Konzert: Festival Fnac live, mit Liz Green, Liza Manili, Alt-J, Balthazar, Mina Tindle u.v.a. Ort: Parvis de l'Hôtel de Ville, Paris Daten: 20, 21, 22.07.12 Zuschauer: ingesamt 75.000
Ich erzähle sicherlich nichts Überraschendes, wenn ich sage, daß große Massenfestivals wie das Gratis-Festival Fnac live in Paris eigentlich nichts für mich sind.
Allerdings hatten die Veranstalter zumindest auch ein wenig an uns Indienerds gedacht und uns ein paar schöne Namen beschert. Da ließen sich auch einige regelmäßige Klubkonzertbesucher nicht lange bitten und mischten sich unter das musikunwissende Volk.
Vier Tage lang steppte bei endlich gutem Wetter vor dem herrlichen Rathaus von Paris der Bär, gaben sich französische und internationale Künstler die Klinke, nein, die Mikros in die Hand.
Den ersten Tag am Donnerstag hatte ich komplett gestrichen, interessiert hätten mich da eh nur François and The Atlas Mountains. Am zweiten Tag, sah ich als Erstes Mina Tindle, die unseren Lesern hier schon seit Jahren wohlbekannt ist. Ihr Siegeszug in Frankreich setzt sich fort und im November wird sie die 1000 er Location Le Trianon bespielen, was wirklich famos ist. Aber auch deutsche Fans können sie in diesem Jahr noch sehen und zwar am 8. August im Hafensommer in Würzburg und 10. August auf der Sommerbühne in Detmold. Beim Fnac live spielten Mina und ihre beiden Mitstreiter Olivier und Guillaume ein stark verkürztes Set in dem so hübsche Stücke wie Sister (sehr beschwingt) Pan (melancholisch und auf französisch gesungen), To Carry Many Small Things (der Hit!) Lovely Day (der samtweiche Closer) ihren Platz hatten. Trotz unzähliger Konzerttermine in den letzten Wochen und Monaten wirkten die drei Musiker frisch und spielfreudig, lachten viel und spielten wie aus einem Guß. Das viele Training hat dazu geführt, daß allles prima flutschte und inzwischen sind sie auch in der Lage, ein solch großes Geläde wie hier zu beschallen, in dem sie das Songmaterial druckvoller spielen.
Ich bin jedenfalls sicher, daß der rasante Aufstieg der Mina Tindle noch nicht zu Ende ist. Bereits vor vier Jahren hatte ich ihr eine rosige Zukunft attestiert und recht behalten (freu' dich Oliver!).
Nach den Franzosen dann Belgier auf der Bühne. Balthazar nennen sie sich und spielen frischen, melodieverliebten und druckvollen Indierock/Pop. Das klang zwar nicht weltbewegend neu, war aber so tight, daß viele voll mitgingen. Im Grunde genommen hätte das jetzt auch eine amerikanische (z.B. Eels oder Beck) oder englische Band (z.B. Franz Ferdinand oder die Arctic Monkeys) sein können, ihre belgische Herkunft merkte man ihnen jedenfalls nicht an. Die vier Jungs und das eine fesche Mädel (Patricia) an der Geige spielten sich schnell in die Herzen der Pariser und jagten nur so durch ihr knackiges Set. Am Besten gefiel mir, daß die Geigerin ihr Instrument am Ende wie eine Gitarre behandelte und ohne Geigenbogen einfach mit den Fingern durch die Saiten strich. Aber nicht nur das, die Songs an sich waren auch sehr ansprechend. Ein Aufmerker!
Am nächsten Festivaltag interessierten mich zwei Namen. Alt-J (∆) und Dominique A. Letztgenannten habe ich aber verpasst, weil ich in einem Straßencafé in netter Begleitung Bier trinken war und in diesem Moment an ganz andere Dinge als ein Festival dachte. Alt-J ∆ hatte ich aber komplett gesehen. Wobei komplett heißt: dreißig Minuten, länger war ihr Set leider nicht. Musikalisch irgendwo zwischen der Beta Band, Django Django und Tunng angesiedelt, spulten die Jungs aus Leeds ihren rhythmischen Elektro-Folk mit düsterer Note ab und wussten mich vor allem mit dem wundervollen Stück Mathilda auf ihre Seite zu ziehen. Insgesamt gefiel vor allem die Unaufgeregtheit, das angenehm Unaffektierte der Songs, die aus vielen Puzzelteilen zusammengestellt waren und ihre wahre Größe sicherlich in einem Indie-Club entfalten. Cleverer Indie Pop mit vielen kleinen schönen Melodien und einem Sänger mit markanter Stimme, die mich mit ihrem leicht bluesigen Einschlag an Timber Timbre erinnerte. Ob Alt-J nun wirklich eine Sensation sind, mag ich freilich nach diesem kurzen Auftritt noch nicht zu sagen. Dranbleiben, abwarten und Tee trinken (und vielleicht ihr Album An Awesome Wave, von dem natürlich die meisten Stücke stammten, öfter mal hören).
Blieb der Sonntag, der letzte Tag des Fnac live Festivals. Es war heiß geworden in Paris, die Fahrer der Tour de France waren heute durch die Ziellinie an den Champs- Elysées geschossen und mit der Britin Liz Green stammte auch eine Künstlerin aus dem Land des Tour de France Siegers Bradley Wiggins, dem Green (wohl zu Scherzen aufgelegt) ein Lied widmete. Vor Liz ging aber noch Liza an den Start und zwar genauer gesagt Liza Manili aus Frankreich. Die hübsche Schauspielerin und Sängerin sorgte auch heute wieder für gute Laune mit ihrem Retro-Pop der teilweise in Richtung New Wave geht. Neben ihrem auffällig gemusterten Kleid und den grasgrünen Pumps sorgte der Überhit Le Petit Train für die größte Aufmerksamkeit, aber darüber hab ich mich ja schon in der Vergangenheit detailliert ausgelassen, insofern verweise ich auf meine alten Berichte.
Und dann endlich Liz Green und ihre Band. Ich hatte mir nach dem nur 20 minütigen Auftritt von Liza Manili Sorgen gemacht, daß auch der Gig von Miss Green verdammt kurz werden würde, wurde aber mit einem 40-45 minütigen Set positiv überrascht. Liz erschien mit grünem Tirolerhütchen und einem strahlenden Lächeln, das wohl auch dem sonnigen Wetter in Paris geschuldet war. In England habe es 6 Monate in Folge geregnet, berichtete die Britin und meinte schulterzuckend, daß sie jetzt dummerweise keinen sonnigen Song im Programm habe, der zu den Pariser Temperaturen passe. Aber egal. Denn schließlich entpuppten sich die tragisch- komischen Melancholienummern der Liz Green zu einer spannenden Sommermusik. Anstatt die Stück wie am Anfang ihrer Karriere üblich, in dunklen Spelunken oder Jazzcafés geboten zu bekommen, entwickelten Klassiker wie Bad Medecine und der Displacement Song auf dem sonnenüberfluteten Festivalgelände ihren ganz besonderen Reiz. Zwei Lieder schossen mir an diesem Tag die Lampen aus. Das war zum einen Louis. Hierbei dreht es sich um eine Mann in Mexiko, der seit 20 Jahren keine einzige Beerdigung in seiner Heimstastadt verpasst hat. Ist doch verrückt, oder? Ein Lied mit einem bedrohlichen Gitarrenintro, aber einer Passage mit einem lieblicheren Refrain: "I think we are better off here." Die Band spielte hierbei ihren Part perfekt, Saxofon und Kontrabass unterstrichen immer mal wieder die von der Akustikgitarre getragenen Erzählstränge und sorgten für noch mehr Dramatik und Gänsehaut.
Und zum anderen mein schon oft zitierter Liebling The Quiet, bei dem mich Liz Green an Antony and The Johnsons und seine herzergreifenden Ballade Hope There Is Someone erinnerte. Das Lied war wie immer wahnsinnig emotional und erstaunlicherweise blieb selbst das feierfreudige Festivalvolk, das Liz Green zum Großteil nicht kannte, bei ein paar stillen und sehr bewegenden Momenten ruhig und hörte gespannt zu. Mein Herz pochte wie verrückt und ich merkte wie eine kleine Träne höher und höher stieg. Dann aber war das Lied vorbei und Liz und ihre Band lachten in den Pausen immer so laut, daß man plötzlich von traurig zu heiter überging, nur um kurze Zeit später den Schalter wieder auf traurig zu stellen.
Auch zwei neue Lieder gab es, darunter das herrvorragende Penelope und ein Lied, das einen engen Zusammenhang zu der Beerdigung ihres Onkels hatte, der riesiger Fan von Tina Turner und Kylie Minogue war, wie Liz augenzwinkernd erzählte.
Nach diesem erneut hervorragenden Konzert von Green ging es mit Ewert and The Two Dragons aus Estland weiter. Eine ganz erstaunliche Band, die mit einem flotten Glockenspielpart das erste Lied In The End There's Only Love begann. Die Stimme des Sängers gefiel mir auf Anhieb, sie erinnerte mich an Paul McCartney, den Badly Drawn Boy, aber auch The Tallest Man On Earth, hatte ein warmes und melancholisches Timbre. Der Sound klang erfreulich fein, sehr rhythmisch und temporeich, war aber immer mit der typisch slawischen Schwermut überzogen. Eine Schwermut, die aber nie deprimierend war, sondern immer wieder die Sonne durchs Fenster blicken ließ und teilweise auch weitestgehend aufgehoben wurde, um in einen schwungvollen Schunkelrhtyhmus zu driften, der einen fast euphorisch stimmte. Genau wie Loney Dear verstanden es die Esten, Freude und Leid quasi zeitgelich in ihren absolut wundervollen Liedern zu vertonen. Und dann immer wieder diese feinperlende Melodien, hach Mensch wie großartig! Von Lied zu Lied verliebte ich mich mehr in dieser Gruppe, die obendrein noch wahnsinnig sympatisch rüberkam.
Eine spekatukläre Szne gab es, als bei einem Lied gleich drei Bandmitglieder trommelten, aber das war keine Effektheischerei, sondern lediglich eine schöne Abwechslung, die auch optisch was hermachte.
Noch besser war aber, daß ich hinter mir drei semmelblonde Lettinen bemerkte, die stolz die Landesfahne im Wind wedeln ließen und zu Sailor Man aus voller Kehle mitsangen
Ich könnte jetzt noch stundenlang weiterschwärmen, hebe mir aber noch ein paar Komplimente für die Haldern-Berichterstattung auf. Da werden Ewert and The Two Dragons in der kleinen Haldern Pop Bar spielen und da bin ich definitiv dabei!
Setlist Liz Green, Festival Fnac live, Paris
01: Midnight Blues 02: Louis 03: Displacement Song 04: neu 05: The Quiet 06: Penelope 07: Bad Medecine
Konzert: Liz Green (+ Amy Musser) Ort: Le Café de la Danse, Paris Datum: 26.04.12 Zuschauer: etwa 300
Was stand nicht an diesem 26. April in Paris alles auf dem Programm! Die Great Lake Swimmers spielten im Petit Bain, Tara Jane O'Neil und Mirah in der Gaité Lyrique, die Lemonheads in der Maroquinerie, The Rapture im Olympia, Jonathan Morali (Syd Matters) Im Musée d'Art Moderne. So viele gute Künstler, die ich sehr mag, alle am gleichen Abend, verrückt!
Ich entschied mich doch erneut für die Britin Liz Green und hinterher bereute ich diese Entscheidung nicht im Geringsten. Eigentlich wollte ich ja für mich und unsere Leser für etwas Abwechslung sorgen, da wir Liz hier in den letzten Monaten gleich mehrfach hatten. Aber andererseits mag ich es auch, gesammelte Eindrücke zu vertiefen, alte und neue Auftritte des gleichen Künstlers miteinander zu vergleichen und zu sehen, wohin die Reise geht. Und da kann ich bei Miss Green ganz klar sagen, daß sie weiterhin entzückend anzusehen- und zu hören ist. Ist schon allein toll, daß sie trotz der erheblich gestiegenen Medienpräsenz immer noch so natürlich und liebenswürdig geblieben ist (mir wurde kürzlich zu Ohren getragen, daß ihr Label sie zu einer neuen Adele machen wollte, Gott bewahre!) und keinerlei Allüren zeigte, sondern viele Späßchen machte.
Und in musikalischer Hinischt kam ich heute in den Genuß etlicher neuer, unveröffentlichter Lieder, die Liz Green am Piano vortrug, so daß auch dahingehend keine Monotonie zu beklagen war. Etwas mehr Jazz und weniger Blues, so könnte man das neue Material stilistisch ungefähr einordnen, aber ihre wundervolle Grammofonstimme ist natürlich geblieben. Auch an der so verführerischen Melancholie hält sie fest und tut gut daran. Anzeichen von kommerziellem Jazzpop fürs Mainstream-Radio waren jedenfalls nicht auszumachen.
Ansonsten gab es aber natürlich viel Altbekanntes von dem vorzüglichen Album O, Devotion! für das sie gut und gerne 5 Jahre gebraucht hat. Die Lieder sind ja jetzt schon so was wie Klassiker. Midnight Blues, Bad Medecine oder Displacement Song, die Spatzen pfeifen sie von den Dächern und meine Katze swingt mit seinen Pfoten dazu.
Aber speziell zu Bad Medicine (heute wie immer mit der Liz Greenschen Mundtrompete vorgetragen) ist gerade erst vor Kurzem ein verblüffendes Zeichentrickvideo (die Technik heißt Stop Motion) mit Papierpüppchen enstanden, daß in einem Cowboy Saloon spielt und sehr blutig endet.
Beweis dafür, daß Miss Green auch etwas für visuelle Aspekte übrig hat, wie auch ihre wundervollen, handgestalteten Booklets eindrucksvoll zeigen.
Zurück zum Konzert. Das flutschte gut, schließlich ist die Band nach wochenlangem Touren (Liz witzelte darüber, daß sie das gleiche Hemd wie vor ein paar Monaten im Point Ephémère trage, da sie nicht die Zeit hatte, nach England zurückzukehren) nahezu perfekt eingespielt und beherrscht die Songs im Schlaf. Heute fehlte allerdings der rundliche Tubaspieler, aber Trombone, Schlagzeug Saxofon und Kontrabass gab es sehr wohl im Instrumentarium, was zu einer schummrigen Baratmosphäre der 20 er oder 30 er Jahre führte. Die Musiker verstanden sich auch gut untereinander, das wirkte alles sehr friedlich und harmonisch.
So verging dann die Zeit sehr schnell und da man im Café de la Danse pünktlich um 22 Uhr 30 schließen muss, wurde auch keine übermäßige Überziehung geduldet. Dennoch gab es noch 3 Zugaben. French Singer brachte die Frau aus Manchester allein deshalb, weil es so gut zu Paris passte, merkte aber an, daß die Albumversion auf dem Piano eingespielt worden sei, sie aber hier und heute das Ganze mit der Akustischen vortragen werde, wie es eigentlich ursprünglich war, bevor sie das Andre Sister Cover (angeblich ein beliebtes Lied bei Nazifeiern während des dritten Reiches, später aber wegen jüdischen Ursprungs gebannt) Bei mir bist du schön vortrug und mit dem sentimentalen Gallows endeute ("you always bring me down").
Bereits der Beginn des Konzerte wurde übrigens mit einem Cover, dem a'capella gesungenen Grinnin' in your Face von Son Housebestritten und kurz vorher hatte auch die Amerikanerin Amy Musser ihren Teil zum Gelingen des Abends beigetragen. Die in Paris lebende Singer/Songwriterin spielte mit ihrer eleganten Hauchstimme zarte Folkballaden, die perfekt zur Einstimmung waren und uns die Wartezeit auf Liz Green versüßten. Für die junge Chanteuse war es eines ihrer ersten Konzerte in Paris überhaupt und dannn gleich vor 300 Leuten! Trotzdem schaffte sie es ziemlich gut, ihre Nerven im Zaum zu halten und überraschte das Publikum sogar mit zwei französischen Liedern. In einem ging es um Champagner, ihrem Lieblingsgetränk wie sie schmunzelnd anmerkte und wer Frankreich kennt, weiß, daß wir es hier nicht mit einem Schickimicki- sondern (freilich kostspieligen) Volksgetränk zu tun haben, das Franzosen aller Kreise trinken.
Am besten gefiel mir mit der zartschmelzenden Ballade Hades aber trotzdem ein englischer Song , der von der träumerischen Stimmung her ein wenig an Marissa Nadler erinnerte und im Lofi Stil in ihrem Schlafzimmer aufgenommen wurde.
Ich denke von Amy Musser werden wir noch hören.
Insgesamt ein denkwürdiger Abend von dessen Ende ich gleich noch ein wenig berichten möchte...
Konzert: Liz Green Ort: West Germany, Berlin Datum: 13.03.2012 Zuschauer: nicht ausverkauft ca. 70 Konzertdauer: 100 Minuten
Von Markus aus Berlin
Würde ich ein Plattenlabel leiten, müssten sich alle meine handverlesenen Künstler verpflichten, zum Studioalbum kurze Zeit später auch ein Livealbum aufzunehmen...
Das West Germany, in welchem das „Geheim-Konzert“ von Liz Green stattfinden sollte, ist weder ausgeschildert noch besitzt es eine eigene Homepage. Auch kannte es niemand, den ich im Vorfeld darauf ansprach. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu der Anschrift zu begeben - in der Hoffnung vor Ort schlauer zu werden. Das West Germany liegt im Neuen Kreuzberger Zentrum - einer der übelsten Bausünden der 60er und 70er Jahre - direkt am Kottbusser Tor. Lange Zeit befand sich dort neben dem Bahnhof Zoo auch eine der größeren offenen Drogenszenen. Diese ist mittlerweile zwar fast verschwunden - die bedrückende Atmosphäre blieb aber bestehen. Umso skeptischer war ich, was das wohl für ein Konzertabend werden würde - der in so einem feindlichen Umfeld stattfinden soll.
Dieses „Geheim-Konzert“, wurde weder offiziell beworben noch gab es im Vorverkauf Karten dafür. Nur wenn man die offizielle Homepage von Liz Green oder ihre Facebookseite im Blick hatte, bekam man davon Kenntnis. Scheinbar war es auch nicht erwünscht, dass man zu diesem Konzert zufällig geriet. Nach einer längeren Suche nach dem West Germany, die mich auf Hinterhöfe, in ein Parkhaus und in eine Apotheke führte, wurde ich netterweise von einem Anwohner zum richtigen Ort gelotst. Ein schmuddeliges und dunkles Treppenhaus erwartete mich - durch das ich mir vertraute Klänge wahrnahm. Zwei Stockwerke später stand vor einer geöffneten Tür, durch welche ich einen vorsichtigen Blick wagte. Liz war noch mitten im Soundcheck. Erleichtert zu wissen, dass Liz Green da ist und ich den Ort gefunden habe, ging ich noch Einkaufen und Essen.
Kurz vor neun machte ich mich erneut auf den Weg durch das Treppenhaus. Dieses Mal saßen der Veranstalter sowie Liz Green mit ihrer Band an der Konzertkasse, die auch gleichzeitig Merchandising Stand war. Das West Germany selbst ist ein skurriler Ort, den man schlecht in Worte fassen kann - erst Recht nicht, wenn man Berlin nicht kennt. Wer das Glück hatte West-Berlin der 80er mit seinen illegalen Clubs sowie Ost-Berlin der 90er mitzuerleben, kann die Beschreibung am ehesten nachfühlen. Es wirkt wie eine abgerockte Neubauwohnung in der die Deckenverkleidung zum großen Teil fehlt - die Wände zum Teil rausgeschlagen wurden und in dem sich ein improvisierter Tresen und eine Chill-Out Ecke mit Campingstühlen befinden. Der Konzertraum selbst hat vielleicht 50qm - mit einer Bühne die aus umgedrehten Bierkisten mit Spanplatte oben drauf besteht. Dazu noch rotes und blaues Licht von der Decke, das die Bühne und die Räume in ein interessantes Licht bringen. Der Boden sowie die Wände sind größtenteils weiß gekachelt. Da ich mittlerweile solche Orte in Berlin nicht mehr gewöhnt bin, kaum ich aus dem Staunen und Entsetzen nicht heraus - und entschied mich dieses Gefühl direkt mit einem Bier aus der Flasche für angenehme zwei Euro zu feiern. Aus der Distanz betrachtet, wäre das West Germany der Ort, wo man am Wenigsten die Musik von Liz Green vermuten würde.
Liz Green war ein Teil des noch spärlichen Publikums. Sie saß entweder im Eingangsbereich oder setzte sich irgendwo für einen Plausch mit dazu. Auch ihre Bandmitglieder mischten sich ganz normal unter das Publikum. Ich glaube nicht, dass dieses nur aus der Not heraus geschah, dass es keinen Backstage-Bereich gab. Ich glaube es gehörte an diesem besonderen Abend einfach dazu.
Ich geriet recht schnell in einen kleinen Plausch mit dem späteren Saxophonisten von Liz Green, der sich den Künstlernamen Alabaster Deplume gab, wie er später sagte, hat er keine Ahnung, wie er zu diesem Namen kam. Er war auch gleichzeitig der Support von Liz Green. Um 21:30 ging er dann zur Bühne des mittlerweile schon volleren West Germany. Ja - wie soll man seinen Auftritt umschreiben - das gelingt nicht ohne auch ihn zu beschreiben. Ich musste oft an Shakespeare-Rezitieren denken, als ich ihn sah. Er durchmischte seine intelligent und schön gemachte Musik immer wieder mit Monologen bei denen er in diverse Rollen und Haltungen schlüpfte. Er spielt traurige Musik, um glücklich zu machen und vielleicht auch selbst zu werden, wie er selbst sagte. Liz Green saß bei seinem Auftritt wie selbstverständlich im Publikum auf dem gefliesten Boden und hörte ihrem Bandkollegen gespannt zu, applaudierte, lachte und erfreute sich wie auch der Rest des Raumes. Eine unheimlich sympathische Geste, die ich so nur sehr selten erlebt habe.
Ein sehr schöner Anfang, der mit viel Applaus bedacht worden ist. Zwischenzeitlich hat sich das West Germany weiter gefüllt - sodass es wohl an die 70-80 Zuhörer geworden sind.
Nach einer kurzen Pause kam dann Liz Green auf die Bühne. Anfangs noch alleine und nur von ihrer Gitarre begleitet. Das erste Stück noch akustisch. Es war ein sehr altes altes Lied „Blue Note“, dass sie für einen Mann namens Martin schrieb. Ein eher unromatischer Name, wie sie süffisant anmerkte. Das Publikum saß größtenteils auf dem Boden und lauschte gespannt, neugierig, mitgehend - was sich im ganzen Konzert über fortsetzte. Niemand war zufällig dort - alle wollten das Konzert (und Bier, Wein und/oder Zigaretten) genießen. Es folgten mit Dying Crapshooter´s Blues ein weiteres „Frühwerk“ von Liz Green. Mittlerweile hat sie, immer noch alleine auf der Bühne, zum Mikrofon gefunden. Sofort fällt der großartige Klang im improvisierten West Germany auf. Der oft übliche Dezibel-Krieg findet hier auf der Bühne nicht statt. Der ausgiebige Soundcheck hat sich gelohnt! Ab dem Midnight Blues kommen nun auch „Alabaster Deplume“ - bürgerlich genannt Gus Fairbairn am Tenor Saxophone sowie Sam Buckley am Kontrabass, die beide auch schon bei der Einspielung der neuen Platte mitgewirkt haben. Es folgt mit „Penelope“ - ein wunderschönes Lied, welches wohl auf dem neuen Album zu hören sein wird - welches selbstironisch wohl erst 2020 erscheinen wird. Dann folgen der schöne Midnight Blues. „The next song is about alcoholics - give me the wine“ - damit leitet sie das Lied „Rybka“ ein, dass sie einem polnischen Freund widmete, der nicht ahnt, dass es von Alkoholismus handelt. Das Zusammenspiel zwischen ihr und der Band funktioniert tadellos. Ihre Stimme, der Kontrabass und das Saxophon passen harmonisch zusammen. Gerade ein Saxophon kann auf mich schnell aufdringlich und nervig wirken - nicht so bei Gus. Er kann sich schön in die Musik von Liz einfinden. Das spürt das Publikum auch beim herzlichen Umgang der Band miteinander. Mit Hey Joe folgt mein persönlicher Favorit von Liz Green. Weder ihre Stimme noch die Band wirken tourmüde - und das obwohl sie quasi jeden Abend auf der Bühne stehen. Mittlerweile ist der Raum durchzogen mit Zigarettenqualm. Etwas, was mich normalerweise sehr stören würde, gehört zu diesem Abend. Gekonnt streicht Sam nun die Saiten seines Kontrabass - würde es doch immer so schön sein können, wie auf diesem Konzert. Ich bin verzückt und das nach gerade mal fünf Liedern. Ab „I, Dancing Bear“ - einem Birdengine-Cover wechselt Liz ans E-Piano. Es folgen zwei mir unbekannte Stücke - davon eines „Where The River Don´t Flow“. Es wird nun unter viel Gelächter die Geschichte von Onkel Roy, der direkt an der Autobahn lebte und sich zu seinem Tod wünschte, dass diese für einen Tag gesperrt werden würde und auf dessen Beerdigung „Simply The Best“ von Tina Turner gespielt wurde - einem seiner Lieblingslieder. Liz steht nicht einfach nur auf der Bühne, sie ist die Bühne selbst - sie unterhält das Publikum mit schönen Geschichten und Anekdoten, deren Wahrheitsgehalt keine besondere Rolle spielen. Es macht ihr sichtlich und für alle im Raum spürbar viel Freude zu unterhalten. Es schwingt trotz der oft traurigen und melancholischen Lieder eine Leichtigkeit im Raum mit. Sie schafft es Besinnlichkeit und Fröhlichkeit in Einklang zu bringen ohne dabei ins Lächerliche abzugleiten. Es fehlt an diesem Abend an nichts. Es hätte dieses Konzert an keinem schöneren und passenderen Ort stattfinden können - und auch das Publikum könnte kein besseres sein. Alle fühlen sich miteinander wohlig und das trotz oder gerade wegen des untypischen Ortes für diese Musik. The Quiet, Displacement Song, Bad Medicine und weitere Lieder folgen und werden als zweite Zugabe mit einem alten Pulp-Klassiker „Help The Aged“ abgeschlossen.
Schaut man ins Publikum, so sieht man in Gesichter, die so voller Verzückung und Staunen zur Bühne schauen, wie es auch Kinder können, wenn die Großmutter Märchen vorliest. Nicht, dass Liz Green eine „alte Schachtel“ sei - im Gegenteil. Sie versteht es einfach das Publikum mit ihren Liedern und Geschichten zu verzaubern. Dafür braucht es bei ihr nicht die großen Gesten, sondern es reicht schon ihr Blick - ihre tanzenden Augen sowie ihre ansteckende Fröhlichkeit. Sie braucht keine großen Lautsprecher, um gehört zu werden. Das schafft sie alleine durch ihre Ausstrahlung! Sie hat den Spagat geschafft mit Selbstironie zu spielen und trotzdessen nicht im Klamauk zu enden.Unvergessen und wunderschön ihre gekonnte „Mundtrompete“ bei „Bad Medicine“. Danke Liz - Du hast mich an diesem Abend glücklich gemacht. Danke Sam und Gus.
Die ausführliche Setlist werde ich nachreichen. Eine klein Anekdote: Liz Green hat eine dicke Kladde, in das sie mit der Hand vor jedem Konzert die Lieder aufschreibt, welche sie spielen möchte. Sie hält sich aber nur grob an diese List, sodass es nur ein grober Hinweis ist.
Konzert: Liz Green Ort: Le Point Ephémère, Paris Datum: 07.02.2012 Zuschauer: ausverkauft, also etwa 300
"Oh, there are so many of you, so many people!", wunderte sich die britische Folk/Blues-Sängerin Liz Green als sie ins weite Rund des Pariser Point Ephémère blickte. Die Aufsteigerin aus Manchester hatte es geschafft, den Laden restlos auszuverkaufen. Um die 300 Tickets wurden also abgesetzt. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, daß ich sie noch vor ein paar Monaten in dem winzigen Motel vor 10 Leuten gratis genießen durfte. Aber seitdem Pias das Talent unter seine Fittiche genommen hat, geht es endlich aufwärts für Liz Green. Dabei ist sie alles andere als eine klassische Newcomerin: " I finally released my first album. It took my four years!" In der Tat, das Herausbringen ihres Erstlings O, Devotion! war eine schwere Geburt. Nach zwei handgefertigen und streng limitierten EPs musste man sich als Fan lange gedulden, um endlich den ersten Longplayer in Händen halten zu dürfen. Nun ist er da und dazu passend geht Miss Green dieses Jahr ausgiebig auf Tour. In Paris zumindest ist aber das Ausverkaufen des Point Ephémere erst der Beginn ihres Aufstiegs, bereits am 26. April wird sie in dem wesentlich größeren Café de la Danse (Zuschauervermögen: 500 Platze) spielen. "This show tonight is gonna be better tan the one in April, I prefer smaller venues", ließ Liz diesbezüglich wissen und schickte kess hinterher: "Actually I would rather play in a cupboard. Ten times in a row!"
Und die intime Show im Point Ephémère war dann in der Tat sehr schön. Zum ersten Mal erlebte ich die Britin mit kompletter Band an Saxophon, Tuba, Posaune, Drums und Kontrabass und bekam so eine ziemliche CD-getreue Version ihrer Stücke geboten. Stücke, die inzwischen fast Klassiker sind wie Bad Medecine, Midnight Blues oder der großartig instrumentierte Displacement Song ("you have got to carry all you can take") + neues und unveröffentlichtes Material wie Penelope und Little Fish. Bei Penelope ging es natürlich um die Frau von Odysseus, eine Geschichte, die sie mit blumigen Worten erklärte und bei Little Fish um Alkoholsucht und ihre Folgen.
Am Allerschönsten fand ich aber The Quiet ("it's coming up through the water"). Diese Ballade berührte mich einfach ungemein, sie ist so poetisch, so innig, so ursprünglich und rein und hat einen famosen Rhythmus. Das stärkste kommt bei dieser Nummer aber zum Schluß, wenn Liz ganz besinnlich und melancholisch wird und mit wehklagender Stimme immer wieder "it's all I know" singt. Auch heute im Point Ephémère schoss sie mich damit waidwund.
Natürlich gab es aber auch ein paar witzige Passagen (nun ja, eher schwarzer Humor), zum Beispiel die Geschichte von Joe ("half man-half bird" wie sie erklärte, "who lost his fourteen sons (also half bird) in the American Civil War before having to kill his wife Oko and himself with a woodcutter's axe"), bei der sie sich die Vogelmaske aufsetzte und die vermehrten Kommentare von Liz Green bezüglich der Rauchmaschine, die sie offenbar störte und daran erinnerte, daß man damals in Clubs noch rauchen durfte.
So wurde letzlich sowohl gelacht, als auch (heimlich) gewint und alle kamen auf ihre Kosten. Die Begleitband (mit dem lustigen Tubaspieler, der aussah wie Oliver Hardy!) lachte sogar besonders laut, vor allem der Saxophonist, der regelmäßig losprustete wie ein alberner Schüler. Aber die Jungs konzentrierten sich dann wieder, machten ihre Sache gut und unterstützen Liz prima.
Letztlich gilt ohnehin: Liz Green ist immer hochklassig egal ob mit Band oder solo! Ihre Konzerte in eurer Nähe solltet ihr nicht verpassen!
Konzerte: Liz GreenOrte: Fnac des Ternes & La Flèche d'or, Paris Datum: 6 & 7.12.2011 Zuschauer: etwa 20 (Fnac des Ternes) bzw. circa 200 (La Flèche d'or) Konzertdauer: jeweils etwa 40 Minuten
Liz Green habe ich schon eine Weile auf dem Schirm. Die britische Folk & Bluessängerin ist mir live bereits zwei mal über den Weg gelaufen, hat mich jeweils sehr beeindruckt und ich habe es mir deswegen auch nicht nehmen lassen, ihre wunderschönen, handgestalteten EP's zu kaufen. Inzwischen sind die Dinger vergriffen und haben Sammlerwert. Aber Liz Green ist einfach zu gut und talentiert, um nur eine kleine exklusive Hörerschaft anzusprechen, die auf 100 Stück limitierte Cds im privaten Regal horten. Pias ist auf die rotblonde Dame mit der famosen Stimme aufmerksam geworden und hat sie gesignt. Dementsprechend steigen ihre Chancen auf eine professionelle Vermarktung und das kann mir nur recht sein. Sie hat ein wenig Rampenlicht wirklich verdient!
Trotz der Unterstützung von Pias ließen sich an jenem 6. Dezember in Paris nur höchstens 20 Leutchen beim Showcase in der Fnac blicken, wovon sicherlich noch einmal jeweils 5 Mitarbeiter bei der Fnac und Pias waren. Somit hatte ich das Talent aus Manchester quasi noch einmal fast für mich alleine. Ich war mir meines Glücks bewußt und genoß den intimen Gig in vollen Zügen. Wie immer glänzte Liz Green durch Natürlichkeit, gute Laune und fantastische Songs, die sie als eine der besten jungen Songwriterinnen Großbritanniens auswiesen. Miss Green scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, ihre Lieder könnten glatt einer alten Grammofonaufnahme entspringen. Vielleicht saßen deshalb zwei ältere Frauen ganz vorne im Publikum?
Aber das Ganze war natürlich auch Etwas für Jüngere, denn die Green beschränkt sich nicht darauf, einen 30 er Jahre Retro-Aufguss zu servieren, sondern schafft es auf wundersame Weise, klassisch anmutende Folk/Bluessongs modern und aufregend klingen zu lassen. Ihre vorgetragenen Lieder teilte sie selbst in drei Kategorien ein: "A song about a party (Midnight Blues), a song about the war (Displacement Song) and all the other songs are about death". Nie vergaß sie bei diesen traurigen Themen aber ihren schwarzen Humor und so wußte man nie, ob man lachen oder weinen sollte. Definitiv lustig war aber ihre mir bereits bekannte Nummer mit der Vogelmaske. Es geht hierbei um Joe, "half man-half bird" wie sie erklärte, "who lost his fourteen sons (also half bird) in the Amercian Civil War before having to kill his wife Oko and himself with a woodcutter's axe". Der gepielte Titel hieß Hey Joe, hatte aber mit dem gleichnamigen Stück von Jimi Hendrix rein gar nichts zu tun. Eine wundervolle Ballade und ein Highlight in einem hochkarätigen Set, das die Sängerin mit French Singer beendete weil sie meinte es sei "rude" diesen Track in Paris nicht zu bringen.
Am nächsten Tag beim "richtigen" Konzert in der Flèche d'or waren dann mehr Zuschauer anwesend und hier spielte sie dann auch noch The Ballad Of Joe And Oko (jetzt bitte nicht an John und Yoko denken!), wozu sie einen Bildband gezeichnet hatte, den sie hübsche lächelnd dem Publikum Seite für Seite zeigte.
Zwei ausgezeichnete Konzerte, die die Vorfreude auf das im Januar 2012 erscheinende Debütalbum O, Devotion! noch mehr anheizt. Im Januar und Februar tourt sie dann auch wieder durch Kontinentaleuropa, da heißt es dabei sein!
Konzerttermine Liz Green 2012:
19.01.2012: Labor, Zürich 20.01.2012: Dudingen, Schweiz 21.01.2012: Parterre, Basel 23.01.2012: Il Clandestino, Faenza, Italien 26.01.2012: Botanique, Brüssel 27.01.2012: Paradiso, Amsterdam 28.01.2012: Roter Salon, Berlin 07.02.2012: Point Ephémère, Paris 01.03.2012: Dachauer Kultur-Schranne
Konzert: Liz Green Ort: Le Môtel, Paris Datum: 06.10.10 Zuschauer: 30 oder so Konzertdauer: halbe Stunde
Liz Green aus nächster Nähe, sozusagen gleich vor meinen Füßen in einem winzigen Pariser Schuppen. Wie toll ist das denn? Sehr toll natürlich, schließlich ist Liz eines der größten Talente der britischen Folkszene!
Aber wie kam es zu diesem ungewöhnlichen und intimen Gig, der zudem gratis war? Hätte eine Liz Green nicht eine größere Location verdient gehabt? Nun, dazu muss man wissen, daß die hochtalentierte Chanteuse aus Manchester bei zwei Titeln des Albums der Pariser Indieband Villeneuve mitgewirkt hat und auch höchst erfreulicherweise beim heutigen Konzert von Villeneuve im Café de la Danse live in Erscheinung trat. So blieb ihr nur noch die Möglichkeit einer Aftershow, denn schon am morgigen Tage wird sie nach Australien aufbrechen. Ihr Stelldichein im winzigen Motel war also stark improvisiert und seitens der Künsterlin enorm großzügig. Ich denke nicht, daß sie eine Gage bekommen hat. Ihr Kurzauftritt- ein Geschenk an die Pariser! Danke Liz!
Ist sowieso ein tolles Mädel, diese rothaarige Engländerin. Ihr natürliches, humorvolles und eigenwilliges Wesen sucht in der heutigen Welt der kühlen Arroganz ihresgleichen. Sie scheint aus einem anderen Zeitalter zu stammen, ich könnte sie mir gut in einer Verfilmung eines Jane Austen Romans vorstellen. Ganz sensationell ist ihre Stimme. Bluesig/soulig/jazzig und wie von einer alten Grammofonplatte stammend. Keine Ahnung wo sie diese Töne herholt!
Im Motel spielte sie ein halbes Dutzend Lieder, deren Namen sie in einem kleinen Büchlein eingetragen hatte. Setlisten auf einem Zettel gibt es bei ihr nicht. Ich kannte nicht alles, aber gleich zu Beginn spielte sie den Rambling Man und danach Bad Medecine, bereits jetzt so etwas wie ein Klassiker. "We've got no way out, we have got no way out of this" singt sie in dieser einschmeichelnden Blues-Ballade, die eigentlich weltbekannt sein müsste. Aber Liz Green wird ihren Weg gehen, dessen bin ich mir sicher. Obwohl sie bisher nur zwei EP's veröffentlicht hat, ist ihr Songmaterial bereits jetzt beachtlich. Midnight Blues, French Singer, Grinnin' In Your Face, soviele Lieder mit Potential! Und sie arbeitet fleißig an neuem Stoff, denn nächstes Jahr soll endlich das Debütalbum erscheinen. Kein Wunder also, daß das letzte Lied des heutigen Abends noch gar keinen Titel hatte. Inhaltlich ging es um das Meer und ich wäre am liebsten mit Liz auf große Bootstour gegangen. Aber das ging natürlich nicht, sie musste ja weiter nach Australien und zwar mit dem Flugzeug!
Konzert: Liz Green & Shugo Tokumaru & Television Personalities (u.a.), Mo'Fo' Festival 2010, 3. und letzter Tag Ort: Mains d'Oeuvres, Saint Ouen bei Paris Datum: 310.01.2010 Zuschauer: ausverkauft!
3. und letzter Festivaltag in Saint Ouen bei Paris. Erfreulicherweise war das Zuschauerinteresse riesig und die Veranstaltung ausverkauft. Nachteil: man stand eng aneinander und sah nicht immer gut auf die Bühne. Manchmal war es so voll, daß die Leute im Türrahmen hingen!
Die von mir gesehenen Konzerte im Einzelnen:
Liz Green: Was für ein Talent! Die 26 jährige Engländerin hat eine solch herrlich altmodische Folk/Bluesstimme, daß man sich fragt, ob das Ganze nicht von einem Grammofon kommt, auf dem eine Platte einer schwarzen Soul-Diva aus den 30 er Jahren läuft. In einer gerammelt vollen Bude spielte sie zusammen mit einem Saxofonisten, einem Kontrabassisten und einem Drummer Stücke ihrer Crow Cries EP. Ihre Ausstrahlung war angenehm natürlich und obwohl ihre Songs eher in moll gehalten sind, bewies sie auch viel Humor und lächelte oft. In der witzigsten Szene des wunderschönen Sets setzte sie sich eine Vogelmaske auf und trug aus einem Büchlein vor. Schade, daß in meiner Ecke so viel gequasselt wurde, denn die rotblonde Frau aus Manchester verdient unbedingt absolute Aufmerksamkeit und Stille! In der englischen Fachpresse wird sie schon seit 2007 mit Lob überschüttet, da sollte man doch froh (und still) sein, wenn man sie in Paris zu Gast hat. Schließlich hat sie schon größere Festivals als das Mo'Fo' bespielt. Glastonbury nämlich, wo sie schon zweimal war. Die Künstlerin kam übrigens gerade von ihrer Deutschland Tournee nach Frankreich und erzählte mir von schönen Konzerten und sehr netten Leuten in Germany. Das hört man gerne. Verhandlungen über eine Oliver Peel Session laufen. Liz schien überhaupt nicht abgeneigt. Schau' mer mal!
Shugo Tokumaru: Der Japaner kam von Brüssel zum Mo'Fo' Festival, wo er am Vortag zusammen mit der aufstrebenden Thao gespielt hatte. Vor ein paar Jahren hatte ich seine CD L.S.T. auf einem Konzert von The Konki Duet gekauft, da beide auf dem französischen Label Active Suspension veröffentlich hatten. Unmittelbar war ich von seinen ungewöhnlichen, auf japanisch (und englisch) gesungenen Folk/Popsongs eingenommen, die so heiter klangen, als seien sie unter der Sonne Hawaiis entstanden. Liebliche, spährische Klänge, ein verhuschter Gesang und ein paar kuriose Geräusche prägten das Soundbild. Stilitisch hat sich das Ganze mit dem neuen Album Exit nicht geändert, bloß daß das alles heute etwas konventioneller klang, weil er alleine mit der Akustikgitarre auftrat und mit den Samples und Loops eher sparsam umging. Ich liebe sein Lied Mist, das ist wirklich kein Mist, sondern eine Perle! Aber auch der Rest war richtig gut und gegen Ende coverte er sogar Video Killed The Radio Star von den Buggles auf der Ukulele. Bekanntlich das erste Video, daß von MTV gesendet wurde. Shugo ist klasse, man höre nur das quirlige Parachute, um zu verstehen, was ich meine!
Take It Easy Hospital: Ein Konzert, in das ich nicht rein kam, weil es viel zu voll war. Take It Easy Hospital sind ein gemischtes Pop-Duo aus Teheran, die durch den Film Les Chats Persans In Frankreich in Indiekreisen bekannt geworden sind. In dem Streifen geht es um die enormen Probleme, die Musiker im Iran haben, um sich künstlerisch auszudrücken. Negar und Ash Koosha von Take It Easy Hospital spielen darin die Hauptrollen. Ein Coup, das man die inzwischen In London lebenden Künstler für das Mo'Fo' Festival gewinnen konnte! Ich finde ihre Musik sehr frisch und catchy und bedaure, daß ich ihr Konzert nur auf der Leinwand verfolgen konnte. Ämusant: die beiden coverten Lies von Aracde Fire!
Television Personalities: Nach den ersten zwei Liedern der englischen Punklegenden Television Personalities hatte ich das Gefühl, Zeuge eines legendären Konzertes zu werden, denn zu Beginn spielten die alten Haudegen richtig gut. Dabei hatte der mit obligatorischer Mütze erschienene Sänger Dan Treacy schon gleich zu Beginn skeptisch angekündigt: "I don't know if we'll be good. Let's see what's gonna happen" und ein französsicher Fan rief ihm daraufhin frech zu: "Please play better than at the Flèche d'or." In der Flèche d'or hatten Television Personalities vor genau einem Jahr ein Konzert gegeben, von dem Unterschiedliches berichtet wurde. Das Internetmagazin Popnews fand's toll, andere gruselten sich regelrecht. Angeblich hatten die alten Säcke bis 1 Uhr in der Nacht gespielt und wollten zugedröhnt wie sie waren, gar nicht mehr aufhören. Wie lange sie heute zu Werke gingen, weiß ich gar nicht, denn ich bin vor dem Ende abgehauen. Mir wurde es einfach irgendwann zu chaotisch, Dan Treacy traf zur Mitte hin kaum noch einen Ton und das Ganze wurde trashig. Dabei haben die Burschen natürlich eigentlich ein tolles Songmaterial, A Picture Of Dorian Gray, Silly Girl, I Know Where Syd Barret Lives und und und, da war vieles dabei, von dem sich aktuelle britische Bands wie die Babyshambles, die Futureheads (die A Picture Of Dorian Gray gecovert haben) The View und Art Brut eine Menge abgeschaut haben. Man sollte allerdings aufhören, wenn es am schönsten ist...
Setlist Liz Green Mo' Fo' Festival, Saint Ouen:
01: Grinnin' In Your Face (a capella) 02: Dying Crapshooter's Blues 03: Where The River Don't Flow (Piano) 04: Bad Lucky Boy 05: Midnight Blues 06: Penelope 07: Joe's Bird Blues (acoustic) 08: Hey Joe 09: Bad Medicine
Mein Zuhause. Mein Blog. ist als kleines privates Konzert- Tagebuch entstanden. Und weil es zur Zeit musikalisch so spannend ist, wächst unsere Sammlung schnell. Wir schreiben die Berichte spontan, unüberarbeitet und so zeitnah wie möglich. Die Reviews stehen meist noch in der gleichen Nacht online, spätestens jedoch am nächsten Tag. Musik ist für uns vor allem Spaß und keine Wissenschaft.
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