Walhalla. Ich hatte gerade kürzlich noch Fotos vom Auftritt der The Lake poets dort gesehen (die ja dann kurz später bei uns in Karlsruhe Station machten) und es sah irgendwie schaurig schön aus. Ein Ort wie geschaffen dafür, mal für einen Abend bei  "Normalität" die Pausetaste zu drücken. Mit seinen großen barocken Spiegeln und den gigantischen Lüstern gefiel es mir sofort, zumal der Zahn der Zeit schon heimlich (unheimlich?) alles ein wenig ins irrwitzige gerückt hat. Hier kann man gut feiern, am Leben zu sein und dabei die Vergänglichkeit umarmen, die allem Leben innewohnt. Also ein Ort wie geschaffen für die Musik von Afenginn.
 


Als ich kurz nach der angegebenen Einlasszeit ankam, war die Band selbst wohl noch nicht so lange da und gerade mit dem Soundcheck beschäftigt. So hieß es noch etwa 40 min warten, bis wir eingelassen wurden. Ich war in dem Moment sehr froh, dass ich mich im Vorfeld dafür entschieden hatte, mir eine Übernachtung zu suchen, denn die letzte halbwegs zumutbare Verbindung würde ich so wohl nicht mehr schaffen, wenn ich bis zum Ende des Konzerts bleiben wollte.
 

Die Bühne war in etwa vorbereitet, wie ich es erwartet hatte. Am auffälligsten waren das Schlagwerk rechts vorn und die Marimba links hinten und außerdem ein Kontrabass rechts hinten. Vorn gab es Viola und Geige, eine großen Mandoline (Kim sagte mir später, das sei eine Mandola) und die immer wieder für mich eindrucksvolle Bassklarinette am Bühnenrand. Als die Künstler kurze Zeit später auf die Bühne traten, waren für mich einige neue Gesichter dabei. In Deutschland ist Afenginn diesmal unterwegs mit

Kristoffer Nybye - Klarinette und Bassklarinette
Alexander Kraglund - Violine und Viola
Kim Nyberg - Mandoline und Mandola
Nils Bo Davidsen - Kontrabass
Knut Finsrud - Schlagwerk
Kaare Munkholm - Marimba
 

und Roma Komar sorgt für den perfekten Sound. Nachdem ein Räucherstäbchen feierlich entzündet worden war, ging es für eine Stunde durch drei Teile von Opus. Ich hatte mich in den letzten Wochen schon mit der neuen Musik vertraut gemacht. Sie ist - wie der Name schon ein wenig vermuten lässt - noch etwas mehr in Richtung klassisch gegliederte Werke gegangen ohne die Prise Geheimzutat zu verlieren, an der man Afenginn auch drei Meilen gegen den Wind erkennen muss.
 

Richtig deutlich wurde mir das im zweiten Teil des Konzertes, wo sie auch noch einmal Lieder aus dem Album Bastard Etno auspackten, wo es derbe tanzbar zur Sache geht und auch gestampft und gebrüllt wird (der Name ist Programm). Das alles wird man auf dem aktuellen Album nicht finden. Allerdings war die Live-Darbietung nicht weniger intensiv, fesselnd und ganz und gar mitreißend, aber es spielte sich die Spannung und Dynamik auf einer anderen Ebene ab.
 

Während des Konzertes habe ich daran denken müssen, dass die Briten in ihren Sagen das Reich der Fairy kennen. Das kennt man als Wort zwar von den Fairy Tales - die übliche Übersetzung für Märchen. Aber die Mythologie dahinter ist nicht die gleiche wie das was wir aus unseren Märchen kennen (selbst wenn man die weichgespülte Disney Variante nicht mitzählt, sondern sich an die alten Texte hält). Fairy ist mehr so eine Art Anderland mit anderen Gesetzen, die eigentlich nicht für Menschen gemacht sind. Zeit ist völlig verbogen und für menschliche Sinne nicht messbar, es gibt viele Kräfte, die unbeschreiblich (fast unmenschlich) wunderbar sind und Lebensfülle möglich machen, wie es sie auf unserer Erde nicht gibt, aber auch vieles, das man lieber meidet inklusive  unsagbar schrecklicher Abgründe. Als Mensch ist man eigentlich gut beraten, sich von all dem fern zu halten. Wir passen da nicht hin. Wobei natürlich das Faszinosum bleibt und die Anziehungskraft gemischt mit Angst und Schrecken.
 

Mir schien es so, als würde uns die Darbietung der neuen Platte Opus ein wenig nach Fairy entführen, ohne dass wir uns den normalerweise damit verbundenen Gefahren aussetzen mussten. Ein Stück wurde der Vorhang zwischen den Welten gelichtet, der Blick geweitet und Möglichkeiten spürbar, die nicht ganz von dieser Welt schienen. Nicht Märchen Eiapopeia, sondern viel Ringen und Auseinandersetzung. Aber selbst darin war eingeschrieben, dass wir nur fasziniert und ohne Angst und Schrecken zuhören konnten. Die Musiker gaben alles, es floss Schweiß in Strömen, es flogen glückliche Blicke, manchmal war die Konzentration förmlich greifbar. Aber all das gelang so wunderbar, dass es ein großes Fest der Lebensfreude wurde.
 

Nach der Pause gab es noch Musik vom Album Lux, die mir inzwischen so ans Herz gewachsen ist, dass ich Passagen im Kopf mitsingen kann und natürlich noch ein paar Reißer, ein wenig abschütteln der Kopfarbeit vom ersten Teil und da war es wirklich schwierig, auf dem Stuhl sitzen zu bleiben. Als Zugabe wurden wir dann wohlkalkuliert mit Lumir (dem Stück mit dem Kunstworttitel aus finnischem Schnee und russischem Frieden) wieder befriedet und mit ruhigerem Herzschlag heimgeschickt.
 

Das Publikum bestand zu einem guten Teil aus Leuten, die schon Konzerte von Afenginn erlebt hatten und deshalb hoch gespannt und vorfreudig waren. Sie alle wurden nicht enttäuscht. Im Gegenteil, es gab restlos begeisterten Applaus, viele viele Käufe in der Pause und nach dem Konzert und auch viele persönliche Dankesworte für die Musiker.
 

Nun bin ich gespannt, wie es heute Abend mit meinem Konzertweihnachtsfest und dem Konzert von Árstíðir weitergehen wird. Ich klopfe dreimal auf Holz, dass es mit der Zugfahrt klappt. Wenngleich Esslingen näher als Wiesbaden ist, macht es die Bahn doch (von Karlsruhe aus gesehen) zu einem Ort hinter den Bergen bei den sieben Zwergen und legt auch noch Schienenersatzverkehr zwischen Pforzheim und Karlsruhe auf die nicht einmal 100 km Entfernung.
 

Setlist:
01: Intro
02: Burdrone
03: Guzzy
04: Luna Televisio
05: Quicksilver
06: Plantaris
07: Lentoperho
08: Vespersons
09: Tabbouleh Rasa
10: Rasendé Tabul
11: Ether
12: Akkapolska


- Pause -


13: Lux
14: Paxima
15: Kostbar
16: Iguana Segregatis
17: Perky Pearl
18: Tattar Humppa

19: Lumir (Z)
 


Tourdaten: 

22.04. Wiesbaden Walhalla Spiegelsaal
23.04. Geislingen Rätschenmühle
24.04. Konstanz Kulturzentrum K9
27.04. Waldshut-Tiengen ALI Theater
28.04. Augsburg  Kulturhaus Kresslesmühle
29.04. Dresden  Dreikönigskirche
02.05. Berlin  Roter Salon / Volksbühne
03.05. Hamburg  kukuun
04.05. Bremen Sendesaal
05.05. Bielefeld Neue Schmiede Bielefeld


Noch mehr Fotos sind hier. 


Aus unserem Archiv:
Afenginn, Karlsruhe, 02.02.13
Afenginn, Riehen, 08.07.15

Dienstag, 24. Januar 2012

Dear Reader, Wiesbaden, 24.01.12

9 Kommentare
Konzert: Dear Reader
Ort: Walhalla, Wiesbaden
Datum: 24.01.2012
Zuschauer: 70 - 80
Dauer: Dear Reader 75 min, Black Ribbon knapp 35 min


Dear Reader gehört hier bei uns zu den Bands, über die nun wirklich alles gesagt ist.
Nach meinem letzten Konzert mit ihnen in der Frankfurter Brotfabrik im September, hatte ich auch erstmals Abnutzungserscheinungen meiner Liebe zu Cherilyn MacNeil und Band festgestellt. Mir fehlten Bandgründer Darryl Torr und dessen südafrikanischer Kollege Michael Wright und die vielen kleinen Gimmicks während der Konzerte. Sängerin Cherilyn hat eines der entwaffnendsten Lachen, die ich kenne. Mit Darryl und Michael gab es zig Momente, in denen die Sängerin laut losprustete, die Konzerte waren musikalisch eine Wucht, sie waren es aber auch wegen ihres Unterhaltungswerts. Natürlich teilte Cherilyn ihr sonniges Gemüt auch in Frankfurt, es fehlte aber doch einiges zu den Liveperlen der Vorjahre.

In was für Konstellationen
alleine wir die Band erlebt haben! Erst zu dritt, dann mit der "neuen" Geigerin Jean-Louise, mit Gastmusikern von Get Well Soon, gemeinsam mit Brent Knopf (Menomena & Ramona Falls) als zusätzlichem Livemitglied. Im vergangenen Jahr wurden Michael und Darryl dann durch neue Musiker ersetzt. Die schwedische Vorgruppe Marching Band und Martin Wenk (Calexico) spielten gemeinsam mit Cherilyn und Jean-Louise.

Um kurz vor fünf war mir mein Fremdeln mit den neuen Dear Reader plötzlich egal, ich kaufte eine Karte - nicht meine schlechteste Entscheidung der letzten Monate.

Dear Reader begannen um kurz nach halb neun. Der Spiegelsaal des Walhalla war bestuhlt und recht gut gefüllt, ich schätze, knapp 80 Zuschauer waren gekommen. Zu
meiner Überraschung waren die beiden Schweden der Marching Band wieder dabei, die Schlagzeug und Gitarre bzw. Bass bedienten. Dazu stand mit Alex aus Südafrika ein mir neues Mitglied am Keyboard. Wie üblich bei Dear Reader spielte er später allerdings auch andere Instrumente, Gitarre, Bass und Akkordeon.

Es begann famos mit Fox (Take your chances), herrlich laut geschmettert. Schon da waren meine Zweifel weg. Auch an den neuen Liedern übrigens, denn ich sehe da keinen Qualitätsunterschied mehr zu den Knüllern der Debütplatte. Natürlich ziehen Dearheart oder Great White Bear hervorragend, und natürlich ist Bend grundsätzlich das beste Lied im Programm, mich begeisterten aber daneben vor allem Whale (Boohoo) und Camel (Not black or white but camel). Die Lieder der neuen Platte haben ja alle Doppelnamen, erst den eines Tiers, in Klammern dann den echten Titel. Nur Mole (Mole) ist die Ausnahme. Cherilyn kündigte das Stück damit
an, es handele sich um die Liebesgeschichte zweier Maulwürfe. Zweier "gay moles."

Aber ich will nicht immer so viel über Musik sprechen, es gibt ja viel anderes zu erzählen.

Cherilyn hatte am Anfang quasi als Warnung gesagt, sie sei heute ein bißchen schüchtern. Nachdem sie das erst akzentfrei auf Deutsch gesagt hatte, übersetzte sie es noch einmal - vollkommen unnötig, weil ihr Deutsch mittlerweile hervorragend ist. Sie lebt seit 18 Monaten in Berlin und hat sich offenbar hauptsächlich mit nicht-Berlinern unterhalten. Nur einmal kam eine kleine Unsicherheit durch. "Wir touren jetzt seit zwei Woche ... Wochen. Two, Many!" Sie habe aber auch deutsche Vorfahren, erzählte sie
später. Ihr Opa hatte ihr neulich erzählt, daß ein Vorfahre 1745 aus Merseburg nach Südafrika ausgewandert sei. "I'm so proud to be sächsisch!"*

Das Konzert hatte übrigens so herrlich früh begonnen, weil es früh fertig sein musste. Es gebe da nämlich einen "grumpy Nachbarn", der gerne Ärger mache. Dabei drehte
sich die Sängerin zu ihrem Schlagzeuger um: "du bist jetzt geschockt, daß ich das erzähle, oder? Er hat nämlich Bürokratie oder so studiert..."

Über die Konzerterituale rund um Zugaben hat sich die Sängerin immer schon amüsiert. "Wir haben jetzt
zwei Möglichkeiten, wir können von der Bühne gehen, und ihr klatscht, bis wir zurückkommen oder wir bleiben, ihr klatscht, und wir spielen weiter. Eure Entscheidung. Das ist wie bei diesen Büchern, die ich früher so geliebt habe. 'Wenn du willst, daß Little Johnny, das Schaf zu den Hügeln geht, lies auf Seite 86 weiter, wenn du willst, daß er zum Schlachter muß, auf Seite 90.'" Wie könnte man diese Band nicht mehr lieben? Die Frage wird noch sinnloser, wenn man solch hervorragende Konzerte erlebt!

Sieht also so aus, als ginge unsere gemeinsame Geschichte weiter. Demnächst spielt Chrilyn auch irgendwo akustisch. Die Variation habe ich noch nicht gesehen, hmmm...

Setlist Dear Reader, Walhalla, Wiesbaden:

01: Fox (Take your chances)
02: Bear (Young's done in)
03: Dearheart
04: Earthworm (All hail our ailing mother)
05: Elephant (Hearter)
06: Whale (Boohoo)
07: Camel (Not black or white but camel)
08: Release me
09: Great White Bear
10: Man (Idealistic animals)
11: Mole (Mole)
12: Monkey (Go home now)
13: She's hers, he's his, I'm mine (Z)
14: Bend (Z)

15: Dancing in the dark (Bruce Springsteen Cover) (Z)

Links:

aus unserem Archiv:
- Dear Reader, Paris, 18.01.12
- Dear Reader, Weinheim, 15.09.11
- Dear Reader, Frankfurt, 11.09.11
- Dear Reader, Wien, 08.10.09
- Dear Reader, Marburg, 06.10.09
- Dear Reader, Düsseldorf, 28.09.09
- Dear Reader, Haldern, 15.08.09
- Dear Reader, Berlin, 07.08.09
- Dear Reader, Paris, 06.05.09
- Dear Reader, Nijmegen, 25.04.09
- Dear Reader, Köln, 18.04.09
- Dear Reader, Paris, 19.02.09
- Dear Reader, Köln, 12.02.09

* für die Klugscheißer, die sich in deutscher Geografie besser auszukennen meinen als Cherilyn: 1745 gehörte Merseburg zu Kursachsen.



Mittwoch, 14. Dezember 2011

Björn Kleinhenz, Talking To Turtles, Sir Simon, Wiesbaden, 13.12.11

4 Kommentare

Konzert: Björn Kleinhenz, Talking To Turtles, Sir Simon (About Songs Christmas Tour)
Ort: Spiegelsaal, Walhalla, Wiesbaden
Datum: 13.12.2011
Zuschauer: rund 50
Dauer: gut 110 min


Weihnachten und Musik passen nicht zusammen. Ab November ist Radiohören noch tabuer als im restlichen Jahr*. Das Gedudel, das uns (bzw. den anderen) dann als weihnachtlich verkauft wird, ist noch deutlich unerträglicher als der gewöhnliche Popabfall und hat wirklich gar nichts mit Musik zu tun. Geht weg, ihr fiesen Para-Musiker und Radiomusikredakteure! Möge eure Weihnachtsgans** widerlich tranig schmecken für das alljährliche akustische Waterboarding!

Zur "About Songs Christmas Tour" zu gehen, barg also ein gewisses Kitsch- und Schmalzrisiko, dem ich mich eigentlich nicht aussetzen wollte. Die drei Künstler, die
diese Tour gemeinsam bestreiten sollten, ließen meine Neugierde größer als meine Angst werden, ich fuhr also kurzentschlossen nach Wiesbaden.

In der hessischen Kurstadt kenne ich nur den Schlachthof als Konzertort. Der wird allerdings gerade umgebaut, also kam ich in den Genuß, in einen spektakulären mir neuen Veranstaltungsort zu gehen. Das Walhalla scheint ein ehemaliges Theater oder Lichtspielhaus (nicht Kino) zu sein, das heute einen etwas runtergekommenen aber deutlich spürbaren Charme hat und als Kino und Konzert- und Theaterstätte genutzt wird. Der Spiegelsaal mit bröckeligem Stuck und
einem eindrucksvollen Kronleuchter bietet eine fabelhafte Kulisse für Konzerte. Der kleine foyerartige Raum war bestuhlt und bot etwa 50 Zuschauern Sitzplätze. Auf der Bühne befand sich zwar allerlei weihnachtlicher Lichterkram (u.a. ein Rentier zweifelhaften Ursprungs), aber das passte durchaus.

Um halb neun betrat der Chef des Hamburger Labels DevilDuck Records ans Mikro und stellte die beteiligten Musiker vor. Jörg Tresp ist Urheber einer About Songs Veranstaltungsreihe und der daraus hervorgegangenen Tourneeidee.

Sir Simon, die Band von Simon Frontzek, der wiederum Keyboarder bei Tomte ist, habe ich noch nicht gesehen. Simon alleine hatte in Köln vor ein paar Jahren das Vorprogramm von British Sea Power bestritten und mir dabei gut gefallen. Heute war
Sir Simon aber die Bandversion, gemeinsam mit Laury Reichart, der ein wunderbares Luke und Leia T-Shirt trug. Talking To Turtles haben mich vor einiger Zeit für sich gewonnen, gesehen habe ich das Duo aber noch nicht. Claudia Göhler und Florian Sievers haben 2011 ihr zweites Album veröffentlicht, das enorm charmante, kanadisch klingende Indiepop-Songs enthält. Vervollständigt wurde das Lineup von Björn Kleinhenz, dem in Deutschland geborenen Schweden, der für mich in die Kategorie schwedischer Singer/Songwriter gehört, die ich wahnsinnig schätze (mit Pelle Carlberg und Jens Lekman).

Was macht man dann mit fünf Musikern an einem solchen Abend? Sie spielten gemeinsam, so als wäre nichts natürlicher! Zum ersten Stück (Nine to five) stellte
sich Simon ans Mikro, Björn ans Schlagzeug, Laury an die Gitarre, Florian an den Bass und Claudia ans Keyboard. Sänger des zweiten Lieds war Björn, Simon wurde Bassist, Florian spielte Banjo und Laury Schlagzeug. Es folgte Grizzly hugging von Talking To Turtles, bei dem Simon die Drums spielte und Björn den Bass.

Die Bands hatten die Lieder der anderen in drei Tagen einstudiert. Und es ging hier nicht um zwei, drei Stücke, die gemeinsam einzuproben waren. Das Konzert dauerte fast zwei Stunden und enthielt immerhin sieben Songs jedes Künstlers! Von Unsicherheiten war trotzdem so wirklich gar nichts zu spüren. Es war, als spielten die fünf seit Jahren gemeinsam ihr Repertoire - großartig!

Ein einziges Mal gab es eine kleinere Unsicherheit, aber auch die war äußerst charmant. Laury stimmte vor einem (Talking To Turtles) Lied das
Gemeinschaftsbanjo. Er wurde und wurde nicht mit dem Klang zufrieden (auch der Gurt des Instruments passte ihm kaum - Björn hatte ihm irgendwann ein Kissen als Polster angeboten). "Die klingen ja nie gut, aber so beschissen..." Bis sich plötzlich Björn Kleinhenz einmischte (wohlgemerkt bei einem ihm fremden Lied): "Laury, brauchst du nicht eher die Klarinette?"

[Wieder einmal Gelegenheit, meinen Lieblings-Musikwitz unterzubringen. "Wie klingt eine Klarinette am besten? Leise knisternd in einem Kaminfeuer!"]


Trotz des vielen Wechselns war es ein Konzert aus einem Guß. Es gab keinerlei Hänger, keine schwächere Phasen. Die meisten Lieder wurden gemeinsam bestritten, ab und zu verließen die "songfremden" Musiker aber auch die Bühne und setzten sich an den Rand oder in die erste Stuhlreihe.

Besonders spannend fand ich heute Talking To Turtles, weil ich gehofft hatte, die Band dieses Jahr live zu erleben. Die Lieder des Duos leben zum einen von den fragil
klingenden Stimmen der beiden, zum anderen von den sich steigernden Melodien. Neben Grizzly hugging gefiel mir Monster's teeth besonders gut. Aber auch der Rest war überaus hörenswert!

Sir Simons neue Platte kenne ich noch nicht. Aber auch deren Stücke machten Lust darauf, das zu ändern. Goodnight, dear mind und
Birthday, Christmas, New Year waren hier die Höhepunkte! Bei Björn Kleinhenz schließlich begeisterte mich ein alter Liebling besondes: Tredje Långgatan 26 von Quietly happy and deep inside.

Nach knapp vierzig Minuten verabschiedeten sich die Bands in eine kleine Pause. Es
sei schließlich ein Theater, in dem sie spielten. Björn kam als erster schnell zurück. "Ich will weiterspielen. Hier ist schließlich eine Bühne."

Diese Spielfreude merkte man in jedem kleinen Stückchen. Auch das Publikum hatte reichlich Spaß! Auch als die drei Zugaben vorbei waren (es endete mit dem grandiosen Cindy Lauper Cover Girls just wanna have fun durch Simon alleine), ließ der Applaus nicht nach und konnte nur durch Musik vom Band gebremst werden.

Geht also doch, Weihnachten und Popmusik zu verbinden. So ganz ohne Mariah Carey oder Chris Rea. Bitte alle Jahre wieder!

Setlist About Songs Christmas Tour, Walhalla, Wiesbaden:

01: Nine to five (Sir Simon)
02: The king of rock'n'roll (Björn Kleinhenz)
03: Grizzly hugging (Talking To Turtles)
04: I am in numbers (Talking To Turtles)
05: Monster's teeth (Talking To Turtles)
06: 16 degrees C (Sir Simon)
07: Goodnight, dear mind... (Sir Simon)
08: Mellow my mind (Neal Young Cover) (Björn Kleinhenz solo)
09: Head held high on fearsome pride (Björn Kleinhenz solo)

[Pause]

10: Starlet Queen (Björn Kleinhenz solo)
11: Can't make my day (Talking To Turtles)
12: Betong (Björn Kleinhenz)
13: The last year (Sir Simon solo)
14: Comfort noise (Sir Simon)
15: Fingers crossed (Talking To Turtles)
16: Wonky cradle (Talking To Turtles)
17: Birthday, Christmas, New Year (Sir Simon)
18: Tredje Långgatan 26 (Björn Kleinhenz)

19: China blue (Björn Kleinhenz solo) (Z)
20: Short stories long (Talking To Turtles solo) (Z)
21: Girls just wanna have fun (Cindy Lauper Cover) (Sir Simon Battle solo) (Z)

Tourdaten About Songs Christmas Tour:

14.12.: Oberhausen - Druckluft
15.12.: Bielefeld - Forum
16.12.: Bremen - Zollkantine
17.12.: Hannover - Feinkost Lampe
18.12.: Hamburg - Hasenschaukel


* außer dem Indie-DLF, der geht natürlich immer
** oder die Würstchen



 

Konzerttagebuch © 2010

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