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Samstag, 18. Februar 2012

Nils Frahm, Paris, 17.02.12

5 Kommentare

Konzert: Nils Frahm

Ort: Le Café de la Danse, Paris
Datum: 17.02.2012
Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung, etwa 350
Konzertdauer: Nils Frahm: 90 Minuten


Meine neue Hausärztin meint, ich sei viel zu fett. Um ihre These zu belegen, hat sie mich in ihrer verfluchten Praxis auf eine neumodische Wage genötigt und jubilierend festgestellt, daß Zahlen nicht lügen können. Ich hätte dem ehrgeizigen Klappergestell von Ärztin gerne gesagt, daß wir Deutsche halt fast alle gut beieinander sind, war aber zu demoralisiert und zu überrascht, um mich angemessen zu verteidigen. Blöde Pissnelke! Ich war so eingeschüchtert, daß ich den ganzen Tag über kaum etwas aß und mit höchstens halbvollem Magen um 20 Uhr 20 im Café de la Danse erschien.

Zu meiner Enttäuschung erfuhr ich, daß die Belgier Sleeping Dog schon fertig hatten, weil sie bereits um 19 uhr 45 aufs Publikum gehetzt worden waren. Dabei hätte ich die so gerne gesehen! Den Amerikaner L.D. Brown aka Grey Reverend wiederum hätte ich mir gerne erspart. Der sehr sympatische und witzige Bursche (ein unbekannter Bruder von Tennis-As Gael Monfils?) langweilte mit seinem trockenen Singer/Songwriter-Folk ungemein und spielte überdies noch endlos lange. Mein Magen hatte sich inzwischen gänzlich geleert und eigentlich hatte ich jetzt eher Lust, einen großen Teller Nudeln zu verputzen, als Pianoklängen zu lauschen, wie schön sie auch sein mochten.

Aber da musste ich jetzt durch. Nils Frahm unterdessen nutzte die Umbaupause, um im Dunklen im hinteren Teil der Bühne auf dem Boden liegend zu dösen. Das Leben auf Tour ist anstrengend und wie er später erklärte, war er zudem durch einen großen Konsum von Schmerzmitteln benebelt. Er war am Vortag beim Zahnarzt (man sollte halt nie zum Arzt gehen, vor allem nicht in Frankreich!) gewesen und davon noch ganz durch den Wind. Dann wunderte er sich über den starken Zuschaueranstrom ("normally I play in Paris in front of 30-40 people"), mutmaßte, daß dies an der Session mit der Blogothèque gelegen haben möge und widmete konsequenterweise der Videomaffia (ein Scherz, ich mag die verfluchten Blogothekler) den ersten Song.

Von nun an war schwelgen, schwärmen, träumen, langweilen von und mit Nils Frahm angesagt. Fast 90 Minuten lang beschoss uns der knapp 30 jährige Deutsche mit seinen gefühlvollen Pianoballaden, kämpfte, schwitzte, wütete hinter seinem Flügel, bevor er aufstand und sich an dem seitlich aufgebauten Fender Rhoses und einem schwarzen Kasten mit Knöpfchen zu schaffen machte. Von dort an wurde es wesentlich experimenteller, nachdem der erste Teil klassische Klaviermusik war, wie man sie fast in der Berliner Philharmonie hören könnte. Kein Mensch im Publikum muckte und wenn nach einer gefühlten Ewigkeit mal ein Lied endgültig verklungen war, brandete wilder Beifall auf. Vielleicht wollten sich die Leute durch ihr Geklatsche wachhalten, möglicherweise waren sie aber wirklich so begeistert. Damals in meiner Studentenzeit in Berlin war das bei Konzerten von Claudio Abbado ähnlich. Immer wieder sah ich Leute tief schlafen, mitunter laut schnarchend (ohne Scheiß!), bevor sie plötzlich aus heiterem Himmel aufwachten und klaschten wie die Gestörten.


Ich persönlich war heute von der atemberaubenden Schönheit des Vortrages von Nils benebelt, führte meine Benebeltheit aber auch auf meinen saumäßigen Hunger zurück. Was hätte ich jetzt dafür gegeben, in ein kleines nettes Restaurant zu gehen und genüßlich zu speisen! Außerdem tat mir mein Arsch vom Sitzen auf der verfluchten Treppenstufe weh und meine Füße waren zudem eingeschlafen. Ich musste aufstehen, mich lockern, ein paar Gymnastikübungen machen. Wie lange dauert es noch? Erinnerungen an Autofahrten als Kleinkind mit den Eltern wurden wach." Mama, wie lange dauert es noch? Mama, sind wir denn gleich da?"


Aber ich hielt durch, obwohl ich mir nichts sehnlicher gewünscht hätte, als auf meinem Bett zu Hause zu liegen und eine CD von Nils Frahm zu hören, welche auch immer, sie sind alle wundervoll. Am Ende kam noch Martin Dingenskirchen* als zweiter Pianist hinzu und nun klimperten die beiden Deutschen Rücken an Rücken, Seite an Seite. Heftiger Beifall war der Lohn ihrer Mühen. Dann war Schluß. Vorerst. Frahm wurde nämlich noch zu einer Zugabe zurückgeklatscht und diese fiel mit Ambre wirklich entzückend aus. Welch unverschämt betörende kleine Pianomelodie, wirklich traumhaft!


Die CDs verkauften sich am Merch schließlich wie die warmen Semmeln. Nils unterhielt sich mit jedem Fan nett, signierte, malte kleine Kätzchen auf CDs und erklärte auf meine Nachfrage hin, daß er keine Setlist gehabt habe. Vieles sei improvisiert gewesen, allerdings gab es jeweils ein Lied von The Bells (Said And Done), eines von Wintermusik (eben Ambre), 2 oder 3 von Felt (darunter Snippet, More und Unter).

Ein großes Talent (ein Genie?, das vermag ich nicht zu beurteilen!) der Nils und angenehm bescheiden und zugänglich geblieben. Beim nächsten Mal komme ich aber mit vollem Bauch zu seinem Konzert. Auf mein Gewicht, das ich dann auf die verfluchte Waage bringe, sei hiermit geschissen!

Aus unserem Archiv:

Nils Frahm, Haldern, 14.08.10
Nils Frahm, Frankfurt, 06.08.10

* Martin Heyne



Dienstag, 28. Juni 2011

Hauschka, Paris, 26.06.11

3 Kommentare

Konzert: Hauschka

Ort: La Gaité Lyrique, Paris

Datum: 26.06.2011
Zuschauer: geschätzte 100

Konzertdauer: etwa 70-75 Minuten



Deutsche Musiker trifft man relativ selten auf Pariser Bühnen, aber wenn sie nicht gerade Tokio Hotel, Rammstein, Wir Sind Helden oder Beatsteaks heißen, sind sie meistens richtig gut und entdeckenswert. So haben in der Seine Metropole in den letzten Jahren bereits feine Acts wie Mohna, Haruko, Get Well Soon, The Notwist, Norman Palm, Garda, Mascha Qrella (Foto), Nils Frahm, Boo Hoo, Contriva, Bodi Bill, Saroos, Sorry Gilberto, Noel, Pubkulies & Rebecca, Bettina Koester (von Malaria), Jack November, die Einstürzenden Neubeuten, die Goldenen Zitronen, Mediengruppe Telekommander, Robocop Kraus, Polarkreis 18 (sind die noch gut?), die Sterne, Fotos und noch ein paar anderes gespielt und Entertainment For The Braindead und Karo habe ich mir (genau wie Mohna) gleich zu einer Session ins Wohnzimmer bestellt.

Der Düsseldorfer Pianist Volker Bertelmann aka Hauschka dürfte wegen seiner eigenwilligen Bearbeitung seines Pianos für eine Oliver Peel Session allerdings kaum in Frage kommen, obwohl ich ihn wahnsinnig gerne einladen würde.*

Glücklicherweise bot die Pariser Gaité Lyrique die perfekten Räumlichkeiten, um ein Klavierkonzert mit Hauschka zu veranstalten und so konnte sich der Rheinländer endlich in die Liste der in Paris aufgetretenen deutschen Künstler einreihen.

Gleich schon zu Beginn hatte der wahnsinnig nette und höfliche Turnschuhträger in akzentfreiem englisch* erklärt, daß er als Düsseldorfer ja eigentlich nur vier Stunden von Paris entfernt wohne und es insofern seltsam sei, daß er hier noch nie gespielt habe, führte dies aber auf die fehlenden Räumlichkeiten für seine Musik in Paris zurück. Mit der Gaité Lyrique gäbe es aber nun eine Location, die gleichzeitig klassische Konzerte ermögliche, aber nicht so groß wie beispielsweise der Salle Pleyel sei. Schön für ihn und natürlich auch für uns, die neugierigen Zuschauer, die wir auf senfgelben Kinosesseln gespannt auf den Anfang des Konzertes von Hauschka warteten.

Ein gemischtes Publikum im Übrigen, bestehend aus Herren mit Halbglatze (wir sagten in der Schule immer: der Typ hat ein Knie auf dem Kopf), jungen hübschen Französinnen, alternativen Damen mit Birkenstocksandalen, Japanern (die lieben Klavierkonzerte!) und auch deutschen Fans, die wohl von ihren alten Freunden in der Heimat darüber unterrichtet worden waren, daß da ein sehr talentierter Düsseldorfer in Paris spiele.



Der schlanke Mitdreißiger legte gegen 15 Uhr 30 los, es handelte sich um eine spezielle Nachmittagsveranstaltung. Ganz am Anfang klang das Ganze noch relativ konventionell, aber schon sehr bald belustigte und verblüffte Hauschka die Zuschauer mit seinen diversen Gimmicks. Verschlüsse, Kronkorken, Klebebänder, ja sogar Tischtennisbälle platzierte der kreative Musiker im Innenraum seines geöffneten Flügels, um so seinen Anschlag zu verändern und auch diverse Geräusche zu erzeugen. Etwas Vergleichbares hatte ich zuvor noch nicht gesehen und so staunte ich Bauklötze, was man alles mit diesen kleinen Gegenständen machen konnte und wie sehr der Sound des Klaviers dadurch verändert wurde. Dennoch ging der Wohklang keineswegs verloren, sondern der Klangteppich wurde durch die innovative Bearbeitung (Umfrisierung?) des Tasteninstruments vielmehr bereichert.

Erstaunlich, daß wir es bei Volker Bertelmann mit einem ehemaligen Hip Hoper (!) zu tun hatten, der mit seiner Band sogar einen Major Label Vertag bei Sony vorweisen konnte. Aber diese Welt (vor allem die Arbeit mit einem großen Mainstream Label) sagte ihm nicht recht zu, wie er schmunzelnd erklärte. Er suche inzwischen viel eher nach kurioser ungewöhnlicher und neuartiger Musik und die findet er oft im Café eines Düsseldorfers Freundes, der in der dortigen Kunsthalle den schön benannten "Salon des Amateurs" betreibt. Ein Salon, der offen ist für viele neue Projekte und Musikstile und sich nach holprigem Start (was laut Volker an dem schummrigen Licht lag) zu einem wunderbaren Tip für neugierige und aufgeschlossene Musikfans entwickelt hat. Deshalb hat Hauschka auch gleich sein letztes (das insgesamt siebte seit 2004) hochgelobtes Album nach diesem Ort benannt. Ein Album, das übrigens auf Fatcat Records, einem hervorragenden Label, veröffentlicht wurde, daß dereinst sogar Sigur Ros beheimatete und auch heute noch viele exquiste Bands unter Vertrag hat.

Hauschka machte dem Label alle Ehre, sein Auftritt in Paris war so betörend schön und unterhaltsam, daß das Publikum unbedingt noch eine Zugabe hören wollte, die der Pianist nicht verweigern konnte, weil er keine Kabine hatte, in die er sich hätte zurückziehen können. Stattdessen hörte er einen Moment dem Applaus zu und setzte sich auf eine rückwärtige rote Bank, die ihn glatt an eine Therapiesitzung bei einem Psychiater erinnerte.

Fazit: Solange sie so hervorragend sind wie Hauschka, sind deutsche Künstler in Paris hochwillkommen! Wie wäre es demnächst mal wieder mit Nils Frahm? Der ist ebenfalls Pianist, verfolgt aber einen anderen Ansatz als Hauschka.



Link:

Gewohnt informativ und fachkundig, das Klienicum zu einem Konzert von Hauschka beim Frameworks Festival 2011, klick!

* schlecht formuliert. Das Problem ist nicht die Bearbeitung des Pianos, sondern die Tatsache, daß er einen richtigen Flügel braucht. Und den haben wir nicht bei uns. Mit einem elektrischen Klavier kann er nicht spielen, zumindest nicht so, wie es seinem experimentellen Stil entspricht.

* französisch hatte er 7 Jahre lang in der Schule, aber seine Erinnerungen daran waren nicht mehr ganz so frisch.



Donnerstag, 17. Juni 2010

Faustine Seilman, Paris, 16.06.10

1 Kommentare

Konzert:Faustine Seilman

Ort: L'International, Paris
Datum: 16.06.10
Zuschauer: ungefähr 150
Konzertdauer: etwa 45 Minuten


Faustine Seilman ist mit neuem Album Whispers And Shouts endlich zurück auf einer Pariser Konzertbühne! Die junge Pianistin aus Nantes hat sich seit ihrem letzten Auftritt vom März 2009 (Pop In) nicht mehr in der Seine-Metropole blicken lassen.* Damals hatte sie mich mit ihrem gefühlvollen Pianospiel und ihren melancholischen Liedern zu Tränen gerührt. Für das heutige Konzert hatte ich mir fest vorgenommen, nicht die Heulsuse (bin ja nicht Andy Möller oder !?) zu spielen und tapfer zu bleiben. Boy's Don't Cry heißt es ja schon bei The Cure. Aber schon nach dem vierten Lied des traumhaft schönen Sets kullerten wieder heiße Tränen meine Wangen runter. Zu massiv war der Druck, der auf die Drüsen ausgeübt wurde. Die unfassbar hübsche Faustine spielte erneut so herzerweichend, legte eine dermaßene Intensintät in ihren Gesang, war so erbarmunglsos hypnotisch und faszinierend, daß ich nicht anders konnte, als meinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Der Vortrag der Chanteuse und ihrer Band traf mich mit voller Wucht. Wie im Drogenwahn stieg ich leise schluchzend immer höher und höher und schwebte irgendwann frei wie ein Vogel über den Wolken. Gleich von drei Seiten wurde ich emotional bombadiert. Zu einem war da das in moll gehaltene Klavierspiel von Faustine, das mich ungemein bewegte. Schon als Jugendlicher war ich hin und weg ,wenn mir meine Klavierlehrerin nach der Übungstunde etwas vorspielte. Ich saß dann in ihrem bequemen Ohrensessel und alle Sorgen waren plötzlich wie weggeblasen. Manchmal klimperte sie eine viertel Stunde, aber wenn ich um Nachschlag bat, kam ich auch oft in den Genuß einer halbstündigen Berieselung. Ich fühlte mich dann immer wie in Watte gepackt und ging mit wunderschönen Gefühlen nach Hause. Genau jene Gefühle weckte Faustine heute wieder in mir und ich hätte sie dafür umarmen können. Aber auch ihr Bruder an der Gitarre bearbeitete meine Seele. Seine postrockigen Riffs klangen so unendlich traurig, aber auch gleichzeitig so wunderschön, daß ich weiche Knie bekam. Schließlich war es auch der sehnsuchtsvolle und wehklagende Chorgesang der Truppe, der mir durch Mark und Bein ging. Mit A Silver Mount Zionscher Dramatik sangen sie, als stünde ihr Leben auf dem Spiel und erreichten phasenweise fast die unglaubliche Dichte und Spannung der kanadischen Kultband. Schon sensationell, was da auf französischem Boden heranwächst! Auf die Talentschmiede des famosen Labels Collectif Effervescence aus Nantes ist eben Verlaß. Neben Faustin Seilman beherbergen sie solch innovative Bands wie Papier Tigre, La Terre Tremble !!!, oder Chevreuil und zeigen den auf Kommerz getrimmten Engländern mal was eine Harke ist. Schwer zu sagen, wer bei den Nantern das beste Pferd im Stall ist, aber wahrscheinlich wird mich zumindest live niemand so sehr in einen Rausch steigern können wie Faustine. Allein ihre Mimik zu beobachten ist ein ganz besonderer Genuß. Ihr verträumter Blick zu Beginn der Songs, dann der weit aufgerissene Mund, wenn sie richtig drauflos singt und schließlich das schüchterne Lächeln, wenn nach dem Vortrag eines Liedes der Applaus aufbrandet. Völlig verdienter Applaus natürlich, denn die neuen Lieder sind wirklich ganz dufte. Prison Of Gold, The Young Man and The Sea oder The Shepherd, das war vieles dabei, was mir auf Anhieb saumäßig gut gefiel.

Faustine Seilman live ist immer wieder etwas ganz Besonderes. Nicht oft schaffen es Musiker, mich dermaßen mit Haut und Haaren zu verschlingen. Die französische Pianistin kann das mühelos. Sie ist für mich eine ganz Große. Jetzt schon. Merci , Faustine!

Auszug aus der Setlist Faustine Seilman @ International, Paris

- Locked
- Lost Friends
- The Ballad Of A Starving Man
- Facing The Ocean
- Prison Of Gold
- The Young Man And The Sea
- Laissez Nous La
- The Shepherd


* nach einer Recherche bei Youtube stelle ich fest, daß ich mit dieser Behauptung falsch liege. Faustine Seilman hat am 22. April 2010 im Vorprogramm von A Silver Mt. Zion im Alhambra gespielt. Schade, daß ich nicht dabei war. Hier gibt es ein tolles Livevideo von dieser Sho
w.

Aus unserem Archiv:

Faustine Seilman, Paris, 25.03.09
Faustine Seilman, Paris, 20.11.07




Sonntag, 21. März 2010

Baby Dee, Paris, 20.03.10

2 Kommentare

Konzert: Baby Dee

Ort: Bateau El Alamein, Paris
Datum: 20.03.2010
Zuschauer: 100 vielleicht?, sehr voll
Konzertdauer: Baby Dee etwa 1 Stunde


Das klang gar nicht gut, wenn Baby Dee hustete. Er, nein sie natürlich, schien ernsthaft krank zu sein. Neben der hartnäckigen Bronchitis (?) fielen auch die kurzen Haare und der Gehstock auf. Aber die Künstlerin war nicht die einzige, die heute abend litt. Ich selbst war so dermaßen eingepfercht, daß meine beiden Beine und Füße einschliefen und nach einer gewissen Zeit vollkommen taub waren. Kaum auszuhalten das Ganze! Die Betrachtung dieses an sich schönen Konzertes eine einzige Tortur!

Die Veranstaltung fand auf einem Pariser Hausboot namens Bateau el Alamein statt. Für ein paar andere Gäste bereits altbekannt, für mich Betretung von Neuland. Ein ungemein atmosphärisches und uriges Teil dieser alte Kahn, mit den unzähligen Blumenkübeln auf der Terrasse. An den Wänden hinter der Bühnen hingen alte afrikanische Masken und auch sonst war alles mit Flohmarktobjekten zugestellt. Das wäre was für meinen Vater gewesen!

Als ich eintrat, war die Vorgruppe schon durch und die Gäste warteten sitzenderweise auf Baby Dee und seine beiden Streicher. Mein Freund Benoit filmte und brachte sich schon einmal in Stellung. Als die Pianistin und Harfespielerin auf die Bühne kam, war ich genötigt,
auf engstem Raume im Schneidersitz Platz zu nehmen. Mein Rücken war gegen die Beine meines Hintermannes gequetscht und desöfteren bekam ich ungewollt kleine Checks von seinem Knie ab. Baby Dee hatte ich nie zuvor live gesehen, obwohl sie bereits einmal auf genau diesem Hausboot aufgetreten war. Das Outfit: ein Hingucker! Ein weißer Fell-Overal mit schwarzen Punkten und Kapuze, dazu knallrote Socken und keine Schuhe. Krass! Fast wie ein überdimensionales Kaninchen. Die Musikerin spielte zunächst Klavier und schon ziemlich bald kam es zu den ersten Hustenanfällen. Dennoch sang die Amerikanerin sehr schön und auf eigenartige Weise. Den Kopf hin- und herschüttelnd, ließ sie ihre barocke Stimme vibrieren und schien phasenweise die Texte zu kichern. Sehr theatralisch das Ganze, wunderbar begleitet vom einfühlsamen Cello und dem riesigen Kontrabass, den ein Jüngling mit viel Kraftaufwand zupfte. Baby Dee war mit dem Sound dennoch alles andere als zufrieden. Nicht bösartig aber doch ziemlich barsch, bluffte sie den Soundingenieur an und sagte: "Du bist ein netter Kerl und machst deine Sache gut, aber das klingt hier so gar nicht wie beim Soundcheck, tu gefälligst was dagegen. Peng! Der saß! Nicht zimperlich die exzentrische Amerikanerin. Allerdings auch immer mit einer Prise schwarzem Humor, Zynismus und augenzwinkernd vom Leder ziehend. Ob das Publikum denn bereit sei, sie so lange zu ertragen? Ihre Hustenanfälle hinzunehmen? Ja, wir waren bereit. Und lauschten gespannt dem wundervollen Harfenspiel, das bei einigen Stücken den Raum erfüllte. Sehr eigenartig die Technik. Baby Dee nahm die Saiten richtig hart ran und verteilte seinem Instrument manchmal auch Schläge mit der flachen Hand. Als wolle sie es bestrafen. Interessant auch die Mimik. Grimassierend, zeternd, bebend. Und die hellblauen Augen warfen ab und zu diabolisch stechende Blicke in die Runde. Überschattet wurde der Vortrag aber immer wieder von den schlimmen Hustanfällen. Fast ein Wunder, daß die Künstlerin zu Ende spielen konnte. "Im really fucking sick", erklärte sie entschuldigend und der Schweiß tropfte ihr über die Stirne. Unter der fellenen Kapuze muss es aber auch tierisch heiß gewesen sein!

Hinsichtlich der gespielten Lieder gefiel mir Lilacs besonders gut.
Fast mittelalterlich klingend, lieblich und wunderschön. Aber auch Endlees Night an der Harfe stach heraus. Gesanglich irgendwo zwischne Märchenerzähler und Operndiva schwankend, arbeitete sich die Harpistin durch die Songzeilen und war hinterher sichtlich von dem tosenden Applaus gerührt.

Rührend ist sowieso ein gutes Stichwort für dieses bitter-süße Konzert, das eine verletztliche, aber auch sehr schlagfertige Musikerin zeigte, die ohne Kapuze noch einmal für eine Zugabe zurückkam.
Da sah man dann, daß die rötlichen Haare sehr kurz gehalten waren und ganz anders aussahen, als auf den Fotos, die ich bisher gesehen hatte, wo Baby Dees Haupt eine wallende Lockenpracht zierte.

Get Well Soon, Baby Dee!
And please come back!


Setlist Baby Dee, Bateau El Alamein, Paris:

01: Flowers On The Tracks
02: Safe Inside The Day
03: The Earlie King
04: A Compass Of The Light
05: Prelude
06: Love's Small Song
07: A Book Of Songs For Anne Marie
08: Lilacs
09: Brother
10: Teeth Are The Only Bones That Show
11: Endless Night
12: Set Me As A Seal
13: As Morning Holds A Star

Link:

Das Klienicum hat auch schon einmal über Baby Dee geschrieben. Wo weiß ich aber nicht, weil die Suchmaschine auf der Seite echt kacke ist! Eike, bitte den passenden Link schicken. Danke!



Mittwoch, 17. März 2010

Caroline Keating, Paris, 16.03.10

0 Kommentare

Konzert: Caroline Keating

Ort: Le Baron, Paris
Datum: 16.03.2010
Zuschauer: nicht so viele, vielleicht 50
Konzertdauer: 45 Minuten in etwa


Mit dem Konzert von Caroline Keating nahm der turbulente Abend ein gelungenes Ende. Da die Zeit extrem knapp geworden war, um einigermaßen pünktlich im Baron zu erscheinen, mußte ich ausnahmsweise ein Taxi nehmen. 8 Euro in den Wind geschossen, aber zum Glück kostet das Baron keinen Eintritt. Das Geld verdient die puffige Nobeldisco mit den Getränken. Ein kleines Bier ab 10 Euro, die Flasche Champagner ab..., ach was weiß ich? Trinke ich hier Schampus? Nö! Am Nachbartisch floß das prickelnde Gesöff aber in Strömen. Ich war zusammen mit meinem Freund Michael gekommen und gemeinsam hingen wir in den roten Samtsesseln und glotzten gebannt auf die kleine Bühne, wo ein riesiger schwarzer Flügel von einer schmächtigen rotblonden Dame zum Schwingen gebracht wurde. Die Kanadierin Caroline Keating war mir bisher lediglich durch einen sehr positiven Konzertbericht meines Kollegen Christoph bekannt. Eine sehr adrette Erscheinung mit schwarzem Pailletenkleid und hochhackigen schwarzen Schuhen, die trotz ihres zierlichen Körperbaus kraftvoll in die Tasten haute und dazu inbrünstig sang. Musikalisch wurden sofort Assoziationen zu Regina Spektor deutlich, äußerlich eher weniger denn die beiden haben nicht die gleiche Oberweite (oh Gott, was schreibe ich hier schon wieder?, das gibt sicherlich Ärger). Dass das Ganze auch Parallelen zu der unsäglichen Kate Nash aufwies, verdrängte ich lieber, denn ich wollte das Konzert ja schließlich genießen. Und das tat ich dann auch, denn die junge Kanadierin entzückte nicht nur textlich, sondern auch zwischen den Songs mit Kessheit und Mut. Weil das stets desinteressierte Publikum im Baron viel zu laut redete, bluffte die Pianistin die Leute gleich zweimal an: "Hört mal gut zu, ich mache seit einigen Jahren Musik und tues dies nicht, um vor laut quatschenden Zuschauern aufzutreten. Seit jetzt mal ein paar Minuten leise, ihr könnt ja dann hinterher Martini schlürfen!" Peng, der saß! Zu dumm nur, daß sich etliche Ignoranten nicht an die Ansage hielten und weiterquasselten. Ich hingegen war hochkonzentriert und wich der Keating nicht von den roten Lippen. Sie spielte etliche Lieder von der kleinen selbstgebrannten Ep, die sie hinterher verkaufte (bzw. gegen eine Spende verschenkte, wenn man so will). Besonders positiv aufgefallen war mir Lusty Dusty, eine hübsche Ballade mit unwiderstehlichem Zartschmelz. Nicht auf der Ep (aber vielleicht dann auf dem ersten Album?) ist das einzige französische Stück des Abends, das sie ungefähr in der Mitte des schönen Sets präsentierte. Sie warnte vor, daß sie ein gewisses Risiko eingehe, denn sie wohne zwar im französichsprachigen Montreal, rede aber selbst eher englisch. Das Lied Seule erinnerte schließlich an Coeur de Pirate, was nicht verwundert, da sowohl Caroline und Béatrice (Coeur de Pirate) Piano spielen und mit quebequer Akzent singen. Montreal war dann auch noch einmal das Thema des letzten Songs des letzten Konzertes der Tour von Caroline und der Abschluß gelang ihr wirklich gut.

Im Anschluß ergab sich dann sogar noch die Gelegenheit zu einem kleinen Plausch der besonders netten Art. Die Kandierin war unglaublich herzlich, lustig und nett und ganz nebenbei habe ich durchblicken lassen, daß ich für sie auch gerne mein Wohnzimmer öffne.

Schau' mer mal, ob daraus was wird...

Setlist Caroline Keating, Le Baron, Paris:

01:Don't Let Love
02: Mimy Jull
03: so long, Solange
04: One
05: They Say
06: Signs
07: Munro
08: Seule
09: The Pier
10: Ghosts
11: Lusty Dusty
12: Gatsby
13: Montreal

Aus unserem Archiv:

Caroline Keating, Köln, 30.01.09





Freitag, 10. April 2009

Antony & The Johnsons, Paris, 09.04.09

5 Kommentare

Konzert: Antony & The Johnsons

Ort: Le Grand Rex, Paris
Datum: 09.04.2009
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: ca. 100 Minuten



Jetzt mal ehrlich: Ob es wirklich eine gute Idee ist, an einem herrlich sonnigen Frühlingstag dem tottraurigen Katzengejammer von Antony Hegarty zu lauschen? Von dem Gejaule und Geschluchze wird man doch ganz depressiv, oder nicht? Da sprießen gerade die Knospen an den Bäumen, Pariser und Touristen frequentieren die Terassen der Cafés, alle sind sie bester Dinge und dann fährt meiner einer mit der U-Bahn zum Grand Rex, um sich mal so richtig runterziehen zu lassen! Und ich war ja nicht der Einzige, das Konzert war trotz hoher Eintrittspreise rasch ausverkauft. Alles Leute, die sich gerne in Selbstmitleid und Schwermut suhlen, was?

Andererseits: Wer kann denn schon auf fröhliche Musik, bitte schön? Haben wir nicht alle gekotzt, als R.E.M. uns mit Shiny Happy People malträtierten? Eben! Also nix mit shiny und happy, lieber depressed and proud of it! Oder so...

Bevor ich reingehe, frage ich mich, ob ich wohl dem Präsidenten der Republik und seiner Carlita begegne. Heute mittag hatte ich nämlich gelesen, daß Sarko sich gestern mit seiner Süßen heimlich (sofern so etwas bei einem Staatsmann überhaupt geht!) ein Konzert des scheußlichen Julian Doré im Olympia angesehen haben soll und anscheinend ist Sarko auch bei einem der Konzerte von Bob Dylan aufgetaucht. Verrückt oder? Der Krisengipfel in London ist vorbei und der Herr Präsident geht wie Oliver Peel auf Konzerte! Wahrscheinlich lässt er sich jeden Tag das Konzerttagebuch ins Französische übersetzen...

Aber ich kann Entwarnung geben, Sarko war nicht da und Karl Lagerfeld, der ebenfalls als Musikfan bekannt ist, auch nicht. Stattdessen ein bunt gemischtes Völkchen aus der Gay-Community, linkem, bebrillten Bildungsbürgertum (Oberstudienräte, Psychiater, Heilpraktiker, ich fantasiere ein wenig...) und Indie-Konzertgängern, in der Mehrheit altersmäßig zwischen 28 und 40 Jahren.

Das Publikum sehe ich aber anfangs gar nicht, weil es in dem riesigen Kinosaal stockdunkel ist. Auf der Bühne hüpft gerade noch eine Performancekünstlerin (Johanna Constantine) rum, während mir eine Platzanweiserin mit einer Taschenlampe zeigt, wo ich meinen Allerwertesten in den nächsten 100 Minuten betten soll. Ich sitze sauweit von der Bühne entfernt, bin oben auf dem Balkon und schwitze jetzt schon. Wärme steigt nach oben, ist ja bekannt! Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, daß ich mich wohl fühle. Es herrscht eine stickige Luft, ich sehe vor Dunkelheit meine eigenen Füße nicht und außerdem habe ich Kohldampf!

Die Performancekünstlerin geht, aber das Licht bleibt aus, denn jetzt kommt Antony mit einem richtigen kleinen Orchester reinmarschiert. Tosender Applaus brandet auf, aber ich rühre mich nicht, weil ich erst mal sehen will, wo Antony überhaupt ist. Ahh, da sehe ich vage einen schwarzen Schopf am Piano, das muß er sein! Auch die Bühne ist nur äußerst spärlich beleuchtet und man erkennt so gerade eben die Begleitband, bestehend aus einer Cellistin, einem Gitarristen, einem Violinisten, einem Saxofonisten, einem Drummer und einem Bassisten, der wie ein Schatten gleich hinter Antony steht. Die siebenköpfige Formation legt hochkonzentriert und ohne sich vorzustellen mit neuem Material vom letzten Album The Crying Light los. Gesprochen wird zunächst auch in den Pausen zwischen den Liedern nicht, lediglich ein kurzes "Merci" hört man von Antony. Seltsam: Ich hatte den Pianisten als sehr gesprächig in Erinnerung. Ich hatte ihn vor ca 4 Jahren in der intimen Maroquinerie und später auch noch im Olympia gesehen und weiß noch sehr genau, daß er eine witzige Ankedote erzählt hatte: Seine Schwester wohnte in Paris und als er sie besuchte, sind sie zusammen das unterirdische Paris, sprich die Kanalisation ("les égouts de Paris!) erkunden gegangen. Das hätte ihm gruselige Momente und ein paar Alpträume eingebrockt, gab er damals zu.

Heute ist der ängstliche Mann aber gar nicht sonderlich gesprächig, er zieht sein Programm so perfekt durch, daß man glaubt, ein Tonband mit der aktuellen CD würde laufen. Er trifft jeden Ton und die Johnsons spielen wunderbar harmonisch, aber irgendwie ist es so fehlerfrei, daß keine rechte Rührung enstehen kann. Schon paradox, da wird mir ein künstlerisch hochkarätiger Konzertstart geboten und ich bin trotzdem nicht zufrieden. Dabei ist gerade Epilepsy Is Dancing so was von schön, Antonys Stimme vibriert auf das Wundervollste, die Instrumentierung ist traumhaft und das Publikum vorbildlich ruhig. Dennoch: Gerührt oder gar ergriffen bin ich nicht. Ob Udo Lattek jetzt geweint hätte? Wie auch immer, Gefühle funktionieren eben nicht auf Knopfdruck! Und irgendwie habe ich den Eindruck, daß es dem Großteil des Publikums zunächst ähnlich ergeht. Der Applaus ist jeweils lautstark und langanhaltend, aber keiner flippt so richtig aus. Und außerdem kommen Leute ins Grand Rex ein wenig wie ins Theater oder die Philharmonie. Man hat sich schon vorher fest vorgenommen, laut und lange zu klatschen, denn schließlich hat man viel Geld für seine Karte bezahlt und will sich auf keinen Fall den Spaß verderben lassen.

Interessanterweise brandet zum ersten Mal richtige Begeisterung auf, als das alte Stück For Today I Am A Boy angestimmt wird. Anscheinend ist den meisten hier der Vorgänger wesentlich geläufiger als das aktuelle Werk. Aber auch dessen Stücke haben jetzt mehr Dampf. Bei Kiss My Name knallt zum ersten Mal der Drummer so richtig mit seinen Schneebesen auf sein Arbeitsgerät. Das Konzert ist jetzt lanciert, die Aufwärmphase vorbei. Another World erzeugt mit seinem tottraurigen Text (Antony erzählt textlich, was er alles vermissen wird, wenn er nicht mehr da ist) zum ersten Mal ein wohliges Kribbeln in der Magengegend und bei einem anderen Stück verpatzt Antony sogar den Einstieg, was ihm prompt mit standing ovations gedankt wird. Er schwächelt leicht, das macht ihn menschlich und das lieben die Leute. Ein häufig beobachtetes Phänomen: Den bewegendsten Moment seiner Karriere hat das Tennisgenie Roger Federer im Januar dieses Jahres geliefert, als ihm nach der ärgerlichen 5 Satzniederlage bei den Australian Open die Tränen der Enttäuschung über die Wange liefen. Niemand möchte eben perfekt geölte Roboter haben, wenn hochtalentierte Leute auch einmal patzen, dann fliegen ihnen plötzlich die Herzen der Fans erst recht zu. Gut so!

Mein Herz schlägt höher, als Antony einen alten Song anstimmt, I Fell In Love With A Dead Boy. "I fell in love with a dead boy, oh, such a beautiful boy, oh such a beautiful boy. I ask him are you a boy or a girl?", das ist wirklich ein Frontalangriff auf die Tränendrüse, begleitet von traumhaft schönen Streichern! Das Konzert ist jetzt in seiner besten Phase, Fistfull Of Love von I Am A Bird Now ist so grandios, daß es hinterher einen überwältigend Jubel gibt. Das führt dazu, daß Antony etwas aus der Fassung gerät, denn You Are My Sister muß er drei mal anstimmen und kriegt es trotzdem nicht so hin, wie er das gerne möchte. Er bricht das Stück ab und bekommt erneut eine riesige Ovation. Leute rufen : "We love you oder you are a genius, worauf er trocken antwortet: "That's sweet, but I'm only as good as the last song." Nun beginnt eine längere Plaudereinlage, die extrem gut ankommt, weil sie die Stimmung auflockert. Der Künstler erzählt von seinem Verhältnis zu Gott und bekennt, daß er nicht an ihn glaubt*("God doesn't love me, because I'm a witch"), als junger Kerl aber in Jesus verliebt gewesen sei, da er das Gefühl hatte, daß dieser mindestens genauso stark leide, wie er selbst. Er träume davon, daß Gott als Frau wiedergeboren werde und ist plötzlich bei einem Thema angelagt, daß ihm anscheinend am Herzen liegt: Die Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft. Er hoffe, daß irgendwann die Zeit dafür reif sei, daß in der Mehrzahl Frauen große Unternehmen leiten und Staaten regieren (dabei schließt er aber Maggie Thatcher aus. Wieso eigentlich? Immer wird über die Frau hergezogen, obwohl sie trotz vieler übler Macken einiges für ihr damals am Boden liegendes England getan hatte) und erklärt, daß er Michelle Obama für die schönste Frau überhaupt halte. Die ganzen Ausführungen dienen letztendlich der Einleitung in das nächste Stück Hope Mountain, wo der Künstler sich textlich fragt, wie es wäre, wenn Jesus als Frau wiedergeboren würde und ob diese Frau dann auch über das Wasser gehen könne. Der Vortrag ist exzellent und nun kann auch You Are My Sister noch einmal fehlerfrei gespielt werden.

10 Minuten später ist mit einem intensiven Aeon die Messer vorerst gelesen. Kusshände werden ins Publikum geworfen und das Septett verschwindet kurz, bevor man bloß zwei Minuten später wieder mit versammelter Mannschaft einmarschiert. Nun machen sich Fans lautstark mit Wünschen bemerkbar. Einige machen sich vergeblich für Crazy in Love stark ("I dont feel crazy in love today"), andere fordern Brel ("I can't sing as good as Brel") und schließlich bekommt man eine improvisierte Einlage, bezeichnet als Song For Paris. Nach dem tollen Cripple And The Starfish vom ersten Album kommt dann das heißersehnte Hope There's Someone und dies ist nun wirklich so packend, daß ich es nicht bereue, mich an diesem herrlichen Frühlingstage in diesen dunklen Raum gesetzt zu haben! Das Lied kennt nun wirklich jeder und längere Ausführungen erübrigen sich somit. Nur soviel: Es ist eines der bewegendsten Lieder, die ich bisher live gehört habe und rechtfertigt alle Lobhudelungen auf Antony. Er ist ein riesiges Talent! - Und trotzdem ist er kein Genie. Zum Glück, denn Perfektion ist langweilig und die Phasen, in denen nicht alles so glatt lief, waren heute eigentlich die Schönsten.

Der Pianist ist übrigens auch ein sympatischer Kerl, der seine Fans liebt, wie ich hinterher feststellen konnte. Während ich draußen noch mit Freunden lange angeregt über das Konzert debattiere, geht plötzlich die Tür auf und der überraschend großgewachsene Mann tritt auf die Straße. Natürlich ist er in null Komma nichts von Fans umlagert und muß nun noch ausdauernd Autogramme schreiben. Das macht er gerne und sehr geduldig und ich nehme es ihm auch nicht übel, daß ich im Gegensatz zu meinem Freund Patrice persönlich leer ausgehe, weil der Star ins Taxi steigt. Irgendwann wollen Künstler auch mal ihre Ruhe haben. Diese sei ihnen gegönnt!


Setlist Antony & The Johnsons, Paris, Le Grand Rex (merci à Angelo de Rockerparis!)


01: Where Is My Power
02: Her Eyes Are Underneath The Ground
03: Epilepsy Is Dancing
04: One Dove
05: For Today I Am A Boy
06: Kiss My Name
07: Everglade
08: Another World
09: Shake That Devil
10: The Crying Light
11: I Fell In Love With A Dead Boy
12: Fistful Of Love
13: Hope Mountain
14: You Are My Sister
15: Twilight
16: Aeon

17: Song For Paris
18: Cripple And The Starfish
19: Hope There's Someone

* wohingegen ich keine Sekunde an die Klimakatastrophe glaube, die Antony wie so viele andere befürchtet. Für mich alles ein riesiger Medienhype und falls die Erde untergehen sollte, ist es ein nicht zu stoppendes Naturphänomen, das der Mensch keineswegs dadurch beeinflussen kann, daß er weniger Auto fährt oder Ähnliches...



Pour nos lecteurs français:

Antony voulait pas chanter Crazy in Love (parce qu'il ne se sentait pas Crazy in Love) ni Brel (parce que d'apres lui Brel avait une meilleur voix), mais d'entendre le sublissime Hope There's Someone valait lui seul déjà le détour. Avec un vrai petit orchestre (entre autres violincelle, violin et saxophone) l'homme avec la voix divine interprétait les morceaux de son dernier album The Crying Light et aussi des chansons du precedesseur comme Fistful Of Love, You Are My Sister ou For Today I Am A Boy. Mais le plus beau titre était le très touchant I Fell In Love With A Dead Man. Côté anecdotes, il parlait de ses angoisses concernant le climat (moi perso j'ai pas peur du tout de ça), de sa relation avec dieu (il ne croit pas en dieu, mais jeune il était amoureux de Jésu), de la beauté de Michelle Obama, de sa jeunesse malheureuse et qu'il revait d'une monde ou les femmes sont au pouvoir. (il excluait Margaret Thatcher et n'évoquait pas Angela Merkel).

Et à la fin il souhaitait en français "un tres beau printemps" au public. Ce fut une très belle soirée avec un artiste surdoué et attachant...

- Fotos von Antony & The Johnsons hier
- Fotos von der Aftershow hier
- Super Video von Antony live @ The Grand Rex von Rockerparis.

Konzerttermine von Anthony & The Johnsons in Deutschland 2009:

- 24. 04.2009: Admiralspalast, Berlin
- 26.04.2009: Postpalast, München
- 27.04.2009: Alte Oper, Frankfurt

und außerdem:

29.04.2009: Teatr Wielki, Warschau, Polen
30.04.2009: Donaufestival (Halle 1), Krems an der Donau, Österreich
01.05.2009: Donaufestival (Main Hall), Krems an der Donau, Österreich
03.05.2009: Muziekcentrum Frits, Eindhoven, Niederlande




 

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