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Donnerstag, 2. Juli 2015

Julie Doiron, Rosenheim, 29.06.15

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Konzert:  Julie Doiron mit support Andi Langhammer
Ort: Bebop Schallplatten Rosenheim
Datum: 29. Juni 2015


Ein Bericht von Eike - vielen Dank!

der laue sommerabend lud zum entspannten cruisen ein. die saftigen wiesen zogen in endlosen quadraten rechts und links der b15 vorbei, lediglich unterbrochen von sich grau abhebenden, in die landschaft schlängelnden landstraßen. die sonne grüßte noch wach von den gipfeln des majestätisch ruhenden gebirges her, ein milder wind zosch in die weit geöffneten fenster unseres wagens. rosenheim grüßte mit vororten, später mit bildungseinrichtungen und dem hinweis auf den örtlichen eishockeyverein, in der city selbst mit baustellen, einbahnstraßen und parkplatzproblemen. vor dem hole hatte sich bereits eine traube gebildet, die sich der kleinen straße annahm, rauch in den himmel blies, sich das frische bier schmecken ließ und mit linkischem blick nach einer dame lugte, die sich ihrer kinder bemühte. luftig bekleidet, ärmellos, so dass man ein kleines tattoo auf dem linken oberarm sehen konnte, mit sandalen beschuht, eine große, runde brille auf der nase, julie doiron. ihr jüngstes (elsie) brauchte noch hilfe beim umherwandeln, die größeren konnten sich bereits darum kümmern. bald sollte die situation kurzzeitig eskalieren, die mutter musste schließlich ein konzert spielen. beruhigung allenthalben, spätestens als die kanadierin auf der bühne stand. 

an ihrer seite christopher leigh mc laughlin, der sich wie die namensgeberin des konzertabends eine e-gitarre umband. er sollte schließlich für die akzente sorgen, melodieneinschlüsse, saftiges fetzen, sphärische soundmalereien oder bottleneck-akrobatik. es gelang ihm zumeist ausgezeichnet, doch die momente, da sich verzerrungen nicht mehr als intendierte identifizieren ließen, mehrten sich. ganz offensichtlich begannen amp und pedals zu streiken. christopher, mit deutschen vorfahren aus der nähe von kaiserslautern, wie man während des abends erfuhr, ließ sich zunächst nicht aus der ruhe bringen, da waren bereits einige songs absolviert, doch in der interaktion mit seiner partnerin entstand spürbare nervosität. war sie zunächst auch gegründet in der tatsache, dass sich die babysitter via handy bemerkbar machten, was für ein zusätzliches störgeräusch sorgte, wurde sie potenziert durch die erwartungshaltung doirons an einen möglichst einwandfreien vortrag. dass christopher irgendwann das handtuch schmiss, sprich die gitarre in die ecke stellte und entnervt die flucht ergriff, kann seitens des bzw. durch publikums nur schwach begründet werden. hier offerierte sich bzw. hierin kulminierte vielleicht auch der andauernde stress, dem die familienbande auf einer weitläufigen und zeit- und kräfteraubenden tour ausgesetzt war, ist.



bis dahin aber hatten die beiden geschwisterlich aufeinander zu gearbeitet, ließen die gewogenen anteile am klangbild gelten und gesellten sich zueinander, sowohl instrumental, als auch stimmlich wenn es not tat. hin und wieder stutzte sich christopher die flügel, setzte sich auf die bühne, um an den effekten zu fingern, schleifen zu produzieren, ein psychedelisches geifern anzustimmen oder um ein neues fundament zu schaffen, auf dem julie doiron agieren konnte. sie wiederum schien sich über den abend hin erst einmal einsingen zu müssen. klang ihre stimme anfangs noch beschränkt, kantig, hart, nahm sie an weichheit, klarheit und variabilität im verlaufe des konzerts immer mehr zu.  aber es ist gerade ihre eckige art, hier und dort etwas zu verschlucken, endungen endungen sein zu lassen, die für so positive widerstände sorgt. denn während sie bereits die nächste liedzeile beginnt, lässt sie der zuvor gesungenen noch ein fitzelchen raum, damit ihr der hörer etwas nachgehen kann. so nimmt er einen aktiven part ein und wird schnell zum mitbesitzer des doironschen kosmos. 
diese magie ließ sich zum glück trotz der mächtigen soundprobleme spüren. erst recht als die vierfache mutter später allein das geviert ausfüllen musste und sich dabei nicht mehr mit soundproblemen konfrontiert sah. vom temporären ärger musste sie sich noch befreien, bis sie schließlich noch einmal mit einigen wunderbaren liedern beeindruckte. zum glück hatte sie sich nach der performance im duett nicht vollends verdrückt, sondern rückte einer zugabe zuleibe. und damit sich selbst. wie sie die gitarre schnarren ließ, einblick in ihre gefühlswelt erlaubte, ganz so wie sie auch ihren alltagszorn nicht versteckte. es ihre art. sie ist voller zweifel und fragen und dabei voller klarheiten. beziehungen gehen nicht einfach so auseinander, lässt sie uns wissen, es kommt stets noch etwas nach, das echo währt.


so auch die erinnerung an den opener "yer kids", diesen wunderbaren song vom 07er album "woke myself up", der großmutter gewidmet, schwappt er zwischen den tempi und lässt die protagonistin keckern und den sidepart nach lichten tönen greifen, herrlich wie er auf den bünden nach ihnen schnappte. "swan pond" wird zum erwarteten schunkler, christophers part verstärkte die reize, doch noch befindet sich die gesamte chose in haltloser bewegung. mit "le piano" zitierte doiron nachfolgend ihr französisch sprachiges album "désormais", eine kleine, feine, anmutige nummer gelingt. mit "cars and trucks" wird erstmals das letzte solowerk doirons zitiert, "so many days". es ist ein giftiges, verletzliches lied, das sich windet und wendet und sich nicht so recht einfangen lassen will. irgendwann packt es die sängerin beim kragen und legt es uns sorgsam gefaltet vor. ähnlich ergeht es "dirty feet" vom 2004er "goodnight nobody", wobei es dank seiner schönheit einfach nur ist. die noten tropften von den saiten und es begaben sich gesangsfetzen hinzu. im hintergrund poliertes, ein friedlich dreinblickender mann. "the only" und "where are you?" entstammten erneut dem letzten tonträger. beiden gefällt die korrespondenz von sanftmut in der stimme und ausdrucksstärke in der saitenarbeit. später erklingt noch das gemeinsam inonierte "twin summers", eine nummer von weird lines (geschrieben von christopher), an diesem abend in schlichtem kleid vorgetragen, wunderschön. nicht weniger glanzvoll erstrahlten hernach die solo vorgetragenen "i woke myself up", "snow falls in november" und "will still you love me in december". das ende war versöhnlich, wie der anfang und die mitte nicht vorhersehbar waren. wie das leben. und das leben macht spaß!



die nächsten termine: 
01.07. offenbach - hafen 2
02.07. düdo. - kassette
03.07. hh - hasenschaukel
04.07. berlin - down by the river festival 

Aus unserem Archiv:
Julie Doiron, Köln, 15.02.13
Julie Doiron, Paris, 14.02.13
Julie Doiron, Paris, 05.04.12 



das trifft wohl auch auf andi langhammer zu, der sich seit vielen jahren unter dem moniker lost name einen namen gemacht hat. seine art das gitarrenbrett zu behauen, hat etwas animalisches, oft kämpferisches, als gelte es dämonen gegenüber zu treten. dabei führt er eine stimme mit sich, die an sanftmut und tragkraft für die besonderen themen kaum zu übertreffen ist. wir hatten den jungen songwriter das letzte mal 2009 erlebt. damals schien er deutlich introvertierter, verschlossen, in sich verkapselt. heuer aber zeigte er sich aufgeräumter, offener. seiner musik, die er im vorprogramm des julie doiron konzerts darbot, tat dies keinen abbruch.
tausend dank an heidi und bebop schallplatten für die einladung, das konzert, dafür!

Sonntag, 10. März 2013

Kinrisu & Julie Doiron, Paris, 14.02.13

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Konzert: Kinrisu und Julie Doiron (La Route du Rock Session)
Ort: L'Espace B
Datum: 14.02.2013
Zuschauer: etwa 70
Konzertdauer:  Kinrisu ungefähr 35, Julie Doiron fast 90 Minuten

Version française en bas


Aktualität ist Trumpf. So zumindest haben wir uns das auf die Fahne geschrieben. Aber wozu gibt es die schöne Erfindung die da lautet: Ausnahme? Ja, Platz für Ausnahmen sollte es immer geben, zumal wenn die begutachteten Konzerte (Vorgruppe & Hauptact Julie Doiron) so gut waren wie diese hier. Ich kam schlichtweg bisher einfach nicht dazu, darüber zu schreiben. Dies hole ich hiermit nach. Also...

Der 14. Februar 2013: Valentinstag. Eine alte Vereinbarung mit meiner Frau besagt, daß wir diesen Tag nicht gemeinsam feiern. Von oben verordnete Liebe zu einem bestimmten Tag finden wir doof. Und Blumen kaufen wir, wenn uns danach ist. Wir sind da ganz unromantisch und eine inzwischen 18. jährige harmonische Beziehung gibt uns recht.

Meine (musikalische) Liebesbeziehung zu Julie Dorion ist noch nicht ganz so alt, aber zumindest 6 oder 7 Jahre hält sie schon an.

Und meine Liebesbeziehung zu Kinrisu, die hier als Support Act auftrat datiert vom 15.04.2012. Damals hatte ich die rothaarige Kalifornierin bei einem Wohnzimmerkonzert kennengelernt und war sofort hin und weg von ihren schrägen, scheinbar infantilen Kompositionen.

Seitdem arbeitet sie fleißig an ihrem neuen Album namens It Felt Like Destiny, das nun endlich auch ein richtiges Label finden soll. Ihre bisherigen Werke hat sie in Eigenregie hergestellt und auf Bandcamp hochgeladen, ohne daß sie je in den Handel gekommen wären.


Für den neuen Longplayer bin ich da sehr optimistisch, die Songs sind durch die Band weg originell, sehr eigenständig und höchst charmant. Da sollte es doch mit dem Teufel zugehen, falls sich hierfür kein Label finden ließe.

Trantütig wie ich bin, hatte ich allerdings den ersten Titel Bloodshot verpasst, weil ich mal wieder zu spät am Ort des Geschenes aufkreuzte. Bei Green Canary ZBD8263, bei dem es textlich unter anderem um suizidale Gedanken ging (die sich aber zum Glück in Luft auflösten) war ich dann aber voll mit dabei.
  
Mir blieb gerade noch die Zeit, Julie Doiron und ihren neuen Lebens -und Musikgefährten Christopher zu begrüßen, bevor ich mich voll und ganz dem Genuß des Konzertes von Kinrisu widmete. Das rothaarige dürre Mädel saß da ganz alleine auf ihrem Stühlchen und trällerte mit kindlicher Stimme ihre abgefahrenen Texte und spielte dazu sehr innovativ Gitarre.

Das hatte etwas Rührendes und man hatte irgendwie das Bedürfnis, das Mädel in den Arm zu nehmen.

Die Grundstimmung bei Gang Of verzweifelt, einsam, traumversunken, fragil.

Sie sang:

"you never call but i dream of you
riding on a big black horse like the cowboys do"


Bei dem nachfolgenden Don't Tell Me änderte sich aber die Atmosphäre  Nun war sie schnell, positiv, lieblich, unbeschwert und leicht. Kinrisu summte zu diesem Lied ein paar Passagen und bediente sich auch des ihr eigenen Guitar Tappings, das sie immer mal wieder geschickt einbaute.
 
Bei Nowhere kam ihr großes Heimweh nach Kalifornien zum Ausdruck. Erneut klang sie verzweifelt, einsam, und sehr verletztlich, es wirkte wie ein Hilferuf.

Textlich aß sie Kuchen gegen die Einsamkeit, nahm ein Toxin gegen den Schmerz.

Der Song war stilistisch in zwei Teile aufgesplittet. War der erste noch langsam und holprig, wurde das Tempo im zweiten deutlich erhöht. Ihr Guitartapping klang hierbei wie ein Bass, der Gesang war wehmütig und zärtlich, vor allem als sie über ihre Familie sang, die sie sehr vermisst ("I wish we lived in California, I left my family in California")

Bei Misfits In The Sun war die Stimmung zu Beginn ein wenig wie bei alten Stücken von Grizzly Bear, es wirkte wie vom Meeresgrund kommend und sehr lieblich, fragil und verwunschen. Zarte Chöre, betörende Gitarre, verhuschte Stimme, einfach unwiderstehlich. Gesanglich wechselten sich das kleine, manchmal etwas trotzige Kind und die verletztliche junge Frau ab.

Radical News war eine Art Wüstenlied und auch textlich hieß es: "The Moon comes out in the desert."

Bei Jupiter herrschte zumindest zu Beginn wieder ein höheres Tempo und der Gesang erinnerte in der Tat ziemlich an.. Coco Rosie. Dann verlangsamte sich die Geschwindigkeit aber wieder und die Stimmung wurde leicht bluesig. Textlich ging es um " ein tower building, einen black trench coat und black boots", alles etwas wirr, aber gerade deshalb so herrlich. Plötzlich kamen aufwallende, herrlich warme Gitarrenklänge hinzu und die Intensität wurde immer stärker. Wiederum verstand es Kinrisu meisterlich bei Tempo und Stimmung zu variieren. Außerdem blieb bei mir eine Textzeile haften:

"Two girls kissing one boy indian braids baby blue"

R and Charm kurz vor Schluss hatte etwa stark Anziehendes. Kinrisu flüsterte manchmal und machte Geräusche, die einem Ausatmen glichen, was eine unglaublich intime Atmosphäre erzeugte. Niemand unter den Zuschauern muckte, alle hörten wie gebannt zu und erfreuten sich auch noch an einem sehr starken neuen Track als Closer, der es nicht auf das Album schaffen wird, dafür aber beim darauffolgenden Longplayer Berücksichtigung findet.

In lediglich 35 Minuten hatte sich Kinrisu eindrucksvoll für weitere Konzerte empfohlen. Die Booker in Paris dürften bald nicht mehr an ihr vorbeikommen, so viel geballte Kreativität und Originalität sieht und hört man schließlich selten!

Dann aber endlich Julie Doiron. Immer wieder ein Highlight eines Konzertjahres, wenn die Kanadierin in Paris aufkreuzt. Leider sieht das wohl nicht jeder in der Seine-Metropole so, denn die Gigs von Doiron ziehen in der Regel maximal 100 Zuschauer an, was angesichts des Talents und der langen Karriere der Sängerin doch recht dürftig ist. Diejenigen, die am Valentinstag gekommen waren, waren aber fast alle richtige Fans, so daß die Stimmung sehr angenehm und locker war.

Doiron selbst alberte auch wieder einmal permament rum, machte Witzchen über ihre häßlich gewordene Frisur ("kennt ihr einen guten Frisör, der morgen gegen 10 Uhr auf hat und mir den Pony schneiden kann?"), ihr wallendes Oberteil ("damit könnte ich gleich ins Bett hopsen, um einen Film anzusehen"), ihre Unlust, ihre Gitarre richtig zu stimmen ("oh scheiße, das habe ich gerade sehr seltsam und schief gespielt, auf dem Album klingt das besser") oder ihre Schüchternheit ("kaum zu glauben, daß ich schüchtern bin oder? Deshalb rede ich so viel"...)




Bei ihr wirkt es oft so, als trete sie vor ein paar guten Freunden auf und oft ist das ja auch wirklich so. Da werden dann handwerkliche Fehler mit einem Schmunzeln kenntlich gemacht ("Mist, verspielt!") und nicht vertuscht, Titelwünsche von Fans berücksichtigt und aus der Seele keine Mördergrube gemacht. Julie kaschiert nie, wen sie müde und etwas lustlos ist, oder gerade Liebeskummer hat, sie redet immer frei Schnautze und plaudert gerne über das Leben auf der Tour. "Ach, ich bin so steif und zudem noch so kurzatmig, das kommt davon, daß ich immer nur im Van sitze und mich nicht bewege." Oder auch: "Ich fange meine Konzerte immer gerne dick eingemummelt an, denn wenn ich schwitze, fühle ich mich ein wenig wie ein richtiger Rockstar. Am Ende stehe ich aber meistens im T-Shirt da."



Nun, zumindest stand sie heute meist nicht allein da, denn an der zweiten E-Gitarre wurde sie von ihrem Partner Christopher begleitet. Ihr neuer Lover, mit dem sie auch über weite Strecken die Bühne teilte. En herrlich pflegmatischer Kerl, den niemand und nichts aus der Ruhe zu bringen schien. Als Julie nach einem Glas Wasser verlangte und er gefragt wurde, ob er auch Wasser wünsche, verzog er nur kurz seine Miene, kratzte an seinem grau-schwarzen Bart und meinte staubtrocken: "no water please, don't you have a beer or... wine? You know?" Natürlich bekam er sein Bier und Julie auch ihr Wasser und gut geölt schmetterten die beiden dann auch auf wesentlich rockigere Weise die Stücke des neuen Albums So Many Days Kratzigste Gitarren bildeten einen hübschen Kontrast zur ansonsten vorherrschenden Lieblichkeit, die überwiegend von Julies gutherziger Stimme ausging. Songs wie The Gambler, By The Lake oder Homeless klangen wesentlich angriffslustiger als auf der CD Version.

Natürlich wurden aber auch wieder alte Klassiker gespielt, die quasi nie im Programm der Kanadierin fehlen. So erklangen zu unser aller Freude Snowfalls In November, Swan Pond, The Tailor, The Wrong Guy oder Mon Charmant Coeur (von der rein französischen CD Desormais).

Persönlicher Lieblingssong der Künstlerin* selbst schien The Gambler zu sein. Gleich mehrfach erwähnte sie, daß es auf der Albumversion so herrliche Chöre gäbe und das sie beim Ersthören der Studioversion des Liedes vor Rührung geweint habe (bevor sie dann sofort ihre Mutter anrief). Die Harmoniegesänge fehlten natürlich heute, aber das war vielleicht gar nicht so tragisch.



Stellt sich die Frage, was man grundsätzlich von dem neuen Album und der Liveumsetzung zu halten hat. Nun, ich finde es ist ein gelungenes Werk geworden, das aber thematisch manchmal ein klein wenig eintönig wirkt. Ein Lovesong (mit unmissverständlichen Liebesbeteuerungen an wen? Sicherlich an Christopher) jagt den nächsten und man fragt sich, ob das auf Dauer nicht ein bißchen banal ist. Nicht, daß die Liebe an sich ein banales Thema sei, aber in den Texten wird alles so offen und direkt formuliert, daß die Kitschschwelle bisweilen nicht zu weit entfernt ist. Andererseits sind die Lyrics aber auch gleichzeitig so extrem ehrlich, wie sie nur eine Julie Dorion glaubwürdig formulieren kann.


Beim Konzert in Paris spielte das aber eh keine große Rolle. Altes und neues Material wurde so gekonnt miteinander vermischt und mit soviel Spielfreude und Herzblut vorgetragen, daß man nur mit der Zunge schnalzen konnte. 1 Stunde und 25 Minuten lang wurde man in jeder Hinsicht bestens unterhalten und erlebte erneut eine Künstlerin, die in punkto Natürlichkeit einfach unschlagbar ist.

Konzerte von Julie sind immer herzlich und erfrischend und wenn es denn stimmt, sehen wir die mehrfache Mutter in Paris bereits im Mai wieder.

* mein persönlicher Favorit? Die alte Ballade Dirty Feed vom 2004 er Album Goodnight Nobody. Ungemein nahegehend!

Version française:

Bon, normalement nous sommes très rapide et réactif ici sur Konzerttagebuch,  mais parfois on prend aussi un peu de retard. C'est pour cela que je publie seulement maintenant le compte-rendu du très beau concert de Kinrisu et Julie Doiron à L'Espace.

C'etait le 14 février, le jour de la saint Valentin. Avec ma femme nous sommes d'accord de ne pas fêter ce jour ensemble. Nous trouvons ça trop kitsch et on s'offre des fleurs quand nous  avons envie. Nous ne sommes pas romantiques, c'est vrai, mais notre rélation amoureuse est harmonieuse et dure quand même 18 ans maintenant.

Ma relation amoureuse avec la musique de Julie Dorion dure un peu moins que ça, mais 6 ou 7 ans tout de fois.

Ma relation amoureuse avec la musique de Kinrisu est plus récente. Elle a commencé le 15 avril 2012, le jour ou je l'avais découverte par hasard dans un concert d'appart. J'était tout de suite sous le charme de sa voix infantile et de ses compositions étrangement belles.

Depuis la californienne rousse travaille avec ferveur  sur son nouvel album intitulé It Feels Like Destiny, pour lequel elle veut enfin trouvé un vrai label. Ses disques précédents, elle les avait mis sur son bandcamp, mais ce n'est jamais réellement sortie.


Pour le nouvel opus je vois de bonnes chances que tout cela change. Il y a plein de morceaux originaux et charmants, le potentiel est énorme.

Les chansons de cet album à venir, Kinrisu les interpreta quasiment en intégralité ce soir à l'Espace B.

Comme souvent j'avais pris en peu de retard et rata Bloodshot, le premier titre. Mais pour Green Canary j'étais bel et bien présent et attentif.

Ça parla des idées suicidaires, qui finissent heureusement par s'évaporer.


 

Puis elle chanta Gang Of, un morceau sublime où toute la fragilité de la jeune fille ressortait. On la sentait seule, en désespoir et anxieuse. L'ambiance était très rêveuse.


Elle chanta:

"you never call but i dream of you
riding on a big black horse like the cowboys do"

Pour Don't tell Me l'ambiance changa. C'était un morceau plus rapide et entrainant, léger, aérien, insouciant. Kinrisu fredonnait et tapait sur le bois de sa gitarre, un geste qu'elle utilise fréquemment.

Nowhere parlait de son mal du pays et de sa solitude ici en France. Elle chante que sa famille en Californie lui manque énormément et qu'elle aimerait bien y être. La chanson est divisé en deux parties, une assez lente et mélancolique une autre plus rapide et agitée, comme deux chansons en une en fait. Ce changement d'ambiance et de rythme était épatant et montra le grand talent de chanteuse.

Un des temps fort du concert était certainement Misfits In The Sun, une chanson qui me rappella les vieux titres de Grizzly Bear qui, eux aussi, semblaient venir du fond de la mer. C'était envoûtant, ensorcelant, doux et magnifiquement beau. Kinrisu chanta avec deux voix. Une fois il y avait cette gamine un peu révoltée et puis aussi la jeune femme fragile, mais gracieuse. Parfois on avait l'impression que son chant venait d'un vieux grammophone. Un clip vidéo est en préparation, j'ai hâte de voir le résultat.

Un autre temps fort était Jupiter. Là aussi l'artiste varia parfaitement l'ambiance et la vitesse. Parfois il y avait un côté bluesy, parfois c'était plus folk expérimental. Son jeu de guitare y était particulièrement chaud et séduisant. Le texte parlait de Black Boots et d'un black trench coat mais aussi d'un tower building. Pas facile à déchiffrer et comprendre le sens derrière les paroles, mais c'est ça aussi qui rend cette musique si fasçinante. Les paroles sont assez étranges et laissent plein de place à la libre interprétation. Elles sortent de l'ordinaire et font partie de l'univers particulier et ultra passionnant de l'artiste. Elle ne fait pas de rimes plates et banales, chez elle c'est un puzzle de mots, d'expressions, d'observations, des parties de rêves... C'est un  univers ultra coloré et créatifs, très intuitif, venant du ventre. C'est bricolé, lo-fi a souhait et très personnell laissant places à l'imagination et toujours balançant entre la gamine qui réside toujours en elle et la jeune mère responsable. Sa musique semble comme un refuge pour elle pour s'échapper a une réalité quelquefois un peu triste et déprimant, mais aussi d'un défouloir pour faire sortir des pensées intérieures. Elle crée avec sa musique un monde féerique, poétique, parfois insouciant, parfois ménacant, mais toujours divinement beau.

Je suis complètement sous le charme en tout cas et j'ai eu l'impression que les autres spectateurs avaient aussi beaucoup apprécie cette prestation.








Samstag, 16. Februar 2013

Julie Doiron, Köln, 15.02.13

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Konzert: Julie Doiron
Ort: King Georg, Köln
Datum: 15.02.2013
Zuschauer: vielleicht 100
Dauer: Julie Doiron knapp 75 min, Jacco Gardner 30 min


Eine der sauren Gurken, in die ich bei King Georg Konzerten bislang immer beissen musste, war der fehlende (online-) Vorverkauf. Ein paar Mal - zuletzt Ende des Jahres bei Neil Halstead - kam ich gerade noch so in den kleinen Club. 40 Minuten abgehetzte Anreise und dann den Spruch: "ihr nicht mehr" zu hören, ist zu frustrierend. Allerdings ist das späte Nochreinkommen auch keine Garantie für einen guten Abend, weil das King Georg den Grundriss eines Streichholzes hat und die letzten, die noch dürfen, vom Künstler (am Zündkopf) kaum etwas sehen und hören. Seit ein paar Tagen ist die Homepage nicht mehr schmerzhaft rot, seit vergangener Woche existiert ein Vorverkauf. Sehr schön!

Musikalisch gibt es an dem Club in der Nähe des Ebertplatzes eh nichts auszusetzen, sein Programm ist seit Jahren exzellent. Auch Julie Doiron hat schon einmal im King Georg gespielt, aus irgendeinem Grund (Vermutung: anderes Konzert) konnte ich da aber nicht, obwohl mich Kollege Oliver vor Jahren schon auf die Kanadierin aufmerksam gemacht hatte und ich seitdem fleißig ihre Musik kaufe.

Die Vorgruppe Jacco Gardner aus den Niederlanden hatte ich bislang nicht gekannt. Allerdings hatte ich im Vorfeld aufgeschnappt, daß sie heimliche Co-Headliner sein würden. Auch in der Schlange vor dem Club unterhielten sich alle in meiner Nähe über sie. Ich bin der letzte, der Böses über Vorgruppen-Freunde sagte, wenn der Hauptband dann aber offensichtliches Desinteresse gezeigt wird, gilt das nicht. Aber das kommt später, erst spielten Jacco Gardner ja, und alle hörten zu.

Es handelt sich bei den Niederländern um den Sänger Jacco und drei Live-Begleiter. Während des halbstündigen Auftritts sprach er von "my new record" oder "I have written..." Dabei war eines der Hauptelemente seiner Musik der dreistimmige (mit viel Hall versehene) Gesang. Dazu kam eine wundervoll alt klingende Orgel, die nicht immer den Rhythmus hielt, sowie die Instrumente seiner Kollegen, Bass (Jasper Verhulst), Gitarre (Keez Groenteman) und Schlagzeug (Jos van Tol).

In den Stücken steckte viel Altes. Ich habe die Beach Boys rausgehört, ein Stück klang nach No milk today, die Zugabe nach dem hervorragenden Album von James Levy and the Blood Red Rose. Eine andere Stimme nannte hinterher die frühen Pink Floyd ohne den psychedelischen Quatsch. Daß diese im besten Sinne altbackene Musik von extrem jung aussehenden Musikern gespielt wurde, war alles andere als albern, der Auftritt gefiel mir ausgezeichnet! Und Jaccos Eltern hatten offenbar ein gutes Händchen bei der musikalischen Früherziehung. Lieder kannte ich nicht, mit einer Setlist kann ich nicht dienen. Beim nächsten Mal dann. Am 4. April spielt die Band in Haldern, auch für das Festival wäre sie ein sicherer Tipp. Das gestrige Konzert war übrigens neben einem Auftritt in Berlin das zweite in Deutschland.

Die lauten Gespräche in der Umbaupause gingen dann leider ungebremst weiter, als Julie Doiron mit Gitarrist Christopher MacLauchlan fertig war und mit dem ersten Stück begann. Auch wenn es es eine Kneipe ist und man seine Kumpels so lange nicht gesehen hat und wirklich nur die Vorgruppe sehen wollte, rechtfertigt das sicher kein rüpelhaftes Verhalten. Ich bin auch nicht sicher, ob es so schrecklich unhöflich den Freunden gegenüber ist, mal nicht mit den Bierflaschen anzustoßen, während zwei Meter entfernt eine Künstlerin versucht, leise Lieder zu singen. Vermutlich habe ich aber eine viel zu uncoole Frisur, um das beurteilen zu können.

Ich habe bei den vielen Alben der Kanadierin den Überblick verloren, das erste Stück (Swan pool) stammte aber vom 2007er Album Woke myself up. Julie Doiron hat seit Mitte der 90er Jahre neun Solo-Alben veröffentlicht, zuletzt So many days im vergangenen Jahr.

Die erste Hälfte des Konzerts bestritten Julie und Christopher gemeinsam, mir gefiel allerdings der Solo-Teil ab Homeless besser. A propos Homeless: Christopher erinnerte mich (an den vielen Hinterköpfen vorbei) an Saul aus Homeland, vermutlich lag das aber nur an einem ergrauten Bart, er sprach nicht über Terroristen.

Es war eben mein erstes Julie Doiron Konzert, und ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ihre herrlich verpeilte Art gefiel mir ausgezeichnet. Da waren die schief klingenden Gitarren, die machem Stücke eine sicher nicht gewollte aber toll passende Pavement-Note verpasste (Consolation prize!) oder ein Gitarrensolo, das sie vollkommen überraschte (sie spielte es!). "I really forgot to bring a guitar pick for this solo. Believe me it sounds amazing on the album." Allerdings spiele sie das Solo da auch nicht. Was sie dazu führte, daß sie demnächst mit ganz vielen Gitarristen oder ganz ohne auf Tour gehen wolle. "Dann lassen wir einfach Gitarren auf den Rider schreiben und reisen ohne Gepäck." - "Oh ja, Bier und Gitarren auf dem Rider!"

Später bot sie eine Mitfahrgelegenheit nach dem Konzert von Köln nach Barcelona für 20 Euro an - was uns grübeln ließ, wie Julie bis Samstagabend mit Auto und Fähre über Barcelona nach Mallorca kommen wolle, denn da spielt sie abends.

Neben den wunderbaren Stücken machte Julies verschrobenes Wesen eine ganze Ecke des Charmes des Konzerts aus. "Es ist das erste Mal seit langer Zeit, daß ich mit offenen Haaren spiele. Sonst sehe ich immer so aus", sie machte einen Dutt.  Nach dem verpatzen Gitarrensolo sang sie irgendwann "take away my guitar" (The longest winter) und musste dabei während des Stücks lachen! Bei Last night knackte es übel im Verstärker - Christophers Handy-Batterie hatte sich gemeldet, sie war fast leer. Beim wundervollen Tailor verpatzte Julie den Text, sie mischte zwei Zeilen zusammen und sang sie dann doppelt. 

Die erste Zugabe The wrong guy, die für eine Rockband-Instrumentierung geschrieben sei, aber von ihr alleine gespielt wurde, bekam ein unfreiwilliges Schlagzeug dazu, die Becken des Instuments der Vorgruppe schepperten nämlich zu Julies lautem Gitarrenspiel.

Ohne diese verrückten Momente wäre es genauso toll gewesen, sie waren aber ein sehr schönes Extra eines hervorragenden Konzerts. Vielleicht haben das die Gallagher-Brüder im Publikum ja auch so empfunden, würde mich freuen. So freitägliche Horizonterweiterung ist ja nicht die schlechteste Idee.

Setlist Julie Doiron, King Georg, Köln:

01: Swan pond
02: ?
03: Yer kids
04: Consolation prize
05: Cars and trucks
06: Can't make it
07: The longest winter
08: Last night

Julie Doiron solo:
09: Homeless
10: Me and my friend
11: Tailor
12: Another second chance
13: A thing of the past (The Shirelles Cover)
14: Beneath the leaves
15: The gambler
16: By the lake

17: The wrong guy (Z)
18: Glad to be alive (Z)

Fotos folgen nachher!



Freitag, 6. April 2012

Shearwater & Julie Doiron, Paris, 05.04.12

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Konzert: Shearwater & Julie Doiron

Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 05.04.2012
Zuschauer: etwa 400, nicht ganz ausverkauft
Konzertdauer: Julie etwa 40 Minuten, Shearwater etwa 90 Minuten


Lola, ähem nein, Oliver Peel rennt!


Rennen für Julie. So in etwa konnte man das beschreiben, was ich an jenem 5. April abends erlebte. Ich wollte keine Minute vom Konzert der Kanadierin Julie Doiron verpassen, schließlich hatte die talentierte Dame doch 2011 bei einer Oliver Peel Session geglänzt. Aber ein verwirrter Nutzer der Pariser Metro machte mir einen Strich durch die Rechnung. Eigentlich war ich pünktlich aufgebrochen, aber gleich mehrfach wurde der Verkehr auf der Linie 2 unterbrochen, weil jemand über die Gleisanlagen lief. Was ihn dazu angetrieben hatte, weiß ich nicht, aber ich war erleichtert zu hören, daß es nicht zu einer Tragödie, sprich zu einem Suizid kam. Der Bursche kletterte irgendwann wieder nach oben und wurde in Gewahrsam genommen. Uff!


Resultat: es war bereits 20 Uhr 10 als ich an der U-Bahnstation Menilmontant ankam und nun musste ich auch noch den steilen Berg hochwetzen, weil der Anschlußbus 9 Minuten Wartezeit verzeichnete. Ich rannte wie verrückt, obwohl ich vom Training auf meinem Stepper bleischwere Beine hatte. Ziemlich erschöpft kam ich gegen 20 Uhr 20 in der Maroquinerie an. Ich hatte einen Gästelistenplatz von Julie persönlich zugeschanzt bekommen, aber die stand unten im Keller schon auf der Bühne, während ich oben noch mit dem Ordner darüber diskutierte, ob ich einen Fotopass bräuchte, um mit meiner Kamera reinzukommen. Kurzerhand lief ich noch mal zur Kasse und forderte kess und prompt einen Fotopass, den ich überraschenderweise problemlos ausgehändigt bekam, weil ich darauf verwies, daß Miss Doiron mich gebeten hatte, ein paar hübsche Fotos von ihr zu machen.


Ich rannte nun die Treppenstufen runter, stieß die Tür zum Konzertsaal auf und hörte Julie gerade Shady Lane alleine auf ihrer Elektrischen performen. Ein cooles Cover von Pavement, das ihren guten musikalischen Geschmack unterstrich.

Wie immer präsentierte sich die Kanadierin sehr natürlich und down to earth und dies owohl sie massiv viel Erfahrung und Talent in die Wagschale zu werfen hat. Ab und zu habe ich den Eindruck, daß sie es extra macht, sich an der ein oder anderen Stelle zu verspielen, um so ihre Authenzität zu waren. Sie ist die Letzte, die Lust darauf hat, ein geschliffenes und bis in den letzten Notenschlüssel ausgeklügeltes Set abzuspulen. Gerade dieses Ungekünstelte, dieses Spontane macht sie aus. Eine vorgeschriebene Setlist? Hat sie nie. Sie spielt immer frei Schnauze, performt, was ihr gerade in den Sinn kommt. Heute hatte sie zum Beispiel Bock, Lovers of The World zu bringen, was sie sonst nie tut. Ihr war einfach danach. Und die Tatsache, daß sie gleich drei französische Lieder spielte, war sicherlich dem heutigen Umfeld geschuldet. Die französischen Chansons gehören mit Abstand zu ihrem softesten, kontemplativsten Material, wirken aber dennoch nicht als Fremdkörper in ihrer Diskografie. Gemeinsamer Nenner aller Lieder ist immer der sehr persönliche, intime Ansatz, die Melancholie, die Ungeziertheit.


Julie versteht stets, mich emotional zu treffen, egal ob mit oder ohne Band. Den anderen Zuschauern schien der Solo-Auftritt aber irgendwann ein wenig zu getragen zu sein und so jubelten sie laut, als plötzlich in der Mitte des Sets ein Drummer und ein Bassist hinzustießen, um den tollen Klassiker Swanpond und einen neuen Song (Arbeitstitel: Cars And Trucks) zu performen. Zwei Solo-Lieder später war dann Schluß und Julie überließ die Bühne nun Shearwater.

Vorläufiges Fazit: das Rennen für Julie hatte sich gelohnt, die zweifache Mutter ist einfach immer klasse!

Auszug aus der Setlist Julie Doiron, La Maroquinerie, Paris:

- Shady Lane (Pavement)
- The Tailor
- Lovers Of The World
- Ce Charmant Coeur
- Le Piano
- Pour Toujours
- Dark Horse
- Swanpond
- Cars And Trucks (neu)



Und dann ging es mit Shearwater weiter. Eine jener Bands, die mir schon unvergessliche Konzerte in der Vergangeheit bereitet hat, dessen neues Album Animal Joy ich aber noch nicht habe. Vor nicht allzu langer Zeit erfuhr ich zudem, daß die attraktive Bassistin Kimberley und der geniale Drummer und Multiinstrumentalist Thor (zumindest vorläufig) ausgestiegen sind. Kimberly ist Mutter geworden und pausiert, Thor spielt mit Swans und hat noch andere Projekte. Auch der Trompeter Jordan Geiger ist nicht mehr dabei, er konzentriert sich jetzt auf seine eigene Gruppe Hospital Ships.


Folglich präsentierte sich mir und den etwa 400 Zuschauern in Paris eine ganz neue Band, deren Fels in der Brandung aber der famose Falsett-Sänger Jonathan Meinburg war. Der hochgewachsene, sportlich schlanke Bursche ist nun umso mehr der unumstrittene Chef, erwies sich aber heute als ausgezeichneter Teamplayer und harmonierte gut mit seiner Backing Band.


Die "neuen" Shearwater waren unfassbar rockig ausgerichtet. Allein das Schlagzeug schepperte tonnenschwer und höllisch laut und der Bass klang postpunkig und stark nach Interpol. Das heute war kein Folkrock-Konzert, sondern ging eher in Richtung Postrock/Indierock à la Pink Flyoyd. Alle Schnörkel die es vorher gab, waren verschwunden. Keine Trompete mehr, auch kein Glockenspiel, keine Flöte, nichts dergleichen. Stattdessen wurde phasenweise mit drei (!) Gitarren und zwei Schlagzeugen gleichzeitig angegriffen. Offensive pur!


Zwar fingen die Amerikaner mit The Snow Leopoard mit einem alten Stück von Rooks an, aber dann wurde die Aufmerksamkeit auf den neuen Output Animal Joy gerichtet. Ein famoses Album, zumindest was die Livedarbietung betrifft. Schon Animal Life an dritter Stelle war formidabel, das wirbelnde, nach vorne treibende und euphorisierende You As You Were noch stärker und das enorm basslastige Breaking The Yearlings sicherlich das stärkste Stück vom neuen Opus.


Jonathan, ein außerhalb der Bühne und zwischen den Liedern so ruhiger und fast schüchterner Mann, war auf Krawall gebürstet und wirkte fast wie ein Krieger der in den Kampf zieht. In vielen Sitautionen sah man ihn mit weiß aufgerissenem Mund und hervorstechenden Adern. Aber er zeigte auch Humor. Als er sich bei dem von Rooks stammenden Leviathan, Bound am Piano verspielte, grinste er hinterher und erklärte mit witzigen Gesten, wie seine Finger daneben gegriffen hatten.


Mehr als eine Stunde wurde also massiv gepowert, bevor Shearwater zum ersten Mal die Bühne verließen. Nach ein paar Minuten kam Meiburg zunächst alleine zurück und performte mit viel Gefühl Hail, Mary, ein altes Tück von Palo Santo. Ein Album auf das nun der Focus gerichtet wurde. Auch Nobody (leider durch zu viel Rückkopplung ruiniert) und White Waves stammten von diesem feinen Machwerk, bevor ein wirklich grandioses R.E.M Cover, These Days, das Konzert auf perfekte Weise abschloß.


Zu meckern gab es wirklich nix, auch wenn immer mehr Fans von den Alben behaupten, sie würden ständig epischer und bombastischer. Gerade live zeigt sich aber immer wieder, daß Shearwater einfach brillante Musiker sind, Meiburg eine unfassbare Stimme hat und aus den Studioversionen das Maximum herausgeholt wird.

Aftershow:

Als schon die meisten Zuschauer weg waren, hatte ich die Gelegenheit, im oben gelegenen Café draußen mit Julie und Jonathan zu plaudern. Julie trank ein bißchen Rotwein, Jonathan Whiskey. Er gestand, schon fünfmal in Paris gespielt zu haben, aber nie den Eiffelturm oder den Arc de Triomphe gesehen zu haben. Es hatte einfach nie die Zeit dazu gegeben. In Hamburg wolle er sich aber ein altes Schiff ansehen und auch den freien Tag in Istanbul für Kultur nutzen. Julie berichtete von den Yoga Klassen, die sie in Kanada unterrichtet hat. Aus meiner Hinsicht besonders schön war allerdings, daß sich Jonathan für die Oliver Peel Sessions interessierte, nachdem ihm Julie davon erzählt hatte. Ich sagte zum Abschluß: "Jonathan, please play in my house, and then I can die." Er schmunzelte vielversprechend und unsere Wege trennten sich...

Setlist Shearwater, La Maroquinerie, Paris:

01: The Snow Leopard
02: Castaways
03: Animal Life
04: Dread Sovereign
05: You As You Were
06: Insolence
07: Rooks
08: Immaculate
09: Pushing The River
10: Open Your Houses
11: Run The Banner Down
12: Leviathan, Bound
13: Breaking The Yearlings
14: Star Of The Age

15: Hail, Mary
16: Nobody
17: White Waves
18: These Days (REM)

Aus unserem Archiv:

Julie Doiron, Paris, 27.05.11*
Julie Doiron, Paris, 26.05.11
Julie Doiron, Paris, 24.05.11
Julie Doiron, Paris, 19.11.10
Julie Doiron, Paris, 01.12.09
Julie Doiron, Paris, 05.12.07

Shearwater,Frankfurt,06.08.10
Shearwater, Paris, 19.02.10
Shearwater, Paris, 13.05.09
Shearwater, Paris, 11.11.08





Freitag, 3. Juni 2011

Julie Doiron & Evening Hymns, Paris, 26.05.11

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Konzert: Julie Doiron & Evening Hymns
Ort: L'Espace B, Paris
Datum: 26.05.2011
Zuschauer: 80-90


Kanadischer Abend am vergangenen Donnerstag im Pariser Espace B. Julie Doiron aus Toronto (sie stammt aus New Bruinswick) und Jonas Bonnetta aka Evening Hymns aus Peterborough (er wuchs in Orono, Ontario auf) spielten und vertraten das wunderschöne Land mit dem Ahornblatt im Wappen sehr würdig.

Julie durfte (musste?) als Erste ran und fiel allein schon dadurch positiv auf, daß sie ihre Setlist im Vergleich zum Konzert vom Montag in der Swan Bar in weiten Teilen veränderte. Nie spult sie ihre intimen Songs nur ab, immer ist sie bedacht auf Abwechslung und Variation. Sie spielt, was ihr gerade in den Sinn kommt, oder worauf sie gerade Lust hat. Auch auf Wünsche der Zuschauer geht sie stets ein, so daß man problemlos 3 Tage in der gleichen Woche Auftritte von Julie mitverfolgen kann, ohne gelangweilt zu werden.

Auch heute wieder bekamen die erfreulicherweise recht zahlreich erschienenen Zuschauer (unter ihnen Marie-Flore und Leopold Skin) ein warmherziges, authentisches und schönes Konzert geboten.



Besondere Erwähnung finden muss Stove, ein Titel ihrer ersten Lo-fi Band Eric's Trip, die sich nach einem Song von Sonic Youth benannte. Stove gefiel mir ganz ausgezeichnet, auch ohne Schlagzeug und erinnerte mich daran, daß ich mir unbedingt Tonträger von Eric's Trip zulegen muss. Keine Frage, alles was Julie in ihrer langen Karriere angepackt hat, ist qualitativ hochstehend, neben ihren Solosachen sind die Alben mit den Wooden Stars (mit Mike Feuerstack von Snailhouse) und Daniel, Fred & Julie sehr zu empfehlen. Von den Wooden Stars performte Julie heute The Longest Winter, einen feinen Titel, der auch zum heißen Frühsommerwetter bestens passte.

Der Rest war ein Überblick über ihr Solowerk, zu dem auch das französische Album Désormais gehört,
von dem sie quasi immer Le Piano, oder auch Ce Coeur Charmant (heute allerdings nicht) spielt.

Unter dem Strich erneut ein tolles Konzert von Julie Doiron die vor versammelter Mannschaft öffentlich darauf hinwies, daß sie am Samstag zurückfliege, am Freitag davor aber noch eine Olivier (man achte auf die französische Schreibweise!) Peel Session absolvieren werde. Ich wurde ganz rot, als ich meinen Spitznamen hörte, fühlte mich aber auch geehrt. Ein paar Leutchen erkundigten sich dann hinterher tatsächlich bei mir, ob sie dabei sein könnten, aber obwohl ich sie schriftlich einlud, kamen keine neuen Gäste am Freitag hinzu.

Es war schon mindestens 22 Uhr 30 als Evening Hymns aufliefen. Ein Trio, angeführt von dem Panama-Hütchen tragenden Jonas Bonnetta, der männliche Verstärkung an der Gitarre und weibliche Unterstützung am Bass dabei hatte. Ein Trio also, daß enorm harmonieseelig und gefühlvoll zu Werke ging und die Vorschußlorbeeren der Musikpresse vollends rechtfertigte. Vor allem das Printmagazin Magic hatte in den höchsten Tönen von Spirit Guides geschwärmt und sie hatten nicht zuviel versprochen. Alles klang wunderbar sanft und warm und besaß eine starke Anziehunsgkraft.

Da muss man die Labelleute von Kütu Folk ausdrücklich loben, daß sie eine solche Perle gesignt haben. Kütu Folk?
Ja, ein prima Label aus der französischen Auvergne (allein das entzückende Artwork lohnt die Alben) , daß den Folkfans in Frankreich unter anderem bereits den hochtalentierten Leopold Skin präsentierte, nun aber auch ausländische Künstler unter Vertrag nimmt. Neben den Evening Hymns werden auch die amerikanischen Hopital Ships von Kütu Folk beheimatet.

Genuß pur also mit den Evening Hymns, die nicht nur Ohrenfreuden vermittelten, sondern in der Person der hübschen Bassistin auch was fürs Auge boten. Die hochaufgeschossene Bootsträgerin war wirklich ein Hingucker!

Der einzige Haken an dem Auftritt war letztlich nur die recht dürftig bemessene Spielzeit. Ich hätte den Kanadiern noch locker eine halbe Stunde mehr zuhören wollen, aber angesichts ihrer strapazierenden Tour durch Europa und der Existenz lediglich einen Albums ist es normal, daß man nicht auf ein 90 minütiges Set hoffen konnte.

Ein abolsut gelungener kanadischer Abend! Die Leute in dieser dünn besiedelten Gegend haben das Folkfeeling einfach mit der Muttermilch aufgesogen!

Evening Hymns-Dead Deer from istoica on Vimeo.



Auszug aus der Setlist Julie Doiron, Espace B, Paris:

He Will Forget
Le Piano
The Wrong Guy/No More
Longest Winter
Tailor
Me And My Friend
Gone
So Fast
Stove (Eric's Trip)

- Feiner Konzertbericht vom Klienicum, Evening Hymns in München, 15.05.2011, klick!



Montag, 30. Mai 2011

Julie Doiron, Paris, 27.05.11

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Konzert: Julie Doiron

Ort: ein Wohnzimmer irgendwo in Paris, Oliver Peel Session # 38
Datum: 27.05.2011

Zuschauer: ungefähr 35
Konzertdauer: 75 Minuten


"Julie Doiron hat in meinem Wohnzimmer gespielt, ich kann jetzt in Ruhe sterben", hatte ich spontan auf meiner Facebook Seite nach der wundervollen Session mit der famosen Kanadierin getextet.

Zwei Tage später lebe ich immer noch (sonst könnte ich wohl kaum diese Zeilen tippen), stehe aber nach wie vor unter Schock. Kann es denn wirklich sein, daß Julie bei uns satte 75 Minuten lang gesungen, Gitarre gespielt, gelacht und Anekdoten (auf französisch und englich, immer im Wechsel) erzählt hat? Kaum zu glauben! Sogar über Nacht ist sie geblieben, hat auf unserer Luftmatratze im Wohnzimmer gepennt und mit uns gefrühstückt (Avocados auf Bio-Toast und Grapefruit, sie ist Veganerin), bevor sie mit der Maschine Richtung Toronto aufgebrochen ist, wo sie inzwischen wohnt.

Ob mein Vater wohl stolz auf mich wäre? Er hat sich immer gefragt, ob denn aus dem Oliver mal "was" wird. Nun, Karriere habe ich keine gemacht, dafür aber viele herausragende Musiker in unserem Wohnzimmer empfangen. Ich finde, das ist auch "was".

Als wir im Dezember 2007 in unserem Apartment nahe des Invalidendoms quasi zufällig angefangen haben, Konzerte zu veranstalten, hätte ich nicht im Traum daran gedacht, hier einmal Asse wie Troy von Balthazar, Simone White (Foto), Mia Doi Todd, Laura Gibson, Horse Feathers oder eben Julie Doiron zu empfangen. Nun scheint spätestens im Dezember 2011 Schluß zu sein, zumindest in unserer jetzigen Wohnung. Wir müssen umziehen, die Zukunft der Oliver Peel Sessions ist ungewiß...

Schon jetzt möchte ich mich bei allen Musikern, die das Wagnis Wohnzimmerkonzert eingegangen sind, herzlich bedanken. Sie haben mir und unseren Gästen wundervolle Momente voller Intimität, Zärtlichkeit und Liebe bereitet und mein Herz erwärmt. Alle waren und sind sie mir gleich wichtig, egal ob sie einen bekannten Namen wie Julie Doiron vorweisen konnten, oder wie die Schwedin Mad Man noch nicht einmal eigene Songs auf einer My Space Seite zu bieten hatten.

Und unsere Gäste waren durchgängig das beste Publikum der Welt. Immer aufmerksam, still, respektvoll und enthusiastisch.

Wir haben zusammen den intimen Konzerten gelauscht, gefeiert, getrunken, geflirtet und eine fantastische Zeit gehabt. Ich möchte nicht, daß das alles zu Ende geht.

Deshalb: drückt uns bitte die Dauemen, daß wir eine neue Bleibe finden, wo die Nachbarn ähnlich tolerant und cool sind.

Bis dahin wollen wir aber noch mindestens zwei bis drei Konzerte an altbekannter Stelle veranstalten. Zumindest die 40 muss vollgemacht werden. Wenn ich schon demnächst 40 Jahre auf dem Buckel habe, dann kann auch unsere Bude 40 Sessions überlebt haben. Wäre doch gelacht!

Zur fantastischen Musik von Julie in Kürze. Und sorry, daß ich so melancholisch geworden bin...

Setlist Julie Doiron, Oliver Peel Session # 38, Paris:

01: The Longest Winter (Wooden Stars)
02: Le Piano (Désormais)
03: By The Lake (new song)
04: No Moneymakers (Goodnight Nobody)
05: So Fast (Loneliest In The Morning)
06: The Last Time (Wooden Stars)
07: Gone, Gone" (Wooden Stars)
08: Tailor (I Can Wonder What You Did With Your Day)
09: I Left Town (Woke Myself Up)
10: Dark Horse" (Woke Myself Up)
11: Me And My Friend (Woke Myself Up)
12: Yer Kids (Woke Myself Up)
13: Homeless (new song)
14: Ce Charmant Coeur" (Désormais)
15: I Love You (new song)
16: Snow Falls In November (Goodnight Nobody)
17: The Wrong Guy>No More>The Wrong Guy (Woke Myself Up)
18: Will You Still Love Me In December?

* bald auch Videos von Le Cargo. org. Yeah, baby!!




Donnerstag, 26. Mai 2011

Julie Doiron, Paris, 24.05.11

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Konzert: Julie Doiron
Ort: Le Swan Bar, Paris

Datum: 24.05.2011
Zuschauer: 15

Konzertdauer: 95 Minuten


Die roten Fußnägel von Julie Doiron waren mir sofort aufgefallen. Nicht, daß ich diesbezüglich einen Fetisch hätte, nein, ich fand es nur ungewöhnlich, die immer so natürliche kanadische Songwriterin so zu sehen (hierzu noch später). Mit schwarzer Skinny Jeans und kurzem, schwarzen Hemd präsentierte sie sich einer kleinen Schar gutinformierter Konzertgänger. Der Austragunsgort war ungewöhnlich und noch nicht einmal mir bekannt. Le Swan Bar im 6. Pariser Arrondissement, gelegen am Boulevard Montparnasse. Eine künstlerisch tote Gegend, die aber noch ein wenig vom Ruhm vergangener Tage zehrt. Hier in der Ecke verkehrten viele Schriftsteller, Sartre, Camus, Simone de Beauvoir, alle schrieben sie in Cafés in Montparnasse und abends konnte man sich hier gut amüsieren und Tanzlokale frequentieren.

Lange ist's her und nur noch Touris gehen hier vereinzelt aus, weil die legendäre Brasserie La Coupole in jedem Reiseführer steht. Le Swan Bar dürfte hingegen nicht so bekannt sein, ich jedenfalls hatte noch nie davon gehört. Aber es ist ja auch immer wieder schön, neue Orte ausfindig zu machen und Bars in denen gute Musik spielt, kann es nie genug geben.

Ungewöhnlich allerdings, daß man einen Eintritt von 10 Euro für das Konzert von Julie Doiron verlangte. Normalerweise sind Auftritte in Cafés, Kneipen und Bars immer kostenlos, die Läden finanzieren sich über den Getränkekonsum der durstigen Mitbürger. Die Swan Bar langte gleich doppelt hin: Eintritt und Pflichtkonsum eines Getränkes, darauf wiesen Schilder in jeder noch so kleinen Ecke hin ("Consommation obligatoire"). Mit 5 Euro war das kleine Fläschen Bitter Lemon nicht gerade billig und ich ließ mir mit dem Leeren massiv viel Zeit, damit mir der Barmensch nicht ein weiteres andrehte...

Aber damit will ich auch die Schilderung des Finanziellen beenden, denn Julie legte sich mächtig ins Zeug, spielte satte 95 Minuten lang, alle Zuhörer waren vorbildlich still und ich konnte das Konzert gemütlich auf einem Stuhl sitzend in aller Ruhe genießen. Zumal Julie selbst gar nicht wußte, wieviel die Zuschauer zu berappen hatten. Erst am Ende sah sie das kleine weiße Schildchen auf dem Tisch und meinte: "Oh, 10 Euro? Ich dachte 5! Na dann muss ich jetzt wohl mal anfangen, richtig gute Lieder zu bieten!"

Die gute Julie, Humor hat sie. Denn das zuvor gezeigte war doch bereits prima und niemand konnte sich wohl ernsthaft beschweren. Aber Julie's Spruch beinhaltete auch ein wenig Galgenhumor, denn bitter-süß grinsend hatte sie uns geschildert, daß Air Canada eine richtig üble Preispolitik betreibe und für die dritte Tasche satte 250 Dollar Aufschlag verlange. Da die Doiron für das Anschleppen der CDs und T-Shirts eben eine solche dritte Tache benötigte, war sie 250 $ los und musste schon ordentlich Tonträger absetzen, um die Verluste wieder reinzuholen. "Kauft CDs, ihr könnt auch mit mir handeln, oder legt euch ein T-Shirt zu, ich verhökere sie heute für 10", meinte sie halb resignierend, halb rumalbernd...

Aber was hatte es nun mit den roten Fußnägeln auf sich? Die Sängerin erklärte uns das ganz ausführlich, berichtete, daß ihr Freund ihr zum Geburtsatg eine Pediküre und eine Maniküre geschenkt hatte ("for this he is much more cultivated than I am") und das eigentlich ganz lustig und schick fand. Ihr Problem sei bloß, daß sie chemische Produkte ablehne und somit Nagellack und vor allem Entferner nicht in Frage kämen. Sie hätte also einen veganen (!) Lack dabei, der allerdings wahnsinnig schnell abblättere. Und außerdem hätte sie heute nur die Zeit gehabt, die beiden großen Zehen zu bemalen, was sie außerordentlich komisch fand (und ich auch).

Natürlich wurde nicht nur über Pediküre geschwätzt, aber solche Anekdoten sorgen doch immer wieder dafür, daß sich eine zunächst steife Atmosphäre auflockert und man einen privateren Zugang zum jeweiligen Künstler findet. Ohnehin hat man bei den Konzerten von Julie Doiron oft den Eindruck, man kennte sie schon von der Schule her oder so. Sie ist immer natürlich, authentisch, keine Spur aufgesetzt oder unnahbar. Angenehme Wesenzüge, die sich auch darin bemerkbar machen, daß sie grunsätzlich keine Setlist dabei hat, sondern spontan entscheidet, was sie gerade spielt. Ein Grundgerüst hatte sie sich heute zwar vorher sicherlich im Kopfe zurechtgelegt, aber das Eingehen auf jeden Wunsch der Gäste zeigte, daß sie bereit war, alles über den Haufen zu werfen und abzuwandeln.

Manche Fans verlangten gar allzu viel von ihr und forderten Songs, die sie aktuell nicht mehr auf der Pfanne und lange nicht mehr gespielt hatte. Ein Mitbürger bat um den alten Titel I'm Sorry und Julie fragte ensetzt: "wich part?", denn es gibt drei Parts. Sie schlug ihm vor, daß er Strophen singen möge, sie könne ja dann das Gitarre Spielen übernehmen. Irgendwann verhedderte sie sich, vergaß Strophen und Melodie und brach grinsend ab. Nicht die einzige Stelle, wo die Kanadierin Erinnerunsglücken hinsichtlich ihres Altmaterials hatte, aber nach 8 Alben und einer solch langen Karriere ist das verständlich und normal. Keine Band der Welt, die viele Lieder im Repertoire hat, könnte jedes einzelne spontan live spielen. Noch nicht einmal Bob Dylan, der heute 70 wurde.


Den und ein paar andere coverte die Doiron. Mehr hierzu in Kürze!

Setlist Julie Doiron, Swan Bar, Paris:*

01: He Will Forget
02: Heart Consolation Prize
03: Swan Pond
04: Ce Charmant Coeur
05: Tailor
06: In This Dark
07: The Longest Winter
08: Neu (Lyrics: "By the lake was a rock")
09: Cover von Dinner Is Ruined
10: Turn Me On (Nina Simone Cover)
11: I Threw It All Away (Bob Dylan Cover)
12: Unknown
13: No Money Makers
14: Le Piano
15: I'm Sorry (Part I & II)
16: The Wron Guy
17: No More
18: Dark Horse
19: Taller Beauty
20: Wintermitts
21: I Used To Be Good
22: Me And My Friend
23: Neu: Birthday song for her friend, Lyrics: " Last night I layed in bed..."

* habe ich mühsam durch Mitschriften und Internetrecherche zusammen bekommen. Uff!



 

Konzerttagebuch © 2010

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