Mittwoch, 6. August 2014

Billy Bragg & Band, Breitenbach am Herzberg, 02.08.2014


Konzert: Billy Bragg & Band
Ort: Main Stage, Burg Herzberg Festival
Datum: 02.08.2014
Dauer: 95 Minuten
Zuschauer: vielleicht 1000

Alle Fotos © Katja Charlotte Rohr

„Americana is country music for people who like The Smiths“, stellt Billy Bragg gleich zu Beginn klar und erklärt mit schelmischem Grinsen all denen, die mit der countryesken Musik, der die englische Protestsänger-Institution seit geraumer Zeit vor allem mit Bandbegleitung den Vorzug gibt, wenig anfangen können, dass hinter Pedal-Steel-Gitarre, Bass-Ukulele und Cowboy-Hemden noch immer der scharfzüngige Mahner und linke Polit-Aktivist steckt.
Die Eröffnung mit „Ideology“ im Abendsonnenschein ist ein in Lyrik gegossener programmatischer Rundumschlag des Arbeiterromantikers, der vor allem eins zeigt: Der Mann hat noch immer eine Mission und nationale wie globale Themen, zu denen er nicht schweigen kann. „Mixing pop and politics“ als oberstes Prinzip. Auf der anderen Seite bleibt Zeit, Pep Guardiola augenzwinkernd zum zweiten WM-Titel zu gratulieren und zu träumen, er möge doch in vier Jahren ein Premier-League-Team trainieren – Fußball ist eben traditionelles Thema auf Bragg-Konzerten. Doch bleiben die weltweiten Krisen und Kapitalismuskritik ebenso wie eine klare Linie gegen Rechtsaußen dem angenehmen Plauderton zum Trotz immer in unmittelbarer Blickweite. Da sind Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die den Pazifisten Bragg beschäftigen, ebenso wie der hundertste Jahrestag des ersten Weltkriegs als Warnung. Aus der Begeisterung, mit der sein Großvater damals die Kriegserklärung feierte, schließt Bragg, die Gefahr neuer Konflikte durch das Vergessen der alten.

 
„But what if there's nothing, no pot of gold to find? / Only the blind leading the blind“, singt er in „No One Knows Nothing Anymore“ vom aktuellen Album „Tooth and Nail“, während seine vierköpfige Band sehnsüchtelnden Country-Rock spielt. Er macht es seinen langjährigen Fans, die ihn als punkige Einmann-Show kennenlernten, nicht leicht, weiß aber um diese Schwierigkeit. Nichtsdestotrotz ist es ihm wichtig anzufügen, dass seine Musik schon immer Country-Elemente enthielt, so folgt seine 20 Jahre alte Single „You Woke Up My Neighbourhood“, eines der Lieblingslieder von Travis-Sänger Fran Healy, auf „Way Over Yonder In The Minor Key“. Der Beweis ist geliefert, befriedigt aber nur bedingt: „Play some British punk music“, brüllt ein enttäuschter Fan. Ohne innezuhalten gibt er die prompte Antwort, dass dieser Wunsch später im Set selbstredend erfüllt würde. Vorher sei es ihm aber wichtig, zu erklären, inwiefern klassische amerikanische Musik wie Blues, Country und R'n'B der britischen Musik in den 50ern und frühen 60ern ihre Identität verlieh, quasi die ersten echten Americana-Künstlern schuf. Skiffle war die britische Antwort auf Leadbelly und Co, erklärt Bragg nun ganz in der Rolle des kumpelhaften Oberlehrers.
Der Stones-Klassiker „Dead Flowers“ kommt in einer extrem verkitschten Version als Musterbeispiel. „All You Facists Are Bound To Lose“ aus der Feder Woody Guthries zündet im Anschluss glücklicherweise besser und als er Tee trinkend - „Morrissey recommended it to me“*  - ankündigt, nun ein paar Stücke solo mit der E-Gitarre zu spielen, vermeint man kollektive Erleichterung zu hören. So habe ich den Bard of Barking, jenen großartigen Bänkelsänger, vor fast sechs Jahren erstmals live gesehen. Dieser Septemberabend in der alten Frankfurter Batschkapp, an dem er sein Debüt-Album „Life's A Riot With Spy Vs. Spy“ komplett spielte und – wie er sagte – seinem inneren Iggy Pop freien Lauf ließ kam für mich damals einem Erweckungserlebnis gleich. Umso mehr freue ich mich jetzt über „To Have And To Have Not“ von eben diesem Album. „There Is Power In A Union“, skandiert er anschließend und linke Fäuste werden gereckt. Die solidarische Arbeiterhymne aus Zeiten der großen Minenarbeiter-Streiks in der Thatcher-Ära ist erwartungsgemäß ein Höhepunkt. Überhaupt seien die Auswirkungen Margaret Thatchers Politik bis heute leidvoll zu spüren, ihre regiden Einschnitte in die Macht der Gewerkschaften, so etwas wie die Ursünde aktueller Probleme seines Landes. Als die Iron Lady starb, war er gerade in Calgary, Kanada, während sein aktuelles Album just an diesem Tag die Americana-Charts des Landes knackte. Geschichte verpflichtet und so kaufte er daraufhin besagte Cowboy-Hemden.
Dass ihn das Burg Herzberg Festival dann ausgerechnet an ein kanadisches Folk-Festival erinnert, passt gut ins Bild.

 
Das tieftraurige „Between the Wars“ reiht sich an dieser Stelle angemessen in die Setlist. Während des fantastischen Crowdpleasers „Waiting For The Great Leap Forward“ kehrt die Band nach und nach zurück. Besonders der angenehme Pianoeinsatz gelingt hier ausgezeichnet, überhaupt erreicht der Band-Sound jetzt eine neue Ebene. Wo die Country-Elemente eben noch störten, fügt sich alles nun zu einem homogenen Ganzen zusammen. Tatsächlich bewegt sich Bragg mit seinen Musikern nach den Solodarbietungen wirklich auf hochklassigem Americana-Niveau ganz in Tradition seiner gefeierten Kollaborationen mit Wilco, der wohl besten Band des Genres.

 
Nachdem „Greetings To The New Brunette“ Braggs ausgesprochenes Talent als Texter von außergewöhnlichen Liebesliedern in den Fokus rückt und er in „Sexuality“, einem seiner größten Hits, Grenzen übergreifende Liebe protegiert, gibt es mit „California Stars“ einen Auszug aus den fruchtbaren „Mermaid Avenue“-Sessions. Auf Wunsch von Norah Guthrie vertonte Bragg gemeinsam mit Jeff Tweedys Band alte Texte ihres verstorbenen Vaters Woody mit phänomenalem Ergebnis. Dazu kam es nachdem alle großen amerikanischen Sänger aus Ehrfurcht vor dem musikalischen Nationalheiligtum Woody Guthrie, dessen Lieder in den USA jeder kennt, die im Schulunterricht gesungen werden, das Angebot abgelehnt hätten, und die Tochter auf die Idee kam einen Europäer zu fragen. Feixend erklärt Billy Bragg, dessen Konzerte neben politischer Rede auch immer von anekdotenreicher Plauderei durchzogen sind, man habe damals zuerst mit einer deutschen Band verhandelt, bevor zusätzlich die Chicagoer Gruppe Wilco ins Boot geholt wurde. Der Name jener deutschen Formation sei Kraftwerk und den entsprechenden Song, würde es nun exklusiv zu hören geben. Synthies setzen ein, dann folgen bekannte Akkorde, Eröffnungszeilen aus Paul Simons Feder und Gewissheit darüber, was kommt: „I was 21 years, when I wrote this song“, singt der 56-jährige, inzwischen bärtige Engländer, und zahlreiche Zuschauer stimmen in „A New England“ ein. Die Kraftwerk-Geschichte hat ohnehin niemand geglaubt, die Lacher hat er dennoch auf seiner Seite. Verse aus „Autobahn“ werden in den populären Klassiker eingeschoben, der reguläre Teil des Konzerts ist vorbei.

 
Accident Waiting To Happen“, die grandiose Abrechnung mit Rechtspopulisten, dem bragg'schen Feinbild Nummer eins, von seinem Erfolgsalbum „Don't Try This At Home“, auf dem damals neben den R.E.M.-Musikern auch Smiths-Gitarrist Johnny Marr zu hören war, gibt es als Zugabe. Nach 95 Minuten ist Schluss. Mittlerweile ist es dunkel, der Sänger holt aus, wirft den Teebeutel weit in die Menge, ein letzter Gruß. 
Obwohl mir ein Zugang zum Country-Musiker Billy Bragg noch immer schwerfällt, endet meine dritte Live-Begegnung mit einem meiner großen Helden keinesfalls in einem Fiasko. Der ewige Folkpunk spielt Country auf einem Hippie-Festival und scheitert damit nicht. Vielmehr steht über allem doch die Erkenntnis, dass der Aufrüttler und Überzeugungstäter aus Barking, Essex, auch heute noch, nach über dreißig Jahren Bühnenlebens, größte Relevanz besitzt.
Solange dieser Mann seine Mission verfolgt, gibt es noch Hoffnung.

*2008 erklärte er noch dem Publikum in der Batschkapp, es sei der gleiche, den Madonna trinke.



Setlist Billy Bragg & Band, Burg Herzberg Festival:

01: Ideology
02: No One Knows Nothing Anymore
03: Way Over Yonder in the Minor Key
04: You Woke Up My Neighbourhood
05: Dead Flowers (The Rolling Stones-Cover)
06: All You Fascists Are Bound To Lose (Woody Guthrie-Song)
07: To Have And to Have Not
08: There Is Power in a Union
09: Between the Wars
10: Waiting For the Great Leap Forwards
11: Greetings to the New Brunette
12: There Will Be a Reckoning
13: Handyman Blues
14: Sexuality
15: California Stars (Woody Guthrie-Song)
16: A New England

17: Accident Waiting to Happen (Z)


Aus unserem Archiv:

- Billy Bragg, Paris, 25.09.2008
- Billy Bragg, Karlsruhe, 13.11.2013


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