Alt-J und ich hatten einen schlechten Start. Das kommt vor, kann aber oft korrigiert werden. "Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance", ist zwar eine häufig benutzte Weisheit, sie ist aber unsinnig. Ich hasse solche dämlichen Kalender-Sprüche (übel ist auch "man sieht sich im Leben immer zweimal!"). Natürlich kann man erste Eindrücke korrigieren - ich hatte mir das heute fest vorgenommen. Mein erstes Date mit Alt-J war wenig spektakulär. 18 Minuten spielten die Nordengländer im vergangenen März als Vorgruppe der zauberhaften Big Deal im Studio 672 in Köln. Ich fand das ganz kurzweilig, war aber sicher, daß mich die vertrackte Musik auf Konzertdauer nerven würde. In Haldern im August waren die Engländer schon so groß, daß sie jeder sehen wollte, mir war es nicht so wichtig, ich habe sie ausgelassen. Mittlerweile verkaufen sie Hallen von der Größe des E-Werks aus, haben den Mercury-Preis gewonnen und werden überall gefeiert. Warum also nicht wieder mal gucken, ob das noch was wird zwischen uns beiden. Viel falsch machen konnte ich eh nicht, zum einen waren die Tickets für den Hype günstig, vor allem aber gab es eine Vorgruppe, die mich sehr interessiert, seit ich sie vor einigen Wochen in der Kölner Wohngemeinschaft verpasst hatte. Eigentlich ist die restliche Geschichte schnell erzählt: Stealing Sheep aus Liverpool gingen auf der eindrucksvoll-großen Bühne verloren. Ihr Hippie-Pop der in kleinen Clubs sicher wundervoll funktioniert, verpuffte ohne jede Wirkung! Wie wahnsinnig doch Mitte der Woche The Joy Formidable als Support von Bloc Party auf der gleichen Bühne waren! Und auch die Waliser waren nur zu dritt.
Alt-J waren selbstverständlich viel präsenter - und sie kamen hervorragend an! Die Liveversionen der Lieder des Debütalbums taugen auch eine ganze Menge, bei mir bleibt davon aber nichts haften. Entgegen meines häufigen Kokettierens mag ich durchaus komplexe, nerdhafte Musik. Es gibt zahllose Beispiele solcher Bands, die ich liebe. Aus einigen von denen könnte Alt-J zusammengesetzt sein. Wenn Foals, Radiohead, Yeasayer, Clap Your Hands Say Yeah eine gemeinsame Single für einen guten Zweck schreiben wollten, käme vermutlich etwas raus, das nicht weit von Alt-J entfernt ist. All diese Bands mag ich, Alt-J ist zweifelslos eine sehr gute Gruppe mit einer sehr guten Platte. Aber mich hat das nicht bewegt. Naja, eigentlich könnte ich es dabei belassen, ich will aber trotzdem noch etwas ausholen. Dann auch mit den beiden Setlisten. Nachher dann!
Konzert: Stealing Sheep Ort: on3 Festival, München Datum: 01.12.2012 Bericht von Eike Klien. Erstveröffentlichung auf dem Klienicum. Fotos by Oliver Peel
War ich doch im Dezember 2010 nicht zu vorschnell, um Stealing Sheep
eine Zukunft voraus zu sagen. Nun ist bei der gegenwärtigen Begeisterung nicht von das Klienicum die Rede, wenn es darum geht, die Sprungbretter für die Karriere des Liverpooler Trios zu klären, eher
hält man sich da an Jarvis Cocker. Macht mir nichts aus, denn es ändert
nichts an meiner unverbrüchlichen Sympathie für Becky, Emily und Lucy.
Der Dreier eröffnete im Studio 1 die Konzertnacht, und zunächst hatte
ich befürchtet, dass die liebenswerten Mädels der hungrigen Meute zum Frass vorgeworfen würden. Doch die Stimmung brach, alles Unaufgeräumte
fand schnell seinen Platz und die Konzentration auf das wunderbare Konzert schnellte empor. Denn die Mädels hatten ihr Publikum flott im Griff. Nicht zuletzt dank freudiger Gesichter und einer ausnahmslos
perfekten Umsetzung ihrer Songs, wie man sie engagiert und akzentuiert
vorgetragen auch vom Tonträger herunter kennt. Fokussiert haben sich Stealing Sheep bei ihrem Vortrag auf das aktuelle Album "Into The Diamond Sun", das herausragendes Material zu bieten hat. Das choral
beginnende "Shut Eye" etwa, bei dem die von Emily geführte E-Gitarre
vortrefflich zu dengeln weiß und der Harmoniegesang von der Abgestimmtheit lebt. Das Feuer, welches den Refrain auszeichnet,
übertrug sich in das in Bewegung geratene Publikum. Nicht weniger
spannend das psychedelisch verbrämte "Rearrange". Die Mädels stimmten sich perfekt ab, die Übergänge konkurrierten um die Bestleistung, in der abschließenden Elegie ging der Song schließlich
auf. "White Lies" trommelte sich voran, es war eine Wonne, Lucy beim Knüppel schwingen am mittig platzierten Drumset zu beobachten, wie sie
es stehend engagiert bearbeitete. Ihr dabei zur Schau gestelltes Dauergrinsen war inspirierend, anregend, versöhnlich.
"Genevieve" war
natürlich ein Höhepunkt. Der Song geht unmittelbar in die Beine, auch
live gelang er ausgezeichnet. Die beschwingte Note umwarb sofort die Aufmerksamkeit und startete einen Angriff auf die Beinmuskulatur. Die
dürftige instrumentale Ausstattung begrenzte das Trio nicht sehr. Oft
ähnelte sich der Verlauf der vorgetragenen Lieder. Schwungvolle Parts
wechselten sich mit einem kurzen Innehalten ab, da man sich einem
rhythmischen Aufgalopp oder einer vokalen Einzelleistung gegenübersah,
die alsbald wieder in kollektives Zusammenspiel überging. Becky, die die Schellen und die Keyboards bediente, wand und bewegte
sich schlangengleich im Takt. Mit ihrem Stirnband kontrollierte sie die Mähne, mit ihrem Instrument die vielfachen Harmonien. Die große Kunst
der Drei lässt sich hier festmachen.
Die Songs sind songwriterische Kleinode, die mit Ausfallschritten und Vertracktheiten dienen können,
die sich jedoch nie Fehltritte erlauben. Das stimmige Ganze ergänzt sich
in den liebenswerten Menschen, die sie vortragen. Trotz ihres angeblich
letzten Auftritts einer längeren Konzertreise (Paris am 04.12. steht
noch an), witzigerweise verabschiedeten sie sich damit von Europa, boten
sie ein in allen Belangen zufriedenstellendes Konzert.
Noch ein Wort zu
den Damen selbst. Die höchst unterschiedlichen Charaktere bilden ein
faszinierendes Gesamtbild. Die extrovertierte Becky, immer in Bewegung,
schwungvoll tänzelnd, jungmädchenhaft leuchtend (den eher ungewöhnlichen Augenblick der Einkehr haben wir auf Foto gebannt), mitsamt ihrer
leicht keckernden Stimme, die in sich ruhende Lucy, die mit ihrem
offenen Gesicht allein Geschichten zu erzählen wusste und mit einem
betörend klaren Gesang zu dienen wusste und schließlich die in sich
gekehrt wirkende Emily, die einer Elfe gleich über die Saiten ihres Instruments strich und doch einen so wichtigen Part beisteuerte. Ein
tolles Ensemble mit einer ausgesprochen hoch qualitativen Darbietung.
Konzert: Stealing Sheep & Toy & Crybaby (soirée coopérative music) Ort: La Flèche d'or, Paris Datum: 08.05.12 Zuschauer: nicht so viele, vielleicht 120
Der 8. Mai. Ein Feiertag in Frankreich, in Deutschland aber nicht. Dabei wäre es absolut geboten, die Befreiung von der Naziherrschaft auch in Deutschland zu feiern.
In Frankreich blieben jedenfalls die meisten Geschäfte zu, die Flèche d'or hatte aber natürlich auf. Cooperative Music veranstaltete einen seiner Konzertabende und hatte gleich drei Bands aufgeboten. Das Zuschauerinteresse hielt sich jedoch in engen Grenzen, sicherlich weil viele Franzosen über den Feiertag Paris verlassen hatten.
Beim Konzert von Crybaby, die den Ball eröffneten, waren wir definitiv nicht mehr als dreißig Personen. Eine Band (zumindest live) angeführt von einem kahlköpfigen Gitarristen mit Brille und einer Begleitgruppe, in der eine blonde Drummerin mit feschem Kurzharschnitt ihren Platz hatte. Der Sänger erwies sich als veritabler Crooner, erinnerte mich an Morrisey oder Timber Timbre und hatte auch ein paar ansprechende Songs zu bieten. Das Set geriet trotzdem eine Spur zu harmlos, wenngleich durchaus mein Interesse geweckt wurde, mich mit dem Burschen aus Bristol mal näher zu beschäftigen.
Dann waren die drei Mädels von Stealing Sheep aus Liverpool an der Reihe. Becky (Rebecca Marie Hawley), Emily (Meghan Lansley) und Lucy (Luciana Mercer) hätte ich vor ein paar Wochen bereits im Vorprogramm von St Vincent im Alhambra sehen können, falls ich denn pünktlich gekommen wäre. So aber traf ich sie damals nur am Merch, besorgte mir aber zum Trost ihr Album Noah & The Papermoon, an dem ich mich seither gütlich tue. Anscheinend kein richtiger Longplayer, sondern eine EP. Auf ihrer Homespage sprechen Stealing Sheep nämlich davon, daß ihr Debütalbum Into The Diamond Sun in etwa einem Monat herauskäme.
Wie auch immer, die Songs der drei hippiesk gekleideten Mädels waren jedenfalls dufte. Alle drei sangen und spielten ansonsten Keyboard, Trommel (im Stehen) und Gitarre. Hinsichtlich der Bühenpräsenz prima, daß die drei Grazien alle in einer Linie vorne performten, das verlieh der Sache mehr Druck und Teamgeist. Ihr Sound klang aufregend und frisch und war eine Mischung aus psychelischem Sixties Pop, Folkrock, Noisepop und teilweise Mathrock bzw. Afropop à la Vampire Weekend. Besonder gut gefiel mir, daß die Lieder so viel Brüche aufwiesen, nie dem klassischen Muster Strophe-Refrain-Strophe folgten und trotzdem melodiös klangen. Die Gitarre war immer nur kurz angerissen, sehr verspielt, wieselflink und wendig und die Gesänge sehr harmonisch und anziehend. Die Leadvocals teilten sich die Mädels schwesterlich, aber bei jedem Lied sangen alle zumindest im Chor mit. Die Wärme und Spontaneität die von den Stücken ausging war umwerfend. Stealing Sheep verstanden es exzellent, alte Einflüsse mit modernen Strömungen zu verbinden und so eine Brücke zwischen gestern und heute zu bauen.
Silistisch vergleichbar sind sie mit den anderen Hippie- Bräuten von Haight-Ashbury, aber Stealing Sheep sind weniger noisig und garagig, nicht so laut, schwer und agressiv. Mit My Bloody Valentine haben die Mädchen aus Liverpool jedenfalls nichts gemein.
Das Set war erfreulich abwechslunsgreich und ausgewogen, wußte aber besonders zum Schluß zu brillieren. Da kamen nämlich mit Shut Eye und I Am The Rain gleich zwei Perlen hintereinander. Herrlich psychedelisch schlich sich I Am The Rain mt seinen Hoolahoo- Singalongs voran, dauerte aber gerade einmal 2 Minuten. Shut Eye wiederum wird die erste Single des Debütalbum sein und verzauberte durch einen euphorisierenden Trommelrythmus, zuckersüße Gesänge, Handclaps und sonnige Gitarren. Das Afrofeeling war hier unverkennbar. Dem Album fiebere ich auf jeden Fall entgegen, nachdem die EP und das heutige Konzert soviel Freude bereitet haben!
Setlist Stealing Sheep, La Flèche d'or, Paris: 01: The Garden 02: Tangled 03: Gold 04: Paper Moon 05: Bats 06: Gold Intro 07: Circles 08: Re-arrange 09:Genervieve 10: Shut Eye 11: I Am The Rain
Danach spielten noch Toy und deren Konzert hatte es wahrlich in sich. Hiervon demnächst mehr.
Setlist Toy, la Fléche d'or, Paris:
01: Colours 02: Bright White Shimmering Sun 03: Strange 04: Left Myself Behind 05: My Head Skips 06: B Major 07; Instrumental 08: Lose My Way 09: Kopter
Mein Zuhause. Mein Blog. ist als kleines privates Konzert- Tagebuch entstanden. Und weil es zur Zeit musikalisch so spannend ist, wächst unsere Sammlung schnell. Wir schreiben die Berichte spontan, unüberarbeitet und so zeitnah wie möglich. Die Reviews stehen meist noch in der gleichen Nacht online, spätestens jedoch am nächsten Tag. Musik ist für uns vor allem Spaß und keine Wissenschaft.
Wir sind: Oliver Peel aus Paris Christoph aus nicht weit von Köln Julius aus Wien Gudrun aus Karlsruhe Tanita aus Mainz Jens aus Stuttgart Ursula aus Frankfurt Michael aus Chemnitz Dirk aus Mönchengladbach Vielen Dank unseren Gastautoren!
Willst Du mitmachen? Oder hast Du Anregungen? Über Kommentare (auch kritische) freuen wir uns sehr.