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um
16:09
Konzert: Faustine Seilman & The Healthy Boy + My Name Is Nobody
Ort: 'Espace B, ParisDatum: 23.02.12Zuschauer: leider nur 20Melancholische Pianistinnen (am besten mit Hauchstimme) treffen bei mir anscheinend einen ganz speziellen Nerv. Anders ist es nicht zu erklären, daß ich nach Konzerten von Alina Orlova, Soap & Skin, Mohna, Cyann, Emily Jane White oder Lisa Germano immer ganz benommen von dannen schleiche.
Bei der aus Nantes stammenden Klavierspielerin Faustine Seilman erging es mir gestern im Pariser Espace B ähnlich. Von der hochmelancholischen Musik, die sie zusammen mit ihrem Gesangespartner und Gitarristen Benjamin Nerot aka The Healthy Boy zelebrierte, war ich regelrecht berauscht. Wie beschwipst stand ich dann da am Merch, zeigte auf die Vinylplatte und äußerte meinen Wunsch, diese fein gestalte Werk erwerben zu wollen.
Für schlappe zwölf Euro erstand ich eine Scheibe, von der bis auf Romances und Thrown On The Floor sämtliche Lieder dargeboten wurden. Lieder voller Schwermut, Wehmut, tiefer Melancholie, aber auch Zärtlichkeit, Hoffnung, Poesie. Dunkelschwarze Kreationen, die aber dennoch hell wie Sterne funkelten. Die butterweiche Stimme von Faustine ergänzte sich hierbei aufs Beste mit dem grummeligen Baritongesang des kauzigen The Healthy Boy. Ein Hauch von Gainsbourg/Birkin lag sogar in der Luft, irgend etwas typisch französisch Sinnliches, Erotisierendes, Myteriöses wohnte dem Sound inne. Am meisten angetan war ich natürlich erneut vondem absolut gefühlvollen, in Moll gehaltenen, Klavierspiel von Faustine, aber auch die Melodien, die der Healthy Boy aus seiner Elektrischen zupfte, klangen absolut verführerisch.
Stücke wie Promenade kamen zum Vortrag. Ein eleganter Seelentröster par excellence, mit Textpasagen wie "people are rushing around, learning how to hate their neighbours". Düsterer Kammerpop in Perfektion, vorgetragen mit einer Ruhe und Sensibilität, die mir den Atem raubte.Wundervoll auch der Titeltrack des Albums The Long Life's Journey, bei dem der Healthy Boy den Hauptgesangespart stemmte. Tief wie ein Nick Cave hauchte er auf fast gruselige Weise den Text und Faustine klimperte dazu unbeschreiblich schön. Eine Art Walzer, toll!
Abgeschlossen wurde das durchgängig exquiste Set durch Did You Ever, genauso hochmelancholisch wie das zuvor Gespielte, aber mit einem catchy "dadadada-Singalong versehen, der sich zart durch das Stück zog.Der Wahnsinn, der helle Wahnsinn! Pianistinnen ziehen mir einfach immer wieder die Schuhe aus! Was für ein intimer Abend, in den My Name Is Nobody, ebenfalls aus Nantes, als Einzelkämpfer an Banjo und Gitarre gekonnt eingeführt hatte.
Pour nos lecteurs français:
Apparemment les pianistes féminines mélancoliques m'attirent au-delà de toute expression. Sinon je ne m'explique pas pourquoi, après avoir vu des concerts d'Alina Orlova, Soap & Skin, Mohna, Cyann, Cat Power, Emily Jane White ou Lisa Germano je suis à chaque fois complètement envouté.
Le concert sublime de Faustine Seilman à L'espace B ne dérogeait pas à cette règle. La talentueuse pianiste de Nantes donna avec le guitariste/chanteur Benjamin Nerot alias The Healthy Boy un spectacle de toute beauté, qui m'a scotché sur mon siège. Après le concert j'étais sur mon petit nuage et ressentait le désir d'acheter leur album The Long Life's Journey, qui est uniquement disponible sur Vinyl. Un album qui n'est pas seulement un très bel objet,
mais aussi truffé de chansons ultra mélancoliques, envoûtantes, poétiques et hantées. Faustine et Benjamin nous ont joué presque la totalité de ce petit chef d'oeuvre et brillaient surtout par l'épatant contraste entre la voix douce et fragile de Faustine et la voix suave et très grave de Benjamin. Cela rappelait parfois le duo diabolique entre Nick Cave et Kylie Minogue, mais également une sorte de Gainsbourg/Birkin revisité. Le tout avait en tout cas une ambiance très française, c'était très sensuel, élégant et séduisant.Le jeu de piano de Faustine était une fois de plus très touchant et inspiré, mais les jolies mélodies de guitare du Healthy Boy contribuaient également à ce plaisir auditif.
Les deux ont présenté des morceaux comme Promenade, une chanson élégante qui donne un sentiment de consolation incroyable servie par un texte sombre, mais subtil: "people are rushing around, learning how to hate their neighbours..."Egalement magnifique fut le titre éponyme de l'album, sur lequel The Healty Boy chantait l'essentiel des paroles. Il le susurrait très très bas (au point de me fait peur!) tandis que Faustine faisait résonner des mélodies magiquement belles.Le set enrichi par deux titres inédits fut conclu par Did You Ever, chanson aussi mélancolique ("nous ne sommes pas des gens tristes et dépressives, non, non!") que tout le reste, mais doté d'un très attirant singalong!
C'était somptueux! Des pianistes fragiles comme Faustine arrivent toujours à me mettre à genoux!
En tout une fort belle soirée, agréablement introduite par le chanteur My Name Is Nobody, et qui s'est achevée en apothéose!!
um
01:01
Konzert: Faustine Seilman & Dark Dark Dark
Ort: Le Glaz'Art, Paris
Datum: 10.11.2010
Zuschauer: etwa 150
Faustine Seilman wird immer hübscher. Und auch immer schlanker. Ich hoffe, es ist kein Frusthungern bei ihr, sondern eine natürliche Entwicklung. Die talentierte Pianistin (schon wieder eine, nachdem es mir neulich erst Agnes Obel und Alina Orlova besorgt hatten!) aus Nantes begeistert mich nun schon seit ein paar Jahren. Kennengelernt hatte ich sie im November 2007 im Nouveau Casino bei einer Labelnight ihres famosen Collectif- Effervescence. Damals galt es das Erstlinsgwerk Silent Valley zu promoten, inzwischen ist sie bei Album Nummer zwei angelegt, das auf den Titel Whispers & Shouts hört. Von letztgennnatme Opus stammten dann auch fast alle Lieder des heutigen Sets, Stücke von Silent Valley suchte man vergeblich.
Zu dumm nur, daß ich die Anfangsphase verpasst hatte! Das Glaz'Art liegt für mich einfach ungünstig, die Anreise per Metro dauert mindestens 40Minuten. Aber die Lieder, die ich noch hören durfte, vertrösteten mich auf wundervolle Weise. Besonders hervorzuheben war das einzige auf französisch gesungene Stück im Repertoire der fragilen Pianistin. Laissez-Nous Là klang sinnlich, zärtlich und hochmelancholisch und verzauberte mich völlig. Ein Seelentröster par excellence!
Ganz zum Schluß wurde es dann noch einmal postrockig. Zu The Shepherd zeigte die Backing Band von Faustine (daunter ihr Bruder Jonathan Seilman, ebenfalls aktiv bei The Patriotic Sunday), was sie draufhat. Pianoklänge, melodisch-knarzige Gitarren, ein brummelnder Bass und ein fetziges Schlagzeug sorgten für eine ordentlichen Bums und einen schwundvollen Abgang.Ich liebe Faustine, sie ist eines der größten Talente in Fankreich und eine solch liebenswürdige Person.
Setlist Faustine Seilman, Le Gaz'Art, Paris:
o1: Locked
02: Holy Shit
03: Lost Friends
04. Facing The Ocean
05; Prison Of Gold
06: Shout Or Shut Up
07: The Young Man And The Sea
08: Laissez-Nous Là
09: ?
10: The Shepherd
Weiter im Programm ging es mit der Band Dark Dark Dark aus Amerika. Die nette Truppe um die Pianistin (schon wieder eine!) Nona Marie Invie bot harmonisch warmen Kammerpop mit Kontrabass und Akkordeon. Ich kannte die Amis vorher überhaupt nicht, war aber auf Anhieb von ihnen angetan. Allein schon die Stimme von Nona Marie, klanglich irgendwo zwischen Cat Power und Regina Spektor, ein Genuß. Auch die feinen Songs hatten es in sich. Sie erschienen wie der perfekte Soundtrack zu dem tristen Novemberwetter, an ihnen konnte man sich sein frierendes Herzelein erwärmen. Jedes einzelne Lied war so feierlich und schön, daß man fast traurig war, wenn es verklang. Die Schweden Thus:owls sind eine stilistisch ähnliche Band, aber Dark Dark Dark haben mich noch mehr überzeugt als die Skandinavier. Kauft ihre CDs The Show Magic und Wild Go, ihr werdet es nicht bereuen!
Setlist folgt.
um
00:55
Konzert:Faustine SeilmanOrt: L'International, ParisDatum: 16.06.10Zuschauer: ungefähr 150Konzertdauer: etwa 45 Minuten
Faustine Seilman ist mit neuem Album Whispers And Shouts endlich zurück auf einer Pariser Konzertbühne! Die junge Pianistin aus Nantes hat sich seit ihrem letzten Auftritt vom März 2009 (Pop In) nicht mehr in der Seine-Metropole blicken lassen.*
Damals hatte sie mich mit ihrem gefühlvollen Pianospiel und ihren melancholischen Liedern zu Tränen gerührt. Für das heutige Konzert hatte ich mir fest vorgenommen, nicht die Heulsuse (bin ja nicht Andy Möller oder !?) zu spielen und tapfer zu bleiben. Boy's Don't Cry heißt es ja schon bei The Cure. Aber schon nach dem vierten Lied des traumhaft schönen Sets kullerten wieder heiße Tränen meine Wangen runter. Zu massiv war der Druck, der auf die Drüsen ausgeübt wurde.
Die unfassbar hübsche Faustine spielte erneut so herzerweichend, legte eine dermaßene Intensintät in ihren Gesang, war so erbarmunglsos hypnotisch und faszinierend, daß ich nicht anders konnte, als meinen Emotionen freien Lauf zu lassen.
Der Vortrag der Chanteuse und ihrer Band traf mich mit voller Wucht. Wie im Drogenwahn stieg ich leise schluchzend immer höher und höher und schwebte irgendwann frei wie ein Vogel über den Wolken. Gleich von drei Seiten wurde ich emotional bombadiert.
Zu einem war da das in moll gehaltene Klavierspiel von Faustine, das mich ungemein bewegte. Schon als Jugendlicher war ich hin und weg ,wenn mir meine Klavierlehrerin nach der Übungstunde etwas vorspielte. Ich saß dann in ihrem bequemen Ohrensessel und alle Sorgen waren plötzlich wie weggeblasen. Manchmal klimperte sie eine viertel Stunde, aber wenn ich um Nachschlag bat, kam ich auch oft in den Genuß einer halbstündigen Berieselung. Ich fühlte mich dann immer wie in Watte gepackt und ging mit wunderschönen Gefühlen nach Hause.
Genau jene Gefühle weckte Faustine heute wieder in mir und ich hätte sie dafür umarmen können. Aber auch ihr Bruder an der Gitarre bearbeitete meine Seele. Seine postrockigen Riffs klangen so unendlich traurig, aber auch gleichzeitig so wunderschön, daß ich weiche Knie bekam. Schließlich war es auch der sehnsuchtsvolle und wehklagende Chorgesang der Truppe, der mir durch Mark und Bein ging. Mit A Silver Mount Zionscher Dramatik sangen sie, als stünde ihr Leben auf dem Spiel und erreichten phasenweise fast die unglaubliche Dichte und Spannung der kanadischen Kultband. Schon sensationell, was da auf französischem Boden heranwächst!
Auf die Talentschmiede des famosen Labels Collectif Effervescence aus Nantes ist eben Verlaß. Neben Faustin Seilman beherbergen sie solch innovative Bands wie Papier Tigre, La Terre Tremble !!!, oder Chevreuil und zeigen den auf Kommerz getrimmten Engländern mal was eine Harke ist. Schwer zu sagen, wer bei den Nantern das beste Pferd im Stall ist,
aber wahrscheinlich wird mich zumindest live niemand so sehr in einen Rausch steigern können wie Faustine. Allein ihre Mimik zu beobachten ist ein ganz besonderer Genuß. Ihr verträumter Blick zu Beginn der Songs, dann der weit aufgerissene Mund, wenn sie richtig drauflos singt und schließlich das schüchterne Lächeln, wenn nach dem Vortrag eines Liedes der Applaus aufbrandet. Völlig verdienter Applaus natürlich, denn die neuen Lieder sind wirklich ganz dufte. Prison Of Gold, The Young Man and The Sea oder The Shepherd, das war vieles dabei, was mir auf Anhieb saumäßig gut gefiel.
Faustine Seilman live ist immer wieder etwas ganz Besonderes. Nicht oft schaffen es Musiker, mich dermaßen mit Haut und Haaren zu verschlingen. Die französische Pianistin kann das mühelos. Sie ist für mich eine ganz Große. Jetzt schon. Merci , Faustine!Auszug aus der Setlist Faustine Seilman @ International, Paris
- Locked
- Lost Friends
- The Ballad Of A Starving Man
- Facing The Ocean
- Prison Of Gold
- The Young Man And The Sea
- Laissez Nous La
- The Shepherd
* nach einer Recherche bei Youtube stelle ich fest, daß ich mit dieser Behauptung falsch liege. Faustine Seilman hat am 22. April 2010 im Vorprogramm von A Silver Mt. Zion im Alhambra gespielt. Schade, daß ich nicht dabei war. Hier gibt es ein tolles Livevideo von dieser Show.
Aus unserem Archiv:
Faustine Seilman, Paris, 25.03.09
Faustine Seilman, Paris, 20.11.07
um
00:00
Konzert: Faustine Seilman
Ort: 25.03.2009
Datum: 25.03.2009
Zuschauer: ca. 40
Konzertdauer: ca. 45 Minuten
Förmlich an die Decke gehüpft vor Freude bin ich, als ich las, daß die famose Pianistin Faustine Seilman im Pariser Pop In spielen würde. Vor über einem Jahr (genauer gesagt am 20.11.2007) hatte ich sie zufällig bei einem Konzertabend ihres tollen Nanter Labels Effervescence im Nouveau Casino kennengelernt. Ihr Album war in etwa zeitgleich erschienen und lief bei mir unzählige Male auf meinem I-pod. Manchmal vernachlässigt man ja aus Zeitmangel manche vorzüglichen Alben, aber Silent Valley hat von mir glücklicherweise die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient hat.
Zu schön und ergreifend waren Stimme und Pianospiel von Faustine, als daß ich daran vorbeikonnte. Keine Chance! Faustine selbst hat sich aber seitdem eher rar gemacht, meines Wissens war sie nur noch einmal in Paris und zwar Ende vergangenen Jahres im Café de la danse zusammen mit Josephine Forster. War bestimmt ein hochklassiges Konzert, was mir da durch die Lappen gegangen ist, aber man kann ja leider nicht überall sein. Umso größer war nun meine Freude, daß das brünette Mädchen aus Nantes nun endlich mal wieder die französische Kapitale beehrte.
Aber sie ließ die Zuschauer im Pop In zunächst etwas zappeln. Leute die häufiger zu (Gratis)- Konzerten in den Keller des urigen Pubs kommen, wissen, daß man es hier mit Anfangszeiten nicht so genau nimmt. Wenn das Konzert für 21 Uhr angegeben ist, muß man keinesfalls vor 21 Uhr 30 da sein, denn die Tür zum Keller wird mit Sicherheit noch verschlossen sein. Heute war es aber schon weit nach 22 Uhr geworden,
bevor sich der Sesam öffnete. Faustine war gerade erst vom Essen zurückgekehrt und probte noch ein wenig auf ihrem Klavier. Das gab mir die Gelegenheit, eine nette junge Französin aus Bordeaux kennenzulernen. Sie erzählte mir, daß sie Freunde hier hingeschickt hätten, da diese Mademoiselle Seilman zuvor in Bordeaux gesehen hatten und hellauf begeistert waren. Anscheinend waren aber leider nur ganze 7 (!) Leute zu diesem Konzert gekommen. Etwas mehr waren es hier und heute in Paris aber schon, obwohl man viel Platz im Keller hatte, nachdem gegen 22 Uhr 15 endlich Einlaß gewährt wurde. Faustine Seilman selbst saß auf einer Steinstufe, nippte an ihrem Bierglas und wartete, daß die Zuschauer eintrudelten.
Dann stand sie auf, setzte sich hinter ihr elektronisches Klavier und stellte sich erst einmal höflich vor. Nicht selten erlebt man, daß Folksängerinenn sich nur sehr schüchtern und zaghaft vorstellen und kaum ihren Namen herausbringen, so verängstigt und scheu sind sie. Faustine aber, obwohl äußerlich sehr ruhig und zurückhaltend wirkend, hatte eine klare und feste Stimme und vergaß auch nicht zu erwähnen, daß sie aus Nantes stamme und zum ersten Mal seit vier Jahren wieder ein reines Solokonzert gäbe. Normalerweise hat sie nämlich eine mehrköpfige Band dabei, mit der ich sie auch damals im Nouveau Casino erlebt hatte.
Aber schon nach dem Erklingen der ersten Noten war klar, daß dies keineswegs den Genuß verringerte, im Gegenteil! Die wunderbar warme und klare Stimme von Faustine kam so noch besser zur Geltung und man war unmittelbar ins Geschehen einbezogen. Die Intimität in dem kleinen Raume war wirklich atemberaubend. Man war Faustine und ihren tiefmelancholischen Liedern so unglaublich nahe, es fühlte sich an, als würde sie im privaten Wohnzimmer spielen. Meine Augen waren auf ihre Mimik gerichtet. Ähnlich wie eine Sophie Hunger lebt auch Faustine ihre Stücke mit Haut und Haar, entgleitet während des Vortrages in eine Art Parallelwelt und legt unfassbar viel Leidenschaft in jede einzelne Zeile. Ihre Texte sind sehr düster und nachdenklich, manchmal anklagend.
In The Ballad Of A Starving Man setzt sie sich mit dem Leiden der Armen in einer reichen Gesellschaft auseinander, ähnlich wie das eine ihrer Lieblingsbands A Silver Mt Zion bei A Million Died To Make This Sound tun. Sie beklagt die sozialen Ungerechtigkeiten und die Gleichgültigkeit der Wohlhabenden gegenüber dem Elend der Aussätzigen:" I looked outside and these greedy people eating and filling their faces without hunger; a piece of paper is not enough to feed me, I'm cold I'm starving I can't feel my fingers moving and they don't give a shit!
My body is dying, but I shouldn't wait for them"... Harter Tobak, der nahegeht ohne die Kitschgrenze zu überschreiten, denn leider hat sie ja so recht mit ihrer Aussage, jedes Jahr Im Winter verenden Penner elend auf der Straße vor großbürgerlichen Häusern und niemand schert sich groß darum...
"I can't feel my fingers moving", sang sie so eindringlich und just in diesem Moment sehe ich auf ihre kleinen agilen Hände. Hände eines kleinen Mädchens an den Armen einer Mitte 20 jährigen Frau, die glücklicherweise nicht immer so ernst und traurig ist, wie das ihre Lieder vermuten lassen würden. In den Pausen zwischen den Songs lächelt sie wunderschön und bedankt sich aufrichtig über den Applaus, der von Stück zu Stück größer und intensiver wird. Die meisten Leute kannten ihre dramatischen Lieder vorher nicht,
sind aber zusehends hingerissen von der Leidenschaft und der Poesie des Vortrages. Ihre Stimme ist noch fester und lauter als auf CD, noch schöner. Das setzt mir emotional stark zu. Es gibt keinen Schutzschild zwischen Faustines ergreifenden Geschichten und dem Publikum, alles ist sehr direkt und nahegehend. Steppenwolf ist so grandios daß ich mir wünsche, es würde nie aufhören. Ihrem Klavierspiel zuzusehen ist eine Wonne; wie flink ihre Finger von links nach rechts greifen, das ist einfach zu großartig! "We have to move to a warm place" singt sie in dem Song, der mich natürlich an das epochale Buch von Herman Hesse denken lässt und der Künstlerin selbst ist es im Laufe des Sets warm geworden. Sie muß sich ihrer Jacke entledigen. Mir persönlich ist es vor allem in der Gegend um das Herz sehr warm...
Menno, ich hatte mir vorgenommen, diesmal nicht so zu schwülsteln wie in meinem Konzertbericht über Sophie Hunger, aber ich kann nicht anders, das hier ist schon wieder zu ergreifend! Wann kommt endlich das neue Album? Ich bin so dreist reinzurufen und nach dem Releasedatum zu fragen. Erst frühestens Ende 2009 ist die ernüchternde Antwort. Wie soll ich bitte schön so lange warten, wenn schon die Kostproben wie z.B. das neue The Shepherd schon wieder so wundervoll sind? Faustine, Du kannst mich doch nicht so lange zappeln lassen!
Gegen Ende kommt dann auch noch der spitzbärtige Musiker The Healthy Boy hinzu und spielt mit viel Körpereinsatz Gitarre. Er geht jedesmal tief in die Knie, bewegt sich ganz virtuos, das habe ich in dieser Art vorher noch nie gesehen. Er singt auch ab und zu und ist mit Sicherheit selbst ein toller Musiker. Wenn ich nicht zu erschöpft gewesen wäre, hätte ich mich auch gerne davon überzeugen lassen, denn er ist nach Faustine mit seinem Eigenwerk an der Reihe.
Ich aber verlasse das Pop In, denn jeder kennt ja den Spruch: "Man soll gehen, wenn es am schönsten ist." Und das war ganz klar bei Faustine Seilman der Fall!Am Ende kommt noch einmal das Mädchen aus Bordeaux auf mich zu und sagt ganz bewegt : "Das war zum Weinen schön, ich hatte Tränen in den Augen...Setlist Faustine Seilman, Le Pop In, Paris 2009:01: Road Of Silence02: The Ballad Of A Starving Man03: Soap Opera04: Steppenwolf05: The Shepherd06: Holy Shit07: Hopefully08: Keys Are Bound To Be Found09: Plic Ploc10: GodLinks:- Faustine Seilman am 20.11.2007 im Pariser Nouveau Casino hier
um
00:06
Konzert: Faustine SeilmanOrt: Le Nouveau Casino, ParisDatum: 20.11.2007Zuschauer: mittlere FüllungEigentlich sollte an dieser Stelle ein Konzertbericht über Black Rebel Motorcycle Club folgen. An diesem Dienstag klappte aber auch so gar nichts wie geplant, so daß ich schließlich im Nouveau Casino bei der entzückenden Folksängerin Faustine Seilman landete. Die junge Frau aus Nantes spielt glänzend Klavier und ihre Band Postrock im Stile von A Silver Mount Zion.Den kompletten Bericht gibt es morgen hier.Und da kommt er, der angekündigte Bericht:Also, mal ganz von vorne. Mit der Karte von Black Rebel Motorcycle Club (BRMC) in der Tasche machte ich mich sehr früh auf den Weg in die Stadt. Ich wollte um 17 Uhr 30 eine Bekannte im Café Charbon treffen, das im Ausgehviertel Oberkampf liegt. Meine Armbanduhr zeigte 16 Uhr 30 an, ich glaubte perfekt in der Zeit zu liegen. Normalerweise bräuchte ich für die Strecke eh nur eine gute halbe Stunde. An diesem Dienstag war aber nichts normal. Es fing damit an, daß meine Metro-Linie 8 komplett blockiert war. Eiserne Gitter versperrten den Zugang zu den Gleisen. Mir war klar, daß auch heute wieder gestreikt würde, einen Totalausfall der Linie hielt ich jedoch für unwahrscheinlich...Zurück auf der Straße machten aufgebrachte Gewerkschafter ihrem Ärger auf die Regierung Luft. Mit ihren CGT -Fahnen hätten sie lieber zum Fußball gehen sollen, da hätten sie den Verkehr weniger gestört. So aber blockierten sie auch noch die Straßen rund um den Invalidendom. Das Chaos war unbeschreiblich, selten habe ich so viele Polizeifahrzeuge gesehen. Es wurde also nicht nur gestreikt, sondern zusätzlich auch noch demonstriert und zwar von Seiten der Beamten, die mit den Verkehrsbetrieben nichts zu tun haben.Wie kam ich jetzt bloß zu meiner Verabredung? 40 Minuten hatte ich vergeblich auf ein Taxi gewartet, das nie kam. An einem anderen Stand hatte ich nach einer weiteren halben Stunde schließlich mehr Glück. Die Fahrt durch das Chaos auf den Straßen dauerte allerdings mindestens 50 (!) Minuten. Zu meinem Date kam ich mit über einer Stunde Verspätung und somit vergeblich!Mir war gewaltig die Laune vergangen, ich brauchte erst einmal Nervennahrung. Die bekam ich in meiner Lieblingscrêperie auf der anderen Straßenseite. Der unglaublich nette und kommunikative Betreiber servierte mir nicht nur zwei köstliche Crêpes - ein herzhaftes und ein süßes - sondern fungierte auch als Psychater. "So ist das in Paris nun einmal mit den Streiks und den Demos", sagte er gelassen, "da darf man sich nicht drüber aufregen." Wenn Du aber gleich noch ins Elysée Montmartre willst, mußt du mindestens eine halbe Stunde latschen. Geh doch einfach ins Nouveau Casino, das ist gleich gegenüber!" Der Mann hatte Recht und für den spendierten Espresso danke ich ihm auch, indem ich mal den Namen seines Ladens nenne: marche ou crêpe, 88 rue Oberkampf, 75011 Paris. Sein Geschäft hebt sich wohltuend von den üblichen, oft sehr banalen und nicht immer hygienisch einwandfreien Crêperies ab. Bei ihm gibt es topsaubere Auslagen, mit völlig ausgefallenen Crêpes, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Ich hatte vorher z.B. noch nie ein Crêpes mit Karamellstückchen gegessen. Köstlich!Ich also raus aus dem Reich der Verlockungen und zurück auf den harten Pariser Asphalt. Es regnete inzwischen in Strömen. Jetzt bis zum Montmartre latschen? - Nein, danke! Gute Idee, daß mit dem Nouveau Casino, zumal dort das kleine aber feine französische Label Effervescence einen Abend mit seinen Künstlern veranstaltete. Hierzu gehörten auch Percevalmusic, die als erste dran waren. Eine ziemlich experimentalle Sache das. Erinnerte mich an Battles. Vielleicht aber nur deshalb, weil das die einzige Band auf dem Gebiet Math-Rock ist, die ich kenne. Und math-rockig schienen mir auch Percevalmusic draufzusein. Amüsanterweise spielten sie nicht auf, sondern vor der Bühne. Auf Augenhöhe mit den Zuschauern also. Abgefahren!Die danach folgende Künstlerin Faustine Seilman aus Nantes interessierte mich aber noch viel mehr. Durch Zufall bin ich beim Stöbern durch den riesigen CD-Laden Fnac auf ihr Album "Silent Valley" aufmerksam geworden und habe mich spontan in ihre Stimme und ihr fast klassisch zu nennendes Piano-Spiel verliebt. Nach dem heutigen Abend ist mir auch die junge Frau selbst ans Herz gewachsen. Bekleidet mit einer Pippilangstrumpf-artigen roten Strumpfhose auf schwarzem Kleid hauchte sie ein schönes, melancholisches Lied nach dem anderen ins Mikro. Das hatte etwas vom Folk-Gesang einer Cat Power, oder einer Shannon Wright, aber wenn ihre Band aufspielte, ging das Ganze in Richtung Postrock. Der flehentliche Gesang und die langgezogegen Soli erinnerten mich spontan an A Siver Mt. Zion, die ich auch prompt auf ihrer MySpace Seite als Haupteinfluss wiedergefunden habe. Parallelen gab es aber auch zu Cyann & Ben, die ich heiß und innig liebe. Hach, es war herrlich! Glockenspiel, Akkordeon, Spielzeugpianos, versponnenes Herz, was willst Du mehr?Gefiel glaube ich auch den anderen im Publikum. An dieses richtete Faustine dann auch dankende Worte: "schön, daß ihr trotz der Streiks so zahlreich gekommen seid."Ehrensache Faustine, schön, daß ich trotz der Streiks und der Karte für BRMC bei Dir gelandet bin. So ist Paris...Setlist Faustine Seilman, Nouveau Casino, Paris:01: Nocturne, Italy Square02: The Ballad Of A Starving Man03: Steppenwolf04: Sincerely Yours05: Mum06: In A Silent Valley07: Soap Opera08: Road Of Silence09: Keys Are Bound To Be Found10: The Man Who Said NoDie danach aufspielenden Papier Tigre aus Nantes waren auch nicht übel. Das Trio bot hektischen (Grunge?) Rock im Stile von Fugazi und Q And Not U. Ich war allerdings ziemlich müde von dem Tag und nicht mehr richtig aufnahmefähig. Hört Euch Papier Tigre aber auf jeden Fall mal an und ebenso die anderen Bands des Effervescence-Labels, als da wären Chevreuil, My Name Is Nobody. Melodramatic Sauna, oder auch Room 204.