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um
17:21
Konzert: Savages
Ort: Luxor, Köln
Datum: 03.03.2016
Dauer: Savages 80 min, Bo Ningen gut 30 min
Zuschauer: 500 (ausverkauft)
Mein erstes Savages-Konzert 2013 in Frankfurt hatte mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich war nicht sicher, ob mir die Musik der englischen Band mit der französischen Sängerin nicht zu hart sein würde. Ich ging aber trotzdem hin, denn - wie die Titanic mal festgestellt hat - nur wer ein Abo hat, kann auch damit drohen, es zu kündigen.
Es gab hinterher keinen Grund zum Lästern. Auch nach keinem meiner folgenden Savages-Konzerte. Live ist die Band ein Ereignis und soviel besser als fast alle anderen!

Mein letzter Livekontakt zu den Londonerinnen war eines der spektakulärsten Konzerte der vergangenen Jahre. Gemeinsam mit der japanischen Indiemetal-Band Bo Ningen führten Savages ein dadaistisches Musikstück (Words to the blind) auf. Dabei standen Savages auf einem Steg links im Saal, Bo Ningen rechts, Musiker hinter Musiker. Das Stück begann mit parallel vorgetragenen Texten der beiden Sänger in ihren Landessprachen, durch die Gleichzeitigkeit vollkommen unverständlich, und führte über schrecklich wenig harmonische Phasen, in denen die beiden Bands eher gegen- als miteinander spielten zu einem etwas homogeneren Ende. Der Nachmittag in Utrecht war ein einmaliges Erlebnis. Da Words to the blind für mich auf Platte unhörbar ist, war ich trotz des Erlebnisses froh, Savages wieder einzeln zu sehen. Wobei Bo Ningen auch wieder dabei waren, diesmal aber als Support.
Das Luxor war erstaunlicherweise erst ein, zwei Tage vor dem Konzert ausverkauft. Wie großartig Savages sind, hätte man doch nachlesen können! Außerdem schwärmte wirklich jeder vom Haldern-Auftritt der vier Londonerinnen.

Bevor Bo Ningen auf die Bühne kamen, hatte ich meinen Konzertfreunden großkotzig erklärt, daß mir der Heavysound der japanischen Band eigentlich viel zu hart sei und ich froh über meine Ohrstöpsel sei. Ich merkte die mitleidigen Blicke, als Bo Ningen um acht mit einer ganz ruhigen, ziemlich leisen Nummer begannen, die von Metal so weit entfernt war wie Hannover 96 von der Champions League. So wird das nie was mit der Einladung in die Chartshow.
Glücklicherweise drehte die in London lebende Band danach richtig auf. Die Haare der vier Musiker flogen, ab und zu gab es einen Ausdruckstanz des Sängers, während der ganz in rot gekleidete Gitarrist sein Instrument wie Windmühlenflügel kreisen ließ. Da war es mir endlich zu hart und metalig. Aber die halbe Stunde mit Bo Ningen war erstaunlicherweise trotzdem hoch unterhaltsam und für Leute mit mehr Rockhintergrund sicher musikalisch vorzüglich!

Die 80 Minuten Savages im Anschluß als kurzweilig zu bezeichnen, würde der Sache nicht gerecht werden. Ich hätte alleine Bassistin Ayse drei Stunden lang zugucken können. Und ich kann mir nicht vorstellen, schon jemand Cooleres am Bass gesehen zu haben. Auch die anderen beiden, die auf den ersten Blick im Schatten von Sängerin Jehnny Beth stehen, Gitarristin Gemma Thompson und Schlagzeugerin Fay Milton, sind irre tolle Musiker. Fays Schlagzeugspiel gar nicht spektakulär aus, weil sie sich nicht wie eines dieser Drummer-Tiere bewegt. Sie spielt aber so energisch und präzise, daß es eine große Freude ist, ihr zuzusehen. Savages sind einer dieser Bands, denen es sehr weh tun würde, einzelne Mitglieder ersetzen zu müssen, zu gut sind die überall besetzt. Aber das fällt eben nicht unbedingt auf, weil die Frontfrau so schillernd ist.

Jehnny machte Ausflüge ins Publikum, ließ sich durch den Saal tragen, zog früh ihre Jacke auf, unter der sie sehr luftig gekleidet war. Getragen wurden diese Freiheiten von den perfekten Begleiterinnen. Es gab einen Fotograben im Luxor, den gibt es nicht oft. Aber Fotografen hatten keinen Zugang, er war einzig für Jehnnys Ausflüge gedacht.
Musikalisch war der Auftritt weniger das Abspielen von 15, 20 Liedern als ein einiges langes Stück. Es gab zwar meist Pausen zwischen den Songs, einmal auch länger, als Jehnny eine Weile im Backstagebereich verschwand, und es gab auch ruhigere Lieder (Slowing down the world - "a slow sexy one"), trotzdem wirkte es wie ein langes Stück. Sad person am Anfang und 80 min später Fuckers.
Savages spielten das ganze neue Album Adore life und dazu ein paar Knüller von der ersten Platte und wie immer zum Abschluß Fuckers. "Don't let the fuckers get you down." Das und Adore davor ließen auch keinen Platz für Zugaben. Warum auch? Es war alles gesagt. Viele bessere Konzerte werde ich dieses Jahr nicht mehr sehen.
Setlist Savages, Luxor, Köln:
01: Sad person
02: City's full
03: Slowing down the world
04: Shut up
05: She will
06: Husbands
07: Surrender
08: Evil
09: When in love
10: I need something new
11: The answer
12: Hit me
13: No face
14: T.I.W.Y.G.
15: Mechanics
16: Adore
17: Fuckers
Links:
- aus unserem Archiv:
- Savages, Haldern, 14.08.15
- Savages (& Bo Ningen), Utrecht, 22.11.14
- Savages, Köln, 20.11.13
- Savages, Den Haag, 16.11.13
- Savages, Larmer Tree Gardens, 30.08.13
- Savages, Frankfurt, 19.05.13
- Savages, Paris, 23.02.13
um
22:10
Konzert: Savages & Bo Ningen "Words to the blind"
Ort: Tivoli Vredenburg, Utrecht (Le Guess Who? Festival)
Datum: 22.11.2014
Dauer: 36 min
Zuschauer: ca. 1.500
In Zürich entstand vor etwa hundert Jahren der Dadaismus. Eine seiner damals auftauchende Kunstformen war das Simultangedicht, die gleichzeitige Lesung verschiedener Texte. Bei der ersten Aufführung eines Simultangedichts im Cabaret Voltaire wurden drei Texte in verschiedenen Sprachen vorgetragen. Dies war eine Reaktion auf den gerade stattfindenden Weltkrieg oder eher ein Deutungsversuch für dessen Ursachen. Mehrere Texte werden durch das gleichzeitige Handeln vollkommen unverständlich, es entsteht Chaos!
Savages und Bo Ningen, die englische Frauenband mit französicher Sängerin und die japanische Männerband mit langen Haaren und quietschenden Gitarren, griffen die Idee des Simultangedichts auf und komponierten gemeinsam ein Musikstück Words to the blind, das von beiden Bands bei einem gleichzeitigen Konzert im Mai 2013 in London aufgeführt werden sollte. Words to the blind enthält ein zweites Dada-Kunststück, das Lautgedicht, ein Gedicht, dessen Worte als Text keinen Sinn ergeben.
Die Idee der beiden Bands wurde umgesetzt und in der Londoner Red Gallery aufgeführt. Ursprünglich als einmalige Performance geplant, fand bisher (mindestens) eine Wiederholung in London statt. Beim Le Guess Who? Festival in Utrecht gab es die dritte Gelegenheit, Words to the blind zu sehen.

Als wir vorher schon kurz bei Baby Dee im Saal "Ronda" des Konzertzentrums waren, wunderten wir uns über den Bühnenaufbau mit zwei Stegen, die ins Publikum ragten. Solche Stege, die Bands wie Coldplay benutzen. Beim Aufbau für Words to the blind wurde deutlich, daß die Brücken einen anderen Zweck erfüllten. Die Bühne bildete ein U, auf dessen beiden langen Seiten sich je eine der Bands aufbaute. Die beiden Schlagzeuger (Fay Milton / Savages und Monchan Monna / Bo Ningen) saßen nebeneinander an der kurzen Seite hinter ihren Instrumenten. Auf den beiden langen Seiten standen zunächst die Gitarristen (Gemma Thompson auf der Savages-, Kohhei Matsuda auf der Bo Ningen-Seite), davor bei Savages Ayse Hassan (Bass) und rechts bei den Japanern Yuki Tsujii und ganz vorne Sängerin Jehnny Beth und Sänger Taigen Kawabe. Alle Musiker guckten nicht nach vorne sondern zur anderen Seite zu ihren Gegenparts. Im Inneren des Us war ein Teil des Publikums, das 270 Grad Unterhaltung geboten bekam.

Es sollte um 19:15 Uhr anfangen. Allerdings lief da gerade erst der Soundcheck, der bei zwei Bands spektakulär aussah. Beim Abstimmen jedes Instruments hoben erst immer alle acht Musiker den Arm und senkten ihn nach und nach, wenn aus den Monitor-Boxen der richtige Sound kam. Es dauerte ewig, die richtige Abstimmung zu finden, da aber alle acht Musiker auf ihren Laufstegen standen, umringt von Zuschauern, war auch dies unterhaltsam. Als Kohhei Matsuda um ein paar Gitarrentöne gebeten wurde, legte er eine sagenhaften Metal-Einlage hin, Ayse Hassan brach beeindruckt in Lachen aus!
Irgendwann ging es dann vor vollem Haus los. Weil Bo Ningen Sänger Taigen Kawabe auch Gitarre spielt, Jehnny Beth aber nicht, hing dieses Extra-Instrument wie ein Windspiel hinter dem Steg auf der Savages-Seite des Bühne. Aber die ersten Minuten waren ausschließlich instrumentfrei. Jehnny las einen französischen Text, Taigen einen japanischen vor. Auch wenn ich theoretisch den französischen zumindest zum Teil hätte verstehen können, funktionierte das Konzept so, wie es sich Dadaisten 1916 ausgedacht haben, es klang nach Text, es war aber nichts konkret auszumachen.
Dann setzten die anderen Musiker ein, allerdings nur mit abgehackten Geräuschen, ganz ohne Melodien. Es waren nur sphärischen Klänge, die die Gedichte untermalten. Oder störten, was eher dem Konzept entspräche. Diese erste extrem sperrige Phase dauerte rund zehn Minuten, danach begannen zunächst die Schlagzeuge in eindrucksvoller Synchronität Struktur zu bringen. Obwohl der Versuch, ein dadaistisches Stück deuten zu wollen, vermutlich absurd ist, kam mir diese aufkommende Ordnung wie ein Ausweg aus der ursprünglichen Verständnislosigkeit vor. Gegen Ende klangen die Sänger fast wie Sänger.
Words to the blind besteht aus fünf Teilen. Ich tat mich ein wenig schwer damit, die Setlist mitzuschreiben (hatte meinen Kuli vergessen und musste einen Edding benutzen), bin aber sehr sicher, daß alle fünf auch in Utrecht gespielt wurden, wegen des Improvisations-Charakters aber vielleicht durchaus abgewandelt zur Uraufführung in London.
Es war etwas Besonderes, Words to the blind sehen zu dürfen. Aber mir wird es nicht nur im Gedächtnis bleiben, weil es wenige Chancen gibt, dies zu sehen, sondern weil das Stück eindrucksvoll und spätestens nach zehn Minuten sehr gut war.
Setlist Savages & Bo Ningen, Words to the blind, Utrecht:
01: The voice is humanity, the voice is demons
02: The noise is the world
03: The voice versus the world
04: Silence / harmony
05: Chaos and destruction
Links:
- aus unserem Archiv:
- Savages, Köln, 20.11.13
- Savages, Den Haag, 16.11.13
- Savages, Larmer Tree Gardens, 30.08.13
- Savages, Frankfurt, 19.05.13
- Savages, Paris, 23.02.13