Dienstag, 9. Dezember 2008

Frida Hyvönen, Paris, 08.12.08


Konzert: Frida Hyvönen
Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 08.12.2008
Zuschauer: nicht ausverkauft, aber auch nicht gähnend leer, schätzungsweise 300-350



Kennt jemand noch das ziemlich zweideutige Lied Die Klavierlehrerin von Udo Lindenberg?

Ich habe diesen recht cheap produzierten Song immer geliebt und Udo finde ich sowieso köstlich, ich könnte mich über den Typen totlachen! Das entsprechende Video (hier zu sehen) und vor allem den schlüpfrigen Text ("sie war so groß, war so barock, ganz breit der Arsch, ganz kurz der Rock") werde ich wohl nie in meinem Leben vergessen. Schließlich hatte ich selbst mal eine Klavierlehrerin, als ich als 16 jähriger auf die seltsame Idee kam, das Pianospiel zu erlernen. Die liebe Frau war aber keineswegs so frivol wie in dem Lied von Udo, sondern eher einfach, herzensgut und zudem auch schon recht betagt.

Am schönsten war es, wenn sie mir am Ende der Stunde etwas vorspielte. Dann ließ ich mich in den Sessel fallen, hörte genau zu und war im Nu in einen Zustand tiefster Entspannung versunken. Leider starb sie wenige Jahre später und von da an war es vorbei mit meiner Pianistenkarriere, die ich eigentlich nur gestartet hatte, um Frauen im Stile eines Richard Clayderman zu betören...

Und heute nun ein Konzert mit der schwedischen Pianistin Frida Hyvönen. Eine der wenigen Musikerinnen, die ich in den letzten Jahren ausschließlich am Flügel gesehen habe. Die junge und sehr talentierte Französin Faustine Seilman fiele mir jetzt gerade noch ein, aber ansonsten? Anna Ternheim klimpert zwar auch ab und zu, aber zusätzlich greift sie auch noch zur Gitarre, bei Amanda Palmer ist es ähnlich und Amanda interpretiert zudem das Pianospiel viel weniger klassisch als eine Frida Hyvönen.

Frida, meine neue Klavierlehrerin? - "Sie war so groß, war so barock, ganz breit der Arsch, ganz kurz der Rock?". Hmm, großgewachsen ist Frida in der Tat, sie dürfte mindestens 1,80 sein, aber barock? Eher weniger, sie ist insgesamt doch ziemlich schlank und hat auch keinen breiten Arsch. Einen kurzen Rock aber schon, genauer gesagt ein ziemlich scharfes Leopardenteil, unter dem sie eine enge schwarze Leggging und hochhackige Schuhe trug. Wow, was für ein Weibsbild! Aber eigentlich nicht unbedingt mein Typ, denn ich stehe statt groß und blond eher auf klein und schwarz. Aber nur einen bestimmten Typ zu haben ist im Grunde genommen dämlich und engstirnig und wer nur einem "Traumbild" (Traumfrau, allein dies ein schrecklicher Ausdruck!) hinterherläuft, ist ein armes Würstchen und macht sich das Leben zusätzlich schwer...

Ähnliches gilt im Übrigen auch für die Musik. Eigentlich ist Fridas Stil mir nämlich ein Spur zu schwülstig, zu poppig, zu kitschig fast. Für die zahlreichen schwulen und lesbischen Pärchen im Publikum jedoch anscheinend ganz genau das Richtige. Schon Madonna und Abba waren und sind Gay-Ikonen und zu den Letztgenannten hat Frida soundtechnisch doch ein paar Ähnlichkeiten aufzuweisen. Ja, es steckt durchaus ein wenig Abba in den Liedern von Frida Hyvönen, keine Seltenheit bei schwedischen Künstlern!

Aber diesen Umstand versuchte ich zu verdrängen, denn die beknackten Abba habe ich schon als Kind gehasst. Stattdessen redete ich mir fest ein, daß Frida eigentlich stark nach meiner hochverehrten Sandy Denny klinge und diese Assoziation gefiel mir schon deutlich besser! Im Grunde genommen auch ausgereizt und substanzlos dieses ewige Suchen nach "ähnlichen" Künstlern, Referenzen und Einflüssen, denn letztlich ist jeder Künstler einzigartig (na gut die Killers und Muse eigentlich nicht, aber lassen wir das...).

Bevor die riesige Schwedin aber loslegen konnte, gab es auch noch eine interessante Vorgruppe zu entdecken. Eigentlich sollten die von Kritikern hochgelobten (Zitat: "die kanadischen Fleet Foxes") The Acorn das Vorprogramm bestreiten, doch die hatten recht kurzfristig gecancelt. Stattdessen tummelte sich drei junge Menschen, zwei Asiatinnen und ein Herr, bei recht schwachem Licht hinter ihren Laptops und projezierten auch schöne Bilder auf einen Paravent, eine kleine Leinwand und eine japanische Lampenkugel. Auf den ersten Eindruck klang das nach Sigur Rós, oder einem anderen isländischen Elektro-oder Postrockact, aber ich ahnte schon, daß das Trio aus Paris stammen sollte, denn ein kurzfristig gebuchter Ersatz kommt meistens nicht von weit her angereist. So war es dann auch, Pierre, Phoene und Zita nennen sich Saycet, leben und komponieren in Paris und besonders die zarte und sinnliche Stimme von Phoene hatte es mir auf Anhieb angetan! Sie wies Ähnlichkeiten zu Natasha "Bat For Lashes" Khan, aber auch meiner Pariser Folk-Prinzessin Marie-Flore auf. Ein Hörgenuss und ein willkommener Auftakt für den Konzertabend! Das Debütalbum One Day ist bereits erhältlich, hat gute Kritiken bekommen und ist für Fans von Boards Of Canada, Mum oder eben Sigur Rós zu empfehlen.

Während des Auftritts von Saycet saßen die Leute noch fast alle auf dem Fußboden, eine Unsitte, die zum Glück ein Ende hatte, als Frida zusammen mit zwei Musikerinnen die Bühne betrat und Platz hinter ihrem imposanten Flügel nahm.

Die Drummerin machte sofort ordentlich Dampf, sie hatte für einen Frau einen gewaltigen Bums! Bekleidet war sie mit einer sehr knappen Hotpant und einem Leopardenoberteil. Auch die blonde Bassistin und Cellistin trug Leopard, allerdings handelte es sich bei ihr um ein Kleid, während die "Chefin" das Raubtier nur als Röckchen trug und obenherum eine schwarze Bolero-Bluse anhatte.

Hach, die Cellistin, auch ein Hingucker die Süße, was mich erneut an ein Lied von Udo Lindenberg denken ließ. Der Text ging mir durch den Kopf, als die Blondine einfühlsam die Saiten zupfte: "Du spieltest Cello (hier der tolle Videoclip) in jedem Saal in unserer Gegend, ich saß immer in der ersten Reihe und ich fand dich so erregend, Cello du warst eine Göttin für mich und manchmal sahst Du mich an und ich dachte "Mann oh Mann" und dann war ich wieder völlig fertig"...

Aber ich musste Udo jetzt einmal ein wenig verdrängen, schließlich war ich bei Frida Hyvönen! Doch es war nichts zu machen: Als ich die attraktive Blondine mit ihren tadellos manikürten roten Fingernägeln und den Perlenkettchen an Handgelenk und Hals so sah, kamen mir schon wieder Textfragmente in den Sinn: "Dann nahm sie meine Fi-hin-ger und führt sie hier und da so hin, ahh ohh, nach der Etüde waren wir so müde und dann beim hohen C da tat es wirklich ein bißchen weh, am besten wars beim tiefen H da wars ganz einfach wunderbar, mit feuchter Hose kam ich dann zuhaus bei meiner Mutter an. Sie sprach: "Da gehst mir nicht mehr hin, zu der Klavierlehrerin!"

Zu allem Überfluss stöhnte Frida auch noch lustvoll, wenn sie sich Trauben, die auf ihrem Piano lagen, in den kussroten Mund schob. Mann oh Mann, ich war schon wieder völlig fertig!

Ich entschloß mich, einen Platz links neben der vorderen Box einzunehmen und einfach nicht ständig auf die Bühne zu gucken. "Schließ die Augen und hör Dir einfach die schönen Lieder an", redete ich mir ein. Aber das hielt ich nicht lange durch und so sah ich wieder und wieder hin, wenn Frida mit ihren rotlackierten Nägeln auf die Tasten haute oder nur sanft über sie drüber strich. "Da gehst mir nicht mehr hin zu der Klavierlehrerin!", schoss es mir durch den Kopf."- "Und ob Mutti, ich mache was ich will!", war mein eingebildeter Konter.

In benebeltem Zustand verfolgte ich, als mit The Modern einer der Hits des ersten Album Until Death Comes angestimmt wurde. Er zog bisher am besten, die Zuschauer in der Maroquinerie fingen an mitzuklatschen. Wir hatten jetzt -es waren ca. 30 - 40 Minuten vergangen - die beste Phase des Konzertes erreicht. London, eines der Highlights vom neuen Output Silence Is Wild war ein Ohrwurm par excellence und getoppt wurde die Sache noch von dem anschließendem Dirty Dancing, dem Opener des neuen Albums. Ein Song, bei dem man sich unbedingt auch einmal den Text ansehen sollte. Es geht um ein jugendliches Liebespärchen (anscheinend eine authentische Story), das sich ganz romantisch zum Tanzen traf: "It felt almost like dirty dancing minus the United Sates and instead of a resort it was the folkets hus basement."

Später wurde ihre Jugendliebe dann Schornsteinfeger und reinigte amüsanterweise ihren Kamin: "I guess you do the dirty now and i do the dancing, der passende Text dazu. Man sieht schon, Frida ist eine klasse Songwriterin mit bitter-süßen Texten und oft auch mit erotischen Anzüglichkeiten (bei einem Lied des Abens sang sie zum Beispiel davon, das sie sehr gut im Bett sei, ich glaube ihr aufs Wort!), die gekonnt in naiv scheinende Melodien eingebaut werden. Mir gefiel von nun an jedes Lied und auch die Stücke des eigentlich schwächer geglaubten zweiten Albums kamen live hervorragend rüber. Oh Shanghai oder Science, fast süchtig machende Tracks, die einem I Drive My Friend, meinem Liebling vom Debüt in fast nichts nachstanden.

Mit der wundervollen Ballade und Liebeserklärung an New York, NY, wurde der offizielle Teil dann abgeschlossen, aber die drei junge Damen kamen unter großem Applaus natürlich noch einmal wieder, schmetterten mit angepappten ZZ-Top Bärten (!) Scandinavian Blood und You Never Got me Right, bevor sie erneut entschwanden, aber für Valérie doch noch einmal unerwarteterweise zurückkamen.

Da gehst mir nicht mehr hin zu der Klavierlehrerin? Aber doch, wenn Frida wieder in Paris ist, lasse ich mir das nicht entgehen!

"Nach der Etüde waren wir so müde"...

Setlist Frida Hyvönen, La Maroquinerie, Paris:

01: Enemy Within
02: Birds
03: Pony
04: Djuna!
05: Highway 2 U
06: The Modern
07: London
08: Dirty Dancing
09: December
10: Oh Shanghai
11: I Drive My Friend
12: My Cousin
13: Science
14: N.Y.

15: Scandinavian Blonde (Z)
16: You Never Got Me Right (Z)

17: Valerie (Z)

Links:

- mehr Fotos von Frida Hyvönen hier

- sehr charmante Behind Closed Doors Session im Aufzug auf dem Fußboden!!
- Birds Video in der Umkleidekabine
- Dirty Dancing Videoclip





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