Montag, 5. Mai 2008

Tindersticks, Paris, 05.05.08

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Konzert: Tindersticks
Ort: Folies Bergères, Paris
Datum: 05.05.2008
Zuschauer: schätzungsweise 1300-1500 (warum findet man nirgendwo im Internet das Fassungsvermögens dieses Theaters?) und somit ausverkauft.
Konzertdauer: ca. 100 Minuten


"Was hören wir da gerade, Oliver?"

Immer wenn meine Frau mit diesem Unterton in der Stimme fragt, weiß ich schon, daß ihr nicht gefällt, was ich in den CD-Player geschoben habe. Trotzdem stelle ich mich ahnunglos: "Wieso, hast Du etwas gegen meine Musik-Auswahl einzuwenden?" - "Ja, das ich seicht und furchtbar schmalzig, lass uns die CD wechseln! Ich gebe mich geschlagen und wir hören zum x-ten Male "Employment" von den Kaiser Chiefs.

Diese Szenen spielten sich im Sommer 2005 ab, als ich mit meinem Schätzchen mit dem Mietwagen durch die unendlich weiten und schönen Landschaften der Vereinigten Staaten von Amerika fuhr. Im Auto liefen übrigens... die Tindersticks. Oder das Soloalbum von Sänger Stuart Staples ("Lucky Dog Recordings o3-04"), ich weiß es nicht mehr so genau...

Seitdem sind fast drei Jahre ins Land gegangen und bis vor kurzem habe ich tatsächlich kein einziges Mal mehr die Tindersticks aufgelegt. Meine Frau würde mir wahrscheinlich die Bratpfanne über den Kopf ziehen, wenn ich das mal wieder einlege.

Aber, wie der Zufall so spielt, zur Zeit habe ich sturmfreie Bude und diese Tatsache mußte ich natürlich ausnutzen. Am vergangenen Sonntag lief dann auch konsequenterweise "The Hungry Saw", das erste Album der Tindersticks seit 2003 auf unserer heimischen Anlage im Wohnzimmer und meine Katze schnurrte wohlig und zufrieden. Hach, ein schönes Stück Musik, wieder einmal! Natürlich etwas seicht, da hat meine Frau nicht ganz unrecht, aber gleichzeitig auch so niveauvoll und gediegen. Wahrscheinlich die richtige Musik für mein fortgeschrittenes Alter. Altherrenmusik sozusagen, da heulen keine Gitarren, alles ist auf Wohlklang getrimmt, die Nachbarn kann man mit so etwas nicht ärgern.

Heute also der Tag des Konzertes und gleich eine doppelte Premiere. Mein erstes Tindersticks-Konzert und gleichzeitig auch mein erster Besuch im weltberühmten Theater Folies Bergères (Bevor ich mich zu diesem legendären Konzertsaal in Einzelheiten verliere, empfehle ich interessierten Lesern und künftigen Paris-Touristen die offizielle Webseite dieses schönen Etablissements. Man kann sogar den Saal virtuell besuchen ("visite virtuelle"), muß allerdings ansonsten des Französischen mächtig sein, um den Text zu verstehen. Wer die Sprache Molières nicht beherrscht, kann aber auch in der informativen deutschen Wikipedia Seite schmökern und weiß dann bestens Bescheid).

Etwas aufgeregt angesichts jener Premiere fuhr ich mit der Metro Linie 8 zum Ort des Geschehens. Schon als ich aus der U-Bahn, Station Grands Boulevards, ausstieg, fiel mir ein Pärchen auf, daß nicht wie das übliche Indie-Publikum aussah, aber ebenfalls zu dem Theater wollte. Die beiden konservativen Geister (er mit Oberhemd und darüber gebundenem Pulli, wie ein Anwalt, der sich etwas locker macht) suchten krampfhaft auf dem Plan nach Austragunsort. Auch ich wußte nicht, wo es langging, ließ mir aber von dem netten Herren am nächsten Kiosk helfen. Erste links und dann die dritte rechts. War einfach und stimmte auch so. Von weitem fiel mir schon die schöne Art Deco Fassade auf und auch das Innere (aber das seht ihr ja dann in der erwähnten "visite virtuelle") war beeindruckend, vor allem diese Pferdchen im Foyer. Es klingelte bereits, die Vorstellung würde also unverzüglich beginnen. Die Vorgruppe (wenn es denn eine gab) hatte ich verpasst, aber das war mir schnuppe. Jetzt galt es nur noch mein Plätzchen auf dem Balkon zu finden, gar nicht so leicht für einen Novizen, aber dafür hatten sie hier zum Glück Anweiser, die Deppen wie mir ihren Sessel zuweisen, damit man nicht ewig rumeiert und die anderen stört.

Da saß ich nun also, recht bequem, aber mit eingeschränkter Sicht. Mein Fauteuil befand sich in einer Kurve, die Bühne war von hier oben gar nicht so weit entfernt, aber die Blondine rechts von mir reckte sich dauernd nach vorne, so daß ich wenig sah. Erkennen konnte ich allerdings, daß zunächst die ganzen Musiker, die für dieses Spektakel benötigt wurden, eintröpfelten. Zwei Streicherinnen, ein Trompeter, Cellos (Celli, ich weiß!), Piano, Glöckchen etc., hier wurde einiges aufgefahren, was Wohlklang erzeugt. Und dann kam auch endlich Stuart Staples, inzwischen glattrasiert (damals trug er auf Fotos immer Bart) und mit recht eleganter Anzugsweste. Hier war wirklich alles gediegen. Zunächst erklang ein vierminütiges Intro (das gleiche wie auf der neuen Platte) und dann machte sich der Chef am Tambourin zu schaffen und ließ zum ersten Male seine samtene Stimme erklingen. Was für ein Kehlchen, warm und sanft, ein Genuß! Dann griff er zur akustischen Gitarre und es ging weiter im Text, vorgestellt hatte er sich noch nicht und auch im Laufe des Konzertes erwies er sich zwischen den Liedern als Schweiger. Keine großen Gesten, keine Anekdoten, oder gar Anbiederungen, sondern in den meisten Fällen nur eine kurze Konzentration und das Anzählen des Taktes, "One, Two, Three, Four" und das Orchester gehorchte seinem Dirigenten. Bei Lied vier sang eine der beiden Geigerinnen gefühlvoll im Background mit, das war eine Wonne. Alles klang harmonisch, ausgefeilt und soundtechnisch gut ausgetüftelt. Es war weder zu leise, noch zu laut. Nur die Blondine neben mir nervte etwas. Konnte sie nicht einfach normal auf ihrem Sessel sitzen, sprich ihren Rücken gegen die Lehne drücken? Anscheinend ging das nicht. Ich überlegte, ob ich sie darauf ansprechen sollte, brauchte aber eine ganze Weile, um Mut zu fassen. Vielleicht würde sie gereizt reagieren und dann säße ich schmollend neben ihr und könnte nicht mehr weg... Stehplätze gab es hier ja keine, auch unten nicht, alle lümmelten auf ihren rotbezogenen Sofas. Irgendwann tippte ich dann aber die Frau neben mir an und sie verstand sofort und stellte ihre "Rückenlehne senkrecht". Jetzt erst merkte ich, daß die Schuld an der Misere von ihrem Vordermann, einem Typ,der mit seinem blütenweißen Hemd auf gebräunter Haut wie ein Surf-Lehrer aussah, ausging. Was für ein Schnösel! Aber egal, davon ließ ich mir nicht die Laune verderben. Irgendwie kam ich mit jedem Stück besser rein, fing an das Konzert zu genießen und abzuschalten. Stuart traf jeden Ton, sang genau wie auf CD (und hielt sich auch genau an die Titelreihenfolge des neuen Werkes!) und war auch in der Lage über sein Orchester hinwegzucroonen, wenn dieses Mal etwas lauter und stürmischer agierte. Erfreulicherweise war dies immer mal wieder der Fall, obwohl der Großteil der Songs natürlich ruhig und getragen war. Irgendwann kamen mir Assoziationen zur Band The National und ihrem Sänger..., auch diese Band gilt als düster und melancholisch, aber gleichzeitig sehr harmonisch und ausgewogen. Und hier wie dort gibt es immer wieder Trompeten, bei den Tindersticks, von denen neben Stuart nur noch zwei Mitglieder der ehemaligen Bandbesetzung dabei sind (die Gruppe hat sich somit halbiert), auch ab und zu eine Orgel (Beispiel "The Organist Entertains").

Und als zu süßlich empfand ich das Ganze nicht. Natürlich hätte ich mir manchmal etwas mehr Feuer gewünscht, ein häufigeres Ausbrechen aus der Schwermut, aber insgesamt fiel positiv auf, daß die Lieder keineswegs eintönig waren, trotz ihres meist getragenen Charakters. Die stürmischste und dramatischstePhase hatte das Set ab der Mitte des Liedes Nummer 10, "Sleepy Song", das alles andere als zum Einschlafen war. Es fing zunächst langsam an, steigerte sich dann aber bis zur Extase inklusive eines herrlichen Trompetensolos. Das gleich anschließende "Say Goodbye To The City" konnte dann nahtlos an die aufgebaute Dramatik anschließen. Mit dem vom Publikum früh erkannten "Travelling Light" endete dann aber der Exkurs zu alten Titel und man stieg wieder in "The Hungry Saw" ein und zwar genau dort wo man nach Lied Nummer sieben "The Organist Entertains" aufgehört hatte. Es folgte also der Titeltrack des neuen Albums und von da ab wurde "The Hungry Saw" bis zum Ende durchdekliniert, sprich es kamen "Mother Dear", "Boobar", "All The Love" und "The Turns We Took" genau in der Reihenfolge der Platte. Absoluter Renner war hierbei "Boobar" mit der herzerweichenden Textstelle "Come Back To Me", die Stuart mit seiner weichen Grabesstimme auf das Gefühlvollste sang. Gänsehaut pur und ein nicht enden wollender, absolut verdienter Applaus waren der Lohn!

Der erste Zugabenteil wurde schließlich mit dem gewisperten Stück "My Sister" eingeläutet, worauf eine mir unbekannte Ballade folgte, die beim Publikum ebenfalls sehr gut ankam. Danach wurde der Abgang geprobt, aber der Theaterapplaus war derart stürmisch, daß unmöglich Schluß sein konnte. Die vielköpfige Band kam noch einmal schwungvoll zurück und bot den Besuchern mexikanisch anmutende Klänge. Sie stammten von dem flotten, an Calexico erinnernden Song "Her", bevor die wundervolle Ballade "She's Gone" den gelungenen Abend beendete.

Und ich muß diese Woche unbedingt noch ein paar Mal die Tindersticks laufen lassen, bevor meine Frau wiederkommt und die CD aus der Anlage bugsiert!

Setlist Tindersticks, Folies Bergères, Paris:

01: Intro
02: Yesterday Tomorrows
03: The Flicker Of A Little Girl
04: Feel The Sun
05: E Type
06: The Other Side Of The World
07: The Organist Entertains
08: Dying Slowly
09: If You're Looking For A Way Out
10: Sleepy Song
11: Say Goodbye To The City
12: Travelling Light
13: The Hungry Saw
14: Mother Dear
15: Boobar
16: All The Love
17: The Turns We Took
18: ?

19: My Sister (Z)
20: ? (Z)

21: Her
22: She's Gone



Ausblick auf den Konzertmonat Mai

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Wenn es nach dem britischen Musikmagazin NME geht, wird in Paris im Wonnemonat Mai die Musik der Zukunft zu sehen sein, oder zumindest einige Bands, die -laut Meinung der Schreiberlinge - die Zunkunft darstellen.

Häh, wovon redet der Oliver Peel da?, werden sich wohl einige Leser verwundert fragen. Nun, in seiner Ausgabe vom 26. April 2008 hat der NME eine seiner berühmt-berüchtigten Listen erstellt und aufgezeigt, wohin die Reise der Musikindustrie gehen soll. "The Future 50" - The Bands, Artists and Innovators driving music forward. Aha!? Eine Aufstellung der wichtigsten Bands, Künstler und Innovatoren, die die Musik voranbringt, also...

- Auf Platz 39: The Horrors. Diese jungen Waver aus England waren in letzter Zeit überhaupt nicht in Paris (obwohl sie für die 2007 er Ausgabe von Rock en Seine zumindest gemeldet waren), sind aber umtriebige Menschen, Farris produziert z.B. die Newcomer Hatcham Social, die am 7. April (na gut, nicht Mai, aber fast...) auf dem Hausboot Batofar gespielt haben, das an der Seine anliegt. Zuschauer: 20 (die Zunkunft?). Zudem betreibt die Band in England den Cave Club, wo auch die Girlgroup Ipso Facto ständig rumlümmelt. Und die sollten ja eigentlich am 26.04. als Vorgruppe der Long Blondes zum Einsatz kommen, hatten aber eine Reifenpanne, kamen zu spät und wurden vom Tourmanager der Long Blondes angeblich daran gehindert, aufzutreten. Mensch, der Typ hat mir die Sicht auf eine Band der Zukunft geraubt!

- Platz 38: Dave Brewis. Ein wichtiger Mann für die nordenglische Musikszene. Zusammen mit seinem Bruder Peter war er Teil der sträflich unterschätzten Band Field Music, leitet die Eight Music Cooperative In Sunderland und ermöglicht es so, jungen lokalen Bands gratis zu üben und Demos aufzunehmen. Im Moment hat er ein neues Projekt am Start, mit dem er vor kurzem in Paris (28.04) auch im Vorprogramm von Ruby Throat zu sehen war. Der Name: School of Language. Der NME beschreibt dies so: He is creating soundscapes so brainy they make Radiohead sound like The Fratellis.

- Platz 32: Diplo. DJ und Produzent von Rapperin MIA, die regelmäßig sensationelle Kritiken für ihre Alben eimheimst (wieso?, das ist doch unhörbar...) und neuerdings auch bei Santogold und Bonde Do Role am Ball. Am 7. Mai im Pariser Social Club an den Reglern und am 8. Mai im Berliner Tape Club.

- Platz 28: The Futureheads. Vom NME dafür gelobt, daß sie nach dem Rauswurf bei ihrem alten Label zusammen mit der Management- Firma Big Life einen Neustart gewagt haben und somit bewiesen, daß Bands heutzutage keine traditionelle Infra-Struktur mehr brauchen. Am 5. Juni im Pariser Trabendo und am 6. Juni bei Rock Am Ring.

- Platz 25: Tektonik Kids Of France. Häh, was iss'n das? Tektonik, nie gehört?! Es handelt sich um einen neuen Tanzstil, bei dem man die Arme schnell über den Kopf zieht und rhytmische Bewegungen macht. Ist das schon nach Deutschlang geschwappt? Die Französin Yelle hat auch diesen Tanz drauf, sie spielt am 23. Mai im Pariser Bataclan.

- Platz 21: Santogold. So ähnlich wie MIA, aber noch unhörbarer. Kritiker werden diesen Kram, der an ein Computer-Spiel erinnert, lieben, da bin ich sicher. Das schreit eigentlich nach Überprüfung! Am 20. Mai hätte ich im Pariser Nouveau Casino die Gelgenheit dazu. Und die Berliner am 22. Mai im Tape Club.

- Platz 17: Dirty Projectors. Auch dies keine leichte Kost. Letztes Jahr hat die New Yorker Band das 1981 Album "Damaged" von Black Flag umgepflügt. Was kommt als Nächstes? Am 8. Mai spielen die Innovatoren im Pariser Nouveau Casino.

- Platz 15: Geoff Barrow. Teil von Portishead. Und die sehe ich morgen, am 6. Mai 2008 im Pariser Zénith. Ob das Konzert hält, was es verspricht?

- Platz 12: Dev Hynes. Der Typ hinter Lightspeed Champion, seinem Folk-Projekt. Mit den Test- Icicles machte er damals noch auf New Rave. Schlecht ist beides. Am 15. Mai in der Pariser Maroquinerie anläßlich eines Inrocks Indie Clubs. Mit dabei: Glasvegas (NME: die neuen Jesus & Mary Chain) und These New Puritans.

- Platz 10: Crystal Castles. Das gemischte kanadische Elektro - Duo behauptet Klänge zu erzeugen, die ansonsten niemand herstellen kann. Na dann! Der NME merkt an: "If punk arrived tomorrow, it'd sound like these two. Am 22. Mai im Pariser Trabendo.

- Platz 3: Radiohead. Hierzu ist an anderer Stelle schon alles gesagt worden. Erstaunlich, daß eine Band, die durch das bloße Bereitstellen ihrer CD "In Rainbows" auf ihrer Webseite als revolutionär bezeichnet wird, obwohl unzählige kleine Bands diesen Weg schon vorher beschritten hatten (u.a. The Crimea). Am 9. und 10.6 in Paris-Bercy (POPB).






Samstag, 3. Mai 2008

22 - Pistepirkko, Paris, 02.05.08

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Konzert: 22 - Pistepirkko
Ort: Le Café de la danse, Paris
Datum: 02.05.2008
Zuschauer: recht gut besucht, aber nicht ausverkauft
Konzertdauer: 80 - 90 Minuten



Ladytron oder 22 Pistepirkko?


Ein wenig Chic, Sexyness und Glamour verpackt in mondäne elektronische Klänge oder Bodenständigkeit, Uncoolness und Geerdetheit in bluesigem Gewand, das waren die Alternativen für den heutigen Konzertabend.

Immer noch ein wenig geschockt von der Altherrenfraktion im Publikum bei Nick Cave tendierte ich zu Ladytron, denn ich hatte Bock auf junges, fetziges Publikum und fesche, stylische Damen auf der Bühne. Bei 22 Pistepirkko erwartete ich hingegen erneut gebildete alte Säcke und unprätentiös gekleidete Menschen. Noch einmal mein eigenes Spiegelbild ertragen müssen? Ungern! Sowohl Publikum als auch Musiker sollen doch bitte schön besser aussehen als ich selbst, ich will schließlich auch mal ein wenig träumen dürfen.

Andererseits schlug mein Herz in musikalischer Hinsicht eher für die Pistepirkkos, leicht experimenteller Rock mit Blueseinschlägen und vielen Ideen, das ist doch eigentlich genau das, was ich suche. Meine Entscheidung wurde mir letzlich abgenommen, denn die nette Dame bei Virgin, Champs Elysées richtete mir aus, daß Ladytron ausverkauft seien. Und 22 Pistepirkko? "Ja, da hätte ich noch ein Plätzchen anzubieten". "Gut, dann nehme ich das", sagte ich erleichtert und schlich aus dem riesigen Laden. Fast wäre ich in Karl Lagerfeld reingelaufen, der gerade dabei war, das Geschäft zu betreten. Sieh einer an, der Karl kauft also bei Virgin seine CDs und nicht bei der unweit gelegenen Fnac! Der Mann hat Recht, bei Fnac haben sie gerade die Indie-Ecke mit Pop/Rock verschmolzen und somit unter dem Strich weniger gute Musik als vorher, während bei Virgin das Angebot immer noch recht reichhaltig bleibt, auch was Vinyl anbelangt.

Von dem Modedesigner wird übrigens berichtet, daß er 80 (!) i-pods hätte und zigtausende CDs und Schallplatten (sein Favorit: Devendra Banhart), ich glaube bei ihm zu Hause würde es mir nicht langweilig. Aber würde er mich überhaupt einladen? Wohl kaum, er gilt da als sehr zurückgezogen und einzelgängerisch. Und auch die Finnen von 22 Pistepirkko würden ihn wohl kaum interessieren. Zu wenig stylish, zu alt, zu wenig Sexappeal. Karl bevorzugt Musiker, die er einkleiden kann und die potentiell in seine sauengen Klamotten passen, die er schneidert. Tokio Hotel zum Beispiel, die würden ihn bestimmt reizen. Dünn, jung, angesagt. Dünn sind die drei Finnen von 22 Pistepirkko auch, fast hager sogar. Aber jung und angesagt? Nö!

Dafür machen sie aber vorzügliche Musik, wovon ich mich heute abend im Café de la danse überzeugen konnte. Und extrem sympathisch sind sie obendrein.

Das Spektakel begann circa. um 21 Uhr. Erwartungsgemäß bestand das Publikum überwiegend aus Mitdreißigern -und auch Vierzigern, allesamt gebildet und kultiviert. Sehr angenehm also, hier war ich richtig. Und das Fehlen hübscher Damen kompensierte ich durch die Anwesenheit meiner Frau, die...nun ja, gleichzeitig höchst gebildet und hübsch und stylisch ist, das darf ich an dieser Stelle mal loslassen. Sie liest es ja hoffentlich nicht, sonst hebt sie noch ab. Aber genug jetzt mit den Äußerlichkeiten, außer vielleicht noch einem winzigen Satz über das Schuhwerk des Gitarristen und Sängers P-K Keränen. Der hatte nämlich unglaublich häßliche Latschen an, eine Art von Sandale, die aber nur hinten geöffnet war und auch ein wenig an der Seite. Meine Frau war obgleich dieses modischen Fauxpas etwas verwirrt, konnte kaum fassen, wie man eine solche Scheußlichkeit anziehen kann. Sie ist halt eben Französin und hält viel auf Ästhetik, wie alle ihre Landsleute...

Aber jetzt endlich zur Musik. Der Opener wurde von Espe Haverinen gesungen und das machte er so schön, daß wir noch nicht einmal mitbekommen haben, was er an seinen Füßchen trug. Wir hielten ihn für den Sänger, hatten die Band aber vorher noch nicht live gesehen. Ansonsten wäre uns klar gewesen, daß er sich den Gesangespart mit P-K Keränen teilt und zwar Liedweise. Jeder von den beiden darf mal ans Mikro. Verblüffenderweise wurde Song Nummer 2 der Setlist erneut von Espe gesungen, diesmal allerdings saß er dabei hinter seinem Schlagzeug. So etwas sieht man eher selten, meistens darf der Drummer nur im Background mitgröhlen, ein ganzes Lied von hinten aus zu bestreiten, ist hingegen nach wie vor ungewöhnlich. Er wollte sich auch so schnell das Zepter nicht aus der Hand nehmen lassen, auch Titel Nummer drei des Abends durfte er intonieren. Dann endlich kam der rechts postierte Gitarrist mit dem Bowlerhütchen und den oben ausführlich beschriebenen Latschen zum Zuge. Die Stimme von P-K war um einiges höher als die seines Kollegen, allerdings auch markanter und auffälliger. Gefiel mir sehr und war kaum mit den Kehlchen von anderen Sängern zu vergleichen. Vielleicht ein wenig mit dem Typen von Clap Your Hands Say Yeah? Oder Herrn Bramwell von I Am Kloot? Hmm, sehr vage vielleicht...Auch der musikalische Stil lässt sich nicht so leicht in eine Schublade stecken. Was wurde da gespielt? Blues? Ja, schon, aber auch nicht allzu dominant; Experimentelle Musik? Ja, auch, auf Grund der Samples, die der Bassist und Keyboarder Asko Keränen beisteuerte, jedoch nie so, daß es anstrengend, oder gar unhörbar wurde; Rock? Yes, sir und zwar manchmal in Richtung psychedelischer Krautrock (Can und Konsorten) gehend, ohne allerdings wirklich diesem Genre verpflichtet zu sein. Insgesamt also sehr eigen und das erlebt man man heuzutage ja eher selten. Eine Wohltat! Eine Freude! Ein Genuß!

Welche Titel wurden gespielt? Nun, logischerweise überwiegend Material vom neuen Werk "(Well You Know) Stuff Is Like We Yeah!", so z.B. "Crazy Meat" und "Suburban Ladyland", aber auch Altes wie "Just A Little Bit More", "Sad Lake City", "Onion Soup" und das heftig geforderte "Birdy", das Asko, der für das Reden zwischen den Songs zuständig war, dann auch auf Zuruf akzeptierte und an seine beiden Mitstreiter weiterdelegierte. Ein besonders schönes Lied, "Coffe Girl" wurde von P-K Keränen, dem Bruder von Asko, ganz alleine bestritten, ohne Frage ein Highlight eines sehr ausgewogenen und erlesenen Sets, das nach circa. 80 bis 90 Minuten sein Ende nahm. Und darauf, daß die Spielzeit eingehalten wurde, legte Asko genau wert: Um 22 Uhr 10 hielt er eine Wanduhr hoch und sagte dem Publikum, daß ihnen noch 20 Minuten verblieben. Sie sollen sich etwas wünschen. Größter Wunsch war wie erwähnt "Birdy".

Als der Zeiger jener Uhr, die inzwischen auf dem Boden lag, 22 Uhr 30 anzeigte, hörten die drei Burschen unter verdientem Applaus dann pünktlich auf. Asko wies in vorbildlicher Weise darauf hin, daß sie auch noch CDs, Vinylplatten und T-Shirts verkaufen würden. Kaufzwang bestünde allerdings nicht. An sich nicht ungewöhnlich, allerdings funktioniert bei den Finnen auch so etwas nicht auf die konventionelle Art. Die Platten wurden nämlich direkt auf der Bühne aufgestellt und nicht an dem draußen befindlichen Merchandising Stand im Flur. Asko buckelte Kisten heran, in denen es auch CDs gab und fragte mich sehr höflich von der Bühne runter, womit er denn dienen könne. Ich entschied mich für das schön gemachte aktuelle Vinyl-Album, weil es mir das Artwork mit der Ziffer 22, die an vielen verschiedenen Stellen auftaucht, angetan hatte. Andere Konzertbesucher orderten in erstaunlich großer Anzahl T-Shirts. Die waren in einem riesigem Reisekoffer versteckt, der so voll war, daß er fast aus allen Nähten platzte. Der hagere Asko wäre fast unter dem Gewicht des Gepäckstückes zusammengebrochen, erholte sich aber schnell von den Strapazen und händigte die bedruckten Teile in allen möglichen Farben gegen Bezahlung von 15 € aus. Ein pfiffiger Franzose wollte wohl handeln und hielt ihm eine 10 Euronote hin, woraufhin der Finne höflich aber bestimmt entgegnete: " I said 15, not 10!" Köstlich! Vor guten Kaufleuten habe ich Respekt und vor vorzüglichen Musikern noch mehr. 22 Pistepirkko sind beides.

Links:

- Eike vom Blog das Klienicum empfand das Konzert der Finnen, das sie am 10.04.2008 im 59:1 in München gegeben haben so. Unbedingt lesen!

- Original-Video von Birdy

- I Knew
- Onion Soup

Konzertbesucher von 22 - Pistepirkko könnte auch mögen:

- Deus (in der Kulturkirche in Köln April 2008)
- I Am Kloot in Paris 2008
- The Coral in Paris 2007
- Badly Drawn Boy in Paris 2006




Donnerstag, 1. Mai 2008

Interview dEUS, Köln, 14.04.08

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Interview: dEUS
Ort: Gemeindezentrum der Lutherkirche in Köln Nippes
Datum: 14.04.2008


Als ich an der KulturKirche ankomme, höre ich bereits dEUS von außen beim Soundcheck. Trotz der dicken Backsteinmauern ist "Slow" von der neuen Platte "Vantage Point" der Belgier so laut und deutlich zu hören, als stünde ich vor der Bühne. Ein paar Minuten später treffe ich dann Keyboarder und Geiger Klaas Janzoons an der Kellerbar des Gemeindezentrums. Klaas wirkt geschafft und müde.

Habt ihr schon einmal in einer Kirche gespielt?


Ja, in Amsterdam. Wir haben oft im Paradiso gespielt. Das ist auch eine alte Kirche.

Wird das denn auch noch als Kirche genutzt?

Nein. Ist das hier noch eine wirkliche Kirche?

Ja, hier finden ganz normale Messen statt - und ab und zu Konzerte.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß hier oft Bands wie wir spielen. Wir sind ja wirklich eine laute Band. Die Nachbarn mögen das sicher nicht.

Stimmt! Letztes Jahr sind die Editors hier aufgetreten. Sie mußten aber früher aufhören, weil die Nachbarn die Polizei gerufen haben.

Das kann ich mir wirklich vorstellen! Ich habe einen Club in Antwerpen. Wir machen da Konzerte und Parties. Der Club wurde wegen Ruhestörung zugemacht, obwohl es viel weniger laut wurde als hier. Ich mußte eine Menge zahlen, daß er wieder öffnen durfte.

Der Sound ist sicher eine Schwierigkeit in einem Raum wie diesem?

Es macht alles schwieriger. Es ist eben eine Kirche. Wir haben aber schon an verschiedenen Orten gespielt, wo der Klang problematisch war. Aber wir haben Leute, die sich darum kümmern. Es ist nicht ideal, wird aber funktionieren.

Eure Musik braucht ja auch einen klaren Sound.

Ja, weil so viel passiert. Bei einer Dreimann-Rockband ist das nicht so tragisch, aber bei uns mit Klavier, Violine und den unterschiedlichen Stimmen... Wir werden sehen, wie es funktioniert. Wir dürfen nur nicht zu laut sein, weil es sonst einen Einheitsbrei gibt.

Was waren die skurilsten Orte, an denen ihr Konzerte gespielt habt?

Wir hatten so viele Konzerte... In Frankreich sind wir ein paarmal in römischen Arenen aufgetreten, in Nimes und in Lyon. Das ist wirklich toll, weil Du weißt, daß das die Römer gebaut haben. Ich glaube, in Nimes haben wir mit Placebo gespielt und das Wetter war traumhaft. Beim Soundcheck hatte ich mich wie ein Römer angezogen und ich fühlte mich wie einer. Aber andere spezielle Ort? Vermutlich nicht, sonst würde ich mich erinnern.

Wo möchtest Du gerne mal auftreten?

Auf dem Mond.

Da möchte ich gerne auf die Gästeliste. Und andere Plätze?

Ach, ich habe bestimmt Tausend Konzerte hinter mir, mir fällt gerade nichts ein.

Ihr tretet bei T in the Park und in Deutschland beim Melt Festival auf. Was mögt ihr mehr? Festivals, Clubkonzerte?

Das ist ja komplett unterschiedlich. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Festivals können wirklich toll sein, weil man ein auf eine Stunde konzentriertes Set spielt. Es geht zack zack. Und wenn man spät auftritt, die Sonne untergeht und man draußen ist... das ist schon schön. In Clubs mag ich, daß es heiß und verschwitzt ist. Tagsüber bei Festivals aufzutreten ist aber zum Kotzen, das ist das allerletzte. Wir haben aber mal ein Festival in Thailand gespielt, in der knalligen Sonne, das war schon cool.

Kennst Du Bands aus Deutschland?

Ja, die großen Namen, die Toten Hosen, die Fantastischen Vier... oder Kraftwerk, das sind Deutsche, oder? Aber was es heute so gibt, weiß ich nicht, ich höre immer nur von Tokio Hotel.

Gibt es in Belgien eine echte Indie-Szene?

Wahrscheinlich mehr als hier. Wir haben in Belgien seit 25 Jahren Studio Brussel, eine sehr populäre Radiostation, die sehr viele Indiesachen spielt und viele Hörer hat, besonders in Flandern, weil es ein flämischer Sender ist. Im französischen Teil gibt es ein ähnliches Radio. Studio Brussel war für uns wichtig, denn wenn du eine junge Band bist, die Alternative ist, spielen sie dich da. Ohne den Sender wäre es für uns viel schwerer gewesen, bekannt zu werden. Wir haben also eine gute Musikszene, dank - nicht alleine aber zu einem großen Teil - dieser Station.

Ich muß gestehen, ich kenne nicht viele Bands aus Belgien. Ich habe zuletzt die Tellers gesehen.

Tellers? Nie gehört. Es gibt dEUS natürlich, Das Pop, Zita Swoon, dann Soulwax. Da gibt es die Band Soulwax und das Techno-Projekt Soulwax, das sind die gleichen Leute, einmal machen sie Rockmusik und dann Techno.

Ein lustiges Konzept...

Ein billiger Trick. Über ihre Remixe und Technosachen kennt sie jeder. Und so promoten sie dann ihre Rocksachen. Aber eigentlich ist das ja ok. Merkwürdig ist eben nur, daß das so zwei vollkommen verschiedene Stile sind. Es gibt eine Menge Bands in Belgien, auch viele ganz junge.

Gibt es einen Unterschied zwischen dem flämischen und dem französischen Teil Belgiens hinsichtlich der Musikszenen?

Wir kennen uns nicht. Das ist das komische. Bands aus Wallonien treten eigentlich nie in Flandern auf. Vielleicht liegt das an mangelndem Interesse an dem anderen... Es ist ein kultureller Unterschied zwischen beiden Teilen. Was die Bands aus Flandern ausmacht, ist daß sie viele Sprachen sprechen und weltoffen sind. Die Leute aus Wallonien orientieren sich sehr eng an Frankreich. Das einzige Land, mit dem wir unsere Sprache teilen, sind die Niederlande. Aber Holländer un Flamen sind auch so verschieden, daß wir uns nicht an denen orientieren. Also gucken wir uns um, sind offen. Das macht die flämischen Bands aus, glaube ich. In der Schweiz ist das ganz ähnlich. Das scheint typisch für kleine Länder mit unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen zu sein.

Mir ist das auch in Portugal aufgefallen. Die jungen Leute da sprechen viele Sprachen, gucken auch in andere Länder.

Wie auch in Skandinavien...

Ja, natürlich. Daher kommen ja viele der großen Indiebands aus Skandinavien. Natürlich gibt es auch in Deutschland oder Frankreich große Bands. Die konzentrieren sich aber auf ihre Heimatländer und sind außerhalb kaum bekannt. Oder Island. Die haben gerade mal 300.000 Einwohner, so wie eine kleine deutsche Stadt und sie haben viele hervorragende Bands.

Seid ihr in Island aufgetreten?

Ja. Natürlich in Reykjavik. Das war fantastisch. Das Konzert war ausverkauft, die Leute unglaublich freundlich. Ich bin da morgens aus einem Appartment rausgekommen, in dem wir bei wildfremden Leuten nach der Show gefeiert haben und trete auf die Straße, betrunken. Und das erste Auto hielt an und fragte, ob sie mich irgendwohin bringen könnte. Großartig!

Du hast eben Portugal erwähnt. Mir ist auch aufgefallen, daß ihr da oft seid. Gibt es besondere Beziehungen zu dem Land?

Wir waren da sehr schnell bekannt. Portugal war nach Belgien das erste Land, in dem wir große Konzerte gespielt haben. Als wir in Frankreich noch vor 600 Leuten aufgetreten sind, so vor zehn, fünfzehn Jahren, haben wir in Portugal schon 4.000 Zuschauer. Vielleicht, weil sich die Länder gleichen.

Gibt es irgendwen, mit dem du gerne einmal zusammenarbeiten möchtest?

Es gibt so viele große Bands. Die Queens Of The Stone Age liebe ich zum Beispiel sehr. Man müßte nur sehen, ob das zusammen passt. Wenn wir gemeinsam auftreten würden, würde ein Teil der Leute beides mögen, viele aber auch nicht. Die Queens Of The Stone Age würde ich wirklich gerne sehen.

Habt ihr oft die Gelegenheit, andere Bands, die ihr mögt, auch zu sehen?

Bei Festivals geht das schon gut. Da können wir eine Menge Bands spielen sehen. Radiohead habe ich einige Male gesehen. Von der Bühne aus, was toll ist, denn wenn du die nicht von der Bühne aus sehen kannst, stehst du einen Kilometer entfernt. Kraftwerk habe ich auch von der Bühne aus erlebt. Auf der Bühne zu stehen, wenn Bands auftreten, ist sehr angenehm, nur der Sound ist grausam.

Das letzte Mal seid ihr in Köln in der Live Music Hall aufgetreten, glaube ich?

Ich weiß es nicht mehr genau. Ich weiß, daß wir schon in Köln waren, ich erinnere mich aber nicht genau. Wir waren auch leider nie in der Stadt selbst, nur in den Clubs.

Für heute abend wünsche ich auf alle Fälle viel Spaß! Danke für das Interview!

Danke.





The Indelicates, Münster, 30.04.08

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Konzert: The Indelicates
Ort: Amp, Münster
Datum: 30.04.2008
Zuschauer: gut 100 (recht voll)
Konzertdauer: 60 min.


Bis Köln lief alles prima. Um 18 Uhr war ich mit den Indelicates zu einem Interview verabredet. Und weil es ja ein Quasi-Freitag an diesem Mittwoch war, so vor dem ersten Mai, war ich großzügig beim Einplanen der Reservezeit. Bis Köln rollte der Verkehr dann ja auch gut. Das erste Viertel meiner Reserve verlor ich am Dreieck Heumar. Viel erschreckender waren aber die Aussichten. Die Stauschau sprach von 220 km Stau in NRW, schnell anwachsend. Mich hätten davon schon einmal direkt 26 km betroffen. Um das Interview irgendwie zu retten, entschied ich mich für eine Flucht durchs Sauerland. Ohne Erfolg, denn je näher ich mich der A1 näherte, desto langsamer kam ich voran. Über (und durch) Dortmund und viele Flüche später hatte ich mich um 18 Uhr dann Münster immerhin bis auf 40 km genähert, worüber ich mich eine ganze Weile freuen konnte, am Kamener Kreuz ging nämlich nichts mehr. Da auch die Telefonnummer des Amp nicht ging ("der Anschluß ist vorübergehend nicht erreichbar"), blieb mir nichts, als mich damit zu vertrösten, daß ich immerhin noch ein schönes Konzert sehen würde - irgendwann.

Zweieinhalb Stunden später als geplant erreichte ich das Amp wirklich noch. Recht schnell begegnete ich in dem extrem süßen Club dann auch Julia Indelicate, der Sängerin und Keyboarderin, bei der ich mich eigentlich nur für das Versetzen entschuldigen wollte. Julia sagte aber gleich, daß wir das Interview noch machen sollten, wir müssten nur kurz auf Simon warten, der gerade eine Gitarre kaufe! Zeit war glücklicherweise reichlich, denn die Engländer sollten erst um 23 Uhr auftreten.

Nach dem Interview mit dieser unglaublich sympathischen Band (das morgen hier folgt) und Abendessen in der Stadt, kamen meine Konzertbegleiter und ich um kurz vor elf wieder im Amp an. Da spielte gerade noch die Vorgruppe The Sellers aus Münster, die ihrem Namen alle Ehre machte und eindrucksvoll viele Merchandising Artikel anbot. Musikalisch kann ich die Band mit Sängerin nicht beurteilen, da ich dafür zu wenig von ihr hörte.

Das Amp ist einfach wundervoll. Der Club ist verwinkelt, überall stehen Sofas und Sessel. Auf die Bühne geht man eigentlich direkt zu, wenn man reinkommt. Allerdings ist dies die Bühnenrückwand, die durch einen schwarzen Vorhang abgetrennt ist. Man geht einmal um dieses Vorhangkonstrukt herum, an einer großen Bar vorbei und kommt in einen kleinen Raum auf der anderen Seite der Bühne. Ich habe mich gleich in diesen Laden verliebt! Allerdings hatte ich mir natürlich auch die richtige Band dafür ausgesucht, schließlich sind mir die Indelicates in den letzten Monaten extrem ans Herz gewachsen.

Warum das so ist, war ganz schnell wieder klar. Die fünf Bandmitglieder sind unglaublich sympathisch und vermitteln, daß ihnen Auftritte großen Spaß machen. Daher sind Konzerte der Indelicates (das war mein viertes) eine ganz große Freude. Dazu kommt die Musik. Live ist die Band eine ganze Ecke härter als auf Platte. Die beiden Gitarren sind ordentlich rockig und laut. Julias wundervoll hohe Stimme wird ab und zu richtig punkig. Der Sound im Amp war zwar sicher nicht der beste, das tat einem großartigen Konzert aber keinerlei Abbruch.

Los ging es mit "
The last significant statement to be made in Rock'n'Roll", also schon einem der Hits der Indelicates. Simon benutzte noch seine alte Gitarre. Im Gegensatz zu Köln vergangene Woche war er aber wieder fit. Seiner Stimme merkte man keine Grippeschädigung mehr an. In Köln hatte er sich sichtbar durch das Konzert gequält. Das war durch große Begeisterung des Publikums honoriert worden. Hier war die Stimmung gleich gut. Der vielleicht 30 qm große Raum vor der Bühne war knallvoll. Ich kann nicht beurteilen, wie viele der Besucher die Indelicates vorher kannten. In einer indiephilen Stadt wie Münster waren das sicher einige. Sicheres Indiz dafür sind die Mitsänger bei B-Seiten oder anderen non-Album-Tracks (liebe Indelicates, wenn ich Euch das nächste Mal sehe, wünsche ich mir das herrliche "The sequel to Peter Pan and Wendy"!). Viele der Zuschauer haben vermutlich aber vorher nichts von der englischen Band gehört. Aber auch bei denen kamen sie bestens an, die Stimmung im Amp war nämlich ausgezeichnet.

Das Set war ein anderes als vor ein paar Tagen, was bei mir weitere Pluspunkte eingebracht hätte, wäre das noch möglich gewesen. Neu war für mich "Better to know" von "America Demo", das ich noch nicht live gesehen hatte. Nicht neu war aber, daß es so viele kleine Momente gibt, die einfach zauberhaft sind. Julia und Simon sind nicht nur Musiker, sie sind auch große Entertainer. "
Julia, we don't live in the 60's" beginnt live wie auf Platte mit der Flöteneinlage der Sängerin. Sie nutzte die Metallflöte aber erst einmal für ein wenig "Scarborough fair". Den Interpreten, der das traditionelle englische Lied auch einmal gesungen hat, imitierte Simon wieder bei" Heroin". In Köln hatte er offenbar spontan "Heroin" als Tom Waits und Bob Dylan gesungen. Daran hatte er scheinbar ähnlich viel Spaß wie das Kölner Publikum, im Amp fing er "my heroine is on heroin" wieder mit Bob Dylan Stimme an!

Nach "
"Julia, we don't live in the 60's" (und dem Abfeuern einer kleinen Konfettibombe) kündigte Simon das letzte Lied an. Julia erwiderte: "No, it's not our last song." Er kontrollierte die Setlist, hielt den kleinen Zettel, der unter ihrem Keyboard lag, hoch und beschwerte sich, daß er mit so etwas arbeiten müsse.

Wirklich der letzte Song vor den Zugaben war "
Our daughters will never be free", das ich schon immer mochte, das mich aber im Amp vollkommen vom Hocker gerissen hat. Im Gegensatz zu den zwei oder drei Versionen, die ich kenne, ist das Lied live viel spärlicher arrangiert. Am Anfang ist da nur Julias traumhafte Stimme, dann setzt der Bass von Kate Newberry ein. Und die Stelle war für mich die schönste des Abends!

Die Zugaben waren diesmal "Pete Doherty", das Simon alleine sang und am Ende "We hate the kids". Dazwischen spielten sie "Heroin", mit einem Moment, der mir auch eine Antwort auf meine Ausgangsfrage, warum ich die Indelicates so sehr liebe, gab. Nach seiner Bob Dylan Strophe hatte Simon den Faden verloren. "Wie geht es weiter, Julia?" - "She's not dirty, she's past thirty".

Konzerttermine The Indelicates:

02.05.08 Biel, Schweiz
03.05.08 Berlin, Bang Bang Club
05.05.08 Wien, B72
06.05.08 Dresden, Beatpol
07.05.08 Erfurt, Engelsburg
14. - 16.08.08: Frequency Festival Salzburg

Setlist The Indelicates, Amp, Münster:

01: The last significant statement to be made in Rock'n'Roll
02: Sixteen
03: America
04: Stars
05: New art for the people
06: Fun is for the feeble minded
07: Vladimir
08: Better to know
09: Julia, we don't live in the 60's
10: Unity Mitford
11: Our daughters will never be free

12: Waiting for Pete Doherty to die (Z)
13: Heroin (Z)
14: We hate the kids (Z)

Links:

- aus dem Archiv:
- The Indelicates, Köln, 24.04.08
- The Indelicates, Köln, 04.10.07
- The Indelicates, Frankfurt, 30.09.07



 

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