Sonntag, 29. August 2010

Jónsi & Guests, 2. Festivaltag Rock en Seine, 28.08.2010


Konzert: Jónsi (und ein paar andere)

Ort: Domaine National de Saint Cloud bei Paris, Festival Rock en Seine
Datum: 28.08.2010

Zuschauer: unfassbar viele

Konzertdauer: etwa 50 Minuten



Der (heimliche) Headliner des 2. Festivaltags bei Rock en Seine war ohne Zweifel Jónsi, Sigur Ros-Frontmann auf Solopfaden. Er spielte zwar bereits um 19 Uhr 10 und durfte nur ungefähr 50 Minuten ran, dafür war aber sein Set einfach atemberaubend schön.

Angefangen hatte der heutige Samstag für mich sehr schwerfällig. Ich kam schlecht aus den Federn, hatte beschissen geschlafen und fühlte mich als hätte ich die Nacht unter einer Brücke verbracht. Erst um 17 Uhr 40 schaffte ich es auf das Festivalgelände. Im Gegensatz zu gestern spielte zwar der Wettergott mit,
dafür aber war es eklig voll auf den Wiesen der Domaine National de Saint Cloud vor den Toren von Paris. "Du brauchst dich nicht beunruhigen, es gibt nicht so viele Leute", hörte ich allen Ernstes ein deutsches Mädchen in ihr Handy sprechen. Wie bitte? Erstens heißt es "zu beunruhigen" verflucht noch einmal und zweitens war die Anlage schwarz vor Menschen! Es war zum Kotzen! Am liebsten wäre ich gleich wieder nach Hause gefahren. Mein Schädel brummte und es gab im Gegensatz zu den letzten Jahren keinerlei Rückzugsmöglichkeiten. Die Schlangen an den Verpflegungsständen und den Toiletten waren kilometerlang und man kam auch nicht nah an die Bühnen ran. Es sei denn man hatte sich lange vorher angestellt und auf ein Konzert auf einer der anderen Bühnen verzichtet. Das Set der jungen Nordiren Two Door Cinema Club bekam ich deshalb nur von Weitem mit. Aus musikalischer Sicht zu verschmerzen, denn die Songs der Senkrechtstarter sind zwar frisch, hochmelodiös und einprägsam, aber auch recht belanglos und seicht. Indiepop, der keinem weh tut, wie geschaffen für Leute, die zum Frühstück Milchkaffee (der Kenner trinkt natürlich Espresso, schwarz versteht sich!) und Nutellabrote konsumieren. Kein Wunder, daß ein Titel wie Something Good Can Work in Frankreich bereits für einen Werbespot verwendet wurde. Sommerlicher Pop zum Mitpfeifen oder unter der Dusche summen und darüber hinaus bestens geeignet, Fahrstühle zu beschallen bzw. die Wartezeit auf den Abflug des Flugzeugs mittels Kopfhörerberieselung zu verkürzen. Damals lief auf den Kanälen der Airlines immer Dido oder Keane, heutzutage sicherlich Two Door Cinema Club. Mein Hauptproblem: Die Musik der Nordiren ist unerträglich happy, so etwas deprimiert mich immer zutiefst! Irgendwann hatten Two Door Cinema Club aber all ihre Bubblegum-Nummern verschossen und ich trollte mich total genervt Richtung Hauptbühne. Auch dort wurde ich von fröhlichen Klängen geärgert. Diesmal war es Palo Nutini, der bei einem Reggaestück auf "weißer Bob Marley" machte. Ich hätte mir jetzt am liebsten mit einer Pistole in den Mund geschossen, aber ich hatte gerade keine Wumme zur Hand. Also blieb ich wie ein Maikäfer am Boden liegen und begaffte die vorbeilatschenden Weiber. Wieder einmal gab es ein paar zuckersüße Eisprinzessinen darunter. Wenigstens etwas. Meine Laune wurde einen kleinen Tick besser, aber wirklich nur einen kleinen. Ich trat mir nun selbst in den Hintern (moralisch nicht physisch, so beweglich bin ich steifer Sack nicht) und latschte Richtung Scène de la Cascade, wo Jónsi angesetzt war. Es waren noch zwanzig Minuten bis zum Konzertbeginn und eigentlich musste ich dringend pissen. Beim Anblick der Schlange vor den Toiletten entschied ich mich aber einzuhalten. Auch dem (schlechten) Vorbild einiger männlicher Mitbürger, die einfach gegen Absperrungen pinkelten, folgte ich nicht, denn meine Frau mag so etwas gar nicht. Sie war zwar nicht da, hat mich aber dermaßen streng erzogen, daß ich auch nicht in ihrer Abwesenheit wild rumpisse. Man weiß ja nie, vielleicht hat sie ja eine App' auf ihrem i-phone, wo sie mich rund um die Uhr beobachten kann...

Nun stand ich da also blöd rum und glotze mit voller Blase auf die noch leere Bühne. Ich hatte die Arschlochkarte gezogen, denn in meiner Nachbarschaft standen die dümmsten Mistkäfer rum, die man sich vorstellen kann. Infantile Jugendliche, die allesamt selbstgedrehte Joints und Zigareten rauchten und mir den Qualm in die Nase bliesen. In einer reaktionären Fantasie stellte ich mir vor, wie Hardliner Sarkozy heraneilt, die blöden Kiffer von der Polizei abführen lässt und dem zuständigen Staatsanwalt befiehlt, die Rotznasen für 15 Jahre einzubuchten. Überflüssig zu sagen, daß meine Laune nach wie vor scheiße war. Dann plötzlich kam ein Ansager auf die Bühne und erklärte in holprigem französisch, daß es Tonprobleme gäbe und man kein elektrisches Konzert duchführen könne. Das Set würde akustisch werden, klärte er die verdutzten Zuschauer auf.

10 Minuten später erschien Jónsi ganz allein mit Akustikgitarre. Ich war gespannt, was mich erwarten würde. Langeweile pur oder tränentriefenden Momente? Zunächst überwog die Langeweile, aber mit jeder Minute wurde ich gelassener und ruhiger. Die bekloppten Jugendlichen, denen ständig die selbstgedrehten Zigaretten ausgingen und die deswegen auf nervtötende Weise ein Mächen neben mir permanent um Feuer anbettelten, versuchte ich so gut wie möglich zu ignorieren. Und dies gelang mir irgendwann! Jónsi hatte mich inzwischen mehr und mehr in seinen Bann gezogen und imponierte mir mit seiner unnachahmlichen Falsettstimme. Dabei war ich im Vorfeld trotz der euphorischen Berichte meines Kollegen Chistoph von Jonsis Auftritt beim Lattitude Festival skeptich gewesen. Schwülstiger Barockpop, vorgetragen mit viel Pathos, ist das wirklich etwas für mich? Im Falle des Sigur Ros Sängers: Ja! Der seltsam gekleidete Kerl (was war denn das für ein Fummel?) sang einfach so wunderschön, daß ich gar nicht anders konnte, als hinwegzuschmelzen. Zum Steine erweichen! Von den Worten seiner guttoralen Landessprache verstand ich kein Wort, aber das war egal, wichtiger war die Hingabe, die unwiderstehliche Melancholie seiner Stimme. Ab dem zweiten Lied hatte Jónsi Begleitung von etlichen Musikern bekommen, getreu der Regel: Sänger einer Band brauchen solo noch mehr Musiker als vorher, siehe Morrissey oder Peter Doherty, der im Bataclan neben den (fast) kompletten Babyshambles noch Streicher, Graham Coxon und Stephen Street aufgeboten hatte. Bei Jonsi waren es insgesamt 4 Mitstreiter. Am lustigsten anzusehen war der kahlköpfige Drummer, dessen lichtes Haupt von einer schwarzen Krone umrandet wurde. Aber auch der gutaussehende Bassist war ein Hingucker, denn er freute sich wie ein kleines Kind und lachte auf fast diebische Weise, als das Publikum von Lied zu Lied besser mitging und den Rhythmus mitklatschte. Für mich hätte es diese Klatscherei wie in der Hitparade mit Dieter Thomas Heck nicht gebraucht, aber der Band selbst gefiel dies offensichtlich gut, also war es in Ordnung. Der Chef Jónsi war ohnehin ganz auf seinen betörenden Votrag konzentriert und agierte unscheinbar und ohne großen Gesten. Seine ganze Art war bescheiden und überaus sympathisch, angesichts der Bekanntheit seiner Hauptband Sigur Ros eine ungemein schöne Erkenntnis. Auch als das Publikum nach dem Verklingen des letzten Liedes frenetisch jubelte, blieb er ganz ruhig und kostete den Triumph nicht aus. Fast schüchtern schlich er von der Bühne, dabei hatte er gerade große Kunst abgeliefert. Innerhalb einer knappen Stunde bin ich vom Skeptiker zum Fan geworden. Ich hatte befürchtet, Jónsi verfolge mit seinem mir vorher unbekannten Soloalbum den Weg zum international gefeierten, massenkompatiblen Popstar konsequent weiter, ohne künstlerisch voranzuschreiten. Bizarrer Pop für Millionen. Oder so. Übersehen hatte ich dabei aber, daß der Bursche einfach ein außergewöhnliches Talent ist. Daß man ihn mit unzähligen Fans teilen muss, ist deshalb zu verschmerzen.

Ein zauberhatfes Konzert, Ganz groß, Jonsi!

Die Setlist von Jónsi dürfte in etwa so ausgesehen haben.

Aus unserem Archiv:

Jónsi, Wien, 24.07.2010
Jónsi, Latitude Festival, 18.07.2010 (Christoph an die Arbeit, hop hop!)



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