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Sonntag, 3. September 2017

alt-J, Lowlands Festival, 19.08.17

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Konzert: alt-J
Ort: Lowlands Festival
Datum: 19.08.2017
Dauer: 75min
Zuschauer: ca. 12.000 volles Zelt

Hell ist es noch unter dem riesigen, halb offenen Hangar, der Hauptbühne des Lowlands-Festivals, als alt-J die Bühne betreten. Erstaunlich viele Fans unter 25 Jahren haben sich eingefunden. Ein Phänomen, das ich auch bei Radiohead oder Sigur Ros immer wieder beobachte. 

Es scheint einen Bedarf an Musik abseits des Mainstreams zu geben, und alt-J sind die jüngste Band, die es in diesem Segment zur großem Erfolg gebracht haben. 

Erstaunlich ist es auf jeden Fall, zumindest wenn man die Augen öffnet und das Schauspiel auf der Bühne näher betrachtet. Dort passiert während der nächsten 75 Minuten außer wildem Lichtgeflacker aus stehenden LED-Türmen nämlich genau: NICHTS. 

Drei junge Männer spielen, ohne sich ein ein einziges Mal enspannt zuzusehen oder zu bewegen eine Art Kraftwerk Gedächniskonzert. Keyboarder Gus Unger-Hamilton richtet zumindest ein paar Floskeln ans Publikum und trinkt doch tatsächlich ein Glas Rotwein, soviel Anarchie muss sein. 



Für einen ausführlichen Konzertbericht ist aber auch das dürftig. Kommen wir also lieber direkt zur Musik, und die hat es in sich. Drei, fast gleich gute Alben hat die Band jetzt schon veröffentlicht, und diese kleinen, vertrackten Meisterwerke sind die eigentlichen Stars der Show. 

Leben die Konzerte der oben genannten vergleichbaren Bands von der stetigen Veränderung im Live-Setting, belassen es alt-J bei einer stoischen Werktreue, die schon fast an Pink Floyd erinnert. Kein Ton zu viel, kein Solo, keine weiteren Instrumente. 

So entstehen Intimität und ein flüster leises Publikum, denn kaum einer traut sich (außer bei Mathilda) lauthals mitzusingen, wenn die Drei von oben so viel Energie in die Reproduktion der Alben legen. 



Ganze neun Stücke vom Debüt und jeweils 3-4 der folgenden Alben werden präsentiert. Highlights sind für mich das spannende "3ww" zu Beginn, das lange nicht gehörte "Tessallate" und "Bloodflood". 

Am Ende wird des am Himmel dunkler, auf der Bühne bunter und endlich etwas lockerer. Trotzdem ist einfach nicht erkennbar, ob die Band nach den Mammuttouren der letzten Jahre neue Energie hat oder schon wieder auf dem Zahnfleisch daherkommt.



Der starke Abgang mit "Fitzpleasure", "Left hand free" und natürlich "Breezleblocks" kann diese Frage nicht beantworten. alt-J sind in der Lage diese großen Bühnen ohne besondere Show, ausufernde musikalische Energie oder persönliche Ausstrahlung zu bespielen. 

Vielleicht ist dies das größte Kompliment, das man einer Band machen kann, die ihre Stärke ganz klar beim Komponieren und Reglerschieben im Studio hat. 



Rockstars wollten sie nie sein, davon gibt es ja auch schon genug. Auf dem Weg zum Ausgang dann noch ein spontaner Kanon des Publikums, ein leiser Zweizeiler in der Nacht: "And she needs you, this is for Matilda, and she neeeeds you..." Doch noch etwas anrührendes.

Fotos: Michael Graef 

Aus unserem Archiv:
alt-j, Berlin, 01.10.14
alt-J, Paris, 24.02.13
alt-J, Köln, 22.02.13
alt-J, Paris, 20.07.12
alt-J, Köln, 04.03.12 

Montag, 13. Oktober 2014

Alt-J, Berlin, 01.10.2014

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Konzert: Alt-J
Ort: Berlin Lido
Datum: 01.10.2014
Dauer: 80 Min.
Zuschauer: ca. 300



Bekanntschaft machte ich mit Alt-J das erste Mal im kleinen Comet Club - als Vorband von Big Deal - vor vielleicht 30 Zuschauern. Dass diese Band kurze Zeit später im Handumdrehen das Astra ausverkaufen würde, ist für mich zu diesem Zeitpunkt kaum vorstellbar gewesen. Und so stehe ich zwei Jahre und ein Album später im Berliner Lido und bin Gast einer exklusiven Show. Um die Exklusivität noch weiter zu steigern, konnte man für dieses Event nur Gästelistenplätze gewinnen. Und so befand ich mich in der typischen Gesellschaft bei solchen Events: Euphorische Fans gepaart mit Leuten die bei der Lotterie einfach mal mitgemacht haben. 


Nur sehr selten bin ich bei Konzerten schon im Vorfeld so aufgeregt wie ich es bei Alt-J an diesem Abend war. Ihre Musik lief bei mir in den vergangenen Wochen rauf und runter - was vielleicht am ehesten vergleichbar mit meiner Depeche Mode Phase wäre - nur liegt diese schon Ewigkeiten zurück. 
Und so bin ich überglücklich, als Alt-J die Bühne betreten und mit Hunger Of The Pine den Abend gefühlvoll beginnen lassen. Sofort erliege ich dem Charme ihrer vielschichtigen Musik. Im rotgelben Halbdunkel kann man die Band kaum erkennen. Weiter geht es mit dem dynamischeren Fitzpleasure und Something Good. Die wenige Konversation mit dem Publikum, überlässt die Band, wie üblich, Gus Unger-Hamilton. Mich persönlich würde es auch eher verwundern, wenn die Band durch große Worte oder Gesten das Publikum „anheizen“ würde. Und so bleiben Alt-J sich treu und für mich authentisch. Und authentisch ist auch ihr eher statisches Auftreten. 

Bis auf Thom Green, der sich am Schlagzeug von Beginn an verausgabt, verharrt die Band an ihren Positionen. Mit Matilda folgt eines meiner Lieblingslieder ihrer ersten Platte gefolgt von Bloodflood Pt 1+2, die so wunderschön ineinander übergehen. Und so sauge ich jeden Ton in mich auf, als wäre ich musikalisch fast verdurstet und achte gar nicht mehr auf all die weltlichen Dinge - und sei es nur meine Jacke ausziehen in dem sich immer weiter aufheizendem Lido. 

Um mich herum schaue ich in selige Gesichter. Do not spray into eyes, I have sprayed you into my eyes ruft die Menge zu Taro. Gänsehaut macht sich auf meinem Rücken breiter und breiter. Mit The Gospel Of John Hurt endet das reguläre Set und wird nach großen Applaus mit dem Cover Lovely Day fortgesetzt. Nara und Leaving Nara folgen, um dann mit allen im Finale zu Breezleblock lautstark Please don't go, please don't go I love you so, I love you so zu rufen. 

Es ist erst Anfang Oktober und vielleicht verfrüht ein Konzert des Jahres festzulegen - aber bei Alt-J kann ich das ruhigen Gewissens tun, denn dieses Konzert wird dieses Jahr definitiv nicht mehr übertroffen werden können. Die Musik von Alt-J berührt mich nicht nur auf Vinyl. Es gelang ihnen ihre komplexen und sehr unterschiedlichen Musikstile mit ihrer sympathischen Authentizität und dennoch Professionalität so vorzutragen, dass ich immer wieder Gänsehaut bekam. Stimmlich bewegend und rhythmisch exzellent untermalt. 
Alt-J sind nicht diese typischen Modepüppchen, die mit viel zu viel Eyeliner ihren Weltschmerz daherheucheln. Alt-J sind für mich die Jungs, die man auf dem Schulhof beieinander stehen sah, ein wenig pummlig, mit Brille, unförmigen Klamotten und vielleicht auch ein wenig schüchtern. Und warum soll man die Bühnen nur lauter optischen Retorten überlassen, die in einer Gleichförmigkeit bei mir oft nur Langeweile auslösen. 
Wer sich selbst ein Bild von Alt-J machen möchte, der bekommt Anfang 2015 Gelegenheit dazu. In Offenbach, Köln, Hamburg, Berlin und München machen sie dafür Station.

Setlist:

Hunger Of The Pine
Fitzpleasure
Something Good
Left Hand Free
Dissolve Me
Matilda
Bloodflood
Bloodflood Pt. 2
Interlude I (SheSheShe)
Tessellate
Every Other Freckle
Taro
Warm Foothills
The Gospel Of John Hurt
-
Lovely Day
Nara
Leaving Nara
Breezeblocks


Donnerstag, 28. Februar 2013

Alt-J, Paris, 24.02.13

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Konzert: Alt-J (Stealing Sheep)
Ort: Le Trianon, Paris
Datum: 24.02.2013 
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: nur 50 Minuten


Schon ein krass seltsames Gefühl, bei einem Konzert neben verpickelten sechzehnjährigen Mädchen mit strähnigen Haare zu stehen. Zu sehen, wie sie die Texte mitsingen, Händchen halten und gemeinsam den Sänger auf der Bühne anhimmeln, schlechte Photos mit ihren kleinen Kameras oder Handys von ihm schießen. Eine schlimme Phase, diese Pubertät bei den Mädels und eigentlich hatte ich keinerlei Absicht, hautnah mitzuerleben, wie sich so etwas äußert.

Aber das Publikum, zumindest in meiner Ecke, bestand nun einmal zum Hauptteil aus diesen schmachtenden Girlies, denen sogar der Ticketpreis von 30 Euro nicht zu hoch war. Papi zahlt ja. Ob ich meine nichtvorhandene Tochter auch zu einem Konzert von Alt-J lassen würde? Sicherlich. Die Burschen in der Band sehen so brav und pflegeleicht aus, daß sie keinen schlechten Einfluss ausüben dürften. Sie rauchen nicht, sie trinken nicht, sie schreien nicht rum. Total harmlos. Zu Pete Doherty dürfte meine Tochter nicht, aber Alt-J ist okay, da passiert nix.

Und die Musik ist ja ohnehin schon einmal gar nicht so übel. Da dachte ich immer, daß pubertierende Mädchen nur Justin Timberlake und Beyonce hören und dann gehen sie doch tatsächlich zu Alt-J. Wann gab es so etwas überhaupt schon einmal? Dass Musikkritiker und heranwachsende Mädels einer Meinung waren?

Aber wie war jetzt das Konzert? Konnte es die hohen Erwartungen, die durch die lobpreisenden Artikel und die vielen Auszeichnugen entstanden sind, erfüllen? Jein.


In musikalischer Hinsicht war das eine tadellose Leistung. Die vier Jungspunde bekamen die Platte sehr detailgetreu umgesetzt. Die Hits wie Tessellate, Matilda oder Breezeblocks klangen live fast noch toller als auf der äußerst gelungenen CD An Awesome Wave, aber ansonsten kam leider nicht viel rüber. Vor allem der total ruhige Sänger Joe Newman war der Problembär. Er machte während des gesamten Konzertes keine einzige Ansage und überließ das Reden ausschließlich dem nerdigen Keyboarder mit Basecap, der sogar des Französischen mächtig war. Newman ging so vorsichtig und schüchtern zu Werke, als wolle er niemanden stören. Nie griff er mal beherzt in die Saiten seiner Gitarre und ganz selten bewegte er sich mehr als nötig. Stattdessen sang er traumversunken in sein Mikro und spulte die Songs des Albums ab. Emotionen Fehlanzeige.


Allerdings reichte ein Blick auf den blonden Bassisten, um sich bewußt zu werden, wie unglaublich jung diese Senkrechtstarter aus Leeds noch sind. Den Kerl hätte ich nicht älter als sechzehn geschätzt und auch der Drummer schien noch nicht volljährig. Der Erfolg kam für sie wahnsinnig früh und wahnsinnig schnell und so ist es auch kein Wunder, daß sie erst einmal in ihren Starstatus reinwachsen müssen. Geben wir ihnen die Zeit, sich auch auf der Bühne zu entwickeln und Sicherheit und Selbstvertrauen zu gewinnen. Songtechnisch sind sie definitiv ein großer Gewinn für die Musikszene. Ihre Chorgesänge sind wundervoll, die Melodien herrlich und ihr minimalistischer Ansatz sehr lobenswert. Sie sind viel viel besser als andere junge britische Bands, die in den letzten 10 Jahren gekommen und (oft sehr schnell) gegangen sind.

Ich jedenfall bleibe bei Alt-J am Ball und traue ihn durchaus zu, in den nächsten Jahren packende Konzerte abzuliefern, die auf der Höhe ihres Studiowerks sind.

Setlist:

01: Intro
02: (Ripe & Ruin)
03: Tessellate 
04: Something Good
05: Buffalo
06: Dissolve Me
07: Fitzpleasure
08: Matilda
09: (Guitar)
10: Bloodflood
11: Ms
12: Breezeblocks

13: Handmade
14: Taro



Freitag, 22. Februar 2013

Alt-J, Köln, 22.02.13

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Konzert: Alt-J
Ort: E-Werk, Köln
Datum: 22.02.2013
Zuschauer: 2.000 (ausverkauft)
Dauer: Alt-J 50 min, Stealing Sheep, 27 min



Alt-J und ich hatten einen schlechten Start. Das kommt vor, kann aber oft korrigiert werden. "Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance", ist zwar eine häufig benutzte Weisheit, sie ist aber unsinnig. Ich hasse solche dämlichen Kalender-Sprüche (übel ist auch "man sieht sich im Leben immer zweimal!"). Natürlich kann man erste Eindrücke korrigieren - ich hatte mir das heute fest vorgenommen.

Mein erstes Date mit Alt-J war wenig spektakulär. 18 Minuten spielten die Nordengländer im vergangenen März als Vorgruppe der zauberhaften Big Deal im Studio 672 in Köln. Ich fand das ganz kurzweilig, war aber sicher, daß mich die vertrackte Musik auf Konzertdauer nerven würde. In Haldern im August waren die Engländer schon so groß, daß sie jeder sehen wollte, mir war es nicht so wichtig, ich habe sie ausgelassen. Mittlerweile verkaufen sie Hallen von der Größe des E-Werks aus, haben den Mercury-Preis gewonnen und werden überall gefeiert. Warum also nicht wieder mal gucken, ob das noch was wird zwischen uns beiden.

Viel falsch machen konnte ich eh nicht, zum einen waren die Tickets für den Hype günstig, vor allem aber gab es eine Vorgruppe, die mich sehr interessiert, seit ich sie vor einigen Wochen in der Kölner Wohngemeinschaft verpasst hatte. 

Eigentlich ist die restliche Geschichte schnell erzählt: Stealing Sheep aus Liverpool gingen auf der eindrucksvoll-großen Bühne verloren. Ihr Hippie-Pop der in kleinen Clubs sicher wundervoll funktioniert, verpuffte ohne jede Wirkung! Wie wahnsinnig doch Mitte der Woche The Joy Formidable als Support von Bloc Party auf der gleichen Bühne waren! Und auch die Waliser waren nur zu dritt.

Alt-J waren selbstverständlich viel präsenter - und sie kamen hervorragend an! Die Liveversionen der Lieder des Debütalbums taugen auch eine ganze Menge, bei mir bleibt davon aber nichts haften. Entgegen meines häufigen Kokettierens mag ich durchaus komplexe, nerdhafte Musik. Es gibt zahllose Beispiele solcher Bands, die ich liebe. Aus einigen von denen könnte Alt-J zusammengesetzt sein. Wenn Foals, Radiohead, Yeasayer, Clap Your Hands Say Yeah eine gemeinsame Single für einen guten Zweck schreiben wollten, käme vermutlich etwas raus, das nicht weit von Alt-J entfernt ist. All diese Bands mag ich, Alt-J ist zweifelslos eine sehr gute Gruppe mit einer sehr guten Platte. Aber mich hat das nicht bewegt. 

Naja, eigentlich könnte ich es dabei belassen, ich will aber trotzdem noch etwas ausholen. Dann auch mit den beiden Setlisten. Nachher dann!


Dienstag, 24. Juli 2012

Festival Fnac live, Paris 20, 21, 22.07.12

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Konzert: Festival Fnac live, mit Liz Green, Liza Manili, Alt-J, Balthazar, Mina Tindle u.v.a.

Ort: Parvis de l'Hôtel de Ville, Paris
Daten: 20, 21, 22.07.12
Zuschauer: ingesamt 75.000


Ich erzähle sicherlich nichts Überraschendes, wenn ich sage, daß große Massenfestivals wie das Gratis-Festival Fnac live in Paris eigentlich nichts für mich sind.

Allerdings hatten die Veranstalter zumindest auch ein wenig an uns Indienerds gedacht und uns ein paar schöne Namen beschert. Da ließen sich auch einige regelmäßige Klubkonzertbesucher nicht lange bitten und mischten sich unter das musikunwissende Volk.


Vier Tage lang steppte bei endlich gutem Wetter vor dem herrlichen Rathaus von Paris der Bär, gaben sich französische und internationale Künstler die Klinke, nein, die Mikros in die Hand.


Den ersten Tag am Donnerstag hatte ich komplett gestrichen, interessiert hätten mich da eh nur François and The Atlas Mountains. Am zweiten Tag, sah ich als Erstes Mina Tindle, die unseren Lesern hier schon seit Jahren wohlbekannt ist. Ihr Siegeszug in Frankreich setzt sich fort und im November wird sie die 1000 er Location Le Trianon bespielen, was wirklich famos ist. Aber auch deutsche Fans können sie in diesem Jahr noch sehen und zwar am 8. August im Hafensommer in Würzburg und 10. August auf der Sommerbühne in Detmold. Beim Fnac live spielten Mina und ihre beiden Mitstreiter Olivier und Guillaume ein stark verkürztes Set in dem so hübsche Stücke wie Sister (sehr beschwingt) Pan (melancholisch und auf französisch gesungen), To Carry Many Small Things (der Hit!) Lovely Day (der samtweiche Closer) ihren Platz hatten. Trotz unzähliger Konzerttermine in den letzten Wochen und Monaten wirkten die drei Musiker frisch und spielfreudig, lachten viel und spielten wie aus einem Guß. Das viele Training hat dazu geführt, daß allles prima flutschte und inzwischen sind sie auch in der Lage, ein solch großes Geläde wie hier zu beschallen, in dem sie das Songmaterial druckvoller spielen.


Ich bin jedenfalls sicher, daß der rasante Aufstieg der Mina Tindle noch nicht zu Ende ist. Bereits vor vier Jahren hatte ich ihr eine rosige Zukunft attestiert und recht behalten (freu' dich Oliver!).


Nach den Franzosen dann Belgier auf der Bühne. Balthazar nennen sie sich und spielen frischen, melodieverliebten und druckvollen Indierock/Pop. Das klang zwar nicht weltbewegend neu, war aber so tight, daß viele voll mitgingen. Im Grunde genommen hätte das jetzt auch eine amerikanische (z.B. Eels oder Beck) oder englische Band (z.B. Franz Ferdinand oder die Arctic Monkeys) sein können, ihre belgische Herkunft merkte man ihnen jedenfalls nicht an. Die vier Jungs und das eine fesche Mädel (Patricia) an der Geige spielten sich schnell in die Herzen der Pariser und jagten nur so durch ihr knackiges Set. Am Besten gefiel mir, daß die Geigerin ihr Instrument am Ende wie eine Gitarre behandelte und ohne Geigenbogen einfach mit den Fingern durch die Saiten strich. Aber nicht nur das, die Songs an sich waren auch sehr ansprechend. Ein Aufmerker!


Am nächsten Festivaltag interessierten mich zwei Namen. Alt-J (∆) und Dominique A. Letztgenannten habe ich aber verpasst, weil ich in einem Straßencafé in netter Begleitung Bier trinken war und in diesem Moment an ganz andere Dinge als ein Festival dachte. Alt-J ∆ hatte ich aber komplett gesehen. Wobei komplett heißt: dreißig Minuten, länger war ihr Set leider nicht. Musikalisch irgendwo zwischen der Beta Band, Django Django und Tunng angesiedelt, spulten die Jungs aus Leeds ihren rhythmischen Elektro-Folk mit düsterer Note ab und wussten mich vor allem mit dem wundervollen Stück Mathilda auf ihre Seite zu ziehen. Insgesamt gefiel vor allem die Unaufgeregtheit, das angenehm Unaffektierte der Songs, die aus vielen Puzzelteilen zusammengestellt waren und ihre wahre Größe sicherlich in einem Indie-Club entfalten. Cleverer Indie Pop mit vielen kleinen schönen Melodien und einem Sänger mit markanter Stimme, die mich mit ihrem leicht bluesigen Einschlag an Timber Timbre erinnerte. Ob Alt-J nun wirklich eine Sensation sind, mag ich freilich nach diesem kurzen Auftritt noch nicht zu sagen. Dranbleiben, abwarten und Tee trinken (und vielleicht ihr Album An Awesome Wave, von dem natürlich die meisten Stücke stammten, öfter mal hören).

Blieb der Sonntag, der letzte Tag des Fnac live Festivals. Es war heiß geworden in Paris, die Fahrer der Tour de France waren heute durch die Ziellinie an den Champs- Elysées geschossen und mit der Britin Liz Green stammte auch eine Künstlerin aus dem Land des Tour de France Siegers Bradley Wiggins, dem Green (wohl zu Scherzen aufgelegt) ein Lied widmete. Vor Liz ging aber noch Liza an den Start und zwar genauer gesagt Liza Manili aus Frankreich. Die hübsche Schauspielerin und Sängerin sorgte auch heute wieder für gute Laune mit ihrem Retro-Pop der teilweise in Richtung New Wave geht. Neben ihrem auffällig gemusterten Kleid und den grasgrünen Pumps sorgte der Überhit Le Petit Train für die größte Aufmerksamkeit, aber darüber hab ich mich ja schon in der Vergangenheit detailliert ausgelassen, insofern verweise ich auf meine alten Berichte.


Und dann endlich Liz Green und ihre Band. Ich hatte mir nach dem nur 20 minütigen Auftritt von Liza Manili Sorgen gemacht, daß auch der Gig von Miss Green verdammt kurz werden würde, wurde aber mit einem 40-45 minütigen Set positiv überrascht. Liz erschien mit grünem Tirolerhütchen und einem strahlenden Lächeln, das wohl auch dem sonnigen Wetter in Paris geschuldet war. In England habe es 6 Monate in Folge geregnet, berichtete die Britin und meinte schulterzuckend, daß sie jetzt dummerweise keinen sonnigen Song im Programm habe, der zu den Pariser Temperaturen passe. Aber egal. Denn schließlich entpuppten sich die tragisch- komischen Melancholienummern der Liz Green zu einer spannenden Sommermusik. Anstatt die Stück wie am Anfang ihrer Karriere üblich, in dunklen Spelunken oder Jazzcafés geboten zu bekommen, entwickelten Klassiker wie Bad Medecine und der Displacement Song auf dem sonnenüberfluteten Festivalgelände ihren ganz besonderen Reiz. Zwei Lieder schossen mir an diesem Tag die Lampen aus. Das war zum einen Louis. Hierbei dreht es sich um eine Mann in Mexiko, der seit 20 Jahren keine einzige Beerdigung in seiner Heimstastadt verpasst hat. Ist doch verrückt, oder? Ein Lied mit einem bedrohlichen Gitarrenintro, aber einer Passage mit einem lieblicheren Refrain: "I think we are better off here." Die Band spielte hierbei ihren Part perfekt, Saxofon und Kontrabass unterstrichen immer mal wieder die von der Akustikgitarre getragenen Erzählstränge und sorgten für noch mehr Dramatik und Gänsehaut.

Und zum anderen mein schon oft zitierter Liebling The Quiet, bei dem mich Liz Green an Antony and The Johnsons und seine herzergreifenden Ballade Hope There Is Someone erinnerte. Das Lied war wie immer wahnsinnig emotional und erstaunlicherweise blieb selbst das feierfreudige Festivalvolk, das Liz Green zum Großteil nicht kannte, bei ein paar stillen und sehr bewegenden Momenten ruhig und hörte gespannt zu. Mein Herz pochte wie verrückt und ich merkte wie eine kleine Träne höher und höher stieg. Dann aber war das Lied vorbei und Liz und ihre Band lachten in den Pausen immer so laut, daß man plötzlich von traurig zu heiter überging, nur um kurze Zeit später den Schalter wieder auf traurig zu stellen.

Auch zwei neue Lieder gab es, darunter das herrvorragende Penelope und ein Lied, das einen engen Zusammenhang zu der Beerdigung ihres Onkels hatte, der riesiger Fan von Tina Turner und Kylie Minogue war, wie Liz augenzwinkernd erzählte.


Nach diesem erneut hervorragenden Konzert von Green ging es mit Ewert and The Two Dragons aus Estland weiter. Eine ganz erstaunliche Band, die mit einem flotten Glockenspielpart das erste Lied In The End There's Only Love begann. Die Stimme des Sängers gefiel mir auf Anhieb, sie erinnerte mich an Paul McCartney, den Badly Drawn Boy, aber auch The Tallest Man On Earth, hatte ein warmes und melancholisches Timbre. Der Sound klang erfreulich fein, sehr rhythmisch und temporeich, war aber immer mit der typisch slawischen Schwermut überzogen. Eine Schwermut, die aber nie deprimierend war, sondern immer wieder die Sonne durchs Fenster blicken ließ und teilweise auch weitestgehend aufgehoben wurde, um in einen schwungvollen Schunkelrhtyhmus zu driften, der einen fast euphorisch stimmte. Genau wie Loney Dear verstanden es die Esten, Freude und Leid quasi zeitgelich in ihren absolut wundervollen Liedern zu vertonen. Und dann immer wieder diese feinperlende Melodien, hach Mensch wie großartig! Von Lied zu Lied verliebte ich mich mehr in dieser Gruppe, die obendrein noch wahnsinnig sympatisch rüberkam.

Eine spekatukläre Szne gab es, als bei einem Lied gleich drei Bandmitglieder trommelten, aber das war keine Effektheischerei, sondern lediglich eine schöne Abwechslung, die auch optisch was hermachte.


Noch besser war aber, daß ich hinter mir drei semmelblonde Lettinen bemerkte, die stolz die Landesfahne im Wind wedeln ließen und zu Sailor Man aus voller Kehle mitsangen

Ich könnte jetzt noch stundenlang weiterschwärmen, hebe mir aber noch ein paar Komplimente für die Haldern-Berichterstattung auf. Da werden Ewert and The Two Dragons in der kleinen Haldern Pop Bar spielen und da bin ich definitiv dabei!

Setlist Liz Green, Festival Fnac live, Paris

01: Midnight Blues
02: Louis
03: Displacement Song
04: neu
05: The Quiet
06: Penelope
07: Bad Medecine



Montag, 5. März 2012

Big Deal, Köln, 04.03.12

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Konzert: Big Deal
Ort: Studio 672, Köln
Datum: 04.03.2012
Zuschauer: 39 (nicht ausverkauft)
Dauer: Big Deal knapp 40 min, Alt-J 18 (!) min


Ende des Jahres benannten deutsche Blogger* ihre liebsten Bands, Konzerte, Videos, Lieder und Newcomer des Jahres. Damals kannte ich Big Deal noch nicht, ansonsten wäre das anglo-amerikanische Duo in meiner Liste sicher weit oben gewesen!

Big Deal sind die Engländerin Alice Costelloe und der Amerikaner Kacey Underwood - und zwei Gitarren. Ihre Platte Lights out gehört aktuell zu meinen großen Lieblingen, obwohl sie sicher nichts aufregend Neues enthält und nur spärliche Instrumentierung noch kein Qualitätsmerkmal alleine ist. Wie die beiden ihre wenigen Mittel einsetzen, die beiden Gitarren und ihre fabelhaft passenden Stimmen, macht großen Spaß! Dazu enthält die Platte großartige Melodien und wird damit zu einem echten Knüller.

Heute abend waren Big Deal in Köln, die erste Station einer Mini-Deutschlandtour, die morgen in Berlin schon wieder endet.

So kurz wie die Tour war auch das Konzert. Die knappen vierzig Minuten reichten mir allerdings dafür aus, mein Urteil über die Platte bestätigt zu sehen. Big Deal sind wundervoll und machen ihrem Namen alle Ehre.

Zu Beginn des Abends standen noch wahnsinnig viele Instrumente auf der Bühne des Studio 672: Gitarren, Bass, Schlagzeug, Keyboards. All der Kram wurde für Alt-J aus Leeds aufgebaut, die ganze 18 Minuten spielten. Alt-Js Musik ist schwer zu beschreiben, weil sie ein Sammelsurium aus allerlei (zum Teil sehr spannender) Elemente ist. Mal sangen der Gitarrist und der Keyboarder im Stile der Futureheads kurze Passagen, die nach Stimmsamples klangen, dazu kamen immer wieder Brüche in den Melodien, ein (tolles) Schlagzeug, das ganz eigene Lieder spielte, dann fies hoher Gesang. Auf echte Konzertdauer hätten mich Alt-J sicher extrem genervt, kurz allerdings war es eher spannend als fies. Das beste Stück war das dritte, das sehr laut und schnell war.

Nach Alt-J wurde alles leergeräumt und zwei Gitarren und zwei Verstärker auf die Bühne gebracht. Allerdings konnten Alice und Kacey noch nicht direkt anfangen, weil Kaceys Gitarreneffekte streikten. Nach ein paar Minuten gab der Sänger kurz Entwarnung, im Laufe des Konzerts gab es aber offenbar immer wieder Probleme, den Fluß und den Spaß beeinreächtigte das aber nicht. In der Reparatur-Phase vor dem Beginn musste Alice plötzlich den Entertainment-Part übernehmen, was der offensichtlich extrem schüchternen Britin nicht liegt. Man sah ihr die Erleichterung an, als es endlich losgehen konnte.

Big Deal spielten neun Stücke von ihrem Album, darunter die Single Talk und die großen Hits Visions, Chair und (vor allem) With the world at my feet. Bei zwei Gitarren und zwei Stimmen zweier schüchterner Musiker ist die Möglichkeit einer großen Bühnenshow natürlich eingeschränkt. Sprich: es gab keine. Alice stand rechts, trug einen sackförmigen Pullover und bewegte nur die Hände. Ab und zu (viel zu selten) öffnete sie die Augen, mehr war da nicht. Aber das reichte vollkommen, es war perfekt! Kacey drehte sich immerhin ab und zu um, machte die wenigen Ansagen und bat den Soundmann regelmäßig, die Monitorsituation zu verbessern.

Wem eine Bühnenshow lebensnotwendig wichtig ist, wird das nicht gefallen. Mir ist das egal, und wenn das Ergebnis so fabelhafte Duette sind, umso mehr. Alices Stimme ist bei diesen Duetten die dominierende, aber nie alleine (dann fehlte auch der Pep!). Ach, dieses kurze Konzert hat mir wirklich viel Spaß gemacht, viel zu viel, um es jetzt hier theoretisch auseinander zu nehmen.

Liebe Berliner, lasst euch Big Deal nicht entgehen, selbst der Bandname sollte ja Hauptstadtansprüchen genügen!

Setlist Big Deal, Studio 672, Köln:

01: Chair
02: Seraphine
03: Cool like Kurt
04: Swoon
05: Homework
06: Visions
07: Locked up
08: With the world at my feet
09: Thirteen (Big Star Cover)
10: Talk

Links:

- Big Deal, Paris, 09.02.12


* ich (co-)betreibe zwar einen Blog, bezeichne mich aber nicht als Blogger



 

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