Ort: Le Divan Du Monde, Paris Datum: 06.09.2012 Zuschauer: 80-90 Konzertdauer: Maud Lübeck 30, Hannah Cohen gut 45 Minuten
War das jetzt eine Art Lana del Rey "in natürlich"? Ich meine, Hannah Cohen sieht schon sehr puppig aus, oder etwa nicht? Vergleiche mit der Del Rey scheinen mir also nicht an den Haaren herbeigezogen zu sein, zumal ja beide Models sind bzw. waren. Liest man zumindest immer. "Hannah Cohen, das Model, blablabla." Wen interessiert's? Mich nicht. Trotzdem schön festzustellen, daß bei ihr mit großer Wahrscheinlichkeit alles natürlich ist. Aufgespritzte Lippen, Silikon in den Wangen, aufgeklebte Fingernägel, nichts von alledem gibt es bei der jungen Dame mit der samtweichen Flüsterstimme.
Stattdessen präsentierte sich eine natürliche Schönheit mit guten Manieren* und einem höflichen Auftreten dem interessierten und auf Stühlen sitzenden Publikum. Ein scheues Rehlein, das auch zwischen den Liedern nur flüsterte, als habe sie Angst irgendwen aufzuwecken. Aber geschlafen haben wir ohnehin nicht, da wir alle geblendet waren. Nicht von der Schönheit der Sängerin- die sahen wir so gut wie gar nicht-, sondern von dem saumäßig grellend Licht, das unsere Augen quasi permanent attackierte. Dem Lichttechniker hätte man in diesem Moment Sackratten gewünscht, aber keiner traute sich, sich zu beschweren, auch ich nicht. So saßen wir also da wie die Deppen und hätten am liebsten Sonnenbrillen zur Verfügung gehabt. Der Kopf dröhnte uns von den grellen Lampen und es fiel schwer, sich auf die zweifelsohne wundervolle Musik zu konzentrieren.
Aber ich riss mich dennoch zusammen, schließlich hatte mir Hannah Cohen mit dem auf Bella Union erschienenen Album Child Bride eines der betörendsten Werke des Jahres geschenkt, da wollte ich die Freunden der Liveumsetzung nicht missen. Und spätestens als ich mich von meinem Platz erhoben hatte und mich an der schattigen Seite postierte, lief es besser. Nun war ich nicht mehr geblendet. Oder doch, aber diesmal wirklich von Hannah, ihrer sanften Stimme und dem dezenten Giutar picking!Ein Genuß.
Cohen spielte im Übrigen nicht alleine, sondern hatte den bärtigen E-Gitarristen Josh Kaufman an ihrer Seite, der ein paar sehr hübsche Melodien aus seinem Instrument herauskitzelte und wirklich eine Bereicherung darstellte. Zudem wurde auch ganz reduziert mit einem kleinen Keyboard gearbeitet, das ein paar sphärische Klänge beisteuerte oder ein wenig Rhythmus hinzufügte. Spartanisch instrumentiert also das Ganze und so pur ist mir das meistens eh am liebsten. Zwar gab es ein paar Nörgler hinterher, die die Lieder zu gleichförmig fanden, aber die hatten sicherlich nicht das Album oft genug gehört, ansonsten wären bei ihnen mehr unterschiedliche Melodien hängen geblieben. Songs wie Don't Say, Sorry oder The Crying Game waren nämlich wirklich traumhaft und auch abwechslungsreich. Freilich ist Hannah Cohen in der Tat noch nicht perfekt, sondern steht noch am Anfang ihrer Karriere. Gerade ihr Auftreten hätte noch eine Spur sicherer sein können, ihre Gestik und Mimik ausdrucksvoller, ihre Songs manchmal eine Spur energischer und prägnanter. Aber in letzter Hinischt war sehr positiv zu vermerken, daß ein neues, unveröffentlichtes Lied die stärkste und eingängigste Melodie hatte und das beste Stück des harmonischen Sets darstellte. Ein Set, daß dahinflog wie ein flüchtiger, gehauchter Kuss. Man hätte Hannah Cohen gerne länger an ihren vollen (aber eben nicht aufgesprizten) Lippen gehangen, hätte gerne mehr traurige Liebeslieder gehört, sich noch stärker an der anziehenden zarten Melancholie berauscht. Aber daraus wurde nichts, da die Newcomerin einfach noch nicht genügend Material hatte. Nach gut 45 Minuten inklusive einer Zugabe und einem ordentlichen Neil Young Cover im Mittelteil (Transfomer Man) war darum Schluß und man darf gespannt sein, wie es mit dem singenden Model weitergeht. Eine längere Karriere als Lana del Rey traue ich ihr auf jeden Fall zu. Aber diese Wette ist zu einfach, um damit viel Geld zu verdienen, also lassen wir das lieber....
See you soon, Hannah!
Setlist Hannah Cohen, Le Divan Du Monde, Paris
01: Carry You Under 02: Don't Say 03: If You Tried 04: Say Anything 05: Transformer Man (Neil Young) 06: The Crying Game 07: Sunrise 08: Sorry
09: Shadows
Bericht Maud Lübeck am Montag.
* sehen wir mal davon ab, daß sie ihren Mitmusiker seltsamerweise vorstellte in dem sie mit dem Fuß (!) auf ihn zeigte.
Konzert: Fête de la musique chez le Cargo, mit Redeye, Sir Alice & Gaspar Claus, Lidwine, Tiny Ruins, Maud Lübeck, The Dove and The Wolf, Erevan Tusk, aber ohne Jens Lekman Ort: Innenhof von Renaud, irgendwo in Paris Datum: 21.06.12 Zuschauer: 150
Der gute Renaud ist einer der ganz Großen der Pariser Indieszene. Seit nun schon ein paar Jahren filmt er mit seiner Videokamera die feinsten internationalen und französischen Acts für seine Seite Le Cargo, ist aber ungemein herzlich und bodenständig geblieben. Kein abgehobener Schnösel, sondern ein sehr lieber und umkomplizierter Kerl. Inzwischen ist es eine schöne Gewohnheit geworden, daß er am Tage der Fête de la Musique im Innenhof seines Mietshauses eine Party gibt, zu der er Freunde und Bekannte und tolle musikalische Gäste einlädt.
In diesem Jahr waren dies Redeye, Gaspar Claus & Sir Alice, Lidwine, Maud Lübeck, The Dove & The Wolf und Erevan Tusk. Eingeplant war ursprünglich auch der zuckerübergossene Schwede Jens Lekman, aber der war wohl ob der mittäglichen Regenfälle geschmolzen. Schade, ich hätte den Schmalz-Popper sehr gerne gesehen, aber dieses Highlight war uns Zuschauern leider nicht vergönnt. Stattdessen gab es die Ersatzfrau Tiny Ruins und für die hatte ich mich höchstpersönlich stark gemacht. Noch am Vortag hatte ich eine E-Mail an Renaud aufgesetzt und ihn inständig gebeten, Tiny Ruins in letzter Minute mit ins Line Up aufzunehmen und weil Jens ausfiel, passte das wunderbar. Wie inzwischen jeder (?!) weiß, bestehen Tiny Ruins aus der Sängerin Hollie und der Kontrabassistin Cass und die beiden Grazien aus Neuseeland waren vor der Fete noch auf unserer Terrasse vorbeigekommen und genoßen die seltsame Mischung aus Bier, Schokolade und Croissants (die auf meinem Mist gewachsen war). Gegen 19 h 30 brachen wir auf und sahen gerade eben noch den Schluß von Redeye, der mit diversen Musikern, darunter einer Violinistin, aufspielte. Kurze Zeit später hatte es sich ausgeredeyt und die improvisierte Bühne gehörte dem "blonden Gift" Sir Alice und dem hochbegabten Cellisten Gaspar Claus. Sir Alice ließ die frühe PJ Harvey raushängen und keifte sich mit ihrem französischen Akzent durch die englischen Texte. Die Stimmung der Songs war düster und angriffslustig, das Set ansprechend, aber auf Dauer etwas deprimierend.
Nun war Lidwine dran, die jeder von den Oliver Peel Sessions her kennt. Die talentierte Harfespielerin arbeitet inzwischen an ihrer zweiten EP und hatte auch neue Songs im Gepäck, die sehr vielversprechend klangen. Highlight war ein Duett mit The Rodeo, die hierzu (angeblich zum ersten Mal in ihrem Leben!) Harmonium spielte und auch Backvocals beisteuerte. Immer wieder schön, den beruhigenden und betörenden Klang einer Hafe zu hören, vor allem wenn sie von einer solch filigranen Künstlerin wie Lidwine gezupt wird. Der jungen Dame ist noch viel zuzutrauen, sie ist noch weitgehend unentdeckt, wird aber ihren Weg gehen.
Gleiches kann man natürlich auch von Tiny Ruins sagen und bei Hollie Fullbrook bin ich sogar noch optimistischer, sage ihr eine ganz rosige Zukunft und mindestens 400 er Locations voraus. Ich sehe in ihr eine der größten Singer/Songwriterinnen unserer Zeit. Sie verfügt über eine wahnsinnig schöne Stimme, poetische Texte und einen Sinn für subtile Songstrukturen, der verblüffend ist. Jedes einzelne ihrer Lieder liebe ich heiß und innig und die neuen Stücke, die nicht auf dem großartigen Album Some Where Meant For Sea drauf sind, klingen sogar noch verführerischer. Reasonable Man und She'll Be Coming Round sind zwei abolute Knüller, die zeigen, daß sie immer noch besser wird. Zusammen mit ihrer Kontrabassistin Cass spielte Hollie ein Traumset, daß mit sehr großem Beifall bedacht wurde.
Etwa 10 Minuten später klimperte die Französin Maud Lübeck gefühlvoll auf dem Piano und hauchte ihre französischen Chansons ins Mikro. Begleitet wurde sie teilweise an der Gitarre von Simon Beaudoux, den man auch von der Indierockband Exsonvaldes her kennt. Maud hatte genau wie Lidwine in der Vergangenheit eine sehr hübsche Oliver Peel Session gespielt und inzwischen ihr Debütalbum La Fabrique veröffentlicht, für das sie viel positive Kritik einheimsen konnte. Schönstes Lied in ihrem Set war heute Les Larmes Gelées, eine nahegehende Ballade mit sinnlichem Gesang.
Es war bereits dunkel geworden, als die beiden bluthungen Pariserinnen Louise und Paloma aka The Dove And The Wolf auf ihren beiden Akustikgitarren vom Leder zogen. Herrliche Harmoniegsänge und feine Melodien erfüllten den dunklen Innenhof und viele Zuschauer waren verblüfft, solche heimischen Talente zu entdecken. Louise und Paloma spielen erst seit ein paar Monaten zsuammen, werden aber von Tag zu Tag bekannter und immer häufiger gebucht. Ihre Musik erinnert an First Aid Kit und die Fleet Foxes, wirkt aber nicht kopiert, sondern sehr inspiriert und freiheitsliebend. Sie haben sogar schon einen richtigen Hit im Programm. Springtime heißt der und damit räumten sie bei dieser Fête de la Musique so richtig ab.Alle sangen begeistert den Refrain mit, so manch einer johlte gar.
Blieben die Headliner Erevan Tusk und schon nach einem Lied war klar, daß sie dieser Rolle voll und ganz gerecht wurden. Akustisch sind sie vielleicht noch stärker als elektrisch und erfreuten mit ihren berauschenden Chören, unwiderstehlichen Melodien und einer Energie und Spielfreude, die hochgradig ansteckend war. Hit reihte sich an Hit, zwei Sänger mit jeweils super Stimme wechselten sich ab und am Ende coverten sie sogar Gigantic von den Pixies. Die Stimmung hatte ihren absoluten Höhepunkt erreicht und wir alle hätten sicherlich noch stundenlang zu hören können.
Irgendwann ging aber auch diese Fête de la Musique zu Ende und nur mit Glück kam ich noch gegen halb zwei mit der U-Bahn wieder nach Hause.Nächstes Jahr gerne wieder!
* u.a. Laura Gibson, Alela Diane, Low, Sebadoh, Vic Chesnutt, Dan Mangan, First Aid Kit, Sharon van Etten, Veronica Falls, Dear Reader, Other Lives, My Brightest Diamond, Giant Sand, The Wedding Present, The Posies, Syd Matters, Nada Surf, O'Death, And Also The Trees...
Maud Lübeck & Edward Barrow Ort: eine großbürgerliche Wohnung in Paris, unweit von Bastille Datum: 31.03.12 Zuschauer: mindestens 150 Konzertdauer: insgesamt dauerten die Konzerte wohl 'ne Stunde
Donnerwetter! Was für eine Wohnung! Mitten in Paris! 4 Meter hohe Decken, Stuck, Parkett, mehrere riesige Zimmer, Bücher überall. Und ein Buffet, das dem Club Med Konkurrenz machen konnte. Es gab alles. Fleisch, Fisch, Falaffel, Obst, Gemüse, Champagner, Wein, Bier...
So feiern also Chefs eines kleinen Indielabels namens Volvox einen neuen Release. Labelboss müsste man sein. Oder Buchhändler, oder beides gleichzeitig, so wie der nette Herr, der zu dieser prachtvollen Party geladen hatte. Darum auch die ganzen Bücher. Sogar ein Werk über meinen Vater John Peel habe ich in seiner reich bestückten Bibliothek gefunden.
Aber von welchem Release wir hier eigentlich? Nun, im Grunde genommen von gleich zwei Neuveröffentlichungen. Sowohl die Pianistin Maud Lübeck, als auch der Zitherspieler Edward Barrow werden in den nächsten Wochen ihre Debüts auf den Markt bringen und beide legten sich zur Feier dieses Ereignisse akustisch ins Zeug.
Maud begann mit ihren melancholischen Pianoballaden, die sie auf französisch sang und singt und verzückte mich damit erneut. Ich bin befangen, das muss ich dazu sagen. Seitdem die brünette Dame bei mir eine Session gespielt hat, stehe ich ihr natürlich nahe und wünsche ihr Inspiration und Erfolg. Und der Erfolg steht ja schon quasi vor der Tür, denn mit dem Herausbringen des Albums "La Fabrique" dürfte sie noch deutlich bekannter werden und mehr Konzerttermine bekommen. Es sei ihr gegönnt, denn kaum eine ist so natürlich und unverfälscht wie Maud. Da gibt es keine Zicken, keine Allüren, keine Arroganz. Sie arbeitet weitestgehend autark und kennt eigentlich kaum andere Musiker. Nicht, weil sie ignorant ist, sondern weil sie sich auf ihre eigene Musik konzentriert, die eher von klassischen Sängerinnen wie Barbara oder Françoise Hardy beeinflusst ist, aber dennoch eine moderne Note in sich trägt.
Ein bißchen schade allerdings, daß sich bei dieser Home Show nicht alle im Haus anwesenden Leute für das Konzert interessierten. So einige Mitbürgerinnen und Mitbürger blieben im Flur stehen und plauderten mitunter unangenehm laut.
Mit diesem Problem hatte auch der nachfolgende Edward Barrow zu kämpfen. Den Burschen mit der Elvis-Tolle hatte ich schon einmal in der Mécanique Ondulatoire gesehen und zumindest 2 bis 3 Lieder in guter Erinnerung behalten, darunter die wunderbar melancholische Ballade Life Is Beautiful, die er heute auch spielte. Heuer brachte er aber auch noch so einige Albumtitel von The Black Tree, einem Machwerk, das im französischen Mojo Magazin mit sensationellen 5 Sternen (der Höchstnote!) bewertet wurde. Das muss man sich mal vergegenwärtigen, five stars für einen Newcomer, der eine englische Mutter hat, aber in Frankreich aufgewachsen ist! An Vergleichen mit illustren Künstlern mangelt es in der lobpreisenden Besprechung nicht. Andrew Bird, Nick Cave und sogar Elvis Presley werden zitiert, aber auch Depeche Mode. Depeche Mode? Wie passen die in eine Reihe mit vorgenannten Künstlern? Nun, Edward Barrow (sein richtiger Name übrigens) mag die kultigen Elektro-Popper anscheinend sehr und coverte heute auf einem Omnichord auch Enjoy The Silence, ganz zur Freude des Publikums, das endlich mal ein Lied kannte. Er bekam das ziemlich gut hin, obwohl ich die Stücke auf der Zither bevorzugte.
Erneut war mein absoluter Liebling Life is Beautiful. Eine in tiefstem Moll gehaltene Ballade, sehr lyrisch, zärtlich, herzerwärmend. Ein richtiger kleiner Indie Hit made in France, dem ich, Powerplay im Radio vorausgesetzt, hohe Chartplatzierungen zutrauen würde.
Edward Barrow ist was für Romantiker, also Fans von Antony & The Johnsons, Baby Dee, Rufus Wainwright, Scott Walker und Divine Comedy. Vom Schmalz ist man mitunter nicht weit entfernt, das muss man hinzusagen. Nach seinem Konzert brauchte ich erst mal ein herbes Bier, um die Süße im Mund runterzuspülen.
War ne schnieke Party! Das linke Bildungsbürgertum weiß zu feiern.Selten passte der Ausdruck Champagnersozis so gut...
Konzert: Amy Musser, Pollyanna, Maud Lübeck Ort: ein blauer Bus,der durch Paris fährt Datum: 29.03.12Zuschauer: 9 inklusive Musiker Konzertdauer: eine gute Stunde,pro Künstler 1 Lied aber 2 takes
Wenn Franzosen von einer viertel Stunde sprechen, dann meinen sie eigentlich eine Stunde!
Soviel habe ich zumindest an jenem kühlen Märzabend gelernt. Nun ja, man soll ja nicht verallgemeinern. Aber ziemlich frustriert war ich schon, daß muss ich zugeben. Dabei hatte alles so wahnsinnig spannend geklungen. 3 (ursprünglich 4, Cleo T.war kurzfristig abgesprungen) Künstlerinnen sollten mit einem alten Bus aus den 1950ern Jahren durch Paris fahren und akustisch jeweils ein Lied vortragen, was gefilmt werden würde. Die Sache fand auch wie geplant statt, allerdings ohne mich an Bord. Zwar hatte ich es geschafft, schon einzusteigen und ein Plätzchen zu besetzen, aber nachdem durchgezählt wurde, stellte der Fahrer fest, daß wir 10 Perosnen seien, sein Führerschein und seine Verischerung aber nur für 9 Leute gelten würde. Ich hatte die Arschlochkarte gezogen und musste wieder aussteigen. Man vertröstete mich, versprach mir, nach dem ersten Musiker durchzuwechseln, damit niemand von dem Vergnügen ausgeschlossen würde. In einer viertel Stunde seien sie wieder da und würden mich an Ort und Stelle abholen. Soweit die Theorie.
50 Minuten später hing ich immer noch auf der Straße rum, guckte vergeblich auf den Asphalt, sah aber weit und breit keinen blauen Bus. Es war inzwischen empfindlich kühl geworden und nach weiteren fünf Minuten zog ich wie ein nasser Pudel deprimiert von dannen.
Später erfuhr ich, daß die Gruppe fünf Minuten später eingetroffen sei, um mich abzuholen. Aber es wäre ein schwacher Trost gewesen, Amy Musser und Maud Lübeck waren schon mit ihrem Programm durch.
Für mich trotzdem die Gelegenheit, diese neue Art von Sessions zu erwähnen, denn die Sache hat sicherlich Charme. Der Bus satmmt aus dem Jahre 1957, Fabrikat Renault und bietet sieben Touris (+ den zwei Tourbegleitern) Platz. Eine halbstündige Fahrt kostet mit 7 Leuten 126 Euro, also 18 pro Person. Eine nicht ganz billige, aber originellle Art die Stadt kennenzulernen.
Wichtiger als dieser Hinweis ist aber noch die Tatsache, daß Pollyanna eine neue tolle EP namens Spring herausgebracht hat, daß Maud Lübeck sogar ihr erstes richtiges Album La Fabrique dieser Tage veröffentlicht und daß man auf der Bandcamp Seite von Amy Musser jeden Sonntag einen Song aus ihrer Reihe Bedroom Series anhören kann.Und wenn ich von den fertigen Videos der Bus Bleue Action erfahre, gebe ich hier Bescheid.
Konzert: Cyann & Maud Lübeck Ort: ein Wohnzimmer irgendwo in Paris, Oliver Peel Session # 39 Datum: 09.07.2011 Zuschauer: etwa 40 Konzertdauer: jeweils rund 45 Minuten
La dernière Oliver Peel Session de la saison mettait à l'honneur deux pianistes françaises sublimes. Maud Lübeck et Cyann ont en commun une douce melancolie et un univers fragile, sensuel et touchant, mais les ressemblances s'arrêtent là. Maud chante ses morceaux simples (mais pas banals), directes et classiques en français, Cyann s'exprime dans la langue de Shakespeare et ses chansons sont complexes, dramatiques et parfois un brin experimentales. Deux artistes, un même instrument, mais une approche différente de la composition et de la structure.
Session cohérente, mais néanmoins variée donc, et cela pour la plus grande joie du public, qui vint en grand nombre ce samedi 9 juillet. Environ 40 personnes se delectèrent de quiches, biere et rosé, caressèrent notre chat et s'assirent pour écouter tranquillement les concerts.
Mais, hélas! Juste avant le début du set de Maud le grand ampli fumait comme une cheminée en plein hiver! Pourtant pendant les balances il fonctionnait à merveille et là, il nous lache! Merde! En plus ce n'est pas le mien!...
Mais des histoires comme cela font aussi le charme des sessions et heureusement nous avons pu disposer d'un deuxième petit ampli qui marchait tout aussi bien et suffisait largement.
Maud a donc pu charmer par sa belle voix sensuelle, ses textes raffinés et recherchés et son fin jeu de piano. Pour varier, elle se servait également d'un petit synthé Korg, d'un dictaphone et même d'une petit tourne disque tout ce qu'il y a de plus vintage qui "l'accompagnait à la guitare" pour "Mon amour en boite", un titre au charme suranné, comme un parfum des années 60, doté d'un refrain entêtant: "mon amour en boite, je viens de te réveiller"...
Son concert était composé de multiples perles, tellement évident qu'on avait l'impression de les connaître depuis longtemps, si bien qu'il m'est difficile de déterminer mes favoris!
Toujours avec une pointe d'humour, comme lorsqu'elle dédie une chanson à une carpe japonaise croisée au parc de Bagatelle (La Fabrique), nostalgique quand elle parle de Paris (C'est Pas Rien: "la ville qui flotte..., c'est pas pas Rio, c'est pas ricain, c'est pas rien.") ou comme dans la nouvelle version de Paris Belleville, un de ses anciens titres qui m'a fait penser à Domique A et ses ambiances mysterieuses, noctambules, sombres et hantés.
Si elle chante des moments de tendresse sous un parapluie ou de larmes gelées, elle le fait à chaque fois avec beaucoup de douceur, d'élégance et d'amour, comme dans le morceau qui vint terminer ces 45 minutes de bonheur, Je t'aimais trop. Les applaudissements étaient nourris et Maud revint jouer Neige en rappel.
Courte pause. L'occasion de prendre un verre, fumer une cigarette ou de s'embrasser à la fenêtre et la soirée continuait avec Cyann.
L'ex-chanteuse de Cyann & Ben s'est lancé en solo depuis 1 et demi et a écrit de magnifiques chansons, toujours aussi sombres, sensuelles et mélodramatiques, mais plus directes et sans guitares (du moins aujourd'hui).
Mon favori absolu est Walls Of Silence futur tube qu'elle jouait en troisième position. Morceau hanté, bouleversant, atmosphérique, dense et d'une beauté presque irréelle (ces choeurs-là sont à tomber par terre!!) qui déclencherait presque une totale dépendance chez moi. A chaque fois quand je l'entend sur le My Space de l'artiste, je me sens obligé de l'écouter encore et encore, chose qui n'était pas possible aujourd'hui. Mais j'avais une idée pour l'écouter une deuxième fois ce soir. Cyann a fait une toute petite faute et pour moi c'était le prétexte idéal pour réclamer Walls Of Silence en rappel!!!
N'oublions pas le reste du concert et parlons également du titre dramatique et captivant Should I Cross My Fingers où Cyann montrait bien qu'elle possède un sacré tempérament! Elle chanta avec une grande ferveur, et son jeu de piano devint de plus en plus intense, pour finalement s'achever par une irrésistible petite mélodie!! Les morceaux suivants, I'll Be Waiting soutenus par des chants d'oiseaux (pré-enregitrés, bien sûr) et The Wind Is More Than Science, écrit par Yelena Valer'evan Moskovich montraient le côté expérimental et avant-gardiste de l'artiste. Yelena répétait ou anticipait avec une voix sombre et glaciale et Cyann chantait le même texte avec beaucoup de passion.
Pour ma plus grande joie Cyann joua aussi un titre de Cyann et Ben. Sweet Beliefs a toujours fait partie de mes favoris parmi la production du groupe, mais l'interprétation de ce soir, sans les guitares et l'orchestration que je connaissais, était encore plus pure et plus touchante!
Deux magnifiques concerts pour clore cette passionnante saison de Sessions, et encore tous mes remerciements aux artistes et aux nombreux spectateurs qui sont venus les soutenir!!
So etwas hatten wir auch noch nicht bei den Oliver Peel Sessions: dicke, übel stinkende Rauchschwaden stiegen aus den Ausgängen des Verstärkers und dies zwei Minuten bevor wir den Konzertabend beginnen wollten! Verflucht! Dabei hatte der Soundcheck perfekt funktioniert, alles war angerichtet für das Fest und nach 38 problemlos überstandenen Sessions muckt dieser doofe Verstärker. Damit uns nicht die Bude abfackelt, haben wir das glühend heiße Teil deshalb ausgeschaltet und uns mit einem kleineren Model, das die Musikerinnen glücklicherweise mitgebracht hatten, beholfen.
Letztlich war es viel Rauch um fast nichts. Auch so war der Sound in Ordnung und die beiden Pianistinnen beglückten uns mit ihren melancholischen Bildschönsongs. Maud Lübeck begann auf französisch, Cyann (ex Cyann & Ben) setzte auf englisch nach. Es war zum Niederknien, zum Steine erweichen, zum Davonschweben und wenn es etwas auszusetzen gab, war es lediglich die Tatsache, daß keine der beiden Künstlerinnen bisher Tonträger veröffentlicht hat, die man hinterher hätten hören können, um sich sanft in den Schlaf zu wiegen.
Gutes Stichwort: Schlaf. Den brauch ich jetzt. Und vielleicht weiß ich bis morgen dann auch , wie ich die Geschichte mit dem durchgeschmorten Verstärker meinem Freund erkläre, der ihn mir vor über drei Jahren geliehen und seitdem nicht mehr wiedergesehen hat. Soll ich ihm etwa das verkohlte Ding in dem Zustand in die Wohnung wuchten?
Setlist Maud Lübeck, Oliver Peel Session # 39, Paris:
01: Haut 02: La Balançoire 03: La Fabrique 04: Les Larmes Gélées 05: Le Parapluie 06: Mon Amour En Boite 07: La Route 08: Le Pull Lover 09: Paris Belleville 10: C'est Pas Rien 11: Je T'aimais Trop
12: Neige
Setlist Cyann, Oliver Peel Session # 39, Paris:
01: You' D Better Run 02: Should I Cross My Fingers 03: Walls Of Silence 04: I'll Be Waiting 05: The Wind Is More Than Science 06: Tongue Of Ashes
Konzert: Maud Lübeck Ort: Le Bouillon Belge, Paris Datum: 30.06.2011 Zuschauer: etwa 50 Konzertdauer: circa 50 Minuten
Obwohl ich seit fast neun Jahren in Paris wohne, besprechen wir Musiker, die auf französisch singen recht selten hier auf dem Konzerttagebuch. Das liegt zum einen daran, daß viele Franzosen heutzutage auf englisch (oder so etwas ähnliches) trällern, zum anderen, daß ich beim Thema "französischer Chanson" recht wählerisch bin. Dennoch gibt es eine Reihe von Künstlern in dieser Sparte, die ich mag. Zu nennen wären: Florent Marchet, Françoiz Breut, Dominique A, Laetitia Sadier (+ Monade), Holden, Camille, JP Nataf, Arman Méliès, Daniel Darc, Barbara Carlotti, Bertrand Belin, Constance Verluca, Arlt, La Fiancée und noch ein paar andere, die mir jetzt gerade nicht einfallen.
Die aus dem Süden Frankreichs stammende Pianistin Maud Lübeck gehört definitiv auch in diese Liste, denn bei ihr gefällt mir einfach alles: Stimme, Texte, Klavierspiel, Ausstrahlung.
Zufällig hatte ich sie neulich bei der Fête de la Musique getroffen und da erzählte sie mir, daß sie vor den großen Sommerferien noch einmal auftreten werden. Den Austragungsort "Le Bouillon Belge" kannte ich allerdings nicht, aber das machte nichts, ich lerne gerne neue Locations kennen.
Der Laden entpuppte sich als Bar mit angeschlossenem Konzertkeller, ähnlich also wie das Pop in oder die Mécanique Ondulatoire. Der Bouillon Belge war allerdings mit bequemen Sitzen ausgestattet und so machten es sich die etwa 50 Besucher auf roten zweisitzigen Sofas und kleinen Stoffhockern bequem.
Wie immer erschien ich zu spät, aber das war nicht ganz so tragisch, denn ich hatte lediglich einen einzigen Chanson verpasst. La Balançoire (die Waage) hörte ich zumindest noch zur Hälfte und bei La Fabrique war ich mittendrin statt nur dabei.
Ich glotze Richtung Bühne und erspähte bei Schummerlicht die Pianistin hinter ihrem elektronischen Klavier. Sie hatte einen Pull Marin, einen Matrosenpullover, an, der sich in Frankreich großer Beliebtheit erfreut. Dazu trug sie Jeans und weiße feine Stoffschuhe der Marke Repetto, die nach dem großen Serge Gainsbourg benannt sind. Und zu Serge Gainsbourg gibt es zumindest hinsichtlich der Einflüsse eine Querverbindung, denn Maud Lübeck klingt stimmlich ziemlich stark nach Jane Birkin, der Frau von Serge. Birkin hat mit ihrem sinnlich-melancholischen Hauchgesang die typisch französiche Frauenstimme definiert, obwohl sie amüsanterweise ja Britin ist und im Französischen einen unüberhörbaren Akzent hat.
Akzentfrei ist hingegen Maud Lübeck, obwohl sie aus dem Süden (Region Provence- Alpes Côte d'Azur) und damit aus der Gegend meiner Schwiegereltern stammt. Dort unten spricht man eine schwer verständliche Mundart, die für unbedarfte Ohren sehr sonderbar klingt. Aber Mauds Eltern kommen eigentlich aus Paris, sind nur irgendwann ans Mittelmeer gezogen, wo die Tochter dann aufgewachsen ist. Mit 18 hat sie ihre ersten Lieder geschrieben, mit 20 ist sie dann nach Paris aufgebrochen und 18 Jahre später ist sie immer noch in der Stadt der Liebe wohnhaft. Kein einziges Album ist bisher verfügbar, obwohl sich die Demotapes bei Maud Lübeck laut eigener Aussage bis unter die Decke stapeln. Nun aber ist der erste Relase in Sichtweite, genügend verwertbares Material hat sie nämlich inzwischen auf alle Fälle.
Ein paar ihrer Stücke kann man sich sowohl auf ihrer Facebook-, als auch auf ihrer MySpace Seite anhören.Le Parapluie (der Regenschirm) beispielsweise, in dem es um den Austausch von Zärtlichkeiten unter einem Regenschirm geht (und der damit verbundenen Frustration darüber, daß irgendwann der Regen aufhört), C'est Pas Rien, ein Lied über Paris und Je t'aimais trop (ich liebte dich zuviel), ein Lovesong.
Sprachlich und musikalisch besonders interessant finde ich C'est Pas Rien. "Pas riogolo cette ville qui flotte", heißt es da zu Beginn, übersetzt: nicht lustig diese schwimmende Stadt. Ein Spielwort, denn aus Paris wird pasri (so spricht man die Seine Metropole auf französisch aus) + rigolo= lustig, sprich Paris ist nicht gerade lustig (eine ernste Stadt, hier gibt es nichts zum Lachen) . Später heißt es dann auch "Paris c'est pas Rio", Paris ist nicht Rio.
Letztlich geht es um die Beschreibung einer verzweifelten Haßliebe, die herrlich melancholisch untermalt wird und von dem feinen Klavierspiel und der sinnlichen Stimme von Maud Lübeck lebt.
Mit Spielworten wird dann auch bei Le Pull Lover (Pullover) gearbeitet einem anderen interessanten Chanson, der auf einem kleinen pluckernden Keyboard vorgetragen, an achter Stelle gebracht wurde.
Performancetechnisch am originellsten war heute mit Sicherheit aber Mon Amour En Boite (meine Liebe in einer Kiste), ein neuer Titel, zu dem Maud nach vorne kam und eine Single auf einem alten Plattenspieler laufen ließ, die sie gesanglich begleitete. Ein witziger Gimmick, den Maud aber nicht unbedingt nötig hatte, um mich auf ihre Seite zu ziehen, denn letztlich reichte es völlig aus, wenn sie so ungemein einfühlsam Klavier spielte und dazu so betörend sang.
Nicht nur ich war angetan, auch das Publikum zeigte sich entzückt und ließ sie am Ende nicht ohne Zugabe gehen.
Der Konzertabend ging schließich noch mit Paul Ecole und seiner Band weiter und erlebte aus meiner Sicht einen letzten Höhepunkt, als Maud noch einmal zu einem Duett hinzustieß.
Fazit: Auf französisch singende Künstler sollte ich mir öfter anhören! Mein persönlicher guter Vorsatz für die zweite Jahreshälfte 2011!
Setlist Maud Lübeck, Le Bouillon Belge, Paris:
01: Haut 02: La Balançoire 03: La Fabrique 04: Les Larmes Gelées 05: Le Parapluie 06: Mon Amour En Boite 07: La Route 08:Le Pull Lover 09: C'est Pas Rien 10: Je t'Aimais Trop
Maud Lübeck Ort: Les Trois Baudets, Paris Datum: 23.04.2010 Zuschauer: hmm, 100 vielleicht? Konzertdauer: 40-45 Minuten
Leute, die sich über alle Maßen begeistern können, die über das wunderbare Gotteschenk der Euphorie verfügen, fand ich schon als kleiner Junge toll. Damals mit etwa 10 Jahren lief mir zum ersten Mal ein kalter Schauer den Rücken runter, als der Schwede Björn Borg nach verbittertem Kampf das Wimbledon Finale gegen John McEnroe gewann, vor Freude auf die Knie sank und überglücklich seinen Schlänger gen Himmel rammte. Von da an habe ich fast immer eine Gänsehaut gehabt, wenn sich Sportler auf emotionale Weise über den Sieg freuen, egal ob ich ihr Fan war oder nicht. Auch die oft weinenden unterlegenen Kontrahenten haben mich alles andere als kalt gelassen. Ungefälschte Emotionen, das ist es, was ich schätze.
Aber nicht nur im Sport, sondern auch bei der Musik geht es um starke Gefühle. Wer eingefleischter Fan von einer oder mehreren Bands bzw. Solokünstlern ist, weiß wovon ich rede. Immer wieder famos, wenn das Publikum bei Konzerten mitgeht, klatscht, schreit, oder auch vor Rührung weint. In meinen Konzertberichten versuche ich deshalb, meine Eindrücke so unverfälscht wie möglich, zu schildern. Ich schreibe so schnell es geht, damit nichts verwässert wird und ich keine Zeit habe, über das Erlebte lange zu reflektieren. Überarbeit werden die Reviews in inhaltlicher Hinsicht (fast) nie. Daß ich ab und an zu euphorisch, oder (seltener) zu bärbeißig werde, nehme ich hierbei in Kauf. Authenzität hat Vorrang vor Abwägung.
Schön, daß es auch andere Musikkritiker (falls ich ein solcher als brotloser Blogger überhaupt sein sollte) gibt, die ihren Emotionen freien Lauf lassen. JD Beauvallet von der renommierten Postille Les Inrockuptibles ist einer von diesem Schlag. Geradezu veschlungen habe ich seine himmelhochjauchzenden Ausführungen zu der Pariser Pianistin Maud Lübeck. Meine Fresse, den Kerl muß es wirklich voll erwischt haben! Maud Lübeck hat ihm wohl alle Sinne geraubt. Bis ins kleinste Detail beschreibt er in seinem Artikel, was die Dame mit ihm gefühlsmäßig anstellt. Er wirft eingangs die Frage auf, ob es in einer Gesellschaft, die die Polygamie ablehnt, duldbar sei, daß man als verheirateter Mann emotional heftig fremd flirtet. Das man an eine andere Frau (natürlich Maud Lübeck) ständig denkt, so stark, daß man unglaublich genervt ist, wenn das Telefon bimmelt, oder jemand and der Wohnungstür klopft. Dann erzählt er von den Liedern der Chanteuse. Wie sie sich langsam und feinfühlig an ihn herangepirscht haben, einer nach dem anderen. Wie sie ihn schließlich vollkommen überwältigt haben. Wie sie ihm gleichzeitig enorm gut und schrecklich weh tun. Und dies obwohl die Sängerin noch kein Album auf den Markt gebracht, ja noch nicht einmal ein Plattenlabel hat! Er vermag sich gar nicht auszudenken, welche süchtig machende Wirkung die Stücke entwickeln, wenn sie neu arrangiert werden, z.B. mittels Violinen. Seine euphorischen Ergüsse schließt JD Bauvallet mit einem Vergleich. Maud Lübeck würde bei ihm die gleichen Gefühle auslösen, wie dereinst Barbara (eine klassische französische Chanson-Sängerin). Und Lieder von Barbara hätte er seit frühester Jugend jede Woche seines ganzen Lebens gehört...
An diese Lobgesänge erinnerte ich mich wieder, als ich durch Zufall aufschnappte, daß Maud Lübeck ab dem 23. April im Trois Baudets einige Konzerte im Rahmen des Festivals Les Zéphémères geben würde. Von den liebestollen Zeilen des renommierten Kritikers angefixt, notierte ich sofort den 23. rot im meinem Kalender. Rot waren dann auch die Sessel im Trois Baudets, der austragenden Location. Umgeben von einer Frauengruppe um die 60 (wirkte fast wie ein regelmäßiges Treffen zu kulturellen Veranstaltungen) wartete ich auf den Auftritt der Lübeck. Dann wurde das Licht auf der Bühne plötzlich intensiver und eine Frau trat auf den Plan. Sie stellte sich als Maud Lübeck vor und fügte grinsend hinzu, daß sie ihre Haare blond gefärbt und ein paar Kilos zugelegt habe. War natürlich alles nur ein Gag, denn bei der Frau handelte es sich um die Ansagerin und nicht die Künstlerin. Die Pianistin selbst kam erst zwei Minuten später aus der Kabine gekrochen. In der Tat sehr schlank, fast dürr und mit brünetten Haaren, die schon einen leichten Grauton hatten. Im Laufe ihres Konzertes sprach sie nicht viel. Sie konzentrierte sich stattdessen auf ihr gefühlvolles Spiel und hatte mich damit auch ziemlich rasch weichgeklimpert. Ob JD Beauvallet recht hatte? Die erotische Säuselstimme im Stile einer Jane Birkin konnte einen wirklich high werden lassen! Hinzu kam dann noch diese typisch französische, Gainsbourg'sche Melancholie und die weltklugen , poetischen Texte. Keine Frage, da vorne ließ ein großes Talent ihren zarten Pfoten in die Tasten gleiten! Sie hatte irgendwie alles, was Franzosen schwach werden lässt. Eleganz, Fragilität, Sanftheit, zarte Schwermut. Und da ich mich dem Volk der Froschfresser und Champagnersäufer sehr verbunden fühle, bekam ich auch weiche Knie. Wo war eigentlich JD? Man berichtet, er lebe in Brighton. Schade, ich hätte gerne seinen feierlichen Blick und seine glasigen Augen gesehen. Stattdessen musste ich mich an zwei eher gelangweilten Franzmännern vorbeiarbeiten, die bräsig ihre Füße gegen die Vordersitze gestreckt hatten, so daß ich nicht durch kam. Ich wollte nämlich die Seiten wechseln, um gute Fotos von der Lübeck zu schießen. Bisher hatte ich sie nur im Profil abgelichtet, nun aber wollte ich ihr ganzes Gesicht drauf kriegen. Das gelang mir auch. Hübsche Züge hat sie. Kleine Grübchen um den Mund und die ersten Fältchen um die Augen, aber mit einem solch gütigen und intelligenten Blick ausgestattet, daß ich sie sofort ins Herz schloß. Auf Anhieb erkannte ich die belesene und hochintellektuelle Frau in ihr, die eher schlicht und schüchtern auftritt, aber weiß, was sie will: Konzerte geben und noch andere Kritiker (und natürlich auch Zuschauer) um ihre Pianistinnenfinger wickeln. Eine Karriere im Mainstream dürfte sie hingen eher nicht anstreben, aber wer weiß? Immerhin hat sie schon ein sehr hübsches Duett mit dem in Frankreich sehr bekannten Vincent Delerme (auch so ein Poet!) eingespielt, das sie heute aber ohne ihn vortrug. "Je t'aimas trop, a perdre mon bolout, a perdre mon dodo, a perde la ligne" (ich liebte dich zu sehr, so daß ich meine Arbeit verlor, meinen Schlaf und auch die Zugverbindung).
Ob ich ihr auch so verfallen war? Hmm, schau' mer mal! Das Konzert war sehr schön, aber die ungebremste und zügellose Schwärmerei überlasse ich erst einmal meinem Kollegen JD. Ich habe ja auch noch ein wenig Zeit. Maud Lübeck spielt in den nächsten Wochen und Monaten noch ein paar mal in den Trois Baudets. Ich denke, ich komme wieder! À très vite, Maud!
Schlußbemerkung: Mit Porco Rosso (ein recht kräftiger Bursche mit Brille und Gitarre + recht lustigen Texten) und Oshen (eine attraktive Lady mit beißendem Humor und einem Cover von Elliott Smith, Between The Bars) traten noch zwei weitere französische Künstler mit französischen (und ab und zu englischen) Texten auf und machten ihre Sache ebenfalls ordentlich. Ich war aber einzig und allein für Maud Lübeck gekommen, die, diesmal ohne Piano, auch noch gemeinsam ein Lied mit Oshen performte.
Mein Zuhause. Mein Blog. ist als kleines privates Konzert- Tagebuch entstanden. Und weil es zur Zeit musikalisch so spannend ist, wächst unsere Sammlung schnell. Wir schreiben die Berichte spontan, unüberarbeitet und so zeitnah wie möglich. Die Reviews stehen meist noch in der gleichen Nacht online, spätestens jedoch am nächsten Tag. Musik ist für uns vor allem Spaß und keine Wissenschaft.
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