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Montag, 12. November 2012

Festival des Inrocks, Paris, 07.11.12

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Konzert: Festival des Inrocks 2012
Ort: La Cigale
Datum: 7.11.2012
Zuschauer: ausverkauft, bzw. fast ausverkauft (8.11)
Konzertdauer: Daughter noch nicht einmal 30 Minuten, Lambchop 52, Tindersticks 55 Minuten



Wieder einmal Festival des Inrocks in Paris, dieses Mal gesponsort von Volkswagen. Deutsche Bands gab es dennoch keine, was aber nicht weiter schlimm war. In der 25 jährigen Geschichte dürften ohnehin noch nicht viele (noch keine?) Gruppen aus l'Allemagne angetreten sein. Interessanterweise sind aber auch die französischen Formationen eher rar gesät. Die Zeitschrift Les Inrockuptibles, kurz les Inrocks, mag es international und lädt deshalb vor allem Gruppen aus England und Amerika ein. Dennoch ist es ein sehr französisches, in insgesamt 7 Städten stattfindendes Clubfestival, ganz im Gegensatz zum Pitchfork. Das Publikum ist typisch pariserisch und es wimmelt nur so vor bohème bourgoise, kurz bobos, Leuten die für Indielabel arbeiten und vor Journalisten  und Bloggern aus der Seinemetropole.


Den Abend in der wundervollen Cigale mit Lambchop und den Tindersticks wollte natürlich jeder sehen, wenngleich der Gig erst zwei Tage vorher ausverkauft wurde.

Um 19 war es in meiner Abwesenheit mit der französichen 10er Kapelle Mermonte losgegangen, die rein instrumental agierte und damit viele langweilten.


Zu Daughter um 19 Uh 45 war ich aber pünktlich mit dabei. Es galt die guten Eindrücke vom Auftritt beim Haldern Pop Festival bestätigt zu bekommen. Gespannt wartete ich darauf, daß es endlich losging und ich stand glücklicherweise auch sehr weit vorne, um alles ganz genau mitzubekommen. Dann ging das Licht aus und die jungen Briten um die schwarzhaarige Bobfrisur Trägerin Elena Tonra marschierte fast lautlos ein. Eine stille Truppe, diese Daughter, sehr bescheiden und angenehm, aber nicht wirklich charismatisch, obwohl Christoph das in seinem Bericht aus Luxemburg  anders gesehen hat. Dafür sind sie einfach noch viel zu schüchtern und es ist fast bezeichnend, daß sich die Sängerin hinter ihren Haaren versteckt und man nur ganz selten ihre Augen sieht. Oft kicherte sie in sich hinein, überließ das Reden aber sonst dem Hütchen tragenden Gitarristen, der extrem gut französisch sprach. Viel Zeit zum Plaudern gab es aber nicht, denn die Spielzeit war extrem kurz bemessen. Noch nicht einmal 30 Minuten lang durften Daughter zeigen, was sie drauf haben.




Aber was hatten sie denn drauf? Gab es bei ihnen irgend etwas zu hören, was man bisher noch nicht kannte? Nein, das bei aller Liebe nicht. Der sehr klare und ungemein schöne Gesang von Elena erinnerte auch vor allem hinsichtlich der Betonung der einzelnen Wörter an Laura Marling, Lucy Rose, Emmy The Great oder Tiny Ruins, während die epischen Gitarren so oder so ähnlich auch bei Post Punk Bands wie Interpol oder Postrockbands wie Explosions In The Sky zu hören sind. Nichts Neues also, aber Altbekanntes wurde äußerst wohlbekömmlich zusammengerührt. Das war hübscher Folk mit Postrockelementen, ganz der Moderne verpflichtet. Erdig klang hier nix, eher dreampoppig und der Einsatz der akustischen Gitarre kam konsequenterweise eher selten vor. Der Aufbau der Lieder ähnelte sich. Nach langsamen Beginn, spitze sich die Atmosphäre zu, wurde dichter und intensiver und am Ende gab esfast wie auf Bestellung das große Finale wütender Gitarren und erregter Schlagzeugsalven. Diesbezüglich dachte ich deshalb auch an die Band Lanterns On The Lake

Letztlich war das ein Sound, der in aktuellen britischen Folk- und Dreampopszene förmlich in der Luft lag, der aber bisher noch von keiner jungen Band so bezaubernd, charmant und elegant umgesetzt wurde.

In einem sehr ausgewogenen Set schoss das letzte Stück Home den Vogel ab. Hier wurde die Leise-Laut- Formel so perfekt dargeboten, das selbt Skeptiker zumindest über dieses Stück jubelten. "Mir alles ein bißchen zu ruhig, das letzte Lied war aber super", diesen (oberflächlichen) Spruch hörte man  hinterher gleich mehrfach.

Setlist Daughter, Festival des Inrocks 2012

01: Landfill
02: Love
03: Candles
04: Youth
05: Tomorrow
06: Home


Wem Daughter zu ruhig waren, der muss sich bei Lambchop erst recht gelangweilt haben. Die nach den Briten startende Band aus Nashville, spielte durchgängig leise auf, was Fans aber natürlich wussten. Mich störte das nicht im Geringsten, ich genoß diese Entschleunigung in vollen Zügen, war begeistert von den süß-sauren Stories des tief und gestenreich intonierenden Käppiträgers Kurt Wager und hatte auch viel Spaß an der feinen Instrumentierung mit Klarinette, Saxophon, Kurzweil und einem gerührten Schlagzeug. 



Es war wirklich ein Konzert für Kenner und Genießer, die die Geduld aufbrachten, in Ruhe zuzuhören, zu relaxen und  alles andere auszublenden. Dies gelang mir und ich tauchte tief ein in die herrlich warme Atmosphäre dieser sentimentalen, warmherzigen und trostspendenden Lieder, die fast alle vom aktuellen Album Mr. M stammten, in dem es einen starken Bezug zum Tode von Vic Chesnutt gibt. Ich besitze dieses Machwerk gar nicht, bin aber nun fest entschlossen, es mir schleunigst zuzulegen, um mich mit eleganten Kleinoden wie Kind Of, Gone Tomorrow oder Mr. Met zu belohnen. Mr. Met war eines der auffälligsten Stücke, bei dem es sogar am Ende eine richtige Tempobeschleunigung gab, die die Ruhe kurzzeitig beendete. Lautestes Stück war aber Nothing But A Blur From A Bullet Train von dem Album Aw C'Mon, bei dem es Kurt Wager fast nicht auf seinem Stuhl hielt. Ohnehin rotierte der Brillenträger ständig herum und ich fragte mich, warum er eigentlich nicht im Stehen performte, bei seinem Temperament. Er freute sich sichtlich über den tosenden Applaus nach jedem Lied und in einer bemerkenswerten Szene feuerte er die Leute sogar an, noch viel lauter zu werden. Beim endgültigen Abgang nach gut 50 Minuten klatschte er fest in die Hände, ließ sich feiern und schien ziemlich gerührt von dem warmherzigen Empfang.


Er und seinen Band bekamen diesen vollkommen zu recht, das war ein ganz ausgezeichnetes Konzert!

Setlist Lambchop, Festival des Inrocks 2012

01: Kind Of (Mr. M)
02: Gone Tomorrow (Mr. M)
03: Nothing But A Blur From A Bullet Train (Aw Cmon)
04: If Not I'll Just Die (Mr. M)
05: 2B2  (Mr. M)
06: Interrupted (What Another Man Spills)
07: Mr. Met (Mr. M)
08: The New Cobweb Summer (Pet Sound Sucks)
09: Nice Without Mercy (Mr. M)


Tja und dann kamen noch die Headliner Tindersticks aus England. Vielgerühmt ist deren Eleganz und Klasse und die tiefe Grabesstimme von Sänger Stuart Staples wird von Fans auch immer wieder mit euphorischen Kommentaren bedacht. Auch ich hatte die seit fast 20 Jahren bestehende Band aus Nottingham schon einmal in ausgzeichneter Verfassung erlebt, erinnere mich aber auch an einen anderen Auftritt im Bataclan, bei dem ich mich phasenweise gepflegt gelangweilt habe. Ist halt eben Altherrenmusik, genau wie Lambchop auch, selbst wenn die Tindersticks deutlich rockigere Stücke im Repertoire haben als die Gruppe von Kurt Wagner. Heute in der Cigale bekamen wir eine Mischung geboten, dynamischere Titel hielten sich mit geruhsameren Tracks die Waage. Letztlich war es eine Darbietung ihres aktuellen Albums The Something Rain + 3 Stücke aus dem Backkatalog.


Highlighst waren für mich die flotteren Sachen, allen voran This Fire Of Autumn und Frozen. Anders als auf dem Album gab es glücklicherweise keine weiblichen souligen Backgrondgesänge, unnötiger Zierrat wurde hier also weggelassen. Dennoch war die Instrumentierung gewohnt fein und ausgewogen und mein besonderes Interesse galt dem Drummer in seinem schicken Anzug, der ganz lässig seinen Part spielte und dabei Können und Klasse bewies.


Unbedingt Erwähung finden muss auch noch der vom Album Simple Pleasure stammende Song I Know That Loving. Die Atmospähre war hierbei so herrlich knisternd und siedend heiß, die Gitarren so düster und gefahrverheißend.


Auch toll der Sleepy Song, der zwar seinem Namen gemäß wahnsinnig verschlafen anfing, aber mit seinem fantastischen Trompetenpart auftrumpfen konnte.

Ingesamt spielten die Tindersticks knapp eine Stunde, verweigerten aber den heftig klatschende Fans eine Zugabe.

Unter dem Strich ebenfalls ein gutes Konzert, wenngleich mir Lambchop an diesem Tag einen Tick besser gefallen haben

Setlist Tindersticks, Festival des Inrocks 2012

01: If You Are Looking For A Way Out (Simple Pleasure)
02: Show Me Everything (neu)
03: This Fire Of Autumn (neu)
04: A Night So Still (neu)
05: Sleepy Song
06: I Know That Loving (Simple Pleasure)
07: Slippin' Shoes (neu)
08: Frozen (neu)
09: Come Inside (neu)
10: Goodbye Joe (neu)




Mittwoch, 10. Oktober 2012

Tindersticks, Düsseldorf, 07.10.12

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Datum: 07.10.2012 
Ort: Robert-Schumann-Saal, Düsseldorf (New Fall Festival)
Zuschauer: ca. 600
Dauer: The Black Atlantic ca. 30 Minuten, Tindersticks ca. 75 Minuten


von Dirk von Platten vor Gericht


Am letzten Abend des New Fall Festivals kamen noch einmal rund 600 Zuschauer in den Robert-Schumann-Saal. Zunächst erfuhren erst einmal alle Freunde dieses schönen Festivals, dass es auch eine dritte Auflage geben wird, und zwar vom 16. bis 20. Oktober 2013. Early Birds-Tickets wird es bereits ab nächste Woche, also lang vor der ersten Bestätigung, zu kaufen geben. Wer aber, wie dieses Jahr geschehen, ein Line-Up mit Künstlern wie The Notwist, Get Well Soon, Dear Reader, Dillon und Tindersticks auf die Beine stellt, dem kann man sicherlich zutrauen auch für das nächste Jahr ähnlich tolle Bands zu buchen. 

Doch bevor letztgenannte Band das New Fall Festival 2012 beschließen konnte, betraten zunächst fünf junge Burschen aus Holland die Bühne: Geert van der Velde, Kim Janssen, Matthijs Herder und der Schlagzeuger Simon van der Heide wurde noch von einem namentlich nicht genannten Keyboarder unterstützt. Von Kritikern wurde ihr erstes Album „Reverence For Fallen Trees“ häufig mit den Fleet Foxes und Bon Iver vergleichen und passend dazu trugen die drei Jungs an den Saiteninstrumenten auch Holzfällerhemden. Mit „Madagascar“ verirrte sich jedoch nur ein Stück aus ihrem Debütalbum in die aus 6 Titeln bestehende Setliste. Ansonsten wurde ihre aktuelle EP „Darkling, I Listen“ komplett gespielt. Das halbstündige Konzert war kurzweiliger und spannender als erwartet, da die Lieder energetischer und weniger verhalten dargeboten wurden als auf dem Tonträger.

Die Begrüßung durch Geert van der Velde erfolgte zunächst auf deutsch, doch danach erfolgten alle weiteren Ansagen in englischer Sprache. So erfuhren wir zum Beispiel, dass er seine Band nach einem Buch mit dem Titel The Black Atlantic benannt habe, er gestand aber auch, es nie gelesen zu haben. Aufmerksame Zuschauer hatten vielleicht bemerkt, dass er sich nach dem Opener „The Aftermath“ die Strümpfe ausgezogen hatte – und auch dafür bekamen wir eine Erklärung, nämlich dass er gewöhnlich ohne Schuhe spiele, diese Bühne jedoch ungewöhnlich glatt sei. Abgesehen davon war er voll des Lobes für den wundervollen Saal und freute sich wie alle anderen Anwesenden die Tindersticks in solch einem Ambiente erleben zu dürfen.


Setliste The Black Atlantic, New Fall Festival, Düsseldorf:


01: The Aftermath (Of This Unfortunate Event)

02: Madagascar
03: The Flooded Road (Built On Sand)
04: Darkling, I Listen
05: Quiet, Humble Man
06: An Archer, A Dancer
 

Um 20:45 Uhr betraten dann die Tindersticks für das letzte Konzert des Festivals die Bühne. Die Herren waren wie immer passend in Anzug oder doch zumindest mit Hemd und Weste gekleidet und Herr Staples trug sogar ein Lächeln auf dem Gesicht. „If You’re Looking For A Way Out“ eröffnete ihr Set, wurde aber leider von technischen Problemen am Gitarrenverstärker, der zunächst nur lautes Knacken erklingen ließ, begleitet. Danach wurde mit „Show Me“ und „This Fire Of Autumn“ das Augenmerk auf ihr aktuelles Album „The Something Rain“ gerichtet, aus dem ein Großteil des Sets bestritten wurde. Staples sang sehr in sich gekehrt, oft mit geschlossenen Augen und griff abwechselnd zu Tamburin, Klangstäben, Melodika oder unterschiedlichen Gitarren. Eine Kommunikation mit dem Publikum fand, abgesehen von genuschelten „Thank you“s nicht statt.

Im Vergleich zu vielen Studioaufnahmen fehlten der weibliche Hintergrundgesang, den Dan McKinna (Bass) und Earl Harvin (Schlagzeug) gemeinsam ersetzten, und die Streicher. Durch das sehr druckvolle Schlagzeug und Neil Frasers Gitarrenspiel erhielten somit viele Lieder mehr Biss und waren deutlich besser als auf Platte, etwa „This Fire Of Autumn“, bei dem David Boulter seine Tasteninstrumente gegen ein Glockenspiel eintauschte, oder später „Harmony Around My Table“.

Leider gibt es auch weitere technische Schwierigkeiten zu vermelden: Bei „A Night So Still“ streikte etwas am Schlagzeug, so dass erst der 4. Versuch gelang, was die Band noch mit Humor nahm, als bei „Dying Slowly“ Frasers Gitarre wieder aussetzte, verdunkelte sich seine Miene jedoch deutlich. Vielleicht lag hierin der Grund dafür, dass die Tindersticks danach von ihrer ursprünglichen Setliste abwichen und die eigentlich vorgesehenen „Second Lovers Song“ und „Dick’s Slow Song“ ausließen und statt dessen „Factory Girl“ einbauten. In Ermangelung der Townes van Zandt-Coverversion stellte „Friday Night“ von Stuart A. Staples erstem Soloalbum die ungewöhnlichste Songauswahl an diesem Abend dar.


Zum Konzept des New Fall Festivals gehört es, dass am Ende des letzten Songs im Hauptteil Seifenblasen auf das Publikum hinunter schweben. Konnten diese beim Eröffnungskonzert von The Notwist in der größeren Tonhalle noch in Hunderter-Einheiten gezählt werden, so war der Spuk beim Abschlusskonzert im Robert-Schumann-Saal schnell vorbei. Doch auch den Tindersticks ging zu schnell die Puste aus. Nachdem Stuart Staples doch noch zum Publikum gesprochen und sich für „making this a remembering evening“ bedankt hatte, beschloss „My Oblivion“ recht frühzeitig das Set. 

Zwar kam das Quintett noch einmal für zwei tolle Zugaben („Tiny Tears“ und „Harmony Around My Table“) zurück, doch im Vergleich zu den anderen von mir im Rahmen dieses Festivals besuchten Konzerten (The Notwist 100 Minuten, Get Well Soon 90 Minuten) war dies leider mit 75 Minuten das kürzeste. Auch wenn ich mir einen längeren Auftritt und mehr Titel aus den Anfangsjahren der Band gewünscht hätte, bildete das Konzert der Tindersticks dennoch den schönen Abschluss eines tollen Festivals in ganz wundervollen Räumlichkeiten.

Setliste Tindersticks, New Fall Festival, Düsseldorf:

01: If You’re Looking For A Way Out
 
02: Show Me
03: This Fire Of Autumn
04: A Night So Still
05: Friday Night (Stuart A. Staples)
06: Dying Slowly
07: No Place So Alone
08: Factory Girl
09: Slippin’ Shoes
10: Frozen
11: My Oblivion

12: Tiny Tears (Z)

13: Harmony Around My Table (Z)



Mittwoch, 20. Juni 2012

Naked Song Festival, Eindhoven, 16.06.12

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Konzert: Naked Song Festival

Ort: Muziekgebouw Frits Philips, Eindhoven

Datum: 16.06.2012
Zuschauer: etwa 900

Konzertdauer: jeweils ca. 50 Minuten


Bericht von Uwe Runia, Fotos von Marcel Houweling


Wie hatte ich nach dem letzten Jahr geschrieben: "Kann man wiederholen." Gesagt, getan. Nach den ersten Programmankündigungen wurde die Karte bestellt und nach und nach wurde die Vorfreude größer.


Durch eine etwas zu späte Abfahrt und daraus resultierend eine (wenn auch nicht allzu lange) Schlange beim Einlass kam ich etwas zu spät zum ersten Auftritt, Tiny Ruins im kleinen Saal.

Dabei handelt es sich um das Projekt der Neuseeländerin Hollie Fullbrook. Sie wurde von einer Bassistin und einem Posaunisten begleitet. Die Posaune sorgte für eine Auflockerung der doch recht ruhigen Stücke, die mich nicht so ganz mitreißen konnten. Trotzdem ein schöner Anfang für den Tag.


Nach diesem Auftritt hatte ich erst mal "frei", der nächste geplante Auftritt war erst in zwei Stunden fällig und ich wollte die Zeit mit Essen/Trinken und ein paar Gesprächen verbringen. Aber beim Weg aus dem Konzertsaal kam ich an der sogenannten "Mix Stage" vorbei, wo jede Stunde ein Musiker interviewt wurde und ein paar Stücke akustisch spielte. Da fing gerade der Kurzauftritt von Jim White an, auf den hatte ich mich sehr gefreut und daher blieb ich stehen, hörte mir ein paar sehr schöne Stücke an (sofort am Anfang "Jailbird", eins meiner Lieblingsstücke von ihm) und erfreute mich wieder mal an den tollen Fragen die Journalisten manchmal auf Lager haben. Musikjournalisten sind anscheinend auch nicht besser als Sportjpurnalisten ("Erik Zabel, wieder nur zweiter. Woran lag's?", ein Klassiker) - nachdem Jim erzählte das er mehr als 10 Jahre in New York Taxi gefahren ist (und dabei alles erlebt hat von gestohlenem Geld bis zur Pistole am Kopf) bevor er mit der Musik anfing kam die Frage: "Do you miss that?". Ein konsternierter Blick und dann ein langsames und deutliches "No" mit einem sehr erstaunten Unterton in der Stimme.

Danach doch noch etwas essen, Smalltalk halten und ein halbes Stündchen der Belgierin Renée (schöner Pop-Folk mit Gitarre, Cello und Keyboards, kommt auf die Beobachtungsliste) zugehört und schon war die Pause vorbei.


Nach der Absage von Howe Gelb wurde Abigail Washburn in den großen Saal verlegt. Ich war zuerst ein wenig traurig weil das nicht unbedingt der intime Rahmen war den ich mir für ihren Auftritt eigentlich gewünscht hatte. Aber sie fegte mit ihrem Begleiter Kai Welch (Gitarre, Keyboards, Trompete, Gesang) alle Bedenken aus dem Raum. Tolle Musiker, die ihren Folk/Weltmusik-Mix (ein Lied sogar in Mandarin) überzeugend darboten. Ein Stück trauten sie sich sogar in diesem Riesensaal unverstärkt nur mit Gesang und Trompete vorzutragen ("because we can") und brachten den nicht ganz vollen Saal beim alten Gospelstück "Keys To The Kingdom" zum Mitschnippen und Mitsingen - Respekt! Mindestens ein Konzertbesuch beim nächsten Europabesuch steht auf dem Zettel.

Weil Abigail etwas zu lange Soundcheck hatte und verspätet anfing spielte sie konsequent auch 10 Minuten zu lang und dadurch wurde es mal kurz etwas ungemütlich weil ich schnell in den anderen Saal zu Jim White wechseln musste. Das klappte aber noch sehr gut und ich konnte einen Platz ziemlich vorne ergattern.

Zusammen mit seinen belgischen Begleitern an Kontrabass und Gitarre und einer Batterie an Pedalen zum Loopen und zum Abruf des elektrischen Schlagzeugers folgten sehr schöne 45 Minuten, der zweite Höhepunkt des Abends. Tolle Songs (obwohl naturgemäß wegen der Kürze des Festivalauftritts etliche Favoriten fehlten) in schönen Versionen und zwischendurch als Einleitung zu "If Jesus Had A Motorhome" die sehr lange Geschichte von etlichen Jesus Impersonators in seiner damaligen Heimatstadt Pensacola ("für Jesusse das was Memphis für Elvisse ist"), mit knochentrockenem Humor gewürzt. So etwas mag ich ja sehr und es ist schön das auch bei etwas größeren Konzerten zu hören. Zum (leider pünktlichen) Schluss ein rockendes "Handcuffed To A Fence In Mississippi" und dann war es leider schon vorbei.

Wieder Umsteigen in den großen Saal, als erste Headlinerin stand Agnes Obel auf dem Plan. Von ihr kannte ich nur den Namen und wusste das sie mit ihrer Musik sehr erfolgreich ist, gehört hatte ich von ihr aber noch nichts. Begleitet von einer Cellistin setzte sie sich hinter den aufgebauten Flügel und spielte ihre Musik, die ich spontan als Klassik-Pop bezeichnen würde. Sehr intensiv und sehr schön, leider mit einigen technischen Problemen bei ihrem Gesangsmikro (der einzige technische Zwischenfall, schade). Als einziges Stück erkannt habe ich die Coverversion von John Cales "Close Watch" mit abgewandeltem Schlussteil. Spannend war auch in diesem Musikzusammenhang der Einsatz von Loops beim Cello um ein Rhythmusfundament unter einige Stücke zu legen.

Nach drei großartigen Konzerten hintereinander war ich etwas geplättet und nicht mehr so recht aufnahmefähig. Daher schaute ich mir Doug Mcleod nur für zwei Stücke an, nahm mir Zeit für ein Bier und ein wenig Unterhaltung und verpasste gleichzeitig auch noch Gemma Ray (eigentlich sehr schade, aber zu viel ist zu viel). Als Ausgleich konnte ich aber eine tolle Lösung im Getränkebereich beobachten. Im "Meneer Frits", einem zum Muziekgebouw gehörenden Restaurant in dem auch Auftritte stattfanden, wurden die Getränke in Gläsern verkauft; im restlichen Gebäude in Plastikbechern. Was macht man nun wenn ein Besucher aus dem Restaurant zu einem anderen Auftritt möchte? Klar, am Ausgang saß eine junge Dame an einem Tisch mit Plastkbechern, wer mit Getränk rauswollte musste umschütten - so sind sie beim Bier, die Niederländer.


Zum Abschluss im großen Saal spielten die Tindersticks. Auf die hatte ich mich eigentlich auch gefreut, aber ihre Stücke plätscherten so vor sich hin, Stuart Staples ist keine Rampensau und von den Musikern riss es auch keiner raus. Vielleicht lag es daran das der Kopf schon voll war, aber die Band die ich zu Hause ab und an recht gerne von Konserve höre überzeugte live an diesem Abend nicht. Man sollte gehen wenn es am schönsten ist, leider weiß man bei einem Festival nicht wann dieser Punkt erreicht ist. Aber dieser kleine Dämpfer zum Abschluss ändert nichts am positiven Fazit auch für dieses Jahr: "Kann man wiederholen."



Freitag, 9. März 2012

Tindersticks, Wien, 02.03.12

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Konzert: Tindersticks (FM4-Radiosession)
Ort: Radiokulturhaus, Wien
Datum: 02. 03. 2012
Zuschauer: volles Haus, ca. 250
Dauer: 55 Minuten

Die Türen sind längst zu, das Licht brennt noch. Auf der Bühne tut sich wenig, ein Roadie klebt die Setlists ohne Eile aufs Parkett. Das Publikum sitzt seit einer halben Stunde, ebensolang steht Martin Blumenau schon neben dem Seiteneingang. Alles ist angerichtet für einen großen Abend, allein: die Protagonisten fehlen.

Kurz darauf wird es dunkel, FM4-Moderator Blumenau schreitet auf die Bühne und fängt an zu erzählen. Von einem Tindersticks-Konzert im Wien des vergangenen Jahrtausends, dem nachfolgenden nächtlichen Streifzug von Band und Exponenten des Musikbetriebes durch die Stadt und einer von der Dämmerung begleiteten Heimkehr in das Hotel der Band (Fürstenhof, eh klar). Dort ist ein Mitglied der Band in ein Gespräch mit seinem Gegenüber vertieft, es ist in etwa halb fünf oder eine ähnliche verquere Zeit.

Das sei es, was die Tindersticks ausmache: Songs als intime Gespräche, die einen das Rundherum vergessen lassen, so als säße man unter einer Käseglocke. "Beziehungsweise Quargelsturz", ergänzt Blumenau. Ein bisschen Lokalkolorit darf eben auch bei einer Radio Session sein.

Eine sehr schöne Vorstellung der Gäste, fast mit Stammbuch-Charakter, die die ungeplante Wartezeit schnell wieder vergessen lässt. Apropos: Die aus allen Ecken Europas angereisten Bandmitglieder hätten Probleme mit Flug, Bus und Taxi gehabt, seien deshalb erst verspätet eingetroffen und hätten dann auch noch die Setlist adaptieren müssen, erklärt Blumenau. "Rock'n'Roll halt."

Dann kommen die Tindersticks, diese Altherrenriege mit zeitlosem Charakter, Stuart Staples als vorletztes. Eingehende Begrüßungsworte gibt es keine, dafür einiges zu schauen - die Band hat sich im Zuge ihres Comebacks neu formiert und somit auch ein wenig ein anderes Gesicht. Begonnen wird komplementär dazu mit einem Song aus der Frühphase. "Was there once something so pure, that left me whole and precious?", fragt sich Blood.

In dieser Tonart geht es zunächst weiter, es werden mehrere Songs aus der Phase vor der zwischenzeitlichen Auflösung dargeboten, alle mit einer begeisternden Perfektion, zusätzlich von der hervorragenden Akustik profitierend.

Fraglos ein sehr gutes Konzert von noch besseren Musikern, aber es fehlen doch die großen Momente und die Kommunikation mit den Menschen in den gemütlichen Sesselreihen des Radiokulturhauses.

Besser wird das dann, als die neuen Songs, This Fire of Autumn oder Medicine etwa, zum Einsatz kommen. Diese warten mit einer Prise mehr Schwung und Soul auf, lassen das Konzert dann langsam in Fahrt kommen. Die gewonnene Dynamik kann aber nicht völlig über die angeschlagene Stimme Stuart Staples hinwegtäuschen, an die Grenzen kann der charismatische Kopf der Band an diesem Abend nicht gehen.

In Spiellaune präsentiert sich dafür die Band (hervorgehoben seien hier vor allem Schlagzeuger Earl Harvin und Saxofonist Terry Edwards) deren erstes Konzert der Tour genau dieses in Wien ist. Aufgrund von Stimmbandproblemen eben hatten Tindersticks die ersten Termine absagen müssen, dass sie an diesem Tag in Wien sind ist angesichts dieser Tatsache schon bewundernswert.

Nach fünfzig Minuten ist der Auftritt vorbei, kein großartiger zwar, ein sehr schöner und intimer, aber kein gänzlich befriedigender. "We have to take care. Hope you understand."

Eigentlich haben sich Tindersticks höchst elegant aus der Affäre gezogen. Ein sehr formidables Konzert gespielt, die Erwartungen nicht enttäuscht, aber doch Luft nach oben gelassen und damit auch Lust auf mehr gemacht. Lust, die sehr bald gestillt werden kann, kommen die englischen Vorzeige-Schwermütler ja sehr bald wieder. Und dann auch ohne angezogene Handbremse.

Setlist Tindersticks, Radiokulturhaus, Wien:

01: Blood
02: If you're Looking for a Way Out
03: Dick's Slow Song
04: Cherry Blossoms
05: This Fire of Autumn
06: A Night so Still
07: Medicine
08: Slipping Shoes
09: Show me Everything


Aus unserem Archiv:
Tindersticks, Paris, 03.05.10
Tindersticks, Paris, 05.05.08


Danke für die Fotos an Christian Stipkovits/FM4!
Der Bericht wurde für FM5 verfasst und befindet sich unter CC-Lizenz in dessen Eigentum.


Dienstag, 4. Mai 2010

Tindersticks, Paris 03.05.10

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Konzert: Tindersticks (The Unthanks)

Ort: Le Bataclan, Paris
Datum: 03.05.2010

Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: Tindersticks 90 Minuten



Verflixt! Die doofe U-Bahn ist mir vor der Nase weggefahren. Konsterniert blicke ich auf die Anzeige und stelle betröpfelt fest, daß die nächste erst 13 Minuten später eintreffen wird. Üblich sind 4 Minuten, da gab es wohl irgendwo Probleme. Der nächste Schock ereilt mich, als ich im U-Bahnschacht ein Mädchen sehe, mit der ich vor 15 Jahren zusammen in Südfrankreich Jura studiert habe. Damals war sie süß und zierlich, heute ist sie fett und ihre Schönheit bereits mit 35 verblüht. Zum Glück habe ich nicht sie, sondern meine spätere Ehefrau angegraben. Die sieht nämlich immer noch top aus und ist schöner denn je. Hahaha, ich bin schon ein unverschämter Bastard! Sitze da mit meiner fetten Plautze hinter dem Computer und hacke gemeine Zeilen in die Tasten. Aber ein bißchen hämischen Spaß muss man mir schon lassen, schließlich bin ich mittendrin in der Midlife Crisis. Mein Spiegelbild kann ich nur noch schwerlich ertragen. Den dicken Mann mit dem schütteren Haar und den tiefen Augenringen von den nächtlichen Konzerten gucke ich mir lieber erst gar nicht mehr genauer an. Zu dumm nur, daß das Publikum bei den Tindersticks deutliche Ähnlichkeiten mit mir aufweist. Ebenfalls schon leicht ergraut, dünnes Haar, das sich immer weiter hinter die Stirn zurückzieht und mit kleinem Wohlstandsbäuchlein ausgestattet. Welche Schmährufe liest man da immer über Fußballer: "Die sind alle zu satt!" Würde auch zu dem Tindersticks Publikum (mich eingeschlossen, natürlich) passen, dieser Spruch. Die jungen hungrigen Leute, die Heißhunger auf wilden und ungestümen Rock'n Roll haben, sieht man hier jedenfalls nicht. Noch schlimmer: der Frauenanteil ist zu gering und diejenigen, die da sind, schauen auch nur mittelmäßig prickelnd aus. Irgendwie scheint es, als könne sich eine breite, gutsituierte und gebildete soziale Schicht über dreißig auf die Tindersticks einigen. Man sieht sowohl die typischen Linksintellektuellen, als auch die konservativen Aktenköfferchenträger mit ihren dooofen Blackberrys. Ein paar Herren im Publikum stehen im Anzug da, die sind direkt vom Büro gekommen und haben nur schnell ihren Schlips abgestreift. Andere wieder rechne ich den Kulturschaffenden zu, wie zum Beispiel den kleinen dicken Mann mit Bart und Brille, der für ein Print- Musikmagazin schreibt. Sie alle warten wie ich darauf, daß es endlich anfängt. Es ist gerade einmal 20 Uhr 30 und die Vorgruppe ist schon durch. Durch die Verspätung meiner U-Bahn habe ich die Unthanks aus England verpasst. Gerne hätte ich die Schwestern Rachel und Becky zusammen mit ihrer Band im Einsatz gesehen, so aber treffe ich sie lediglich hinterher am Merch, kaufe ihre letzte CD und knipse ein paar Erinnerungsfotos von den beiden Grazien. Ihr Folk sei sehr traditionell sagen mir Leute, die sie gesehen haben, aber das wußte ich schon vorher. Was ich allerdings nicht wußte: Sie fahren mit dem riesigen Amy MacDonald Reisebus durch die Gegend! Wow, schick!

Gegen 20 Uhr 50 geht bereits das Licht aus und der Hauptact beginnt. Im Bataclan ist es wie üblich schwülwarm und stickig und dies obwohl man sich draußen den Arsch abfriert (so viel zum Thema Wonnemonat Mai!). Zwei Frauen im Publikum schlägt die Gewächshausluft dermaßen aufs Gemüt, daß sie torkelnd an die Seite gebracht werden. Der muskelbepackte Gorila von der Security bringt Wasser und macht sich endlich mal nützlich, denn die andere Zeit steht er nur doof rum und glotzt auf das Display seines Handys. Wozu braucht man ihn auch schon hier? Als würde es Randale bei den Tindersticks geben! Bei dieser Schlafwagenmusik! Die ersten zwei Lieder sind gähnend langweilig und ich wäre jetzt am liebsten bei Slayer. Wenn sich noch jemand fragt, wie sich Altherrenmusik anhört, dann bekommt er hier die Antwort auf dem Tablett geliefert. Mir fallen fast die Augen zu, wegen der Schwüle und der lahmarschigen Musik da vorne. Ich hätte auf meine Frau hören sollen. Die hasst die Tindersticks, kann diese manikürte Baritonstimme von Stuart A. Staples auf den Tod nicht ausstehen. Immer wenn ich bei gemeinsamen Urlauben, CDs von den Tindersticks in den Player schieben wollte, hat sie die nach zwei Minuten rausgeschmissen und stattdessen zum x-ten Male die Kaiser Chiefs eingeschoben...

Ich bewege mich zur Seite und setze mich gegen eine Wand. Abdösen ist angesagt. Erst als der Song Peanuts erklingt, werde ich wieder wacher. Passt ja auch irgendwie zu den Kaiser Chiefs. Aber wir haben es hier nicht mit Spaßmusikern aus Leeds, sondern ernsthaften Künstlern aus Nottingham zu tun. Da wird nicht gelacht. Die Tindersticks waren schon immer düster, melancholisch und schwermütig, dafür werden sie von ihren ebenso depressiven Fans geliebt. Peanuts (ein guter Song, auch ohne Mary O'Hara, die auf Platte mitsingt!) stammt von dem neuen Album Falling Down A Mountain, das insgesamt wieder hervorragende Kritiken bekommen hat. Ich habe es nicht, tue mich stattdessen immer noch an dem absolut glänzenden Vorgänger The Hungry Saw gütlich. Davon kommt dann auch kurze Zeit später der übernächste Song des Sets. The Other Side Of The World ist zwar schnarchnasig wie der überwiegende Teil des Sets, dafür aber ungemein gediegen, harmonisch instrumentiert (dieses Cello, toll!) und lange im Abgang wie ein süffiger Rotwein. Der farbige Schlagzeuger rührt sein Instrument gewissermaßen, so als würde er Rühreier vorbereiten. Stuart croont dazu wie so ein Welmeister: "If I could touch you down and tell you all the things I never said of how you hide those tears away from me like I couldn't hear"...

Bei Lied Nummer 13 wird es ganz besinnlich. Ein Piano ertönt aus dem Hintergrund, bevor Stuart mit Klampfe unter dem Arm an sein Mikro schlafwandelt und die berührende Ballade Factory Girls vorträgt. Hier erinnert mich Staples an David Bowie, aber auch Leonhard Cohen. Bewegend der Text: "It's is the wine that makes me sad/Not the love I never had/Or the things I've never seen/Or the places I've never been." Für mich der emotionale Höhepunkt des Konzertes, das mir nun immer besser gefällt. Manchmal wird sogar fast ein wenig gerockt, aber diese Passagen bilden doch eher die Ausnahme. Mit Harmony Around My Table fällt auch der vorläufige Abgang recht verhalten aus, wenngleich das Lied mit dem Nananana-Singalong in der Mitte fast fröhlich und beschwingt klingt.

Das Publikum klatscht lange und ausgiebig und bekommt zur Belohnung Can We Start Again. Nun klatschen die Bandmitglieder ihrerseits in die Hände und performen den Klassiker vom 1999er Album Simple Pleasure. Das Publikum geht relativ gut mit, aber von Extase kann man nicht gerade reden. Gutsituierte Bildungsbürger feiern eben gediegen und nie zu wild. Nach No Man In The World scheint dann wirklich Schluß zu sein, aber das Hallenlicht bleibt dunkel. Stuart und seine Truppe kommen tatsächlich noch einmal wieder und spielend das schöne All The Love von meinem Lieblings Tindersticks Album The Hungry Saw.

Unter dem Strich bleibt ein Konzert mit guten Momenten, das mich aber nicht durchgängig gepackt hat, dafür gab es einfach zu viele Phasen gepflegter Langeweile. Vielleicht war ich selbst zu lahm drauf, oder es war einfach zu stickig im Bataclan. Ändert aber rein gar nix daran, daß die Tindersticks eine essentielle Band sind und Stuart Staples ein brillanter Sänger!

Setlist Tindersticks, Le Bataclan, Paris:

01: Falling Down A Mountain
02: Keep You Beautiful
03: Sometimes It Hurts
04: Marbles
05: Bath Time
06: Marseilles Sunshine
07: Hubbard Hills
08: Peanuts
09: She Rode Me Down
10: The Other Side Of The World
11: Tyed
12: Black Smoke
13: Factory Girls
14: A Night In
15: Harmony Around My Table

16: Can We Start Again
17: No Man In The World


18: All The Love

Aus unserem Archiv:

Tindersticks, Paris, 05.05.08



Montag, 5. Mai 2008

Tindersticks, Paris, 05.05.08

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Konzert: Tindersticks
Ort: Folies Bergères, Paris
Datum: 05.05.2008
Zuschauer: schätzungsweise 1300-1500 (warum findet man nirgendwo im Internet das Fassungsvermögens dieses Theaters?) und somit ausverkauft.
Konzertdauer: ca. 100 Minuten


"Was hören wir da gerade, Oliver?"

Immer wenn meine Frau mit diesem Unterton in der Stimme fragt, weiß ich schon, daß ihr nicht gefällt, was ich in den CD-Player geschoben habe. Trotzdem stelle ich mich ahnunglos: "Wieso, hast Du etwas gegen meine Musik-Auswahl einzuwenden?" - "Ja, das ich seicht und furchtbar schmalzig, lass uns die CD wechseln! Ich gebe mich geschlagen und wir hören zum x-ten Male "Employment" von den Kaiser Chiefs.

Diese Szenen spielten sich im Sommer 2005 ab, als ich mit meinem Schätzchen mit dem Mietwagen durch die unendlich weiten und schönen Landschaften der Vereinigten Staaten von Amerika fuhr. Im Auto liefen übrigens... die Tindersticks. Oder das Soloalbum von Sänger Stuart Staples ("Lucky Dog Recordings o3-04"), ich weiß es nicht mehr so genau...

Seitdem sind fast drei Jahre ins Land gegangen und bis vor kurzem habe ich tatsächlich kein einziges Mal mehr die Tindersticks aufgelegt. Meine Frau würde mir wahrscheinlich die Bratpfanne über den Kopf ziehen, wenn ich das mal wieder einlege.

Aber, wie der Zufall so spielt, zur Zeit habe ich sturmfreie Bude und diese Tatsache mußte ich natürlich ausnutzen. Am vergangenen Sonntag lief dann auch konsequenterweise "The Hungry Saw", das erste Album der Tindersticks seit 2003 auf unserer heimischen Anlage im Wohnzimmer und meine Katze schnurrte wohlig und zufrieden. Hach, ein schönes Stück Musik, wieder einmal! Natürlich etwas seicht, da hat meine Frau nicht ganz unrecht, aber gleichzeitig auch so niveauvoll und gediegen. Wahrscheinlich die richtige Musik für mein fortgeschrittenes Alter. Altherrenmusik sozusagen, da heulen keine Gitarren, alles ist auf Wohlklang getrimmt, die Nachbarn kann man mit so etwas nicht ärgern.

Heute also der Tag des Konzertes und gleich eine doppelte Premiere. Mein erstes Tindersticks-Konzert und gleichzeitig auch mein erster Besuch im weltberühmten Theater Folies Bergères (Bevor ich mich zu diesem legendären Konzertsaal in Einzelheiten verliere, empfehle ich interessierten Lesern und künftigen Paris-Touristen die offizielle Webseite dieses schönen Etablissements. Man kann sogar den Saal virtuell besuchen ("visite virtuelle"), muß allerdings ansonsten des Französischen mächtig sein, um den Text zu verstehen. Wer die Sprache Molières nicht beherrscht, kann aber auch in der informativen deutschen Wikipedia Seite schmökern und weiß dann bestens Bescheid).

Etwas aufgeregt angesichts jener Premiere fuhr ich mit der Metro Linie 8 zum Ort des Geschehens. Schon als ich aus der U-Bahn, Station Grands Boulevards, ausstieg, fiel mir ein Pärchen auf, daß nicht wie das übliche Indie-Publikum aussah, aber ebenfalls zu dem Theater wollte. Die beiden konservativen Geister (er mit Oberhemd und darüber gebundenem Pulli, wie ein Anwalt, der sich etwas locker macht) suchten krampfhaft auf dem Plan nach Austragunsort. Auch ich wußte nicht, wo es langging, ließ mir aber von dem netten Herren am nächsten Kiosk helfen. Erste links und dann die dritte rechts. War einfach und stimmte auch so. Von weitem fiel mir schon die schöne Art Deco Fassade auf und auch das Innere (aber das seht ihr ja dann in der erwähnten "visite virtuelle") war beeindruckend, vor allem diese Pferdchen im Foyer. Es klingelte bereits, die Vorstellung würde also unverzüglich beginnen. Die Vorgruppe (wenn es denn eine gab) hatte ich verpasst, aber das war mir schnuppe. Jetzt galt es nur noch mein Plätzchen auf dem Balkon zu finden, gar nicht so leicht für einen Novizen, aber dafür hatten sie hier zum Glück Anweiser, die Deppen wie mir ihren Sessel zuweisen, damit man nicht ewig rumeiert und die anderen stört.

Da saß ich nun also, recht bequem, aber mit eingeschränkter Sicht. Mein Fauteuil befand sich in einer Kurve, die Bühne war von hier oben gar nicht so weit entfernt, aber die Blondine rechts von mir reckte sich dauernd nach vorne, so daß ich wenig sah. Erkennen konnte ich allerdings, daß zunächst die ganzen Musiker, die für dieses Spektakel benötigt wurden, eintröpfelten. Zwei Streicherinnen, ein Trompeter, Cellos (Celli, ich weiß!), Piano, Glöckchen etc., hier wurde einiges aufgefahren, was Wohlklang erzeugt. Und dann kam auch endlich Stuart Staples, inzwischen glattrasiert (damals trug er auf Fotos immer Bart) und mit recht eleganter Anzugsweste. Hier war wirklich alles gediegen. Zunächst erklang ein vierminütiges Intro (das gleiche wie auf der neuen Platte) und dann machte sich der Chef am Tambourin zu schaffen und ließ zum ersten Male seine samtene Stimme erklingen. Was für ein Kehlchen, warm und sanft, ein Genuß! Dann griff er zur akustischen Gitarre und es ging weiter im Text, vorgestellt hatte er sich noch nicht und auch im Laufe des Konzertes erwies er sich zwischen den Liedern als Schweiger. Keine großen Gesten, keine Anekdoten, oder gar Anbiederungen, sondern in den meisten Fällen nur eine kurze Konzentration und das Anzählen des Taktes, "One, Two, Three, Four" und das Orchester gehorchte seinem Dirigenten. Bei Lied vier sang eine der beiden Geigerinnen gefühlvoll im Background mit, das war eine Wonne. Alles klang harmonisch, ausgefeilt und soundtechnisch gut ausgetüftelt. Es war weder zu leise, noch zu laut. Nur die Blondine neben mir nervte etwas. Konnte sie nicht einfach normal auf ihrem Sessel sitzen, sprich ihren Rücken gegen die Lehne drücken? Anscheinend ging das nicht. Ich überlegte, ob ich sie darauf ansprechen sollte, brauchte aber eine ganze Weile, um Mut zu fassen. Vielleicht würde sie gereizt reagieren und dann säße ich schmollend neben ihr und könnte nicht mehr weg... Stehplätze gab es hier ja keine, auch unten nicht, alle lümmelten auf ihren rotbezogenen Sofas. Irgendwann tippte ich dann aber die Frau neben mir an und sie verstand sofort und stellte ihre "Rückenlehne senkrecht". Jetzt erst merkte ich, daß die Schuld an der Misere von ihrem Vordermann, einem Typ,der mit seinem blütenweißen Hemd auf gebräunter Haut wie ein Surf-Lehrer aussah, ausging. Was für ein Schnösel! Aber egal, davon ließ ich mir nicht die Laune verderben. Irgendwie kam ich mit jedem Stück besser rein, fing an das Konzert zu genießen und abzuschalten. Stuart traf jeden Ton, sang genau wie auf CD (und hielt sich auch genau an die Titelreihenfolge des neuen Werkes!) und war auch in der Lage über sein Orchester hinwegzucroonen, wenn dieses Mal etwas lauter und stürmischer agierte. Erfreulicherweise war dies immer mal wieder der Fall, obwohl der Großteil der Songs natürlich ruhig und getragen war. Irgendwann kamen mir Assoziationen zur Band The National und ihrem Sänger..., auch diese Band gilt als düster und melancholisch, aber gleichzeitig sehr harmonisch und ausgewogen. Und hier wie dort gibt es immer wieder Trompeten, bei den Tindersticks, von denen neben Stuart nur noch zwei Mitglieder der ehemaligen Bandbesetzung dabei sind (die Gruppe hat sich somit halbiert), auch ab und zu eine Orgel (Beispiel "The Organist Entertains").

Und als zu süßlich empfand ich das Ganze nicht. Natürlich hätte ich mir manchmal etwas mehr Feuer gewünscht, ein häufigeres Ausbrechen aus der Schwermut, aber insgesamt fiel positiv auf, daß die Lieder keineswegs eintönig waren, trotz ihres meist getragenen Charakters. Die stürmischste und dramatischstePhase hatte das Set ab der Mitte des Liedes Nummer 10, "Sleepy Song", das alles andere als zum Einschlafen war. Es fing zunächst langsam an, steigerte sich dann aber bis zur Extase inklusive eines herrlichen Trompetensolos. Das gleich anschließende "Say Goodbye To The City" konnte dann nahtlos an die aufgebaute Dramatik anschließen. Mit dem vom Publikum früh erkannten "Travelling Light" endete dann aber der Exkurs zu alten Titel und man stieg wieder in "The Hungry Saw" ein und zwar genau dort wo man nach Lied Nummer sieben "The Organist Entertains" aufgehört hatte. Es folgte also der Titeltrack des neuen Albums und von da ab wurde "The Hungry Saw" bis zum Ende durchdekliniert, sprich es kamen "Mother Dear", "Boobar", "All The Love" und "The Turns We Took" genau in der Reihenfolge der Platte. Absoluter Renner war hierbei "Boobar" mit der herzerweichenden Textstelle "Come Back To Me", die Stuart mit seiner weichen Grabesstimme auf das Gefühlvollste sang. Gänsehaut pur und ein nicht enden wollender, absolut verdienter Applaus waren der Lohn!

Der erste Zugabenteil wurde schließlich mit dem gewisperten Stück "My Sister" eingeläutet, worauf eine mir unbekannte Ballade folgte, die beim Publikum ebenfalls sehr gut ankam. Danach wurde der Abgang geprobt, aber der Theaterapplaus war derart stürmisch, daß unmöglich Schluß sein konnte. Die vielköpfige Band kam noch einmal schwungvoll zurück und bot den Besuchern mexikanisch anmutende Klänge. Sie stammten von dem flotten, an Calexico erinnernden Song "Her", bevor die wundervolle Ballade "She's Gone" den gelungenen Abend beendete.

Und ich muß diese Woche unbedingt noch ein paar Mal die Tindersticks laufen lassen, bevor meine Frau wiederkommt und die CD aus der Anlage bugsiert!

Setlist Tindersticks, Folies Bergères, Paris:

01: Intro
02: Yesterday Tomorrows
03: The Flicker Of A Little Girl
04: Feel The Sun
05: E Type
06: The Other Side Of The World
07: The Organist Entertains
08: Dying Slowly
09: If You're Looking For A Way Out
10: Sleepy Song
11: Say Goodbye To The City
12: Travelling Light
13: The Hungry Saw
14: Mother Dear
15: Boobar
16: All The Love
17: The Turns We Took
18: ?

19: My Sister (Z)
20: ? (Z)

21: Her
22: She's Gone



 

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