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Montag, 24. Juni 2013

Best Kept Secret Festival, 22. und 23.06.13

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Festival: Best Kept Secret Festival 
Datum: 22. und 23.06.2013 (Tag 2 & 3)
Zuschauer: 15.000 (ausverkauft) 


von Dirk aus Mönchengladbach


Samstag

Auch der 2.Tag des Festivals konnte die ohnehin schon hohen Erwartungen erfüllen. Da mir leider keine "echte" Tastatur zur Verfügung steht, heute eine etwas kürzere Zusammenfassung. Beginnen wir den Bericht von hinten nach vorne, da die Eindrücke der Nacht noch frisch und besonders überzeugend waren. 

Obwohl ich mich bewusst gegen die grossen Acts wie ALT J und Damien Rice entschieden hatte, endete der Abend mit einer Bombe. Savages, die ich vor kurzem schon in Köln im Club erleben durfte, gingen im kleinen Zelt einfach nur durch die Decke. Pünktlich und passend gingen die Damen um 0:00 auf die Bühne und lieferten einen derart intensiven, druckvollen und harten Postpunkgig ab, dass vielen beim Tanzen die Bierbecher um die Ohren flogen. Meiner Meinung nach eine der besten Livebands zur Zeit und definitiv in 2 Jahren auf jeder Hauptbühne des Planeten...zu Recht. 

Fast genauso toll auch Melody's Echo Chamber deren verträumter Pop live ganz gross klingt und deren Band das ganze ebenfalls in einem Feedbackfinale ausklingen lässt. Auch hier ganz klar Potential für die Hauptbühne, gerade auch wegen der sympatischen und charismatischen Frontfrau. Seine Band The History of Apple Pie zu nennen, mag man als gewagt bezeichnen können, aber eigentlich ist es egal. Berühmt wird dieses Multikulti-Shoegazerorchester wohl leider sowieso nicht, ich mag die grossartige Platte und den gestrigen Auftritt trotzdem sehr. 

Doch kommen wir nun auch zu den Flops des Tages: Die Allah-Las durften auf der grossen Hauptbühne auftreten, konnten in mir aber keinen Zauber entfachen. Zu belanglos finde ich diese Retromasche bei der ich weder tanzen noch zuhören möchte. Dann lieber ein paar echte Retroscheiben auflegen oder Nick Waterhouse zuhören. Zuhören war auch bei den Swans schwierig, erstens weil Sänger Michael Gira so über die Bühne stolpert, dass man ihm sofort Hilfe anbieten möchte, andererseits diese dröhnenden oft halbstündigen Titel auf einem Festival einfach überfordern. Nichts gegen komplexe Arrangements, aber Mogwai haben dazu wenigstens Melodien und Spass auf der Bühne. 

Im stabilen, guten Mittelfeld wie immer Two Door Cinema Club und Efterklang, die beide vor riesigem Publikum auf der Hauptbühne antraten... da kann man nichts falsch machen, aber es gibt halt auch keine Überraschungen. Als einer der ersten durfte gestern dann noch Indians eröffnen, und erspielte sich alleine mit Keyboard einen Achtungserfolg. 

Sonntag

Das Pendeln mit dem Fahrrad (man ist ja schließlich in Holland) zwischen Hotel und Festival mit „Verpflegungsauto“ vor dem Gelände sollte sich auch am dritten Tag auszahlen, da das Wetter leider nicht besser wurde. Waren die Temperaturen für ein Festival eigentlich gut (nicht zu warm, aber auch nicht zu kalt), kam am Sonntag leider doch noch vereinzelt der große Regen dazu.. 

Da mein Hauptaugenmerk aber sowieso den Zeltbühnen TWO und THREE lag, keine wirkliche Einschränkung. Und so erlebte ich zur Mittagszeit auf der THREE eines der skurrilsten Konzerte seit Jahren. Autre Ne Veut, hinter dem sich, wie ich jetzt ergoogelte, eigentlich das Pseudonym von Arthur Ashin aus Brooklyn verbirgt und keine echte Band, waren mir durch ihre tolle Platte Anxiety aufgefallen. Und das, obwohl ich sonst weder etwas mit Autotune, Nu-Soul oder ähnlichem anfangen kann. Daher wollte ich der Live-Umsetzung eine Chance geben. Und dann stehen auf der Bühne ein mit bösem Blick die Zuschauer musternder Sänger mit umgedrehter Baseballkappe, eine blondierte Lady die aus einem David Lynch Filmset zu stammen scheint und ein Drummer in vollem White-Trash Gedächtnisanzug (Käppi, Shirt, abgeschnittene Jeans, Vollbart). Das Publikum staunt, aber dann knallen einem auch schon die Töne des besten Songs (Play by Play) entgegen. Mutig als Start denkt man noch doch dann merkt man erst wie gut das alles ist... ich will gar nicht auf alle Einzelheiten eingehen (der Pathos, das teilweise Gelächter im Publikum, das Winden auf dem Bühnenboden), es war super... aber wirklich empfehlen kann ich es auch keinem, sehr eigenartig... aber dafür geht man ja auf Festivals... 

Kommen wir nun wieder zu normalen Menschen, und nachdem die Local Natives auf der Hauptbühne etwas unter dem Starkregen zu leiden hatten, war es Zeit für die Palma Violets. Normal ist hier auch relativ, aber zumindest auf der Insel würden diese Jungs nicht weiter auffallen. Schlecht gekleidet und reichlich betrunken gab es hier genau das, was man erwartete. Die jährliche British Sensation mit Songs wie Chicken Dipper und Rattlesnake Highway. Hier waren keine Molltöne am Start und Zeit einfach mal das Bier auf die Bühne zu werfen, um willenlos zu tanzen. Zur Musik: Exakt wie die Libertines, bitte nur Heroin durch Bier ersetzen. 

Danach war ein persönlicher Kleidungswechsel erforderlich, daher verpasste ich leider den DJ, den ich eigentlich unbedingt sehen wollte: Cashmere Cat. Aber es wurde Zeit für den großen Headliner Sigur Ros. Da will man ja nicht aussehen wie ein durchschnittlicher Festivalbesucher, wenn Jonsi sein bestes Jacket aus dem Schrank holt. Sigur Ros begleiten mich seit vielen Jahren, seit dem ersten Konzert auf Bierbänken im Gebäude 9 bin ich Ihnen verfallen. Allerdings immer eher wegen der Konzerte, die mich noch nie enttäuscht haben. Es ist einfach ein Wunder, dass diese Band mittlerweile vor einem Festivalpublikum bestehen kann, ohne auch nur einen Schritt von der Vision ihrer Musik abzuweichen. Vieles wurde schon geschrieben, meistens hat es mit Engeln, Elfen und anderem Quatsch zu tun, meiner Meinung nach ist aber die pure Musikalität und die völlige Hingabe zur eigenen Kunst/Musik die alle in Ihren Bann zieht. Leider können hier Beschreibungen gar nichts von dem ausdrücken, was man bei Sigur Ros Konzerten erlebt. Meistens schießen einem bereits im ersten Song Tränen in die Augen, in der Mitte des Sets liegt ein Rocker einem Gothicmädel weinend im Arm und zum Schluss sitzt man noch mindestens 30min vor der Bühne ohne zu wissen warum...

Sigur Ros spielen heute ein paar neue Stücke, die wieder vor Melodien strotzen und haben natürlich Streicher, Bläser, einen Chor, tolle Visuals und zwei Schlagzeuger dabei. Jonsi bügelt die Gitarre und obwohl wieder keinerlei verbale Interaktion mit den Zuschauern erfolgt, fühlt man sich persönlich eingeladen, dieser Musik beiwohnen zu dürfen. Ein Traum von einer Band. 

Sigur Ros Setlist, Best Kept Secret Festival:

01: Yfirborð 
02: Brennisteinn 
03: Glósóli 
04: Sæglópur 
05: Ísjaki 
06: Hrafntinna 
07: Varúð 
08: Hoppípolla 
09: Með Blóðnasir
10: Kveikur 
11: Festival 
12: Popplagið 

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Keiner schafft es in Deutschland, so ein schönes Festival für 15.000 Menschen auszurichten. Und das bei der ersten Ausgabe, wo Probleme auch gerne verziehen werden. Ich habe keinmal an einem Getränkestand oder einer Toilette gewartet, es gab KEINE Dixieklos, keine Werbestände von Sponsoren, nicht mal Werbebanner. Ein 0,3 Bier kostete 3 EUR und man konnte an mindestens 50 PRIVATEN Essensständen kulinarisch einmal um die Welt reisen... ich bin nächstes Jahr wieder da.


Donnerstag, 11. April 2013

Palma Violets, 3.4.2013, Berlin

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Konzert: Palma Violets (+ Big Skies)
Ort: Lido Berlin
Datum: 3.4.13
Zuschauer: fast ausverkauft
Dauer: Big Skies (45 Min,); Palma Violets (knapp ne Stunde)



Es gibt so Konzerte, bei denen habe ich schon im Vorfeld einen "Wunschtext" im Kopf. An diesem Abend hätte ich mich gerne mit wenig Erwartungen überraschen lassen. Leider habe ich sehr viele Erwartungen gehabt, welche aber nur bedingt erfüllt wurden.
Als ich so gegen halb neun das Lido betrat, waren vielleicht gerade mal 50 Leute vor Ort. Das wunderte mich, denn die Palma Violets gelten (wegen ihrer wirklich hervorragenden Tonträger) längst nicht mehr als Geheimtipp. 

Irgendwann lief ein deutlich Angetrunkener durchs Publikum und gröhlte irgendwas auf Englisch. Die Umherstehenden schauten allesamt irritiert. Er lief umher und falls dadurch irgendein Funke überspringen sollte, zur Vorbereitung auf die heutige Show, so misslang dies.
Der Raum füllte und füllte sich aber immer weiter, und als die Vorgruppe Big Skies die Bühne betraten, war der Saal ordentlich voll.

Die Band gefiel mir auf Anhieb. Sie selbst umschreiben ihre Musik als "pychedelic britpop", was es meiner Meinung auch gut getroffen hat. Der Sänger und Gitarrist Jim Cubitt strahlt das aus, was so eine Band braucht. Eine ordentliche Portion Carisma gepaart mit angenehmer Natürlichkeit. Ich fühlte mich gleich um 20 Jahre jünger und freute mich um deren Lebendigkeit. Die Lieder gefielen mir außerordentlich gut - und damit stand ich nicht alleine. Eine der Bands, die ich definitiv im Blick behalten werde. Stimme, Songs, Band - es passte alles sehr gut zusammen.

Es gab ordentlich Applaus und ich freute mich auf den weiteren Abend. 
Nach einer angenehm kurzen Umbauphase, kamen die Palma Violets auf die Bühne. Mein erster Gedanke war: Deutlich jünger als ich dachte, denn stimmlich wirkten sie mindestens um fünf Jahre älter. Sei es drum.
Als Alexander "Chilli" Jesson die Bühne betritt, spielt die restliche Bands schon ein paar Takte. Allright - are you readyyyyyyy!!!!
Sofort kommen Erinnerungen an The Libertines hoch. Leider keine allzu guten, denn diese Rotzigkeit war das einzig Großartige an diesem Abend. Es ging nicht wirklich um Musik, sondern um Punk-Attitüden und Rebellion. Alles schön und gut - das bekomme ich täglich in den Strassen Berlins massenhaft geboten.

Dabei sieht Chilli Jesson aus wie der junge Robert Stadlober gepaart mir Iggy Pop. Eigentlich eine interessante Mischung, könnte man meinen. 
Die Kinder der Bildungsbürger um mich herum finden es auch schön, endlich mal eine Möglichkeit zu bekommen, ihre Montessori-Vergangenheit mittels zögerlichem Pogo-Tanzens abzustreifen.
Viele Klischees werden geweckt und bedient - und zu wenig Musik wird geboten. 

Die eigentlich schöne Stimme von Samuel Thomas Fryer wird durch das Pseudo-Punk-Geschrei seines (leider) Gegenspielers unnötig getrübt. 
Das Wechselspiel der Gewalten und Energien ist etwas, was die Band nur bedingt beherrscht. Zu ungestüm und unkontrolliert wird dabei vorgegangen. So wird das wunderschöne All the Garden Birds live ziemlich verhunzt. Warum wurde während des Konzerts nicht einfach das Mikro von Mr. Chilli Jesson runtergeregelt? Mehr als Brüllen und Schreien gab es von seiner Seite aus nicht.
Die Band wirkte, als hätten sie die vergangenen Tage einfach nur durchgesoffen und als wäre das Konzert eine lustige Unterbrechung vom Saufgelage. Auch Best of Friends büßte deutlich an Ausdruckskraft ein.
Ein weiteres Highlight (nenen der Rotzigkeit) gab es dann doch. Bei Last of the Summer Wine zeigte die Band, dass sie doch richtig guten Sound liefern können. Da war es auch sympathisch, dass das Publikum mit reichlich Nachdruck aufgefordert wurde die Arme im Takt zu schwenken. Mit dem ebenfalls schönen 14 wurde dann das normale Set beendet.

Das traurige Finale bestand darin, dass die ihnen hörige Montessori-Jugend auf die Bühne gebeten wurde, um dort mit der Band den Abgesang des Abends einzuleiten. Ein Trauerspiel, welches bei mir keine zeitnahe Wiederholung erfordert.
Anders als bei Veronica Falls, die ich seit ihrem Konzert Debut durchgängig im Blick behalte, werde ich die spätpubertäre Rüpelphase von Palma Violets mit genügend Abstand aussitzen und hoffen, dass sie ihr Talent nicht so billig verschleudern, wie es an diesem Abend geschehen ist. Es reicht eben nicht nur, sich zum Affen zu machen, um reichlich Zucker zu bekommen.




Freitag, 29. März 2013

Paul Weller, London, 25.03.2013

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Konzert: Paul Weller
Vorband: Palma Violets
Ort: Royal Albert Hall, London (Teenage Cancer Trust)
Datum: 25.03.2013
Zuschauer: etwa 5.000
Dauer: Paul Weller 117 Minuten / Palma Violets 35 Minuten


Im September 2007 wollte ich als 15-jähriger Möchtegern-Mod unbedingt zu Paul Weller und Steve Cradock im Frankfurter Mousonturm. Niemand erklärte sich jedoch bereit, mich zu fahren, sodass ich das Akustikkonzert mit der damals noch gänzlich unbekannten Amy MacDonald im Vorprogramm verpasste. Ich tröstete mich mit dem Gedanken Paul Weller, mein großes Idol, würde in nicht allzu langer Zeit wieder in erreichbaren Gefilden touren. Dass es fast sechs Jahre dauern sollte, bis sich dieser Wunsch erfüllen sollte, konnte ich damals nicht absehen. Doch die sporadischen Tourneen des immer stilbewussten Modfathers machten immer einen großen Bogen um das Rhein-Main-Gebiet und nach meinem Umzug auch um Stuttgart: Köln, Berlin, Hamburg. Andere Städte waren seit 2007 nicht drin. So wuchs mein Verlangen Weller endlich zu sehen, während ich Amy MacDonald letztes Jahr auf einem kostenlosen Festival im schwäbischen Outlet-Städtchen Metzingen vor zehntausenden Zuschauern angekommen im glitzerndem Mainstream sah und Steve Cradock bereits zweimal erleben durfte: Solo im Nachtleben in Frankfurt und mit Ocean Colour Scene in der Royal Albert Hall. Kurz nachdem ich bei Via-NO-go die Karten für das Teenage Cancer Trust – Konzert von Noel Gallagher erstanden hatte, wurde für den letzten Abend der diesjährigen Konzertreihe der legendäre „Godfather of Britpop“ angekündigt – diesmal machte mir die Technik keinen Strich durch die Rechnung und ich hatte meine Karten Minuten nach Vorverkaufsstart, außerdem war da ja noch dieser Gastauftritt am Samstag bei Noel Gallagher, Damon Albarn und Graham Coxon.
Zum Ärgernisse wurden technische Umstände erst beim Konzert selbst. Die Akustik, die zwei Tage zuvor keine Wünsche offen ließ, war heute unglaublich mies. Es hallte, war zu laut, dröhnte, schepperte. Die ersten Songs erkannte ich nur an Wortfetzen und Rhythmik, obwohl ich mich als Kenner des Weller'schen d'oeuvre bezeichnen würde. Warum es dann doch noch ein unvergessliches, erstklassiges Konzert werden sollte, das sich aller Wahrscheinlichkeit nach, auch in meiner Jahresbestenliste finden lassen wird, versuche ich nun der Reihe nach zu erklären.


Auch bei der Wahl der Vorbands bewies Gastkurator Noel Gallagher ein gutes Händchen für vielversprechende Bands. Bei Paul Weller sollten das die Palma Violets sein, der wohl größte Hype auf der Insel neben dem mittlerweile 19 Jahre alten Jake Bugg, den man im letzten Herbst auf Tour mit Noel Gallagher's High Flying Birds begutachten durfte.

„180“, das Debütalbum der vier Londoner Jungs erschien standesgemäß beim renommierten Label Rough Trade, das seit jeher ein Gespür für die richtige Band zur richtigen Zeit zu haben scheint. Man denke hierbei nur an die Veröffentlichungen der Debütalben der Smiths, Strokes und Libertines. In den Medien ständig heraufbeschworen besteht der Vergleich mit den Libertines den Livetest. Ich bin bereits nach dem ersten Song begeistert, auch wenn der Sound zu wünschen übrig lässt und sich im weiteren Verlauf des Abends nur unwesentlich verbessern sollte.
„Best of Friends“ wurde vom New Musical Express zur besten Single des vergangenen Jahres gekürt – zu einem Zeitpunkt als weder viele Songs noch ein Album fertig waren. Natürlich sind solche Vorschusslorbeeren grundsätzlicher Indikator eines klassischen Hypes, aber gleichzeitig immer eine beträchtliche Gefahr für die Zukunft einer jungen Band, die an den Erwartungen zu zerbrechen droht. Ein gutes Album wurde „180“ dann doch, wenn auch kein Meilenstein wie die Erstlinge der Libertines oder Strokes.
Der Support-Slot für Weller ist der bisher größte Auftritt von Samuel Thomas Fryer (Gesang und Gitarre), Chilli Jesson (Gesang und Bass), Jeffrey Peter Mayhew (Keyboards) und William Martin Doyle (Schlagzeug). Den jungen Männer aus dem Stadtteil Lambeth sieht man die Nervosität förmlich an, wobei es sich vor allem in dem kraftvollen Anspielen dagegen zeigt. 
 
Betrachtet man die beeindruckende Bühnenpräsenz Fryers und Jessons und ihre Interaktion wird schlagartig klar, woher die ewigen Libertines-Vergleiche herrühren. Es scheint fast so, als stünden Carl Barât und Pete Doherty zu ihren Glanzzeiten auf der Bühne. Der Auftritt wird immer hitziger und intensiver. Jessons springt auf das Schlagzeug, „Best of Friends“ schlägt wie erwartet voll ein, bei „Last of the Summer Wine“, dem meines Erachtens besten Song der aufstrebenden Band, hebt Jesson im schwarzen Hemd die Hände in die Luft und wackelt mit den Fingern. Das Publikum folgt der Aufforderung es ihm gleichzutun. Fryer in beigen Hemd und verschwitzten Haaren sieht aus wie der junge Doherty und spuckt die Worte ganz ähnlich aus wie der letzte große Barde Albions.
„Chicken Dippers“ und „Rattlesnake Highway“ brillieren ebenfalls, besonders der zweite Song gefällt mir besonders gut mit seinen deutlichen The Clash – Anleihen. Überhaupt ist der Bezug zu den Pionieren des englischen Punks immer spürbar, er zieht sich durch die einzelnen Titel, die Performance und selbst als Intro wählte das Quartett mit „New Rose“ einen Klassiker einer der ältesten britischen Punkbands, The Damned. Mit „14“ endet nach zwölf Songs – es werden alle Lieder des Debüts inklusive Hidden-Track gespielt – eine intensive, berauschende Show einer aufstrebenden Formation, von der wir noch eine Menge zu erwarten haben. Es muss nicht die Zukunft des Pops gewesen sein, die ich 35 Minuten lang gesehen habe, dazu ist die Musik zu redundant und die Zitate zu offensichtlich, aber vermutlich war es die Rettung des britischen Gitarrenrocks, die sich uns im großen Rund der Royal Albert Hall zeigte. Nicht mehr, aber auch auf keinen Fall weniger als das. 
 
Wie schon am Samstag führt Radiomoderator John Holmes mehr schlecht als recht durch das Programm und so ist es für die 5000 Zuschauer in der nicht ganz ausverkauften Albert Hall eine große Wohltat, als nach dem bereits bekannten Video-Einspieler, in dem das krebskranke Mädchen Charlotte über das Wirken des Teenage Cancer Trust berichtet, Noel Gallagher die Bühne betritt. Begleitet wird er diesmal von Kate, die ebenfalls an Krebs erkrankt ist und wie Charlotte zwei Tage zuvor einen kurzen Einblick in die Arbeit des Trusts gibt. Daraufhin bittet Noel weitere Jugendliche auf die Bühne, bevor er augenzwinkernd anmerkt, man habe „We are the World“ spielen wollen, es aber nicht geprobt. „Very unprofessional.“ 
Er habe eine der besten Wochen seines Lebens gehabt, betont der Oasis-Star, bevor er seinen „good friend and neighbour“ Paul Weller ankündigt, der das abschließende Konzert der diesjährigen Reihe geben sollte.

Im blau, weiß, rot gestreiften, enganliegenden Poloshirt betritt die sportliche 54-jährige Modikone lächelnd die Bühne mit seinen fünf erstklassigen Begleitmusikern. Ohne ein Wort zu verlieren eröffnet der The Jam – Klassiker „Private Hell“ die Show. Es ist ohrenbetäubend laut und ich kann den Song, obwohl ich ihn sehr liebe, erst spät identifizieren. Mit aus Taschentüchern provisorisch gebastelten Ohrschützern ist das ganze erträglich, wenn auch klangtechnisch alles andere als berauschend.
Wären da nicht die zwei dutzend durchweg großartigen Songs heute Abend und die brillierende, harmonische Band, es wäre nicht auszuhalten gewesen. So wurde es letztlich doch ein Konzert allererster Güte. „Kling I Klang“, die Krautrock-infizierte Nummer, steht den großen Glanzleistungen, die Weller in seiner langwierigen Karriere en masse vollbrachte in nichts nach. „Blink and you'll miss it“ vom 2005er Album „As is now“ zum Beispiel ist eine elektrifizierende Modrocknummer mit Northern Soul Einflüssen.


Der elder statesman of Britpop, von vielen als unwichtiger Second Generation Mod gescholten, ist in seiner Bedeutung für die heutige Popmusik nicht zu unterschätzen. Seine Meisterwerke mit The Jam sind die Initialzündung des modernen Britpops und die richtungsweisende Neujustierung des englischen Punks in Personalunion. Unglaublich, dass Weller mit Anfang 20 Songs in der Klasse von „English Rose“ oder „Butterfly Collector“ schrieb. Nostalgie allerdings ist keine Weller'sche Tugend, sodass man heute nur drei Songs aus der Jam – Ära erleben darf, was bei dem riesigen Kanon an Songs allerdings auch nichts ausmacht. Faszinierend ist es, rückblickend anerkennen zu müssen, dass Weller in seiner gesamten Schaffenszeit immer die Personifikation der Coolness war. Als junger Mod mit The Jam, als distinguierter Soulsänger mit The Style Council und eben ab den 90ern solo als Modfather, der heute so etwas wie die graue Eminenz des englischen Indies ist.
Man neigt gerne das 80er Schaffen mit The Style Council etwas zu vernachlässigen, doch gelangen Weller und Mick Talbot damals nicht nur eine Reihe erstklassiger Alben, sondern auch Hitsingles wie „Walls come tumbling down“ oder „My everchanging moods“, das der einzige Song aus dieser Zeit heute bleibt.


Steve Cradock, seit Wellers ersten Soloalben andauernde Weggefährte, glänzt als begnadeter Gitarrist, kein Wunder, dass er häufig als bester Gitarrist seiner Generation und des Britpops bezeichnet wird. Er hält die Gitarre wie Pete Townshend, lässt seine Arme wie dieser windmühlenartig kreisen, während seine beiden Soloalben dagegen wie die Post-Beatles-Platten George Harrisons klingen. Doch ist der Ocean Colour Scene – Veteran beileibe nicht der einzige herausragende Musiker in Wellers Band. Vor allem die beiden Mitglieder der relevanten Retroband The Moons, die mit Weller spielen, sind besonders zu erwähnen. Ben Gordelier, Schlagzeuger der Northamptoner Mod-Band, erweitert den perkussiven Spielraum der Band, indem er als zweiter Drummer Steve Pilgrim unterstützt. Es mag seltsam erscheinen, dass Weller für seine Musik zwei Schlagwerker benötigt – bewusst habe ich so etwas selbst bisher nur bei Radiohead, Massive Attack und Ringo Starrs All Starr Band gesehen -, doch verleiht es dem Auftritt weitere Dynamik und Intensität. Andy Crofts, Frontmann der Moons, spielt bei Weller Keyboards und zeigt sich im Backroundgesang als begnadeter Vokalist. An gleicher Stelle sah ich ihn 2010 mit seiner Band im Vorprogramm von Ocean Colour Scene. Damals wurde ich sofort Fan. Solo eröffnete er zudem das Konzert von Cradock, in dessen Band er Bass spielt, im Nachtleben. Dort wird es am 19. April ein Wiedersehen mit den Moons geben. Allerdings ohne James Edward Bagshaw und Thomas Edison Warmsley, die 2010 noch dabei waren. Seit einiger Zeit sorgen die Beiden mit ihrem neuen Projekt, Temples, selbst für Furore, denen manch einer eine noch rosigere Zukunft prognostiziert als Palma Violets. Noel Gallagher bezeichnete sie wiederholt als interessanteste aktuelle britische Band. Christoph wird sie Morgen im Vorprogramm von Suede in London sehen. Man darf auf sein kritisches Urteil gespannt sein.

Doch zurück zum eigentlichen Konzert: „Fast Car / Slow Traffic“ vom 2010er Meisterwerk „Wake Up The Nation“, das aus guten Gründen für den Mercury Prize nominiert war, ist der bislang härteste Song des Abends. Härter als der punkige Garagenrock der Palma Violets. Eine atemberaubende Nummer, bei der es kaum einen weiter in den Sitzen hält. Steve Cradock läuft wild auf der Bühne umher, Andy Lewis' Bass wabert über allen und Weller zeigt seine Shouter-Qualitäten.
Vom aktuellen Album folgen starke Songs wie „The Dangerous Age“, das Weller letztes Jahr akustisch mit Cradock und Crofts bei Harald Schmidt vorstellte und „Dragonfly“ , eine gute Nummer mit deutlichen Elektroniceinflüssen, bei der er wohl kompositorische Unterstützung seiner Tochter bekam, die sich jedoch nicht traue, auf der Bühne mit ihm Klavier zu spielen. Kinder hat Weller bekanntlich einige. So ist sein ältester Sohn, Nat, Model und mit der gerade volljährigen Gossip Girl Schauspielerin und Pretty Reckless - Röhre Taylor Momsen liiert. Seine jüngsten Kinder sind gerade etwas über ein Jahr alt. Zwillinge, die auf die Namen John-Paul und Bowie hören. Manchmal ist eben auch ein Modfather ganz Fan. Warum ich das erzähle? In einer der Logen fallen Zwillinge im Kleinkindalter und riesigen Ohrenschützern auf. Es werden wohl die Jungs mit den großen Namen gewesen sein.

„Sea Spray“ von „22 Dreams“ gefällt mir sehr. Eine gute Folkpop-Nummer, mit entspannten Text. Ich fand Wellers laid back Songs häufig noch besser als seine Punksongs. Das hier ist ein guter Beleg dafür.
Erstes große Highlight ist dann „Wild Wood“, einer meiner liebsten Weller-Songs auf alle Zeit. Sich mit der Akustikgitarre begleitend, unterstützt von seiner genuinen Band, beschert er mir in diesem Augenblick einen der wunderbarsten Momente meiner Konzertlaufbahn, den er aber selbst noch heute zu toppen vermag. Der weißhaarige Sänger, den ich noch nie auf Bildern mit so langer Mähne sah, singt mit unvergleichbarer Eleganz aussichtslose Zeilen. Es wird eine Spannung erzeugt, die an ein Frösteln an einem schwülen Sommertag erinnert. „Climbing forever trying / Find your way out - of the wild wild wood / Now there's no justice / There's only yourself - that you can trust in“. Für mich ist „Wild Wood“, Wellers zweites Soloalbum, sein bestes, umso mehr freute ich mich über „The Weaver“, das es direkt im Anschluss gab. Ein rares Lied, das Weller zuletzt vor acht Jahren spielte.


„Stanley Road“ ist als Album sicherlich auch nicht zu verachten, immerhin ist „Changing Man“ darauf, dass Weller überraschend auslässt. Stattdessen gibt es das reizende „Porcelain Gods“ und es wird deutlich, dass der Modfather heute Abend seine treuen Fans belohnen möchte.
„Brand New Start“, ein beliebter Song, den Weller wohl viel zu selten spielt, wird zurecht frenetisch aufgenommen und von meiner Freundin als Konzerthighlight bezeichnet. Alles stimmt hier, Weller singt fantastisch.  
Wider Erwarten gibt es heute auch keine Special Guests. Abgesehen von seiner halb so alten Ehefrau Hannah, die im schwarzen Abendkleid beim sphärischen „Study in Blue“ wie auf dem aktuellen Album „Sonic Kicks“ als Duettpartnerin fungiert, während die Modelfreundinnen Gordeliers und Crofts', wie während des gesamten Konzerts, am rechten Bühnenausgang tanzen.

„7 &3 Is The Strikers Name“, der Klassiker „Peacock Suit“ erhöhen die Schlagzahl noch einmal, bevor das reguläre Set mit ruhigeren – nicht minder guten – Stücken wie „Woodcutter's Son“ und „Whirlpool's End“ endet.
Ein enttäuschendes Bild zeigen zahlreiche Zuschauer, die nach Ende des regulären Sets, die Halle verlassen. Unverständlich, auch wenn man die Soundprobleme berücksichtigt.
Reich an Raritäten bleibt auch der erste Zugabenblock: „Dust and Rocks“ von „Heliocentric“ und der ungewöhnliche The Jam – Song „Just Who Is The 5 O'Clock Hero?“ begeistern mich, während die Soundprobleme erneut zunehmen und es fiese Rückkopplungsgeräusche gibt. Noch eine „Wild Wood“ - Perle, „Foot of the Mountain“ gibt es. Dann verlassen Weller, Cradock, Pilgrim, Crofts, Lewis und Gordelier die Bühne zum vorletzten Mal. Den absoluten Höhepunkt erreicht das Konzert schließlich mit dem letzten Song, dem unsterblichen The Jam – Klassiker „That's Entertainment“, das Morrissey oft coverte. Trotz Rückkopplungen beweist Weller, dass er den wohl besten Song schrieb, mit dem man ein Konzert in London beenden kann. Stärker als „The Universal“ oder „Don't Look Back In Anger“ und meines Erachtens auch besser als „Twist and Shout“ in der Version von Bruce Springsteen und Paul McCartney, auch wenn mir ein guter Freund der letztes Jahr im Hyde Park dabei war, jetzt sicherlich widersprechen würde. Einen besseren Abschluss für die traditionsreiche Charity-Konzert-Reihe kann man sich jedenfalls nicht vorstellen. In den kommenden Jahren werde ich sicherlich wieder einmal dabei sein.

Am Bühnenausgang treffen wir diesmal Wellers Mitmusiker. Steve Pilgrim, die Mitglieder der Palma Violets, Andy Crofts und das Model Tara Griffin, Miles Kane und Steve Cradock mit Ehefrau Sally und den gemeinsamen Kindern, die dann mit dem familienfreundlichen hellblauen Citroen davonfuhren. Von Gallagher und Weller keine Spur. Letzterer musste sich wohl um Lennon-McCartney und David kümmern, oder so.

Setlist, Paul Weller, London:

01: Private Hell
02: Kling I Klang
03: Blink And You'll Miss It
04: My Ever Changing Moods
05: Fast Car/Slow Traffic
06: That Dangerous Age
07: Sea Spray
08: The Attic
09: Wild Wood
10: The Weaver
11: Porcelain Gods
12: Dragonfly
13: When Your Garden's Overgrown
14: Brand New Start
15: Study In Blue
16: 7&3 Is The Striker's Name
17: Peacock Suit
18: From The Floorboards Up
19: Woodcutters Son
20: Whirlpool's End

21: Dust And Rocks (Z)
22: Just Who Is The Five O'Clock Hero? (Z)
23: Foot Of The Mountain (Z)

24: That's Entertainment (Z)


Tourdaten The Moons:

18.04.2013 in Paris
19.04.2013 in Frankfurt am Main, Nachtleben
20.04.2013 in St. Poelten, Cinema Paradiso
22.04.2013 in Wien, Wuk
24.04.2013 in Graz, PPC
25.04.2013 in Köln, Underground
26.04.2013 in Hamburg, Indra
 


Donnerstag, 2. August 2012

Midi Festival, Hyères, 28 & 29.07.12

2 Kommentare

Konzert: Midi Festival
Ort: Hyères-les Palmiers, Südfrankreich

Datum: 28 & 29.07. 2012

Zuschauer: gute Frage; es war ein intimes Festival


Im südfranzösischen Hyères ist meine Frau geboren worden und hier ist sie auch zur Schule gegangen. Logisch also, daß ich die kleine Mittelmeerstadt gut kenne und schon oft durch ihre pittoresken Straßen geschlendert bin, vor allem in der Zeit, als ich selbt im Süden Frankreichs wohnte. Ich studierte damals ein Jahr Jura (eine seltsame Idee, hatte ich noch alle Tassen im Schrank?) in Aix-en Provence und kam ohne Examen, aber mit einer jungen hübschen Französin zurück nach Berlin. Inzwischen sind wir längst in Paris gelandet, aber die Zeit an der French Riviera habe ich natürlich noch in bester Erinnerung (nicht wegen des Studiums, sondern anderer Dinge. Welche? Ist 'n Geheimnis!)

Natürlich besuchen wir auch unsere Schwiegereltern/Eltern mindestens einmal pro Jahr und ich fand, daß man in die eine Woche Ende Juli auch schön ein kleines Festival integrieren kann. Ich malte mir das im Vorfeld wunderbar aus: tagsüber an den Strand gehen und meinen dicken, alten Körper durchgrillen lassen, den schönen Mädchen im Bikini hinterherglotzen, abends auf dem Festival zu wunderbarer Musik unter Pininen schwofen. Und so kam es dann auch. Strand, Sonne, sexy Girls bei Tage. Kein Strand, dafür eine Konzertbühne, untergehende Sonne, erneut sexy Girls und gute Musik am Abend. Perfekt. Die zahlreichen Hipster und der Sonnenbrand auf meiner Plautze konnten mir die Laune jedenfalls nicht verderben. Auch nicht, daß ich auf den ersten Festivaltag am 27 Juli verzichtete, weil wir uns auch bei den Eltern mal zeigen mussten (kein Problem, ich mag sie sehr gern).


Am 28. Juli waren wir dann beim Midi Festival live mit dabei. Die Konzerte fanden im Hippodrome nahe des Flughafens von Hyères statt und statt des befürchteten großen Reitstadiums erwartete uns eine kleine intime Ecke unter Pinien, die nichts mit den riesigen unpersönlichen Konzertbühnen bei Massenveranstaltungen zu tun hatte. Der Einlass und die Bändchenvergabe getaltete sich als herrlich unproblematisch und ich wurde mit einem Pressepass ausgestattet, auf dem als Medium einfach "Peel" stand. Herrlich, Oliver Peel enterprises, meine Großmannssucht wurde hier bestens bedient.!

Es war etwa 20 Uhr und auf der Bühne standen Arthur Beatrice. Im Vorfeld war ich ahnungslos davon ausgegangen, daß es sich hierbei um einen französischen Chansonsänger handele. Weit gefehlt, Arthur Beatrice entpuppten sich als vier Briten mit einer sehr hübschen, südamerikanisch wirkenden Sängerin und Keyboarderin mit Zopf und einem rothaarigen Sänger. Wie ich von der Pressechefin erfuhr, handelte es sich um die Band mit den meisten Interviewanfragen überhaupt. Ein gewisser Hype scheint also hier im Anmarsch zu sein.

Stellt sich natürlich sofort die Frage, ob das Medieninteresse gerechtfertigt ist? Nun, zunächst einmal ist nüchtern festzustellen, daß ich neugierig geworden bin auf diese vier Londoner, die ein recht kurzes Set ablieferten. Aber diese Neugierde wird bei einer Internet-Recherche nur unzureichend befriedigt. Die seltsame Homepage erzählt so gut wie gar nichts über die Band, Artikel oder Musik (kein einziges Lied auf der Facebook Seite) des Quartetts recht rar gesät. Da wird man unweigerlich an Wu Lyf und deren anfängliches Versteckspiel erinnert, ohne daß es Arthur Beatrice so wild und mysteriös treiben wie die Jungs aus Manchester vor zwei Jahren.


Nach Wu Lyf klingen Arthur Beatrice jedenfalls nicht. Der Sound erinnerte mich eher an The XX (der Bass, das düstere Moment), die Editors (die Grabesstimme des Sängers), die Antlers (die pathetische Seite, die aber zum Glück nicht allzu stark ausgeprägt ist), die Wild Beats (der tanzbare Rhythmus, die perlenden Gitarren), Beth Jeans Houghton (die hohe, manchmal exaltierte Stimme der Sängerin Ella Girardot) oder Lanterns On The Lake (das Wechseln zwischen ruhigen und stürmischeren Phasen), ohne das die Ähnlichkeiten mit genannten Gruppen jedoch allzu ausgeprägt waren. Arthur Beatcrie klangen somit erfreulich eigenständig, ganz ohne nervenzerrende Ausflüge in experimentelle Gefilde zu starten.


Ihre Lieder waren sehr abwechslunsgreich, feinglidrig und clever arrangiert. Da gab es vieles was aufhorchen ließ, obwohl ich vor diesem Festival nie etwas von dieser Band gehört hatte. Der Überhit, neben der prima Single Midland, war allerdings What We Hoped To Achieve, dessen Titel ich nach dem Konzert recherchierte. Ein sechsminütiges Schmuckstück mit einer anziehend mysteriösen Seite, famosen Tempowechseln, flirrenden Gitarren und einem unwiderstehlichen Finisch.

Da wollte man in Hyeres die Engländer gar nicht so schnell ziehen lassen, aber es musste ja im Programm weitergehen. Für mich wird es jedenfalls ein baldiges Wiedersehen mit Arthur Beatrice geben und zwar beim Haldern Pop Festival. Da freue ich mich jetzt schon riesig drauf!

In Südfankreich war es inzwischen 21 Uhr geworden und die Sonne fing schon an zu sinken, um gegen Ende des Sets des nun an den Start gehenden Thurston Moore samtweich hinter den Pinien unterzugehen.

Der ex-Sonic Youth Mann hatte eine mehrköpfige Band dabei*, darunter auch die famose Geigerin und Bassistin Samara Lubelski, die Kenner auch als Solokünstlerin schätzen.
Die Musiker ließen es zunächst langsam angehen, arbeiteten sich durch wolkenverhangene Passagen langsam ans Licht, blieben aber oft der düster- trüben Atmosphäre der Songs treu. Das Tempo wurde allerdings im Laufe des Sets teilweise deutlich angezogen. Da gab es fetzige und noisige Phasen, die immer wieder durch zahlreiche Brüche und Schlenker konterkariert wurden. Thurston ist halt eben kein Typ für mundgerechten kugelrunden Bubble Gum Pop. Er bleibt seiner Schrägheit treu, schreibt keine Hits für Millionen, die im Sommer aus Autoradios erschallen. Aber die Harcore Indie Freaks hat er auf seiner Seite. Zu recht, denn Burroughs, diese gemeine Noisekeule, war wirklich ein ziemlicher Hammer. Auch sehr cool: Circulation, das von der Geige Subelski nach vorne getrieben wurde und wahnsinnig nonchalant rüberkam. Thurston Moore, der ewige Berufsjugendliche, wippte auf seinen Adidas Sneakers ganz lässig im Takt und zog mit schnellem Armzug durch die Saiten seiner Gitarre. Wie man mit 54 noch auf so unverkrampfte Weise rebellisch sein kann, imponierte mir ungemein.


Zugegeben werden muss, daß nicht jeder im Publikum wirklich begeistert wirkte. Manche standen nur gelangweilt rum, andere lagen auf der Wiese und schonten ihre Kraftreserven für Bon Iver. Thurston Moore schien mir jedenfalls nicht unbedingt der Name auf dem Line-Up gewesen zu sein, für den die meisten Leute gekommen waren. War mir aber egal, denn ich kam beim Gig des schlaksigen Amerikaners auf meine Kosten.


Hinterher hatte ich kurz Zeit, durch den Pressebereich zu schlendern und war erstaunt darüber, wie gemütlich der war. Da gab es große rote Sofas, Liegstühle und eine Pinie, die mit leuchtenden Glühlämpchen behangen war. Sehr heimelig das Ganze, es war wirklich eine verdammt laue Sommernacht.

Um 22 Uhr 30 galt es aber, taufrisch zu sein, denn Bon Iver und seine gefühlt 87 Mitmusiker (in Wirklichkeit waren es acht) stürmten die Bühe, die mit zerfledderten Stofffetzen und elektrischen Fackeln mit Glaslämpchen dekoriert war. Vom Pitchfork Festival in Paris im letzten Jahr wusste ich, daß Justin Vernon inzwischen auf wuchtigen und orchestralen Livesound mit Geige, Trompete, Horn, Basssaxofon und zwei Schlagzeugern setzt und war insofern nicht überrascht, daß es laut und druckvoll aus den Boxen schallte. Nichts mehr übrig von der Folkreduktion des in einer Jagdhütte in Wisconsin enstandenen ersten Albums, stattdessen satter Breitwand Sound und Opulenz in seinen schillerndsten Farben, die auf die Stofffetzen projeziert wurden.

Aber ich musste schon ziemlich bald feststellen, daß Justin sowohl in der abgespeckten, kargen Variante als auch in der stark instrumentierten Version zu überzeugen weiß. Er ist einfach ein exzellenter Musiker, seine Falsettstimme schlichtweg sagenhaft und als Dirigent eines Orchesters taugt er viel. Natürlich konnte man jammern über die verschwundene Intimität und Innigkeit, die fehlende Magie früherer Tage, anerkennen musste aber jeder die meisterliche Beherrschung des famosen Songmaterials, die Komplexität der Liedstrukturen und die tadellose Darbietung des Vortrages.


Besonders gewandelt klang Creature Fear. Das einst so verhuschte Folkstück gebärdete sich wild und angriffslustig wie ein sich bedroht fühlender Bär, rockte am Ende wie Hölle. Wundervoll Holocene, eines meiner Liebslinsglieder des zweiten Albums, das ich unzählige Male im Mietwagen laufen ließ, als ich 2011 die USA durchquerte. Ein perfekter Soundtrack für diese weiten, atemberaubend schönen Landschaften, auch wenn mich Holocene heute nicht besonders stark emotional berührte. Ohnehin war das Konzert eher weniger für Melancholiker, als für Fans im Chor geschmetterter Gesänge geeignet, wie man sie bei Skinny Love hören konnte.


Richtig gelungen fand aber auch ich Calgary, eine Nummer bei der die Falsettstimme von Vernon besonders gut zur Geltung kam und der Schwebesound süße Träume assozierte.

Letztlich dauerte das Konzert etwa 90 Minuten und erlebte mit For Emma noch eine schöne Zugabe.


Schwebenden Schrittes machten wir uns im Anschluß auf den Heimweg. Die nächtlichen Konzerte am weit entfernten Strand schenkten wir uns und überließen das jüngeren Leuten. Wir hatten genug gehört und gesehen und waren zufrieden. Allein der idyllische und bukolische Rahmen hatte das Kommen locker gerechtfertigt.


Die Schönheit der Spielstätte konnte am nächsten Festivaltage noch mal locker getoppt werden. Da fanden die Konzerte nämlich auf einer Anhöhe in den mediteranen Gärten der tollen Villa Noailles statt. Ein Ort am dem regelmäßig Ausstellungen zu besichtigen sind, der aber seit inzwischen sieben Jahren für das Midi Festival genutzt wird. Mir fehlen fast die Worte, um die Magie der Örtlichkeit zu bechrieben, es war einfach irreal schön, wahnsinnig romantisch, kurzum: nicht zu toppen!


Um 19 Uhr gingen die Konzerte auf der nicht sonderlich großen Anlage los. Heute aber konnte mich keiner der insgesamt 5 Gigs so richtig begeistern. Der hünenhafte Brite Gabriel Bruce kredenzte einen recht kitschigen, stark von den 1980er Jahren inspirierten New Wave Elektro Pop Sound, den er mit tiefer Baritonstimme vortrug und der von zwei weiblichen Tanzmäusen in Szene gesetzt wurde. Das war recht unterhaltam, musikalisch aber nicht sehr hochstehend.

Palma Violets im Anschluß vermochten ebenfalls nicht wirklich zu überzeugen. Die junge gehypte Band, die bei Rough Trade gesignt ist, wird oft mit den Libertines verglichen, hatte aber keine Hits im Stile von Can't Stand Me Now oder Time For Heroes zu bieten und spielte einen Sound, den man so ähnlich auch schon in der Vergangenheit gehört hatte. Das spannendste an dem energisch vorgetragenen Set waren die Dejellaba des Sängers, unter der seine weiße Schießer- Boxershort herauslukte und seine schmuztigen Socken. Jedenfalls blieb mir das am stärksten im Gedächtnis haften.


Von Money aus England werde ich sicherlich die ziemlich albern aussehende Mönchsfrisur des Sängers und sein bis auf den letzten Knopf zugeknöpftes Hemd in Erinnerung behalten. Die Gruppe allerdings war definitiv nicht schlecht, hatte aber immer mal wieder Hänger drin, die das Zuhören zäh gestalteten. Vier junge Musiker spielten einen Sound, der an amerikanische Bands wie Animal Collective, Yeasayer oder Grizzly Bear denken ließ, aber auch Spurenelemente von englischen Formationen wie Wu Lyf oder den Manic Street Preachers in sich trug. Mal sehen, wie die sich entwicklen, eventuell komme ich bei den Jungs aus Manchester noch auf den Geschmack. Also dranbleiben.

Dranbleiben war auch das Stichwort beim Konzert der aus LA stammenden Nite Jewel. Wenn man nämlich nah vorne an der Bühne stand, konte man beim Aufbauen sehen, daß die zierliche Sängerin einen Anzug trug, der stark an einen Pyjama erinnerte. Zum Einschlafen war ihr Set dann schließlich nicht, aber ihre musikalische Ausrichtung- eine Mischung aus Soul, Dance Musik, Funk und Pop-, entsprach einfach nicht meinem Geschmack. Da fehlten mir schmerzlich die Gitarren, wurden immer wieder nervige Assoziationen zu Michael Jackson und seiner Off The Wall Phase wachgerufen, oder an Ariel Pink's Haunted Graffiti erinnert. Immerhin konnte ich mich an ihrer schönen Stimme erfreuen, wenigstens etwas.


Zu guter Letzt durften dann Franzosen das Festival schwungvoll beenden. Francois and The Atlas Mountains machten ihre Sache dann auch erwartet gut, spulten ihre tanzbaren Afro-Indiebeat ab und sangen mal englisch, mal französisch (soyons les plus beaux) Dennoch ist der Funke bei mir noch nie so richtig übergesprungen. In den letzten Monaten hatte ich sie ein paar Mal gesehen, immer wieder an einzelnen Liedern (La Piscine!) meine Freude gefunden, wurde aber nie durchgängig gut unterhalten. Das Liedmaterial ist mir einfach zu wechselhaft. Darüber konnte ich mir aber nicht mehr allzu lange Gedanken machen, denn meine Frau holte mich schon vor dem Ende des Konzertes mit dem Auto ab. Sie meinte, ich hätte nun genug Festival gehabt, nun solle ich mich mal wieder um sie kümmern. Recht hatte sie und nächstes Jahr können wir ja wiederkommen, ein Hotel müssen wir schließlich da unten im Süden nicht bezahlen.

Insgesamt: eine sehr lohnende Sache! Das Midi Festival kann ich wirklich empfehlen, allein schon wegen des wundervollen Rahmens!


* allerdings nicht die Harfespielerin


 

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