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Mittwoch, 9. Oktober 2013

Waves Vienna Festival, 03.10.13

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Konzert: Waves Vienna Festival
Ort: verschiedene Locations am Donaukanal
Datum: 03.10.2013


Was für so ziemlich jede mitteleuropäische Stadt gilt, trifft auf Wien besonders zu: Winter sind nicht so lustig. Kann natürlich sein, dass ich bei der Kleidungswahl noch ein wenig in Sommernostalgie schwelgte (ein komisches Präteritum) und gleich zum Island-Pullover hätte greifen sollen, aber so oder so sind 5° ein bisserl wenig.
Nur gut, dass sich mittlerweile schon fast alle Festivitäten ins Innere verzogen haben und Festivals auch wenn sie so heißen, nichts mehr mit Outdoor zu tun haben. Das erste Oktoberwochenende wartet da traditionell mit großem Veranstaltungsgebot auf, wenn man will, kann man es gar auf zwei Großereignisse reduzieren: das höchst originäre Konstrukt "Wiener Wiesen" und das "Waves Vienna". Beide betonen im Namen schon den Bezug zur Hauptstadt, doch die jeweils transportierten Weltvorstellungen liegen eher weit auseinander, einzig die Liebe zum Bier eint die beiden Zielgruppen. Den Raum zwischen Donaukanal und Prater dominieren ein Wochenende lang also Dirndl, Lederhosen, Waves-Umhängetaschen und Timetable-Booklets.
Warum ich hier so herumschwafle über die Wiesen, wo doch eh jeder weiß, dass es nicht um Bierzeltbelustigungen gehen wird? Weiß ich auch nicht so genau. Wohl deshalb, weil Kollegin Ursula in ihrem Bericht über das Waves schon einiges erzählt hat. Und weil ich heuer keine lustigen musikalischen Sozialisierungsversuche von angeheiterten Wiesenbesuchern vorm Fluc und Beschwerden über die Lautstärke (von der Wiesen ans Waves wohlgemerkt) erleben durfte, aber doch so gerne darüber schreiben würde. Und natürlich auch, um einfache Dichotomien herzustellen, á la Orwells "Vierbeiner gut, Zweibeiner böse". Alle Vierbeiner lesen also bitte trotz langatmiger Einleitung weiter, es wird nämlich endlich musikalisch.

Dem Manchester-Boy Magic Arm war nämlich die Ehre (oder Bürde, je nachdem) überlassen, den Abend im Odeon zu eröffnen, einem wunderschönen, sehr großen Theater, das zu der frühen Uhrzeit (dreiviertel sieben) erst eine Handvoll Early Birds angelockt hatte. Wie durch Zauberhand allerdings hatte der bärtige Kollege schnell eine atmosphärische Dichte geschaffen, in den Pausen zwischen den Songs glänzte er zwar nicht als großer Erzähler, vermittelte aber das Gefühl, sich gerne mit dem Publikum auszutauschen und sich über jeden einzelnen zu freuen. Die zu erzählenden Geschichten nahmen sich in musikalischer Form sowieso ganz hervorragend aus, wurden von sehr verspielten Arrangements begleitet und ein besonderes Faible hatte der hinter dem Alias steckende Marc Rigelsford fürs Loopen. Bisweilen erinnerten die Klangwelten des Magic Arm da stark an jene von A Thousand Fuegos.
 

Die Kurzweiligkeit des Konzerts ist zum Teil sicher auch auf die Spontaneität des Künstlers zurückzuführen, der in den Pausen oft umdisponierte, andere Songs als geplant spielte und seinen Mitstreiter Ben, der nach drei Songs erstmals die Bühne betreten hatte, abwechselnd auf die Bühne zitierte und wieder wegschickte. Auf nette Art und Weise natürlich, der Typ ist grundsympathisch, aber doch irgendwie verwunderlich, dass er seinen Kollegen nicht auf der Bühne haben wollte, wenn ein Song ohne dessen Beteiligung auskam. Platz wäre da jedenfalls genug gewesen. Ob die acht Tage, die die beiden zu diesem Zeitpunkt schon gemeinsam auf Tour waren, bereits Abnutzungserscheinungen verursacht hatten? Am Tag zuvor hatten die beiden jedenfalls in München in einer Garage oder Werkstatt gespielt, was Ben zu dem berechtigten Kommentar hinriss, das Odeon sei doch ein wenig ein anderes Kaliber. Ziemlich genau nach 45 Minuten war das Konzert jedenfalls vorüber, eine kurze Verbeugung und weg waren sie. Ein schöner Start ins Festival, recht lange sacken konnte ich diesen aber nicht, da im doch ein Stückchen entfernten Flex Amatorski anstanden.

Eine Viertelstunde deren Konzerts hatte ich bei Ankunft zwar schon verpasst, die restliche halbe Stunde war aber so dermaßen gut, dass sie dieses kleine Ärgernis schnell vergessen ließ. Dabei hatte ich mich erst am gleichen Tag zum ersten mal mit Amatorski beschäftigt, war zufällig auf den Namen im Timetable gestoßen und natürlich gleich an die kürzlich im Konzerttagebuch verfassten Lobeshymnen auf eine Band dieses Namens gedacht. Amatorski klingt ja sprachlich ziemlich slawisch eigentlich, hatte ich mir gedacht, und  einen musikalischen Import Olivers von seiner Russlandreise vermutet. Im Timetable stand allerdings ein (BE). Belgien und Slowenien waren nämlich die heurigen Gastländer im Rahmen des Veranstaltungscredos "East meets West".
Für Amatorski gilt "Post-Rock meets Schüchter-Pop", zwei musikalische Hängematten, in die
ich mich besonders gern flausche. Wie ein Mangalitza-Schwein (einfach weils ein schöner Name ist) suhlte ich mich im musikalischen Schlamm der Belgier und verlor dabei jeglichen Bezug zum Rundherum. Wobei der Begriff Schlamm die Tonart, die Amatorski anschlagen, ja gänzlich verfehlt. Aber in der Konsistenz gleicht er dem Konzert gewissermaßen, so dicht und einhüllend, richtig wärmend war es. Außerdem haben Amatorski spirituell angehauchte Metaphern wie "engelsgleich" und "überirdisch" sicher schon hundert Mal gehört. Also passt Schlamm irgendwie doch ganz gut. Heißt ja außerdem auch "Perlen vor die Säue" oder? Und ich glückliche, tagebuchschreibende Sau, die dieses Konzert fast verpasst hätte, erlebte also eine sphärische Welt aus Glockenspiel, samten vorgetragenem Schlagzeug, komplex ineinandergreifender Instrumentierung und gehauchtem Gesang.
Dadurch, dass die Band rund um Sängerin Inne zwischen den Songs kaum zum Publikum sprach (dafür oft Instrumente bzw. Plätze wechselte, die Bühne war wohl zu viert mit soviel Equipment doch etwas eng), entwickelte sich eine ganz eigene Atmosphäre, die man nicht zwangsläufig mögen muss. Für viele ist ein Konzert ja erst dann richtig gut, wenn möglichst viel interagiert wird und der Kontakt zwischen Publikum und Band ausgereizt wird, aber ich habs halt hin und wieder gern so schwelgerisch, weltvergessen. Und die Leute rundherum - auffallend viele ältere und professionell wirkende, mit Akkreditierungen ausgestattete Männer übrigens, wohl Leute aus dem Business - schienen mehrheitlich diesen Ansatz zu teilen, den filigranen Songs wurde durch äußerstes Schweigen Respekt erwiesen, ganz am Ende bei Never Told tänzelten glückselige Gesichter durch den Raum (also die Körper zu den Gesichtern), durch die nebelverhängte Bühne verabschiedeten sich die etwas schüchternen Belgier leider schneller, als man überlegen konnte, was "Zugabe" wohl auf flämisch heißen möge. Zauberhaft gutes Konzert, das Hunger auf sehr viel mehr macht, heißt in diesem lustigen Kauderwelsch jedenfalls Amatorski, das steht schon mal fest. Zum Glück hatte die Band in einem Anflug auf Gesprächigkeit vor dem letzten Song schon versprochen: "See you very soon!"

Schauplatzwechsel und raus in die Kälte once again. Zum Glück nur zehn Minuten lang im Eilschritt und nicht länger - so wie die Bands auf dem Red Bull Brandwagen, der hundert Meter vom Flex positioniert war. Der hatte letztes Jahr (damals am Praterstern aufgestellt) gar nicht so schlecht funktioniert, allerdings war da auch das Wetter besser und der Platz doch deutlich belebter als der Donaukanal, wo die Leute vorbeieilten, um schnell wieder ins Warme zu kommen.
So allerdings spielten die zwei für diesen Tag angesetzten Bands in ziemlicher Kälte und vor publikumstechnischer Minimalbesetzung. Vielleicht hätte man da einfach schon am Nachmittag beginnen sollen, wo die Konkurrenz der anderen Bühne sich noch in Grenzen gehalten hätte...

Im Odeon ist es aber schön warm und Frida Hyvönen konnte also in einem sehr luftigen, farbenfrohen Kleid auftreten. Von der schwedischen Songwriterin erlebte ich nur mehr die letzte Viertelstunde, die zwar musikalisch nicht ganz meinen Nerv traf (oder Amatorski zuvor waren einfach zu gut, auch möglich), aber dafür ein wenig mehr auf der Entertainment-Schiene unterwegs war als die Belgier.
Ein Apfel, der auf ihrem Klavier lag, dürfte als Running Gag eine große Rolle gespielt haben, auch mit ihrer Begleitung an den Backvocals erlaubte sie sich den einen oder anderen Scherz, der letzte Song Dirty Dancing blieb mir auch spaßig in Erinnerung. Er handelte von der alten Jugendliebe, die man irgendwann aus den Augen verliert und dann plötzlich als Rauchfangkehrer vor der Tür steht. Erinnern an vergangene Zeiten - Dirty Dancing mit dem kohlschwarzen Homie, schönes Wortspiel. Vergangene Zeiten müssen aber gar nicht so lang her sein, es reicht auch das Jahr 2007, als Frida Hyvönen mit Au Revoir Simone in den USA unterwegs gewesen sei und die nachfolgende Band sehr schätzen gelernt habe, man möge doch bitte bleiben.


 

Kein Problem - von denen hatte ich mir sowieso sehr viel versprochen. Viele andere taten das ebenfalls, denn der Saal füllte sich deutlich und bald waren alle Sitzplätze besetzt. Die Umbauphase bescherte der Bühne eine auf drei Pulte reduzierte Möblierung, die dann bald von den drei Mädchen in Beschlag genommen wurden. Die im Hintergrund montierten Leinwände wurden (im Unterschied zu farbenfroheren Visuals bei den Künstlern zuvor) anfänglich hauptsächlich grau-weiß bestrahlt, das weiße Bühnenlicht tauchte die Bühne in eine etwas düstere Atmosphäre und dürfte ein schönes Fotomotiv abgegeben haben. Ich fand den Anblick der fünf Fotografen, die am Steinboden vor der Band im Halbkreis saßen, lagen und sich verrenkten, sehr unterhaltsam. Wie fünf Raubtiere, die potenzielle Beute belagern. Rein fotografische Beute natürlich...
Optisch ansehnlich, rissen mich Au Revoir Simone jedoch nicht völlig mit, das Konzert geriet deutlich beatlastiger als ich es von den CDs gewohnt war und generell regierte etwas mehr die hippe Coolness als die Spielfreude, schien mir. Trotzdem bleiben die Songs der Brooklyner Band ausgesprochen gut, treibend und ausgelassen zugleich, gehen leicht ins Ohr und die abwechselnd eingesetzten Stimmen sorgen irgendwie für den Eindruck, bei jedem Song eine neue Person entdecken zu können.
Relativ am Ende gabs dann ein Cover von Mazzy Star, war halt kein ausgefallenes, sondern Fade into You, eh klar. Das war eigentlich recht gut und damit, die leicht distanzierte oder entrückte Coolness des Songs zu transportieren, taten sich die New Yorker auch nicht allzu schwer. Generell finden sich zwischen diesen beiden Bands einige Parallelen bzw. gemeinsame Vorlieben, Mazzy Star sind halt im Endeffekt doch gitarrenlastiger. Und eigentlich gefiel mir dieses Cover fast am Besten am gesamten Konzert, denn das abschließend präsentierte Shadows, auf das ich mich sehr gefreut hatte, erfasste mich nicht völlig. Soundtechnisch war das Konzert gegen Ende hin dafür nach einigen Adaptierungen sehr überzeugend und auch nicht mehr ganz so dumpf und unausgewogen wie zu Beginn. 


 Nach einem kurzen Besuch im Flex, um jemand abzuholen und 10 Minuten CSS (been there, done that), ging es dann ins Fluc, wo eine Labelnight anstand und die heimischen Velojet ihr mittlerweile viertes Album, glaub ich, vorstellten. Die Location war relativ voll und die Sicht auf die Bühne daher für mich eher eingeschränkt, ich hatte die Band aber zwei Wochen zuvor schon in ihrer Heimatstadt bei einem bumvollen Konzert - Heimspiel nennt man sowas wohl - erlebt und daher auch eine ungefähre Ahnung, was sich da so abspielt. Die vier wagen mit dem neuen Album Panorama nämlich gewissermaßen einen Neuanfang, allerdings eher in vermarktungstechnischer Hinsicht, das Album erscheint nämlich auf einem neuen Label, ist in Finnland aufgenommen worden und besonderer Wert wurde diesmal auf Vinyl gelegt. Die Songs sind von gewohnt hoher handwerklicher Qualität. Mit ihrer Mischung aus Indie-Rock, leicht melancholischem Songwriting und eingängigen Vocals werden Velojet zwar vermutlich nicht reich und berühmt, aber das Herzblut und die Energie, die sie in Musik und Liveauftritte stecken, macht die Band höchst sympathisch. Mit einer guten Stunde Auftrittszeit zwischen dreiviertel elf und dreiviertel zwölf hatten sie auch einen der besten Slots des ganzen Festivals und aufgrund geografischer Lage des Fluc auch kaum Konkurrenz zu dieser Zeit.
Vor allem Sänger Réne nutzte diesen Umstand und feierte mit dem Publikum ein Freudenfest, animierte es zum Mitsingen, der Schweiß rannte ihm von der Stirn und so erging es auch dem Publikum. Neben neueren Songs wie Angeldust, Cold Hands und Away! Away!! kamen gegen Ende hin auch einige wenige Stücke älteren Datums hinzu. Irgendwann kam dann mein Lieblingssong vom neuen Album, The Sea is the Ocean is the Sea. Eine interessante Gleichung!

Mathematisch auf einen Nenner kam ich allerdings nicht mit der Vorliebe der Band, die schönen gelben Vinyls wie beim Diskuswurf durch den Raum zu schleudern und derart zu verschenken, wie sie es schon beim erwähnten Konzert in Steyr geschehen war. Ein bissi mehr Liebe, herst!
Zu Ende ging das Konzert dann mit dem Klassiker I follow my Heart, das zu einer etwa zehnminütigen Version ausgebaut wurde und zur Manifestation der Livequalitäten der Band geriet. Alles in allem ein sehr gelungenes Release-Konzert der Band, für mich auch gleichzeitig das letzte des Abends.

Leider hat mir einmal mehr die Arbeit einen Strich durch ein vollständiges Waves-Wochenende gemacht, das Erlebte hat aber einmal mehr von der ambitionierten Umsetzung des Festivals überzeugt. Schlicht großartig, was da jedes Jahr auf die Beine gestellt wird - und jährlich kommt etwas dazu. Für Musikdiskurs-Interessierte sei daher auch gleich die superb besetzte Konferenzschiene des Festivals herausgehoben, von Panels zum slowenischen Musikmarkt, Feedback-Sessions mit Musikexport-Chefs aus ganz Europa (und Island vor allem
) und Diskussionen zu Vermarktungsstrategien von Indielabels war da so ziemlich alles dabei. Sollte man sich alles im Hinterkopf behalten - es muss ja nicht jedes Jahr das Primavera sein! (Also eigentlich schon, aber das Waves kann man als ideale Ergänzung ja trotzdem dazunehmen!) Das nächste Waves kommt nämlich ganz bestimmt. Aber bis dahin fließt noch ein wenig Wasser die Donau hinunter... 

aus unserem Archiv:

- Frida Hyvönen, Fontenay-Sous-Bois, 18.12.12
- Frida Hyvönen, Rennes, 21.03.09
- Frida Hyvönen, Paris, 08.12.08
- Frida Hyvönen, Paris, 12.12.06
- Au Revoir Simone, Paris, 20.04.09
- Au Revoir Simone, Paris, 18.04.09
- Au Revoir Simone, Paris, 26.02.07
- Amatorski, Stuttgart, 04.10.13
- Amatorski, Frankfurt, 30.09.13
- Amatorski, Wiesbaden, 07.02.13 (Christoph)
- Amatorski, Wiesbaden, 07.02.13 (Gudrun)


Vielen Dank für die Fotos vor allem an Patrick!


Sonntag, 6. Oktober 2013

Waves Vienna Festival, Wien, 03.10.13

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Konzert: Waves Vienna Festival
Ort: Odeon, Wien
Datum: 03.10.2013
Dauer: Magic Arm 45 min, Frida Hyvönen 45 min, Au Revoir Simone 45 min
Zuschauer: anfangs 30, am Ende ca. 250

 

von Ursula von neulich als ich dachte 

Wenn man das Wiener Odeon betritt, erscheint es als ideale Konzertlocation: Ein prachtvoller Säulensaal schafft eine feierliche Atmosphäre, während bequem gepolsterte Zuschauerplätze auf einer kleinen Tribüne eine gute Sicht garantieren und schmerzende Füße vermeiden. Ganz automatisch richtet man seine volle Konzentration auf das Bühnengeschehen, und die Akustik stimmt auch. 

Am Eingang des Gebäudes steht etwas von "Börse", und tatsächlich handelt es sich um die ehemalige Rohstoffbörse, die im 2. Weltkrieg beschädigt wurde: Bis 1989 wurde das Gebäude überhaupt nicht genutzt, dann übernahm es die Theatergruppe Separations Ensemble und erweckte es zum Leben. Zum Glück, denn sämtliche Künstler, die wir gestern dort sahen, waren voll Lob für den schönen Auftrittsort. 


Der erste von ihnen, Magic Arm, wurde von einer aufgezeichneten, englischsprachigen Stimme feierlich angekündigt, und erschien dann als eine Art Anti-Höhepunkt: ein einzelner bärtiger Mann mit einem vollgepacktem Rucksack, als käme er gerade direkt vom Bahnhof. Auf der Bühne befanden sich bereits Gitarre, Keyboard und ein winziges Schlagzeug, in das auch ein Hartschalenkoffer eingebaut worden war. 

Die ersten Lieder, Is History, Daft Punk is playing at my house und You schuld know, trug der Künstler allein vor, wobei er sich beim letztgenannten auch selbst an der Mundharmonika begleitete. Er griff auch immer wieder auf die Loop-Technik zurück, um sich unterschiedlichen Instrumenten widmen zu können, während das vorherige quasi allein weiter spielte oder er mit sich selbst im Duett sang. 

Nach diesen drei Songs betrat ein weiterer junger Mann, der uns als Ben vorgestellt wurde, die Bühne, und nahm am Schlagzeug platz. Er begleitete den nächsten Song auf der Klarinette (Put your collar up), betätigte aber später ebenfalls das Schlagzeug, spielte Melodika (Six cold feet of ground) und pfiff (Tonight I walk Alone). 


Die beiden erzählten uns, dass sie am Vorabend in München in einer Art Werkstatt gespielt hätten, und das der Kontrast zum Odeon nicht hätte größer sein können. Außerdem sei man erst seit acht Tagen gemeinsam unterwegs. Die fehlende Routine erklärte vielleicht, dass der arme Ben nach drei Liedern die Bühne wieder verlassen musste, weil Mark das folgende Lied Warning Sign allein darbieten wollte. Dafür wurde Ben bei seiner darauf folgenden Rückkehr nochmals vorgestellt: "This is Ben, you've met him before"

Aber gerade die sich gelegentlich ändernde Konstellation auf der Bühne sowie der Einsatz unterschiedlicher Instrumente - zusätzlich zu den bereits genannten wurde die Gitarre auch mit Geigenbogen bedient - ließ den Auftritt und die Präsentation des Album Images Rolling kurzweilig wirken, die 45 Minuten gingen schnell vorbei. Der Saal hatte sich zwischenzeitlich gefüllt, statt ca. 30 Zuschauern am Anfang waren wir nun eher 60. 

Setlist Magic Arm, Waves Vienna: 

01: Is history 
02: Daft Punk is playing at my house 
03: You should know 
04: Put your collar up 
05: Six cold feet of ground 
06: Tonight I walk alone 
07: Warning sign 
08: Great Life 
09: Widths and Heights 
10: Rested Bones 

Nach einer kurzen Pause ging es weiter mit der Schwedin Frida Hyvönen. Diese kannte ich im Vorfeld überhaupt nicht, hatte aber im Programmheft gelesen, bei ihr sei alles - Lieder, Auftreten, Konversation- sehr "anders". Als die Künstlerin die Bühne in einer Art Elvis-Superhelden-Papageienkostüm betrat, dessen Schleppe von einer schwarzgekleideten Frau getragen wurde, begann ich zu verstehen, was der Programmheftautor gemeint haben könnte. 

Frida stellte uns ihre Kollegin als ihre beste Freundin Marlene vor und erklärte zusätzlich, dass sie normalerweise gerne erzähle, man aber heute nur 45 Minuten für den Auftritt habe und sie deshalb versuchen wolle, möglichst wenig zu sagen. Los ging es also mit dem ersten Song Djuna, bei dem sich Frida selbst am Flügel begleitete (was bei allen folgenden Liedern so bleiben sollte), wobei Marlen gelegentlich dazu trat und mitspielte. Anschließend begab sie sich auf die andere Bühnenseite, spielte dort Keyboard und sang häufig mit. 

Frida biss zwischen den einzelnen Liedern immer wieder von einem mitgebrachten Apfel ab - das hatte ich bei einem Konzert auch noch nie gesehen. Immerhin bekamen wir später das Angebot, ebenfalls abzubeißen, dem allerdings niemand nachkam. 

Trotz des selbst auferlegten Redeverbots bekamen wir einiges erzählt, so handelt das Lied Farmor von Fridas Großmutter, bei der sie als Kind viel Zeit verbrachte. Das darauf folgende Picking Apples erzählt, wie die Künstlerin am Haus der mittlerweile verstorbenen Großeltern vorbeifuhr und dort spontan die Apfelbäume aberntete - sollte der mitgebrachte Apfel etwa eine Anspielung auf diese Geschichten über ihre Familie sein? 


Auch für das Kostüm bekamen wir eine Erklärung: Frida hatte es sich in Russland designen lassen, als "a mix between the Pope and a rainbow". Da sie bei der Materialwahl auf Seide bestanden habe, sei das Endergebnis sehr teuer geworden, so dass sie nun quasi gezwungen sei, es für die gesamte Tournee zu tragen. 

Vielleicht wegen des doch nicht ganz vermeidbaren Redeflusses geriet die Künstlerin dann doch noch in Zeitnot: Während auf der Setliste bereits im Vorfeld drei Lieder durchgestrichen worden waren, musste sie auch das dort noch vermerkte Terribly Dark weglassen und beendete das Konzert mit Dirty Dancing, einem Song über die Wiederbegegnung mit ihrer Jugendliebe. 

Auch dieses Konzert erwies sich durch die Skurrilitätenkabinett des Auftritts, aber auch durch die Geschichtenlastigkeit der Lieder als ausgesprochen kurzweilig. Das Publikum war mittlerweile auf etwa 150 Personen angewachsen. 

Setlist Frida Hyvönen, Waves Vienna: 

01: Djuna! 
02: Birds 
03: Once I was a serene teenaged child 
04: I drive my friend 
05: Farmor 
06: Picking apples 
07: Saying Goodbye 
08: You never get me right 
09: Dirty Dancing 


Weiter ging es mit den Headlinern dieses Abends im Odeon, den New Yorkerinnen Au Revoir Simone. Aus irgendeinem Grund halfen nur Heather (schwarzhaarig) und Annie (brünett) beim Aufbau der Synthesizer - vielleicht fühlte sich Erica (blond) mit ihrer Entscheidung, im Gegensatz zu ihren dunkel-schick gewandeten Kolleginnen eine unförmige weiße Karottenhose zu tragen, doch nicht so wohl? Heather hatte mit auffälligen Haarreif, Minirock und kurzem T-Shirt bereits beim Auftritt von Frida Hyvönen vor uns gesessen, was uns aber erst klar wurde, als wir sie nun wieder sahen. 

Wenig später fanden sich alle drei Bandmitglieder hinter ihren Keyboards von Nord, Roland und Korg ein und begannen zu spielen. Aber so richtig wollte der Funke nicht auf mich überspringen, denn anders als ihre Vorgänger erwiesen sich Au Revoir Simone zunächst als nicht sonderlich unterhaltsam. Es gab nicht nur quasi keine Kommunikation mit dem Publikum, auch der Gesang fiel meist, insbesondere, wenn Heather involviert war, allzu leise aus. 

Am meisten Unterhaltung bot noch Annie, die nach wenigen Liedern ihre Pumps auszog und am mittleren Keyboard seltsame Verrenkungen veranstaltete. Nachdem Au Revoir Simone zunächst Songs ihres neuen Albums Move In Spectrums präsentiert hatten, kündigten sie einen Song einer ihrer Lieblingsbands aus den 90ern an: Bei der (leider auch nicht sonderlich gelungenen) Mazzy Star-Coverversion Fade into you teilten sich die drei Damen den Gesang, griff Annie zum Bass und lief spielend auf der Bühne hin und her. 

Ab der neuen Single Crazy wurde aber alles besser: Die Songs wurden stärker und Heathers Stimme hörbarer. Für die letzten drei Songs - auch Au Revoir Simone waren letztlich vom strikten 45-Minuten-Zeitlimit überrascht - könnte ich mit einem Mal verstehen, was die Leute (inzwischen mussten es weit mehr als 200 geworden sein) an der Band finden. Beim letzten Song Shadows griff zur Abwechslung Erica zum Bass. 

Anschließend hätte man im Foyer noch mit sämtlichen Künstlern des Abends sprechen können. Die Au Revoir Simone-Damen überraschten dabei, indem sie, die auf der Bühne so distanziert gewirkt hatten, nun mit großer Begeisterung und Freundlichkeit ihre (anscheinend ausschließlich männlichen) Fans begrüßten. 

Setlist Au Revoir Simone, Waves Vienna: 

01: Just like a tree 
02: Gravitron 
03: Only you can make you happy 
04: We both know 
05: Knight of wands 
06: Let the night win 
07: Fade into you (Mazzy Star Cover)
08: Crazy 
09: Somebody who 
10: Shadows 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Frida Hyvönen, Fontenay-Sous-Bois, 18.12.12
- Frida Hyvönen, Rennes, 21.03.09
- Frida Hyvönen, Paris, 08.12.08
- Frida Hyvönen, Paris, 12.12.06
- Au Revoir Simone, Paris, 20.04.09
- Au Revoir Simone, Paris, 18.04.09
- Au Revoir Simone, Paris, 26.02.07

Fotos: Dirk von Platten vor Gericht
 



Sonntag, 23. Dezember 2012

Frida Hyvönen & Sydney Wayser, Fontenay-Sous-Bois, 18.12.12

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Konzert: Frida Hyvönen & Sydney Wayser
Ort: Festival les Aventuriers, Fontenay -Sous-Bois, unweit von Paris
Datum: 18.12.2012
Zuschauer: vielleicht 70 
Konzertdauer: Sydney: 55 Minuten, Frida etwa 65 Minuten


Mit einem Reisebus zu einem Konzert gekarrt zu werden, das passiert mir selten bis nie. Höchstens bei Freiluft Festivals nutze ich mal die entsprechenden Shuttelbusse, ansonsten komme ich immer mit der U-Bahn zu den Gigs.



Heute ging es aber mit der "Navette" raus ins Umland von Paris, von spitzzüngigen Leuten auch recht abwertend "La Banlieue" genannt. In dem Ort Fontenay-Sous-Bois fand nämlich ein Clubfestival namens "Les Aventuriers" statt, daß sich über mehrere Tage erstreckte. Mich persönlich hatte speziell dieser Dienstag am 18. Dezember 2012 interessiert. Mit Sydney Wayser und Frida Hyvönen wurden gleich zwei charmante blonde Damen ins Rennen geschickt, freilich mit anderer musikalischer Ausrichtung und Herkunft.

Um pünktlich in dem Kaff anzukamen, ging es von Paris aus schon um 19 Uhr los und es hatte fast etwas von einem Schulausflug, mit ein paar Parisern in dem geräumigen Bus dahin zu fahren. Wir fuhren keine 10 Minuten, da hatte ich schon die süße rehäugige Praktikantin einer Bookingagentur angegebraben, dann aber fiel mir nix mehr ein, wie ich sie entertainen könnte und ich verfiel in einen recht kurzen, aber sehr tiefen Schlaf.

Als ich aufwachte, waren wir schon in diesem Fontenay-Sous-Bois (man frage mich nicht, wo das jetzt genau lag) und wie Touris liefen wir in einer Gruppe einem Kerl mit einem Schild hinterher. Der Bursche führte uns zu dem Konzertsaal, der nicht unbedingt wahnsinnig glamourös war. Die Bar erinnerte mich an den Tresen eines x-beliebigen Squashcenters in Berlin Spandau. Um das zu verdrängen, soff ich erst einmal ein Bier auf ex und schlang auch ein Baguette mit Schinken in mich rein. Die anderen Franzosen aßen wie so oft gar nichts und hielten mich sicherlich wieder für einen verfressenen übergewichtigen Deutschen (und hatten mit dieser Annahme natürlich vollkommen recht).


Dann wurde uns Bescheid gegeben, daß es mit Sydney Wayser losging. Drinnen in der Venue war nicht sonderlich viel los. Wir dürften insgesamt etwa 70 Leutchen gewesen sein und das ist eher optimistisch geschätzt. Ohne die Pariser Zugereisten hätten sich die Dörfler ganz alleine mit den Künstlern amüsiert.

Sydney gab trotz der bescheidenen Zuschauerzahl von Anfang an ihr Bestes. Ihre gute Laune und ihre Dynamik war beneidenswert, ich selbst fühlte mich eher müde und abgespannt, hätte auf dem Fußboden pennen können. Aber Wayser schaffte es im Laufe ihres immerhin 55 Minuten langen Gigs tasächlich mich in Schwung zu bringen. Die hübsche Blondine mit den blauen Augen und dem kessen Panamahut hat einfach ein solch mitreißendes Gemüt, daß man irgendwann davon angesteckt wird.

Noch toller als ihre Energie war allerdings ihre Stimme. Die klang wirklich ganz vorzüglich, erwieß sich als wandelbar und stand dem Gesang einer Cat Power in so gut wie nichts nach.

Die neuen Lieder ihres 2012 Albums Bell Choir Coast waren ungemein frisch und fetzig. Es machte sich bezahlt, daß sie nun mit einem Drummer und einem Gitarristen unterwegs ist und sich ihre schöne, aber bislang ein klein wenig fade Folkmusik in Richtung Indierock entwickelt hat. Atlas (Hummingbird) war einer jener Songs, der so richtig schön Dampf unterm Kessel hatte und auch die meisten anderen Stücke kamen druckvoll und rhythmisch rüber.

Zu den einzelnen Songs erzählte die New Yorkerin ab und zu mal auf französisch erklärende Sätze, so zum Beispiel zu Dirty Work, das von Bonnie und Clyde inspiriert wurde. Sie stellte sich das Bankräuberpärchen als moralische Leute vor, die sich für den andern aufopfern (die also die Schmutzarbeit, die "dirty work" machen).

Dirty Work war einer der eher düsteren Stücke, die eigentlich in der Minderheit waren. Es dominierten Songs mit einem gewissen Karibik- oder zumindest Calfornia Feeling, sonnigen Singalongs und einer unbeschwerten Atmosphäre (z.B. Come Abroad). Nicht umsonst ziert das Plattencover ein romantischer Felsen vor einem blauen Meer.

Richtig dufte im Set war Wolf Eyes, ein folkrockiges Stück mit einem unwiderstehlichen Refrain und einem flott klimpernden Keyboard.

Sixties Pop mit viel Zartschmelz folgte in der Form von This One Goes Out To Ethan Hawke, das aber anders als auf dem Album klang, weil Sydndey heute keine Ukulele dabei hatte. Wo wir wieder bei einem beliebten und immer wieder relevanten Thema wären: Live klingen die Stücke meistens wesentlich anders als auf den Studioversionen, so auch heute bei Sydney Wayser. Das machte aber nichts, ich mochte und mag beiden Versionen und verbuchte ein richtig Laune machendes Konzert, das am Flügel mit der formidablen Schnulze Time Frame abgeschlossen wurde und sogar mit einem rein französischen Chanson , Les Temps de l'Amour, aufwarten konnte.







Auch bei Frida Hyvönen, die etwas 15 Minuten später zusammen mit zwei jungen Damen auflief, hatten die gespielten Stücke mit dem Tonträger nur die Melodien gemein. Die Instrumentierung war völlig unterschiedlich. Statt mit Drums und Keyboards wie auf CD oder Vinyl, ging es hier ganz kammerpoppig zur Sache. Frida am Flügel, eine brünette Dame an der Geige und eine dunkelblonde Schwedin an den Backing Vocals, so lautete die Rollenaufteilung und das Ergenis war wundervoll. In dieser abgepeckten Variante kamen die markante Stimme von Frida (und ihr gefühlvolles Klavierspiel) perfekt zur Geltung, hatte Luft zum Atmen und musste sich nicht hinter einer massenkompatiblen Produktion verstecken.

Wie immer waren auch die Texte und der zynische Humor der großgewachsenen Schwedin bemerkenswert. Sie hat so eine herrlich laszive Art, lässt mit ihrer schönen Mädchenstimme immer wieder Sprüche im Stile von: "ach hoffentlich ist dieses schreckliche Jahr bald vorbei" oder "kaum zu glauben, daß ich mal in Paris gelebt habe, mein Französisch ist wahnsinnig schlecht" vom Stapel und machte sich auch über ihre Herkunft aus einem kleinen Dorf bei Umea in Schwedin lustig, wo man stolz die größten Käsemesser Europas sein Eigen nennen kann. Leider habe ich den Namen des Käses, den man dort verpeist, vergessen und weiß auch nicht mehr auf welches Lied sich die Geschichte bezog.

Perfekt aufgepasst habe ich aber bei dem ergreifenden Stück Farmor, da ging es nämlich um ihre (verstorbene) Großmutter. In diesem Liede erzählte uns Frida eine veritable Gesichte aus der Sicht des kleinen Kindes, das sie war, das mit der Oma immer Karten gespielt und Kekse gegessen hat. Die Großmama war eine starke Frau, wollte aus dem kleinen Kaff raus, wo sie herkam und arbeitete als Bedienstete bei reichen Leuten in der Stadt ("she polished copper kettles in a rich man's home, from what she writes she seemed to love every second of it"). Eine ihrer wichtigsten Lebensweisheiten die sie an ihre Enkelin weitergab: "even when you're eighty years like me, you never feel older than seventeen, at least I never did."

Neben Farmor wurden auch California und Hot Bali Nights vom neuen Album  To The Soul gespielt und natürlich durften auch Gas Station und der Hit Terribly Dark nicht fehlen. Auf dem Album ist Terribly Dark eine runde, ohrwurmige Nummer mit einprägsamen Refrain, die sich auch in den Charts platzieren könnte, live in Fontenay war sie zurückgenommener und erlesener instrumentiert, wir waren schließlich nicht in einer kommerziellen Radiosendung.



Letztlich rannte die Zeit wieder einmal runter wie auf einer Sanduhr, wurden von den alten Sachen Klassiker wie Djuna, I Drive My Friend, Once I Was A Serene Teenage Child (man beachte den expliziten Text!), oder auch das tolle Dirty Dancing (wieder so eine (authentische?) Geschichte) performt und auch die Zugabe wurde mit Oh Shanghai mit einem Stück aus dem Backkatalog bestritten.

Ein quasi perfektes Konzert ging nach gut einer Stunde zu Ende und wenn es etwas zu beklagen gab, war es lediglich die Tatsache, daß Fotografieren strickt untersagt war und auch nicht geduldet wurde.* Dabei hatten Frida und ihre beiden Mädels mal wieder die abgefahrensten Kostüme an. Hyvönen erschien in einem ausgestellten Brautkleid, die andern beiden Damen trugen fließende Gewänder, die Geigerin eines, das man sich noch im antiken Rom hätte vorstellen können.

Fazit: auch das Umland von Paris hat konzerttechnisch was zu bieten und mit einem Bus und Reiseführer zu einer Location gekarrt zu werden ist fast schon wieder cool! 

Setlist Sydney Wayser, Fontenay-Sous-Bois:

01: Roads
02: Geographer
03: Atlas
04: Potions
05: Dirty Work
06: Come Abroad
07: Les Temps de l'Amour
08: Wolf Eyes
09: This One Goes Out To Ethan Hawke
10: Call Me Up
11: Dream It Up

12: Time Frame 



* Fotos Sydney Wayser Archiv, Fotos Frida Hyvönen entstanden nach dem Konzert am Merch







Montag, 23. März 2009

Frida Hyvönen & Norman Palm, Festival Top Of The Folk, Rennes, 21.03.09

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Konzert: Festival Top Of The Folk, Rennes, Frankreich, mit La Terre Tremble!!!, Norman Palm, Frida Hyvönen, Clara Clara

Ort: Aire Libre, Rennes, Bretagne
Datum: 21.03.09 Zuschauer: ein paar hundert
Konzertdauer: pro Künstler ca. 50 Minuten





"Haben sie wirklich die Absicht, dahin zu fahren?"

Die junge Frau am Merchandising Stand der Agentur Les Boutiques Sonores schien sehr verwundert zu sein. Ich hatte gerade an einem Gewinnspiel teilgenommen, bei dem man eine Karte für das Festival Top Of The Folk in Rennes gewinnen konnte und erkundigte mich interessehalber wie weit denn Rennes von Paris entfernt sei. "Das sind über 300 Kilometer, knapp zweineinhalb Stunden mit dem TGV. Kennen sie überhaupt einen der auftretenden Künstler?", fragte sie skeptisch und war überrascht, daß mir sowohl Findlay Brown und Frida Hyvönen (Headliner des ersten bzw. zweiten Tages), als auch Arch Woodman und f.hiro etwas sagten.

"Warum denn nicht, das Line Up ist doch sehr gut!", war also meine Antwort auf die eingangs gestellte Frage.

In den folgenden Tagen vergaß ich die Geschichte mit dem Festival aber wieder, da ich ohnehin nicht davon ausging, daß ich eine Karte gewinnen würde. Schließlich habe ich schon Glück in der Liebe (haha!), warum sollte ich dann auch noch Glück im Spiel haben? Vielleicht weil ich einer der ganz wenigen war, der überhaupt den Zettel mit den richtigen Antworten abgegeben hatte? Wie auch immer, mein Name war auf der Gästeliste vermerkt und zwar für den zweiten Festivaltag mit Frida Hyvönen. Cool!

Eine Kosten /Nutzenrechung unterließ ich aber lieber, denn ich bin ja kein Mathematiker, sondern Rock'n Roller und denke mit dem Bauch und nicht mit dem Kopf! Oder so. Die Rechnung hatte nämlich ergeben, daß ich insgesamt ca. 100 Euro für den Zug berappen musste und auch ein Hotel brauchte, daß noch einmal 60 Euro kostete. Mein Gewinn- der Listenplatz- war gerade einmal 9 Euro wert...

Das Festival kam mich also nicht gerade günstig zu stehen, aber ich musste mal raus aus Paris, etwas anderes sehen. Und an Top Of The Folk gefiel mir schon jetzt alles: Das Line Up der vorhergehenden zwei Editionen (u.a. mit This The Kit (auf dem Foto rechts zu sehen), The Rodeo, Serafina Steer und Gravenhurst), die liebevoll gemachten Poster und Flyer und der Ansatz, neue hochinteressante Talente fernab der Mainstreamsoße zu fördern und ihnen eine Bühne zu gewähren. Das mußte ich einfach unterstützten!

Nach gut zweistündiger Zugfahrt kam ich in dem modernen Hotelklotz an und fragte den Kerl an der Rezeption frohgelaunt, ob er denn das Festival Top Of The Folk kenne. "Pas du tout" - nie gehört, so seine recht schroffe Antwort und sein herablassender Tonfall ließ auch nicht darauf schließen, daß er je in seinem Leben mal dahin wolle. "Soll er sich doch die Ohren mit Johnny Hallyday zudröhen, daß es ihm sonstwo wieder rauskommt!", dachte ich mir insgeheim, blieb aber höflich und erkundigte mich lediglich, wo denn die Austragungsstätte liege. Er guckte desinteressiert auf den Stadtplan und meinte nur: "Ist weit, völlig außerhalb, da brauchen sie ein Auto!" - "Ein Auto? Wo soll ich das denn jetzt hernehmen? Brauche ich etwa einen Mietwagen?", geisterte es mir durch den Kopf. Der Rezeptionsknecht gab aber Entwarnung: "Ich kann ihnen ein Taxi bestellen, kostet aber circa. 20 Euro. " - Auch das noch! Aber hatte ich die Wahl? Nein, also ließ ich mir das Taxi für 19 Uhr 30 bestellen...

"Ich glaube, sie werden die Konzerte hungrig erleben müssen", meinte der Taxifahrer schmunzelnd, als ich ihn fragte, ob man auf dem Festival oder in der Nähe etwas essen könne. Ich fand das gar nicht so komisch, hatte eine Bärenhunger, da ich im Zug wegen des Servicepersonalstreiks nichts zwischen die Kiemen bekommen hatte. "Aber irgend etwas muß es doch da zu mampfen geben, oder nicht?," fragte ich eingeschüchtert und relativ verzweifelt. "Wenn sie Glück haben, hat der kleine Tante- Emma Laden daneben noch auf", machte der Kutscher mir ein wenig Hoffnung. War aber nicht so, vor dem Aire Libre angkommen, war außer einer Bar alles zu! Und in der Bar hingen nur ein paar lokale Suffköppe rum, denen flüssige Nahrung vollkommen reichte. Meine Nachfrage nach etwas Essbarem wurde von dem Patron negativ beschieden. "Warten sie!", meinte er plötzlich, "da hinten gibt es einen Pizzawagen, gleich auf dem Kirchplatz, der dürfte noch geöffnet haben. Versuchen sie dort ihr Glück!" Und in der Tat, der freundliche Pizzabäcker arbeitete noch und machte mir gerne eine Pizza Margerita, die ich wie ein ausgehungerter Wolf auf einer Parkbank in mich reinschlang. Passanten , die auch zum Festival wollten, gingen vorbei und wünschten mir "einen guten Appetit", ich konnte aber nicht antworten, weil ich den Mund mit Käse voll hatte...

Satt war ich also, als ich eintrat und nun bestens für eine tollen Konzertabend gerüstet! Es war inzwischen 20 Uhr 30, aber die Leute hingen alle noch an der Bar rum und es dauerte eine Weile, bis man gebeten wurde, sich doch bitte Richtung Konzertsaal zu bewegen. Die Leute tröpfelten ganz langsam ein und vom Band lief düstere Musik, so ähnlich wie Nick Cave, aber der war es nicht. Noch einmal 10 Minuten später kamen drei großgewachsene junge Männer auf die Bühne geschlichen, winkten kurz ins Publikum und legten los. Schon nach den ersten kurzangerissenen Gitarrenriffs war klar, was hier gespielt wurde: Mathrock! Und zwar depressivster und gruseligster Machart! Eine gespenstische, mystische Musik voller überraschender Brüche und Wendungen, Lichtjahre von der einfallslosen Mainstreamkacke von Foals entfernt. Ich war fasziniert, in den Bann gezogen von den schwer einzuordnenden Klängen, die fast hypnotische Wirkung auf mich ausübten. Gesungen wurde selten, aber das war auch nicht wesentlich. Entscheidender war die spannende, dichte Atmosphöre, die geschaffen wurde. Ein Teil des Stoffes war tanzbar, aber jedes Lied wechselte mehrfach die Richtung, so daß man nie vorher wusste, wie man sich zu bewegen hatte. Wirklich Vergleichbares hatte ich selten zuvor gehört. Man könnte natürlich Battles als die Mathrock Band schlechthin nennen, aber das hier war sehr eigenständig und anders. Es gab Spurenelemente von Slint, Mogwai, oder auch den Dodos, ohne jedoch wirklich viel damit zu tun zu haben. Auf der Suche nach ähnlichen Bands wird man deshalb wohl am ehesten in Frankreich selbst fündig und zwar in der Gestalt der fantastischen Papier Tigre, die genau wie La Terre Tremble!!! bei dem vorzüglichen Nanter Label Effervescence untergbracht sind. Ein Label gespickt mit avantgardistischen Bands, die Genregrenzen sprengen und mit La Terre Tremble!!! haben sie da wirklich einen dicken Fisch an Land gezogen! La Terre Tremble!!! selbst sehen nämlich durchaus auch eine folkige Seite in ihrer Musik und als Beleg dafür ergriff der besessen aufspielende Drummer gegen Ende sogar eine Akustikgitarre und sang dazu.

Leider gab es das neue , zweite Album noch nicht zu kaufen, da es erst Mitte April erscheinen wird. Davon stammten auch die meisten Lieder des Sets, u.a. auch This Stupid Piece Of Wood, das man auf der MySpace Seite anhören kann.

Ein vorzüglicher Auftakt für den zweiten und letzten Festivaltag hier in Rennes!

Setlist La Terre Tremble!!!:

01: Zwischenstadt
02: 4 Accords
03: Landscape Analphabet
04: The Stupid Piece Of Wood
05: Posdisco
06: Carven

Dann war eine Pause angesagt und ich erfreute mich an den im Vergleich zu Paris äußerst günstigen Preisen. Die Cola kostete hier nur 1,50 Euro, da bezahlt man in der Stadt der Liebe oft das Dreifache und mehr! Vielleicht sollte ich nach Rennes ziehen...

Laut Norman Palm ist Rennes ja sowieso eine der drei schönsten Städte in ganz Frankreich, neben Paris und...Roubaix! Dies waren nämlich die drei Tourziele des jungen Berliners in Frankreich. Zusammen mit seiner finnischen Begleitband trat der sympathische Mann mit der Akustikgitarre nun im oberen Konzertsaal auf, der einem Kino gleichte.
Man saß auf bequemen roten Sesseln und harrte der Dinge, die nun folgen sollten. Die Bühne war noch verwaist, aber auf einer Leinwand sah man ein weißes Quadrat, in dessen Mitte ein kindlich gezeichnetes Gesicht eines Jungen mit Brille zu erkennen war. Aus seinem Munde stiegen Noten auf. Gebettet war das Ganze auf einem CD Cover von Neil Youngs Meisterwerk Harvest. Norman Palm scheint also traditionelle Folkmusik zu mögen, soviel war klar. Ansonsten wußte ich aber bisher nicht viel von meinem Landsmann. Bei einer flüchtigen Ansicht seines MySpace Profils hatte ich gesehen, daß es dort ein Cover von The Cure gab: Boys Don't Cry. Das gefiel mir schon einmal, zumal The Cure eine fantastische Band ist, die mir letztes Jahr bewiesen hat, daß sie trotz des mainstreamigen Erfolges nach wie vor nicht nach fiesem Stadionrock klingt. The Cure Cover scheinen ohnhehin in zu sein, denn vor ein paar Monaten hatte mich schon die Folksängerin Mariee Sioux mit einer außergewöhnlichen Neuinterpretation von Lovesong begeistert. Zudem gibt es ein Tribute Album, zu dem größtenteils Folksänger Coverversionen begetragen haben...

Die Vorzeichen für ein schönes Konzert standen also gut. Dann kam Norman Palm schließlich auch zusammen mit einer schwarzhaarigen jungen Dame und einem großgewachsenem Herrn auf die Bühne. Norman stellte sich und die anderen auf englisch vor und sagte, daß seine Band zu 66 (Komma wieviel?) % finnisch und zu 33, 333 % (Periode oder so, was?) deutsch sei. Er selbst vertrat die Bundesrepublik, das hübsche Mädchen genau wie der Hüne Finnland. Sie war für die wundervollen Videoanimationen zuständig und konzentrierte sich auf ein Apple Notebook, der lange Skandinavier spielte solch tolle Instrumente wie Xylophon, Glockenspiel und Melodica. Mein Landsmann hingegen sang und gratzte auf der Akustikgitarre. Ein sympathisches Trio, das das Debütalbum, schlicht Songs betitelt, der Reihe nach durchexerzierte. Am Merchandising Stand hatte ich schon die traumhaft schöne gebundene Ausgabe des Werkes gesehen, allerdings keine Zeit gehabt, das Büchlein durchzublättern. Diese Arbeit wurde mir jetzt abgenommen, denn zu jedem Song gab es die passende Illustration, beigesteuert von der charmanten Nordländerin mit dem bezaubernden Lächeln. Los ging es mit Floating Around, zu dem praktischerweise die Texte bildlich mitgeliefert wurden. "I could never ride a horse and I could never ride a chorus, but I can sing".... Ein phasenweise pessimistischer Text ("nothing gets along") über einen jungen Mann, der sich weder für cool noch besonders talentiert hält und nach dem sich die Frauen auch nicht umdrehen, bei dem die starke Annnahme besteht, daß er autobiografisch ist. Und selbst wenn der Inhalt mal gestimmt haben sollte, so kann ich mir doch vorstellen, daß Norman inzwischen jede Menge Avancen von den Damen bekommt (Frauen stehen nun einmal auf Musiker!) und auch Talent kann ich ihm bedenkenlos unterstellen. Er verfügt nämlich über eine richtig schöne und ungewöhnliche Stimme, ein gefühlvolles Gitarrenspiel und eben diese tollen selbstironischen Texte, die voller Hoffnung und Poesie sind. Wenn man unbedingt musikalische Referenzen braucht, um den Singer/Singwriter verorten zu können, so würde ich auf internationaler Ebene Bright Eyes, die Decemberists, Chris Garneau, Windmill, Jose Gonzalez , Teitur und Sophia und aus deutscher Sicht Künstler wie Gisbert zu Knypshausen, Peter Licht oder Björn Kleinhenz nennen. Aber lassen wir doch lieber diese Vergleiche, jeder Artist hat sein eigenes Universum und Norman erzählt nun einmal seine persönlichen berührenden Geschichten eines Kleinstadtjungen, der in die weite Welt aufgebrochen ist. Geschichten, die oft mit dem schönsten Thema, der Liebe, zu tun haben, wie man auch in dem begleitenden Kommentar zu dem treibenden Army Nation ( gibt es da irgendeinen Bezug zu den White Stripes?) lesen kann, in dem man erfährt das er sein Leben nicht noch einmal leben möchte ("I dont want to live this life again") möchte. Noch berührender ist aber Oh Elisa (Achtung ich halte mich nicht mehr an die chrologische Abfolge!), das mich auf Flügeln trägt und mir das Gefühl gibt, daß ich an keinem besseren Ort der Erde als hier auf diesem tollen Festival in Rennes sein könnte! Boys Dont Cry bestätigt dieses Gefühl, denn Norman macht auf kuriose Art und Weise Geräusche mit seinem Mund, die sich nach einer Trompete anhören und das Intro des Songs darstellen. Er eignet sich den Klassiker von The Cure an und fügt in nahtlos in sein Repertoire aus seelentröstenden Songs ein. Große Kunst ist das und ich applaudiere laut und anhaltend und bin auch sehr froh darüber, daß ein Landsmann den Franzosen mal zeigt, daß wir nicht nur Fußball spielen können, sondern auch musikalische Talente haben. Den Middletown Blues hätte schließlich auch ich schreiben können, denn ich weiß, wie es ist, wenn man in einem Kaff aufgewachsen ist, in dem die Hauptattraktion das örtliche Freibad ist. In Normans Dorf gab es aber auch noch die größte Monstertrackshow Europas, so etwas hatten wir bei uns nicht! Glücklicherweise haben wir aber beide den Abflug aus unseren Nestern geschafft und nur noch die nostalgischen Erinnerungen an die ländliche Gegenden im Gedächtnis, die manchmal gar nicht so verkehrt waren.

Gegen Ende wird das Set immer schöner und berührender, dem Middletown Blues folgt die herzerwärmende Ballade Could I've Been Wrong, auf der Norman seine stimmlichen Fähigkeiten voll ausspielt und das Xylophon das sanfte Gitarrenspiel auf das Wundervollste unterstützt. "I wanna thank you for all these years, I wanna thank you for all the fears, could I've been wrong", heißt es da, hach, schön!

Die traumhaften Lovesongs reihen sich nun wie auf einer Perlenkette auf, Everything You Need ist mit seinem Melodicasolo so melancholisch,
daß man ein Taschentuch gut gebrauchen könnte, wenn da nicht die witzige Videoprojektion wäre, auf der man Krokodile beim Liebesakt sieht. Auch Rent A Cat wartet mit einer prima Illustration auf, aber die erkläre ich jetzt nicht mehr ausführlich, weil ihr ja schließlich alle das hübsche Büchlein kaufen sollt! Auch Norman weist am Ende noch einmal darauf hin, daß am Merchandising Stand nette Damen das wunderbare Werk verkaufen. Man solle sich beeilen, es gäbe nur noch 12 Exemplare, weil mehr nicht in das Flugzeug gepasst hätten. Ein guter Kaufmann ist der Kerl also auch, aber ich hätte ohnehin so schnell wie möglich zugeschlagen, um die famosen Lieder auch noch bei mir zu Hause genießen zu können und dabei das Bilderbuch durchzublättern! Ein Stück des heutigen Abends fehlt aber darin, ich meine nicht das abschließende Long Way Home, bei dem der Berliner sogar wie Andrew Bird pfiff, sondern einen anderen Klassiker aus den 80 er Jahren: Girls Just Wanna Have Fun von Cyndi Lauper, präsentiert in schickem neuen Gewande! Mehr Folk weniger Disco.

Gut gemacht Norman, hast Deutschland wahrlich sehr würdig vertreten und die Finnen in Deinem Team sind eine echte Bereicherung! Wann kommst Du wieder nach Paris? Schließlich habe ich Dein dortiges Konzert im Motel leider verpasst! Weißt Du eigentlich, daß wir mit Künstlern, die wir sehr mögen , charmante Sessions in unserem Wohnzimmer veranstalten? Also wie sieht's aus??

In der Pause gab es dann die Gelegenheit zu einem kurzen Plausch mit Norman, der mir erzählte, daß ihn die französischen Darkrocker Nelson am Vortage nach Paris ins Motel geladen hätten. Wie klein die Welt doch ist, Nelson kenne ich natürlich auch, schließlich habe ich über die Jungs schon mehrfach hier berichtet und sie auch oft bei Konzerten als Zuschauer getroffen! Ich wußte, daß sie auch mal ein paar Monate in Berlin residierten und da haben sie wohl Norman Palm kennengelernt. Musik verbindet Nationen, das ist der Beweis!

Auch das Land Schweden lernt die übrige Welt größtenteils aufgrund der zahlreichen tollen Musiker kennen. Nachdem das schwedische Tennis zur Zeit etwas schwächelt, hören wir in Kontinentaleuropa inzwischen kaum noch etwas von Borg, Wilander und Edberg , sondern viel öfter Namen wie Loney Dear (auf dem Foto), Anna Ternheim, El Perro Del Mar, Jens Lekman, Pelle Carlberg, Peter Björn And John, The Sounds, Nina Kinert, Mando Diao, Jose Gonzales, Moneybrother, Were From Barcelona und so weiter und so fort...

Und natürlich fällt auch der Name Frida Hyvönen immer häufiger und die Artikel in der Musikpresse mehren sich, gerade nachdem im letzten Jahr, als das neue, zweite Album Silence Is Wild erschienen ist. Von Silence, also Ruhe, kann foglich keine Rede mehr sein, auch wenn nach wie vor intensiver über Anna Ternheim berichtet wird. Zur Headlinerin des heutigen zweiten Tages des Festivals Top Of The Folk hat es aber auf jeden Fall gereicht, auch wenn ihr Scheck mit Sicherheit weniger Nullen am Ende aufwies, als derjeniege von Björk bei Rock en Seine 2007. Aber es sollte den Artisten nicht in erster Linie um das große und schnelle Geld gehen, denn ansonsten laufen sie Gefahr, künstlerisch zu verflachen und abzustumpfen. Aus meiner Sicht ist es für Frida eine ganz tolle Sache, zusammen mit solch innovativen Newcomern wie Arch Woodman, f. hiro, La Terre Tremble!!! und Norman Palm aufzutreten und nicht bei irgendwelchen Mainstreamveranstaltungen neben Typen aus Castingshows. Aber Fräulein Hyvönen passt da schon auf, schließlich hat sie mit Secretly Canadian ja auch ein vorzügliches Indielabel, bei dem nicht nur ihr Landsmann Jens Lekman, sondern auch Jason Molina, Damien Jurado, Scout Niblett oder Bodies Of Water unter Vertrag sind. Vor aber natürlich Antony und seine Johnsons. Genau wie Antony, der inzwischen zum Weltstar aufgestiegen ist, spielt Frida Piano und teilt mit ihm auch die Vorliebe für die Oppulenz und die bitter-süße Ironie.

Frida hat aufgrund ihres Charismas, ihres Talents und ihrer attraktiven Erscheinung mit Sicherheit ebenfalls das Potential weltbekannt zu werden. Ihre Lieder sind auch massenkompatibel, ich sage das jetzt gar nicht abschätzig, denn es ist gar nicht so einfach, einen eingängigen Popsong zu schreiben, der zudem noch nicht dümmlich ist. Und gerade das schafft Frida Hyvönen: Sie schreibt Popsongs (Folk macht sie m.E. nicht), rund, ohrwurmig und süß wie Honig, aber dennoch nicht flach. Wie kriegt sie dieses Kunststück hin? Nun, vor allem dadurch, daß sie klasse Texte voller Witz, Ironie und Poesie schreibt. Der oberflächliche Hörer, der nicht genau hinhört und nur die schönen Melodien verfolgt, bekommt diese Facette von Frida gar nicht mit, merkt gar nicht wie die Schwedin mit einem bezaubernden Lächeln Vulgaritäten verbreitet und Seitenhiebe verteilt. Die unglaublich groß gewachsene Frau hat es faustdick hinter den hübschen Ohren und das ist auch gut so, sollen doch Unwissende sie für ein Mode- Püppchen ohne Tiefgang halten!

Aber das Publikum in Rennes schien mir sehr fachkundig und intelligent zu sein und begrüßte Frida und ihre beiden Mitmusikerinnen, die an Bass und Schlagzeug für den nötigen Dampf sorgten, mit viel warmherzigen Applaus.
Die Leute hier mochten sie, das merkte man. Das wiederum ist fast schon wieder erstaunlich, denn optisch verkörpert Hyvönen Vieles von dem, was man in Frankreich nicht so mag. Sie ist stets extravagant gekleidet, es blinkt und glitzert, wo man nur hinschaut und die 80 er Jahre- Fönfrisur habe ich auch bei modebewußten Französinnen eher selten gesehen. Aber ich glaube, gerade französische Frauen bewundern ihren Mut zur Oppulenz. Keine graue Maus, die bescheiden und dezent auftritt, sondern ein richtiges männermordendes Weibsbild, mit riesigen Schulterpolstern, hochhackigen Schuhen, roten Lippen und schwarzen Leggings. Wenn man sie so sieht, könnte man sie glatt für die Idealbesetzung in einem Streifen von Denver Clan in den 80ern halten. Vor meinem geistigen Auge sehe ich sie mit einem bauchigen Kristallglas mit Whiskey, den sie schon mittags runterkippt. Sagte ich gerade Whiskey? Ja, richtig, Whiskey! Eigentlich mag Frida das Gesöff nicht, aber heute brauchte sie den (und bekam ihn auch prompt ans Piano gebracht), da sie ein Problem mit ihren famosen Stimme hatte, mit der sie fast als Opernsängerin auftreten könnte. Es war circa. in der Mitte ihres bis dahin reibungslos verlaufenen Konzertes, als sich plötzlich ihre Stimmbänder verknoteten. Sie brach das Lied ab, trank einen Schluck Wasser, aber der lästige Kloß im Hals wollte nicht so schnell wieder verschwinden. Also brachte man ihr später einen Whiskey und siehe da: Das hochprozentige Zeug wirkte, ihre glockenklare Stimme wurde wieder geschmeidiger und sie sang wunderbar wie eh und je. Die zweite Hälfte des Sets bekam sie also einwandfrei hin, wobei auch ihre beiden Freundinnen kräftig mithalfen. Die Schlagzeugerin hatte trotz ihrer zierlichen Statur einen ganz schön kräftigen Bums und eine enorme Beschleunigung drauf und die Bassistin spielte nicht nur dieses Instrument einwandfrei, sondern auch einfühlsam und wunderschön Cello, z.b. bei My Cousin. Eine richtige Band war das also, die phasenweise ein Rockkonzert ablieferte, zu dem ich mich auch gerne etwas bewegt hätte, aber das ging in dem Kinosaal in Rennes leider nicht. Schade, gerade zu dem mitreißenden London mit seinen tollen Chorgesängen hätte ich gerne die Hüften geschwungen, genauso wie zu Djuna!, dem Hit vom ersten Album. Das Ende war dann aber eher verhalten und melancholisch. Und zynisch, wie der famose Text zu Dirty Dancing beweist, mit dem man sich wirklich mal einmal auseinandersetzen sollte, es lohnt sich! (Ha, ich nehme Euch nicht die Arbeit ab!) Oh Shanghai, ein Stück, das auch gut zu einem Musical passen könnte, beschloß dann das knapp einstündige Konzert, das mich nicht ganz so gepackt hatte, wie das vor ein paar Monaten in der Pariser Maroquinerie, aber dennoch gut und unterhaltsam war. Frida Hyvönen hat mit Sicherheit weder die Veranstalter noch die Zuschauer enttäuscht und ein junger Musiker (ugh! , er trat am nächsten Tag in einem Pub auf), mit dem ich mich im Bus zurück nach Rennes angeregt unterhielt, äußerte sich auch positiv: "Erstaunlich, daß ich das poppige Zeug mochte! Meine Lieblingsbands sind eigentlich eher Pavement und Sonic Youth"...

Setlist Frida Hyvönen, Festival Top Of The Folk, Rennes 2009:

01: Enemy Within
02: Birds
03: Pony
04: The Modern
05: December
06: Science
07: You Never Got Me Right
08: Highway 2 U
09: Djuna!
10: Come Another Night
11: London!
12: My Cousin
13: Dirty Dancing
14: Oh Shanghai
- Links:

- mehr Fotos von Frida Hyvönen hier
- mehr Fotos von Norman Palm hier
- charmante Videoclips von Norman Palm: Floating Around, Girls Just Wanna Have Fun

Konzerttermine von Norman Palm:

27.03.2009: Popo Bar, Berlin
24.07.2009: nbi, Berlin



 

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