Konzert: Belle & Sebastian Ort: TivoliVredenburg, Utrecht Datum: 01.09.2017 Dauer: ca. 95 min Zuschauer: 2.000 (ausverkauft)
Es gab eine Phase in meiner Beziehung zu Belle & Sebastian vor zwei bis drei Jahren, in der ich dachte, langsam werde mir die Band egaler. Im vergangenen Jahr kam erschwerend dazu, daß die Schotten in der Royal Albert Hall ihre beiden ersten Alben, die 20 wurden, mit zwei fantastischen Abenden feierten. Besser als am Tigermilk-, vor allem aber am If you're feeling sinister-Tag werde ich die nie mehr sehen, so viel war klar. Wie denn auch? Nach den beiden Platten spielten B&S noch Zugaben, die aus B-Seiten, selten oder nie gespielten Songs und eben nicht den Standards bestand (Marx and Engels!). Wenn die Band nicht irgendwann alle frühen EPs an einem Abend spielt, können jetzt leider nur noch schlechtere Konzerte kommen, so mein nächster Gedanke. Trotzdem musste ich natürlich nicht nachdenken, ob ich zum Konzert in Utrecht fahren würde. So oft kann man die Glasgower Lieblinge nicht sehen, die letzte Deutschlandtour wurde vor ein paar Jahren abgesagt, neue sind nicht in Sicht, fürs Cologne Popfest ist die Band zu groß. Als sich Stuart Murdoch nach der zweiten Zugabe, dem ewig nicht gehörten We are the sleepyheads zu seinen Bandkollegen umdrehte (auch der Schlagzeuger war da!), die gerade gehen wollten, wunderte er sich und bat doch, noch eine dritte Zugabe zu spielen. Trotz der sehr langen Rückfahrt hätte ich gerne noch zehn gehört. Das Konzert war nämlich trotz all meiner Befürchtungen wieder durch und durch aufregend, unterhaltsam, kurzweilig.
Vor B&S-Konzerten gucke ich mir nie die Setlisten der umliegenden Auftritte an, ich möchte mich überraschen lassen. Das funktionierte schon von Beginn an gut. Die Schotten begannen mit Act of the Apostle (I), das ich nie erwartet hätte. Vor der aktuellen Tour hatten sie das zuletzt 2006 zur The life pursuit gespielt. Alles was nicht aus der I'm a cuckoo- oder Funny little frog-Liga kommt, macht ein Klasse-Konzert meiner Lieblinge aus.
... I'm a cuckoo und Funny little frog waren zwei der nächsten drei Lieder. Obwohl ich die so oft gesehen habe und nicht mehr hören kann (dachte ich), waren sie gut! Vor allem Funny little frog machte großen Spaß. Die Version war neu. Jedenfalls glaube ich das (mein selbsterklärtes B&S-Expertentum bekam später einige tiefe Kratzer). Früher sangen Sarah Martin und Stevie Jackson nur im Refrain (bzw. Hintergrund) mit, heute ist Funny little frog ein Duett von Stuart und Stevie, das tut dem Stück extrem gut. Zwischen den beiden kam das erste (nunja) neue Lied, We were beautiful, das die Belles neulich präsentiert haben. Das Stück fängt langsam an, getragen und etwas düster, dann kommt ein Teil, der mich an This is not America erinnerte, bevor der wunderschöne Refrain einsetzt. Ein Hit!
Bis dahin war das Konzert schon beruhigend toll! Ein überraschender Auftakt, zwei der lästigen Dauerbrenner erledigt (und einer von denen neu und schön) und ein neuer Song, auf den ich mich künftig freue. Auch beim Frontmann schien die Laune gut zu sein. Er erzählte wie üblich viel, das wirkte aber ehrlich fröhlich. Er erzählte vom letzten Konzert in Utrecht 2004, vom Best Kept Secret Festival, das er geliebt habe und wunderte sich, daß Belle & Sebastian im Rahmen des Alte-Musik-Festivals im Tivoli spielten (das fand da auch statt). Das nächste Lied (apropos alte Musik) sei das einzige, das sie 2004 schon gespielt hätten. Es war Wrapped up in books von Dear catastrophe waitress, auch wieder ein Song aus den Tiefen des Archivs. Selbst das mit Abstand schlechteste Lied von Belle war bei weitem nicht so ein Stimmungskiller wie sonst. Perfect couples ist ein von Stevie Jackson geschriebener Titel, den er vermutlich immer spielen darf, wenn er will. Und er will immer, das Lied steht auf jeder Setlist. Bei meinen ersten Malen 2014 und 2015 war Perfect couples wie Religionsunterricht am Samstag, es hörte einfach nicht auf. Sieben Minuten eines schlechten Lieds heißen eben auch, daß zwei gute im Set fehlen. 2017 ist Perfect couples nur noch vier Minuten lang, juchuu! Nach zwei Evergreens (Sukie und dem wunderbaren Piazza, New York catcher, dem Lied über den Baseball-Spieler der NY Mets, der Stadtrivalen der Rivalen von Stuarts Lieblingsteam Boston Red Sox - guter Mann! -, das der Sänger über sein Kennenlernen seiner Frau geschrieben hat) kam mein erster Aussetzer. Ich hielt das nächste Lied für ein neues. Dabei stammt Little Lou, ugly Jack, prophet John vom pinken Album, das ich ganz offensichtlich kaum gehört habe. Immerhin erkannte ich es heute morgen. Anders das übernächste Lied - gemeinerweise spielte die Band zwei von ...write about love, das ich auch eben noch für ein neues hielt (I can see your future).
Bevor am Ende die beiden Tanzklassiker The boy with the arab strap und Legal man, gefolgt vom Top-drei-Hit Like Dylan in the movies (mein Unterbewußtsein singt gerade wieder "if they follow you, don't look back, like Dylan in the movies") den Hauptteil beendeten, kamen noch drei weitere Besonderheiten, deep cuts, wie echte Musikjournalisten sagen. A century of fakers von der 3.. 6.. 9 seconds EP (von 1997), einer meiner großen Lieblinge, Simple things von der grünen Platte und Stay loose (von Dear catastrophe waitress), das ich noch nie gehört habe. Alleine die drei drückten meinen inneren B&S-Reset-Knopf. Ich habe gerade wieder so große Lust, diese Band zu sehen! Vor dem Ende mit den Sleepyheads und Judys Pferdetraum komplettierte The party line (in das noch ein Stückchen eines anderen Lieds eingebaut war) das wundervolle Konzert. Und danach zwei Zeilen von There's too much love, über das Stuart und Stevie vorher im Konzert geredet hatten. "Was wir früher für merkwürdige Texte geschrieben haben. There's too much love? Das kann es doch nicht geben, oder Stevie?" - "Damals schon." Wie toll der Saal im TivoliVredenburg ist, wusste ich vorher, wie sehr ich B&S mag, auch. Daß der Abend so toll würde, hätte ich nie gedacht. Das kleine Highlight war das Video zu Like Dylan in the movies. Das hatte Stuart am Nachmittag beim Radfahren an den Kanälen entlang mit dem Handy gedreht. Oder doch das doppelte Flötenspiel bei Judy and the dream of horses? Ich glaube am meisten mochte ich einen kurzen Dialog zwischen Stuart Murdoch und einer Frau im Publikum. "Als ich vorhin durch Utrecht gegangen bin, sprach mich eine Frau..." - "Das war ich!" War sie nicht, es war aber wunderschön!
Setlist Belle & Sebastian, TivoliVredenburg, Utrecht: 01: Act of the apostle 02: I'm a cuckoo 03: We were beautiful 04: Funny little frog 05: Wrapped up in books 06: Perfect couples 07: Sukie in the graveyard 08: Piazza, New York catcher 09: Little Lou, ugly Jack, prophet John 10: A century of fakers 11: I can see your future 12: Stay loose 13: Simple things 14: The boy with the arab strap 15: Legal man 16: Like Dylan in the movies
17: The party line (Z) 18: There's too much love (ganz kurz) (Z) 19: We are the sleepyheads (Z) 20: Judy and the dream of horese (Z)
Vier Mal durfte ich David Bowie live erleben. Ich bin wirklich kein großer Bowie Kenner, aber die allgemeine Liebe zu guter Musik zog einen immer wieder in seine Nähe. Oft ist es ja auch die besondere Atmosphäre des Live-Erlebnisses die einem den Künstler erst wirklich näher bringt. Und so fühle ich mich rückwirkend auch eher wie Forest Gump wenn ich auf die erlebten Abende zurückblicke. Denn sie waren aus verschiedenster Sicht alle besonders, und ich war, oft fast zufällig, dabei.
Die erste Begegnung verlief noch am unspektakulärsten und ist in meiner Erinnerung auch nur noch wenig präsent. Wir fuhren 1990 mit einer wilden Truppe aus Schul-und anderen Freunden relativ spontan nach Schüttorf. Das Internet war noch keine Hilfe und so war auch der Ablauf des Abends völlig unklar.
Auf der Eintrittskarte standen als Band die Pixies und David Bowie, das reichte mir.
Schon bei der Ankunft bot sich ein trauriges Bild. Der Veranstalter hatte wohl netterweise doppelt so viele Tickets verkauft als sinnvoll gewesen wäre, die Wiese drohte zu platzen. Unfreundliche Secs., schlechter Sound und viel zu kleine Brücken über einen kleinen Fluss mitten auf dem Gelände erhöhten den Spaß Faktor nicht. Egal, damals war sowas normal. Die Pixies spulten ihre Hits ab und als es endlich dunkel war, betrat Bowie die Bühne. Es folgte ein klassisches Best-Of Programm das mich fast aus den Schuhen riss. Kein Hänger auszumachen, und die Präsenz von Bowie war eine Augenweide. Mitten im Set ließ er sich zu Boden fallen und blieb mindestens 3-5 Minuten regungslos liegen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Als Zugabe spielte er "Gloria", eine Them (Van Morrison) Coverversion. WOW.
Doch das war nur der erste Eindruck, jetzt wurde es spezieller. Durch einen Frühstart (ab 07.30 Uhr anstehen in der Venloer Postfiliale) ergatterte ich 1997 Tickets für ein Club-Konzert in Utrecht. Die Vrenenburg ist eigentlich eine klassische Konzerthalle (Achteckig) mit kompletter Holzvertäfelung und fantastischer Akustik.
Vor nur 1.500 Fans spielte Bowie hier 27 Songs. Unter anderem fungierte er selber als Vorgruppe mit seinem damaligen "Dance"-Projekt "L`Dopa".
Bowie hatte in den minimalen Innenraum noch eine kleine Rampe einbauen lassen und so stand ich nur wenige Meter entfernt. Im "normalen" Set der "Earthlings-Tour" folgten dann noch u.a. "White Light/White Heat" und als Zugaben "Scary Monsters" und "Little Wonder" in brachialen Versionen. Besonders toll in Erinnerung blieben auch ein wunderschönes "Strangers when we meet" und "Under Pressure" von dem ich damals nicht geglaubt hätte es einmal live hören zu dürfen. Das dritte Mal sollte es noch verrückter werden. Ich erstand 2002 zunächst 2 Karten für ein geplantes Konzert in Dresden und wollte so eine Städtetour mit dem Konzert verbinden. Da aber wohl die Vertragsverhandlungen noch gar nicht abgeschlossen waren, wurde das Konzert abgesagt und für den gleichen Tag ein Club-Gig im Kölner E-Werk angesetzt. Bei diesem VVK-Start brach aber der Server dermaßen zusammen, das keine Aussicht auf einen Besuch bestand. Aus Ärger vor dieser doppelten Unprofessionalität beschloss ich eine Trick zu versuchen. Ich begab mich einfach mit meinen Karten für Dresden zum Eingang in Köln, und ließ beim ersten Öffnen der Türen unter allgemeinem Drängeln meine Karte entwerten. Glück gehabt. Doch damit nicht genug.
Bowie, hier zurechtgemacht wie ein perfekter Gentleman mit Taschenuhr und dunklem Blazer, war in unbändiger Spiellaune. War zu damaliger Zeit sonst am Wochenende im E-Werk definitiv um 22.00 Uhr Feierabend, weil die Kölner Jugend schon auf den Einlass für die folgende Disco wartete , änderte sich an diesem Abend alles. Bowie kam zurück in den Saal und rief: "Shut all the doors" und begann mit einer vollständigen Version des "Low"-Albums als Zugabe. Eine Seltenheit erster Güte. Er spielte Tenorsaxophon und ich kann nur sagen, das es auf der Welt wohl nur wenige Dinge gibt die cooler sind als David Bowie live am Saxophon zu erleben. Diesmal waren es 31 Stücke und als die Türen wieder geöffnet wurden sah man in breit grinsende Gesichter. Was für eine Nacht.
Der letzte Streich sollte ebenfalls aus purem Zufall besonders werden. Wir besuchten ein befreundetes Paar in der Nähe von Hamburg und ich entschloss mich wieder spontan, das eigentlich verhasste Hurricane-Festival für einen Tag zu besuchen. Hier hatte sich an schlechten Festivalerfahrungen seit Jahren nichts verändert. Ein staubiger Platz , vom Wind verwehter Sound, alles sehr unschön. Doch die Pixies, Mogwai und Bowie sollten dafür entschädigen.
Bowie spielte hier einen klassischen Festival-Set (incl. Pixies-Cover "Cactus") und niemand konnte ahnen, das dies das letzte vollständige Konzert seines Lebens werden sollte. Erst zum Ende hin fehlte etwas der Biss, irgendetwas schien nicht zu stimmen. Bowie fröstelte, ließ sich ein Jacke reichen und brachte das Set irgendwie nach Hause.
Noch in der gleichen Nacht erfolgte die Not-Operation am Herzen, danach entschloss sich Bowie nie mehr zu touren. Was bleibt ist eine Legende, die mit "Blackstar" ein wirklich fantastisches Album kurz vor seinem Tod veröffentlicht hat. Bowie singt so einzigartig wie immer, das Sax improvisiert dazu und die Texte sind hinreißend. Ein besseres Vermächtnis ist wirklich schwer vorstellbar. Danke, auch dafür, David.
Konzert: The Vaselines Ort: De Helling, Utrecht (Le Guess Who? Festival) Datum: 22.11.2014 Dauer: 55 min Zuschauer: 150 bis 200
Im Zeitalter der Romantik war Deutschland* eines der Zentren der europäischen Kultur, vermutlich sogar die Gegend mit dem besten Musikgeschmack. Denn nur da, wo ihr Wirken geschätzt wird, können Musiker erfolgreich arbeiten und andere Musiker inspirieren. Mehr Künstler fördern wieder den Geschmack, guter Geschmack lockt wiederum andere Musiker an. Umgekehrt funktioniert das leider auch. Wenn man hiesige (Mainstream-) Radios anhört, stellt man schnell fest, daß wir uns in Deutschland in einer kulturhistorischen Phase der Musikverweigerung befinden, vermutlich in der schlimmsten, die es bisher gab. Man muß nur über die Grenzen schauen, um gezeigt zu bekommen, wie es auch funktionieren kann. Ein Tagesausflug nach Utrecht zum Le Guess Who? Festival ließ uns erneut merken, wie ernst das nicht schrecklich große Nachbarland Kulturförderung nimmt. Als wir mittags schon einmal in der Festivalzentrale im Tivoli Vredenburg waren, staunten wir nicht schlecht. Das Konzertgebäude ist riesig hoch und verfügt über fünf Säle, zahllose Sitzecken, Cafés, Theken. Insgesamt können rund 8.000 Zuschauer dort Konzerte sehen. Über unzählige Roll- und normale Treppen gelangt man höher und höher durch eine atemberaubende Architektur. Das Gebäude hat 150 mio Euro gekostet und dient ausschließlich Kulturveranstaltungen. In einer Stadt mit 330.000 Einwohnern! Wundervolle Niederlande! Aber nicht nur in diesem eindrucksvollen Gebäude (neben dem Haus, auf dem eine monstergroße Teekanne steht, das aufregendste in Utrecht) fanden Konzerte beim Le Guess Who? statt. Unsere beiden letzten Veranstaltungen waren in dem kleinen Club The Helling, auf der anderen Seite der Stadt angesetzt. Den Abschluß (und Hauptgrund) unseres Ausflugs bildeten die Vaselines aus Glasgow, für die ich gerne in Kauf nahm, erst um vier wieder zu Hause anzukommen. Die Vaselines bestehen seit Mitte der 80er Jahre. Nach einem Album und ein paar EPs lösten sie sich allerdings schnell wieder auf. Erst seit 2006 spielten die beiden Gründer Fran McKee und Eugene Kelly wieder sporadisch Konzerte. 21 Jahre nach dem Debüt Dum Dum erschien 2010 mit Sex with an x das zweite Studioalbum. Die Vaselines spielten das von Belle & Sebastian gestaltete Bowlie 2 und einige (sehr) wenige Deutschland-Termine im Winter 2010 / 2011, die ersten Konzerte in Deutschland überhaupt. Vor einigen Wochen erschien das dritte Album des Duos, V for Vaselines, meine Lieblingsplatte des Jahres! Zwar führte die kleine Tour die Schotten auch nach Deutschland, allerdings nur mit einer Station in Berlin. Deutschland ist für Indiebands einfach nicht mehr relevant. Ausverkauft werden die Clubs in anderen Ländern viel eher. Wenn das erste deutsche Konzert gerade mal 70 Zuschauer anlockt, ist es kein Wunder, daß Bands einen großen Bogen um uns machen und nur des Prestiges wegen Berlin besuchen. Aber das haben wir selbst verbockt, weil wir nur den Mist hören, der im Radio läuft. Verfluchte Bouranisierung! Voll war das De Helling auch nicht. Nach Ought, die vorher spielten, gingen viele wieder aus dem kleinen, etwas abseits gelegenen Club weg. Die Vaselines begannen um 23:30, nachdem sie den Aufbau selbst vorgenommen hatten. Begleitet wurden Frances und Eugene diesmal nicht von Belle & Sebastian Mitgliedern. An Stelle von Bobbie oder Stevie spielten drei, recht jung aussehenden Musiker, die ich nicht kannte. Drei Gitarren, Bass, Schlagzeug sind eine wuchtvolle Untermalung der Melodien der Vaselines, zumal die neue Platten nur noch wenig von den rohen Songs der ersten Bandphase haben. Aber es passte ausgezeichnet! Das Konzert war vorzüglich! Die fünf Musiker wirkten eingespielt und routiniert, aber nur im guten Sinne. Erstaunlich, wei wenig man Eugene und Fran die im Verhältnis zur Bandgeschichte kleine Bühnenerfahrung anmerkt. Gerade die (wie wir hinterher feststellten erschreckend wenig gealterte) Sängerin ist eine ausgewachsene Rampensau. Sie teilte zwar deutlich weniger verbale Tiefschläge als bei meinen ersten beiden Vaselines-Konzerten aus, war aber auch in Utrecht extrem unterhaltsam. Vor der Bühnenmitte standen eine Handvoll sehr junger und sehr betrunkener Fans, die ihr abwechselnd Heiratsangebote und sonstige Liebesbekundungen machten. Frances ging darauf ein und flirtete mit. Als Eugene Sex with an x ankündigte und daraus ein kleiner Dialog der beiden entstand, sagte sie, sie habe andere Pläne. "I save myself for the young man!" Bei Son of a gun schmachteten zwei der Groupies sie tanzend an, was sie mehrfach lachend aus dem Konzept brachte. Normalerweise sind überalkoholisierte Radaubrüder sehr anstrengend, die hier machten Spaß. Die Mischung des Konzerts war wundervoll! Natürlich fehlten etliche Riesenhits, Aber eine Band, bei der fast jedes Lied genial ist, kann in 55 Minuten eben nicht mehr als 20 Knaller spielen. Montag bei Morrissey wäre es mir recht, wenn der Schwerpunkt nicht unbedingt auf dem aktuellen Album läge. Bei den Vaselines hätten es ruhig nach einige Lieder mehr davon sein dürfen. Von den neuen Stücken gefiel mir live das düstere Earth is speeding ganz besonders. Neben den vielen Evergreens auf der Platte, ist es mir beim normalen Hören weniger aufgefallen. Es war jedes Gähnen wert, bis tief in die Nacht einer unbekannten Glasgower 80er Band zuzugucken! Hoffentlich fasst mal einer der zahlreichen deutschen Festivalveranstalter Mut und bucht die Band! Sie zahlen es mit Billanz und einem guten Stück Musikgeschichte zurück!
Setlist The Vaselines, De Helling, Utrecht:
01: Oliver twisted 02: High tide, low tide 03: I hate the 80s 04: The day I was a horse 05: Monsterpussy 06: One lost year 07: Such a fool 08: Molly's lips 09: Sex with an x 10: Crazy lady 11: The devil's inside me 12: Earth is speeding 13: Jesus wants me for a sunbeam 14: Sex sux 15: Slushy 16: Ruined 17: Son of a gun 18: Dying for it
Konzert: Savages & Bo Ningen "Words to the blind" Ort: Tivoli Vredenburg, Utrecht (Le Guess Who? Festival) Datum: 22.11.2014 Dauer: 36 min Zuschauer: ca. 1.500
In Zürich entstand vor etwa hundert Jahren der Dadaismus. Eine seiner damals auftauchende Kunstformen war das Simultangedicht, die gleichzeitige Lesung verschiedener Texte. Bei der ersten Aufführung eines Simultangedichts im Cabaret Voltaire wurden drei Texte in verschiedenen Sprachen vorgetragen. Dies war eine Reaktion auf den gerade stattfindenden Weltkrieg oder eher ein Deutungsversuch für dessen Ursachen. Mehrere Texte werden durch das gleichzeitige Handeln vollkommen unverständlich, es entsteht Chaos!
Savages und Bo Ningen, die englische Frauenband mit französicher Sängerin und die japanische Männerband mit langen Haaren und quietschenden Gitarren, griffen die Idee des Simultangedichts auf und komponierten gemeinsam ein Musikstück Words to the blind, das von beiden Bands bei einem gleichzeitigen Konzert im Mai 2013 in London aufgeführt werden sollte. Words to the blind enthält ein zweites Dada-Kunststück, das Lautgedicht, ein Gedicht, dessen Worte als Text keinen Sinn ergeben. Die Idee der beiden Bands wurde umgesetzt und in der Londoner Red Gallery aufgeführt. Ursprünglich als einmalige Performance geplant, fand bisher (mindestens) eine Wiederholung in London statt. Beim Le Guess Who? Festival in Utrecht gab es die dritte Gelegenheit, Words to the blind zu sehen.
Als wir vorher schon kurz bei Baby Dee im Saal "Ronda" des Konzertzentrums waren, wunderten wir uns über den Bühnenaufbau mit zwei Stegen, die ins Publikum ragten. Solche Stege, die Bands wie Coldplay benutzen. Beim Aufbau für Words to the blind wurde deutlich, daß die Brücken einen anderen Zweck erfüllten. Die Bühne bildete ein U, auf dessen beiden langen Seiten sich je eine der Bands aufbaute. Die beiden Schlagzeuger (Fay Milton / Savages und Monchan Monna / Bo Ningen) saßen nebeneinander an der kurzen Seite hinter ihren Instrumenten. Auf den beiden langen Seiten standen zunächst die Gitarristen (Gemma Thompson auf der Savages-, Kohhei Matsuda auf der Bo Ningen-Seite), davor bei Savages Ayse Hassan (Bass) und rechts bei den Japanern Yuki Tsujii und ganz vorne Sängerin Jehnny Beth und Sänger Taigen Kawabe. Alle Musiker guckten nicht nach vorne sondern zur anderen Seite zu ihren Gegenparts. Im Inneren des Us war ein Teil des Publikums, das 270 Grad Unterhaltung geboten bekam.
Es sollte um 19:15 Uhr anfangen. Allerdings lief da gerade erst der Soundcheck, der bei zwei Bands spektakulär aussah. Beim Abstimmen jedes Instruments hoben erst immer alle acht Musiker den Arm und senkten ihn nach und nach, wenn aus den Monitor-Boxen der richtige Sound kam. Es dauerte ewig, die richtige Abstimmung zu finden, da aber alle acht Musiker auf ihren Laufstegen standen, umringt von Zuschauern, war auch dies unterhaltsam. Als Kohhei Matsuda um ein paar Gitarrentöne gebeten wurde, legte er eine sagenhaften Metal-Einlage hin, Ayse Hassan brach beeindruckt in Lachen aus! Irgendwann ging es dann vor vollem Haus los. Weil Bo Ningen Sänger Taigen Kawabe auch Gitarre spielt, Jehnny Beth aber nicht, hing dieses Extra-Instrument wie ein Windspiel hinter dem Steg auf der Savages-Seite des Bühne. Aber die ersten Minuten waren ausschließlich instrumentfrei. Jehnny las einen französischen Text, Taigen einen japanischen vor. Auch wenn ich theoretisch den französischen zumindest zum Teil hätte verstehen können, funktionierte das Konzept so, wie es sich Dadaisten 1916 ausgedacht haben, es klang nach Text, es war aber nichts konkret auszumachen.
Dann setzten die anderen Musiker ein, allerdings nur mit abgehackten Geräuschen, ganz ohne Melodien. Es waren nur sphärischen Klänge, die die Gedichte untermalten. Oder störten, was eher dem Konzept entspräche. Diese erste extrem sperrige Phase dauerte rund zehn Minuten, danach begannen zunächst die Schlagzeuge in eindrucksvoller Synchronität Struktur zu bringen. Obwohl der Versuch, ein dadaistisches Stück deuten zu wollen, vermutlich absurd ist, kam mir diese aufkommende Ordnung wie ein Ausweg aus der ursprünglichen Verständnislosigkeit vor. Gegen Ende klangen die Sänger fast wie Sänger.
Words to the blind besteht aus fünf Teilen. Ich tat mich ein wenig schwer damit, die Setlist mitzuschreiben (hatte meinen Kuli vergessen und musste einen Edding benutzen), bin aber sehr sicher, daß alle fünf auch in Utrecht gespielt wurden, wegen des Improvisations-Charakters aber vielleicht durchaus abgewandelt zur Uraufführung in London. Es war etwas Besonderes, Words to the blind sehen zu dürfen. Aber mir wird es nicht nur im Gedächtnis bleiben, weil es wenige Chancen gibt, dies zu sehen, sondern weil das Stück eindrucksvoll und spätestens nach zehn Minuten sehr gut war. Setlist Savages & Bo Ningen, Words to the blind, Utrecht: 01: The voice is humanity, the voice is demons 02: The noise is the world 03: The voice versus the world 04: Silence / harmony 05: Chaos and destruction
Links:
- aus unserem Archiv: - Savages, Köln, 20.11.13 - Savages, Den Haag, 16.11.13 - Savages, Larmer Tree Gardens, 30.08.13 - Savages, Frankfurt, 19.05.13 - Savages, Paris, 23.02.13
Konzert: Blue Highways Festival Ort: Vredenburg Leidsche Rijn, Utrecht Datum: 23.04.2011 Zuschauer: etwa 1000 Konzertdauer: jeweils 45-60 Minuten
Mea culpa. Der gute Uwe aus Aachen hatte mir folgenden Festivalbericht bereits vor 6 Tagen zugesendet. Die verspätete Veröffentlichung geht also auf meine Kappe. Sorry!
Gastbeitrag von Uwe (vielen Dank!)
Schon wieder (na ja, nach fast 2 Jahren) ein Festival. Trotz unbestreitbar vorhandenen Vorbehalten. Trotz 2 Stunden Fahrzeit. Trotz schönen Wetters. Aber es hat sich gelohnt, es gab gute Musik und eine Überraschung.
Ich musste schon ziemlich früh ins Auto steigen, weil einer der Gründe um hinzufahren leider schon um 16 Uhr auf die Bühne musste. Jenee Halstead hatte für diesen Auftritt Verstärkung vom niederländischen Gitarristen BJ Baartmans und seinem Bassisten Gerco Aerts. Und besonders BJ verpasste dem Set eine gehörige Portion Lautstärke und steuerte viele tolle Soli auf der E-Gitarre bei. Dazu das verstärkte Fundament im Bassbereich und ich erkannte viele Stücke kaum wieder, da ich Jenee bisher immer nur solo gesehen hatte. Aber sie kann auch rocken, schönes Konzert und die erste positive Überraschung direkt zu Beginn. Der "kleine Saal" (ein Zelt neben dem Hauptgebäude) war auch recht gut gefüllt, auch noch nach Beginn des ersten Konzerts im großen Saal. Jenee musste ein Foto machen ("Das glaubt mir sonst keiner zu Hause").
Danach folgte direkt Justin Rutledg. Mit Akustikgitarre und Begleitung durch einen Pedal Steeler (Burke M. Carroll) sehr ruhig. Aber durchaus schön, ich hatte vorher nichts von ihm gehört und werde mich sicher noch weiter mit seiner Musik beschäftigen. Nach ca. einer halben Stunde habe ich mich in den großen Saal aufgemacht, weil ich einen guten Platz für den zweiten Grund des Herkommens ergattern wollte. Das wäre aber unnötig gewesen, das Konzert von Boris McCutcheon war gerade zu Ende und ich konnte ohne Probleme einen Platz recht weit vorne in der "Akustik-Sicht- Gleichgewichtszone" bekommen. Der Zuschauerzuspruch insgesamt war sicher hinter den Erwartungen der Veranstalter, der große Saal (1500 Sitzplätze) war bei keiner Show proppevoll, sondern eher moderat zu etwa 2/3 bis 3/4 gefüllt.
Da ich früh da war, konnte ich den Soundcheck begutachten (nicht wirklich spannend), dann verließen die Musiker die Bühne, wurden sofort danach angekündigt und kamen wieder zurück (albern). Und dann begann das Konzert von Frazey Ford, extra für diesen Auftritt aus Kanada hergeholt. In der Band an E-Gitarre und Banjo auch Trish Klein, also 2/3 der Be Good Tanyas. Darauf hatte ich mich sehr gefreut, aber irgendwie sprang kein Funke über, der Auftritt war seltsam steril. Die Musik zwar sehr schön, soulig/jazzig vom Grundgefühl her, auch ein paar recht alte Songs als Cover eingestreut (zum Schluss sogar eine a capella Gospelnummer), aber man hätte auch eine CD abspielen können. Vielleicht war es der Band auch ungemütlich auf der Riesenbühne (verziert durch das potthässliche Blue Highways Logo in ca. 10x5m Größe) und ohne den unmittelbaren Publikumskontakt. Schöne Musik aber laues Konzert, schade.
Vor der Zugabe begab ich mich schon mal Richtung Ausgang, weil ich auch wieder rechtzeitig im Zelt sein wollte - ebenfalls unnötig. In der Hinsicht verlief das Festival sehr entspannt und ohne die Hindernisse die mich beim Boot Boo Hook in Hannover genervt hatten.
Wen wollte ich sehen? Brian Webb aus den USA, mir völlig unbekannt aber von mehreren Seiten während des Tages empfohlen. Auch hier war ich füh genug zum Soundcheck, aber das raus/rein-Ritual sparte man sich glücklicherweise. Der Auftritt hat mich dann völlig überrascht. Tolle Stimme, tolle Songs, eigentlich auch - zumindestens teilweise - etwas zu ruhig für ein Festival aber genau das Richtige für meinen Geschmack. Begleitet wurde Brian von Rose Polenzani an Harmonium, Ukulele, Gitarre und Gesang. Er selbst spielte Gitarre (akustisch und Slide auf einem Zigarrenkisteninstrument) und Banjo. Der Großteil des Programms waren Stücke aus seinem neuen Album (das ich natürlich kaufen musste), dazu ein paar schöne Cover - besonders toll Lucinda von Tom Waits mit schöner Geschichte: er hat es für ein Tom Waits Tributkonzert gelernt und war natürlich der einzige, der so blöd war ein Stück mit 10 Strophen auszusuchen. Jetzt spielt er es so oft wie möglich live, damit sich die Mühe gelohnt hat. Tolles Konzert, die Überraschung des Tages.
Danach war ich dann ziemlich durch, habe die "gemütliche Atmosphäre" des Zweckbaus im Foyer genutzt - essen, trinken, unterhalten. Früher soll es schöner gewesen sein, als das Festival noch in der Stadt in der Vredenburg stattfand. Die ist aber plattgemacht worden und wird neu gebaut, daher der Ausweichsaal außerhalb direkt an der Autobahn. Verkehrstechnisch sehr gut, aber sonst eher katastrophal. Ich habe mir dann noch ein paar Stücke von Jimmy LaFave im großen Saal angehört - nichts für mich. Und dann noch mal ins Zelt zu Israel Nash Gripka. Da dann der Rockhammer pur, 3 E-Gitarren in einer Band müssen wohl nicht sein. War mir nach den schönen Eindrücken der ersten Festivalhälfte zu viel und zu laut, ich habe mich dann nach Hause aufgemacht.
Mein Zuhause. Mein Blog. ist als kleines privates Konzert- Tagebuch entstanden. Und weil es zur Zeit musikalisch so spannend ist, wächst unsere Sammlung schnell. Wir schreiben die Berichte spontan, unüberarbeitet und so zeitnah wie möglich. Die Reviews stehen meist noch in der gleichen Nacht online, spätestens jedoch am nächsten Tag. Musik ist für uns vor allem Spaß und keine Wissenschaft.
Wir sind: Oliver Peel aus Paris Christoph aus nicht weit von Köln Julius aus Wien Gudrun aus Karlsruhe Tanita aus Mainz Jens aus Stuttgart Ursula aus Frankfurt Michael aus Chemnitz Dirk aus Mönchengladbach Vielen Dank unseren Gastautoren!
Willst Du mitmachen? Oder hast Du Anregungen? Über Kommentare (auch kritische) freuen wir uns sehr.