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Donnerstag, 2. Juli 2015

Julie Doiron, Rosenheim, 29.06.15

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Konzert:  Julie Doiron mit support Andi Langhammer
Ort: Bebop Schallplatten Rosenheim
Datum: 29. Juni 2015


Ein Bericht von Eike - vielen Dank!

der laue sommerabend lud zum entspannten cruisen ein. die saftigen wiesen zogen in endlosen quadraten rechts und links der b15 vorbei, lediglich unterbrochen von sich grau abhebenden, in die landschaft schlängelnden landstraßen. die sonne grüßte noch wach von den gipfeln des majestätisch ruhenden gebirges her, ein milder wind zosch in die weit geöffneten fenster unseres wagens. rosenheim grüßte mit vororten, später mit bildungseinrichtungen und dem hinweis auf den örtlichen eishockeyverein, in der city selbst mit baustellen, einbahnstraßen und parkplatzproblemen. vor dem hole hatte sich bereits eine traube gebildet, die sich der kleinen straße annahm, rauch in den himmel blies, sich das frische bier schmecken ließ und mit linkischem blick nach einer dame lugte, die sich ihrer kinder bemühte. luftig bekleidet, ärmellos, so dass man ein kleines tattoo auf dem linken oberarm sehen konnte, mit sandalen beschuht, eine große, runde brille auf der nase, julie doiron. ihr jüngstes (elsie) brauchte noch hilfe beim umherwandeln, die größeren konnten sich bereits darum kümmern. bald sollte die situation kurzzeitig eskalieren, die mutter musste schließlich ein konzert spielen. beruhigung allenthalben, spätestens als die kanadierin auf der bühne stand. 

an ihrer seite christopher leigh mc laughlin, der sich wie die namensgeberin des konzertabends eine e-gitarre umband. er sollte schließlich für die akzente sorgen, melodieneinschlüsse, saftiges fetzen, sphärische soundmalereien oder bottleneck-akrobatik. es gelang ihm zumeist ausgezeichnet, doch die momente, da sich verzerrungen nicht mehr als intendierte identifizieren ließen, mehrten sich. ganz offensichtlich begannen amp und pedals zu streiken. christopher, mit deutschen vorfahren aus der nähe von kaiserslautern, wie man während des abends erfuhr, ließ sich zunächst nicht aus der ruhe bringen, da waren bereits einige songs absolviert, doch in der interaktion mit seiner partnerin entstand spürbare nervosität. war sie zunächst auch gegründet in der tatsache, dass sich die babysitter via handy bemerkbar machten, was für ein zusätzliches störgeräusch sorgte, wurde sie potenziert durch die erwartungshaltung doirons an einen möglichst einwandfreien vortrag. dass christopher irgendwann das handtuch schmiss, sprich die gitarre in die ecke stellte und entnervt die flucht ergriff, kann seitens des bzw. durch publikums nur schwach begründet werden. hier offerierte sich bzw. hierin kulminierte vielleicht auch der andauernde stress, dem die familienbande auf einer weitläufigen und zeit- und kräfteraubenden tour ausgesetzt war, ist.



bis dahin aber hatten die beiden geschwisterlich aufeinander zu gearbeitet, ließen die gewogenen anteile am klangbild gelten und gesellten sich zueinander, sowohl instrumental, als auch stimmlich wenn es not tat. hin und wieder stutzte sich christopher die flügel, setzte sich auf die bühne, um an den effekten zu fingern, schleifen zu produzieren, ein psychedelisches geifern anzustimmen oder um ein neues fundament zu schaffen, auf dem julie doiron agieren konnte. sie wiederum schien sich über den abend hin erst einmal einsingen zu müssen. klang ihre stimme anfangs noch beschränkt, kantig, hart, nahm sie an weichheit, klarheit und variabilität im verlaufe des konzerts immer mehr zu.  aber es ist gerade ihre eckige art, hier und dort etwas zu verschlucken, endungen endungen sein zu lassen, die für so positive widerstände sorgt. denn während sie bereits die nächste liedzeile beginnt, lässt sie der zuvor gesungenen noch ein fitzelchen raum, damit ihr der hörer etwas nachgehen kann. so nimmt er einen aktiven part ein und wird schnell zum mitbesitzer des doironschen kosmos. 
diese magie ließ sich zum glück trotz der mächtigen soundprobleme spüren. erst recht als die vierfache mutter später allein das geviert ausfüllen musste und sich dabei nicht mehr mit soundproblemen konfrontiert sah. vom temporären ärger musste sie sich noch befreien, bis sie schließlich noch einmal mit einigen wunderbaren liedern beeindruckte. zum glück hatte sie sich nach der performance im duett nicht vollends verdrückt, sondern rückte einer zugabe zuleibe. und damit sich selbst. wie sie die gitarre schnarren ließ, einblick in ihre gefühlswelt erlaubte, ganz so wie sie auch ihren alltagszorn nicht versteckte. es ihre art. sie ist voller zweifel und fragen und dabei voller klarheiten. beziehungen gehen nicht einfach so auseinander, lässt sie uns wissen, es kommt stets noch etwas nach, das echo währt.


so auch die erinnerung an den opener "yer kids", diesen wunderbaren song vom 07er album "woke myself up", der großmutter gewidmet, schwappt er zwischen den tempi und lässt die protagonistin keckern und den sidepart nach lichten tönen greifen, herrlich wie er auf den bünden nach ihnen schnappte. "swan pond" wird zum erwarteten schunkler, christophers part verstärkte die reize, doch noch befindet sich die gesamte chose in haltloser bewegung. mit "le piano" zitierte doiron nachfolgend ihr französisch sprachiges album "désormais", eine kleine, feine, anmutige nummer gelingt. mit "cars and trucks" wird erstmals das letzte solowerk doirons zitiert, "so many days". es ist ein giftiges, verletzliches lied, das sich windet und wendet und sich nicht so recht einfangen lassen will. irgendwann packt es die sängerin beim kragen und legt es uns sorgsam gefaltet vor. ähnlich ergeht es "dirty feet" vom 2004er "goodnight nobody", wobei es dank seiner schönheit einfach nur ist. die noten tropften von den saiten und es begaben sich gesangsfetzen hinzu. im hintergrund poliertes, ein friedlich dreinblickender mann. "the only" und "where are you?" entstammten erneut dem letzten tonträger. beiden gefällt die korrespondenz von sanftmut in der stimme und ausdrucksstärke in der saitenarbeit. später erklingt noch das gemeinsam inonierte "twin summers", eine nummer von weird lines (geschrieben von christopher), an diesem abend in schlichtem kleid vorgetragen, wunderschön. nicht weniger glanzvoll erstrahlten hernach die solo vorgetragenen "i woke myself up", "snow falls in november" und "will still you love me in december". das ende war versöhnlich, wie der anfang und die mitte nicht vorhersehbar waren. wie das leben. und das leben macht spaß!



die nächsten termine: 
01.07. offenbach - hafen 2
02.07. düdo. - kassette
03.07. hh - hasenschaukel
04.07. berlin - down by the river festival 

Aus unserem Archiv:
Julie Doiron, Köln, 15.02.13
Julie Doiron, Paris, 14.02.13
Julie Doiron, Paris, 05.04.12 



das trifft wohl auch auf andi langhammer zu, der sich seit vielen jahren unter dem moniker lost name einen namen gemacht hat. seine art das gitarrenbrett zu behauen, hat etwas animalisches, oft kämpferisches, als gelte es dämonen gegenüber zu treten. dabei führt er eine stimme mit sich, die an sanftmut und tragkraft für die besonderen themen kaum zu übertreffen ist. wir hatten den jungen songwriter das letzte mal 2009 erlebt. damals schien er deutlich introvertierter, verschlossen, in sich verkapselt. heuer aber zeigte er sich aufgeräumter, offener. seiner musik, die er im vorprogramm des julie doiron konzerts darbot, tat dies keinen abbruch.
tausend dank an heidi und bebop schallplatten für die einladung, das konzert, dafür!

Mittwoch, 10. Juni 2015

Aldous Harding, München, 07.06.15

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Konzert: Aldous Harding
 Veranstaltung der Hauskonzerte in München
Datum:  7.  Juni 2015



Ein Bericht von Eike - vielen Dank!

da braute sich was zusammen! über den himmeln der bayerischen hauptstadt, geradwegs auch über dieser ehemaligen schreinerei, an der marsstraße gelegen und zwar im hinterhof versteckt, doch nahe lärmender nachbarschaft, stand der himmel in dunkel gehüllt, zogen die winde auf, als würde ein sommergewitter feinster provenienz ausgebrütet. und doch wagten die fleißigen konzertveranstalter von hauskonzerte.com den abend mit hanna claynails harding, besser bekannt als aldous harding, ins freie zu verlegen. handgeknüpftes teppichwerk bevölkerte den kargen steinboden, darauf alsbald niedergelassen einige dutzend neugierige, höchstpersönlich eingeladene menschen. die künstlerin selbst hatte sich botmäßig unters volk gemischt und zollte dem abend, zollte antò nio applaus für einen wagnis behafteten auftritt, den der junge, münchner sangeskollege absolvierte. 


eine kurze pause später steht uns die neuseeländerin gegenüber. in ein kurzes, mit lustigen pferdchen bedrucktes sommerkleid gewandet, mit frisch gewaschenen, hoch gebundenen haaren, eine junge frau noch, der welt auf eine weise zugetan, wie man sie, wenn man knapp zwanzig jahre voraus ist, nur noch schemenhaft identifizieren kann. da sind diese offenherzigen und gleichzeitig beschlagenen gesten, da ist die vermeintlich schüchterne musikerin, deren ausdruck jedoch prägnant und ausdrucksstark staunen macht. da ist das stibitzen über den saiten ihrer akustischen gitarre, da ist dieser kehlige, selbstvergessene gesang. und da ist man selbst und da sind die eigenen vorstellungen, wie sie zurückgeworfen werden, wie sie zerschellen an der kunst einer charismatischen wie leichtfüssigen frau, die sich und vieles um sich herum nicht ganz so ernst zu nehmen und doch mit vielem im widerstreit zu stehen scheint. alsbald aber hält man nur noch den atem an, zwingt sich den tönen nach, die sich zwischen dem pfeifen der vögel, dem mal wispern und dann wieder rauschen des windes zu verlieren scheinen, die sich messen mit dem partygebrüll der konkurrenzveranstaltung einen hof weiter. druckvoll aber kann es harding auch und sie macht aus ihrem herzen keine mördergrube und verfängt sich in ihren liedern, verläuft sich in ihren phantasiewelten und kehrt erst wieder zurück, wenn die letzte note gefallen ist. 



sie beginnt mit "stop your tears", dem ein leichtes meeresrauschen innewohnen zu scheint, ein wenig mondglanz, eine starre, unverrückbare sehnsucht. das picking ist poiniert, zart, sacht. die stimme breitet sich nur langsam, dafür umso eindringlicher aus. ein schatten von koloratur bereits. rau der zeilenbeginn, weich die enden. wo auf ihrem album ein märchenhafter soundreigen einbettet, tut es an diesem abend die natur nicht weniger gelungen. harding weiß um ihr minenspiel, um ihre eigenart, die gitarre zu umklammern, den kopf über den resonanzkörper legend, als spüre sie den tönen nach, als prüfe sie die qualität des vortrag, noch bevor er an die ohren seiner hörer brandet. 

"beast" zeigt sich belebter, flotter, es spielt mit den worten, auch wie es den klang der worte zu biegen weiß. ein neuer dialekt, der sich unter der liquiden melodie breit macht. wir streifen nachfolgend mit "titus groan" mervyn peakes "gormenghast trilogie", vorgetragen mit diesem weichen flattern in der stimme, gebettet in vollmundige, verheißungsvolle, warme harmonien. dass der track ausgerechnet "party" heißt, in welchem es um die trennung von einem lover geht, findet auch harding komisch, wenngleich bald klar wird, dass es hier um das bedauernswerte warten und bangen geht, ob und wann man sich treffen wird oder nicht mehr treffen mag. 

auch "swell does the skull" ist kein albumtrack des im letzten jahr veröffentlichten debütwerks der aus dem kleinen lyttelton stammenden sängerin. erst mit "hunter" zieht sie wieder bekanntes ins blickfeld und weiß zugleich um ihren "hit", wie sie den wunderbaren titel selbst nennt. er geht ihr so frisch von der hand, wie man es erwartet hatte. die einträgliche melodie breitet sich flink aus und fasst das rund, bewegt es gar ein wenig. der lichte gesang verstaubt unter der noch trockenen erde und wird doch same sein. es ist das drama, es ist nichts, was sich aufdrängt im vortrag von aldous. es ist die seelentreue, das verbindliche moment, das anhebt, anrührt. 

ein letztes lied, dann geht sie. geht mit einem lächeln über den lippen. doch das publikum möchte sie noch einmal wiedersehen. sie stöpselt die gitarre ab und ehrt eine ihrer vorbilder. "non, je ne regrette rien" schallt es durch den hof, energisch trägt sie das piaf-lied vor, ihre aussprache ist ausgezeichnet, das lied passt besser zu ihr, als man zunächst glauben wollte.

dass sich harding später nicht zu einer weiteren zugabe hinreissen ließ, begründet sie damit, dass sie genau wisse, dass man in der folge ein ums andere mehr von ihr hören wolle. außerdem wartete bereits eine zigarette auf sie, die ihre tourmanagerin bereits zwischen den fingern bereit hielt.


so musste wir uns mit einem viel zu kurzen, dafür umso intensiveren vortrag begnügen. ein schöner abend, wie er sich dann über münchen verlor, ohne auch von nur einem tropfen nass benetzt worden zu sein. so kann auch ein sonntagsglück aussehen.

Setlist: 
01 stop your tears
02 beast
03 titus groan
04 party
05 swell does the skull
06 hunter
07 the world is looking for you

08 non, je ne regrette rien (Z)


Sonntag, 16. Juni 2013

Scout Niblett, München 11.06.13

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Konzert: Scout Niblett
Ort: Strøm, München
Datum: 11.06.2013
Zuschauer: gut gefüllt
Konzertdauer: etwa eine Stunde 

Text und Fotos von Eike aus Bayern. Erstveröffentlichung auf seinem Klienicum.



Dass sich der Künstler gegenüber seinem Publikum offenbart, dass er sich häufig genug zur Nacktheit zwingt, wir wissen es. Dass er seinen Abgründen nicht ausweicht, im Gegenteil in sie eintaucht, um uns daraus vorzulesen, wir haben es erlebt. Dass er manchmal seinen Offenbarungszwang, die tägliche Notwendigkeit dazu nicht ertragen kann, wir haben es geahnt. Während wir uns zur Ablenkung zwingen, den inneren Dämonen so oft es geht entsagen, konfrontiert sich der Künstler, wenigstens möchten wir ihn in aller Ernsthaftigkeit so wahrnehmen, mit dem heiklen Material seiner intimen Widrigkeiten. Dem einen gelingt das für die Zeit einer Konzertreise, dem anderen geht zwischendrin der Mut, die Kraft, die Emotion verloren. Es wäre das Selbstverständlichste. Nun bin ich nicht vertraut mit Scout Niblett und ihren Nöten. Doch was sie an diesem Mittwoch abend präsentierte, war nach außen gekehrtes Unbill. Sie trug die Tragik offen. Man konnte aus ihren Gesichtszügen das Waidwunde lesen. Getroffen war sie bereits, als sie auf die Bühne kam. Als sie nach nicht einmal einer Stunde bereits wieder ging, schien sie auf eine Weise besiegt, die ich fast unerträglich fand. Ein besonderes Ärgernis, sie zu einer Zugabe herausgezwungen zu haben. Die Musik war bereits eingeschaltet, doch ein durstiges Publikum verlangte nach mehr von dem rachsüchtigen Saft der Neugier und des Voyeurismus. "I Am" war da die richtige Antwort. Und wenn es nicht genüge wäre, dass sich der Künstler nicht wohl in seiner Haut fühlt, trieben Nebensächlichkeiten ein teuflisches Spiel. Der Verstärker Nibletts war im Eimer und gab für die Dauer des Konzerts ein unüberhörbares Schnarren von sich. Auch in lauteren Passagen musste man sich Mühe geben, um gnädigerweise das störende Nebengeräusch zu ignorieren. Dass mehrmals Zwischenrufe aus dem Publikum kamen im Sinne von "Anlage abschalten!", tat da sein Übriges. Danke an den Rückrufer: "Ansage abschalten!" war sein treffender Kommentar. Scout Niblett ergänzte, dass es sich doch um einen coolen Umstand handle und sie schließliche eine Noiseband wären und grinste dabei verlegen. Ihre Anfragen nach Wünschen gleich zu Beginn des Konzerts blieben zudem fast gänzlich unbeantwortet, jemanden fiel noch "Kiss" ein, dann erbat sie sich Fragen, mehrmals, auch hier keine Reaktion aus dem Publikum. Das waren mehr als missliche Ausgangspositionen. 

Nach zwei Solonummern kamen jeweils kurz aufeinander Drummer Jan Phillip Janzen und der auf Dauer breit Kaugummi kauende Miguel Ortiz Caturani auf die Bühne, um dem Vortrag etwas mehr 'Bumms' zu verleihen. Die Schießbude war derart auf Knalleffekt eingestellt, dass sie sich mehr als befeuernd in den Dienst der 1973 geborenen Emma Louise stellte, mehr denn zu einem ganz paritätischen Element des Vortrags wurde. Trommelwirbel, die Pausen füllten, Euruptives, Manisches. gelungen in jedem Fall. Auch das zusätzliche Gitarrespiel war ein willkommener Gruß an Lautstärke und kraftvollerem Vorwärts. 


Doch am Ende blieb immer Scout. Ihr züngelnder Gesang in den leisen, ihr Maß nehmen in den lauteren, in den lauten passagen. Ihr Schreien ist dabei ein nie vollendetes, als wage sie nicht den Weg zu Ende zu gehen. Ihre Kunstfertigkeit an der Gitarre, dieses gezielte Spiel, um Stimmungen zu belegen, sich ein Begleitensemble zu kreieren. Seltener kannst du erleben, wie Töne zahm sich fügen, um der gesungenen Note zu folgen. Ein einträgliches Buchstabieren. Vorbeten, Nachtun. Es ist eine Ordnung, die der Künstlerin Halt verleiht. Und so folgte die Zuschauerschar im gut gefüllten Strom einem immer wieder gleichen Muster. Einem zögerlichen Beginn, in dem die Instrumente Pferden gleich mit den Hufen scharren, folgt der Ausbruch und die Entladung. Die Gitarren fetzen und erhalten durch die Schwere der Schlagzeugwucht ihre energetische Bestätigung. 

Songs aus dem neuen Album "It's Up To Emma" changierten dabei zwischen der Fragilität angelehnten Gesangs und dem Punch eines organischen Krawallschlages. Eine verlorene Liebe, und du kannst sie Zeile für Zeile buchstabieren, ist eine verlorene Liebe. Und wovon sollten wir sonst zehren, wenn nicht vom Schmerz, der uns an uns bindet. Und wovon sollten wir sonst erzählen, wenn nicht vom Geschlagensein. Und was ist unsere größte Triebfeder, wenn wir nach Ausdruck suchen. Der Schmerz. Er hinterlässt Spuren. Wie die strähnigen Haare im Gesicht. Wie die ausgezerrten Züge, die licht entsagenden Falten, das falsche Schmunzeln, die tränennassen Augen. "Could This Possibly Be?" wird zum stärksten und bewegendsten Stück, weil die sezierten Elemente ihren ganz eigenen Reigen um diese unbeantwortete Frage tanzen. 









Es war ein Abend, der von einem Magengrimmen begleitet war. Ja, man möchte Teilhaben an der Kunst des Ausdrucks. Auch um seines Schmerzen willen. Aber soll es auch eine Kunst sein, an der man zerbricht? Derentwegen man in die Knie geht, weil sie als Mittler vielleicht nicht mehr taugt? Der umsorgenden Hege des Blues ist Scout längst entstiegen, im blinden Treugesang des Metals ist sie längst heimatlos. Die eigene Melange aus wütender Ruppigkeit und blinder, kindlicher Folgsamkeit wird zum Störfeuer, das das Schiff nicht in den heimatlichen Hafen der Geborgenheit führt. Man wollte sie in den Arm nehmen und trösten. Doch war sie längst über alle Bergen, den Rucksack geschultert, in dem sie wohl all das mit sich führt, was sie längst abgeworfen haben sollte.






Samstag, 30. März 2013

Eikes Konzerttipps im April

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Ich wünsche mir ja immer einen regen Austausch, zumal ich selbst trotz weit aufgestelltem Radar noch erlebe, dass manchmal interessante Konzerte an mir vorbeigehen. Wie z.B. diese hier, auf die mich eike zum Glück noch rechtzeitig aufmerksam gemacht hat. Da sich vielleicht nicht alle die Zeit nehmen, die Kommentare zu meinem Beitrag mit den Konzerttipps im April zu lesen, hier sein Nachtrag zu meinen Tipps in epischer Breite und voller Schönheit.


stephen steinbrink

02.04. Potsdam - Waschhaus
03.04. Berlin - Monarch
04.04. Leipzig - Wärmehalle Süd
05.04. Berlin - secret location
06.04. Frankfurt - Plank!
07.04. München - innen.außen.Raum
08.04. Graz - Platoon
13.04. Wien - Rhiz
14.04. Dresden - private Matinee Show


golden void

09.04. Berlin - Jagerklause
10.04. Dresden - Ostpol
17.04. Paris, France - Point Ephemere
20.04. Siegen - Vortex





toby goodshank

12.04. Frankfurt - Die Fabrik w/ Susie Asado
14.04. Düsseldorf - Die Kassette
15.04. Köln - Die hängenden Gärten von Ehrenfeld
16.04. Utrecht - DB's
17.04. Brussels - Le Chaff
18.04. Paris - Les Balades Sonores
18.04. Paris - Le Motel
19.04. Paris - Oliver Peel Session
20.04. Nancy - Off Kultur
21.04. Zürich - Bar 3000
22.04. Wien - The Loft
23.04. Kraków - Piękny Pies
24.04. Warszawa - Cafe Kulturalna
25.04. Łódź - Owoce i Warzywa
26.04. Chemnitz - Lokomov
27.04. Leipzig - Wärmehalle Süd
28.04. Berlin - Pink Melon Joy*
29.04. Hamburg - tba


the deep dark woods

15.04. Südstadt w/ Dead Fingers München
16.04. Mousonturm Studio w/ Dead Fingers Frankfurt Am Main
17.04. Molotow w/ Dead Fingers Hamburg
18.04. Crystal Club w/ Dead Fingers Berlin
19.04. Blue Shell w/ Dead Fingers Köln 



barn owl

15.04. Hamburg - Hafenklang
16.04. Dresden - Beatpol
24.04. Paris - Espace B
03.05. Osnabrueck - Haus der Jugend
04.05. Freiburg - White Rabbit
07.05. Esslingen - Komma
08.05. Berlin - About Blank


eternal tapestry

20.04. Giessen - AK44
21.04. Leipzig - UT Connewitz
23.04. Berlin - White Trash



Freitag, 7. Dezember 2012

Hrsta, Matana Roberts, Thee Silver Mt. Zion, München, 21.11.12

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Konzert: Hrsta, Matana Roberts, Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra
Ort: Hansa 39, München
Datum: 21.11.2012

Vorbemerkung (von Oliver):



Auch in Paris gab es Konzertabende zur Feier des 15. Geburtstages von Constellation Records, aber ich habe es leider nicht dorthin geschafft. Zum Trost hier aber nun ein Bericht von Blogger-Wimbledonsieger (Sieg gegen Federer in fünf Sätzen) Eike Klien.* Erstveröffentlichung auf seinem Klienicum.

Drei Acts, die höchste Konzentration erforderten, die für sich stehend eigentlich genügten. Der Abend im Hansa 39 zu München, angesetzt als Teil der 15 Jahr Feier des kanadischen Labels Constellation Records, hatte es in sich. Die musikalische Güte, die das Unternehmen unter seinem Dach hütet, ist unbenommen, ihr Ausstoss zuweilen schwitzig und brachial. Was durfte man also erwarten? Viel! Was bekam man? Enorm viel! Zunächst starteten Hrsta, zuvorderst das Projekt von Mike Moya, den man auch als Gründungsmitglied von Godspeed You! Black Emperor kennt. Unter dem im Sanskrit getroffenen Bandtitel erzeugt er weirdfolkiges abseits von Klangsperenzchen, die durchsichtige Stimme tut dabei ihr Übriges. Mit Hilfe von Brooke Crouser (Jackie-O-Motherfucker), der neben einer E-Gitarre auch ein Tonbandgerät inkl. Effekten bediente, wurde ein eigenwilliger wie einnehmender Klangkosmos erarbeitet. Schleifen über Gitarrensaiten, Bögen, die sich über den Stahl zogen, entzerrt und getrieben, ausdrucksstarker Gesang, Liedformen, die sich wie von selbst ergaben. Das hatte was von Hohelied und priesterlicher Klage. Mit "Silver Planes" und "Holiday" blieben zwei beeindruckende songs aus dem recht kurzen Set in Erinnerung. Auch Moya schien noch nicht ganz warm gelaufen sein, da mussten er und sein Kompagnon bereits wieder die Bühne räumen. Die Band kann man, muss man im Auge behalten, wenn einem offene Arrangements, Soundfahrten und lichtes Spiel taugen. Mir hat es sehr gefallen. Vor allem diese Art von Understatement, obwohl man mit großer handwerklicher Kunst konfrontiert war. Das launige Gitarrenspiel täuschte allzu gern über die Meisterschaft hinweg. Das hatte Stil. 


Die Reihen lichteten sich kurzzeitig, doch schon bald huschte eine Erscheinung durchs alte Industriegemäuer. In rotes Tuch gewandet, mit Halstuch ausgestattet und einer schwarzen Weste, stiefelte in schweren Schuhen Matana Roberts auf die Bühne. Was für ein Anblick! Die Erzeugerin der letztjährigen Großtat "coin coin chapter one: gens de couleur libres" stand tatsächlich vor uns. Allein mit ihrem Alto Sax und aufgeräumt, offenherzig und zugewandt. Ein Ausbund an empathischer Hingabe. Freudige Erregung allenthalben, vorangetrieben durch ihr expressives Spiel, durch ihren Variantenreichtum, durch den ekstatischen Drang. Die Klappen ihres Instruments wurden geradezu geschlagen, ihr Schließen war wohl bis zum Ende des bemessenen Raums zu hören. Das Atmen der Künstlerin und das Blasen in ihr Saxophon wurden eins. Ein Atemzug entstand, aus dem heraus sich die Töne filterten. Klare Noten, gepresstes, Noten, die Hiebe erhielten, andere, die reingewaschen ans Ohr des Hörers gelangten, Noten, Noten, Noten. Auszüge aus dem benannten Album erklangen. Doch vielmehr war sie hier. Unterhielt, sprach an, rezitierte, mahnte und nahm ernst. Die Schnellschüsse, die Aalven schossen geradewegs ins Publikum und erhielten Rückstoss und dankbaren Applaus. Nicht zuletzt sang man gemeinsam den Refrain des Oscar Brown jr. Songs "Bid' Em In". Ein einvernehmliches Gestalten, da wir, wenn es das entsprechende Zeichen gab, sonor brummten und Roberts die Textzeilen sang, das vielfache "bid 'em in! get 'em in!" aber intonierten wir gemeinsam, ein Fest: 

"Bid 'em in! Get 'em in! That sun is hot and plenty bright. Let's get down to business and get home tonight. Bid 'em in! Auctioning slaves is a real high art. Bring that young gal, Roy. She's good for a start. Bid 'em in! Get 'em in! Now here's a real good buy only about 15. Her great grandmammy was a Dahomey queen. Just look at her face, she sure ain't homely. Like Sheba in the Bible, she's black but comely. Bid 'em in! Gonna start her at three. Can I hear three? Step up gents. Take a good look see. Cause I know you'll want her once you've seen her. She's young and ripe. Make a darn good breeder. Bid 'em in! She's good in the fields. She can sew and cook. Strip her down Roy, let the gentlemen look. She's full up front and ample behind. Examine her teeth if you've got a mind. Bid 'em in! Get 'em in! Here's a bid of three from a man who's thrifty. Three twenty five! Can I hear three fifty? Your money ain't earning you much in the banks. Turn her around Roy, let 'em look at her flanks. Bid 'em in! Three fifty's bid. I'm looking for four. At four hundred dollars she's a bargain sure. Four is the bid. Four fifty. Five! Five hundred dollars. Now look alive! Bid 'em in! Get 'em in! Don't mind them tears, that's one of her tricks. Five fifty's bid and who'll say six? She's healthy and strong and well equipped. Make a fine lady's maid when she's properly whipped. Bid 'em in! Six! Six fifty! Don't be slow. Seven is the bid. Gonna let her go. At seven she's going! Going! Gone! Pull her down Roy, bring the next one on. Bid 'em in! Get 'em in! Bid 'em in!"


Dass Matana das deutsche Publikum erkorte, zum besten, dass sie Liebe verteilte mit offenen Händen, dass sie viel zu kurz da war, geschenkt. Sie hielt hier inne, und nur das zählt. Wir haben sie mit allen Sinnen erfahren. Es bleibt kaum noch Platz für Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra. Und doch darf man das kanadische Ensemble keineswegs unter den Tisch fallen lassen. Nicht zuletzt, weil viele Zuschauer wegen ihnen gekommen waren. Und wenn bspw. "13 Blues For Thirteen Moons" erschallte, wusste auch der Letzte, worin die Faszination dieser Band liegt. Die dynamische Wucht, die nach zehrend langem Anlauf aus düsterem Schlagwerkpoltern, flehenden Geigenlauten, angedeuter Bassline, verhaltenem Gitarrenwirken und mahnendem Gesang entstand, pustete den befangensten Hirnkasten frei. Der Blues rollte so gewaltig, dass er sich locker in jeder Ecke der Halle breit gemacht hatte, als die letzte Sekunde schwerfällig verhallte. Doch die Musik ist diffiziler und akzentuierter, als diese Worte belegen wollten. Der Klangfarben sind viele trotz oder wegen des eingeschränkten Instrumentariums. Durchwirkte Kollektivarbeit, mal drohend, dann aufgeräumt und statisch, dann wieder von Efrims hellem Gesang dominiert, in der Violinenkontrolle gefangen, von der Drumsgebärde bedroht. Im Chor erfährt der Trotz Belebung, im Innehalten wächst die Spannung. Die vier arbeiteten sich in Reife und in Konzentration durch ihr Set. Auch eine gerissene Bassseite brachte sie nicht aus dem Konzept. Die Frage nach Fragen ins Publikum blieb leider weitgehend ungenutzt. Denn was sollte der gelockte Sänger schon auf "wo ist deine Jacke?" antworten? oder wie sollte er "warum seid Ihr so gut?" parieren? er antwortete "üben, üben, üben." 

* das Foto von Roberts stammt von Eike Klien, die anderen beiden sind Archivpics von Oliver Peel.


Donnerstag, 6. Dezember 2012

Stealing Sheep, München, 01.12.12

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Konzert: Stealing Sheep
Ort: on3 Festival, München
Datum: 01.12.2012

Bericht von Eike Klien. Erstveröffentlichung auf dem Klienicum. Fotos by Oliver Peel



War ich doch im Dezember 2010 nicht zu vorschnell, um Stealing Sheep eine Zukunft voraus zu sagen. Nun ist bei der gegenwärtigen Begeisterung nicht von das Klienicum die Rede, wenn es darum geht, die Sprungbretter für die Karriere des Liverpooler Trios zu klären, eher hält man sich da an Jarvis Cocker. Macht mir nichts aus, denn es ändert nichts an meiner unverbrüchlichen Sympathie für Becky, Emily und Lucy. 

Der Dreier eröffnete im Studio 1 die Konzertnacht, und zunächst hatte ich befürchtet, dass die liebenswerten Mädels der hungrigen Meute zum Frass vorgeworfen würden. Doch die Stimmung brach, alles Unaufgeräumte fand schnell seinen Platz und die Konzentration auf das wunderbare Konzert schnellte empor. Denn die Mädels hatten ihr Publikum flott im Griff. Nicht zuletzt dank freudiger Gesichter und einer ausnahmslos perfekten Umsetzung ihrer Songs, wie man sie engagiert und akzentuiert vorgetragen auch vom Tonträger herunter kennt. Fokussiert haben sich Stealing Sheep bei ihrem Vortrag auf das aktuelle Album "Into The Diamond Sun", das herausragendes Material zu bieten hat. Das choral beginnende "Shut Eye" etwa, bei dem die von Emily geführte E-Gitarre vortrefflich zu dengeln weiß und der Harmoniegesang von der Abgestimmtheit lebt. Das Feuer, welches den Refrain auszeichnet, übertrug sich in das in Bewegung geratene Publikum. Nicht weniger spannend das psychedelisch verbrämte "Rearrange". Die Mädels stimmten sich perfekt ab, die Übergänge konkurrierten um die Bestleistung, in der abschließenden Elegie ging der Song schließlich auf. "White Lies" trommelte sich voran, es war eine Wonne, Lucy beim Knüppel schwingen am mittig platzierten Drumset zu beobachten, wie sie es stehend engagiert bearbeitete. Ihr dabei zur Schau gestelltes Dauergrinsen war inspirierend, anregend, versöhnlich. 





"Genevieve" war natürlich ein Höhepunkt. Der Song geht unmittelbar in die Beine, auch live gelang er ausgezeichnet. Die beschwingte Note umwarb sofort die Aufmerksamkeit und startete einen Angriff auf die Beinmuskulatur. Die dürftige instrumentale Ausstattung begrenzte das Trio nicht sehr. Oft ähnelte sich der Verlauf der vorgetragenen Lieder. Schwungvolle Parts wechselten sich mit einem kurzen Innehalten ab, da man sich einem rhythmischen Aufgalopp oder einer vokalen Einzelleistung gegenübersah, die alsbald wieder in kollektives Zusammenspiel überging. Becky, die die Schellen und die Keyboards bediente, wand und bewegte sich schlangengleich im Takt. Mit ihrem Stirnband kontrollierte sie die Mähne, mit ihrem Instrument die vielfachen Harmonien. Die große Kunst der Drei lässt sich hier festmachen. 

Die Songs sind songwriterische Kleinode, die mit Ausfallschritten und Vertracktheiten dienen können, die sich jedoch nie Fehltritte erlauben. Das stimmige Ganze ergänzt sich in den liebenswerten Menschen, die sie vortragen. Trotz ihres angeblich letzten Auftritts einer längeren Konzertreise (Paris am 04.12. steht noch an), witzigerweise verabschiedeten sie sich damit von Europa, boten sie ein in allen Belangen zufriedenstellendes Konzert. 

Noch ein Wort zu den Damen selbst. Die höchst unterschiedlichen Charaktere bilden ein faszinierendes Gesamtbild. Die extrovertierte Becky, immer in Bewegung, schwungvoll tänzelnd, jungmädchenhaft leuchtend (den eher ungewöhnlichen Augenblick der Einkehr haben wir auf Foto gebannt), mitsamt ihrer leicht keckernden Stimme, die in sich ruhende Lucy, die mit ihrem offenen Gesicht allein Geschichten zu erzählen wusste und mit einem betörend klaren Gesang zu dienen wusste und schließlich die in sich gekehrt wirkende Emily, die einer Elfe gleich über die Saiten ihres Instruments strich und doch einen so wichtigen Part beisteuerte. Ein tolles Ensemble mit einer ausgesprochen hoch qualitativen Darbietung.


On- 3 Festival mit Micachu And The Shapes & Lower Dens, München, 01.12.12

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Konzert: Micachu And The Shapes, Lower Dens 
Ort: On-3 Festival, München
Datum: 01.12.2012

Bericht von Eike Klien. Erstveröffentlichung auf dem Klienicum
Archivfotos by Oliver Peel

Stealing Sheep hatten uns enthusiastisch enlassen, siehe Teil 2. Das on3 Festival 2012 fand einen gloriosen Einstieg. Was sollte da schon im Verlaufe passieren können? Unbill! Indem wir nämlich zu spät die richtige Entscheidung trafen, landeten wir in Schlangen, in denen sich nichts bewegte, also eher in Haufen Menschen, deren Ungeduld bald Bände füllen sollte. Einige wollten ihr Geld, andere holten sich die Jacken von der Garderobe zurück. Wir suchten Alternativen, denn das The Dope Konzert wurde zu einer geschlossenen Veranstaltung, die nachfolgende Fenster- Veranstaltung eh. Also entschieden wir uns für das Studio 2 und behielten uns vor, hier länger auszuharren. Mit exclusive ging das aber gar nicht, in Teil 1 hatten wir dies bereits begründet. 


Die Einkehr bei Micachu And The Shapes allerdings war die rechte Entscheidung. Die Band um Mica Levi begeisterte von der ersten Sekunde an. Das sorgsame Klangbild bastelte sich aus gerade mal einem Synthie (+ zusätzlichem kleinen Klangwerk), an dem Raisa Khan operierte, einem Schlagzeug mit Marc Pell dahinter und der E-Gitarre, die das androgyne Wesen umgeschnallt hatte. Heraus kam eine blendende Mischung aus Punkvergnügen, Popverliebtheit und der sorgsamen Variante des Experimentellen, die nie überbordend auftrat oder gegenläufig funktionierte. Während Raisa in ihr Gerät hackte, zerstob die Note unter dem Wirbel von Marc, die Physiognomie knautschend verlautbarte der Sänger dies und das. Was auf Platte vielleicht etwas geglättet klingt, wird live zu einer Besonderheit aus Tiefen und Höhen, Möglichem und Abwegigem. Es fühlt sich organisch an, fleischig gerade zu, Musik, die sich materialisiert, zum Greifen spürbar. Die Band hatte ihr Vergnügen und das Publikum ebenso, es wurde sich gegenseitig angelächelt, und was wollte man denn noch mehr, wenn öffentlich eine der Künste so kunstvoll durch den Fleischwolf gedreht wurde? 


Ein großes Wandern vermieden wir und blieben hernach dem Studio 2 treu. Denn in Kürze sollten hier Lower Dens auftreten. Ein kleiner Traum meinerseits, den ich hegte, seit ich Jana Hunter kenne und seit vor ca. zwei Jahren das erste Album ihrer Formation erschien. Lower Dens' Musik ist lange vor Lied und Melodie und klassischer Songstruktur Soundgebilde. Eines der entschleunigten Art, robust und durchzogen mit feinsten Linien, energisch und doch auch voller Reize. Mit einem pointierten Schlagwerk, das weniger nach vorn peitscht, als dass es Ruhepol ist, das austariert und vor äußeren Einflüssen schützt. Mit zwei Stromgitarren, die vor sich hin bäumelnd, gedanken verloren stilmeistern, genauso wie sie gemeinsam am Holz schnitzen können, um es von der Borke zu befreien. Einem Bass, der selten so gut gespielt wurde, der rhythmisch agil und zugleich Melodie verschworen agiert. Und schließlich mit Stimmen, die sich wie selbstverständlich in diesem verschlossenen Llangkosmos bewegen, Teil des Ganzen und nur seltenst dominant sind. Ein Korpus also, in dem sich vier Personen bewegen, die nur wenig Blickkontakte haben, die voll und ganz auf sich und ihr Tun konzentriert sind und doch unablässig damit beschäftigt sind, die Bande zwischen sich zu festigen. 


Janas zwischen den Geschlechtern changierende Stimme korrespondierte so hervorragend mit dem etwas gelasseneren, wenngleich nicht weniger berauschenden Gesang des Bassers Geoff Graham. Die Verschwisterung am Instrument gelang dem weiblichen Vorstand mit Will Adams, dem etwas ungelenken Gitarristen, dessen flüchtiger Blick kaum zur Ruhe kam. Ich wollte das als Konzentration wahrgenommen haben. Das Stichwort überhaupt für diesen Vortrag. Vermutlich hatte in dieser Runde noch Nate Nelson den relaxtesten Part. Hinter seinem Schlagwerk organisierte er den Beat und brachte, mit zwei Laptops bestückt, die eine oder andere Soundmalerei zustande. Die anderen drei Musiker verschworen sich zunehmend miteinander. Dieser dem Shoegaze nahe, ungezähmte musikalische Bruder vollführte einen ganz eigenen Zauber. Die Ursprünglichkeit der rauen Spielart wurde durch das fadenscheinig Nebulöse des Sounds gehemmt und zurückgeworfen als ein zu durchdringendes Geflecht. Wer sich nicht darauf einließ, konnte abgestossen werden. Alle anderen versanken in ein herrlich mäandernder, waberndes Gebräu. 

Setlist: i get nervous / candy / batman / two cocks waving wildly at each other across a vast open space, a dark icy tundra / propagation / lion in winter pt 1 / lion in winter pt 2 / brains / holy water / alphabet song / nova anthem 



 

Konzerttagebuch © 2010

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