Donnerstag, 6. Dezember 2007

Julie Doiron, Paris, 05.12.07


Konzert: Julie Doiron
Ort: La Mécanique Ondulatoire, Paris
Datum: 04.12.2007
Zuschauer: ca. 20 -25 (wenn man das Thekenpersonal mitrechnet)


"Danke , daß ihr gekommen seit, ich hätte gedacht, heute würde sich hier niemand einfinden!"

Wohlgemerkt, Julie Doiron richtete diese (aufrichtig gemeinten) Worte an ca. 20 Personen, die den Weg in die Kellergruft hinabgestiegen waren. Das mußte sie erklären: "da ich ja gestern bereits an gleicher Stelle gespielt habe und der Laden gerammelt voll war, bin ich davon ausgegangen, daß diejenigen, die mich sehen wollten, alle schon da waren; und außerdem gibt es ja bestimmt noch andere Konzerte heute in Paris." - Nun, das stimmte schon, aber ich hätte der symphatischen Kanadierin auch heute einen vollen Keller gewünscht, zudem Julie Doiron doch wirklich nicht so unbekannt ist. Seltsam, seltsam, die Indie- und Folkszene ist selbst in einer Weltstadt wie Paris sehr klein....

Sei's drum, ausgezeichnete Künstler in solch intimer Atmosphäre zu sehen, hat auch etwas für sich. Näher als heute konnte ich wirklich nicht dran sein und niemand, aber auch wirklich niemand versperrte die Sicht auf die Bühne. Wie auch, es saßen schließlich alle die da waren auf dem Boden! Ja, ja, im Schneidersitz gegen die Steinwände anlehnen war angesagt. War auch schon bei der als Vorgruppe auftretenden Lisa Li Lund so. Diese spielte feenhaften Elektro-Folk im Stile von Stina Nordenstam, oder den Mates Of States. Lustigerweise hatte ich die aparte Lisa, die wohl trotz des Namens Französin und nicht Schwedin ist, bereits kurz vorher getroffen. Und zwar als ich gerade die gemischte (typisch Frankreich!) Toilette verließ. Die junge Künstlerin wollte auch auf's stille Örtchen und war froh, daß das begehrte Plätzchen frei wurde. Sichtlich erleichtert konnte sie dann kurz später ein paar ihrer schönen Kompositionen vortragen. Zunächt ganz alleine am Keyboard, später an der Gitarre (ebenfalls alleine) und schließlich in Begleitung von Julie Doiron und ihrem schluffigen Schlagzeuger, der mit Flip Flops angekrochen kam. Das machen ja gerade die Angelsachsen sehr gerne, im Dezember fast barfuß rumlaufen, das gibt ihnen anscheinend einen Kick...

Nach einem abschließenden Liedchen alleine auf der Treppenstufe zog sich Fräulein Lund zurück und überließ Julie und ihrem Drummer die Bühne. Zunächst verschwanden aber die beiden noch einmal kurz. Zurück auf dem gekachelten Boden begann die Kanadierin, die sehr gut französisch spricht, mit "Snow Falls In November" interessanterweise also mit dem Lied, durch das ich auf die Künstlerin aufmerksam geworden bin. Man findet es auf dem Album "Goodnight Nobody". War dieses Lied noch ziemlich folkig, wurde es später noisiger und düsterer. PJ Harvey war musikalisch manchmal nicht allzu weit entfernt, aber das ist ja schließlich nicht die schlechteste Referenz. "The Wrong Guy" und "No More" zwei Stücke vom neuesten Output "Woke Myself Up" erfreuten mein Herz. Auch schön: ein französisches Lied, welches vom Album "Desormais" stammte. Leider weiß ich nicht genau, um welchen Chanson es sich handelte, da ich diese CD vorher nicht besaß. So verlief das Konzert dann angenehm und niveauvoll circa. 7 Stücke lang, bis Julie plötzlich etwas schwankte, ihre Gitarre niderlegte und sichtlich erschöpft nach einem Glas Wasser fragte. Der Armen, war es schlecht geworden! Weshalb, konnte sie sich selbst nicht so genau erklären, vielleicht war es die stickige Luft in dem Kellerschacht, die ihr zu schaffen machte. Unnötigerweise entschuldigte sie sich für ihren schwachen Zustand und bat den phlegmatischen Drummer, mit ihr die Instrumente zu tauschen. Sie wollte sitzen und somit Schlagzeug spielen, er bekam ihre Gitarre, von der er behauptete, daß sie wie immer nicht richtig gestimmt sei. Überhaupt hatte der schlaksige Mann einen köstlich trockenen Humor. Um Julie Zeit zu geben, sich etwas zu erholen, erzählte er in aller Seelenruhe Stories von dem Leben auf Tour. Das letzte Mal, daß er sie so schwach erlebt habe, sei in Holland gewesen. In Groningen, um genau zu sein (er erklärte den Franzosen auch wie die Holländer das aussprechen, herrlich!). Dort hätten sie einen Joint geraucht und Julie sei es so übel geworden, daß sie kreidebleich wurde und die Zunge rausstreckte. Er macht hierzu wunderbar die Mimik der angeschlagenen Sängerin nach. Überhaupt amüsierte ihn das Thema sehr. Legal Hasch rachen zu dürfen, daß sei doch für nordamerikanische Verhältnisse traumhaft. Was wir für ein Glück in Europa hätten! Er war nicht mehr zu stoppen und schloß gleich eine andere Anekdote aus Amsterdam an, wo sie ein Kraut namens Casablanca geraucht hatten. Der Typ, der ihnen davon ein Gramm zurechtgeschnitten hätte, hätte den coolsten Job der Welt, usw.

Irgendwann spielten sie aber auch wieder Musik, wenngleich die vorherige Rollenaufteilung geeigneter war. Julie kämpfte tapfer, sang auch noch ab und zu mit und brachte so das Konzert irgendwie über die Bühne. Sie tat mir so leid, aber wie konnte ich ihr helfen? Ich beschränkte mich aufs Klatschen, wünschte ihr hinterher von Herzen gute Besserung und kaufte ihr auch noch zwei CDs ab. Nicht aus Mitleid übrigens, sondern weil sie eine hervorragende Musikerin ist, die es verdient hätte, vor größerem Publikum zu spielen.

Get well soon, Julie!



6 Kommentare :

undertaper hat gesagt…

manchmal sind die Anekdoten zwischen den Liedern ja besser als das Konzert selbst und auch bei dir, gibts neben gerechtfertigter Lobhudelei und harten Playlistfakten Interessantes - gemischte Toiletten, sehr eigen, aber in dem 2.größten Fanland von Tokio Hotel vielleicht verständlich.
Bist damit der legitime Nachfolger von Ulli Wickert ;)
erbitte Rotweintips und was macht eigentlich Yannick Noah?!
... und schneidersitzhockende Konzertbesucher auf die No-Go-Liste von Christoph setzen.
Gruß undertaper

Christoph hat gesagt…

Quatsch! Konzerte im Sitzen zu verbringen, ist sehr charmant! :-)

Eines der allerschönsten Konzerte meines Lebens war Belle & Sebastian in Köln. Und der schönste Moment dabei war, als wir aufgefordert wurden, uns hinzusetzen!

oliver r. hat gesagt…

Sehr amüsanter Kommentar, Undertaper :-)

Gemischte Toiletten sind in Frankreich oft die Regel, jedes Café hat ja schließlich meistens nur eine zu bieten.

Nachfolger von Wickert? Hoffentlich bin ich besser!

Yannick Noah macht übrigens grauenhafte Musik, er hätte bei der Seniors-Tour bleiben sollen und Christoph mag Konzerte im Schneidersitz sehr. Kaum zu glauben, aber war, nachzulesen bei Belle & Sebastian im Kölner E-Werk.

Grüße, Oliver

hossam hat gesagt…

Hallo, es ist wirklich ziemlich cool Blog und Thema
Hoffnung auf eine Freunde, Sie bald
Wiedersehen

E. hat gesagt…

konzerte im sitzen? in friedensbewegten zeiten war ich auch hocker und lauschte manch duftigen gitarrenklängen. heute möchte ich mich aber tatsächlich rührig machen. still sitzen? nein!

E. hat gesagt…

nachtrag! julie doiron ist eine ganz besondere! leider war es mir nicht vergönnt, sie live zu sehen. dafür hab ich mehr alben...
(billiger trost.)

 

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