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Donnerstag, 30. August 2018

Haldern Pop Festival, 2. Festivaltag, Rees-Haldern, 10.08.18

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Freitag kam ich nur ganz schwer aus dem Bett. Ihr müsst wissen, dass ich in Emmerich in einem kleinen Hotel untergebracht war. Emmerich? So weit vom Schuss? Ja! Leider! 3 Monate vor Festivalbeginn war auf booking com schon nichts Näheres zu finden, wirklich jetzt. Nun, ich also in meinem kleinen Hotelzimmer mit beschissen kleinem Bett, hundemüde und mit Blei in den Beinen, aber ich kann nicht einschlafen. Nicht um 2 nicht um 3 und auch nicht um 4 Uhr. Um 5 fiel ich vermutlich zum ersten Mal in einen Tiefschlafphase, ratzte über den auf 11 Uhr eingestellten Wecker hinweg und wachte irgendwann um 13 Uhr auf. 

Das Problem war nun, schnell nach Haldern zu kommen. Allerdings gibt es von Emmerich nach Haldern immer nur einen Zug pro Stunde und den um 13 Uhr 08 konnte ich schon abschreiben. Blieb nur noch der Zug um 14 Uhr 08, den ich dann glücklicherweise erreichte, nachdem ich mir zuvor an der Rheinpromenade 3 (!) doppelte Espressi bei einem italienischen Eiskaffe reingepfiffen hatte ! 





Ich war also wie gedopt als ich in Haldern ankam und stürmte in die Kirche zu den Barr Brothers. Die beiden Amis waren nicht nur dem Namen nach Brüder sondern auch im wahren Leben und wurden vom Stargaze Ensemble über weite Strecken musikalisch begleitet. 



Andrew und Brad Barr kommen aus Rhode Island/USA, leben aber in Montreal, Kanada und sind dort auch am erfolgreichsten. In den Charts aber auch hinsichtlich der gewonnen Awards für ihr Werk welches bisher 3 Alben umfasst.


In der Kirche zu Haldern kam ihre von bildhübschen Harmoniegesängen und warmherzigen Gitarren geprägte Musik besonders gut zur Geltung, der Spielort war tadellos gewählt. Sie versprühten viel Liebe, Hoffnung, Sanftheit und Intimität und obwohl die Kirche sehr voll, war das Publikum vorbildlich still und aufmerksam. Überwiegend gespielt haben sie ihr 2017er Album Queens Of The Breakers (erreichte Platz 29 in Kanada) aber wenn ich mich recht erinnere gab es auch ein Cover von Lhasa, die vor einigen Jahren verstorben ist. Die Barr Brothers hatten einen engen persönlichen und musikalischen Kontakt zu der Sängerin.



Der Auftritt der Barr Brothers in der Kirche war ein Highlight, keine Frage! Und später spielten sie auch noch ein "Geheimkonzert" in einem Zelt auf dem Festivalgelände. Das war ganz anders, viel experimenteller, aber ungemein gut besucht!

Hier ein youtube video eines Mitbürgers namens Wasserturm 68165


Ich blieb dann auch gleich in der Kirche, denn eine ganz besonders Performance stand nun auf dem Programm. Stargaze spielten Instrumentalcover von Fugazi. Das war schon sehr speziell und weit vom Original entfernt, aber dennoch hielt ich es für ein interessantes Experiment und blieb bis zum Schluss.

Auch im Anschluss bewegte ich mich nicht aus der Kirche raus, ich hatte hier richtiges Sitzfleisch entwickelt. Und ich sollte mein Bleiben nicht bereuen, denn nun spielten Wood River zusammen mit dem Cantus Domus.



Woodriver ist ein Jazz Ensemble aus den USA, angeführt von der Saxofonistin Charlotte Greve. Im Internet findet man verdammt wenige Informationen zu ihnen, ich bin weder auf eine Homepage noch eine Facebook Seite gestossen. Im Haldern Magazin "Dat Blatt" gibt es allerdings eine wundervolle Beschreibung des Projekts, der Auto redet von "magischen Klangwelten", "kostbaren Perlen" und einer "sich besonnen entfaltenden Musik, deren Feinheiten sich wie bei der Wahrnehmung einer Landschaft  dem Betrachter erst nach und nach erschliessen."


In der Tat spielte die Band ein sehr erlesenes, sehr subtiles Konzert, bei dem Musiker des Cantus Domus sogar teilweise in den Gängen der Kirche sangen und den Leuten ganz nahe waren. Die Atmossphäre war sehr angenehm und entspannt und am Ende war ich froh, so lange in der Kirche verweilt zu haben.


Später auf der Hautbühne gab es dann ein Wiedersehen mit dem Musikern von Stargaze, sie spielten die sogenannte Hip Hop Challenge mit Rappern der Band The Lytics und das war sehr lebendig und dynamisch. Wirklich mal was ganz Anderes!


Ab 20 Uhr 15 konzentrierte ich mich auf das Geschehen im Spiegelzelt. Hope aus Deutschland standen auf dem Programm. Gesignt bei Haldern Pop Recordings und angeführt von der jungen Sängerin Christine Börsch-Supan, spielte die 4-köpfige Band aus Berlin ein dichtes, düsteres Set, gespickt mit sphärischen Synthie-Rockstücken. Eine dunkle Messe im Schimmerlicht, perfekt um sich an geheimnisvolle Orte zu Beamen. Manchmal dachte ich an Anne Clark, manchmal an andere Ikonen der New Wave Ära. Musikalisch ein Hybride aus Post Punk und Elektro, also eher kalt und distanziert, blieb der Sound der Berliner aufgrund der markanten und nahegehenden Stimme von Christine dennoch  organisch und lebendig.




Am Ende baute sich das kurzhaarige Mädel mit hochgereckten Armen vor dem Publikum auf und liess sich zu recht feiern. Guter Auftritt!

Etwas später im Spiegeltent kamen dann die Freunde schrägen Indie Rocks auf ihre Kosten. Die kultigen Deerhoof standen um.. bereit und boten ihre gewohnt unterhaltsame und originelle Show aus Garagenrock, Japanpop und Noise. Ihr neues Album Mountain Moves (bereits das 16 zehnte (!) wird im September erscheinen und davon spielte das Quartett aus Kalifornien auch die meisten Stücke. Wer die japanische Sängerin von Deerhoof, Satomi Matsuzaki, noch nicht kannte, wunderte sich über ihren eigentümlichen, fast kindlichen Gesang, wer den Drummer Greg Saunier noch nie in Aktion gesehen hatte, war verblüfft von seinem harten, wilden Bums. Ein toller Gig, wenngleich etwas kurz .


Zeitlich genau zwischen Hope und Deerhoof hatten Seun Kuti  and Egypt 80 aus Nigeria eine jazzzig-funkige, bunte, lebensfrohe Show geboten, bei der man zudem extravagant gekleidete Tänzerinnen bewundern konnte, die wundervollen Schmuck und  ein ausgefallenes Make-up trugen. Auf der Bühne war jede Menge los, es war ein grosses Fest, bei dem der Sohn von Fela Kuti und seine Musiker bewiesen, dass man auch Musik aus Afrika mal ein Ohr (und ein Auge, nämlich bei Konzerten) schenken sollte.

Um 22Uhr 15 stand mit Haldern Liebling Villagers aus Irland aber wieder eher Schwermut an.



Connor O' Brien der hinter dem Projekt steckt, ist für seine weinerliche Stimme und seine traurigen Texte bekannt und war bestimmt schon zum mindestens 3. Mal am Niederrhein mit dabei. Seine diesjährige Show war erneut erlesen, warmherzig, melancholisch und fein arrangiert, aber irgendwie wollte dieses Mal der Funke nicht so recht auf das Publikum überspringen. Die Show plätscherte angenehm vor sich hin, ohne dass mein Puls deutlich schneller schlug. Vielleicht war es die Müdigkeit, vielleicht auch der Grösse des Spielortes. Villagers damals im Zelt waren irgendwie heimeliger.



Nils Frahm hatte schliesslich die Ehre, den Abend als Headliner auf der grossen Buhen ausklingen zu lassen. Nils ist ja auch ein alter Bekannter, ich erinnere mich an einen packenden, intimen Auftritt im Tonstudio Keusgen vor einigen Jahren, als er noch deutlich unbekannter war als heute. Inzwischen ist er ja wirklich ein etablierter Musiker, der nicht nur in Deutschland, sondern auch beispielsweise in Frankreich grosse Erfolge feiert und riesige Säle bespielt.


Damals fast noch ein rein klassischer Pianist, hat sich seine Musik heutzutage weiterentwickelt in Richtung Elektro, Folktronica, ja fast Techno. Und was da alles an Material auf der Bühne stand war beeindruckend! Man sah den Berliner Musiker teilweise fast gar nicht mehr hinter seinen Türmen an elektrischen Pianos und analogen Synthesizern! Wikipedia erklärt mir dann auch, dass Frahm seit 2014 mit einem Piano namens Una Corda spielt, was immer auch diese Wundermaschine kann.


Die Bühne von Nils war sehr düster, die vielen kleinen Lichter waren alle stark gedimmt und eine richtige Interaktion mit dem Publikum konnte so gar nicht stattfinden. Stattdessen war es ein Konzert zum Innehalten, Kontemplieren, Schwelgen, bei denen die Leute mit der höchsten Aufmerksamkeit am reichsten belohnt wurden. Angesichts der Uhrzeit (gegen Ende war es fast halb 2!) gar nicht so selbstverständlich, da der Tag lang und reich an feinen Eindrücken war.

Ich blieb dennoch bis zum Schluss, stand dann aber vor dem Problem wie ich nach Emmerich kommen sollte. Züge fuhren schon längst keine mehr und ein Fahrrad hatte ich auch nicht. Blieb mir nur die Wahl eines sündhaft teuren Taxis, das nach langer Warterei auf der Strasse vor den Maisfeldern aufkreuzte. Der Fahrer war nett, er wollte wissen wie mir der Festivaltag gefallen hatte. Und obwohl er keine der aufgetretenen Bands kannte, meinte er: " Haldern Pop ist immer 'ne tolle Sache und alle hier in der Gegend finden die Veranstaltung super, ich auch, obwohl ich persönlich lieber Elektro höre" Nils Frahm kannte er dennoch nicht. Ist vielleicht eher Elektro für Hipster...








Montag, 10. Dezember 2012

Efterklang, Berlin, 5.12.12

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Konzert: Peter Broderick + Efterklang
Ort: Volksbühne Berlin

Datum: 5.12.12
Zuschauer: ausverkauft




Ich habe mich die letzten Tage sehr schwer getan, das Erlebte am 5.12.12 in Worte zu fassen. Bei welch großartigen Konzerten war ich dieses Jahr in der Volksbühne. Angefangen mit den Tindersticks im März, dann im Mai zu Beach House, Sophie Hunger im November und jetzt Efterklang im Dezember.
Efterklang waren für mich eher ein Zufallsfund. Regelmässig schaue ich, welche Künstler an meinen Lieblingsorten Berlins auftreten und so entdeckte ich die mir bis dahin unbekannte Gruppe Efterklang. Ich kaufte fast blind die Konzertkarte und hörte mir nur ein Lied auf youtube an. So kam ich fast völlig unbedarft an diesem Abend bei der zwischenzeitlich ausverkauften Volksbühne an. Mit ein wenig Glück konnte ich direkt in der ersten Reihe Mitte Platz nehmen und meine Knie stießen schon vor den Bühnenrand. Kein Security-Bereich. Keine stehenden, knieenden oder robbenden Fotografen vor mir. Eine ungewohnte Situation so nah am Ort des Geschehens zu sitzen.
Das sind die Momente, bei denen ich als eher routinierter Konzertgänger ganz nervös werde. Durch die Enge gab es nämlich auch kein "heimliches" Davonschleichen mehr, falls ich so gar nichts mit der Musik anfangen könnte.


Ein kurzer Blick noch auf den reich gefüllten Merchandising Gabentisch und dann ging es auch schon los mit der Vorgruppe in Form von Peter Broderick, welcher zugleich auch Mitglied der Tourband von Efterklang ist. Es brauchte so zehn Minuten, bis ich in die Klangwelten von Peter Broderick hineinfand, aber ich wurde belohnt, als ich mich fallen ließ. Er spielt mit Klängen, mit Stimme, Geräuschen, Instrumenten. Das setzt sich dann alles zusammen und findet zueinander, so wie das Publikum auch zu ihm fand. Das alles macht er so sympathische Art und Weise, dass man sich diesem Charme kaum verschließen kann. So wie auch Mosaik erst durch die Vielfalt an einzelnen Teilen sich komplettiert, so auch entwickelt sich auch seine Musik. 

Er ist live nicht nur ein Erlebnis, sondern eine großartige Bereicherung. Während im Normalfall eine Vorgruppe nach 30 Minuten ihr Set beenden müssen, kann er seine Klangwelten, fast in Konzertlänge entwickeln. Dabei wird er noch von anderen Musikern Unterstützung, so auch von Casper Clausen von Efterklang oder Nils Frahm. Das alles findet in greifbarer Nähe direkt vor mir statt, was diesem Abend sehr außergewöhnlich macht. Mal liest er aus einem Schulheft kurze Zitate vor, dann bedient Peter Broderick gekonnt die Loop-Maschine, spielt Gitarre, Synthesizer, Geige etc.. All das aber mit großem Können und Behutsamkeit. Völlig zu Recht wird er dafür vom Publikum gefeiert.
Die Pause nutze ich, um mir die Bühne genauer anzuschauen. In der "Elektro-Ecke" sind vier Macbooks mit diversen Pulten und Reglern vernetzt. Das sieht beachtlich aus. Dazu noch das Schlagzeug, Synthesizer, diverse Gitarren und Mikrofone.


Die Band kommt fast schüchtern auf die Bühne und beginnt mit Hollow Mountain auch gleich das erste Stück vom aktuellen Album. Unterstützt werden die drei Musiker von Efterklang (Mads Brauer, Rasmus Stolberg und Casper Clausen) von Peter Broderick, Katinka Fogh Vindelev sowie Tatu Rönkkö am Schlagzeug. Die Lebendigkeit, die auch schon Peter Broderick eingeleitet hatte, wurde auch beim Efterklang Konzert fortgesetzt. So entwickelte sich die Musik gekonnt aus der Mischung von elektronischen Soundsamples, Schlagzeug, der großartigen Stimmen von Casper Clausen, Peter Broderick und den sphärischen Gesängen von Katinka Fogh Vindelev.

Voller Übermut hangelte sich Casper Clausen an der Leiter an der Theaterwand hoch, um dort mit Drumsticks und Gesang die Möglichkeiten des Theaters auszunutzen. Dann schwang er sich über die Stuhlreihen und sang mitten im begeisterten Publikum.

Stehende Ovationen waren der Dank an die Gruppe, die der entgegengebrachten Zuneigungsbekundung voller Dankbarkeit reagierte. Das Publikum hat die Band auf ihren Händen getragen. Als dann Casper Clausen sich direkt vor mir auf seine Monitorbox setzte, ist mir das Herz fast in die Hose gerutscht. Lässig, sympathisch und doch voller Eleganz!
Gespielt wurde ein Querschnitt durch das bisherige Schaffen der Band, darunter natürlich Modern Drift, The Ghost (zu dem sich Peter Broderick   tanzend, bewegend und schweißüberströmt am Ende völlig erschöpft auf die Bühne wirft)  und am Ende Cutting Ice To Snow.
Zum Abschluss des bislang schönsten Konzertes des Jahres für mich, kam nach dem Schlussapplaus noch Casper Clausen auf mich zu und gab mir kurz die Hand. Ich war überwältigt. Ich bin immer noch überwältigt. Dieses Konzert werde ich niemals vergessen können.

Setlist:
1. Hollow Mountain
2. Apples
3. Sedna
4. I Was Playing Drums
5. Step Aside
6. Blowing Lungs
7. The Ghost
8. Black Summer
9. Between The Walls
10. The Living Layer
11. Dreams Today
12. Raincoats
13. Modern Drift

14. Alike (Z)
15. Monument (Z)
16. Cutting Ice To Snow (Z)

Konzertdaten (Auszüge):
11.12.12 Köln

13.12.12 Paris
14.12.12 Frankfurt
15.12.12 Hannover
09.01.13 Bremen
11.01.13 Bochum
13.01.13 Amsterdam


Samstag, 18. Februar 2012

Nils Frahm, Paris, 17.02.12

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Konzert: Nils Frahm

Ort: Le Café de la Danse, Paris
Datum: 17.02.2012
Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung, etwa 350
Konzertdauer: Nils Frahm: 90 Minuten


Meine neue Hausärztin meint, ich sei viel zu fett. Um ihre These zu belegen, hat sie mich in ihrer verfluchten Praxis auf eine neumodische Wage genötigt und jubilierend festgestellt, daß Zahlen nicht lügen können. Ich hätte dem ehrgeizigen Klappergestell von Ärztin gerne gesagt, daß wir Deutsche halt fast alle gut beieinander sind, war aber zu demoralisiert und zu überrascht, um mich angemessen zu verteidigen. Blöde Pissnelke! Ich war so eingeschüchtert, daß ich den ganzen Tag über kaum etwas aß und mit höchstens halbvollem Magen um 20 Uhr 20 im Café de la Danse erschien.

Zu meiner Enttäuschung erfuhr ich, daß die Belgier Sleeping Dog schon fertig hatten, weil sie bereits um 19 uhr 45 aufs Publikum gehetzt worden waren. Dabei hätte ich die so gerne gesehen! Den Amerikaner L.D. Brown aka Grey Reverend wiederum hätte ich mir gerne erspart. Der sehr sympatische und witzige Bursche (ein unbekannter Bruder von Tennis-As Gael Monfils?) langweilte mit seinem trockenen Singer/Songwriter-Folk ungemein und spielte überdies noch endlos lange. Mein Magen hatte sich inzwischen gänzlich geleert und eigentlich hatte ich jetzt eher Lust, einen großen Teller Nudeln zu verputzen, als Pianoklängen zu lauschen, wie schön sie auch sein mochten.

Aber da musste ich jetzt durch. Nils Frahm unterdessen nutzte die Umbaupause, um im Dunklen im hinteren Teil der Bühne auf dem Boden liegend zu dösen. Das Leben auf Tour ist anstrengend und wie er später erklärte, war er zudem durch einen großen Konsum von Schmerzmitteln benebelt. Er war am Vortag beim Zahnarzt (man sollte halt nie zum Arzt gehen, vor allem nicht in Frankreich!) gewesen und davon noch ganz durch den Wind. Dann wunderte er sich über den starken Zuschaueranstrom ("normally I play in Paris in front of 30-40 people"), mutmaßte, daß dies an der Session mit der Blogothèque gelegen haben möge und widmete konsequenterweise der Videomaffia (ein Scherz, ich mag die verfluchten Blogothekler) den ersten Song.

Von nun an war schwelgen, schwärmen, träumen, langweilen von und mit Nils Frahm angesagt. Fast 90 Minuten lang beschoss uns der knapp 30 jährige Deutsche mit seinen gefühlvollen Pianoballaden, kämpfte, schwitzte, wütete hinter seinem Flügel, bevor er aufstand und sich an dem seitlich aufgebauten Fender Rhoses und einem schwarzen Kasten mit Knöpfchen zu schaffen machte. Von dort an wurde es wesentlich experimenteller, nachdem der erste Teil klassische Klaviermusik war, wie man sie fast in der Berliner Philharmonie hören könnte. Kein Mensch im Publikum muckte und wenn nach einer gefühlten Ewigkeit mal ein Lied endgültig verklungen war, brandete wilder Beifall auf. Vielleicht wollten sich die Leute durch ihr Geklatsche wachhalten, möglicherweise waren sie aber wirklich so begeistert. Damals in meiner Studentenzeit in Berlin war das bei Konzerten von Claudio Abbado ähnlich. Immer wieder sah ich Leute tief schlafen, mitunter laut schnarchend (ohne Scheiß!), bevor sie plötzlich aus heiterem Himmel aufwachten und klaschten wie die Gestörten.


Ich persönlich war heute von der atemberaubenden Schönheit des Vortrages von Nils benebelt, führte meine Benebeltheit aber auch auf meinen saumäßigen Hunger zurück. Was hätte ich jetzt dafür gegeben, in ein kleines nettes Restaurant zu gehen und genüßlich zu speisen! Außerdem tat mir mein Arsch vom Sitzen auf der verfluchten Treppenstufe weh und meine Füße waren zudem eingeschlafen. Ich musste aufstehen, mich lockern, ein paar Gymnastikübungen machen. Wie lange dauert es noch? Erinnerungen an Autofahrten als Kleinkind mit den Eltern wurden wach." Mama, wie lange dauert es noch? Mama, sind wir denn gleich da?"


Aber ich hielt durch, obwohl ich mir nichts sehnlicher gewünscht hätte, als auf meinem Bett zu Hause zu liegen und eine CD von Nils Frahm zu hören, welche auch immer, sie sind alle wundervoll. Am Ende kam noch Martin Dingenskirchen* als zweiter Pianist hinzu und nun klimperten die beiden Deutschen Rücken an Rücken, Seite an Seite. Heftiger Beifall war der Lohn ihrer Mühen. Dann war Schluß. Vorerst. Frahm wurde nämlich noch zu einer Zugabe zurückgeklatscht und diese fiel mit Ambre wirklich entzückend aus. Welch unverschämt betörende kleine Pianomelodie, wirklich traumhaft!


Die CDs verkauften sich am Merch schließlich wie die warmen Semmeln. Nils unterhielt sich mit jedem Fan nett, signierte, malte kleine Kätzchen auf CDs und erklärte auf meine Nachfrage hin, daß er keine Setlist gehabt habe. Vieles sei improvisiert gewesen, allerdings gab es jeweils ein Lied von The Bells (Said And Done), eines von Wintermusik (eben Ambre), 2 oder 3 von Felt (darunter Snippet, More und Unter).

Ein großes Talent (ein Genie?, das vermag ich nicht zu beurteilen!) der Nils und angenehm bescheiden und zugänglich geblieben. Beim nächsten Mal komme ich aber mit vollem Bauch zu seinem Konzert. Auf mein Gewicht, das ich dann auf die verfluchte Waage bringe, sei hiermit geschissen!

Aus unserem Archiv:

Nils Frahm, Haldern, 14.08.10
Nils Frahm, Frankfurt, 06.08.10

* Martin Heyne



Mittwoch, 18. August 2010

Nils Frahm, Haldern Pop Festival, 14.08.10

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Konzert: Nils Frahm

Ort: Tonstudio Keusgen, Rees-Haldern, Niederrhein

Datum: 14.08.2010

Zuschauer: mindestens 100
Konzertdauer: ungefähr 45 Minuten


"Entschuldigen sie bitte, wie finden wir denn zum Tonstudio Keusgen?"

Ich glaube ich habe recht verzweifelt geklungen, als ich diese Frage an einen vorbeiwandernden jungen Mann stellte. Ich irrte zusammen mit meiner Frau über mir unbekannte Feldwege und das einzige Gebäude, was mein Auge erblickte, war ein alter Baunerhof. Sonst nur Kühe, Scheunen, Wiesen, Pferde, aber nichts, was wie ein Tonstudio aussah.

"Das suche ich auch schon seit einer Weile!"

Auch der Befragte schien recht verzweifelt. Zum Glück kamen kurze Zeit später andere Luete vorbei, die uns sagen konnten, wie man denn das Tonstudio Keusgen findet. Wir sollten uns beeilen, das Konzert hätte schon angefangen, wurde uns noch geraten. 5 Minuten später standen wir vor einem weißen Haus, in dem in der Tat schon musiziert wurde. In den eigentlichen Konzertsaal vordringen durften wir trotzdem nicht sofort, denn der Raum platzte aus allen Nähten und das Konzert des deutschen Pianisten Nils Frahm wurde zudem aufgenommen, da hätten wir nur gestört, wenn wir mittdendrin reingeplatzt wären. Dann endlich verklang ein Lied und wir durften rein. Der Konzertsaal glich einer Sauna. Die Sonne und die Körperwärme von über 100 Menschen auf engstem Raume hatten die Location auf mindestens 60 Grad Celsius erwärmt. Der Schweiß tropfte nicht nur dem armen Nils von der Stirne, sondern auch den Besuchern. Aber die Strapazen hatten sich auf alle Fälle gelohnt, denn das filigrane Spiel von Frahm war so herzerweichend schön, daß ich mich am Ende fragte, ob da Schweiß oder Tränen die Wange runterfließen. Kein einziges Konzert beim diesjährigen Haldern Festival hat mich so emotional berührt, so benebelt. Wie im Rausch bekam ich noch mit, wie Nils nach einem unfassbar heftigen und völlig verdienten Applaus noch einmal zurück kam und eine traumhafte Zugabe spendierte. Was für ein Talent! Auch der baumlange Sänger von Efterklang und die zuckersüße Heather Woods Broderick zeigten sich sehr angetan und gemeinsam schwärmten wir vor der Türe noch von dem Auftritt des deutschen Pianisten. Bravo, Nils! Herz gebrochen! Aber ich nehme es Dir nicht übel...



Montag, 9. August 2010

Shearwater, Frankfurt, 06.08.10

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Konzert: Shearwater (Nils Frahm)

Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 06.08.2010
Zuschauer: etwa 120
Konzertdauer: Nils Frahm 35 Minuten, Shearwater 60-70 Minuten


Als wir gegen Viertel vor neun vor dem Frankfurter Indieclub Das Bett aufkreuzen, stehen wir vor verschlossenen Türen. Ein kleiner weißer (nein nicht der mit den Klopapier-Ersatzrollen!) Zettel am runtergelassenen Rollladen liefert die Erklärung: Einlass heute um 21 Uhr. Zu früh gekommen! So etwas passiert mir in meinem heimischen Konzertjagdrevier in Paris nie. Aber ich bin nun einmal mit meinem für seine Pünktlichkeit bekannten Bloggerfreud Christoph unterwegs und da wird keine Minute verpasst. Von Verpassen kann aber ohnehin nicht die Rede sein, denn bevor es mit dem jungen Berliner Pianisten Nils Frahm losgeht, vergehen quälend lange 70 Minuten. Um 21 Uhr hatte der Clubchef pünktlich den Rollladen hochgelassen und danach war erst einmal Dauerbeschallung durch die aktuelle Beach House CD Teen Love angesagt. Als die Scheibe zum dritten Mal durchläuft, würde ich am liebsten Amok laufen, denn der eiernde Orgelsound hängt mir bis zum geht nicht mehr zum Halse raus. Irgendwann ist die Qual zu Ende und Nils Frahm setzt sich hinter sein vor der Bühne aufgebautes Piano. Sein Spiel ist anmutig, traumversunken, hochmelancholisch. Es ist ein Genuss ihm zuzuhören. Das hinter und vor ihm stehende Publikum dankt es ihm durch vorbildliche Stille und applaudiert auch angemessen lang. Frahm selbst spricht scheinbar überrascht vom längsten Applaus, den er auf der Tour mit Shearwater bekommen hat. Seine Bescheidenheit macht ihn sympathisch, aber er muss sich wirklich nicht verstecken, denn er hat jede Menge Talent und sein rein instrumentales Set , das aus Stücken (insgesamt vier) von Wintermusik und Bells besteht, passt atmosphärisch auch gut zum Headliner des heutigen Abends.

Shearwater bequemen sich schließlich erst nach 23 Uhr auf die Bühne. Fünf amerikanische Musiker mit dem hochaufgeschossenen Sänger, Gitarristen und Pianisten Jonathan Meiburg an der Spitze und der schönbeinigen Bassistin Kimberley Burke als optisches Highlight. Natürlich hat sie mehr zu bieten als nur tadellose Beine und ein entzückendes Lächeln. Ihr graziles Baßspiel (mal gezupft, mal gestrichen) ist hochfein und ich kann meine Augen nicht von ihr lassen. Ihr friedlicher, verträumter Blick hätte allein schon das Kommen gerechtfertigt (am Ende habe ich ungefähr 400 Fotos von ihr, ...ähem, ja). Klarer Chef von Shearwater ist aber Jonathan, der wie immer mit seiner von zarten Anmut zur heroischen Stürmigkeit wechselnden Stimme begeistert. Sein anrührender Falsettgesang ist schlicht und einfach sensationell! Auch seine Mimik zu beobachten lohnt sich. Wenn er in den rockigen Passagen alle Zügel losläßt (der Kerl kommt aus dem Pferdeland Texas!) und den Mund wie ein angriffslustiger Löwe aufreißt, bleibt kein Auge trocken. Auch die anderen drei Musiker agieren effizient und hochklassig, fallen aber abgesehen von dem lustig frisierten Drummer mit dem Mickey Mouse T-Shirt nicht sonderlich auf. Letztgenannter hat gegen Ende seinen großen Auftritt, als er am vorderen rechten Bühnenrand zusammen mit Kimberley um die Wette klöppelt und dem Glockenspiel wahre Wohlklänge entlockt. Witziger als diese Szene ist aber eine Passage, in der er auf der Bühne nicht gebraucht wird, sich in aller Seelenruhe eine Flasche Bier holt und sich seitlich neben Kimberley kauert, um ihr Bein zu tätscheln. Ob der langmähnige Muskelprotz wirklich mit der Beauty zusammen ist? Eifersucht! Aber musikalisch ist er ja wirklich unumstritten toll, denn er spielt nicht nur formidabel Schlagzeug, sondern auch Klarinette.

Hinsichtlich des Songmaterials steht eindeutig das aktuelle Werk The Golden Archipelago im Vordergrund. Für mich nicht unproblematisch, weil ich von dem Vorgänger Rook so dermaßen bgeistert war, daß ich mich bis zum heutigen Konzert nicht getraut hatte, das neue Opus zu hören. Meine Bedenken werden aber ziemlich schnell zerstreut, denn schon der Opener Black Eyes ist betörend schön und auch Castaways lässt mich mit der Zunge schnalzen. Absolute Highlights bleiben aber Rooks und Century Eyes im Doppelpack, an diese mit jubilierenden Trompeten untersetzten Perlen kommen die neuen Sachen einfach nicht ran. Euphorisierend allerdings auch 74/75, das live noch mehr rockt als aus der Konserve. Ohnehin werden sämtliche Lieder leicht abgewandelt gespielt, nichts klingt wie vom Band und es bleibt Platz für Improvisation und Spontaneität, kleine Patzer inklusive. Schade, daß das Frankfurter Publikum so zurückhaltend bleibt und nur bedingt mitswingt, aber die Hessen sind wahrscheinlich stille Genießer, denn zufriedene Gesichter sieht man hinterher reichlich. Auch die deutsche Folksängerin Caroline (Projekt Radio Caroline) ist hingerissen. Sie kannte Shearwater vorher nicht und ist innerhalb von einer guten Stunde zum Fan geworden.

Das lange Warten auf die Bands hat sich letztlich also mehr als gelohnt. Dann läuft wieder Beach House vom Band. Die sehen wir am 15. August an gleicher Stelle und darauf freue ich mich bereits sehr. Trotz der nervigen Dauerberieselung bin ich nämlich glühender Anhänger des Duos...

Setlist Shearwater, Am Bett, Frankfurt:

01: Black Eyes
02: Landscape At Spead
03: Castaways
04: White Waves
05: God Made Me
06: Corridors
07: Hidden Lakes
08: Home Life
09: Rooks
10: Century Eyes
11: I Was A Cloud
12: 74/75
13: Uniforms

14: Missing Islands
15: Snow Leopard

Shearwater:

Past shows:

05.08.2010: München, Ampere
06.08.2010: Das Bett, Frankfurt
07.08.2010: Beatpol, Dresden

Demnächst:

09.08.2010: Comet Club, Berlin
10.08.2010: Übel & Gefährlich, Hamburg



 

Konzerttagebuch © 2010

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