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Dienstag, 28. Juni 2016

Anohni, Down the Rabbit Hole Festival, 26.06.2016

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Konzert: Anohni
Ort: Down the Rabbit Hole Festival
Datum: 26.06.2016
Dauer: 75min
Zuschauer: 4.000

Der dritte und letzte Abend des Festivals war für alle im Vorfeld das größte Mysterium. Ein Headliner mit nur einer CD ? Dazu noch die ganzen anderen Geheimnisse um den/die ehemalige(n) Sänger(in) von Anthony and the Johnsons. Was würde auf der Bühne passieren ? 

Während sich diese Fragen unter den interessierten Konzertgängern mehren, hatten die anderen Besucher wichtigere Probleme. Durch die Sperrung der Parkplätze mussten fast alle Camper mit Pendelbussen zurück zu ihren Autos, was die Abreise auf den sowieso schon durchtränkten Zeltplätzen nicht verkürzte. Als dann am Sonntagnachmittag die Sonne plötzlich erstrahlte, nutzen das die Meisten für eine zeitige und möglichst geregelte Abreise. 

Der Name Anohni dürfte sowieso, selbst bei den konzerterfahrenen holländischen Gästen, kaum einen Bleibereflex ausgelöst haben. Der Veranstalter wusste sicher mehr, zumindest waren die Vorgaben der Show eines Headliners würdig. 

Das zu Beginn nur halbvolle, riesige Zirkuszelt wurde mit einer unfassbar großen Videoleinwand ausgestattet. Davor befanden sich nur zwei Keyboard/Laptopplätze und in der Mitte eine Art Showtreppe an deren Bühnenkante eine riesiger, zum Mikrophon geneigter LCD-TV stand. 

Denn was es zu sehen gab sprengte so ziemlich jede Vorstellung eines "normalen" Konzertes. 

Die Show beginnt mit einer wundervollen, elegischen Videosequenz und den Texten von Hopelessness: "How did i become a virus". Ein Klagelied, wie so viele an diesem Abend, hier mit einem blutverschmierten Gesicht auf der Leinwand. 

Anohni singt erst hinter der Bühne, erscheint dann aus dem Nichts und trägt eine zunächst lächerlich aussehende Mischung aus Burka (Vollschleier), "Das schwarze Phantom" und Imkeranzug. 

Bis auf die Handschuhe sollte sich dies auch den ganzen Set über nicht ändern. Staunende Gesichter sind die Folge, die Konzentration auf die Musik fällt zunächst schwer, aber der brillante Sound und die helle, zutiefst soulige Livestimme von Anohni sorgen für Gänsehaut am Stück. Überhaupt, diese Stimme...klingt sie auf CD manchmal ermüdend, so ist sie live eine Offenbarung.

Mit einer Leichtigkeit nimmt sie jede der noch so vertrackten Hürden der Arrangements: jubiliert, träumt, weint, lacht und tanzt dabei über die gesamte Bühnenbreite. Sie füllt das Zelt mit Wärme und der Hoffnung, die Anohni mit ihren, wenn auch manchmal platten Thesen, entfachen möchte. 

Es gibt kein einziges älteres Stück. Im Gegenteil, fünf weitere Songs sind neben dem kompletten Album zusätzlich im Programm.

Auf der Leinwand folgen konstant immer nur ausdrucksstarke Gesichter in Großaufnahmen, zu deren Lippenbewegungen Anohni live singt. 

Ist es ein Gospelgottesdienst, eine Kunstinstallation,ein Konzert, wer will das sagen?
  
Immer wieder laufen den Gesichtern Tränen über die Wangen, eine fast unerträgliche Intensität strahlt von der Leinwand. 

"Obama" wird zur offenen Anklage, viel gewaltiger als auf der CD klingt das hier, voller Wut und trotzdem tanzbar schleudert Anohni Beats und Message durch den Raum. Vielleicht wirkt das alles auch nur so gut, weil politische und gesellschaftliche Äußerungen heute in der Popkultur so selten geworden sind.

Anohni wählt den Weg der Künstlerin, benutzt ihr Talent und oft vorhandenen Selbstzweifel um andere aufzurütteln und zum Nachdenken anzuregen. Keine neue Idee, aber eine fast vergessene. 

Das Konzert beendet sie im Liegen, schaut selber zur Leinwand und hört die Stimme von Ngalangka Nola Taylor, deren Stimme jetzt erstmals nicht die von Anohni ist, sondern ihre eigene:

"Wir wundern uns, was in der Welt geschieht. Alles verändert sich, und man wundert sich, wird es besser, wird es schlimmer ? Was können wir gemeinsam tun um aus der Welt einen besseren Platz zum Leben für uns alle zu machen ? Was haben wir der Welt angetan ?"

Dann erlischt das Licht und einen kurzen, langen Moment ist die Stille spürbar, der Rest ist Jubel.

Fotos: Michael Graef


Donnerstag, 7. März 2013

Antony and The Johnsons, Paris, 06.06.2013

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Konzert: Antony and The Johnsons
Ort: Salle Pleyel Paris
Datum: 06.06.2013
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: fast zwei Stunden

Total verrückt, ich bin beim seit Monaten ausverkauften Konzert von Antony and The Johnsons gelandet, obwohl ich nur kurz in den Supermarkt und neue Kontaktlinsen kaufen wollte!

Fast zwei Stunden lang croonte Antony mit seiner unnachahmlichen Falsettstimme und lud zur Zugabe keinen Geringeren als Lou Reed auf die Bühne. Der Beifall war am Ende so heftig, daß noch eine weitere ungeplante Zugabe mit ins Programm genommen wurde. Dust And Water trug Hegarty a' cappela vor und ließ hierzu das Publikum summen.

Ein hinreißendes Konzert, von dem ich demnächst gern mehr erzählen möchte.

Setlist Antony and The Johnsons, Salle Pleyel, Paris

01: For All We Know
02: Returnal
03: Child Of God
04: Cripple And The Starfish
05: As Tears Go By (The Rolling Stones Cover)
06: Your Precious Love
07: A Dream
08: Cut The World
09: Cruel Mother (mit Laurie Anderson)
10: I Will Survive (Gloria Gaynor Cover)
11: You Are My Sister
12: Motherless Child
13: Someday Someway
14: If It Be Your Will

15: Candy Says (Lou Reed)
16: Hope There's Someone

17: Dust And Water (a capella)



Montag, 27. April 2009

Antony And The Johnsons, Frankfurt, 27.04.09

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Konzert: Antony And The Johnsons
Ort: Alte Oper, Frankfurt am Main
Datum: 27.04.2009
Zuschauer: ausverkauft (2.700)
Dauer: 95 min


Selten fiel es mir so schwer, über ein Konzert zu schreiben, es täte dem Abend aber unrecht, die Erlebnisse hier zu ignorieren.

Schon der Rahmen war ein außergewöhnlicher. Vor der Alten Oper in Frankfurt habe ich bereits Musik gesehen, drinnen bisher nicht. Vom Charme der Fassade bleibt nichts mehr übrig, wenn man das im Krieg stark beschädigte und erst vor knapp 30 Jahren wiedereröffnete Gebäude betritt. Innen haben die 70er Jahre gnadenlos zugeschlagen. Beeindruckt haben mich vor allem die wundervollen Deckenleuchten in den Foyers.

Das Publikum schien sich dem Haus angepasst zu haben, denn auch da waren unglaublich viele unterschiedliche Stile zu sehen. Ob Joschka Fischers ehemalige Kampfgefährten, bunthaarige Mittdreißiger, Mitglieder von Kulturvereinen aus dem Taunus oder der Großteil der Kölner Indie-Szene, alles war vertreten (nur nicht immer Schuhe, es gab auch einen Barfüßigen - Gott, bin ich spießig!).

Als wir unsere Plätze auf dem Balkon einnahmen, merke man erstmals die überaus feierliche Stimmung. Die Veranstaltung hatte genau den Rahmen, den sie verdiente. Unvorstellbar, das Konzert etwa im Kölner Palladium zu sehen - oder auch in der Jahrhunderthalle in Frankfurt.

Als es losging, beleuchtete erst einmal nur ein Spot die Bühne. Eine groß aussehende Frau betrat die Bühne und tanzte in den folgenden zwanzig Minuten in unterschiedlichen Kostümen eine Geschichte (in der ein Vogel vorkam...). Ich kann mit Ausdruckstanz nichts anfangen - vor dem Hintergrund des Covers der aktuellen Platte von Antony And The Johnsons machte die Darbietung aber absolut Sinn. Also ließ ich meinen Horizont ein wenig erweitern und sah hin.

Während die Dame zum letzten Mal zum Bühnenrand ging, kamen im Dunkel Musiker aus dem Hintergrund und setzten sich an ihre Instrumente. Ohne Vorlauf oder Pause, und auch ohne viel Licht, begannen die Johnsons und Antony
Where Is My Power, der B-Seite von Epilepsy Is Dancing.

Antonys Band bestand aus einem Schlagzeuger, einer Cellistin, einem Bassisten, einem Violinisten, einem Gitarristen und einem Multiinstrumentalisten, der Violine, Gitarre und Saxophon spielte. Antony Hegarty saß den ganzen Abend am Flügel.

Nach dem ersten Stück war der Applaus groß, aber noch ein wenig sachlich. Das sollte sich nach und nach ändern. Die anfängliche Zurückhaltung, wobei Zurückhaltung es eigentlich nicht richtig trifft, lag ganz sicher an den überwältigenden Eindrücken. Obwohl da vorne eine Band spielte, wirkte alles vor dem Zuschauerraum ewig weit entrückt und unwirklich. Die überwältigende Akustik (zu irgendwas muß der wenig schöne Innenraum gut sein!) und das spärliche Licht erschlugen alle Sinne, vor allem aber die vollkommen perfekt vorgetragene Musik!

Und auch hier ist perfekt eigentlich wieder das falsche Wort, denn einige Lieder gingen darüber hinaus und hörten sich besser als auf Platte an - und zwar nicht dieses Besser, das die meisten Livestücke haben, daß nämlich gut gespielte Livemusik immer durch die fehlende Distanz präsenter ist. Teilweise hörten sich Antonys Stücke einfach nach besseren Album-Aufnahmen an. Als hätten die Tontechniker gerade noch einmal besonders gezaubert. Daher hatte das Konzert wenig mit den Veranstaltungen zu tun, über die wir sonst hier schreiben, es gehört einer anderen Kategorie an.

Nach jedem Lied ging das Licht aus, man konnte bis zwei zählen, dann brandete Applaus auf - ein immer gleiches Ritual. Bis das Licht wieder hochfuhr und das nächste Stück angestimmt wurde. Im Laufe des gut anderthalb Stunden dauernden Ereignisses legte sich die Zurückhaltung der Zuschauer mehr und mehr. Nach den ersten Takten der Liedern gab es dann schon stürmischen Applaus.

Ich möchte nicht einzelne Titel auseinanderpflücken aber sicherlich waren Fistful of love,
For today I am a boy, Aeon und die Zugaben Höhepunkte dieses ergreifenden, wundervollen - aber auch entrückten Konzerts.

Und dann war da noch diese Szene, die ich nicht deuten konnte. Nach einem der ersten Lieder stürmte Antony an den Bühnenrand und redete auf jemanden in der ersten Reihe ein. Natürlich bekam ich nicht mit, worum es ging, die Körpersprache wirkte aber, als handele es sich um irgendein Ärgernis. Diese kleine Unterbrechung der Perfektion tat dem Konzert trotzdem gut.

Setlist Antony And The Johnsons, Alte Oper, Frankfurt:

01: Where is my power
02: Her eyes are underneath the ground
03: Epilepsy is dancing
04: One dove
05: For today I am a boy
06: Kiss my name
07: Everglade
08: Another world
09: Shake that devil
10: The crying light
11: I fell in love with a dead boy
12: Fistful of love
13: You are my sister
14: Twilight
15: Aeon

16: Cripple and the starfish (Z)
17: Hope there's someone (Z)

Links:

- Antony And The Johnsons in Paris
- Jede Menge Fotos von Antony & The Johnsons hier und hier!

Anmerkung: Die Fotos stammen von dem Antony Konzwert in Paris



Freitag, 10. April 2009

Antony & The Johnsons, Paris, 09.04.09

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Konzert: Antony & The Johnsons

Ort: Le Grand Rex, Paris
Datum: 09.04.2009
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: ca. 100 Minuten



Jetzt mal ehrlich: Ob es wirklich eine gute Idee ist, an einem herrlich sonnigen Frühlingstag dem tottraurigen Katzengejammer von Antony Hegarty zu lauschen? Von dem Gejaule und Geschluchze wird man doch ganz depressiv, oder nicht? Da sprießen gerade die Knospen an den Bäumen, Pariser und Touristen frequentieren die Terassen der Cafés, alle sind sie bester Dinge und dann fährt meiner einer mit der U-Bahn zum Grand Rex, um sich mal so richtig runterziehen zu lassen! Und ich war ja nicht der Einzige, das Konzert war trotz hoher Eintrittspreise rasch ausverkauft. Alles Leute, die sich gerne in Selbstmitleid und Schwermut suhlen, was?

Andererseits: Wer kann denn schon auf fröhliche Musik, bitte schön? Haben wir nicht alle gekotzt, als R.E.M. uns mit Shiny Happy People malträtierten? Eben! Also nix mit shiny und happy, lieber depressed and proud of it! Oder so...

Bevor ich reingehe, frage ich mich, ob ich wohl dem Präsidenten der Republik und seiner Carlita begegne. Heute mittag hatte ich nämlich gelesen, daß Sarko sich gestern mit seiner Süßen heimlich (sofern so etwas bei einem Staatsmann überhaupt geht!) ein Konzert des scheußlichen Julian Doré im Olympia angesehen haben soll und anscheinend ist Sarko auch bei einem der Konzerte von Bob Dylan aufgetaucht. Verrückt oder? Der Krisengipfel in London ist vorbei und der Herr Präsident geht wie Oliver Peel auf Konzerte! Wahrscheinlich lässt er sich jeden Tag das Konzerttagebuch ins Französische übersetzen...

Aber ich kann Entwarnung geben, Sarko war nicht da und Karl Lagerfeld, der ebenfalls als Musikfan bekannt ist, auch nicht. Stattdessen ein bunt gemischtes Völkchen aus der Gay-Community, linkem, bebrillten Bildungsbürgertum (Oberstudienräte, Psychiater, Heilpraktiker, ich fantasiere ein wenig...) und Indie-Konzertgängern, in der Mehrheit altersmäßig zwischen 28 und 40 Jahren.

Das Publikum sehe ich aber anfangs gar nicht, weil es in dem riesigen Kinosaal stockdunkel ist. Auf der Bühne hüpft gerade noch eine Performancekünstlerin (Johanna Constantine) rum, während mir eine Platzanweiserin mit einer Taschenlampe zeigt, wo ich meinen Allerwertesten in den nächsten 100 Minuten betten soll. Ich sitze sauweit von der Bühne entfernt, bin oben auf dem Balkon und schwitze jetzt schon. Wärme steigt nach oben, ist ja bekannt! Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, daß ich mich wohl fühle. Es herrscht eine stickige Luft, ich sehe vor Dunkelheit meine eigenen Füße nicht und außerdem habe ich Kohldampf!

Die Performancekünstlerin geht, aber das Licht bleibt aus, denn jetzt kommt Antony mit einem richtigen kleinen Orchester reinmarschiert. Tosender Applaus brandet auf, aber ich rühre mich nicht, weil ich erst mal sehen will, wo Antony überhaupt ist. Ahh, da sehe ich vage einen schwarzen Schopf am Piano, das muß er sein! Auch die Bühne ist nur äußerst spärlich beleuchtet und man erkennt so gerade eben die Begleitband, bestehend aus einer Cellistin, einem Gitarristen, einem Violinisten, einem Saxofonisten, einem Drummer und einem Bassisten, der wie ein Schatten gleich hinter Antony steht. Die siebenköpfige Formation legt hochkonzentriert und ohne sich vorzustellen mit neuem Material vom letzten Album The Crying Light los. Gesprochen wird zunächst auch in den Pausen zwischen den Liedern nicht, lediglich ein kurzes "Merci" hört man von Antony. Seltsam: Ich hatte den Pianisten als sehr gesprächig in Erinnerung. Ich hatte ihn vor ca 4 Jahren in der intimen Maroquinerie und später auch noch im Olympia gesehen und weiß noch sehr genau, daß er eine witzige Ankedote erzählt hatte: Seine Schwester wohnte in Paris und als er sie besuchte, sind sie zusammen das unterirdische Paris, sprich die Kanalisation ("les égouts de Paris!) erkunden gegangen. Das hätte ihm gruselige Momente und ein paar Alpträume eingebrockt, gab er damals zu.

Heute ist der ängstliche Mann aber gar nicht sonderlich gesprächig, er zieht sein Programm so perfekt durch, daß man glaubt, ein Tonband mit der aktuellen CD würde laufen. Er trifft jeden Ton und die Johnsons spielen wunderbar harmonisch, aber irgendwie ist es so fehlerfrei, daß keine rechte Rührung enstehen kann. Schon paradox, da wird mir ein künstlerisch hochkarätiger Konzertstart geboten und ich bin trotzdem nicht zufrieden. Dabei ist gerade Epilepsy Is Dancing so was von schön, Antonys Stimme vibriert auf das Wundervollste, die Instrumentierung ist traumhaft und das Publikum vorbildlich ruhig. Dennoch: Gerührt oder gar ergriffen bin ich nicht. Ob Udo Lattek jetzt geweint hätte? Wie auch immer, Gefühle funktionieren eben nicht auf Knopfdruck! Und irgendwie habe ich den Eindruck, daß es dem Großteil des Publikums zunächst ähnlich ergeht. Der Applaus ist jeweils lautstark und langanhaltend, aber keiner flippt so richtig aus. Und außerdem kommen Leute ins Grand Rex ein wenig wie ins Theater oder die Philharmonie. Man hat sich schon vorher fest vorgenommen, laut und lange zu klatschen, denn schließlich hat man viel Geld für seine Karte bezahlt und will sich auf keinen Fall den Spaß verderben lassen.

Interessanterweise brandet zum ersten Mal richtige Begeisterung auf, als das alte Stück For Today I Am A Boy angestimmt wird. Anscheinend ist den meisten hier der Vorgänger wesentlich geläufiger als das aktuelle Werk. Aber auch dessen Stücke haben jetzt mehr Dampf. Bei Kiss My Name knallt zum ersten Mal der Drummer so richtig mit seinen Schneebesen auf sein Arbeitsgerät. Das Konzert ist jetzt lanciert, die Aufwärmphase vorbei. Another World erzeugt mit seinem tottraurigen Text (Antony erzählt textlich, was er alles vermissen wird, wenn er nicht mehr da ist) zum ersten Mal ein wohliges Kribbeln in der Magengegend und bei einem anderen Stück verpatzt Antony sogar den Einstieg, was ihm prompt mit standing ovations gedankt wird. Er schwächelt leicht, das macht ihn menschlich und das lieben die Leute. Ein häufig beobachtetes Phänomen: Den bewegendsten Moment seiner Karriere hat das Tennisgenie Roger Federer im Januar dieses Jahres geliefert, als ihm nach der ärgerlichen 5 Satzniederlage bei den Australian Open die Tränen der Enttäuschung über die Wange liefen. Niemand möchte eben perfekt geölte Roboter haben, wenn hochtalentierte Leute auch einmal patzen, dann fliegen ihnen plötzlich die Herzen der Fans erst recht zu. Gut so!

Mein Herz schlägt höher, als Antony einen alten Song anstimmt, I Fell In Love With A Dead Boy. "I fell in love with a dead boy, oh, such a beautiful boy, oh such a beautiful boy. I ask him are you a boy or a girl?", das ist wirklich ein Frontalangriff auf die Tränendrüse, begleitet von traumhaft schönen Streichern! Das Konzert ist jetzt in seiner besten Phase, Fistfull Of Love von I Am A Bird Now ist so grandios, daß es hinterher einen überwältigend Jubel gibt. Das führt dazu, daß Antony etwas aus der Fassung gerät, denn You Are My Sister muß er drei mal anstimmen und kriegt es trotzdem nicht so hin, wie er das gerne möchte. Er bricht das Stück ab und bekommt erneut eine riesige Ovation. Leute rufen : "We love you oder you are a genius, worauf er trocken antwortet: "That's sweet, but I'm only as good as the last song." Nun beginnt eine längere Plaudereinlage, die extrem gut ankommt, weil sie die Stimmung auflockert. Der Künstler erzählt von seinem Verhältnis zu Gott und bekennt, daß er nicht an ihn glaubt*("God doesn't love me, because I'm a witch"), als junger Kerl aber in Jesus verliebt gewesen sei, da er das Gefühl hatte, daß dieser mindestens genauso stark leide, wie er selbst. Er träume davon, daß Gott als Frau wiedergeboren werde und ist plötzlich bei einem Thema angelagt, daß ihm anscheinend am Herzen liegt: Die Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft. Er hoffe, daß irgendwann die Zeit dafür reif sei, daß in der Mehrzahl Frauen große Unternehmen leiten und Staaten regieren (dabei schließt er aber Maggie Thatcher aus. Wieso eigentlich? Immer wird über die Frau hergezogen, obwohl sie trotz vieler übler Macken einiges für ihr damals am Boden liegendes England getan hatte) und erklärt, daß er Michelle Obama für die schönste Frau überhaupt halte. Die ganzen Ausführungen dienen letztendlich der Einleitung in das nächste Stück Hope Mountain, wo der Künstler sich textlich fragt, wie es wäre, wenn Jesus als Frau wiedergeboren würde und ob diese Frau dann auch über das Wasser gehen könne. Der Vortrag ist exzellent und nun kann auch You Are My Sister noch einmal fehlerfrei gespielt werden.

10 Minuten später ist mit einem intensiven Aeon die Messer vorerst gelesen. Kusshände werden ins Publikum geworfen und das Septett verschwindet kurz, bevor man bloß zwei Minuten später wieder mit versammelter Mannschaft einmarschiert. Nun machen sich Fans lautstark mit Wünschen bemerkbar. Einige machen sich vergeblich für Crazy in Love stark ("I dont feel crazy in love today"), andere fordern Brel ("I can't sing as good as Brel") und schließlich bekommt man eine improvisierte Einlage, bezeichnet als Song For Paris. Nach dem tollen Cripple And The Starfish vom ersten Album kommt dann das heißersehnte Hope There's Someone und dies ist nun wirklich so packend, daß ich es nicht bereue, mich an diesem herrlichen Frühlingstage in diesen dunklen Raum gesetzt zu haben! Das Lied kennt nun wirklich jeder und längere Ausführungen erübrigen sich somit. Nur soviel: Es ist eines der bewegendsten Lieder, die ich bisher live gehört habe und rechtfertigt alle Lobhudelungen auf Antony. Er ist ein riesiges Talent! - Und trotzdem ist er kein Genie. Zum Glück, denn Perfektion ist langweilig und die Phasen, in denen nicht alles so glatt lief, waren heute eigentlich die Schönsten.

Der Pianist ist übrigens auch ein sympatischer Kerl, der seine Fans liebt, wie ich hinterher feststellen konnte. Während ich draußen noch mit Freunden lange angeregt über das Konzert debattiere, geht plötzlich die Tür auf und der überraschend großgewachsene Mann tritt auf die Straße. Natürlich ist er in null Komma nichts von Fans umlagert und muß nun noch ausdauernd Autogramme schreiben. Das macht er gerne und sehr geduldig und ich nehme es ihm auch nicht übel, daß ich im Gegensatz zu meinem Freund Patrice persönlich leer ausgehe, weil der Star ins Taxi steigt. Irgendwann wollen Künstler auch mal ihre Ruhe haben. Diese sei ihnen gegönnt!


Setlist Antony & The Johnsons, Paris, Le Grand Rex (merci à Angelo de Rockerparis!)


01: Where Is My Power
02: Her Eyes Are Underneath The Ground
03: Epilepsy Is Dancing
04: One Dove
05: For Today I Am A Boy
06: Kiss My Name
07: Everglade
08: Another World
09: Shake That Devil
10: The Crying Light
11: I Fell In Love With A Dead Boy
12: Fistful Of Love
13: Hope Mountain
14: You Are My Sister
15: Twilight
16: Aeon

17: Song For Paris
18: Cripple And The Starfish
19: Hope There's Someone

* wohingegen ich keine Sekunde an die Klimakatastrophe glaube, die Antony wie so viele andere befürchtet. Für mich alles ein riesiger Medienhype und falls die Erde untergehen sollte, ist es ein nicht zu stoppendes Naturphänomen, das der Mensch keineswegs dadurch beeinflussen kann, daß er weniger Auto fährt oder Ähnliches...



Pour nos lecteurs français:

Antony voulait pas chanter Crazy in Love (parce qu'il ne se sentait pas Crazy in Love) ni Brel (parce que d'apres lui Brel avait une meilleur voix), mais d'entendre le sublissime Hope There's Someone valait lui seul déjà le détour. Avec un vrai petit orchestre (entre autres violincelle, violin et saxophone) l'homme avec la voix divine interprétait les morceaux de son dernier album The Crying Light et aussi des chansons du precedesseur comme Fistful Of Love, You Are My Sister ou For Today I Am A Boy. Mais le plus beau titre était le très touchant I Fell In Love With A Dead Man. Côté anecdotes, il parlait de ses angoisses concernant le climat (moi perso j'ai pas peur du tout de ça), de sa relation avec dieu (il ne croit pas en dieu, mais jeune il était amoureux de Jésu), de la beauté de Michelle Obama, de sa jeunesse malheureuse et qu'il revait d'une monde ou les femmes sont au pouvoir. (il excluait Margaret Thatcher et n'évoquait pas Angela Merkel).

Et à la fin il souhaitait en français "un tres beau printemps" au public. Ce fut une très belle soirée avec un artiste surdoué et attachant...

- Fotos von Antony & The Johnsons hier
- Fotos von der Aftershow hier
- Super Video von Antony live @ The Grand Rex von Rockerparis.

Konzerttermine von Anthony & The Johnsons in Deutschland 2009:

- 24. 04.2009: Admiralspalast, Berlin
- 26.04.2009: Postpalast, München
- 27.04.2009: Alte Oper, Frankfurt

und außerdem:

29.04.2009: Teatr Wielki, Warschau, Polen
30.04.2009: Donaufestival (Halle 1), Krems an der Donau, Österreich
01.05.2009: Donaufestival (Main Hall), Krems an der Donau, Österreich
03.05.2009: Muziekcentrum Frits, Eindhoven, Niederlande




 

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